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Radetzkymarsch

Joseph Roth: Radetzkymarsch - Kapitel 19
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typefiction
authorJoseph Roth
titleRadetzkymarsch
publisherKiepenheuer & Witsch
isbn3462023799
year1994
firstpub
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
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XIX

Die fatale Angelegenheit Leutnant Trottas wurde in einer fürsorglichen Stille begraben. Der Major Zoglauer sagte nur: »Von Allerhöchster Stelle aus ist Ihre Affäre beigelegt. Ihr Herr Papa hat das Geld geschickt. Mehr ist darüber nicht zu sagen.« Trotta schrieb hierauf an seinen Vater. Er berichtete, daß die Gefahr für seine Ehre von Allerhöchster Stelle abgewandt worden sei. Er bat um Verzeihung für die frevelhaft lange Zeit, in der er geschwiegen und Briefe des Bezirkshauptmanns nicht beantwortet hatte. Er war bewegt und gerührt. Er bemühte sich, seine Rührung auch aufzuzeichnen. Aber in seinem kargen Wortschatz fanden sich keine Ausdrücke für Reue, Wehmut und Sehnsucht. Es war ein bitteres Stück Arbeit. Als er den Brief unterschrieben hatte, fiel ihm der Satz ein: »Ich gedenke, bald um einen Urlaub einzukommen und dich mündlich um Verzeihung zu bitten.« Als Nachschrift war dieser glückliche Satz aus formalen Gründen nicht unterzubringen. Der Leutnant machte sich also daran, das Ganze umzuschreiben. Nach einer Stunde war er fertig. Durch das Umschreiben hatte die äußere Form des Briefes nur gewonnen. Somit schien ihm alles erledigt, die ganze ekelhafte Sache begraben. Er bewunderte selbst sein »phänomenales Glück«. Auf den alten Kaiser konnte sich der Enkel des Helden von Solferino in jeder Lage verlassen. Nicht minder erfreulich war die nunmehr erwiesene Tatsache, daß der Vater Geld besaß. Unter Umständen, nachdem jetzt die Gefahr, aus der Armee ausgeschlossen zu werden, vermieden war, konnte man sie freiwillig verlassen, in Wien mit Frau von Taußig leben, vielleicht in den Staatsdienst treten, Zivil tragen. Man war schon lange nicht mehr in Wien gewesen. Man hörte nichts von der Frau. Man sehnte sich nach ihr. Man trank einen Neunziggrädigen, und man sehnte sich noch mehr, aber es war schon jener wohltätige Grad der Sehnsucht, der es gestattet, ein bißchen zu weinen. Die Tränen lagen in der letzten Zeit ganz locker unter den Augen. Leutnant Trotta betrachtete noch einmal mit Wohlgefallen den Brief, gelungenes Werk seiner Hände, steckte ihn in den Umschlag und malte heiter die Adresse. Zur Belohnung bestellte er einen doppelten Neunziggrädigen. Herr Brodnitzer selbst brachte den Schnaps und sagte:

»Kapturak ist weg!«

Ein glücklicher Tag, kein Zweifel! Der kleine Mann, der den Leutnant immer an eine der schlimmsten Stunden hätte erinnern können, war also ebenfalls aus der Welt geschafft.

»Warum?«

»Man hat ihn einfach ausgewiesen!«

Ja, so weit reichte also der Arm Franz Josephs, des alten Mannes, der mit Leutnant Trotta gesprochen hatte, einen blinkenden Tropfen an der kaiserlichen Nase. So weit reichte also auch das Andenken des Helden von Solferino.

Eine Woche nach der Audienz des Bezirkshauptmanns hatte man Kapturak weggeschafft. Nachdem die politischen Behörden einmal einen erhabenen Wink erhalten hatten, verboten sie auch den Spielsaal Brodnitzers. Von Hauptmann Jedlicek war nicht mehr die Rede. Er versank in jene rätselhafte, stumme Vergessenheit, aus der man ebensowenig wiederkehren konnte wie aus dem Jenseits. Er versank in den militärischen Untersuchungsgefängnissen der alten Monarchie, in den Bleikammern Österreichs. Wenn den Offizieren gelegentlich sein Name einfiel, verscheuchten sie ihn sofort. Das gelang den meisten dank ihrer natürlichen Anlage, alles zu vergessen. Ein neuer Hauptmann kam, ein gewisser Lorenz: ein behäbiger, untersetzter, gutmütiger Mann mit einer unbezwinglichen Neigung zur Nachlässigkeit in Dienst und Haltung, jederzeit bereit, den Rock auszuziehen, obwohl es verboten war, und eine Partie Billard zu spielen. Dabei zeigte er seine kurzen, manchmal geflickten und ein wenig verschwitzten Hemdsärmel. Er war Vater dreier Kinder und Gatte einer vergrämten Frau. Er wurde schnell heimisch. Man gewöhnte sich sofort an ihn. Seine Kinder, die einander ähnlich waren wie Drillinge, traten zu dritt im Kaffeehaus auf, um ihn abzuholen. Allmählich verzogen sich die verschiedenen tanzenden »Nachtigallen«, die aus Olmütz, Hernais und Mariahilf. Nur zweimal wöchentlich spielte die Musik im Café. Aber es fehlte ihr bereits an Verve und Temperament, sie wurde aus Mangel an Tänzerinnen klassisch und schien eher den alten Zeiten nachzuweinen als aufzuspielen. Die Offiziere begannen, sich wieder zu langweilen, wenn sie nicht tranken. Wenn sie aber tranken, wurden sie wehmütig und hatten herzliches Mitleid mit sich selbst. Der Sommer war sehr schwül. Während der Exerzierübungen machte man zweimal am Vormittag Rast. Die Gewehre und die Mannschaften schwitzten. Aus den Trompeten der Bläser schlugen die Töne taub und unmutig gegen die schwere Luft. Ein dünner Nebel überzog den ganzen Himmel gleichmäßig, ein Schleier aus silbernem Blei. Er lag auch über den Sümpfen und dämpfte sogar den allezeit muntern Lärm der Frösche. Die Weiden rührten sich nicht. Alle Welt wartete auf einen Wind. Aber alle Winde schliefen.

Chojnicki war in diesem Jahr nicht heimgekehrt. Alle grollten ihm, als wäre er ein vertragsbrüchiger Erheiterer, den die Armee zu allsommerlichen Gastspielen verpflichtet hatte. Damit das Leben in der verlorenen Garnison trotzdem einen neuen Glanz erhalte, war Rittmeister Graf Zschoch von den Dragonern auf den genialen Einfall gekommen, ein großes Sommerfest zu veranstalten. Genial war dieser Einfall einfach deshalb, weil das Fest als eine Probe für die große Jahrhundertfeier des Regiments gelten konnte. Der hundertste Geburtstag des Dragonerregiments sollte erst in einem Jahr stattfinden, aber es war, als könnte es sich nicht ganze neunundneunzig Jahre in Geduld fassen, so ganz ohne Jubel. Man sagte allgemein, der Einfall sei genial. Der Oberst Festetics sagte es auch und bildete sich sogar ein, daß er allein und zuerst diese Bezeichnung geprägt hatte. Er hatte ja auch mit den Vorbereitungen für die große Jahrhundertfeier seit einigen Wochen begonnen. Jeden Tag, in freien Stunden, diktierte er in der Regimentskanzlei den untertänigen Einladungsbrief, der ein halbes Jahr später an den Inhaber des Regiments, einen kleinen reichsdeutschen Fürsten aus leider etwas vernachlässigter Nebenlinie, abgeschickt werden sollte. Allein die Stilisierung dieses höfischen Schreibens beschäftigte zwei Männer, den Obersten Festetics und den Rittmeister Zschoch. Manchmal gerieten sie auch in heftige Diskussionen über stilistische Fragen. So hielt zum Beispiel der Oberst die Wendung »Und erlaubt sich das Regiment untertänigst« für gestattet, während der Rittmeister der Ansicht war, daß sowohl das »und« falsch sei als auch das »untertänigst« nicht ganz zulässig. Sie hatten beschlossen, jeden Tag zwei Sätze zu verfassen, und das gelang ihnen auch. Jeder von ihnen diktierte einem Schreiber, der Rittmeister einem Gefreiten, der Oberst einem Zugsführer. Dann verglichen sie die Sätze. Beide lobten einander über die Maßen. Der Oberst verschloß hierauf die Entwürfe im großen Kasten der Regimentskanzlei, zu dem er allein die Schlüssel hatte. Er legte die Skizzen zu den andern Plänen, die er schon gemacht hatte, betreffend die große Parade und das Offiziers- sowie das Mannschaftsturnier. Alle Pläne lagen in der Nähe der großen, unheimlichen, versiegelten Umschläge, in denen die geheimen Befehle für den Fall einer Mobilisierung geborgen waren.

Nachdem also Rittmeister Zschoch den genialen Einfall verkündet hatte, unterbrach man die Stilisierung des Briefes an den Fürsten und machte sich daran, gleichlautende Einladungen in alle vier Richtungen der Welt zu verschicken. Diese knapp gehaltenen Einladungen erforderten weniger literarische Bemühung und kamen auch innerhalb einiger Tage zustande. Es gab nur ein paar Diskussionen über den Rang der Gäste. Denn zum Unterschied vom Obersten Festetics war Graf Zschoch der Meinung, man müßte die Einladungen der Reihe nach zuerst an die vornehmsten, hierauf an die minder Vornehmen absenden. »Alle gleichzeitig!« sagte der Oberst. »Ich befehle es Ihnen!« Und obwohl die Festetics zu den besten ungarischen Familien gehörten, glaubte Graf Zschoch, aus dem Befehl auf eine blutmäßig bedingte demokratische Neigung des Obersten schließen zu müssen. Er rümpfte die Nase und versandte die Einladungen gleichzeitig.

Der Standesführer wurde befohlen. In seinen Händen befanden sich alle Adressen der Reserveoffiziere und der in den Ruhestand Versetzten. Sie alle wurden eingeladen. Eingeladen wurden ferner die näheren Verwandten und die Freunde der Dragoneroffiziere. Diesen teilte man mit, daß es sich um eine Probe für das hundertste Geburtstagsfest handle. Also gab man ihnen zu verstehen, daß sie Aussicht hatten, mit dem Regimentsinhaber persönlich zusammenzutreffen, dem reichsdeutschen Fürsten aus einer leider und allerdings wenig ansehnlichen Nebenlinie. Manche von den Eingeladenen waren von älterem Stamme als der Inhaber des Regiments. Sie hielten trotzdem etwas von einer Berührung mit dem mediatisierten Fürsten. Man beschloß, da es ein »Sommerfest« werden sollte, das Wäldchen des Grafen Chojnicki in Anspruch zu nehmen. »Das Wäldchen« unterschied sich von den Wäldern Chojnickis dadurch, daß es von der Natur selbst und von seinem Besitzer für Feste bestimmt zu sein schien. Es war jung. Es bestand aus kleinen und lustigen Fichtenstämmchen, es bot Kühlung und Schatten, geebnete Wege und ein paar kleine Lichtungen, die offensichtlich zu nichts anderem taugten, als von Tanzböden bedeckt zu werden. Man mietete also das Wäldchen. Man bedauerte bei dieser Gelegenheit noch einmal die Abwesenheit Chojnickis. Man lud ihn dennoch ein in der Hoffnung, daß er einer Einladung zum Fest des Dragonerregiments nicht werde widerstehen können und daß er sogar imstande sein würde, »ein paar charmante Menschen mitzunehmen«, wie Festetics sich ausdrückte. Man lud die Hulins und die Kinskys ein, die Podstatzkis und die Schönborns, die Familie Albert Tassilo Larisch, die Kirchbergs, die Weißenhorns und die Babenhausens, die Sennyis, die Benkyös, die Zuschers und die Dietrichsteins. Jeder von ihnen hatte irgendeine Beziehung zu diesem Dragonerregiment. Als der Rittmeister Zschoch noch einmal die Liste der Eingeladenen durchsah, sagte er: »Donnerwetter, Himmelherrgottsakra!« Und er wiederholte diese originelle Bemerkung ein paarmal. Es war schlimm, aber unvermeidlich, daß man zu einem so großartigen Fest auch die schlichten Offiziere des Jägerbataillons einladen mußte. Man wird sie schon an die Wand drücken! dachte der Oberst Festetics. Genau das gleiche dachte auch der Rittmeister Zschoch. Während sie die Einladungen an die Offiziere des Jägerbataillons diktierten, der eine dem Gefreiten, der andere dem Zugsführer, sahen sie einander mit grimmigen Augen an. Und jeder von ihnen machte den andern für die Pflicht verantwortlich, das Bataillon der Jäger einzuladen. Ihre Gesichter erhellten sich, als der Name des Freiherrn von Trotta und Sipolje fiel. »Schlacht bei Solferino«, warf der Oberst hin, nebenbei. »Ah!« sagte Rittmeister Zschoch. Er war überzeugt, daß die Schlacht bei Solferino bereits im sechzehnten Jahrhundert stattgefunden hatte.

Alle Kanzleischreiber drehten grüne und rote Girlanden aus Papier. Die Offiziersburschen saßen auf den dünnen Fichtenstämmen des »Wäldchens« und spannten Drähte von einem Bäumchen zum andern. Dreimal in der Woche rückten die Dragoner nicht aus. Sie hatten »Schule« in der Kaserne. Man unterwies sie in der Kunst, mit vornehmen Gästen umzugehen. Eine halbe Schwadron wurde vorübergehend dem Koch zugeteilt. Hier lernten die Bauern, wie man Kessel putzt, Tabletts serviert, Weingläser hält und den Bratspieß dreht. Jeden Morgen hielt der Oberst Festetics strenge Visite in Küche, Keller und in der Messe ab. Für alle Mannschaftspersonen, denen die geringste Aussicht drohte, mit den Gästen in irgendeiner Weise zusammenzustoßen, hatte man weiße Zwirnhandschuhe angeschafft. Jeden Morgen mußten die Dragoner, denen die Laune der Wachtmeister diese harte Auszeichnung beschert hatte, die ausgestreckten, weißbekleideten Hände, alle Finger gespreizt, dem Obersten vor die Augen halten. Er prüfte die Sauberkeit, den Sitz, die Haltbarkeit der Nähte. Er war aufgeräumt, von einer besonderen, verborgenen, inneren Sonne durchleuchtet. Er bewunderte seine eigene Tatkraft, rühmte sie und verlangte Bewunderung. Er entwickelte eine ungewöhnliche Phantasie. Jeden Tag schenkte sie ihm mindestens zehn Einfälle, während er früher mit einem einzigen wöchentlich ganz gut ausgekommen war. Und die Einfälle betrafen nicht nur das Fest, sondern auch die großen Fragen des Lebens, das Exerzierreglement zum Beispiel, die Adjustierung und sogar die Taktik. In diesen Tagen wurde es dem Obersten Festetics klar, daß er ohne weiteres General sein könnte.

Jetzt waren die Drähte von Stamm zu Stamm gespannt, nun handelte es sich darum, die Girlanden an den Drähten anzubringen. Man hängte sie also probeweise auf. Der Oberst besichtigte sie. Unleugbar war die Notwendigkeit vorhanden, auch Lampions anzubringen. Aber da es, trotz den Nebeln und der Schwüle, so lange nicht mehr geregnet hatte, mußte man jeden Tag ein überraschendes Gewitter erwarten. Der Oberst bestimmte also eine ständige Wache im Wäldchen, deren Aufgabe es war, bei den geringsten Anzeichen eines nahenden Gewitters die Girlanden wie die Lampions abzunehmen. »Auch die Drähte?« fragte er vorsichtig den Rittmeister. Denn er wußte wohl, daß große Männer den Rat ihrer kleineren Helfer gerne hören. »Den Drähten passiert nix!« sagte der Rittmeister. Man ließ sie also an den Bäumen. Es kamen keine Gewitter. Es blieb schwül und schwer. Dagegen erfuhr man aus manchen Absagen der Eingeladenen, daß an dem Sonntag, an dem das Fest der Dragoner stattfinden sollte, auch das Fest eines bekannten Adelsklubs in Wien gefeiert wurde. Manche unter den Eingeladenen schwankten zwischen ihrer Begierde, alle Neuigkeiten aus der Gesellschaft zu vernehmen (was nur auf dem Ball des Klubs möglich war), und dem abenteuerlichen Vergnügen, die fast sagenhafte Grenze zu besuchen. Die Exotik erschien ihnen genauso verführerisch wie der Klatsch, wie die Gelegenheit, eine günstige Gesinnung oder eine gehässige zu erspähen, eine Protektion anzuwenden, um die man gerade gebeten worden war, eine andere zu erringen, die man grad nötig hatte. Einige versprachen, im letzten Augenblick allerdings, eine Depesche. Diese Antworten und die Aussicht auf Depeschen vernichteten beinahe vollends die Sicherheit, die sich der Oberst Festetics in den letzten Tagen erworben hatte. »Es ist ein Unglück!« sagte er. »Es ist ein Unglück!« wiederholte der Rittmeister. Und sie ließen die Köpfe hängen.

Wie viele Zimmer sollte man vorbereiten? Hundert oder nur fünfzig? Und wo? Im Hotel? Im Hause Chojnickis? Er war ja leider nicht da und hatte nicht einmal geantwortet! »Der ist tückisch, der Chojnicki. Ich hab' ihm nie getraut!« sagte der Rittmeister. »Du hast ganz recht!« bestätigte der Oberst. Da klopfte es, und die Ordonnanz meldete den Grafen Chojnicki.

»Famoser Bursche!« riefen beide gleichzeitig.

Es wurde eine herzliche Begrüßung. Im stillen fühlte der Oberst, daß sein Genie ratlos geworden war und einer Unterstützung bedurfte. Auch der Rittmeister Zschoch fühlte, daß er sein Genie bereits erschöpft hatte. Sie umarmten den Gast abwechselnd, jeder dreimal. Und jeder wartete ungeduldig, bis die Umarmung des andern vorbei wäre. Dann bestellten sie Schnaps.

Alle schweren Sorgen verwandelten sich auf einmal in leichtfertige, anmutige Vorstellungen. Wenn Chojnicki zum Beispiel sagte: »Dann werden wir hundert Zimmer bestellen, und wenn fünfzig leer bleiben, dann ist eben nix zu machen!«, riefen beide wie aus einem Munde: »Genial!« Und sie fielen noch einmal mit heißen Umarmungen über den Gast.

In der Woche, die noch bis zum Fest verblieb, regnete es nicht. Alle Girlanden blieben hängen, alle Lampions. Manchmal erschreckte den Unteroffizier und die vier Mann, die am Rande des Wäldchens wie eine Feldwache lagerten und nach Westen spähten, nach der Richtung des himmlischen Feindes, ein fernes Grollen, Echo eines fernen Donners. Manchmal flammte ein fahles Wetterleuchten am Abend über die graublauen Nebel, die sich am westlichen Horizont verdichteten, um die untergehende rote Sonne sachte einzubetten. Weit von hier, wie in einer anderen Welt, mochten sich die Gewitter entladen. In dem stummen Wäldchen knisterte es von den trockenen Nadeln und von den verdorrten Rinden der Fichtenstämme. Matt und schläfrig piepsten die Vögel. Der weiche, sandige Boden zwischen den Stämmen glühte. Kein Gewitter kam. Die Girlanden blieben an den Drähten.

Am Freitag kamen ein paar Gäste. Telegramme hatten sie angekündigt. Der Offizier vom Dienst holte sie ab. Die Aufregung in beiden Kasernen wuchs von Stunde zu Stunde. In Brodnitzers Kaffeehaus hielten die Kavalleristen mit den Fußtruppen Beratungen ab, aus nichtigen Gründen und lediglich zu dem Zweck, die Unruhe noch zu vergrößern. Es war niemandem möglich, allein zu bleiben. Die Ungeduld trieb einen zum andern. Sie flüsterten, sie wußten plötzlich lauter merkwürdige Geheimnisse, die sie seit Jahren verschwiegen hatten. Sie vertrauten einander rückhaltlos, sie liebten einander. Sie schwitzten einträchtig in der gemeinsamen Erwartung. Das Fest verdeckte den Horizont, ein mächtiger, feierlicher Berg. Alle waren überzeugt, daß es nicht nur eine Abwechslung war, sondern daß es auch eine völlige Veränderung ihres Lebens bedeutete. Im letzten Augenblick bekamen sie Angst vor ihrem eigenen Werk. Selbständig begann das Fest freundlich zu winken und gefährlich zu drohen. Es verfinsterte den Himmel, es erhellte ihn. Man bürstete und bügelte die Paradeuniformen. Sogar der Hauptmann Lorenz wagte in diesen Tagen keine Billardpartie. Die wohlige Gemächlichkeit, in der er den Rest seines militärischen Lebens zu verbringen beschlossen hatte, war zerstört. Er betrachtete seinen Paraderock mit mißtrauischen Blicken, und er glich einem behäbigen Gaul, der seit Jahren im kühlen Schatten des Stalls gestanden hat und der plötzlich gezwungen wird, an einem Trabrennen teilzunehmen.

Der Sonntag brach schließlich an. Man zählte vierundfünfzig Gäste. »Donnerwetter, Sapperlot!« sagte Graf Zschoch ein paarmal. Er wußte wohl, in welch einem Regiment er diente, aber im Anblick der vierundfünfzig klangreichen Namen auf der Liste der Gäste kam es ihm vor, daß er die ganze Zeit nicht stolz genug auf dieses Regiment gewesen war. Um ein Uhr nachmittags begann das Fest, mit einer einstündigen Parade auf dem Exerzierplatz. Man hatte zwei Militärkapellen aus größeren Garnisonen erbeten. Sie spielten in zwei hölzernen, runden, offenen Pavillons im kleinen Wäldchen. Die Damen saßen in zeltüberdeckten Bagagewagen, trugen sommerliche Kleider über steifen Miedern und rädergroße Hüte, auf denen ausgestopfte Vögel nisteten. Obwohl es ihnen heiß war, lächelten sie, jede eine heitere Brise. Sie lächelten mit den Lippen, den Augen, den Brüsten, die hinter duftigen und festverrammelten Kleidern gefangen waren, mit den durchbrochenen Spitzenhandschuhen, die bis an die Ellenbogen reichten, mit den winzigen Taschentüchlein, die sie in der Hand hielten und mit denen sie manchmal sachte, sachte an die Nase tupften, um sie nicht zu zerbrechen. Sie verkauften Bonbons, Sekt und Lose für das Glücksrad, das vom Standesführer eigenhändig behandelt wurde, und bunte Säckchen mit Konfetti, von dem sie alle überschüttet waren und das sie mit neckisch gespitzten Mündern wegzublasen versuchten. Auch an Papierschlangen fehlte es nicht. Sie umwanden Hälse und Beine, hingen von den Bäumen herab und verwandelten alle natürlichen Fichten im Nu in künstliche. Denn sie waren dichter und überzeugender als das Grün der Natur.

Am Himmel über dem Wald waren unterdessen die längst erwarteten Wolken heraufgezogen. Der Donner kam immer näher, aber die Militärkapellen übertönten ihn. Als der Abend über Zelte, Wagen, Konfetti und Tanz hereinbrach, zündete man die Lampions an, und man bemerkte nicht, daß sie von plötzlichen Windstößen stärker geschaukelt wurden, als es sich für festliche Lampions schicken mochte. Das Wetterleuchten, das immer heftiger den Himmel erhellte, konnte sich mit dem Feuerwerk, das die Mannschaft hinter dem Wäldchen abknallte, noch lange nicht vergleichen. Und man war allgemein geneigt, die Blitze, die man zufällig bemerkte, für mißlungene Raketen zu halten. »Es gibt ein Gewitter!« sagte plötzlich einer. Und das Gerücht vom Gewitter begann sich im Wäldchen zu verbreiten.

Man rüstete also zum Aufbruch und begab sich zu Fuß, zu Pferde und im Wagen in das Haus Chojnickis. Alle Fenster standen offen. Der Glanz der Kerzen strömte frei, im mächtigen, flackernden Fächerschein gegen die weite Allee, vergoldete den Boden und die Bäume, die Blätter sahen aus wie Metall. Es war noch zeitig, aber schon dunkel, dank den Heerscharen der Wolken, die von allen Seiten gegeneinanderrückten und sich vereinigten. Vor dem Eingang zum Schloß in der breiten Allee und auf dem ovalen, kiesbestreuten Vorplatz sammelten sich jetzt die Pferde, die Wagen, die Gäste, die bunten Frauen und die noch bunteren Offiziere. Die Reitpferde, von Soldaten am Zaun gehalten, und die Wagenpferde, von den Kutschern mühsam gezügelt, wurden ungeduldig; wie ein elektrischer Kamm strich der Wind über ihr glänzendes Fell, sie wieherten ängstlich nach dem Stall und scharrten den Kies mit zitternden Hufen. Auch den Menschen schien sich die Aufregung der Natur und der Tiere mitzuteilen. Die munteren Zurufe, mit denen sie noch vor einigen Minuten Ball gespielt hatten, erstarben. Alle sahen, etwas ängstlich, zu den Türen und Fenstern. Jetzt ging die große, zweiflügelige Tür auf, und man begann, sich in Gruppen dem Eingang zu nähern. Sei es nun, daß man mit den zwar nicht ungewöhnlichen, aber dennoch den Menschen immer wieder erregenden Vorgängen des Gewitters zu sehr beschäftigt war, sei es, daß man von den verworrenen Klängen der beiden Militärkapellen abgelenkt wurde, die bereits im Innern des Hauses ihre Instrumente zu stimmen begannen: Niemand vernahm den rapiden Galopp der Ordonnanz, die jetzt auf den Vorplatz heransprengte, mit plötzlichem Ruck anhielt und in ihrer dienstlichen Adjustierung, mit blinkendem Helm, umgeschnalltem Karabiner am Rücken und Patronentaschen am Gurt, umflackert von weißen Blitzen und von violetten Wolken umdüstert, einem theatralischen Kriegsboten nicht unähnlich war. Der Dragoner stieg ab und erkundigte sich nach dem Obersten Festetics. Es hieß, der Oberst sei schon drinnen. Einen Augenblick hierauf trat er heraus, nahm einen Brief von der Ordonnanz entgegen und kehrte ins Haus zurück. Im rundlichen Vorraum, in dem es keine Deckenbeleuchtung gab, blieb er stehen. Ein Diener trat hinter seinen Rücken, den Armleuchter in der Hand. Der Oberst riß den Umschlag auf. Der Diener, obgleich seit seiner frühesten Jugend in der großen Kunst des Dienens erzogen, konnte dennoch nicht seine plötzlich zitternde Hand beherrschen. Die Kerzen, die er hielt, begannen heftig zu flackern. Ohne daß er etwa versucht hätte, über die Schulter des Obersten zu lesen, fiel der Text des Schreibens in das Blickfeld seiner wohlerzogenen Augen, ein einziger Satz aus übergroßen, mit blauem Kopierstift sehr deutlich geschriebenen Worten. Ebensowenig wie er etwa vermocht hätte, hinter geschlossenen Lidern einen der Blitze nicht zu fühlen, die jetzt in immer schnellerer Folge in allen Richtungen des Himmels aufzuckten, ebensowenig wäre es ihm auch möglich gewesen, seinen Blick von der furchtbaren, großen, blauen Schrift abzuwenden: »Thronfolger gerüchtweise in Sarajevo ermordet«, sagten die Buchstaben.

Die Worte fielen wie ein einziges, ohne Pause, in das Bewußtsein des Obersten und in die Augen des hinter ihm stehenden Dieners. Der Oberst ließ den Umschlag fallen. Der Diener, den Leuchter in der Linken, bückte sich, um ihn mit der Rechten aufzuheben. Als er wieder aufrecht stand, sah er geradewegs in das Angesicht des Obersten Festetics, der sich ihm zugewandt hatte. Der Diener trat einen Schritt zurück. Er hielt den Leuchter in der einen, den Umschlag in der anderen Hand, und seine beiden Hände zitterten. Der Schein der Kerzen flackerte über das Angesicht des Obersten und erhellte und verdunkelte es abwechselnd. Das gewöhnliche, gerötete, von einem großen, graublonden Schnurrbart gezierte Angesicht des Obersten wurde bald violett, bald kreideweiß. Die Lippen bebten ein wenig, und der Schnurrbart zuckte. Außer dem Diener und dem Obersten war kein Mensch in der Vorhalle. Aus dem Innern des Hauses hörte man schon den ersten gedämpften Walzer der beiden Militärkapellen, Klirren von Gläsern und das Gemurmel der Stimmen. Durch die Tür, die zum Vorplatz führte, sah man den Widerschein ferner Blitze, hörte man den schwachen Widerhall ferner Donner. Der Oberst sah den Diener an. »Haben Sie gelesen?« fragte er. »Jawohl, Herr Oberst!« »Mund halten!« sagte Festetics und legte den Zeigefinger an die Lippen. Er entfernte sich. Er schwankte ein wenig. Vielleicht war es das flackernde Kerzenlicht, in dem sein Gang unsicher erschien.

Der Diener, neugierig und durch das Schweigegebot des Obersten ebenso erregt wie durch die blutige Nachricht, die er soeben wahrgenommen hatte, wartete auf einen seiner Kollegen, um diesem seinen Dienst und den Leuchter zu übergeben, in die Zimmer zu gehen und dort vielleicht Näheres zu erfahren. Auch war es ihm, obwohl er ein aufgeklärter, vernünftiger Mann in mittleren Jahren war, allmählich unheimlich in diesem Vorraum, den er mit seinen Kerzen nur spärlich beleuchten konnte und der nach jedem der heftigen, bläulichweißen Blitze in eine noch tiefere, braune Dunkelheit versank. Schwere Wellen geladener Luft lagen im Raum, das Gewitter zögerte. Der Diener brachte den Zufall des Gewitters mit der schrecklichen Kunde in einen übernatürlichen Zusammenhang. Er bedachte, daß die Stunde endlich gekommen sei, in der sich übernatürliche Gewalten der Welt deutlich und grausam kundgeben wollten. Und er bekreuzigte sich, den Leuchter in der Linken. In diesem Augenblick trat Chojnicki heraus, sah verwundert auf ihn und fragte, ob er sich denn so vor dem Gewitter fürchte. Es sei nicht nur das Gewitter, antwortete der Diener. Denn obwohl er versprochen hatte zu schweigen, war es ihm nicht mehr möglich, die Last seiner Mitwisserschaft zu tragen. »Was denn sonst?« fragte Chojnicki. Der Herr Oberst Festetics hätte eine schreckliche Nachricht erhalten, sagte der Mann. Und er zitierte ihren Wortlaut. Chojnicki befahl zuerst, alle Fenster, die schon des Unwetters wegen geschlossen worden waren, auch dicht zu verhängen, hierauf, den Wagen fertigzumachen. Er wollte in die Stadt. Während man draußen die Pferde anspannte, fuhr eine Droschke vor, mit aufgerollter, triefender Plache, an der man erkannte, daß sie aus einer Gegend kam, in der das Gewitter bereits niedergegangen war. Aus dem Fiaker stieg jener muntere Bezirkskommissär, der die politische Versammlung der streikenden Borstenarbeiter aufgelöst hatte, eine Aktentasche unter dem Arm. Er berichtete zuerst, als wäre er vornehmlich zu diesem Zweck gekommen, daß es im Städtchen regne. Hierauf teilte er Chojnicki mit, daß man den Thronfolger der österreichisch-ungarischen Monarchie wahrscheinlich in Sarajevo erschossen habe. Reisende, die vor drei Stunden angekommen seien, hätten zuerst die Nachricht verbreitet. Dann sei ein verstümmeltes, chiffriertes Telegramm von der Statthalterei angelangt. Offenbar infolge des Gewitters sei der telegraphische Verkehr gestört, eine Rückfrage also bis jetzt unbeantwortet geblieben. Überdies sei heute Sonntag und nur wenig Personal in den Ämtern vorhanden. Die Aufregung in der Stadt und selbst in den Dörfern wachse aber ständig, und trotz des Gewitters ständen die Leute in den Gassen.

Während der Kommissär hastig und flüsternd erzählte, hörte man aus den Räumen die schleifenden Schritte der Tanzenden, das helle Klirren der Gläser und von Zeit zu Zeit ein tiefes Gelächter der Männer. Chojnicki beschloß, zuerst ein paar seiner Gäste, die er für maßgebend, vorsichtig und noch nüchtern hielt, in einem abgesonderten Zimmer zu versammeln. Indem er allerhand Ausreden gebrauchte, brachte er den und jenen in den vorgesehenen Raum, stellte ihnen den Bezirkskommissär vor und berichtete. Zu den Eingeweihten gehörten der Oberst des Dragonerregiments, der Major des Jägerbataillons mit ihren Adjutanten, mehrere von den Trägern berühmter Namen, und unter den Offizieren des Jägerbataillons Leutnant Trotta. Das Zimmer, in dem sie sich befanden, enthielt wenig Sitzgelegenheiten, so daß mehrere sich ringsum an die Wände lehnen mußten, einige sich ahnungslos und übermütig, bevor sie noch wußten, worum es sich handle, auf den Teppich setzten, mit gekreuzten Beinen. Aber es erwies sich bald, daß sie in ihrer Lage verblieben, auch als man ihnen alles mitgeteilt hatte. Manche mochte der Schreck gelähmt haben, andere waren einfach betrunken. Die dritten waren von Natur gleichgültig gegen alle Vorgänge in der Welt und sozusagen aus angeborener Vornehmheit gelähmt, und es schien ihnen, daß es sich für sie nicht schicke, lediglich wegen einer Katastrophe ihren Körper zu inkommodieren. Manche hatten nicht einmal die bunten Papierschlangenfetzen und die runden Koriandoliblättchen von ihren Schultern, Hälsen und Köpfen entfernt. Und ihre närrischen Abzeichen verstärkten noch den Schrecken der Nachricht.

In dem kleinen Raum wurde es nach einigen Minuten heiß. »Öffnen wir ein Fenster!« sagte einer. Ein anderer klinkte eines der hohen und schmalen Fenster auf, lehnte sich hinaus und prallte im nächsten Augenblick zurück. Ein weißglühender Blitz von einer ungewöhnlichen Heftigkeit schlug in den Park, in den das Fenster führte. Zwar konnte man die Stelle nicht unterscheiden, die er getroffen hatte, aber man hörte das Splittern gefällter Bäume. Schwarz und schwer rauschten ihre umsinkenden Kronen. Und selbst die übermütig Kauernden, die Gleichgültigen, sprangen auf, die Angeheiterten begannen zu taumeln, und alle erbleichten. Sie wunderten sich, daß sie noch lebten. Sie hielten den Atem an, sahen aufeinander mit aufgerissenen Augen und warteten auf den Donner. Es dauerte nur ein paar Sekunden, bis er erfolgte. Aber zwischen dem Blitz und dem Donner drängte sich die Ewigkeit selbst zusammen. Alle versuchten, einander näher zu kommen. Sie bildeten ein Bündel von Leibern und Köpfen rings um den Tisch. Einen Augenblick zeigten ihre Gesichter, so verschiedene Züge sie auch trugen, eine brüderliche Ähnlichkeit. Es war, als erlebten sie überhaupt zum erstenmal ein Gewitter. In Furcht und Ehrfurcht warteten sie den knatternden, kurzen Donner ab. Dann atmeten sie auf. Und während vor den Fenstern die schweren Wolken, die der Blitz aufgetrennt hatte, mit jubelndem Getose niederschäumten, begannen die Männer, ihre Plätze wieder einzunehmen.

»Wir müssen das Fest abbrechen!« sagte Major Zoglauer.

Der Rittmeister Zschoch, ein paar Konfettisternchen im Haar und den Rest einer rosa Papierschlange um den Nacken, sprang auf. Er war beleidigt, als Graf, als Rittmeister, als Dragoner im besonderen, als Kavallerist im allgemeinen und ganz besonders als er selbst, als Individuum von außergewöhnlicher Art, als Zschoch kurzweg. Seine kurzen, dichten Augenbrauen stellten sich auf und bildeten zwei dräuende, gegen den Major Zoglauer gerichtete Hecken aus kleinen, starrenden Stacheln. Seine großen, törichten, hellen Augen, in denen sich alles zu spiegeln pflegte, was sie vor Jahren aufgenommen haben mochten, selten das, was sie im Augenblick sahen, schienen jetzt den Hochmut der Zschochschen Ahnen auszudrücken, einen Hochmut aus dem fünfzehnten Jahrhundert. Er hatte den Blitz, den Donner, die fürchterliche Nachricht, alle Ereignisse der vergangenen Minuten beinahe vergessen. In seiner Erinnerung bewahrte er nur noch die Anstrengungen, die er für das Fest, seinen genialen Einfall, unternommen hatte. Er konnte auch nicht viel vertragen, er hatte Sekt getrunken, und sein kleines Sattelnäschen schwitzte ein wenig.

»Die Nachricht ist nicht wahr«, sagte er, »sie ist halt nicht wahr. Es soll mir einer nachweisen, daß es wahr ist, blöde Lüge, dafür spricht schon allein das Wort ›gerüchtweise‹ oder ›wahrscheinlich‹ oder wie das politische Zeug heißt!«

»Auch ein Gerücht genügt!« sagte Zoglauer.

Hier mischte sich Herr von Babenhausen, Rittmeister der Reserve, in den Zwist. Er war angeheitert, fächelte sich mit dem Taschentuch, das er bald in den Ärmel steckte, bald wieder hervorzog. Er löste sich von der Wand, trat an den Tisch und kniff die Augen zusammen:

»Meine Herren«, sagte er, »Bosnien ist weit von uns entfernt. Auf Gerüchte geben wir nix! Was mich betrifft, ich pfeif auf Gerüchte! Wann's wahr is, werden wir's eh früh genug erfahren!«

»Bravo!« rief Baron Nagy Jenö, der von den Husaren. Er hielt, obwohl er zweifellos von einem jüdischen Großvater aus Ödenburg abstammte und obwohl erst sein Vater die Baronie gekauft hatte, die Magyaren für eine der adligsten Rassen der Monarchie und der Welt, und er bemühte sich mit Erfolg, die semitische, der er entstammte, zu vergessen, indem er alle Fehler der ungarischen Gentry annahm.

»Bravo!« wiederholte er noch einmal. Es war ihm gelungen, alles, was der nationalen Politik der Ungarn günstig oder abträglich erschien, zu lieben beziehungsweise zu hassen. Er hatte sein Herz angespornt, den Thronfolger der Monarchie zu hassen, weil es allgemein hieß, er sei den slawischen Völkern günstig gesinnt und den Ungarn böse. Der Baron Nagy war nicht eigens zu einem Fest an der verlorenen Grenze aufgebrochen, um es sich hier durch einen Zwischenfall stören zu lassen. Er hielt es überhaupt für einen Verrat an der magyarischen Nation, wenn sich einer ihrer Angehörigen die Gelegenheit, einen Csardas zu tanzen, zu dem er aus Rassegründen verpflichtet war, durch ein Gerücht verderben ließ. Er klemmte das Monokel fester, wie immer, wenn er national zu fühlen hatte, ähnlich wie ein Greis seinen Stock stärker faßt, wenn er eine Wanderung beginnt, und sagte in dem Deutsch der Ungarn, das wie eine Art weinerlichen Buchstabierens klang: »Herr von Babenhausen hat sehr recht! Sehr recht! Wann der Herr Thronfolger wirklich ermordet ist, so gibt es noch andere Thronfolger!«

Herr von Sennyi, magyarischer von Geblüt als Herr von Nagy und von plötzlicher Angst erfaßt, ein Judenstämmling könnte ihn in ungarischer Gesinnung übertreffen, erhob sich und sagte: »Wann der Herr Thronfolger ermordet ist, so erstens wissen wir noch nichts Sicheres davon, zweitens geht uns das gar nichts an!«

»Es geht uns etwas an«, sagte der Graf Benkyö, »aber er ist gar nicht ermordet. Es ist ein Gerücht!«

Draußen rauschte der Regen mit steter Gewalt. Die blauweißen Blitze wurden immer seltener, der Donner entfernte sich.

Oberleutnant Kinsky, an den Ufern der Moldau aufgewachsen, behauptete, der Thronfolger sei jedenfalls eine höchst unsichere Chance der Monarchie gewesen – vorausgesetzt, daß man das Wort »gewesen« überhaupt anwenden könne. Er selbst, der Oberleutnant, sei der Meinung seiner Vorredner: Die Ermordung des Thronfolgers müsse als ein falsches Gerücht aufgefaßt werden. Man sei hier so weit von dem angeblichen Tatort entfernt, daß man gar nichts kontrollieren könne. Und die volle Wahrheit würde man jedenfalls erst spät nach dem Fest erfahren.

Der betrunkene Graf Battyanyi begann hierauf, sich mit seinen Landsleuten auf ungarisch zu unterhalten. Man verstand kein Wort. Die anderen blieben still, sahen die Sprechenden der Reihe nach an und warteten, immerhin ein wenig bestürzt. Aber die Ungarn schienen munter fortfahren zu wollen, den ganzen Abend; also mochte es ihre nationale Sitte heischen. Man bemerkte, obwohl man weit davon entfernt war, auch nur eine Silbe zu begreifen, an ihren Mienen, daß sie allmählich anfingen, die Anwesenheit der andern zu vergessen. Manchmal lachten sie gemeinsam auf. Man fühlte sich beleidigt, weniger, weil das Gelächter in dieser Stunde unpassend erschien, als weil man seine Ursache nicht feststellen konnte. Jelacich, ein Slowene, geriet in Zorn. Er haßte die Ungarn ebenso, wie er die Serben verachtete. Er liebte die Monarchie. Er war ein Patriot. Aber er stand da, die Vaterlandsliebe in ausgebreiteten, ratlosen Händen, wie eine Fahne, die man irgendwo anbringen muß und für die man keinen Dachfirst findet. Unmittelbar unter der ungarischen Herrschaft lebte ein Teil seiner Stammesgenossen, Slowenen und ihre Vettern, die Kroaten. Ganz Ungarn trennte den Rittmeister Jelacich von Österreich und von Wien und vom Kaiser Franz Joseph. In Sarajevo, beinahe in seiner Heimat, vielleicht gar von der Hand eines Slowenen, wie der Rittmeister Jelacich selbst einer war, war der Thronfolger getötet worden. Wenn der Rittmeister nun anfing, den Ermordeten gegen die Schmähungen der Ungarn zu verteidigen (er allein in dieser Gesellschaft verstand Ungarisch), so konnte man ihm erwidern, seine Volksgenossen seien ja die Mörder. Er fühlte sich in der Tat ein bißchen mitschuldig. Er wußte nicht, warum. Seit etwa hundertfünfzig Jahren diente seine Familie redlich und ergeben der Dynastie der Habsburger. Aber schon seine beiden halbwüchsigen Söhne sprachen von der Selbständigkeit aller Südslawen und verbargen vor ihm Broschüren, die aus dem feindlichen Belgrad stammen mochten. Nun, er liebte seine Söhne! Jeden Nachmittag um ein Uhr, wenn das Regiment das Gymnasium passierte, stürzten sie ihm entgegen, sie flatterten aus dem großen, braunen Tor der Schule, mit zerrauftem Haar und Gelächter in den offenen Mündern, und väterliche Zärtlichkeit zwang ihn, vom Pferd zu steigen und die Kinder zu umarmen. Er schloß die Augen, wenn er sie verdächtige Zeitungen lesen sah, und die Ohren, wenn er sie Verdächtiges reden hörte. Er war klug, und er wußte, daß er ohnmächtig zwischen seinen Ahnen und seinen Nachkommen stand, die bestimmt waren, die Ahnen eines ganz neuen Geschlechts zu werden. Sie hatten sein Gesicht, die Farbe seiner Haare und seiner Augen, aber ihre Herzen schlugen einen neuen Takt, ihre Köpfe gebaren fremde Gedanken, ihre Kehlen sangen neue und fremde Lieder, die er nicht kannte. Und mit seinen vierzig Jahren fühlte sich der Rittmeister wie ein Greis, und seine Söhne kamen ihm vor wie unbegreifliche Urenkel.

Es ist alles gleich, dachte er in diesem Augenblick, trat an den Tisch und schlug mit der flachen Hand auf die Platte. »Wir bitten die Herren«, sagte er, »die Unterhaltung auf deutsch fortzusetzen.«

Benkyö, der gerade gesprochen hatte, hielt ein und antwortete: »Ich will es auf deutsch sagen: Wir sind übereingekommen, meine Landsleute und ich, daß wir froh sein können, wann das Schwein hin is!«

Alle sprangen auf. Chojnicki und der muntere Bezirkskommissär verließen das Zimmer. Die Gäste blieben allein. Man hatte ihnen zu verstehen gegeben, daß Zwistigkeiten innerhalb der Armee keine Zeugen vertrugen. Neben der Tür stand der Leutnant Trotta. Er hatte viel getrunken. Sein Gesicht war fahl, seine Glieder waren schlaff, sein Gaumen trocken, sein Herz hohl. Er fühlte wohl, daß er berauscht war, aber er vermißte zu seiner Verwunderung den gewohnten wohltätigen Nebel vor den Augen. Vielmehr kam es ihm vor, als sähe er alles deutlicher, wie durch blankes, klares Eis. Die Gesichter, die er heute zum erstenmal erblickt hatte, glaubte er schon seit langem zu kennen. Diese Stunde war ihm überhaupt ganz vertraut, die Verwirklichung einer oft vorgeträumten Begebenheit. Das Vaterland der Trottas zerfiel und zersplitterte.

Daheim, in der mährischen Bezirkshauptstadt W., war vielleicht noch Österreich. Jeden Sonntag spielte die Kapelle Herrn Nechwals den Radetzkymarsch. Einmal in der Woche, am Sonntag, war Österreich. Der Kaiser, der weißbärtige, vergeßliche Greis mit dem blinkenden Tropfen an der Nase, und der alte Herr von Trotta waren Österreich. Der alte Jacques war tot. Der Held von Solferino war tot. Der Regimentsarzt Doktor Demant war tot. »Verlaß diese Armee!« hatte er gesagt.

Ich werde diese Armee verlassen, dachte der Leutnant. Auch mein Großvater hat sie verlassen. Ich werd's ihnen sagen, dachte er weiter. Wie vor Jahren im Lokal der Frau Resi fühlte er den Zwang, etwas zu tun. Gab es da kein Bild zu retten? Er fühlte den dunklen Blick des Großvaters im Nacken. Er machte einen Schritt gegen die Mitte des Zimmers. Er wußte noch nicht, was er sagen wollte. Einige sahen ihm schon entgegen. »Ich weiß«, begann er, und er wußte noch immer nichts. »Ich weiß«, wiederholte er und trat noch einen Schritt vorwärts, »daß Seine Kaiser-Königliche Hoheit, der Herr Erzherzog Thronfolger, wirklich ermordet ist.«

Er schwieg. Er kniff die Lippen ein. Sie bildeten einen schmalen, blaßrosa Streifen. In seinen kleinen, dunklen Augen glomm ein helles, fast weißes Licht auf. Sein schwarzes, verworrenes Haar überschattete die kurze Stirn und verfinsterte die Falte über der Nasenwurzel, die Höhle des Zorns, das Erbteil der Trottas. Er hielt den Kopf gesenkt. An den schlaffen Armen hingen die Fäuste geballt. Alle blickten auf seine Hände. Wenn den Anwesenden das Porträt des Helden von Solferino bekannt gewesen wäre, hätten sie glauben können, der alte Trotta sei auferstanden.

»Mein Großvater«, begann der Leutnant wieder, und er fühlte den Blick des Alten im Nacken, »mein Großvater hat dem Kaiser das Leben gerettet. Ich, sein Enkel, ich werde nicht zugeben, daß das Haus unseres Allerhöchsten Kriegsherrn beschimpft wird. Die Herren betragen sich skandalös!« Er hob die Stimme. »Skandal!« schrie er. Er hörte sich zum erstenmal schreien. Niemals hatte er, wie seine Kameraden, vor der Mannschaft geschrien. »Skandal!« wiederholte er. Das Echo seiner Stimme hallte wider in seinen Ohren. Der betrunkene Benkyö torkelte einen Schritt gegen den Leutnant.

»Skandal!« schrie der Leutnant zum drittenmal.

»Skandal!« wiederholte der Rittmeister Jelacich.

»Wer noch ein Wort gegen den Toten sagt«, fuhr der Leutnant fort, »den schieß' ich nieder!« Er griff in die Tasche. Da der betrunkene Benkyö etwas zu murmeln anfing, schrie Trotta: »Ruhe!«, mit einer Stimme, die ihm wie eine geliehene vorkam, einer donnernden Stimme, vielleicht war es die Stimme des Helden von Solferino. Er fühlte sich eins mit seinem Großvater. Er selbst war der Held von Solferino. Sein eigenes Bildnis war's, das unter dem Suffit des väterlichen Herrenzimmers verdämmerte.

Der Oberst Festetics und der Major Zoglauer standen auf. Zum erstenmal, seitdem es eine österreichische Armee gab, befahl ein Leutnant Rittmeistern, Majoren und Obersten Ruhe. Keiner von den Anwesenden glaubte noch, die Ermordung des Thronfolgers sei lediglich ein Gerücht. Sie sahen den Thronfolger in einer roten, dampfenden Blutlache. Sie fürchteten, auch hier, in diesem Zimmer, in der nächsten Sekunde Blut zu sehen. »Befehlen Sie ihm zu schweigen!« flüsterte der Oberst Festetics.

»Herr Leutnant«, sagte Zoglauer, »verlassen Sie uns!«

Trotta wandte sich zur Tür. In diesem Augenblick wurde sie aufgestoßen. Viele Gäste strömten herein, Konfetti und Papierschlangen auf Köpfen und Schultern. Die Tür blieb offen. Man hörte aus den anderen Räumen die Frauen lachen und die Musik und die schleifenden Schritte der Tänzer. Jemand rief:

»Der Thronfolger ist ermordet!«

»Den Trauermarsch!« schrie Benkyö.

»Den Trauermarsch!« wiederholten mehrere.

Sie strömten aus dem Zimmer. In den zwei großen Sälen, in denen man bis jetzt getanzt hatte, spielten beide Militärkapellen, dirigiert von den lächelnden, knallroten Kapellmeistern, den Trauermarsch von Chopin. Ringsum wandelten ein paar Gäste im Kreis, im Kreis, zum Takt des Trauermarsches. Bunte Papierschlangen und Koriandolisterne lagen auf ihren Schultern und Haaren. Männer in Uniform und in Zivil führten Frauen am Arm. Ihre Füße gehorchten schwankend dem makabren und stolpernden Rhythmus. Die Kapellen spielten nämlich ohne Noten, nicht dirigiert, sondern begleitet von den langsamen Schleifen, die der Kapellmeister schwarze Taktstöcke durch die Luft zeichneten. Manchmal blieb eine Kapelle hinter der anderen zurück, suchte die vorauseilende zu erhaschen und mußte ein paar Takte auslassen. Die Gäste marschierten im Kreis rings um das leere, spiegelnde Rund des Parketts. Sie kreisten so umeinander, jeder ein Leidtragender hinter der Leiche des Vordermanns und in der Mitte die unsichtbaren Leichen des Thronfolgers und der Monarchie. Alle waren betrunken. Und wer noch nicht genügend getrunken hatte, dem drehte sich der Kopf vom unermüdlichen Kreisen. Allmählich beschleunigten die Kapellen den Takt, und die Beine der Wandelnden fingen an zu marschieren. Die Trommler trommelten ohne Unterlaß, und die schweren Klöppel der großen Pauke begannen zu wirbeln wie junge, muntere Schlegel. Der betrunkene Pauker schlug plötzlich an den silbernen Triangel, und im selben Augenblick machte Graf Benkyö einen Freudensprung. »Das Schwein ist hin!« schrie der Graf auf ungarisch. Aber alle verstanden es, als ob er deutsch gesprochen hätte. Plötzlich begannen einige zu hüpfen. Immer schneller schmetterten die Kapellen den Trauermarsch. Dazwischen lächelte der Triangel silbern, hell und betrunken.

Schließlich begannen die Lakaien Chojnickis, die Instrumente abzuräumen. Die Musiker ließen es sich lächelnd gefallen. Mit aufgerissenen Augen glotzten die Violinisten ihren Geigen nach, die Cellisten ihren Celli, die Hornisten den Hörnern. Einige strichen noch mit den Bögen, die sie behalten hatten, über das taubstumme Tuch ihrer Ärmel und wiegten die Köpfe zu den unhörbaren Melodien, die in ihren trunkenen Köpfen rumoren mochten. Als man dem Trommler seine Schlaginstrumente fortschleppte, fuchtelte er immer noch mit Klöppel und Schlegel in der leeren Luft herum. Die Kapellmeister, die am meisten getrunken hatten, wurden schließlich von je zwei Dienern weggezogen wie die Instrumente. Die Gäste lachten. Dann wurde es still. Niemand gab einen Laut von sich. Alle blieben, wie sie gestanden oder gesessen hatten, und rührten sich nicht mehr. Nach den Instrumenten räumte man auch die Flaschen weg. Und dem und jenem, der noch ein halbvolles Glas in Händen hielt, wurde es weggenommen.

Leutnant Trotta verließ das Haus. Auf den Stufen, die zum Eingang führten, saßen Oberst Festetics, Major Zoglauer und Rittmeister Zschoch. Es regnete nicht mehr. Es tropfte nur noch von Zeit zu Zeit aus den schütter gewordenen Wolken und von den Vorsprüngen des Daches. Den drei Männern hatte man weiße, große Tücher über die Steine gebreitet. Und es war, als säßen sie schon auf ihren eigenen Leichentüchern. Große, zackige Regenwasserflecke starrten auf ihren dunkelblauen Rücken. Die Fetzen einer Papierschlange klebten feucht und nunmehr unlösbar am Nacken des Rittmeisters.

Der Leutnant stellte sich vor ihnen auf. Sie rührten sich nicht. Sie hielten die Köpfe gesenkt. Sie erinnerten an eine wächserne militärische Gruppe im Panoptikum.

»Herr Major!« sagte Trotta zu Zoglauer, »ich werde morgen um meinen Abschied bitten!«

Zoglauer erhob sich. Er streckte die Hand aus, wollte etwas sagen und brachte keinen Laut hervor. Es wurde allmählich hell, ein sanfter Wind zerriß die Wolken, man konnte im schimmernden Silber der kurzen Nacht, in die sich schon eine Ahnung vom Morgen mischte, deutlich die Gesichter sehen. In dem hageren Gesicht des Majors war alles in Bewegung. Die Fältchen schoben sich ineinander, die Haut zuckte, das Kinn wanderte hin und her, es schien geradezu zu pendeln, um die Backenknochen spielten ein paar winzige Muskelchen, die Augenlider flatterten, und die Wangen zitterten. Alles war in Bewegung geraten, vom Aufruhr, den die wirren, unausgesprochenen und unaussprechlichen Worte innerhalb des Mundes verursachen mochten. Eine Ahnung von Wahnsinn flackerte über diesem Angesicht. Zoglauer preßte Trottas Hand, sekundenlang, Ewigkeiten. Festetics und Zschoch kauerten immer noch regungslos auf den Stufen. Man roch den starken Holunder. Man hörte das sachte Tropfen des Regens und das zarte Rauschen der nassen Bäume, und schon begannen die Stimmen der Tiere zaghaft zu erwachen, die vor dem Gewitter verstummt waren. Die Musik im Innern des Hauses war still geworden. Nur die Reden der Menschen drangen durch die geschlossenen und verhängten Fenster.

»Vielleicht haben Sie recht, Sie sind jung!« sagte Zoglauer endlich. Es war der lächerlichste, ärmlichste Teil dessen, was er in diesen Sekunden gedacht hatte. Den Rest, ein großes, verworrenes Knäuel von Gedanken, verschluckte er wieder.

Es war lange nach Mitternacht. Aber im Städtchen standen noch die Menschen vor den Häusern, auf den hölzernen Bürgersteigen, und sprachen. Sie blieben still, wenn der Leutnant vorbeikam. Als er das Hotel erreichte, graute der Morgen schon. Er öffnete den Schrank. Zwei Uniformen, den Zivilanzug, die Wäsche und den Säbel Max Demants legte er in den Koffer. Er arbeitete langsam, um die Zeit auszufüllen. Er berechnete nach der Uhr die Dauer jeder Bewegung. Er dehnte die Bewegungen. Er fürchtete die leere Zeit, die vor dem Rapport noch zurückbleiben mußte.

Der Morgen war da, Onufrij brachte die Dienstuniform und die glänzend gewichsten Stiefel.

»Onufrij«, sagte der Leutnant, »ich verlasse die Armee.«

»Jawohl, Herr Leutnant!« sagte Onufrij. Er ging hinaus, den Korridor entlang, die Treppe hinunter, in die Kammer, die er bewohnte, packte seine Sachen in ein buntes Tuch, band es an den Griff seines Knüppels und legte alles aufs Bett. Er beschloß heimzukehren, nach Burdlaki, die Erntearbeiten begannen bald. Er hatte nichts mehr in der kaiser- und königlichen Armee zu suchen. Man nannte so was »desertieren« und wurde dafür erschossen. Die Gendarmen kamen nur einmal in der Woche nach Burdlaki, man konnte sich verbergen. Wie viele hatten es schon gemacht! Panterlejmon, der Sohn Ivans, Grigorij, der Sohn Nikolajs, Pawel, der Blatternarbige, Nikofor, der Rothaarige. Nur einen hatte man gefangen und verurteilt, aber das war schon lange her!

Was den Leutnant Trotta betraf, so brachte er seine Bitte um die Entlassung aus der Armee beim Offiziersrapport vor. Er bekam sofort einen Urlaub. Auf dem Exerzierplatz verabschiedete er sich von den Kameraden. Sie wußten nicht, was sie ihm sagen sollten. Sie standen im lockeren Kreis um ihn, bis endlich Zoglauer die Abschiedsformel fand. Sie war höchst einfach. Sie hieß: »Alles Gute!«, und jeder wiederholte sie.

Der Leutnant fuhr bei Chojnicki vor. »Bei mir ist immer Platz!« sagte Chojnicki. »Ich werde Sie übrigens abholen!«

Eine Sekunde lang dachte Trotta an Frau von Taußig. Chojnicki erriet es und sagte: »Sie ist bei ihrem Mann. Sein Anfall wird diesmal lange dauern. Vielleicht bleibt er immer dort. Und er hat recht. Ich beneide ihn. Ich hab' sie übrigens besucht. Sie ist alt geworden, lieber Freund, sie ist alt geworden!«

Am nächsten Morgen, zehn Uhr vormittags, trat Leutnant Trotta in die Bezirkshauptmannschaft. Der Vater saß im Amt. Sobald man die Tür aufgemacht hatte, sah man ihn sofort. Er saß der Tür gegenüber, neben dem Fenster. Durch die grünen Jalousien zeichnete die Sonne schmale Streifen auf den dunkelroten Teppich. Eine Fliege summte, eine Wanduhr tickte. Es war kühl, schattig und sommerlich still, wie einst in den Ferien. Dennoch ruhte heute auf den Gegenständen dieses Zimmers ein unbestimmter, neuer Glanz. Man wußte nicht, woher er kam. Der Bezirkshauptmann erhob sich. Er selbst verbreitete den neuen Schimmer. Das reine Silber seines Bartes färbte das grüngedämpfte Licht des Tages und den rötlichen Glanz des Teppichs. Es atmete die leuchtende Milde eines unbekannten, vielleicht eines jenseitigen Tags, der schon mitten im irdischen Leben Herrn von Trottas anbrach, wie die Morgen dieser Welt zu grauen beginnen, während die Sterne der Nacht noch leuchten. Vor vielen Jahren, wenn man aus Mährisch-Weißkirchen zu den Ferien gekommen war, war der Backenbart des Vaters noch eine kleine, schwarze, zweigeteilte Wolke gewesen.

Der Bezirkshauptmann blieb am Schreibtisch stehen. Er ließ den Sohn herankommen, legte den Zwicker auf die Akten und breitete die Arme aus. Sie küßten sich flüchtig. »Setz dich!« sagte der Alte und wies auf den Lehnstuhl, auf dem Carl Joseph als Kadettenschüler gesessen hatte, an den Sonntagen, von neun bis zwölf, die Mütze auf den Knien und die leuchtenden, schneeweißen Handschuhe auf der Mütze.

»Vater!« begann Carl Joseph. »Ich verlasse die Armee.«

Er wartete. Er fühlte sofort, daß er nichts erklären konnte, solange er saß. Er stand also auf, stellte sich dem Vater gegenüber, an das andere Ende des Schreibtisches, und sah auf den silbernen Backenbart.

»Nach diesem Unglück«, sagte der Vater, »das uns vorgestern getroffen hat, gleicht so ein Abschied einer – einer – Desertion.«

»Die ganze Armee ist desertiert«, antwortete Carl Joseph.

Er verließ seinen Platz. Er begann, auf und ab durchs Zimmer zu gehen, die Linke am Rücken, mit der Rechten begleitete er seine Erzählung. Vor vielen Jahren war der Alte so durch das Zimmer gegangen. Eine Fliege summte, die Wanduhr tickte. Die Sonnenstreifen auf dem Teppich wurden immer stärker, die Sonne stieg schnell höher, sie mußte schon hoch am Himmel stehen. Carl Joseph unterbrach seine Erzählung und warf einen Blick auf den Bezirkshauptmann. Der Alte saß, beide Hände hingen schlaff und halbverdeckt von den steifen, runden, glänzenden Manschetten an den Armlehnen. Sein Kopf sank auf die Brust, und die Flügel seines Bartes ruhten auf den Rockklappen. Er ist jung und töricht, dachte der Sohn. Er ist ein lieber, junger Tor mit weißen Haaren. Ich bin vielleicht sein Vater, der Held von Solferino. Ich bin alt geworden, er ist nur bejahrt. Er ging auf und ab, und er erläuterte: »Die Monarchie ist tot, sie ist tot!« schrie er auf und blieb still.

»Wahrscheinlich!« murmelte der Bezirkshauptmann.

Er klingelte und befahl dem Amtsdiener: »Sagen Sie Fräulein Hirschwitz, daß wir heute zwanzig Minuten später essen.«

»Komm!« sagte er, stand auf, nahm Hut und Stock. Sie gingen in den Stadtpark.

»Frische Luft kann nicht schaden!« sagte der Bezirkshauptmann. Sie vermieden den Pavillon, in dem das blonde Fräulein Soda mit Himbeer ausschenkte. »Ich bin müde!« sagte der Bezirkshauptmann. »Wir wollen uns setzen!« Zum erstenmal, seitdem Herr von Trotta in dieser Stadt amtierte, nahm er auf einer gewöhnlichen Bank im Garten Platz. Er zeichnete sinnlose Striche und Figuren mit dem Stock auf die Erde und sagte dazwischen:

»Ich war beim Kaiser. Ich hab's dir eigentlich nicht sagen wollen. Der Kaiser selbst hat deine Affäre erledigt. Kein Wort mehr darüber!«

Carl Joseph schob seine Hand unter den Arm des Vaters. Er fühlte jetzt den mageren Arm des Alten wie vor Jahren beim abendlichen Spaziergang in Wien. Er entfernte die Hand nicht mehr. Sie standen zusammen auf. Sie gingen Arm in Arm nach Hause.

Fräulein Hirschwitz kam im sonntäglich grauseidenen Kleid. Ein schmaler Streifen ihrer hohen Frisur über der Stirn hatte die Farbe ihres festlichen Kleides angenommen. Sie hatte noch in aller Eile ein sonntägliches Essen ermöglicht: Nudelsuppe, Rinderspitz und Kirschknödel.

Aber der Bezirkshauptmann verlor kein Wort darüber. Es war, als äße er ein ganz gewöhnliches Schnitzel.

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