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Radetzkymarsch

Joseph Roth: Radetzkymarsch - Kapitel 5
Quellenangabe
pfad/roth/radetzky/radetzky.xml
typefiction
authorJoseph Roth
titleRadetzkymarsch
publisherKiepenheuer & Witsch
isbn3462023799
year1994
firstpub
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
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V

Im Norden der Stadt lag die Kaserne. Sie schloß die breite und wohlgepflegte Landstraße ab, die hinter dem roten Ziegelbau ein neues Leben begann und weit ins blaue Land hineinführte. Es schien, als wäre die Kaserne als ein Zeichen der habsburgischen Macht von der kaiser- und königlichen Armee in die slawische Provinz hineingestellt worden. Der uralten Landstraße selbst, die von der jahrhundertelangen Wanderung slawischer Geschlechter so breit und geräumig geworden war, verstellte sie den Weg. Die Landstraße mußte ihr ausweichen. Sie machte einen Bogen um die Kaserne. Stand man am äußersten Nordrand der Stadt am Ende der Straße, dort, wo die Häuser immer kleiner wurden und schließlich zu dörflichen Hütten, so konnte man an klaren Tagen in der Ferne das breite, gewölbte, schwarzgelbe Tor der Kaserne erblicken, das wie ein mächtiges habsburgisches Schild der Stadt entgegengehalten wurde, eine Drohung, ein Schutz und beides zugleich. Das Regiment war in Mähren gelegen. Aber seine Mannschaft bestand nicht aus Tschechen, wie man hätte glauben mögen, sondern aus Ukrainern und Rumänen.

Zweimal in der Woche fanden die militärischen Übungen im südlichen Gelände statt. Zweimal in der Woche ritt das Regiment durch die Straßen der kleinen Stadt. Der helle und schmetternde Ton der Trompeten unterbrach in regelmäßigen Abständen das regelmäßige Klappern der Pferdehufe, und die roten Hosen der berittenen Männer auf den glänzenden, braunen Leibern der Rösser erfüllten das Städtchen mit blutiger Pracht. An den Straßenrändern blieben die Bürger stehn. Die Kaufleute verließen ihre Läden, die müßigen Besucher der Kaffeehäuser ihre Tische, die städtischen Polizisten ihre gewohnten Posten und die Bauern, die mit frischem Gemüse aus den Dörfern auf den Marktplatz gekommen waren, ihre Pferde und Wagen. Nur die Kutscher auf den wenigen Fiakern, die ihren Standplatz in der Nähe des städtischen Parks hatten, blieben unbeweglich auf den Böcken sitzen. Von oben her übersahen sie das militärische Schauspiel noch besser als die am Straßenrand Stehenden. Und die alten Gäule schienen mit dumpfem Gleichmut die prachtvolle Ankunft ihrer jüngeren und gesünderen Genossen zu begrüßen. Die Rösser der Kavalleristen waren weit entfernte Verwandte der trüben Pferde, die seit fünfzehn Jahren nur Droschken zum Bahnhof führten und zurück.

Carl Joseph, Freiherrn von Trotta, blieben die Tiere gleichgültig. Manchmal glaubte er, in sich das Blut seiner Ahnen zu fühlen: Sie waren keine Reiter gewesen. Die kämmende Egge in den harten Händen, hatten sie Schritt vor Schritt auf die Erde gesetzt. Sie stießen den furchenden Pflug in die saftigen Schollen des Ackers und gingen mit geknickten Knien hinter dem wuchtigen Zweigespann der Ochsen einher. Mit Weidenruten trieben sie die Tiere an, nicht mit Sporen und Peitsche. Die geschliffene Sense schwangen sie im hocherhobenen Arm wie einen Blitz, und sie mähten den Segen, den sie selbst gesät hatten. Der Vater des Großvaters noch war ein Bauer gewesen. Sipolje war der Name des Dorfes, aus dem sie stammten. Sipolje: Das Wort hatte eine alte Bedeutung. Auch den heutigen Slowenen war es kaum mehr bekannt. Carl Joseph aber glaubte, es zu kennen, das Dorf. Er sah es, wenn er an das Porträt seines Großvaters dachte, das verdämmernd unter dem Suffit des Herrenzimmers hing. Eingebettet lag es zwischen unbekannten Bergen, unter dem goldenen Glanz einer unbekannten Sonne, mit armseligen Hütten aus Lehm und Stroh. Ein schönes Dorf, ein gutes Dorf! Man hätte seine Offizierskarriere darum gegeben!

Ach, man war kein Bauer, man war Baron und Leutnant bei den Ulanen! Man hatte kein eigenes Zimmer in der Stadt wie die andern. Carl Joseph wohnte in der Kaserne. Das Fenster seines Zimmers führte in den Hof. Gegenüber lagen die Mannschaftsstuben. Immer, wenn er in die Kaserne am Nachmittag heimkehrte und das große, doppelflügelige Tor sich hinter ihm schloß, hatte er die Empfindung, gefangen zu sein; niemals mehr würde es sich vor ihm auftun. Seine Sporen klirrten frostig auf der kahlen, steinernen Stiege, und der Tritt seiner Stiefel widerhallte auf dem hölzernen, braunen, geteerten Boden des Korridors. Die weißen, gekalkten Wände hielten das Licht des schwindenden Tages noch ein wenig gefangen und strahlten es jetzt wider, als achteten sie in ihrer kahlen Sparsamkeit noch darauf, daß die ärarischen Petroleumlampen in den Winkeln nicht früher entzündet würden, als bis der Abend vollständig eingebrochen wäre; als hätten sie zu rechter Zeit den Tag gesammelt, um ihn in der Not der Dunkelheit auszugeben. Er machte kein Licht, Carl Joseph. Die Stirn an das Fenster gepreßt, das ihn von der Finsternis scheinbar trennte und in Wirklichkeit wie die vertraute, kühle Außenwand der Finsternis selber war, sah er in die gelblich beleuchtete Traulichkeit der Mannschaftsstuben. Er hätte gern mit einem von den Männern getauscht. Dort saßen sie, halb ausgezogen, in den groben, gelblichen, ärarischen Hemden, ließen die nackten Füße über die Ränder ihrer Schlaffächer baumeln, sangen, sprachen und spielten Mundharmonika. Um diese Tageszeit – der Herbst war schon lange vorgerückt –, eine Stunde nach dem Befehl, anderthalb Stunden vor dem Zapfenstreich, glich die ganze Kaserne einem riesengroßen Schiff. Und es war Carl Joseph auch, als schaukelte sie leise und als bewegten sich die kümmerlichen, gelben Petroleumlampen mit den großen, weißen Schirmen im gleichmäßigen Rhythmus irgendwelcher Wellen eines unbekannten Ozeans. Die Leute sangen Lieder in einer unbekannten Sprache, in einer slawischen Sprache. Die alten Bauern von Sipolje hätten sie wohl verstanden! Der Großvater Carl Josephs noch hätte sie vielleicht verstanden! Sein rätselhaftes Bildnis verdämmerte unter dem Suffit des Herrenzimmers. An dieses Bildnis klammerte sich die Erinnerung Carl Josephs als an das einzige und letzte Zeichen, das ihm die unbekannte, lange Reihe seiner Vorfahren vermacht hatte. Ihr Nachkomme war er. Seitdem er zum Regiment eingerückt war, fühlte er sich als der Enkel seines Großvaters, nicht als der Sohn seines Vaters; ja, der Sohn seines merkwürdigen Großvaters war er. Ohne Unterlaß bliesen sie drüben die Mundharmonika. Er konnte deutlich die Bewegungen der groben, braunen Hände sehen, die das blecherne Instrument vor den roten Mündern hin- und zurückschoben, und hie und da das Aufblinken des Metalls. Die große Wehmut dieser Instrumente strömte durch die geschlossenen Fenster in das schwarze Rechteck des Hofes und erfüllte die Finsternis mit einer lichten Ahnung von Heimat und Weib und Kind und Hof. Daheim wohnten sie in niedrigen Hütten, befruchteten nächtens die Frauen und tagsüber die Felder! Weiß und hoch lag winters der Schnee um ihre Hütten. Gelb und hoch wogte im Sommer das Korn um ihre Hüften. Bauern waren sie, Bauern! Nicht anders hatte das Geschlecht der Trottas gelebt! Nicht anders!...

Weit vorgeschritten war schon der Herbst. Wenn man am Morgen aufsaß, tauchte die Sonne wie eine blutrote Orange am Ostrand des Himmels auf. Und wenn die Gelenksübungen auf der Wasserwiese begannen, in der breiten, grünlichen Lichtung, umrandet von schwärzlichen Tannen, erhoben sich schwerfällig die silbrigen Nebel, auseinandergerissen von den heftigen, regelmäßigen Bewegungen der dunkelblauen Uniformen. Blaß und schwermütig stieg dann die Sonne empor. Zwischen das schwarze Geäst brach ihr mattes Silber, kühl und fremd. Der frostige Schauer strich wie ein grausamer Kamm über die rostbraunen Felle der Rösser; und ihr Wiehern kam aus der nachbarlichen Lichtung, ein schmerzlicher Ruf nach Heimat und Stall. Man machte »Übungen mit dem Karabiner«. Carl Joseph konnte kaum die Rückkehr in die Kaserne abwarten. Er fürchtete die Viertelstunde »Rast«, die gegen zehn Uhr pünktlich eintrat, und das Gespräch mit den Kameraden, die sich manchmal in der nahen Wirtschaft zusammenfanden, um ein Bier zu trinken und den Obersten Kovacs zu erwarten. Noch peinlicher war der Abend im Kasino. Bald brach er an. Es war Pflicht zu erscheinen. Schon näherte sich die Stunde des Zapfenstreichs. Schon durcheilten die dunkelblauen, klirrenden Schatten der heimkehrenden Mannschaften das finstere Rechteck des Kasernenhofes. Schon trat drüben der Wachtmeister Reznicek aus der Tür, die gelblich blinkende Laterne in der Hand, und die Bläser versammelten sich in der Finsternis. Die gelben Messinginstrumente schimmerten vor dem dunklen, leuchtenden Blau der Uniformen. Aus den Ställen kam das schläfrige Wiehern der Pferde. Am Himmel die Sterne blinzelten golden und silbrig.

Es klopfte an der Tür, Carl Joseph rührte sich nicht. Es ist sein Diener, er wird schon eintreten. Sofort wird er eintreten. Er heißt Onufrij. Wie lange hat man gebraucht, um sich diesen Namen zu merken! Onufrij! Dem Großvater wäre der Name noch geläufig gewesen. –

Onufrij trat ein. Carl Joseph preßte die Stirn gegen das Fenster. Er hörte im Rücken den Diener die Hacken zusammenschlagen. Es war Mittwoch heute. Onufrij hatte »Ausgang«. Man mußte Licht machen und einen Zettel unterschreiben. »Machen Sie Licht!« befahl Carl Joseph, ohne sich umzusehen. Drüben spielten die Leute immer noch Mundharmonika.

Onufrij machte Licht. Carl Joseph hörte das Knacken des Schalters an der Türleiste. Es wurde ganz hell drinnen, hinter dem Rücken. Vor dem Fenster starrte immer noch die rechteckige Finsternis, und drüben blinzelte das gelbe, heimische Licht der Mannschaftsstuben. (Das elektrische Licht war ein Privileg der Offiziere.)

»Wohin gehst du heute?« fragte Carl Joseph und sah immer noch in die Mannschaftsstuben. »Zu Mädchen!« sagte Onufrij. Zum erstenmal hatte ihm heute der Leutnant du gesagt. »Zu welchem Mädchen?« fragte Carl Joseph. »Zu Katharina!« sagte Onufrij. Man hörte, wie er »Habt acht« stand. »Ruht!« kommandierte Carl Joseph. Onufrij schob hörbar den rechten Fuß vor den linken.

Carl Joseph wandte sich um. Vor ihm stand Onufrij, die großen Pferdezähne schimmerten zwischen den breiten, roten Lippen. Er konnte nicht »Ruht!« stehn, ohne zu lächeln. »Wie sieht sie aus, deine Katharina?« fragte Carl Joseph. »Herr Leutnant, melde gehorsamst, große, weiße Brust!«

»Große, weiße Brust!« Der Leutnant höhlte die Hände und fühlte eine kühle Erinnerung an die Brüste Kathis. Tot war sie, tot!

»Den Zettel!« befahl Carl Joseph. Onufrij hielt den Dienstzettel hin. »Wo ist Katharina?« fragte Carl Joseph. »Dienstmädchen bei Herrschaften!« erwiderte Onufrij. Und »große, weiße Brust!« fügte er glücklich hinzu. »Gib her!« sagte Carl Joseph. Er nahm den Dienstzettel, glättete ihn, unterschrieb. »Geh zu Katharina!« sagte Carl Joseph. Onufrij schlug noch einmal die Hacken zusammen. »Abtreten!« befahl Carl Joseph.

Er knipste das Licht aus. Er tastete im Dunkeln nach seinem Mantel. Er trat in den Korridor. In dem Augenblick, in dem er unten die Tür schloß, setzten die Bläser zum letzten Abgesang des Zapfenstreiches an. Die Sterne am Himmel flimmerten. Der Posten vor dem Tor salutierte. Hinter Carl Josephs Rücken schloß sich das Tor. Silbern im Mondlicht schimmerte die Straße. Die gelben Lichter der Stadt grüßten herüber wie heruntergefallene Sterne. Der Schritt klang hart auf dem frisch gefrorenen, herbstlich-nächtlichen Boden. Hinter dem Rücken vernahm er die Stiefel Onufrijs. Der Leutnant ging schneller, um sich nicht vom Diener überholen zu lassen. Aber auch Onufrij beschleunigte den Schritt. So liefen sie auf der einsamen, harten und widerhallenden Straße, einer hinter dem andern. Offenbar machte es Onufrij Freude, seinen Leutnant einzuholen. Carl Joseph blieb stehen und wartete. Onufrij reckte sich deutlich im Mondlicht, er schien zu wachsen, er hob den Kopf gegen die Sterne, als bezöge er von dorther neue Kraft für die Begegnung mit seinem Herrn. Seine Arme bewegte er ruckartig, im gleichen Rhythmus wie die Beine; es war, als träte er auch die Luft mit den Händen. Drei Schritte vor Carl Joseph blieb er stehen, die Brust noch einmal reckend, mit einem fürchterlichen Knall der Stiefelabsätze, und die Hand salutierte mit zusammengewachsenen fünf Fingern. Ratlos lächelte Carl Joseph. Jeder andere, dachte er, wüßte etwas Nettes zu sagen. Es war rührend, wie ihm Onufrij folgte. Er hatte ihn eigentlich niemals genau angesehen. Solange er den Namen nicht behalten konnte, war es ihm auch unmöglich gewesen, das Angesicht zu betrachten. Es war so, als hätte er jeden Tag einen anderen Burschen gehabt. Die anderen sprachen von ihren Burschen mit kennerischer Sorgfalt, wie von Mädchen, Kleidern, Lieblingsspeisen und Pferden. Carl Joseph dachte an den alten Jacques zu Hause, wenn von Dienern die Rede war, an den alten Jacques, der noch dem Großvater gedient hatte. Es gab, außer dem alten Jacques, keinen Diener auf der Welt! Jetzt stand Onufrij vor ihm auf der mondbelichteten Landstraße, mit mächtig aufgepumptem Brustkorb, mit glitzernden Knöpfen, spiegelnd gewichsten Stiefeln und im breiten Angesicht eine krampfhaft verborgene Freude über die Zusammenkunft mit dem Leutnant. »Stehen S'! Ruht!« sagte Carl Joseph.

Er hätte etwas Liebenswürdigeres sagen mögen. Der Großvater hätte es zu Jacques gesagt. Onufrij setzte knallend den rechten Fuß vor den linken. Sein Brustkorb blieb aufgepumpt, der Befehl hatte keine Wirkung. »Stehen S' kommod!« sagte Joseph, etwas traurig und ungeduldig. »Steh' ich kommod, melde gehorsamst!« erwiderte Onufrij. »Wohnt sie weit von hier, dein Mädchen?« fragte Carl Joseph. »Nicht weit, eine Stunde Marsch, melde gehorsamst, Herr Leutnant!« – Nein, es ging nicht! Carl Joseph konnte kein Wort mehr finden. Er würgte an irgendeiner unbekannten Zärtlichkeit, er wußte nicht, mit Burschen umzugehen! Mit wem denn sonst? Seine Ratlosigkeit war groß, auch vor den Kameraden fand er kaum ein Wort. Warum flüsterten sie alle, wenn er sich von ihnen abwandte und ehe er zu ihnen stieß? Warum saß er so schlecht zu Pferd? Ach, er kannte sich! Er sah seine Silhouette wie im Spiegel, man konnte ihm nichts einreden. Hinter seinem Rücken zischelten die geheimen Reden der Kameraden. Ihre Antworten begriff er erst, nachdem man sie ihm erklärt hatte, und auch dann konnte er nicht lachen; dann erst recht nicht! Der Oberst Kovacs liebte ihn dennoch. Und er hatte sicher eine ausgezeichnete Konduitenliste. Man lebte im Schatten des Großvaters! Das war es! Man war ein Enkel des Helden von Solferino, der einzige Enkel. Man fühlte den dunklen, rätselhaften Blick des Großvaters im Nacken! Man war der Enkel des Helden von Solferino!

Ein paar Minuten lang standen Carl Joseph und sein Bursche Onufrij einander schweigend gegenüber, auf der milchig schimmernden Landstraße. Der Mond und die Stille verlängerten noch die Minuten. Onufrij rührte sich nicht. Er stand wie ein Denkmal, überglänzt vom silbernen Mond. Carl Joseph wandte sich plötzlich um und begann zu marschieren. Genau drei Schritte hinter ihm folgte Onufrij. Carl Joseph hörte den regelmäßigen Aufschlag der schweren Stiefel und den eisernen Klang der Sporen. Es war die Treue selbst, die ihm folgte. Jeder Aufschlag des Stiefels war wie ein neues, kurzes, gestampftes Gelöbnis soldatischer Burschentreue. Carl Joseph fürchtete umzukehren. Er wünschte, daß diese schnurgerade Straße plötzlich eine unerwartete, unbekannte Abzweigung böte, einen Seitenweg; Flucht vor der beharrlichen Dienstfertigkeit Onufrijs. Der Bursche folgte ihm im gleichen Takt. Der Leutnant bemühte sich, mit den Stiefeln hinter seinem Rücken Schritt zu halten. Er fürchtete, Onufrij zu enttäuschen, wenn er den Schritt etwas achtlos wechselte. In den zuverlässig aufstampfenden Stiefeln war sie, die Treue Onufrijs. Und jeder neue Aufschlag rührte Carl Joseph. Es war, als versuchte dort hinter seinem Rücken ein ungelenker Kerl, mit schweren Sohlen an das Herz des Herrn zu klopfen; hilflose Zärtlichkeit eines gestiefelten und gespornten Bären.

Schließlich erreichten sie den Stadtrand. Carl Joseph war ein gutes Wort eingefallen, das für den Abschied taugte. Er wandte sich um und sagte: »Viel Vergnügen, Onufrij!« Und er bog schnell in die Seitengasse ein. Der Dank des Burschen traf ihn nur noch als fernes Echo. Er mußte einen Umweg machen. Er erreichte das Kasino zehn Minuten später. Es lag im ersten Stock eines der besten Häuser am alten Ring. Alle Fenster strömten, wie jeden Abend, Licht auf den Platz, auf den Korso der Bevölkerung. Es war spät, man mußte sich geschickt durch die dichten Scharen der spazierfreudigen Bürger und ihrer Frauen winden. Tag für Tag bereitete es dem Leutnant unsagbare Pein, in klirrender Buntheit zwischen den dunklen Zivilisten aufzutauchen, von neugierigen, gehässigen und lüsternen Blicken getroffen zu werden und schließlich wie ein Gott in die hellerleuchtete Toreinfahrt des Kasinos einzutauchen. Er schlängelte sich hurtig durch die Korsobesucher. Zwei Minuten dauerte der ziemlich lange Korso, ekelhafte zwei Minuten. Er nahm zwei Stufen auf einmal. Niemandem begegnen! Begegnungen auf der Treppe mußte man meiden: schlimme Vorzeichen. Wärme, Licht und Stimmen kamen ihm im Flur entgegen. Er trat ein, er tauschte Grüße aus. Er suchte den Obersten Kovacs im gewohnten Winkel. Dort spielte er jeden Abend Domino, jeden Abend mit einem andern Herrn. Er spielte Domino mit Begeisterung; vielleicht aus einer unmäßigen Angst vor Karten. »Ich habe noch nie eine Karte in der Hand gehabt«, pflegte er zu sagen. Nicht ohne Gehässigkeit sprach er das Wort »Karten« aus; und er zeigte dabei mit dem Blick in die Richtung seiner Hände, als hielte er in ihnen seinen tadellosen Charakter. »Ich empfehle euch«, fuhr er manchmal fort, »das Dominospiel, meine Herren! Es ist sauber und erzieht zur Mäßigkeit.« Und er hob gelegentlich einen der schwarzweißen, vieläugigen Steine in die Höhe, wie ein magisches Instrument, mit dem man lasterhafte Kartenspieler von ihrem Teufel befreien kann.

Heute war der Rittmeister Taittinger an der Reihe, den Dominodienst zu versehen. Das Angesicht des Obersten warf einen bläulichroten Widerschein auf das gelbliche, hagere des Rittmeisters. Carl Joseph blieb mit sanftem Klirren vor dem Obersten stehn. »Servus!« sagte der Oberst, ohne von den Dominosteinen aufzusehn. Er war ein gemütlicher Mann, der Oberst Kovacs. Seit Jahren hatte er sich eine väterliche Haltung angewöhnt. Und nur einmal im Monat geriet er in einen künstlichen Zorn, vor dem er selbst mehr Angst hatte als das Regiment. Jeder Anlaß war ihm da willkommen. Er schrie, daß die Wände der Kaserne und die alten Bäume rings um die Wasserwiese bebten. Sein blaurotes Angesicht wurde blaß bis in die Lippen, und seine Reitpeitsche schlug in zitternder Unermüdlichkeit gegen den Stiefelschaft. Er schrie lauter wirres Zeug, zwischen dem lediglich die rastlos wiederkehrenden, zusammenhanglos vorgebrachten Worte »in meinem Regiment« leiser klangen als alles andere. Er machte endlich halt, ohne Grund, genauso, wie er angefangen hatte, und verließ die Kanzlei, das Kasino, den Exerzierplatz oder was er sonst immer zum Schauplatz seines Gewitters gewählt hatte. Ja, man kannte ihn, den Obersten Kovacs, das gute Tier! Man konnte sich auf die Regelmäßigkeit seiner Zornausbrüche verlassen wie auf die Wiederkehr der Mondphasen. Rittmeister Taittinger, der sich schon zweimal hatte transferieren lassen und der eine genaue Kenntnis von Vorgesetzten besaß, bezeugte jedermann unermüdlich, daß es in der ganzen Armee keinen harmloseren Regimentskommandanten gebe.

Oberst Kovacs sah schließlich von der Dominopartie auf und gab Trotta die Hand. »Schon gegessen?« fragte er. »Schade«, sagte er weiter und sein Blick verlor sich in einer rätselhaften Ferne: »Das Schnitzel war heute ausgezeichnet.« Und »ausgezeichnet!« wiederholte er eine Weile später. Es tat ihm leid, daß Trotta das Schnitzel versäumt hatte. Er hätte es dem Leutnant gern noch einmal vorgekaut; zumindest zugesehen, wie man eines mit Appetit verzehrt. »Na, gute Unterhaltung!« sagte er schließlich und wandte sich wieder den Dominosteinen zu.

Die Verwirrung war um diese Stunde groß, man konnte keinen angenehmen Platz mehr finden. Rittmeister Taittinger, der die Messe seit undenklichen Zeiten verwaltete und dessen einzige Leidenschaft der Genuß von süßem Backwerk war, hatte das Kasino im Laufe der Zeit nach dem Muster jener Zuckerbäckerei eingerichtet, in der er jeden Nachmittag verbrachte. Man konnte ihn dort hinter der Glastür sitzen sehen, in der düsteren Unbeweglichkeit einer merkwürdigen uniformierten Reklamefigur. Er war der beste Stammgast der Konditorei, wahrscheinlich auch ihr hungrigster. Ohne sein gramvolles Angesicht um eine Spur zu beleben, verschlang er einen Teller Süßigkeiten nach dem andern, nippte von Zeit zu Zeit am Wasserglas, sah unbeweglich durch die Glastür auf die Straße, nickte gemessen, wenn ein vorbeikommender Soldat salutierte, und in seinem großen, mageren Schädel mit den spärlichen Haaren schien einfach gar nichts vorzugehen. Er war ein sanfter und sehr fauler Offizier. Die Beschäftigung mit den Angelegenheiten der Messe, ihrer Küche, der Köche, der Ordonnanzen, des Weinkellers war ihm unter allen dienstlichen Obliegenheiten die einzig genehme. Und seine ausgedehnte Korrespondenz mit Weinhändlern und Likörfabrikanten beschäftigte nicht weniger als zwei Kanzleischreiber. Es gelang ihm im Laufe der Jahre, die Einrichtung des Kasinos jener der geliebten Konditorei anzugleichen, niedliche Tischchen in den Winkeln aufzustellen und die Tischlampen mit rötlichen Schirmen zu bekleiden.

Carl Joseph blickte um sich. Er suchte einen erträglichen Platz. Zwischen dem Fähnrich in der Reserve Bärenstein, Ritter von Zaloga, einem jüngst geadelten reichen Advokaten, und dem rosigen Leutnant Kindermann, reichsdeutscher Abkunft, war man verhältnismäßig am sichersten. Der Fähnrich, zu dessen gesetztem Alter und leicht gewölbtem Bauch die jugendliche Charge so wenig paßte, daß er aussah wie ein militärisch verkleideter Bürger, und dessen Angesicht mit dem kleinen, kohlschwarzen Schnurrbart befremdete, weil ihm gleichsam ein naturnotwendiger Zwicker fehlte, strömte in diesem Kasino eine zuverlässige Würde aus. Er erinnerte Carl Joseph an eine Art Hausarzt oder Onkel. Ihm allein in diesen zwei großen Sälen glaubte man, daß er wirklich und ehrlich saß – während die andern auf ihren Sitzen herumzuhüpfen schienen. Das einzige Zugeständnis, das der Fähnrich Doktor Bärenstein außer seiner Uniform dem Militär machte, war das Monokel während seiner Dienstzeit; denn er trug tatsächlich einen Zwicker in seinem bürgerlichen Leben.

Beruhigender als die andern war auch der Leutnant Kindermann, kein Zweifel. Er bestand aus einer blonden, rosigen und durchsichtigen Substanz, man hätte beinahe durch ihn durchgreifen können wie durch einen abendlich besonnten, luftigen Dunst. Alles, was er sagte, war luftig und durchsichtig, aus seinem Wesen fortgehaucht, ohne daß er sich vermindert hätte. Und der Ernst sogar, mit dem er den ernsten Gesprächen folgte, hatte etwas sonnig Lächelndes. Ein heiteres Nichts, saß er am Tischchen. »Servus!« pfiff er mit seiner hohen Stimme, von der Oberst Kovacs sagte, sie sei eines der Blasinstrumente der preußischen Armee. Fähnrich in der Reserve Bärenstein erhob sich vorschriftsgemäß, aber gravitätisch. »Respekt, Herr Leutnant!« sagte er. Guten Abend, Herr Doktor! hätte Carl Joseph ehrfurchtsvoll beinahe geantwortet. »Ich störe nicht?« fragte er nur und setzte sich. »Der Doktor Demant kommt heute zurück«, begann Bärenstein, »ich bin ihm zufällig am Nachmittag begegnet!« »Ein reizender Kerl«, flötete Kindermann, es klang wie ein zarter Windhauch, der über eine Harfe streicht, hinter dem starken, forensischen Bariton Bärensteins. Kindermann, ständig darauf bedacht, sein äußerst schwaches Interesse für Frauen durch eine besondere Aufmerksamkeit wettzumachen, die er ihnen zu widmen vorgab, bekundete ferner: »Und seine Frau – kennt ihr sie? – ein reizendes Geschöpf, eine charmante Frau!« Und er hob bei dem Wort »charmant« seine Hand, an der die lockeren Finger in der Luft tänzelten. »Ich hab' sie noch als junges Mädel gekannt«, sagte der Fähnrich. »Interessant«, sagte Kindermann. Er heuchelte deutlich. »Ihr Vater war früher einer der reichsten Hutfabrikanten«, fuhr der Fähnrich fort. Es war, als läse er in Akten. Er schien über seinen Satz erschrocken und hielt ein. Das Wort »Hutfabrikanten« klang ihm zu zivilistisch, er saß schließlich nicht mit Rechtsanwälten zusammen. Er schwor sich im stillen zu, von nun ab jeden Satz genau vorher zu überlegen. Soviel war er der Kavallerie schon schuldig. Er versuchte, Trotta anzusehen. Der saß just an der Linken, und vor dem rechten Auge trug Bärenstein das Monokel. Deutlich konnte er nur den Leutnant Kindermann sehen: und der war gleichgültig. Um zu erkennen, ob die familiäre Erwähnung des Hutfabrikanten einen niederschmetternden Eindruck auf den Leutnant Trotta gemacht habe, zog Bärenstein sein Zigarettenetui und hielt es links hin, entsann sich gleichzeitig, daß Kindermann rangälter war, und sagte, nach rechts gewandt, hastig: »Pardon!«

Schweigend rauchten jetzt alle drei. Carl Josephs Blicke richteten sich gegen das Bildnis des Kaisers an der Wand gegenüber. Da war Franz Joseph in blütenweißer Generalsuniform, die breite, blutrote Schärpe quer über der Brust und den Orden des goldenen Vlieses am Halse. Der große, schwarze Feldmarschallshut mit dem üppigen, pfauengrünen Reiherbusch lag neben dem Kaiser auf einem wacklig aussehenden Tischchen. Das Bild schien ganz fern zu hängen, weiter war es als die Wand. Carl Joseph erinnerte sich, daß ihm dieses Bildnis in den ersten Tagen, da er eingerückt war, einen gewissen stolzen Trost bedeutet hatte. Damals war es jeden Augenblick so gewesen, als könnte der Kaiser aus dem schmalen, schwarzen Rahmen treten. Allmählich aber bekam der Allerhöchste Kriegsherr das gleichgültige, gewohnte und unbeachtete Angesicht, das seine Briefmarken und seine Münzen zeigten. Sein Bild hing an der Wand des Kasinos, eine merkwürdige Art von einem Opfer, das ein Gott sich selber darbringt... seine Augen – früher einmal hatten sie an sommerliche Ferienhimmel erinnert – bestanden nunmehr aus einem harten, blauen Porzellan. Und es war immer noch der gleiche Kaiser! Daheim, im Arbeitszimmer des Bezirkshauptmanns hing dieses Bild ebenfalls. Es hing in der großen Aula der Kadettenschule. Es hing in der Kanzlei des Obersten in der Kaserne. Und hunderttausendmal verstreut im ganzen weiten Reich war der Kaiser Franz Joseph, allgegenwärtig unter seinen Untertanen wie Gott in der Welt. Ihm hatte der Held von Solferino das Leben gerettet. Der Held von Solferino war alt geworden und gestorben. Jetzt fraßen ihn die Würmer. Und sein Sohn, der Bezirkshauptmann, der Vater Carl Josephs, wurde auch schon ein alter Mann. Bald werden auch ihn die Würmer fressen. Nur der Kaiser, der Kaiser schien eines Tages, innerhalb einer ganz bestimmten Stunde alt geworden zu sein; und seit jener Stunde in seiner eisigen und ewigen, silbernen und schrecklichen Greisenhaftigkeit eingeschlossen zu bleiben, wie in einem Panzer aus ehrfurchtgebietendem Kristall. Die Jahre wagten sich nicht an ihn heran. Immer blauer und immer härter wurde sein Auge. Seine Gnade selbst, die über der Familie der Trottas ruhte, war eine Last aus scheidendem Eis. Und Carl Joseph fror es unter dem blauen Blick seines Kaisers. Daheim, er erinnerte sich, wenn er zu den Ferien heimgekehrt war und am Sonntag, vor dem Mittagessen, der Kapellmeister Nechwal seine Militärkapelle im vorgeschriebenen Rund aufgestellt hatte, war man bereit gewesen, für diesen Kaiser in einem wonnigen, warmen und süßen Tod dahinzusterben. Lebendig war das Vermächtnis des Großvaters gewesen, dem Kaiser das Leben zu retten. Und ohne Unterbrechung rettete man, wenn man ein Trotta war, dem Kaiser das Leben. Nun war man kaum vier Monate im Regiment. Auf einmal war es, als bedurfte der Kaiser, unnahbar geborgen in seinem kristallenen Panzer, keiner Trottas mehr. Man hatte zu lange Frieden. Der Tod lag weit vor einem jungen Leutnant der Kavallerie, wie die letzte Stufe des vorschriftsmäßigen Avancements. Man wird einmal Oberst werden und hierauf sterben. Indessen ging man jeden Abend ins Kasino, man sah das Bild des Kaisers. Je länger der Leutnant Trotta es betrachtete, desto ferner wurde ihm der Kaiser.

»Da schau her!« flötete die Stimme Leutnant Kindermanns. »Der Trotta hat sich in den Alten verschaut!«

Carl Joseph lächelte Kindermann zu. Der Fähnrich Bärenstein hatte längst eine Partie Domino begonnen und war im Begriff zu verlieren. Er hielt es für eine Anstandspflicht zu verlieren, wenn er mit Aktiven spielte. Im Zivil gewann er immer. Er war sogar unter Rechtsanwälten ein gefürchteter Spieler. Wenn er aber zu den jährlichen Übungen einrückte, schaltete er seine Überlegung aus und bemühte sich, töricht zu werden. »Der verliert unaufhörlich«, sagte Kindermann zu Trotta. Der Leutnant Kindermann war überzeugt, daß die »Zivilisten« minderwertige Wesen waren. Nicht einmal im Domino konnten sie gewinnen.

Der Oberst saß immer noch in seiner Ecke mit dem Rittmeister Taittinger. Einige Herren wandelten gelangweilt zwischen den Tischchen. Sie wagten nicht, das Kasino zu verlassen, solange der Oberst spielte. Die sanfte Pendeluhr weinte jede Viertelstunde sehr deutlich und langsam, ihre wehmütige Melodie unterbrach das Klappern der Dominosteine und der Schachfiguren. Manchmal schlug eine der Ordonnanzen die Hacken zusammen, lief in die Küche und kehrte mit einem Gläschen Cognac auf einer lächerlich großen Platte wieder. Manchmal lachte einer schallend auf, und sah man in die Richtung, aus der das Gelächter kam, so erblickte man vier zusammengesteckte Köpfe und begriff, daß es sich um Witze handelte. Diese Witze! Diese Anekdoten, bei denen alle sofort erkannten, ob man aus Gefälligkeit mitlachte oder aus Verständnis! Sie schieden die Heimischen von den Fremden. Wer sie nicht verstand, gehörte nicht zu den Bodenständigen. Nein, nicht zu ihnen gehörte Carl Joseph!

Er war im Begriff, eine neue Partie zu dritt vorzuschlagen, als die Tür geöffnet wurde und die Ordonnanz mit einem auffällig lauten Knall der Stiefelhacken salutierte. Es wurde im Augenblick still. Der Oberst Kovacs sprang von seinem Sitz auf und sah nach der Tür. Kein anderer war eingetreten als der Regimentsarzt Demant. Er selbst erschrak über die Aufregung, die er verursacht hatte. Er blieb an der Tür stehn und lächelte. Die Ordonnanz an seiner Seite stand immer noch stramm und störte ihn sichtlich. Er winkte mit der Hand. Aber der Bursche merkte es nicht. Die starken Brillengläser des Doktors waren leicht überhaucht von dem herbstlichen Abendnebel draußen. Er war gewohnt, die Brille abzunehmen, um sie zu putzen, wenn er aus der kalten Luft in die Wärme trat. Hier aber wagte er es nicht. Es dauerte eine Weile, ehe er die Schwelle verließ. »Ah, schau her, da ist ja der Doktor!« rief der Oberst. Er schrie aus Leibeskräften, als gälte es, sich im Getümmel eines Volksfestes verständlich zu machen. Er glaubte, der Gute, daß Kurzsichtige auch taub seien und daß ihre Brillen klarer würden, wenn ihre Ohren besser hörten. Die Stimme des Obersten bahnte sich eine Gasse. Die Offiziere traten zurück. Die wenigen, die noch an den Tischen gesessen hatten, erhoben sich. Der Regimentsarzt setzte vorsichtig einen Fuß vor den andern, als ginge er auf Eis. Seine Brillengläser schienen allmählich klarer zu werden. Grüße kamen ihm von allen Seiten entgegen. Nicht ohne Mühe erkannte er die Herren wieder. Er beugte sich vor, um in den Gesichtern zu lesen, wie man in Büchern studiert. Vor dem Obersten Kovacs blieb er endlich stehen, mit gereckter Brust. Es sah stark übertrieben aus, wie er so den ewig vorgeneigten Kopf am dünnen Hals zurückwarf und seine abschüssigen, schmalen Schultern mit einem Ruck zu heben suchte. Man hatte ihn, während seines langen Krankheitsurlaubs, beinahe vergessen; ihn und sein unmilitärisches Wesen. Man betrachtete ihn jetzt nicht ohne Überraschung. Der Oberst beeilte sich, dem vorschriftsmäßigen Ritus der Begrüßung ein Ende zu machen. Er schrie, daß die Gläser zitterten: »Gut schaut er aus, der Doktor!«, als wollte er es der ganzen Armee mitteilen. Er schlug seine Hand auf die Schulter Demants, wie um sie wieder in ihre natürliche Lage zu bringen. Sein Herz war allerdings dem Regimentsarzt zugetan. Aber der Kerl war unmilitärisch, Sapperlot, Donnerwetter! Wenn er nur ein bißchen militärischer wäre, brauchte man sich nicht immer so anzustrengen, um ihm gut zu sein. Man hätte auch, zum Teufel, einen anderen Doktor schicken können, grad in sein Regiment! Und diese ewigen Schlachten, die das Gemüt des Obersten seinem soldatischen Geschmack zu liefern hatte, wegen dieses verfluchten, netten Kerls, konnten schon einen alten Soldaten aufreiben. An diesem Doktor gehe ich noch zugrunde! dachte der Oberst, wenn er den Regimentsarzt zu Pferde sah. Und eines Tages hatte er ihn gebeten, lieber nicht durch die Stadt zu reiten.

Man muß ihm was Nettes sagen, dachte er aufgeregt. Das Schnitzel war heute ausgezeichnet! fiel ihm in der Eile ein. Und er sagte es. Der Doktor lächelte. Er lächelt ganz zivilistisch, der Kerl! dachte der Oberst. Und plötzlich entsann er sich, daß da noch einer war, der den Doktor nicht kannte. Der Trotta natürlich! Er war eingerückt, als der Doktor in Urlaub gegangen war. Der Oberst lärmte: »Unser Jüngster, der Trotta! Ihr kennt euch noch nicht!« Und Carl Joseph trat vor den Regimentsarzt.

»Enkel des Helden von Solferino?« fragte Doktor Demant.

Man hätte ihm diese genaue Kenntnis der militärischen Geschichte nicht zugetraut.

»Alles weiß er, unser Doktor!« rief der Oberst. »Er ist ein Bücherwurm!«

Und zum erstenmal in seinem Leben gefiel ihm das verdächtige Wort Bücherwurm so gut, daß er noch einmal wiederholte: »Ein Bücherwurm!« in dem liebkosenden Ton, in dem er sonst nur zu sagen pflegte: »Ein Ulane!«

Man setzte sich wieder, und der Abend nahm den üblichen Verlauf. »Ihr Großvater«, sagte der Regimentsarzt, »war einer der merkwürdigsten Menschen der Armee. Haben Sie ihn noch gekannt?« »Ich habe ihn nicht mehr gekannt«, antwortete Carl Joseph. »Sein Bild hängt bei uns zu Hause im Herrenzimmer. Wie ich klein war, hab' ich es oft betrachtet. Und sein Diener, der Jacques, ist noch bei uns.« »Was ist das für ein Bild?« fragte der Regimentsarzt. »Ein Jugendfreund hat es gemalt!« sagte Carl Joseph. »Es ist ein merkwürdiges Bild. Es hängt ziemlich hoch. Als ich klein war, mußte ich auf einen Stuhl steigen. Da hab' ich es betrachtet.«

Sie waren ein paar Augenblicke still. Dann sagte der Doktor: »Mein Großvater war ein Schankwirt; ein jüdischer Schankwirt in Galizien. Galizien, kennen Sie das?« (Ein Jude war der Doktor Demant. Alle Anekdoten enthielten jüdische Regimentsärzte. Zwei Juden hatte es auch in der Kadettenschule gegeben. Sie waren dann zur Infanterie gekommen.)

»Zu Resi, zu Tante Resi!« rief plötzlich jemand.

Und alle wiederholten: »Zu Resi. Man geht zur Resi!«

»Zur Tante Resi!«

Nichts hätte Carl Joseph stärker erschrecken können als dieser Ruf. Seit Wochen erwartete er ihn voller Angst. Vom letzten Besuch im Bordell der Frau Horwath behielt er noch alles in deutlicher Erinnerung alles! den Sekt, der aus Kampfer und Limonade bestand, den weichen, fleischigen Teig der Mädchen, das schmetternde Rot und das irrsinnige Gelb der Tapeten, im Korridor den Geruch von Katzen, Mäusen und Maiglöckchen und das Sodbrennen zwölf Stunden später. Er war kaum eine Woche eingerückt, und es war sein erster Besuch in einem Bordell gewesen. »Liebesmanöver!« sagte Taittinger. Er war der Anführer. Es gehörte zu den Obliegenheiten eines Offiziers, der die Messe seit undenklichen Zeiten verwaltete. Bleich und hager, den Korb des Säbels im Arm, mit langen, dünnen und sanft klirrenden Schritten ging er im Salon der Frau Horwath von einem Tisch zum andern, ein schleichender Mahner zu saurer Freude. Kindermann war der Ohnmacht nahe, wenn er nackte Frauen roch, das weibliche Geschlecht machte ihm Übelkeiten. Der Major Prohaska stand in der Toilette, ehrlich bemüht, seinen dicken, kurzen Finger in den Gaumen zu stecken. Die seidenen Röcke der Frau Resi Horwath raschelten gleichzeitig in allen Winkeln des Hauses. Ihre großen, schwarzen Augenbälle rollten ohne Richtung und Ziel in ihrem breiten, mehligen Antlitz herum, weiß und groß wie Klaviertasten schimmerte in ihrem breiten Mund das falsche Gebiß. Trautmannsdorff verfolgte von seiner Ecke aus alle ihre Bewegungen mit winzigen, flinken, grünlichen Blicken. Er stand schließlich auf und steckte eine Hand in den Busen der Frau Horwath. Sie verlor sich drinnen wie eine weiße Maus in weißen Bergen. Und Pollak, der Klavierspieler, saß mit gebeugtem Rücken, Sklave der Musik, am schwärzlich spiegelnden Flügel, und an seinen hämmernden Händen schepperten die harten Manschetten, wie heisere Tschinellen begleiteten sie die blechernen Klänge.

Zu Tante Resi! Man ging zu Tante Resi. Der Oberst machte unten kehrt, er sagte: »Viel Vergnügen, meine Herren!«, und auf der stillen Straße riefen zwanzig Stimmen: »Respekt, Herr Oberst!«, und vierzig Sporen klirrten aneinander. Der Regimentsarzt Doktor Max Demant machte einen schüchternen Versuch, sich ebenfalls zu empfehlen. »Müssen Sie mit?« fragte er den Leutnant Trotta leise. »Es wird wohl so sein!« flüsterte Carl Joseph. Und der Regimentsarzt ging wortlos mit. Sie waren die letzten in der unordentlichen Reihe der Offiziere, die mit Gerassel durch die stillen, mondbelichteten Straßen der kleinen Stadt gingen. Sie sprachen nicht miteinander. Beide fühlten, daß sie die geflüsterte Frage und die geflüsterte Antwort verband, da war nichts mehr zu machen. Sie waren beide vom ganzen Regiment geschieden. Und sie kannten sich kaum eine halbe Stunde.

Plötzlich, er wußte nicht, warum, sagte Carl Joseph: »Ich hab' eine Frau namens Kathi geliebt. Sie ist gestorben!«

Der Regimentsarzt blieb stehen und wandte sich ganz dem Leutnant zu. »Sie werden noch andere Frauen lieben!« sagte er.

Und sie gingen weiter.

Man hörte vom fernen Bahnhof her späte Züge pfeifen, und der Regimentsarzt sagte:

»Ich möchte wegfahren, weit wegfahren!«

Nun standen sie vor Tante Resis blauer Laterne. Rittmeister Taittinger klopfte an das verschlossene Tor. Jemand öffnete. Drinnen begann das Klavier sofort zu klimpern: den Radetzkymarsch. Die Offiziere marschierten in den Salon. »Einzeln abfallen!« kommandierte Taittinger. Die nackten Mädchen schwirrten ihnen entgegen, eine emsige Schar von weißen Hennen. »Gott mit euch!« sagte Prohaska. Trautmannsdorff griff diesmal sofort und noch im Stehen in den Busen der Frau Horwath. Er ließ sie vorläufig nicht mehr los. Sie hatte Küche und Keller zu überwachen, sie litt sichtlich unter den Liebkosungen des Oberleutnants, aber die Gastfreundschaft verpflichtete sie zu Opfern. Sie ließ sich verführen. Leutnant Kindermann wurde bleich. Er war weißer als der Puder auf den Schultern der Mädchen. Der Major Prohaska bestellte Sodawasser. Wer ihn näher kannte, wußte vorauszusagen, daß er heute sehr besoffen sein würde. Er bahnte nur dem Alkohol einen Weg mit Wasser, wie man Straßen reinigt vor dem Empfang. »Der Doktor ist mitgekommen?« fragte er laut. »Er muß die Krankheiten an der Quelle studieren!« sagte mit wissenschaftlichem Ernst, bleich und hager wie immer, der Rittmeister Taittinger. Fähnrich Bärensteins Monokel steckte jetzt im Auge eines weißblonden Mädchens. Er saß da, mit kleinen, zwinkernden, schwarzen Äuglein, seine braunen, behaarten Hände krochen wie merkwürdige Tiere über das Fräulein. Allmählich hatten alle ihre Plätze eingenommen. Zwischen dem Doktor und Carl Joseph, auf dem roten Sofa, saßen zwei Frauen, steif, mit angezogenen Knien, eingeschüchtert von den verzweifelten Gesichtern der beiden Männer. Als der Sekt kam – die strenge Hausdame in schwarzem Taft brachte ihn feierlich –, zog Frau Horwath entschlossen die Hand des Oberleutnants aus ihrem Ausschnitt, legte sie ihm auf die schwarze Hose, aus Ordnungsliebe, wie man einen geborgten Gegenstand zurückerstattet, und erhob sich, mächtig und gebieterisch. Sie löschte den Kronleuchter aus. Nur die kleinen Lampen brannten in den Nischen. Im rötlichen Halbdämmer leuchteten die gepuderten, weißen Leiber, blinkten die goldenen Sterne, schimmerten die silbernen Säbel. Ein Paar nach dem anderen erhob sich und verschwand. Prohaska, der schon längst beim Cognac hielt, trat an den Regimentsarzt und sagte: »Ihr braucht sie ja doch nicht, ich nehm' sie mit!« Und er nahm die Frauen und torkelte zwischen beiden der Treppe entgegen.

So waren sie auf einmal allein, Carl Joseph und der Doktor. Der Klavierspieler Pollak streichelte nur so über die Tasten in der gegenüberliegenden Ecke des Salons. Ein sehr zärtlicher Walzer kam zage und dünn durch den Raum gezogen. Sonst war es still und beinahe traulich, und die Standuhr am Kamin tickte. »Ich glaube, wir zwei haben hier nichts zu tun, wie?« fragte der Doktor. Er stand auf, Carl Joseph sah nach der Uhr auf dem Kamin und erhob sich ebenfalls. Er konnte im Dunkel nicht die Stunde erkennen, ging nahe an die Standuhr und trat wieder einen Schritt zurück. In einem bronzenen, von Fliegen betupften Rahmen stand der Allerhöchste Kriegsherr, in Verkleinerung, das bekannte, allgegenwärtige Porträt Seiner Majestät, im blütenweißen Gewande, mit blutroter Schärpe und goldenem Vlies. Es muß etwas geschehen, dachte der Leutnant schnell und kindisch. Es muß etwas geschehen! Er fühlte, daß er bleich geworden war und daß sein Herz klopfte. Er griff nach dem Rahmen, öffnete die papierene, schwarze Rückwand und nahm das Bild heraus. Er faltete es zusammen, zweimal, noch einmal und steckte es in die Tasche. Er wandte sich um. Hinter ihm stand der Regimentsarzt. Er zeigte mit dem Finger auf die Tasche, in der Carl Joseph das kaiserliche Porträt verborgen hatte. Auch der Großvater hat ihn gerettet, dachte Doktor Demant. Carl Joseph wurde rot. »Schweinerei!« sagte er. »Was denken Sie?«

»Nichts«, erwiderte der Doktor. »Ich hab' nur an Ihren Großvater gedacht!«

»Ich bin sein Enkel!« sagte Carl Joseph. »Ich hab' keine Gelegenheit, ihm das Leben zu retten; leider!«

Sie legten vier Silbermünzen auf den Tisch und verließen das Haus der Frau Resi Horwath.

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