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Radetzkymarsch

Joseph Roth: Radetzkymarsch - Kapitel 6
Quellenangabe
pfad/roth/radetzky/radetzky.xml
typefiction
authorJoseph Roth
titleRadetzkymarsch
publisherKiepenheuer & Witsch
isbn3462023799
year1994
firstpub
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20090422
projectid93529a93
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VI

Seit drei Jahren war der Regimentsarzt Max Demant beim Regiment. Er wohnte außerhalb der Stadt, an ihrem Südrande, dort, wo die Landstraße zu den beiden Friedhöfen führte, zum »alten« und zum »neuen«. Beide Friedhofswächter kannten den Doktor gut. Er kam ein paarmal in der Woche die Toten besuchen, die längst verschollenen wie die noch nicht vergessenen Toten. Und er verweilte manchmal lange zwischen ihren Gräbern, und man hörte hier und da seinen Säbel mit zartem Klirren gegen einen Grabstein anschlagen. Er war ohne Zweifel ein sonderbarer Mann; ein guter Arzt, sagte man, und also unter Militärärzten in jeder Beziehung eine Seltenheit. Er mied jeglichen Verkehr. Nur dienstliche Pflicht gebot ihm, hie und da (aber immer noch häufiger, als er gewünscht hätte) unter Kameraden zu erscheinen. Seinem Alter wie seiner Dienstzeit nach hätte er Stabsarzt sein müssen. Niemand wußte, warum er es noch nicht war. Vielleicht wußte er selbst es nicht. »Es gibt Karrieren mit Widerhaken.« Es war ein Wort von Rittmeister Taittinger, der das Regiment auch mit trefflichen Sprüchen versorgte.

»Karriere mit Widerhaken«, dachte der Doktor selber oft. »Leben mit Widerhaken«, sagte er zu Leutnant Trotta. »Ich habe ein Leben mit Widerhaken. Wenn mir das Schicksal günstig gewesen wäre, hätte ich Assistent des großen Wiener Chirurgen und wahrscheinlich Professor werden können.« – In die düstere Enge seiner Kindheit hatte der große Name des Wiener Chirurgen frühen Glanz geschickt. Max Demant war schon als Knabe entschlossen gewesen, später Arzt zu werden. Er stammte aus einem der östlichen Grenzdörfer der Monarchie. Sein Großvater war ein frommer jüdischer Schankwirt gewesen, und sein Vater, nach zwölfjähriger Dienstzeit bei der Landwehr, mittlerer Beamter im Postamt des nächstgelegenen Grenzstädtchens geworden. Er erinnerte sich noch deutlich seines Großvaters. Vor dem großen Torbogen der Grenzschenke saß er zu jeder Stunde des Tages. Sein mächtiger Bart aus gekräuseltem Silber verhüllte seine Brust und reichte bis zu den Knien. Um ihn schwebte der Geruch von Dünger und Milch und Pferden und Heu. Vor seiner Schenke saß er, ein alter König unter den Schankwirten. Wenn die Bauern, vom allwöchentlichen Schweinemarkt heimkehrend, vor der Schenke anhielten, erhob sich der Alte, gewaltig wie ein Berg in menschlicher Gestalt. Da er schon schwerhörig war, mußten die kleinen Bauern ihre Wünsche zu ihm emporschreien, durch die gehöhlten Hände vor den Mündern. Er nickte nur. Er hatte verstanden. Er bewilligte die Wünsche seiner Kundschaft, als wären sie Gnaden und als würden sie ihm nicht in baren, harten Münzen bezahlt. Mit kräftigen Händen spannte er selbst die Pferde aus und führte sie in die Ställe. Und während seine Töchter den Gästen in der breiten, niedrigen Gaststube Branntwein mit getrockneten und gesalzenen Erbsen verabreichten, fütterte er mit begütigendem Zuspruch draußen die Tiere. Am Samstag saß er gebeugt über großen und frommen Büchern. Sein silberner Bart bedeckte die untere Hälfte der schwarzbedruckten Seiten. Wenn er gewußt hätte, daß sein Enkel einmal in der Uniform eines Offiziers und mörderisch bewaffnet durch die Welt spazieren würde, hätte er sein Alter verflucht und die Frucht seiner Lenden. Schon sein Sohn, Doktor Demants Vater, der mittlere Postbeamte, war dem Alten nur ein zärtlich geduldeter Greuel. Die Schenke, von Urvätern her vermacht, mußte den Töchtern und den Schwiegersöhnen überlassen bleiben; während die männlichen Nachkommen bis in die fernste Zukunft Beamte, Gebildete, Angestellte und Dummköpfe zu bleiben bestimmt waren. Bis in die fernste Zukunft: Das paßte allerdings nicht! Der Regimentsarzt hatte keine Kinder. Er wünschte sich auch keine ... Seine Frau nämlich –

An dieser Stelle pflegte Doktor Demant seine Erinnerungen abzubrechen. Er dachte an seine Mutter: Sie lebte in ständiger, hastiger Suche nach irgendwelchen Nebeneinnahmen. Der Vater sitzt nach der Dienstzeit im kleinen Kaffeehaus. Er spielt Tarock und verliert und bleibt die Zeche schuldig. Er wünscht, daß der Sohn vier Mittelschulklassen absolviere und dann Beamter werde; bei der Post natürlich. »Du willst immer hoch hinaus!« sagt er zur Mutter. Er hält, mag sein ziviles Leben noch so unordentlich sein, eine lächerliche Ordnung in alle Requisiten, die er aus der Militärzeit mitgebracht hat. Seine Uniform, die Uniform eines »längerdienenden Rechnungsunteroffiziers«, mit den goldenen Ecken an den Ärmeln, den schwarzen Hosen und dem Infanterietschako, hängt im Schrank wie eine in drei Teile zerlegte und immer noch lebendige Persönlichkeit, mit leuchtenden, jede Woche frisch geputzten Knöpfen. Und der schwarze, gebogene Säbel mit dem gerippten, ebenfalls jede Woche aufgefrischten Griff liegt quer, von zwei Nägeln gehalten, an der Wand über dem nie benutzten Schreibtisch, mit lässig baumelnder, goldgelber Troddel, die an eine knospenhaft geschlossene und etwas verstaubte Sonnenblume erinnert. »Wenn du nicht gekommen wärst«, sagt der Vater zur Mutter, »hätt' ich die Prüfung gemacht und wäre heute Rechnungshauptmann.« An Kaisers Geburtstag zieht der Postoffiziant Demant seine Beamtenuniform an, mit Krappenhut und Degen. An diesem Tage spielt er nicht Tarock. Jedes Jahr an Kaisers Geburtstag nimmt er sich vor, ein neues, schuldenfreies Leben zu beginnen. Er betrinkt sich also. Und er kommt spät in der Nacht heim, zieht in der Küche seinen Degen und kommandiert ein ganzes Regiment. Die Töpfe sind Züge, die Teetassen Mannschaften, die Teller Kompanien. Simon Demant ist ein Oberst, ein Oberst im Dienste Franz Josephs des Ersten. Die Mutter, mit Spitzenhaube und vielgefälteltem Nachtunterrock und flatterndem Jäckchen, steigt aus dem Bett, um den Mann zu beruhigen.

Eines Tages, einen Tag nach Kaisers Geburtstag, trifft den Vater im Bett der Schlag. Er hatte einen freundlichen Tod gehabt und ein glänzendes Leichenbegängnis. Alle Briefträger gingen hinter dem Sarg. Und im getreuen Gedächtnis der Witwe blieb der Tote haften, das Muster eines Ehemannes, gestorben im Dienste des Kaisers und der kaiser-königlichen Post. Die Uniformen, die des Unteroffiziers, die des Postoffizianten Demant, hingen noch nebeneinander im Schrank, von der Witwe mittels Kampfer, Bürste und Sidol in stetem Glanz erhalten. Sie sahen aus wie Mumien, und sooft der Schrank geöffnet wurde, glaubte der Sohn, zwei Leichen seines seligen Vaters nebeneinander zu sehn.

Man wollte um jeden Preis Arzt werden. Man erteilte Unterricht für kümmerliche sechs Kronen im Monat. Man hatte zerrissene Stiefel. Man hinterließ, wenn es regnete, auf den guten, gewichsten Fußböden der Wohlhabenden nasse und übergroße Spuren. Man hatte größere Füße, wenn die Sohlen zerrissen waren. Und man machte schließlich die Reifeprüfung. Und man wurde Mediziner. Die Armut stand immer noch vor der Zukunft, eine schwarze Wand, an der man zerschellte. Man sank der Armee geradezu in die Arme. Sieben Jahre Essen, sieben Jahre Trinken, sieben Jahre Kleidung, sieben Jahre Obdach, sieben, sieben lange Jahre! Man wurde Militärarzt. Und man blieb es.

Das Leben schien schneller dahinzulaufen als die Gedanken. Und ehe man einen Entschluß gefaßt hatte, war man ein alter Mann.

Und man hatte Fräulein Eva Knopfmacher geheiratet.

Hier unterbrach der Regimentsarzt Doktor Demant noch einmal den Zug seiner Erinnerungen. Er begab sich nach Hause.

Der Abend war schon angebrochen, eine ungewohnt festliche Beleuchtung strömte aus allen Zimmern. »Der alte Herr ist gekommen«, meldete der Bursche. Der alte Herr: Es war sein Schwiegervater, Herr Knopfmacher.

Er trat in diesem Augenblick aus dem Badezimmer, im langen, geblümten, flaumigen Schlafrock, ein Rasiermesser in der Hand, mit freundlich geröteten, frisch rasierten und duftenden Backen, die breit auseinanderstanden. Sein Angesicht schien in zwei Hälften zu zerfallen. Es wurde lediglich durch den grauen Spitzbart zusammengehalten. »Mein lieber Max!« sagte Herr Knopfmacher, indem er das Rasiermesser sorgfältig auf ein Tischchen legte, die Arme ausbreitete und den Schlafrock auseinanderklaffen ließ. Sie umarmten sich so, mit zwei flüchtigen Küssen, und gingen zusammen ins Herrenzimmer. »Ich möchte einen Schnaps!« sagte Herr Knopfmacher. Doktor Demant öffnete den Schrank, sah eine Weile mehrere Flaschen an und wandte sich um: »Ich kenn' mich nicht aus«, sagte er, »ich weiß nicht, was dir schmeckt.« Er hatte sich eine Alkoholauswahl zusammenstellen lassen, etwa wie sich ein Ungebildeter eine Bibliothek bestellt. »Du trinkst immer noch nicht!« sagte Herr Knopfmacher. »Hast du Sliwowitz, Arrak, Rum, Cognac, Enzian, Wodka?« fragte er geschwind, wie es seiner Würde keineswegs entsprach. Er erhob sich. Er ging (die Schöße seines Mantels flatterten) zum Schrank und holte mit sicherem Griff eine Flasche aus der Reihe.

»Ich hab' der Eva eine Überraschung machen wollen!« begann Herr Knopfmacher. »Und ich muß dir gleich sagen, mein lieber Max, du warst den ganzen Nachmittag nicht da. Statt deiner« – er machte eine Pause und wiederholte: »Statt deiner hab' ich hier einen Leutnant angetroffen. Einen Dummkopf!«

»Es ist der einzige Freund«, erwiderte Max Demant, »den ich seit dem Anfang meiner Dienstzeit beim Militär gefunden habe. Es ist der Leutnant Trotta. Ein feiner Mensch!«

»Ein feiner Mensch!« wiederholte der Schwiegervater. »Ein feiner Mensch bin ich auch zum Beispiel! Nun, ich würde dir nicht raten, mich eine Stunde allein mit einer hübschen Frau zu lassen, wenn dir auch nur so viel an ihr gelegen ist.« Knopfmacher legte die Spitze von Daumen und Zeigefinger zusammen und wiederholte nach einer Weile: »Nur so viel!« Der Regimentsarzt wurde blaß. Er nahm die Brille ab und putzte sie lange. Er hüllte auf diese Weise die Umwelt in einen wohltuenden Nebel, in dem der Schwiegervater in seinem Bademantel ein undeutlicher, wenn auch äußerst geräumiger, weißer Fleck war. Und er setzte die Brille, nachdem sie geputzt war, nicht sofort wieder auf, sondern er behielt sie in der Hand und sprach in den Nebel hinein:

»Ich habe gar keine Veranlassung, lieber Papa, Eva oder meinem Freund zu mißtrauen.«

Er sagte es zögernd, der Regimentsarzt. Es klang ihm selbst wie eine ganz fremde Wendung, entnommen irgendeiner fernen Lektüre, abgelauscht einem vergessenen Schauspiel.

Er setzte die Brille auf, und sofort rückte der alte Knopfmacher, deutlich an Umfang und Umriß, an den Doktor heran. Jetzt schien auch die Wendung, deren er sich soeben bedient hatte, sehr weit zurückzuliegen. Sie war bestimmt nicht mehr wahr. Der Regimentsarzt wußte es genausogut wie sein Schwiegervater.

»Gar keine Veranlassung!« wiederholte Herr Knopfmacher. »Ich aber habe Veranlassung! Ich kenne meine Tochter! Du kennst deine Frau nicht! Die Herren Leutnants kenn' ich auch! Und überhaupt die Männer! Ich will nichts gegen die Armee gesagt haben. Bleiben wir bei der Sache. Als meine Frau, deine Schwiegermutter, noch jung war, hab' ich Gelegenheit gehabt, die jungen Männer – in Zivil und in Uniform – kennenzulernen. Ja, komische Leute seid ihr, ihr, ihr –«

Er suchte nach einer gemeinsamen Bezeichnung irgendeiner ihm selbst nicht genau bekannten Gemeinschaft, der sein Schwiegersohn und noch andere Dummköpfe angehören mochten. Am liebsten hätte er »ihr akademisch Gebildeten!« gesagt. Denn er war gescheit, wohlhabend und angesehen geworden, ohne Studium. Ja, man war im Begriff, ihm in diesen Tagen den Titel des Kommerzialrats zu verschaffen. Er spann einen süßen Traum in die Zukunft, einen Traum von Geldspenden, großen Geldspenden. Deren unmittelbare Folge war der Adel. Und wenn man zum Beispiel die ungarische Staatsbürgerschaft annahm, so konnte man noch schneller adelig werden. In Budapest machte man einem das Leben nicht so schwer. Es waren übrigens auch Akademiker, die einem das Leben schwermachten, lauter Konzeptsbeamte, Dummköpfe! Sein eigener Schwiegersohn machte es ihm schwer. Wenn jetzt ein kleiner Skandal mit den Kindern ausbricht, kann man noch lange auf den Kommerzialrat warten! Überall muß man nach dem Rechten sehn, selbst, persönlich! Auf die Tugend fremder Gattinnen muß man auch aufpassen!

»Ich möchte dir, lieber Max, ehe es zu spät ist, reinen Wein einschenken!«

Der Regimentsarzt liebte dieses Wort nicht, er liebte nicht, um jeden Preis die Wahrheit zu hören. Ach, er kannte seine Frau genausogut wie Herr Knopfmacher seine Tochter! Aber er liebte sie, was war dagegen zu tun! Er liebte sie. In Olmütz hatte es den Bezirkskommissär Herdall gegeben, in Graz den Bezirksrichter Lederer. Wenn es nur nicht Kameraden waren, dankte der Regimentsarzt Gott und auch seiner Frau. Wenn man nur die Armee verlassen könnte. Man schwebte ständig in Lebensgefahr. Wie oft hatte er schon einen Anlauf genommen, dem Schwiegervater vorzuschlagen ... Er setzte noch einmal an. »Ich weiß«, sagte er, »daß sich Eva in Gefahr befindet. Immer. Seit Jahren. Sie ist leichtsinnig, leider. Sie treibt es nicht bis zum Äußersten«, er hielt ein und betonte: »nicht bis zum Äußersten!« Er mordete mit diesem Wort alle seine eigenen Zweifel, die ihn seit Jahren nicht in Ruhe ließen. Er rottete seine Unsicherheit aus, er bekam die Gewißheit, daß seine Frau ihn nicht betrog. »Keineswegs!« sagte er noch einmal laut. Er wurde ganz sicher: »Eva ist ein anständiger Mensch, trotz allem!«

»Ganz bestimmt!« bekräftigte der Schwiegervater.

»Aber dieses Leben«, fuhr der Regimentsarzt fort, »halten wir beide nicht lange aus. Mich befriedigt dieser Beruf keineswegs, wie du weißt. Wo wäre ich heute schon, ohne diesen Dienst? Ich hätte eine ganz große Stellung in der Welt, und Evas Ehrgeiz wäre zufriedengestellt. Denn sie ist ehrgeizig, leider!«

»Das hat sie von mir!« sagte Herr Knopfmacher, nicht ohne Vergnügen.

»Sie ist unzufrieden«, sprach der Regimentsarzt weiter, während sein Schwiegervater ein neues Gläschen füllte, »sie ist unzufrieden und sucht sich zu zerstreuen. Ich kann's ihr nicht übelnehmen.«

»Du sollst sie selbst zerstreuen!« unterbrach der Schwiegervater.

»Ich bin –« Doktor Demant fand kein Wort, schwieg eine Weile und blickte nach dem Schnaps.

»Na, trink doch endlich!« sagte aufmunternd Herr Knopfmacher. Und er stand auf, holte ein Gläschen, füllte es; sein Mantel klaffte auseinander, man sah seine behaarte Brust und seinen fröhlichen Bauch, der so rosig war wie seine Wangen. Er näherte das gefüllte Gläschen den Lippen seines Schwiegersohnes. Max Demant trank endlich.

»Da gibt es noch was, es zwingt mich eigentlich, den Dienst zu verlassen. Als ich einrückte, war es mit den Augen noch ganz gut. Nun, es wird mit jedem Jahre schlimmer. Ich habe jetzt, ich kann jetzt, es ist mir jetzt unmöglich, ohne Brille etwas deutlich zu sehen. Und eigentlich müßte ich es melden und den Abschied nehmen.«

»Ja?« fragte Herr Knopfmacher.

»Und wovon ...«

»Wovon leben?« Der Schwiegervater schlug ein Bein übers andere, es fröstelte ihn auf einmal; er hüllte sich in den Bademantel und hielt mit den Händen den Kragen am Halse fest.

»Ja«, sagte er, »glaubst du denn, daß ich das aufbringe? Seitdem ihr verheiratet seid, beträgt mein Zuschuß (ich weiß es zufällig auswendig) dreihundert Kronen im Monat. Aber ich weiß schon, ich weiß schon! Eva braucht viel. Und wenn ihr eine neue Existenz anfangt, wird sie auch soviel brauchen. Und du auch, mein Sohn!« Er wurde zärtlich. »Ja, mein lieber, lieber Max! Es geht nicht mehr so gut wie vor Jahren!‹

Max schwieg. Herr Knopfmacher empfand, daß er den Angriff abgeschlagen hatte, und ließ den Bademantel wieder aufgehen. Er trank noch einen. Sein Kopf konnte klar bleiben. Er kannte sich. Diese Dummköpfe! Es war immerhin noch besser, so eine Art Schwiegersohn, als der andere, der Hermann, der Mann der Elisabeth. Sechshundert Kronen monatlich kosteten beide Töchter. Er wußte es ganz genau auswendig. Wenn der Regimentsarzt einmal blind werden sollte – er betrachtete die funkelnden Brillen. Er soll auf seine Frau aufpassen! Kurzsichtigen darf es auch nicht schwerfallen!

»Wie spät ist es jetzt?« fragte er, sehr freundlich und sehr harmlos.

»Bald sieben!« sagte der Doktor.

»Ich werde mich anziehn!« entschied der Schwiegervater. Er stand auf, nickte und wallte würdig und langsam zur Tür hinaus.

Der Regimentsarzt blieb. Nach der vertrauten Einsamkeit des Friedhofs schien ihm die Einsamkeit im eigenen Hause riesengroß, ungewohnt, feindlich beinahe. Zum erstenmal in seinem Leben schenkte er sich selbst einen Schnaps ein. Es war, als tränke er überhaupt zum erstenmal in seinem Leben. Ordnung machen, dachte er, man muß Ordnung machen. Er war entschlossen, mit seiner Frau zu sprechen. Er trat in den Korridor. »Wo ist meine Frau?« »Im Schlafzimmer!« sagte der Bursche. Anklopfen? fragte sich der Doktor. Nein! befahl sein eisernes Herz. Er klinkte die Tür auf. Seine Frau stand, in blauen Höschen, eine große, rosarote Puderquaste in der Hand, vor dem Schrankspiegel. »Ach!« schrie sie und hielt eine Hand vor die Brust. Der Regimentsarzt blieb an der Tür. »Du bist es?« sagte die Frau. Es war eine Frage, sie klang wie ein Gähnen. »Ich bin es!« antwortete der Regimentsarzt mit fester Stimme. Ihm war, als spräche ein anderer. Er hatte die Brille an; aber er sprach in einen Nebel. »Dein Vater«, begann er, »hat mir gesagt, daß der Leutnant Trotta hier war!«

Sie wandte sich um. Sie stand in den blauen Höschen, die Quaste, wie eine Waffe in der Rechten, gegen ihren Mann gewendet und sagte mit zwitschernder Stimme: »Dein Freund, der Trotta, war hier! Papa ist gekommen! Hast ihn schon gesehn?«

»Eben darum!« sagte der Regimentsarzt und wußte sofort, daß er verspielt hatte.

Es blieb eine Weile still.

»Warum klopfst du nicht?« fragte sie.

»Ich wollte dir eine Freude machen!«

»Du erschreckst mich!«

»Ich –«, begann der Regimentsarzt. Er wollte sagen: Ich bin dein Mann!

Aber er sagte: »Ich liebe dich!«

Er liebte sie in der Tat. Sie stand da, in blauen Höschen, die rosarote Puderquaste in der Hand. Und er liebte sie.

Ich bin ja eifersüchtig, dachte er. Er sagte: »Ich hab's nicht gern, wenn die Leute ins Haus kommen, und ich weiß nichts davon!«

»Er ist ein reizender Bursche!« sagte die Frau und begann, sich langsam und ausgiebig vor dem Spiegel zu pudern.

Der Regimentsarzt trat nahe an seine Frau heran und ergriff ihre Schultern. Er sah in den Spiegel. Er sah seine braunen, behaarten Hände auf ihren weißen Schultern. Sie lächelte. Er sah es, im Spiegel, das gläserne Echo ihres Lächelns. »Sei aufrichtig!« flehte er. Es war, als knieten seine Hände auf ihren Schultern. Er wußte sofort, daß sie nicht aufrichtig sein würde. Und er wiederholte: »Sei aufrichtig, bitte!« Er sah, wie sie mit hurtigen, blassen Händen ihre blonden Haare an den Schläfen lockerte. Eine überflüssige Bewegung: Sie regte ihn auf. Aus dem Spiegel traf ihn ihr Blick, ein grauer, kühler, trockener und flinker Blick, wie ein stählernes Geschoß. Ich liebe sie, dachte der Regimentsarzt. Sie tut mir weh, und ich liebe sie. Er fragte: »Bist du mir bös, daß ich den ganzen Nachmittag fort war?«

Sie wandte sich halb um. Jetzt saß sie, den Oberkörper in den Hüften verrenkt, ein lebloses Wesen, Modell aus Wachs und seidener Wäsche. Unter dem Vorhang ihrer langen, schwarzen Wimpern erschienen die hellen Augen, falsche, nachgemachte Blitze aus Eis. Ihre schmalen Hände lagen auf den Höschen wie weiße Vögel, gestickt auf blauseidenem Grund. Und mit einer tiefen Stimme, die er niemals von ihr vernommen zu haben glaubte und die ebenfalls ein Mechanismus in ihrer Brust hervorzubringen schien, sagte sie ganz langsam:

»Ich vermisse dich nie!«

Er begann, auf und ab zu gehn, ohne die Frau anzuschaun. Er schob zwei Stühle aus dem Weg. Es war ihm, als müßte er vieles noch aus seinem Weg räumen, die Wände vielleicht wegschieben, mit dem Kopf die Decke zertrümmern, mit den Füßen die Dielen in die Erde treten. Seine Sporen klirrten ihm leise in die Ohren, von ferne her, als trüge sie ein anderer. Ein einziges Wort belebte seinen Kopf, es rauschte hin und zurück, es flog durch sein Gehirn, unaufhörlich. Aus, aus, aus! Ein kleines Wort. Hurtig, federleicht und zentnerschwer zugleich flog es durch sein Gehirn. Seine Schritte wurden immer schneller, die Füße hielten gleichen Takt mit dem beschwingten Pendelschlag des Wortes in seinem Kopf. Plötzlich blieb er stehen: »Du liebst mich also nicht?« fragte er. Er war sicher, daß sie nicht darauf antworten würde. Schweigen wird sie, dachte er. Sie antwortete: »Nein!« Sie hob den schwarzen Vorhang ihrer Wimpern und maß ihn mit nackten, schrecklich nackten Augen, von Kopf zu Fuß und fügte hinzu: »Du bist ja betrunken!«

Es wurde ihm klar, daß er zuviel getrunken hatte. Er dachte befriedigt: Ich bin betrunken und will es auch. Und er sagte, mit einer fremden Stimme, als hätte er jetzt die Pflicht, betrunken und nicht er selbst zu sein: »So, aha!« Nach seinen unklaren Vorstellungen waren es diese Worte und dieser Klang, die ein betrunkener Mann in solchen Augenblicken zu singen hatte. Er sang also. Und er tat ein übriges. »Ich werde dich töten!« sagte er ganz langsam.

»Töte mich!« zwitscherte sie mit ihrer alten, hellen, gewohnten Stimme. Sie erhob sich. Sie erhob sich flink und geschmeidig, die Puderquaste in der Rechten. Der schlanke und volle Schwung ihrer seidenen Beine erinnerte ihn flüchtig an Gliedmaßen in den Schaufenstern der Modehäuser, die ganze Frau war zusammengesetzt, aus Stücken zusammengesetzt. Er liebte sie nicht mehr, er liebte sie nicht mehr. Er war erfüllt von einer Gehässigkeit, die er selbst haßte, einem Zorn, der wie ein unbekannter Feind aus fernen Gegenden zu ihm gekommen war und nun in seinem Herzen wohnte. Er sagte laut, was er vor einer Stunde gedacht hatte: »Ordnung machen! Ich werde Ordnung machen«

Sie lachte, mit einer schallenden Stimme, die er nicht kannte. Eine Theaterstimme! dachte er. Ein unbezwinglicher Drang, ihr zu beweisen, daß er Ordnung machen könne, gab seinen Muskeln Fülle, seinen schwachen Augen eine ungewöhnliche Stärke. Er sagte: »Ich lasse dich mit deinem Vater allein! Ich gehe den Trotta aufsuchen!«

»Geh nur, geh!« sagte die Frau.

Er ging. Er kehrte, bevor er das Haus verließ, noch einmal ins Herrenzimmer zurück, um einen Schnaps zu trinken. Er kehrte zum Alkohol zurück wie zu einem heimischen Freund, zum erstenmal in seinem Leben. Er schenkte sich ein Gläschen ein, noch eines und ein drittes. Er verließ das Haus mit klirrenden Schritten. Er ging ins Kasino. Er fragte die Ordonnanz: »Wo ist Herr Leutnant Trotta?«

Leutnant Trotta war nicht im Kasino.

Der Regimentsarzt schlug die schnurgerade Landstraße ein, die zur Kaserne führte. Schon war der Mond im Abnehmen. Er leuchtete noch silbern und stark, beinahe ein Vollmond. Auf der stillen Landstraße rührte sich kein Hauch. Die dürren Schatten der kahlen Kastanien zu beiden Seiten zeichneten ein verworrenes Netz auf die leichtgewölbte Mitte der Straße. Hart und gefroren klang der Schritt Doktor Demants. Er ging zum Leutnant Trotta. Er sah von ferne, in bläulichem Weiß, die mächtige Mauer der Kaserne, er ging auf sie los, auf die feindliche Burg. Ihm entgegen kam der kalte, blecherne Ton des Zapfenstreichs, Doktor Demant marschierte geradewegs auf die gefrorenen, metallenen Töne zu, er zertrat sie. Bald, jeden Augenblick, mußte der Leutnant Trotta erscheinen. Er löste sich, ein schwarzer Strich, von dem mächtigen Weiß der Kaserne und näherte sich dem Doktor. Noch drei Minuten. Sie standen einander gegenüber. Jetzt standen sie einander gegenüber. Der Leutnant salutierte. Doktor Demant hörte sich selbst wie aus einer unendlichen Ferne: »Sie waren heute nachmittag bei meiner Frau, Herr Leutnant?«

Die Frage widerhallte vom blauen, gläsernen Gewölbe des Himmels. Längst, seit Wochen, sagten sie einander du. Sie sagten einander du. Nun aber standen sie sich gegenüber wie Feinde.

»Ich war heute nachmittag bei Ihrer Frau, Herr Regimentsarzt!« sagte der Leutnant.

Doktor Demant trat ganz nahe an den Leutnant: »Was gibt es zwischen meiner Frau und Ihnen, Herr Leutnant?« Die starken Brillengläser des Doktors funkelten. Der Regimentsarzt hatte keine Augen mehr, nur Brillen.

Carl Joseph schwieg. Es war, als gäbe es in der ganzen weiten, großen Welt keine Antwort auf die Frage Doktor Demants. Man hätte Jahrzehnte umsonst nach einer Antwort suchen können; als wäre die Sprache der Menschen ausgeschöpft und für ewige Zeiten verdorrt. Das Herz schlug mit schnellen, trockenen, harten Schlägen gegen die Rippen. Trocken und hart klebte die Zunge am Gaumen. Eine große, grausame Leere rauschte durch den Kopf. Es war, als stünde man knapp vor einer namenlosen Gefahr und als hätte sie einen zugleich bereits verschlungen. Man stand vor einem riesigen, schwarzen Abgrund:, und gleichzeitig war man bereits von seiner Finsternis überwölbt. Aus einer vereisten, glasigen Ferne erklangen die Worte Doktor Demants, tote Worte, Leichen von Worten: »Antworten Sie, Herr Leutnant!«

Nichts. Stille. Die Sterne funkeln, und der Mond schimmert. »Antworten Sie, Herr Leutnant!« Damit ist Carl Joseph gemeint, er muß antworten. Er nimmt die kümmerlichen Reste seiner Kräfte zusammen. Aus der rauschenden Leere in seinem Kopf schlängelt sich ein dünner, nichtswürdiger Satz. Der Leutnant schlägt die Absätze zusammen (aus militärischem Instinkt und auch, um irgendwie Geräusch zu hören), und das Klirren seiner Sporen beruhigt ihn. Und er sagt ganz leise: »Herr Regimentsarzt, zwischen Ihrer Frau und mir ist gar nichts!«

Nichts. Stille. Die Sterne funkeln, und der Mond schimmert. Doktor Demant sagt nichts. Aus toten Brillen schaut er Carl Joseph an. Der Leutnant wiederholt ganz leise: »Gar nichts, Herr Regimentsarzt!«

Er ist verrückt geworden, denkt der Leutnant. Und: Es ist zerbrochen! Es ist etwas zerbrochen. Es ist, als hätte er ein dürres, splitterndes Zerbrechen vernommen. Gebrochene Treue! fällt ihm ein, er hat die Wendung einmal gelesen. Zerbrochene Freundschaft. Ja, es ist eine zerbrochene Freundschaft.

Auf einmal weiß er, daß der Regimentsarzt seit Wochen sein Freund ist; ein Freund! Sie haben sich jeden Tag gesehn. Einmal ist er mit dem Regimentsarzt auf dem Friedhof, zwischen den Gräbern, spazierengegangen. »Es gibt so viel Tote«, sagte der Regimentsarzt. »Fühlst du nicht auch, wie man von den Toten lebt?« »Ich lebe vom Großvater«, sagte Trotta. Er sah das Bildnis des Helden von Solferino, verdämmernd unter dem Suffit des väterlichen Hauses. Ja, etwas Brüderliches klang aus dem Regimentsarzt, aus dem Herzen Doktor Demants schlug das Brüderliche wie ein Feuerchen. »Mein Großvater«, hat der Regimentsarzt gesagt, »war ein alter, großer Jude mit silbernem Bart!« Carl Joseph sah den alten, großen Juden mit dem silbernen Bart. Sie waren Enkel, sie waren beide Enkel. Wenn der Regimentsarzt sein Pferd besteigt, sieht er ein wenig lächerlich aus, kleiner, winziger als zu Fuß, das Pferd trägt ihn auf dem Rücken wie ein Säckchen Hafer. So kümmerlich reitet auch Carl Joseph. Er kennt sich genau. Er sieht sich wie im Spiegel. Es gibt zwei Offiziere im ganzen Regiment, hinter deren Rücken die andern zu tuscheln haben: Doktor Demant und der Enkel des Helden von Solferino! Zwei sind sie im ganzen Regiment. Zwei Freunde.

»Ihr Ehrenwort, Herr Leutnant?« fragt der Doktor. Ohne zu antworten, streckt Trotta seine Hand aus. Der Doktor sagt: »Danke!« und nimmt die Hand. Sie gehen zusammen die Landstraße zurück, zehn Schritte, zwanzig Schritte, und sprechen kein Wort.

Auf einmal beginnt der Regimentsarzt: »Du sollst es mir nicht übelnehmen. Ich habe getrunken. Mein Schwiegervater ist heute gekommen. Er hat dich gesehn. Sie liebt mich nicht. Sie liebt mich nicht. Kannst du verstehn?« – »Du bist jung!« sagt der Regimentsarzt nach einer Weile, als wollte er sagen, daß er vergeblich gesprochen hat. »Du bist jung!«

»Ich verstehe!« sagt Carl Joseph.

Sie marschieren im gleichen Schritt, ihre Sporen klirren, ihre Säbel scheppern. Gelblich und heimisch winken ihnen die Lichter der Stadt entgegen. Sie haben beide den Wunsch, die Straße möge kein Ende finden. Lange, lange möchten sie so nebeneinander marschieren. Jeder von den beiden hätte irgendein Wort zu sagen, und beide schweigen. Ein Wort, ein Wort ist leicht gesprochen. Es ist nicht gesprochen. Zum letztenmal, denkt der Leutnant, zum letztenmal gehen wir so nebeneinander her!

Jetzt erreichen sie die Stadtgrenze. Der Regimentsarzt muß noch etwas sagen, bevor sie die Stadt betreten. »Es ist nicht wegen meiner Frau«, sagt er. »Das ist ja unwichtig geworden! Damit bin ich fertig. Es ist deinetwegen.« Er wartet auf eine Antwort und weiß, daß keine kommen wird. »Es ist gut, ich danke dir!« sagt er ganz schnell. »Ich gehe noch ins Kasino. Kommst du mit?«

Nein. Leutnant Trotta geht heute nicht ins Kasino. Er kehrt um. »Gute Nacht!« sagt er und macht kehrt. Er geht in die Kaserne.

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