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Radetzkymarsch

Joseph Roth: Radetzkymarsch - Kapitel 21
Quellenangabe
pfad/roth/radetzky/radetzky.xml
typefiction
authorJoseph Roth
titleRadetzkymarsch
publisherKiepenheuer & Witsch
isbn3462023799
year1994
firstpub
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
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XXI

Noch in dieser Nacht marschierte das Bataillon der Jäger in Richtung nach Nordosten gegen die Grenze Woloczyska. Es begann zuerst sachte, dann immer stärker zu regnen, und der weiße Staub der Landstraße verwandelte sich in silbergrauen Schlamm. Der Kot schlug klatschend über den Stiefeln der Soldaten zusammen und bespritzte die tadellosen Uniformen der Offiziere, die vorschriftsmäßig in den Tod gingen. Die langen Säbel störten sie, und an ihren Hüften hingen die prachtvollen, langhaarigen Quasten der schwarz-goldenen Feldbinden, verfilzt, durchnäßt und bespritzt von tausend kleinen Schlammklümpchen. Beim Morgengrauen erreichte das Bataillon sein Ziel, vereinigte sich mit zwei fremden Infanterieregimentern und bildete Schwarmlinien. So warteten sie zwei Tage, und es war nichts vom Krieg zu sehen. Manchmal hörten sie aus der Ferne, zu ihrer Rechten, verlorene Schüsse. Es waren kleinere Grenzgeplänkel zwischen berittenen Truppen. Man sah manchmal verwundete Grenzfinanzer, auch hie und da einen toten Grenzgendarmen. Sanitäter schafften Verwundete wie Leichen weg, an den wartenden Soldaten vorbei. Der Krieg wollte nicht anfangen. Er zögerte, wie manchmal Gewitter tagelang zögern, bevor sie ausbrechen.

Am dritten Tag kam der Befehl zum Rückzug, und das Bataillon formierte sich zum Abmarsch. Die Offiziere wie die Mannschaften waren enttäuscht. Es verbreitete sich das Gerücht, daß zwei Meilen östlich ein ganzes Dragonerregiment aufgerieben worden sei. Kosaken sollten bereits im eigenen Lande eingebrochen sein. Man marschierte schweigsam und mißmutig nach Westen. Man merkte bald, daß ein unvorbereiteter Rückzug stattfand, denn man stieß auf ein verworrenes Gewimmel verschiedenster Waffengattungen an den Kreuzungen der Landstraßen und in Dörfern und kleinen Städtchen. Vom Armeekommando kamen zahlreiche und sehr verschiedene Befehle. Die meisten bezogen sich auf die Evakuierung der Dörfer und Städte und auf die Behandlung der russisch gesinnten Ukrainer, der Geistlichen und der Spione. Voreilige Standgerichte verkündeten in den Dörfern voreilige Urteile. Geheime Spitzel lieferten unkontrollierbare Berichte über Bauern, Popen, Lehrer, Photographen, Beamte. Man hatte keine Zeit. Man mußte sich schleunigst zurückziehen, aber auch die Verräter schleunigst bestrafen. Und während sich Sanitätswagen, Trainkolonnen, Feldartillerie, Dragoner, Ulanen und Infanteristen im ständigen Regen auf den aufgeweichten Straßen in ratlosen und plötzlich entstandenen Knäueln zusammenfanden, Kuriere hin und her galoppierten, die Einwohner der kleinen Städtchen in endlosen Scharen nach dem Westen flüchteten, umflattert vom weißen Schrecken, beladen mit weißen und roten Bettpolstern, grauen Säcken, braunen Möbelstücken und blauen Petroleumlampen, knallten von den Kirchplätzen der Weiler und Dörfer die Schüsse der hastigen Vollstrecker hastiger Urteile, und der düstere Trommelwirbel begleitete die eintönigen Urteilssprüche der Auditoren, und die Weiber der Ermordeten lagen kreischend um Gnade vor den kotbedeckten Stiefeln der Offiziere, und loderndes rotes und silbernes Feuer schlug aus Hütten und Scheunen, Ställen und Schobern. Der Krieg der österreichischen Armee begann mit Militärgerichten. Tagelang hingen die echten und die vermeintlichen Verräter an den Bäumen auf den Kirchplätzen, zur Abschreckung der Lebendigen. Aber weit und breit waren die Lebenden geflohen. Rings um die hängenden Leichen an den Bäumen brannte es, und schon begann das Laub zu knistern, und das Feuer war stärker als der ständige, leise rieselnde, graue Landregen, der den blutigen Herbst einleitete. Die alte Rinde der uralten Bäume verkohlte langsam, und schwelende, winzige, silberne Funken krochen zwischen den Rillen empor, feurige Würmer, erfaßten die Blätter, das grüne Blatt rollte sich zusammen und wurde rot, dann schwarz, dann grau; die Stricke lösten sich, und die Leichen fielen zu Boden, die Gesichter verkohlt und die Körper noch unversehrt.

Eines Tages machten sie Rast im Dorfe Krutyny. Sie kamen am Nachmittag, sie sollten am nächsten Morgen, noch vor Sonnenaufgang, weiter nach Westen. An diesem Tage hatte der Landregen aufgehört, und die Sonne eines späten Septembertages spann ein gütiges, silbernes Licht über die weiten Felder, auf denen das Getreide noch stand, das lebendige Brot, das nicht mehr gegessen werden sollte. Der Altweibersommer zog langsam durch die Luft. Sogar die Raben und Krähen verhielten sich still, getäuscht von dem flüchtigen Frieden dieses Tages und also ohne Hoffnung auf das erwartete Aas. Man war seit acht Tagen nicht aus den Kleidern gekommen. Die Stiefel hatten sich mit Wasser vollgesogen, die Füße waren geschwollen, die Knie steif, die Waden schmerzten, die Rücken konnten sich nicht mehr biegen. Man war in den Hütten untergebracht, versuchte, aus den Koffern trockene Kleidungsstücke zu holen und sich an den spärlichen Brunnen zu waschen. In der Nacht, sie war klar und still, und nur die vergessenen und verlassenen Hunde in einzelnen Gehöften heulten vor Hunger und Angst, konnte der Leutnant nicht schlafen. Und er verließ die Hütte, in der er einquartiert war. Er ging die langgestreckte Dorfstraße entlang, in die Richtung des Kirchturms, der sich mit seinem griechischen doppelten Kreuz gegen die Sterne erhob. Die Kirche mit schindelgedecktem Dach stand in der Mitte des kleinen Friedhofs, umgeben von schiefen, hölzernen Kreuzen, die im nächtlichen Licht zu tänzeln schienen. Vor dem großen, grauen, weitgeöffneten Tor des Friedhofs hingen drei Leichen, in der Mitte ein bärtiger Priester, zu beiden Seiten zwei junge Bauern in sandgelben Joppen, grobgeflochtene Bastschuhe an den reglosen Füßen. Die schwarze Kutte des Priesters, der in der Mitte hing, reichte bis zu seinen Schuhen. Und manchmal bewegte der Nachtwind die Füße des Priesters so, daß sie wie stumme Klöppel einer taubstummen Glocke an das Rund des Priestergewandes schlugen und, ohne einen Klang hervorzurufen, dennoch zu läuten schienen.

Leutnant Trotta ging näher an die Gehenkten heran. Er sah in ihre aufgedunsenen Gesichter. Und er glaubte in den dreien den und jenen seiner Soldaten zu erkennen. Das waren die Gesichter des Volkes, mit dem er jeden Tag exerziert hatte. Der schwarze, gespreizte Fächerbart des Priesters erinnerte ihn an den Bart Onufrijs. So hatte Onufrij zuletzt ausgesehen. Und wer weiß, vielleicht war Onufrij der Bruder dieses aufgehängten Priesters. Leutnant Trotta sah sich um. Er lauschte. Es war kein menschlicher Laut zu hören. Im Glockenturm der Kirche rauschten die Fledermäuse. In den verlassenen Gehöften bellten die verlassenen Hunde. Da zog der Leutnant seinen Säbel und schnitt die drei Gehenkten ab, einen nach dem andern. Dann nahm er eine Leiche nach der andern auf die Schulter und trug sie alle, eine nach der andern, in den Kirchhof. Dann begann er, mit dem blanken Säbel die Erde auf den Wegen zwischen den Gräbern aufzulockern, so lange, bis er Platz für drei Leichen gefunden zu haben glaubte. Dann legte er sie alle drei hin, schaufelte die Erde über sie, mit Säbel und Scheide, trat noch mit den Füßen auf der Erde herum und stampfte sie fest. Dann machte er das Zeichen des Kreuzes. Seit der letzten Messe in der Mährisch-Weißkirchener Kadettenschule hatte er nicht mehr das Kreuz geschlagen. Er wollte noch ein Vaterunser sagen, aber seine Lippen bewegten sich nur, ohne daß er einen Laut hervorbrachte. Irgendein nächtlicher Vogel schrie. Die Fledermäuse rauschten. Die Hunde heulten.

Am nächsten Morgen, vor dem Aufgang der Sonne, marschierten sie weiter. Die silbernen Nebel des herbstlichen Morgens verhüllten die Welt. Bald aber entstieg ihnen die Sonne, glühend wie im Hochsommer. Sie bekamen Durst. Sie marschierten durch eine verlassene, sandige Gegend. Manchmal schien es ihnen, als hörten sie irgendwo Wasser rauschen. Einige Soldaten liefen in die Richtung, aus der das Geräusch des Wassers zu kommen schien, und kehrten sofort wieder um. Kein Bach, kein Teich, kein Brunnen. Sie kamen durch ein paar Dörfer, aber die Brunnen waren verstopft von Leichen Erschossener und Hingerichteter. Die Leichen hingen, manchmal in der Mitte gefaltet, über die hölzernen Ränder der Brunnen. Die Soldaten sahen nicht mehr in die Tiefe. Sie kehrten zurück. Man marschierte weiter.

Der Durst wurde stärker. Der Mittag kam. Sie hörten Schüsse und legten sich flach auf die Erde. Der Feind hatte sie wahrscheinlich schon überholt. Sie schlängelten sich weiter, auf die Erde gedrückt. Bald begann, sie sahen es bereits, der Weg breiter zu werden. Schon leuchtete eine verlassene Bahnstation. Hier fingen die Schienen an. Im Laufschritt erreichte das Bataillon die Station, hier war man sicher; ein paar Kilometer weit war man zu beiden Seiten von den Bahndämmen gedeckt. Der Feind, vielleicht eine dahingaloppierende Sotnia Kosaken, mochte sich jenseits des Dammes auf gleicher Höhe befinden. Still und gedrückt marschierten sie zwischen den Bahndämmen. Plötzlich rief einer: »Wasser!« Und im nächsten Augenblick hatten alle auch schon den Brunnen auf dem Grat des Bahndammes neben einem Wächterhäuschen erblickt. »Hierbleiben!« kommandierte Major Zoglauer.

»Hierbleiben!« wiederholten die Offiziere. Die durstigen Männer aber waren nicht zu halten. Einzeln zuerst, dann in Gruppen, liefen die Männer den Abhang hinan; Schüsse knallten, und die Männer fielen. Die feindlichen Reiter jenseits des Bahndammes schossen auf die durstigen Männer, und immer mehr durstige Männer liefen dem tödlichen Brunnen entgegen. Und als sich der zweite Zug der zweiten Kompanie dem Brunnen näherte, lag schon ein Dutzend Leichen auf dem grünen Abhang.

»Zug halt!« kommandierte Leutnant Trotta. Er trat seitwärts und sagte: »Ich werde euch Wasser bringen! Daß keiner sich rührt! Hier warten! Eimer her!« Man brachte ihm zwei Eimer aus wasserdichtem Leinen von der Maschinengewehrabteilung. Er nahm beide, je einen Eimer in jede Hand. Und er ging den Abhang hinauf, dem Brunnen zu. Die Kugeln umpfiffen ihn, fielen vor seinen Füßen nieder, flogen an seinen Ohren vorbei und an seinen Beinen und über seinen Kopf hinweg. Er beugte sich über den Brunnen. Er sah auf der anderen Seite, jenseits des Abhangs, die zwei Reihen der zielenden Kosaken. Er hatte keine Angst. Es fiel ihm nicht ein, daß er getroffen werden könnte wie die anderen. Er hörte schon die Schüsse, die noch nicht gefallen waren, und gleichzeitig die ersten trommelnden Takte des Radetzkymarsches. Er stand auf dem Balkon des väterlichen Hauses. Unten spielte die Militärkapelle. Jetzt hob Nechwal den schwarzen Taktstock aus Ebenholz mit dem silbernen Knauf. Jetzt senkte Trotta den zweiten Eimer in den Brunnen. Jetzt schmetterten die Tschinellen. Jetzt hob er den Eimer hoch. In jeder Hand einen vollen, überquellenden Eimer, von den Kugeln umsaust, setzte er den linken Fuß an, um hinabzugehen. Jetzt tat er zwei Schritte. Jetzt ragte gerade noch sein Kopf über den Rand des Abhangs.

Jetzt schlug eine Kugel an seinen Schädel. Er machte noch einen Schritt und fiel nieder. Die vollen Eimer wankten, stürzten und ergossen sich über ihn. Warmes Blut rann aus seinem Kopf auf die kühle Erde des Abhangs. Von unten her riefen die ukrainischen Bauern seines Zuges im Chor: »Gelobt sei Jesus Christus!«

In Ewigkeit. Amen! wollte er sagen. Es waren die einzigen ruthenischen Worte, die er sprechen konnte. Aber seine Lippen rührten sich nicht mehr. Sein Mund blieb offen. Seine weißen Zähne starrten gegen den blauen Herbsthimmel. Seine Zunge wurde langsam blau, er fühlte seinen Körper kalt werden. Dann starb er.

Das war das Ende des Leutnants Carl Joseph, Freiherrn von Trotta. So einfach und zur Behandlung in Lesebüchern für die kaiser- und königlichen österreichischen Volks- und Bürgerschulen ungeeignet war das Ende des Enkels des Helden von Solferino. Der Leutnant Trotta starb nicht mit der Waffe, sondern mit zwei Wassereimern in der Hand. Major Zoglauer schrieb an den Bezirkshauptmann. Der alte Trotta las den Brief ein paarmal und ließ die Hände sinken. Der Brief fiel ihm aus der Hand und flatterte auf den rötlichen Teppich. Herr von Trotta nahm den Zwicker nicht ab. Der Kopf zitterte, und der wacklige Zwicker flatterte mit seinen ovalen Scheibchen wie ein gläserner Schmetterling auf der Nase des Alten. Zwei schwere, kristallene Tränen tropften gleichzeitig aus den Augen Herrn von Trottas, trübten die Gläser des Zwickers und rannen weiter in den Backenbart. Der ganze Körper Herrn von Trottas blieb ruhig, nur sein Kopf wackelte von hinten nach vorn und von links nach rechts, und fortwährend flatterten die gläsernen Flügel des Zwickers. Eine Stunde oder länger saß der Bezirkshauptmann so vor dem Schreibtisch. Dann stand er auf und ging mit seinem gewöhnlichen Gang in die Wohnung. Er holte aus dem Kasten den schwarzen Anzug, die schwarze Krawatte und die Trauerschleifen aus schwarzem Krepp, die er nach dem Tode des Vaters um Hut und Arm getragen hatte. Er kleidete sich um. Er sah dabei nicht in den Spiegel. Immer noch wackelte sein Kopf. Er bemühte sich zwar, den unruhigen Schädel zu zähmen. Aber je mehr sich der Bezirkshauptmann anstrengte, desto stärker zitterte der Kopf. Der Zwicker saß immer noch auf der Nase und flatterte. Endlich gab der Bezirkshauptmann alle Bemühungen auf und ließ den Schädel wackeln. Er ging, im schwarzen Anzug, das schwarze Trauerband um den Ärmel, zu Fräulein Hirschwitz ins Zimmer, blieb an der Tür stehen und sagte: »Mein Sohn ist tot, Gnädigste!« Er schloß schnell die Tür, ging ins Amt, von einer Kanzlei zur andern, steckte nur den wackelnden Kopf durch die Türen und verkündete überall: »Mein Sohn ist tot, Herr Soundso! Mein Sohn ist tot, Herr Soundso!« Dann nahm er Hut und Stock und ging auf die Straße. Alle Leute grüßten ihn und betrachteten verwundert seinen wackelnden Kopf. Den und jenen hielt der Bezirkshauptmann an und sagte: »Mein Sohn ist tot!« Und er wartete nicht die Beileidssprüche der Bestürzten ab, sondern ging weiter, zu Doktor Skowronnek. Doktor Skowronnek war in Uniform, ein Oberarzt, vormittags im Garnisonspital, nachmittags im Kaffeehaus. Er erhob sich, als der Bezirkshauptmann eintrat, sah den wackelnden Kopf des Alten, das Trauerband am Ärmel und wußte alles. Er nahm die Hand des Bezirkshauptmanns und blickte auf den unruhigen Kopf und auf den flatternden Zwicker. »Mein Sohn ist tot!« wiederholte Herr von Trotta. Skowronnek behielt die Hand seines Freundes lange, ein paar Minuten. Beide blieben stehen, Hand in Hand. Der Bezirkshauptmann setzte sich, Skowronnek legte das Schachbrett auf einen anderen Tisch. Als der Kellner kam, sagte der Bezirkshauptmann: »Mein Sohn ist tot, Herr Ober!« Und der Kellner verbeugte sich sehr tief und brachte einen Cognac.

»Noch einen!« bestellte der Bezirkshauptmann. Er nahm endlich den Zwicker ab. Er erinnerte sich, daß die Todesnachricht auf dem Teppich der Kanzlei liegengeblieben war, stand auf und kehrte in die Bezirkshauptmannschaft zurück. Hinter ihm folgte Doktor Skowronnek.

Herr von Trotta schien es nicht zu merken. Aber er war auch gar nicht überrascht, als Skowronnek, ohne zu klopfen, die Kanzleitür aufmachte, eintrat und stehenblieb. »Hier ist der Brief!« sagte der Bezirkshauptmann.

In dieser Nacht und in vielen der folgenden Nächte schlief der alte Herr von Trotta nicht. Sein Kopf zitterte und wackelte auch in den Kissen. Manchmal träumte der Bezirkshauptmann von seinem Sohn. Der Leutnant Trotta stand vor seinem Vater, die Offiziersmütze mit Wasser gefüllt, und sagte: »Trink, Papa, du hast Durst!« Dieser Traum wiederholte sich oft und immer öfter. Und allmählich gelang es dem Bezirkshauptmann, seinen Sohn jede Nacht zu rufen, und in manchen Nächten kam Carl Joseph sogar einigemal. Herr von Trotta begann, sich also nach der Nacht und nach dem Bett zu sehnen, der Tag machte ihn ungeduldig. Und als der Frühling kam und die Tage länger wurden, verdunkelte der Bezirkshauptmann die Zimmer des Morgens und am Abend und verlängerte auf eine künstliche Weise seine Nächte. Sein Kopf hörte nicht mehr auf zu zittern. Und er selbst und alle anderen gewöhnten sich an das ständige Zittern des Kopfes.

Der Krieg schien Herrn von Trotta wenig zu kümmern. Eine Zeitung nahm er nur zur Hand, um seinen zitternden Schädel hinter ihr zu verbergen. Zwischen ihm und Doktor Skowronnek war von Siegen und Niederlagen niemals die Rede. Meist spielten sie Schach, ohne ein Wort zu wechseln. Manchmal aber sagte einer zum andern: »Erinnern Sie sich noch? Die Partie vor zwei Jahren? Damals haben Sie genausowenig aufgepaßt wie heute.« Es war, als sprächen sie von Ereignissen, die vor Jahrzehnten stattgefunden hatten.

Lange Zeit war seit der Todesnachricht vergangen, die Jahreszeiten hatten einander abgewechselt, nach den alten, unbeirrbaren Gesetzen der Natur, aber den Menschen unter dem roten Schleier des Krieges dennoch kaum fühlbar – und dem Bezirkshauptmann von allen Menschen am allerwenigsten. Sein Kopf zitterte noch ständig wie eine große, aber leichte Frucht an einem allzu dünnen Stengel. Der Leutnant Trotta war schon längst vermodert oder von den Raben zerfressen, die damals über den tödlichen Bahndämmen kreisten, aber dem alten Herrn von Trotta war es immer noch, als hätte er gestern erst die Todesnachricht erhalten. Und der Brief Major Zoglauers, der ebenfalls schon gestorben war, lag in der Brusttasche des Bezirkshauptmanns, jeden Tag wurde er aufs neue gelesen und in seiner fürchterlichen Frische erhalten, wie ein Grabhügel erhalten wird von sorgenden Händen. Was gingen den alten Herrn von Trotta die hunderttausend neuen Toten an, die seinem Sohn inzwischen gefolgt waren? Was gingen ihn die hastigen und verworrenen Verordnungen seiner vorgesetzten Behörde an, die Woche für Woche erfolgten? Und was ging ihn der Untergang der Welt an, den er jetzt noch deutlicher kommen sah als einstmals der prophetische Chojnicki? Sein Sohn war tot. Sein Amt war beendet. Seine Welt war untergegangen.

 

Ende des dritten Teils

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