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Radetzkymarsch

Joseph Roth: Radetzkymarsch - Kapitel 7
Quellenangabe
pfad/roth/radetzky/radetzky.xml
typefiction
authorJoseph Roth
titleRadetzkymarsch
publisherKiepenheuer & Witsch
isbn3462023799
year1994
firstpub
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
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VII

Der Winter kam. Am Morgen, wenn das Regiment ausrückte, war die Welt noch finster. Unter den Hufen der Rösser zersplitterte die zarte Eishülle auf den Straßen. Grauer Hauch strömte aus den Nüstern der Tiere und aus den Mündern der Reiter. Über den Scheiden der schweren Säbel und über den Läufen der leichten Karabiner perlte der matte Hauch des Frostes. Die kleine Stadt wurde noch kleiner. Die gedämpften, gefrorenen Rufe der Trompeten lockten keinen der gewohnten Zuschauer mehr an den Straßenrand. Nur die Kutscher am alten Standplatz hoben jeden Morgen die bärtigen Köpfe. Sie fuhren Schlitten, wenn reichlich Schnee gefallen war. Die Glöckchen am Gehänge ihrer Gäule klingelten leise, unaufhörlich bewegt von der Unruhe der frierenden Tiere. Alle Tage glichen einander wie Schneeflocken. Die Offiziere des Ulanenregiments warteten auf irgendein außerordentliches Ereignis, das die Eintönigkeit ihrer Tage unterbrechen sollte. Niemand wußte zwar, welcher Art das Ereignis sein würde. Dieser Winter aber schien irgendeine furchtbare Überraschung in seinem klirrenden Schoße zu bergen. Und eines Tages brach sie aus ihm hervor wie ein roter Blitz aus weißem Schnee ...

An diesem Tage saß der Rittmeister Taittinger nicht einsam wie sonst hinter der großen Spiegelscheibe an der Tür der Konditorei. Seit dem frühen Nachmittag hielt er sich, umgeben von den jüngeren Kameraden, im Hinterstübchen auf. Blasser und hagerer als gewöhnlich erschien er den Offizieren. Sie waren übrigens alle bleich. Sie tranken viele Liköre, und ihre Gesichter röteten sich nicht. Sie aßen nicht. Nur vor dem Rittmeister erhob sich heute, wie immer, ein Berg von Süßigkeiten. Ja, er naschte vielleicht sogar heute mehr als an andern Tagen. Denn der Kummer nagte an seinem Innern und höhlte es aus, und er mußte sich am Leben erhalten. Und während er so ein Backwerk nach dem andern mit seinen hageren Fingern in den weit geöffneten Mund schob, wiederholte er seine Geschichte, zum fünftenmal schon, vor seinen ewig begierigen Zuhörern:

»Also, Hauptsache, meine Herren, ist strengste Diskretion gegenüber der Zivilbevölkerung! Wie ich noch bei den Neuner-Dragonern war, da hat's dort so einen Schwätzer gegeben, Reserve natürlich, schweres Vermögen, nebenbei bemerkt, und grad, wie er einrückt, muß die Geschichte passieren! Natürlich, wie wir dann den armen Baron Seidl begraben haben, hat die ganze Stadt schon gewußt, warum der so plötzlich gestorben ist. Ich hoffe, meine Herren, daß wir diesmal ein diskreteres –«, er wollte »Begräbnis« sagen, hielt ein, überlegte lange, fand kein Wort, sah zum Plafond, und um seinen Kopf wie um die Köpfe der Zuhörer rauschte eine furchtbare Stille. Endlich schloß der Rittmeister: »– einen diskreteren Vorgang haben werden.« Er atmete einen Augenblick auf, verschluckte ein kleines Backwerk und trank sein Wasser in einem Zug leer.

Alle fühlten, daß er den Tod angerufen hatte. Der Tod schwebte über ihnen, und er war ihnen keineswegs vertraut. Im Frieden waren sie geboren und in friedlichen Manövern und Exerzierübungen Offiziere geworden. Damals wußten sie noch nicht, daß jeder von ihnen, ohne Ausnahme, ein paar Jahre später mit dem Tod zusammentreffen sollte. Damals war keiner unter ihnen scharfhörig genug, das große Räderwerk der verborgenen, großen Mühlen zu vernehmen, die schon den großen Krieg zu mahlen begannen. Winterlicher weißer Friede herrschte in der kleinen Garnison. Und schwarz und rot flatterte über ihnen der Tod im Dämmer des Hinterstübchens. »Ich kann's nicht begreifen!« sagte einer von den Jungen. Alle hatten schon ähnliches gesagt. »Aber ich erzähl's doch schon zum x-ten Mal!« erwiderte Taittinger. »Die Wandertruppe, damit hat's angefangen! Mich hat der Teufel geritten, grad zu der Operette hinzugehen, zu dem, wie heißt's denn, jetzt hab' ich den Namen auch schon vergessen, also, wie heißt's denn?« – »Der Rastelbinder!« sagte einer. »Richtig! also mit dem ›Rastelbinder‹ hat's angefangen! Wie ich grad aus dem Theater komm', steht der Trotta gottverlassen einsam im Schnee auf dem Platz, ich bin nämlich vor Schluß fortgegangen, das mach' ich immer so, meine Herren! Ich kann's nie bis zum End' aushalten, 's geht gut aus, das kann man gleich erkennen, wann der dritte Akt anfangt, und dann weiß ich eh alles, und dann geh' ich eben, so leis wie möglich, aus dem Saal. Außerdem hab' ich das Stück schon dreimal gesehn! – na! – Da steht also der arme Trotta mutterseelenallein im Schnee. Ich sag': ›Ganz nett ist das Stück gewesen.‹ Und erzähl' noch das merkwürdige Benehmen von Demant! Der hat mich kaum angeschaut, läßt seine Frau im zweiten Akt allein und geht einfach weg und kommt nicht wieder! Er hätt' mir ja auch die Frau anvertrauen können, aber so einfach fortgehn, das ist beinah ein Skandal, und all das sag' ich dem Trotta. ›Ja‹, sagt der, ›mit dem Demant hab' ich schon lang nicht mehr gesprochen ...‹«

»Den Trotta und den Demant hat man wochenlang zusammen gesehn!« rief jemand.

»Weiß ich natürlich, und deshalb hab' ich auch dem Trotta von dem kuriosen Benehmen Demants erzählt. Aber ich misch' mich ja auch nicht weiter in fremde Angelegenheiten, und deshalb frag' ich den Trotta, ob er noch auf einen Sprung mit mir in die Konditorei kommt. ›Nein‹, sagt er, ›hab' noch ein Rendezvous.‹ Also, ich geh'. Und grad an dem Abend ist die Konditorei früher geschlossen. Schicksal, meine Herren! Ich – ins Kasino natürlich. Erzähl' ahnungslos dem Tattenbach, und wer sonst noch dabei war, die Geschichte von Demant und daß der Trotta mitten am Theaterplatz ein Rendezvous hat. Ich hör' noch, wie der Tattenbach pfeift. ›Was pfeifst denn da?‹ frag' ich. ›Hat nichts zu bedeuten‹, sagt er. ›Paßt auf, ich sag' nix als: Paßt auf! Der Trotta und die Eva, der Trotta und die Eva‹, singt er zweimal, wie ein Chanson aus dem Tingeltangel, und ich weiß nicht, wer die Eva ist, ich mein' halt, es ist die aus dem Paradies, also symbolisch und generaliter, meine Herren! Verstanden?«

Alle hatten verstanden und bestätigten es durch Zurufe und Kopfnicken. Sie hatten nicht nur die Erzählung des Rittmeisters verstanden, sie kannten sie schon ganz genau, vom Anfang bis zum Ende. Und dennoch ließen sie sich die Begebenheiten immer wieder erzählen, denn sie hofften im törichtesten und geheimsten Abteil ihrer Herzen, daß die Erzählung des Rittmeisters sich einmal verändern und eine spärliche Aussicht auf einen günstigeren Ausgang offenlassen könnte. Sie fragten Taittinger immer wieder. Aber seine Erzählung hatte stets den gleichen Klang. Nicht die geringste der traurigen Einzelheiten veränderte sich.

»Und nun?« fragte einer.

»Das andere wißt ihr ja auch schon!« erwiderte der Rittmeister. »In dem Augenblick, in dem wir das Kasino verlassen, der Tattenbach, der Kindermann und ich, läuft uns der Trotta mit der Frau Demant geradezu in die Arme. ›Paßt auf!‹ sagt der Tattenbach. ›Hat der Trotta nicht gesagt, daß er ein Rendezvous hat?‹ ›Es kann ja auch Zufall sein‹, sag' ich zu Tattenbach. Und es war ja auch ein Zufall, wie ich jetzt weiß. Die Frau Demant ist allein aus dem Theater gekommen. Der Trotta hat sich verpflichtet gefühlt, sie nach Haus zu führen. Auf sein Rendezvous hat er verzichten müssen. Gar nix wär' passiert, wenn mir der Demant in der Pause die Frau übergeben hätt'! Gar nix!«

»Gar nix!« bestätigten alle.

»Am nächsten Abend ist der Tattenbach im Kasino besoffen, wie gewöhnlich. Und gleich, wie der Demant eintritt, erhebt er sich und sagt: ›Servus, Doktorleben!‹ So begann's!«

»Schäbig!« bemerkten zwei gleichzeitig. »Gewiß, schäbig, aber besoffen! Was soll man da? Ich sage korrekt: ›Servus, Herr Regimentsarzt!‹ Und der Demant mit einer Stimme, die ich ihm nicht zugetraut hätt', zum Tattenbach:

›Herr Rittmeister, Sie wissen, daß ich Regimentsarzt bin!‹

›Ich tät' lieber zu Haus sitzen und aufpassen!‹ sagt der Tattenbach und hält sich am Sessel fest. Es war übrigens sein Namenstag. Hab' ich euch's schon gesagt?«

»Nein!« riefen alle.

»Also, nun wißt ihr's: Sein Namenstag war's grad!« wiederholte Taittinger.

Diese Neuigkeit schlürften alle mit gierigen Sinnen. Es war, als könnte sich aus der Tatsache, daß Tattenbach Namenstag gehabt hatte, eine ganz neue, günstige Lösung der traurigen Affäre ergeben. Jeder überlegte für sich, welcher Nutzen aus dem Namenstag Tattenbachs zu ziehen wäre. Und der kleine Sternberg, durch dessen Gehirn die Gedanken einzeln dahinzuschießen pflegten wie einsame Vögel durch leere Wolken, ohne Geschwister und ohne Spur, äußerte sofort, vorzeitigen Jubel in der Stimme: »Aber, dann ist ja alles gut! Situation total verändert! Namenstag hat er halt gehabt!«

Sie sahen zum kleinen Grafen Sternberg hin, verblüfft und trostlos und dennoch bereit, nach dem Unsinn zu greifen. Es war äußerst töricht, was der Sternberg da von sich gab, aber wenn man genau überlegte, konnte man sich nicht daran halten, war da nicht eine Hoffnung, winkte da kein Trost? Das hohle Gelächter, das Taittinger gleich darauf ausstieß, überschüttete sie mit neuem Schrecken. Die Lippen halb geöffnet, hilflose Laute auf den stummen Zungen, die Augen aufgerissen und ohne Blick, blieben sie still, Verstummte und Geblendete, die einen Augenblick lang geglaubt hatten, einen trostreichen Klang zu vernehmen, einen tröstlichen Schimmer zu erblicken. Taub und finster war es rings um sie. In der ganzen großen, stummen, tief verschneiten winterlichen Welt gab es nichts anderes mehr als die fünfmal schon wiederholte, ewig unveränderliche Erzählung Taittingers. Er fuhr fort: »Also, ›ich tät lieber zu Haus sitzen und aufpassen‹, sagt der Tattenbach. Und der Doktor, wißt ihr, wie bei der Marodenvisit' und als ob der Tattenbach krank wär', streckt den Kopf gegen den Tattenbach vor und sagt: ›Herr Rittmeister, Sie sind besoffen!‹ –

›Ich tät lieber auf meine Frau aufpassen‹, lallt der Tattenbach weiter. ›Unsereins läßt seine Frau nicht um Mitternacht mit Leutnants spazieren!‹ – ›Sie sind besoffen und ein Schuft!‹ sagt der Demant. Und wie ich aufstehn will und eh' ich mich noch rühren kann, fängt der Tattenbach an, wie verrückt zu rufen: ›Jud, Jud, Jud!‹ Achtmal sagt er's hintereinander, ich hab' noch die Geistesgegenwart gehabt, genau zu zählen.«

»Bravo!« sagte der kleine Sternberg, und Taittinger nickte ihm zu.

»Ich hab' aber auch«, fuhr der Rittmeister fort, »die Geistesgegenwart, zu kommandieren: ›Ordonnanzen abtreten!‹ Denn was sollten die Burschen dabei?«

»Bravo!« rief der kleine Sternberg noch einmal. Und alle nickten Beifall.

Sie wurden wieder still. Man hörte aus der nahen Küche der Konditorei hartes Klappern des Geschirrs und von der Straße her das helle Geklingel eines Schlittens. Taittinger schob noch ein Backwerk in den Mund.

»Jetz' haben wir die Bescherung!« rief der kleine Sternberg.

Taittinger verschluckte den letzten Rest seiner Süßigkeit und sagte nur: »Morgen, sieben Uhr zwanzig!«

Morgen, sieben Uhr zwanzig! Sie kannten die Bedingungen: gleichzeitiger Kugelwechsel, zehn Schritt Entfernung. Säbel hätte man beim Doktor Demant unmöglich durchsetzen können. Er konnte nicht fechten. Morgen, sieben Uhr früh, rückt das Regiment zur Exerzierübung auf die Wasserwiese aus. Von der Wasserwiese bis zu dem sogenannten »Grünen Platz« hinter dem alten Schloß, wo das Duell stattfinden wird, sind kaum zweihundert Schritte. Jeder von den Offizieren weiß daß er morgen, während der Gelenksübungen noch, zwei Schüsse vernehmen wird. Jeder hörte sie schon jetzt, die zwei Schüsse. Mit schwarzen und roten Fittichen rauschte der Tod über ihren Köpfen.

»Zahlen!« rief Taittinger. Und sie verließen die Konditorei.

Es schneite neuerlich. Ein stummes, dunkelblaues Rudel, gingen sie durch den stummen, weißen Schnee, verloren sich zu zweit und einzeln. Jeder von ihnen hatte Angst, allein zu bleiben; aber es war ihnen auch nicht möglich zusammenzusein. Sie trachteten, sich in den Gäßchen der winzigen Stadt zu verlieren, und mußten einander wieder nach ein paar Augenblicken begegnen. Die gekrümmten Gassen trieben sie zusammen. Sie waren gefangen in der kleinen Stadt und in der großen Ratlosigkeit. Und immer, wenn einer dem andern entgegenkam, erschraken beide, jeder vor der Angst des andern. Sie warteten auf die Stunde des Abendessens, und sie fürchteten gleichzeitig den nahenden Abend im Kasino, wo sie heute, heute schon, nicht alle anwesend sein würden.

In der Tat, sie waren nicht alle vorhanden! Tattenbach fehlte, der Major Prohaska, der Doktor, der Oberleutnant Zander und der Leutnant Christ und überhaupt die Sekundanten. Taittinger aß nicht. Er saß vor einem Schachbrett und spielte mit sich selbst. Niemand sprach. Die Ordonnanzen standen still und steinern an den Türen, man hörte das langsame, harte Ticken der großen Standuhr, links von ihr sah der Allerhöchste Kriegsherr aus kalten, porzellanblauen Augen auf seine schweigsamen Offiziere. Es wagte weder jemand, allein fortzugehn, noch den Nächsten mitzunehmen. Und also blieben sie, jeder an seinem Platz. Wo zwei oder drei zusammensaßen, tropften die Worte einzeln und schwer von den Lippen, und zwischen Wort und Antwort lastete eine große Stille aus Blei. Jeder fühlte die Stille auf seinem Rücken.

Sie gedachten derer, die nicht da waren, als wären die Abwesenden schon Tote. Alle erinnerten sich an den Eintritt Doktor Demants, vor einigen Wochen, nach seinem langen Krankheitsurlaub. Sie sahen seinen zögernden Schritt und seine funkelnden Brillen. Sie sahen den Grafen Tattenbach, den kurzen, rundlichen Leib auf gekrümmten Reiterbeinen, den ewig roten Schädel mit den gestutzten, wasserblonden, in der Mitte gescheitelten Haaren und den hellen, kleinen, rotgeränderten Äugelein. Sie hörten die leise Stimme des Doktors und die polternde des Rittmeisters. Und obwohl in ihren Herzen und Sinnen, seitdem sie denken und fühlen konnten, die Worte Ehre und Sterben, Schießen und Schlagen, Tod und Grab heimisch waren, schien es ihnen heute unfaßbar, daß sie vielleicht für ewig geschieden waren von der polternden Stimme des Rittmeisters und von der sanften des Doktors. Sooft die wehmütigen Glocken der großen Wanduhr erklangen, glaubten die Männer, daß ihre eigene letzte Stunde geschlagen habe. Sie wollten ihren Ohren nicht trauen und blickten nach der Wand. Kein Zweifel: Die Zeit hielt nicht. Sieben Uhr zwanzig, sieben Uhr zwanzig, sieben Uhr zwanzig hämmerte es in allen Hirnen.

Sie erhoben sich, einer nach dem andern, zögernd und schamhaft; während sie einander verließen, war es ihnen, als verrieten sie einander. Sie gingen beinahe lautlos. Ihre Sporen klirrten nicht, ihre Säbel schepperten nicht, ihre Sohlen traten taub einen tauben Boden. Vor Mitternacht noch war das Kasino leer. Und eine Viertelstunde vor Mitternacht erreichten der Oberleutnant Schlegel und der Leutnant Kindermann die Kaserne, in der sie wohnten. Aus dem ersten Stock, wo die Offiziersstuben lagen, warf ein einziges belichtetes Fenster ein gelbes Rechteck in die quadratische Finsternis des Hofes. Beide blickten gleichzeitig hinauf. »Das ist der Trotta!« sagte Kindermann.

»Das ist der Trotta!« wiederholte Schlegel.

»Wir sollten noch einen Blick hineintun!«

»Es wird ihm nicht passen!«

Sie gingen klirrend durch den Korridor, hemmten den Schritt vor der Tür des Leutnants Trotta und lauschten. Nichts rührte sich. Oberleutnant Schlegel griff nach der Klinke, drückte sie aber nicht nieder. Er zog wieder die Hand zurück, und beide entfernten sich. Sie nickten einander zu und gingen in ihre Zimmer.

Der Leutnant Trotta hatte sie in der Tat nicht gehört. Seit nunmehr vier Stunden bemühte er sich, seinem Vater einen ausführlichen Brief zu schreiben. Er kam über die ersten Zeilen nicht hinaus. »Lieber Vater!« So begann er, »ich bin ahnungslos und unschuldig der Anlaß einer tragischen Ehrenaffäre geworden.« Seine Hand war schwer. Ein totes, nutzloses Werkzeug, schwebte sie mit der zitternden Feder über dem Papier. Dieser Brief war der erste schwere seines Lebens. Es erschien dem Leutnant unmöglich, den Ausgang der Angelegenheit abzuwarten und erst dann dem Bezirkshauptmann zu schreiben. Seit dem unseligen Streit zwischen Tattenbach und Demant hatte er den Bericht von Tag zu Tag hinausgeschoben. Es war unmöglich, ihn nicht heute noch abzuschicken. Heute noch, vor dem Duell. Was hätte der Held von Solferino in dieser Lage getan? Carl Joseph fühlte den gebieterischen Blick des Großvaters im Nacken. Der Held von Solferino diktierte dem zaghaften Enkel bündige Entschlossenheit. Man mußte schreiben, sofort, auf der Stelle. Ja, man hätte vielleicht sogar zum Vater fahren müssen. Zwischen dem toten Helden von Solferino und dem unentschiedenen Enkel stand der Vater, der Bezirkshauptmann, Hüter der Ehre, Wahrer des Erbteils. Lebendig und rot in den Adern des Bezirkshauptmanns rollte noch das Blut des Helden von Solferino. Es war, wenn man dem Vater nicht rechtzeitig berichtete, als versuchte man, auch dem Großvater etwas zu verheimlichen.

Aber um diesen Brief zu schreiben, hätte man so stark sein müssen wie der Großvater, so einfach, so entschieden, so nahe den Bauern von Sipolje. Man war nur der Enkel! Dieser Brief unterbrach in einer schrecklichen Weise die gemächliche Reihe der gewohnten wöchentlichen, gleichklingenden Berichte, die in der Familie der Trottas die Söhne den Vätern immer geschrieben hatten. Ein blutiger Brief; man mußte ihn schreiben.

Der Leutnant fuhr fort: »Ich hatte, allerdings gegen Mitternacht, einen harmlosen Spaziergang mit der Frau unseres Regimentsarztes gemacht. Die Situation ließ mir keine andere Möglichkeit. Kameraden sahen uns. Der Rittmeister Tattenbach, der leider häufig betrunken ist, machte dem Doktor gegenüber eine schäbige Anspielung. Morgen, sieben Uhr zwanzig früh, schießen sich die beiden. Ich werde wahrscheinlich gezwungen sein, den Tattenbach zu fordern, wenn er am Leben bleibt, wie ich hoffe. Die Bedingungen sind schwer.

Dein treuer Sohn
Carl Joseph Trotta, Leutnant

Nachschrift: Vielleicht werde ich auch das Regiment verlassen müssen.«

 

Nun schien es dem Leutnant, das Schwerste sei überstanden. Als er aber seinen Blick über den beschatteten Suffit wandern ließ, sah er auf einmal wieder das mahnende Angesicht seines Großvaters. Neben dem Helden von Solferino glaubte er auch das weißbärtige Angesicht des jüdischen Schankwirts zu sehen, dessen Enkel der Regimentsarzt Doktor Demant war. Und er fühlte, daß die Toten die Lebenden riefen, und ihm war, als würde er selbst morgen schon, sieben Uhr zwanzig, zum Duell antreten. Zum Duell antreten und fallen. Fallen! Fallen und sterben!

An jenen längst entschwundenen Sonntagen, an denen Carl Joseph auf dem väterlichen Balkon gestanden war und die Militärkapelle Herrn Nechwals den Radetzkymarsch intoniert hatte, wäre es eine Kleinigkeit gewesen, zu fallen und zu sterben! Dem Zögling der kaiser- und königlichen Kavalleriekadettenanstalt war der Tod vertraut gewesen, aber es war ein sehr ferner Tod gewesen! Morgen früh, sieben Uhr zwanzig, wartete der Tod auf den Freund, den Doktor Demant. Übermorgen, oder in einigen Tagen, auf den Leutnant Carl Joseph von Trotta. O, Graus und Finsternis! Anlaß seiner schwarzen Ankunft zu sein und endlich sein Opfer zu werden! Und sollte man selbst nicht sein Opfer werden, wie viele Leichen lagen noch unterwegs? Wie Meilensteine auf den Wegen anderer lagen die Grabsteine auf dem Wege Trottas! Es war gewiß, daß er den Freund nie mehr wiedersehn würde, wie er Katharina nicht mehr gesehn hatte. Niemals! Vor den Augen Carl Josephs dehnte sich dieses Wort ohne Ufer und Grenze, ein totes Meer der tauben Ewigkeit. Der kleine Leutnant ballte die weiße, schwache Faust gegen das große, schwarze Gesetz, das die Leichensteine heranrollte, der Unerbittlichkeit des Niemals keinen Damm setzte und die ewige Finsternis nicht erhellen wollte. Er ballte seine Faust, trat zum Fenster, um sie gegen den Himmel zu erheben. Aber er erhob nur seine Augen. Er sah das kalte Flimmern der winterlichen Sterne. Er erinnerte sich an die Nacht, in der er zum letztenmal mit Doktor Demant zusammen gegangen war, von der Kaserne zur Stadt. Zum letztenmal, er hatte es damals gewußt.

Plötzlich überfiel ihn ein Heimweh nach dem Freund; und auch die Hoffnung, daß es noch möglich sei, den Doktor zu retten! Es war ein Uhr zwanzig. Sechs Stunden hatte Doktor Demant bestimmt noch zu leben, sechs große Stunden. Diese Zeit erschien dem Leutnant jetzt beinahe so mächtig wie vorher die uferlose Ewigkeit. Er stürzte zum Kleiderhaken, schnürte den Säbel um und fuhr in den Mantel, eilte den Korridor entlang und schwebte fast die Treppe hinunter, jagte über das nächtliche Viereck des Hofes zum Tor hinaus, am Posten vorbei, lief durch die stille Landstraße, erreichte in zehn Minuten das Städtchen und eine Weile später den einzigen Schlitten, der einsamen Nachtdienst hatte, und glitt unter tröstlichem Geklingel gegen den Südrand der Stadt, der Villa des Doktors zu. Hinter dem Gitter schlief das Häuschen mit blinden Fenstern. Trotta drückte die Klingel. Alles blieb still. Er schrie den Namen Doktor Demants. Nichts rührte sich. Er wartete. Er ließ den Kutscher mit der Peitsche knallen. Niemand gab Antwort.

Wenn er den Grafen Tattenbach gesucht hätte, es wäre leicht gewesen, ihn zu finden. Eine Nacht vor seinem Duell saß er wahrscheinlich bei Resi und trank auf seine eigene Gesundheit. Unmöglich aber zu erraten, wo Demant sich aufhielt. Vielleicht ging der Regimentsarzt durch die Gassen der Stadt. Vielleicht spazierte er zwischen den vertrauten Gräbern und suchte sich schon sein eigenes. »Zum Friedhof!« befahl der Leutnant dem erschrockenen Kutscher. Nicht weit von hier lagen die Friedhöfe beieinander. Der Schlitten hielt vor der alten Mauer und dem verschlossenen Gitter. Trotta stieg ab. Er trat an das Gitter. Dem irrsinnigen Einfall folgend, der ihn hierhergetrieben hatte, hielt er die gehöhlten Hände vor den Mund und rief gegen die Gräber hin mit einer fremden Stimme, die wie ein Heulen aus seinem Herzen kam, den Namen Doktor Demants; und glaubte selbst, während er schrie, daß er schon den Toten riefe und nicht mehr den Lebendigen; und erschrak und fing an zu zittern wie einer der nackten Sträucher zwischen den Gräbern, über die jetzt der winterliche Nachtsturm pfiff; und der Säbel schepperte an der Hüfte des Leutnants.

Den Kutscher auf dem Bock des Schlittens grauste es vor seinem Fahrgast. Er dachte, einfältig, wie er war, der Offizier sei ein Gespenst oder ein Wahnsinniger. Er fürchtete aber auch, das Pferd anzutreiben und davonzufahren. Seine Zähne klapperten, sein Herz raste mächtig gegen den dicken Katzenpelz. »Steigen Sie doch ein, Herr Offizier!« bat er.

Der Leutnant folgte. »Zur Stadt zurück!« sagte er. In der Stadt stieg er ab und trabte gewissenhaft durch die gewundenen Gäßchen und über die winzigen Plätze. Die blechernen Melodien eines Musikautomaten, der irgendwoher durch die nächtliche Stille zu schmettern begann, gaben ihm ein vorläufiges Ziel; er eilte dem metallenen Gerassel entgegen. Es drang durch die matt belichtete Glastür einer Kneipe in der Nähe des Unternehmens der Frau Resi, einer Kneipe, die häufig von den Mannschaften aufgesucht wurde und von Offizieren nicht betreten werden durfte. Der Leutnant trat an das hellerleuchtete Fenster und schaute über den rötlichen Vorhang ins Innere der Schenke. Er sah die Theke und den hageren Wirt in Hemdsärmeln. An einem Tisch spielten drei Männer, ebenfalls in Hemdsärmeln, Karten, an einem andern saß ein Korporal, ein Mädchen neben sich, Biergläser standen vor den beiden. In der Ecke saß ein Mann allein, einen Bleistift hielt er in der Hand, über ein Blatt Papier beugte er sich, schrieb etwas, unterbrach sich, nippte an einem Schnaps und sah in die Luft. Auf einmal richtete er seine Brillengläser gegen das Fenster. Carl Joseph erkannte ihn: Es war Doktor Demant in Zivil.

Carl Joseph klopfte an die Glastür, der Wirt kam; der Leutnant bat ihn, den einsamen Herrn herauszuschicken. Der Regimentsarzt trat auf die Straße. »Ich bin's, Trotta!« sagte der Leutnant und streckte die Hand aus. »Du hast mich gefunden!« sagte der Doktor. Er sprach leise, wie gewöhnlich, aber viel deutlicher als sonst, so schien es dem Leutnant; denn auf eine rätselhafte Weise übertönten seine stillen Worte den rasselnden Musikautomaten. Zum erstenmal stand er vor Trotta in Zivil. Die vertraute Stimme kam aus der veränderten Erscheinung des Doktors dem Leutnant entgegen wie ein guter, heimatlicher Gruß. Ja, die Stimme klang um so vertrauter, je fremder Demant erschien. Alle Schrecken, die den Leutnant in dieser Nacht verwirrten, zerstoben nun vor der Stimme des Freundes, die Carl Joseph seit langen Wochen nicht mehr gehört und die er entbehrt hatte. Ja, entbehrt hatte er sie; er wußte es jetzt. Der Musikautomat hörte auf zu schmettern. Man hörte den Nachtwind von Zeit zu Zeit aufheulen und spürte den Schneestaub, den er aufwirbelte, im Gesicht. Der Leutnant trat noch einen Schritt näher an den Doktor. (Man konnte ihm gar nicht nahe genug kommen.) Du sollst nicht sterben! wollte er sagen. Es schoß ihm durch den Sinn, daß Demant ohne Mantel vor ihm stand, im Schnee, im Wind. Wenn man in Zivil ist, sieht man's nicht sofort, dachte er auch. Und mit einer zärtlichen Stimme sagte er: »Du wirst dich noch erkälten!«

Im Angesicht Doktor Demants leuchtete sofort das alte, wohlbekannte Lächeln auf, das die Lippen ein wenig schürzte, den schwarzen Schnurrbart ein bißchen hob. Carl Joseph errötete. Er kann sich ja gar nicht mehr erkälten, dachte der Leutnant. Gleichzeitig hörte er die sanfter Stimme Doktor Demants: »Ich hab' keine Zeit mehr, krank zu werden, mein lieber Freund.« Er konnte sprechen, während er lächelte. Mitten durch das alte Lächeln gingen die Worte des Doktors, und es blieb dennoch ganz; ein kleines, trauriges, weißes Schleierchen, hing es vor seinen Lippen. »Wir wollen aber hinein!« sagte der Doktor weiter. Er stand, ein schwarzer, unbeweglicher Schatten, vor der matt belichteten Tür und warf einen zweiten, blasseren, auf die beschneite Straße. Auf seinen schwarzen Haaren lag der silberne Schneestaub, belichtet von dem matten Schein, der aus der Kneipe drang. Über seinem Haupt war bereits gleichsam der Schimmer der himmlischen Welt, und Trotta war beinahe bereit, wieder umzukehren. Gute Nacht! wollte er sagen und ganz schnell davongehn.

»Wir wollen doch hineingehn!« sagte der Doktor wieder. »Ich werde fragen, ob du unbemerkt hinein kannst!« Er ging und ließ Trotta draußen. Dann kam er mit dem Wirt zurück. Sie durchschritten einen Flur und einen Hof und gelangten in die Küche der Wirtsstube. »Du bist hier bekannt?« fragte Trotta. »Ich komme manchmal hierher«, erwiderte der Doktor, »das heißt: Ich pflegte oft hierher zu kommen!« Carl Joseph sah den Doktor an. »Du wunderst dich? Ich hatte so meine besonderen Gewohnheiten«, sagte der Regimentsarzt. – Warum sagt er: hatte? – dachte der Leutnant; und erinnerte sich aus der Deutschstunde, daß man so was »Mitvergangenheit« nannte. Hatte! Warum sagte der Regimentsarzt: hatte?

Der Wirt brachte ein Tischchen und zwei Stühle in die Küche und entzündete eine grünliche Gaslampe. In der Wirtsstube schmetterte der Musikapparat wieder, ein Potpourri aus bekannten Märschen, zwischen denen die ersten Trommeltakte des Radetzkymarsches, entstellt durch heisere Nebengeräusche, aber immer noch kenntlich, in bestimmten Zeitabständen erklangen. Im grünlichen Schatten, den der Lampenschirm über die weißgetünchten Küchenwände zeichnete, dämmerte das bekannte Porträt des Obersten Kriegsherrn in blütenweißer Uniform auf, zwischen zwei riesigen Pfannen aus rötlichem Kupfer. Das weiße Gewand des Kaisers war von zahllosen Fliegenspuren betupft, wie von winzigen Schrotkügelchen durchsiebt, und die Augen Franz Josephs des Ersten, sicher auch auf diesem Porträt im selbstverständlichen Porzellanblau gemalt, waren im Schatten des Lampenschirms erloschen. Der Doktor zeigte mit ausgestrecktem Finger auf das Kaiserbild. »In der Gaststube hat es noch vor einem Jahr gehangen!« sagte er. »Jetzt hat der Wirt keine Lust mehr, zu beweisen, daß er ein loyaler Untertan ist.« Der Automat verstummte. Im selben Augenblick erklangen zwei harte Schläge einer Wanduhr. »Schon zwei Uhr!« sagte der Leutnant. »Noch fünf Stunden!« erwiderte der Regimentsarzt. Der Wirt brachte Sliwowitz. Sieben Uhr zwanzig! hämmerte es im Hirn des Leutnants.

Er griff nach dem Gläschen, hob es in die Luft und sagte mit der starken, angelernten Stimme, mit der man die Kommandos hervorzustoßen hatte:

»Auf dein Wohl! Du mußt leben!«

»Auf einen leichten Tod!« erwiderte der Regimentsarzt und leerte das Glas, während Carl Joseph den Schnaps wieder auf den Tisch stellte. »Dieser Tod ist unsinnig!« sagte der Doktor weiter. »So unsinnig, wie mein Leben gewesen ist!«

»Ich will nicht, daß du stirbst!« schrie der Leutnant und stampfte auf die Fliesen des Küchenbodens. »Und ich will auch nicht sterben! Und mein Leben ist auch unsinnig!«

»Sei still!« erwiderte Doktor Demant. »Du bist der Enkel des Helden von Solferino. Der wäre fast ebenso unsinnig gestorben. Obwohl es ein Unterschied ist, ob man so gläubig wie er in den Tod geht oder so schwachmütig wie wir beide.« Er schwieg. »Wie wir beide«, begann er nach einer Weile. »Unsere Großväter haben uns nicht viel Kraft hinterlassen, wenig Kraft zum Leben, es reicht gerade noch, um unsinnig zu sterben. Ach!« Der Doktor schob sein Gläschen von sich, und es war, als schöbe er die ganze Welt weit fort und den Freund ebenfalls. »Ach!« wiederholte er, »ich bin müde, seit Jahren müde! Ich werde morgen wie ein Held sterben, wie ein sogenannter Held, ganz gegen meine Art und ganz gegen die Art meiner Väter und meines Geschlechts und gegen den Willen meines Großvaters. In den großen, alten Büchern, in denen er gelesen hat, steht der Satz: ›Wer die Hand gegen seinesgleichen erhebt, ist ein Mörder.‹ Morgen wird einer gegen mich eine Pistole erheben, und ich werde eine Pistole gegen ihn erheben. Und ich werde ein Mörder sein. Aber ich bin kurzsichtig, ich werde nicht zielen. Ich werde meine kleine Rache haben. Wenn ich die Brille abnehme, sehe ich gar nichts, gar nichts. Und ich werde schießen, ohne zu sehn! Das wird natürlicher sein, ehrlicher und ganz passend!«

Der Leutnant Trotta begriff nicht vollkommen, was der Regimentsarzt sagte. Die Stimme des Doktors war ihm vertraut und, nachdem er sich an das Zivil des Freundes gewöhnt hatte, auch Gestalt und Angesicht. Aber aus einer ganz unermeßlichen Ferne kamen die Gedanken Doktor Demants, aus jener unermeßlich fernen Gegend, in der Demants Großvater, der weißbärtige König unter den jüdischen Schankwirten, gelebt haben mochte. Trotta strengte sein Gehirn an, wie einst in der Kadettenschule in der Trigonometrie, er begriff immer weniger. Er fühlte nur, wie sein frischer Glaube an die Möglichkeit, alles noch zu retten, allmählich matt wurde, wie seine Hoffnung langsam verglühte zu weißer, windiger Asche, ähnlich den verglimmenden Netzfäden über dem singenden Gasflämmchen. Sein Herz klopfte laut wie die hohlen, blechernen Schläge der Wanduhr. Er verstand den Freund nicht. Er war auch vielleicht zu spät gekommen. Vieles noch hatte er zu sagen. Aber seine Zunge lag schwer im Mund, von Gewichten belastet. Er öffnete die Lippen. Sie waren fahl, sie zitterten sachte, er konnte sie nur mit Mühe wieder schließen.

»Du dürftest Fieber haben!« sagte der Regimentsarzt, genauso, wie er zu Patienten zu sprechen gewohnt war. Er klopfte an den Tisch, der Wirt kam mit neuen Schnapsgläsern. »Und du hast noch das erste nicht getrunken!«

Trotta leerte gehorsam das erste Glas. »Zu spät hab' ich den Schnaps entdeckt – schade!« sagte der Doktor. »Du wirst es nicht glauben: Es tut mir leid, daß ich nie getrunken habe.«

Der Leutnant machte eine ungeheure Anstrengung, hob den Blick und starrte ein paar Sekunden dem Doktor ins Angesicht. Er hob das zweite Glas, es war schwer, die Hand zitterte und verschüttete ein paar Tropfen. Er trank in einem Zug; Zorn erglühte in seinem Innern, stieg in den Kopf, rötete sein Angesicht. »Ich werde also gehn!« sagte er. »Ich kann deine Witze nicht vertragen. Ich war froh, wie ich dich gefunden hab'! Ich war bei dir zu Haus. Ich habe geläutet. Ich bin vor den Friedhof gefahren. Ich hab' deinen Namen durch das Tor hineingerufen wie ein Verrückter. Ich hab' – – –« Er brach ab. Zwischen seinen bebenden Lippen formten sich lautlose Worte, taube Worte, taube Schatten von tauben Lauten. Plötzlich füllten sich seine Augen mit einem warmen Wasser, und ein lautes Stöhnen kam aus seiner Brust. Er wollte aufstehn und weglaufen, denn er schämte sich sehr. Ich weine ja! dachte er, ich weine ja! Er fühlte sich ohnmächtig, grenzenlos ohnmächtig gegenüber der unbegreiflichen Macht, die ihn zwang zu weinen. Er lieferte sich ihr willig aus. Er ergab sich der Wonne seiner Ohnmacht. Er hörte sein Stöhnen und genoß es, schämte sich und genoß noch seine Scham. Er warf sich dem süßen Schmerz in die Arme und wiederholte sinnlos, unter fortwährendem Schluchzen, ein paarmal hintereinander: »Ich will nicht, daß du stirbst, ich will nicht, daß du stirbst, ich will nicht! Ich will nicht!«

Doktor Demant erhob sich, ging ein paarmal durch die Küche, verharrte vor dem Porträt des Obersten Kriegsherrn, begann, die schwarzen Fliegentupfen auf dem Rock des Kaisers zu zählen, unterbrach seine törichte Beschäftigung, trat zu Carl Joseph, legte seine Hände sachte auf die zuckenden Schultern und näherte seine funkelnden Brillengläser dem hellbraunen Scheitel des Leutnants. Er hatte, der kluge Doktor Demant, bereits mit der Welt Schluß gemacht, seine Frau zu ihrem Vater nach Wien geschickt, seinen Burschen beurlaubt, sein Haus verschlossen. Im Hotel zum goldenen Bären wohnte er seit dem Ausbruch der unseligen Affäre. Er war fertig. Seitdem er angefangen hatte, den ungewohnten Schnaps zu trinken, war es ihm sogar möglich gewesen, in diesem sinnlosen Duell irgendeinen geheimen Sinn zu finden, den Tod herbeizuwünschen als den gesetzmäßigen Abschluß seiner irrtümlichen Laufbahn, ja einen Schimmer der jenseitigen Welt zu erahnen, an die er immer geglaubt hatte. Lange noch vor der Gefahr, in die er sich nun begab, waren ihm ja die Gräber vertraut gewesen und die toten Freunde. Ausgelöscht war die kindische Liebe zu seiner Frau. Die Eifersucht, vor wenigen Wochen noch ein schmerzlicher Brand in seinem Herzen, war ein kaltes Häufchen Asche. Sein Testament, eben geschrieben, an den Obersten adressiert, lag in seiner Rocktasche. Er hatte nichts zu vermachen, weniger Menschen zu gedenken und also nichts vergessen. Der Alkohol machte ihn leicht, ungeduldig nur das Warten. Sieben Uhr zwanzig, die Stunde, die fürchterlich in allen Hirnen seiner Kameraden seit Tagen hämmerte, schwang in dem seinen wie ein silbernes Glöckchen. Zum erstenmal, seitdem er die Uniform angezogen hatte, fühlte er sich leicht, stark und mutig. Er genoß die Nähe des Todes, wie ein Genesender die Nähe des Lebens genießt. Er hatte Schluß gemacht, er war fertig! ...

Nun stand er wieder, kurzsichtig und hilflos wie immer, vor seinem jungen Freund. Ja, es gab noch Jugend und Freundschaft und Tränen, die um ihn vergossen wurden. Auf einmal fühlte er wieder Heimweh nach der Kümmerlichkeit seines Lebens, nach der ekelhaften Garnison, der verhaßten Uniform, der Stumpfheit der Marodenvisite, dem Gestank der versammelten und entkleideten Mannschaften, den öden Impfungen, dem Karbolgeruch des Spitals, den häßlichen Launen seiner Frau, der wohlgesicherten Enge seines Hauses, den aschgrauen Wochentagen, den gähnenden Sonntagen, den qualvollen Reitstunden, den blöden Manövern und seiner eigenen Betrübnis über all diese Schalheit. Durch das Schluchzen und Stöhnen des Leutnants brach gewaltig der schmetternde Ruf dieser lebendigen Erde, und während der Doktor nach einem Wort suchte, um Trotta zu beruhigen, überschwemmte das Mitleid sein Herz, flackerte die Liebe in ihm mit tausend Feuerzungen auf. Weit hinter ihm lag schon die Gleichgültigkeit, in der er die letzten Tage zugebracht hatte.

Da erklangen drei harte Schläge der Wanduhr. Trotta war auf einmal still. Man hörte das Echo der drei Glocken, es ertrank langsam im Summen der Gaslampe. Der Leutnant begann mit einer ruhigen Stimme: »Du sollst wissen, wie dumm diese ganze Geschichte ist! Der Taittinger langweilt mich wie uns alle. Ich sag' ihm also, daß ich ein Rendezvous hab', an jenem Abend vor dem Theater. Dann kommt deine Frau allein. Ich muß sie begleiten. Und grad wie wir am Kasino vorbeigehn, treten sie alle auf die Straße.«

Der Doktor nahm die Hände von den Schultern Trottas und begann wieder seine Wanderung. Er ging beinahe lautlos, mit sanften und horchenden Schritten.

»Ich muß dir noch sagen«, fuhr der Leutnant fort, »daß ich sofort geahnt hab', es wird was Schlimmes passieren. Ich hab' auch kaum noch ein nettes Wort zu deiner Frau sagen können. Und wie ich dann vor eurem Garten gestanden bin, vor deiner Villa, hat die Laterne gebrannt; ich erinnere mich, da hab' ich im Schnee auf dem Weg vom Gartentor zur Haustür deutlich die Spuren deiner Schritte sehn können, und da hab' ich eine merkwürdige Idee gehabt, eine verrückte Idee ...«

»Ja?« sagte der Doktor und blieb stehen.

»Eine komische Idee: Ich hab' einen Moment gedacht, deine Spuren sind so was wie Wächter, ich kann's nicht ausdrücken, ich hab' halt gedacht, sie schaun aus dem Schnee herauf zu deiner Frau und mir.«

Doktor Demant setzte sich wieder, sah Trotta genau an und sagte langsam:

»Vielleicht liebst du meine Frau und weißt es nur selber nicht?«

»Ich hab' keine Schuld an der ganzen Sache!« sagte Trotta.

»Nein, du hast keine Schuld!« bestätigte der Regimentsarzt.

»Aber immer ist es so, als hätt' ich Schuld!« sagte Carl Joseph. »Du weißt, ich hab' dir erzählt, wie das mit der Frau Slama gewesen ist!« Er blieb still. Dann flüsterte er: »Ich hab' Angst, ich hab' Angst, überall!« Der Regimentsarzt breitete die Arme aus, hob die Schultern und sagte: »Du bist auch ein Enkel!«

Er dachte in diesem Augenblick nicht an die Ängste des Leutnants. Es schien ihm sehr wohl möglich, jetzt noch allem Bedrohlichen zu entgehn. Verschwinden! dachte er. Ehrlos werden, degradiert, drei Jahre als Gemeiner dienen oder ins Ausland fliehen! Nicht erschossen werden! Schon war ihm der Leutnant Trotta, Enkel des Helden von Solferino, ein Mensch aus einer anderen Welt, vollkommen fremd. Und er sagte laut und mit höhnender Lust:

»Diese Dummheit! Diese Ehre, die in der blöden Troddel da am Säbel hängt. Man kann eine Frau nicht nach Haus begleiten! Siehst du, wie dumm das ist? Hast du nicht jenen dort« – er zeigte auf das Bild des Kaisers – »aus dem Bordell gerettet? Blödsinn!« schrie er plötzlich, »infamer Blödsinn!«

Es klopfte, der Wirt kam und brachte zwei gefüllte Gläschen. Der Regimentsarzt trank. »Trink!« sagte er. Carl Joseph trank. Er begriff nicht ganz genau, was der Doktor sagte, aber er ahnte, daß Demant nicht mehr bereit war zu sterben. Die Uhr tickte ihre blechernen Sekunden. Die Zeit hielt nicht. Sieben Uhr zwanzig, sieben Uhr zwanzig! Ein Wunder mußte sich ereignen, wenn Demant nicht sterben sollte. Es ereigneten sich keine Wunder, soviel wußte der Leutnant schon! Er selbst – phantastischer Gedanke – wird morgen, sieben Uhr zwanzig, erscheinen und sagen: Meine Herren, der Demant ist verrückt geworden, in dieser Nacht, ich schlage mich für ihn! Kinderei, lächerlich, unmöglich! Er sah wieder ratlos auf den Doktor. Die Zeit hielt nicht, die Uhr steppte unaufhörlich ihre Sekunden weiter. Bald ist es vier: noch drei Stunden!

»Also!« sagte schließlich der Regimentsarzt. Es klang, als hätte er schon einen Entschluß gefaßt, als wüßte er genau, was zu tun sei. Aber er wußte nichts Genaues! Seine Gedanken zogen blind und ohne Zusammenhang verworrene Bahnen durch blinde Nebel. Er wußte nichts! Ein nichtswürdiges, infames, dummes, eisernes, gewaltiges Gesetz fesselte ihn, schickte ihn gefesselt in einen dummen Tod. Er vernahm aus der Gaststube die späten Geräusche. Offenbar saß dort niemand mehr. Der Wirt steckte die klirrenden Biergläser ins plätschernde Wasser, schob die Stühle zusammen, rückte an den Tischen, klirrte mit dem Schlüsselbund. Man mußte gehn. Von der Straße, vom Winter, vom nächtlichen Himmel, von seinen Sternen, vom Schnee vielleicht kamen Rat und Trost. Er ging zum Wirt, zahlte, kam im Mantel zurück, schwarz, in einem schwarzen, breiten Hut stand er vermummt und noch einmal verwandelt vor dem Leutnant. Er erschien Carl Joseph gerüstet, stärker gerüstet als jemals in Uniform mit Säbel und Mütze.

Sie gingen durch den Hof, durch den Flur zurück, in die Nacht. Der Doktor sah zum Himmel hinauf, von den ruhigen Sternen kam kein Rat, kälter waren sie als der Schnee ringsum. Finster waren die Häuser, taubstumm die Gassen, der Nachtwind zerblies den Schnee zu Staub, die Sporen Trottas klirrten sacht, die Sohlen des Doktors knirschten daneben. Sie gingen schnell, als hätten sie ein bestimmtes Ziel. In ihren Köpfen jagten Fetzen von Vorstellungen einher, von Gedanken, von Bildern. Wie schwere und flinke Hämmer klopften ihre Herzen. Ohne es zu wissen, gab der Regimentsarzt die Richtung an, ohne es zu wissen, folgte ihm der Leutnant. Sie näherten sich dem Hotel zum goldenen Bären. Sie standen vor dem gewölbten Tor des Gasthauses. In der Vorstellung Carl Josephs erwachte das Bild vom Großvater Demants, dem silberbärtigen König unter den jüdischen Schankwirten. Vor solch einem Tor, einem viel größeren wahrscheinlich, saß er zeit seines Lebens. Er stand auf, wenn die Bauern anhielten. Weil er nicht mehr hörte, schrien die kleinen Bauern durch die gehöhlten Hände vor den Mündern ihre Wünsche zu ihm empor. Sieben Uhr zwanzig, sieben Uhr zwanzig, klang es wieder. Sieben Uhr zwanzig war der Enkel dieses Großvaters tot.

»Tot!« sagte der Leutnant laut. Oh, er war nicht mehr klug, der kluge Doktor Demant! Er war vergeblich frei und mutig gewesen, ein paar Tage; es zeigte sich jetzt, daß er nicht Schluß gemacht hatte. Man wurde nicht leicht fertig! Sein kluger Kopf, ererbt von einer langen, langen Reihe kluger Väter, wußte ebensowenig Rat wie der einfache Kopf des Leutnants, dessen Ahnen die einfachen Bauern von Sipolje gewesen waren. Ein stupides, eisernes Gesetz ließ keinen Ausweg frei. »Ich bin ein Dummkopf, mein lieber Freund!« sagte der Doktor. »Ich hätte mich von Eva längst trennen müssen. Ich habe keine Kraft, diesem blöden Duell zu entrinnen. Ich werde aus Blödheit ein Held sein, nach Ehrenkodex und Dienstreglement. Ein Held!« Er lachte. Es schallte durch die Nacht. »Ein Held!« wiederholte er und stapfte hin und zurück vor dem Tor des Gasthofes.

Durch das junge, trostbereite Hirn des Leutnants schoß blitzschnell eine kindische Hoffnung; sie werden nicht aufeinander schießen und sich versöhnen! Alles wird gut sein! Man wird sie zu andern Regimentern transferieren! Mich auch! Töricht, lächerlich, unmöglich! dachte er gleich darauf. Und verloren, verzweifelt, mit schalem Kopf, trockenem Gaumen, zentnerschweren Gliedern stand er regungslos vor dem hin und her wandelnden Doktor.

Wie spät war es schon? – Er wagte nicht, auf die Uhr zu sehn. Bald mußte es ja vom Turm schlagen. Er wollte warten. »Wenn wir uns nicht wiedersehn sollten«, sagte der Doktor, hielt ein und sagte ein paar Sekunden später: »Ich rate dir, verlaß diese Armee!« Dann streckte er die Hand aus: »Leb wohl! Geh heim! Ich werde allein fertig! Servus!« Er zog am Glockendraht. Man hörte aus dem Innern das dröhnende Klingeln. Schon näherten sich Schritte. Man schloß auf. Leutnant Trotta ergriff die Hand des Doktors. Mit einer gewöhnlichen Stimme, die ihn selbst verwunderte, sagte er ein gewöhnliches »Servus!« Er hatte nicht einmal den Handschuh ausgezogen. Schon fiel die Tür zu. Schon gab es keinen Doktor Demant mehr. Wie von einer unsichtbaren Hand gezogen, ging der Leutnant Trotta den gewohnten Weg in die Kaserne. Er hörte nicht mehr, wie über ihm im zweiten Stock ein Fenster aufgeklinkt wurde. Der Doktor beugte sich noch einmal hinunter, sah den Freund um die Ecke verschwinden, schloß das Fenster, entzündete alle Lichter im Zimmer, ging zum Waschtisch, schliff sein Rasiermesser, prüfte es am Daumennagel, seifte sein Gesicht ein, in aller Ruhe, wie jeden Morgen. Er wusch sich. Er nahm aus dem Schrank die Uniform. Er kleidete sich an, schnallte den Säbel um und wartete. Er nickte ein. Er schlief traumlos, ruhig, im breiten Lehnstuhl vor dem Fenster.

Als er erwachte, war der Himmel über den Dächern schon hell, ein zarter Schimmer blaute über dem Schnee. Bald mußte es klopfen. Schon hörte er von fern das Klingeln eines Schlittens. Er näherte sich, er hielt. Jetzt schepperte die Glocke. Jetzt knarrte die Stiege. Jetzt klirrten die Sporen. Jetzt klopfte es.

Jetzt standen sie im Zimmer, der Oberleutnant Christ und der Hauptmann Wangert vom Infanterieregiment der Garnison. Sie blieben in der Nähe der Tür, der Leutnant einen halben Schritt hinter dem Hauptmann. Der Regimentsarzt warf einen Blick zum Himmel. Als ein ferner Widerhall aus ferner Kindheit zitterte die erloschene Stimme des Großvaters: »Höre Israel«, sprach die Stimme, »der Herr, unser Gott, ist der einzige Gott!« – »Ich bin fertig, meine Herren!« sagte der Regimentsarzt.

Sie saßen, ein wenig eng, im kleinen Schlitten; die Schellen klingelten mutig, die braunen Rösser hoben die gestutzten Schwänze und ließen große, runde, gelbe, dampfende Äpfel in den Schnee fallen. Der Regimentsarzt, dem alle Tiere zeit seines Lebens sehr gleichgültig gewesen waren, fühlte auf einmal Heimweh nach seinem Pferd. Es wird mich überleben! dachte er. Nichts verriet sein Angesicht. Seine Begleiter schwiegen.

Sie hielten etwa hundert Schritte vor der Lichtung. Bis zum »Grünen Platz« gingen sie zu Fuß. Schon war der Morgen da, aber die Sonne noch nicht aufgegangen. Still standen die Tannen, den Schnee auf den Ästen trugen sie stolz, schmal und aufrecht. Von ferne her krähten die Hähne Ruf und Widerruf. Tattenbach sprach laut mit seinen Begleitern. Der Oberarzt Doktor Mangel ging hin und her zwischen den Parteien. »Meine Herren!« sagte eine Stimme. In diesem Augenblick nahm der Regimentsarzt Doktor Demant umständlich, wie er immer gewohnt war, die Brille ab und legte sie sorgfältig auf einen breiten Baumstumpf. Merkwürdigerweise sah er dennoch vor sich deutlich seinen Weg, den angewiesenen Platz, die Distanz zwischen sich und dem Grafen Tattenbach und diesen selbst. Er wartete. Bis zum letzten Augenblick wartete er auf den Nebel. Aber alles blieb deutlich, als ob der Regimentsarzt nie kurzsichtig gewesen wäre. Eine Stimme zählte: »Eins!« Der Regimentsarzt hob die Pistole. Er fühlte sich wieder frei und mutig, ja übermütig, zum erstenmal in seinem Leben übermütig. Er zielte wie einst als Einjährig-Freiwilliger beim Scheibenschießen (obwohl er damals schon ein miserabler Schütze gewesen war). Ich bin ja nicht kurzsichtig, dachte er, ich werde die Brille nie mehr brauchen. Vom medizinischen Standpunkt war es kaum erklärlich. Der Regimentsarzt beschloß, sich in der Ophthalmologie umzusehen. In dem Augenblick, in dem ihm der Name eines bestimmten Facharztes einfiel, zählte die Stimme: »Zwei.« Der Doktor sah immer noch klar. Ein zager Vogel unbekannter Art begann zu zwitschern, und von ferne hörte man das Blasen der Trompeten. Um diese Zeit erreichte das Ulanenregiment den Exerzierplatz.

In der zweiten Eskadron ritt Leutnant Trotta wie alle Tage. Der matte Hauch des Frostes perlte über den Scheiden der schweren Säbel und über den Läufen der leichten Karabiner. Die gefrorenen Trompeten weckten das schlafende Städtchen. Die Kutscher in ihren dicken Pelzen, am gewohnten Standplatz, hoben die bärtigen Häupter. Als das Regiment die Wasserwiese erreichte und absaß und die Mannschaften sich wie gewöhnlich zu den allmorgendlichen Gelenksübungen in Doppelreihen aufstellten, trat der Leutnant Kindermann zu Carl Joseph und sagte: »Bist du krank? Weißt du, wie du ausschaust?« Er zog seinen koketten Taschenspiegel und hielt ihn vor Trottas Augen. In dem kleinen, schimmernden Rechteck erblickte Leutnant Trotta ein uraltes Angesicht, das er sehr genau kannte: glühende, schmale, schwarze Augen, den scharfen, knöchernen Rücken einer großen Nase, aschgraue, eingefallene Wangen und einen schmalen, langen, festgeschlossenen und blutleeren Mund, der wie ein längst vernarbter Säbelhieb das Kinn vom Schnurrbart schied. Nur dieser kleine, braune Schnurrbart erschien Carl Joseph fremd. Daheim, unter dem Suffit des väterlichen Herrenzimmers, war das verdämmernde Angesicht des Großvaters ganz nackt gewesen.

»Danke!« sagte der Leutnant. »Ich hab' diese Nacht nicht geschlafen.« Er verließ den Exerzierplatz.

Er ging zwischen den Stämmen links ab, wo ein Pfad zur breiten Landstraße abzweigte. Es war sieben Uhr vierzig. Man hatte keine Schüsse gehört. Alles ist gut, alles ist gut, sagte er sich, es ist ein Wunder geschehn! In spätestens zehn Minuten muß der Major Prohaska dahergeritten kommen, dann wird man alles wissen. Man hörte die zögernden Geräusche der erwachenden kleinen Stadt und das langgedehnte Heulen einer Lokomotive vom Bahnhof. Als der Leutnant die Stelle erreichte, wo der Pfad in die Straße mündete, erschien auf seinem Braunen der Major, Leutnant Trotta grüßte. »Guten Morgen!« sagte der Major, und nichts weiter. Der schmale Pfad hatte keinen Platz für Reiter und Fußgänger nebeneinander. Leutnant Trotta ging also hinter dem reitenden Major. Etwa zwei Minuten vor der Wasserwiese (man vernahm schon die Kommandos der Unteroffiziere) hielt der Major, wandte sich halb im Sattel um und sagte nur: »Beide!« – Dann, während er weiterritt, mehr vor sich hin als zum Leutnant: »Es war halt nix zu machen!«

An diesem Tage kehrte das Regiment eine gute Stunde früher in die Kaserne zurück. Die Trompeten bliesen wie an allen andern Tagen. Am Nachmittag verlasen die dienstführenden Unteroffiziere vor der Mannschaft den Befehl, in dem der Oberst Kovacs mitteilte, daß der Rittmeister Graf Tattenbach und der Regimentsarzt Doktor Demant für die Ehre des Regiments den Soldatentod gefunden hatten.

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