Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Joseph Roth >

Radetzkymarsch

Joseph Roth: Radetzkymarsch - Kapitel 18
Quellenangabe
pfad/roth/radetzky/radetzky.xml
typefiction
authorJoseph Roth
titleRadetzkymarsch
publisherKiepenheuer & Witsch
isbn3462023799
year1994
firstpub
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20090422
projectid93529a93
Schließen

Navigation:

XVIII

An einem frischen und sonnigen Frühlingsmorgen erhielt der Bezirkshauptmann den unglücklichen Brief des Leutnants. Herr von Trotta wog das Schreiben in der Hand, bevor er es öffnete. Es schien schwerer zu sein als alle Briefe, die er von seinem Sohn bis nun erhalten hatte. Es mußte ein Brief von zwei Bogen sein, ein Brief von einer ungewöhnlichen Länge. Das gealterte Herz Herrn von Trottas erfüllte sich mit Kummer, väterlichem Zorn, Freude und banger Ahnung zugleich. An seiner alten Hand schepperte die harte Manschette ein bißchen, als er das Kuvert öffnete. Er hielt den Zwicker, der im Laufe der letzten Monate etwas zittrig geworden schien, mit der Linken fest und brachte den Brief mit der Rechten ziemlich nahe vor das Angesicht, so daß die Ränder des Backenbartes leise raschelnd das Papier streiften. Die deutliche Hast der Schriftzüge erschreckte Herrn von Trotta im gleichen Maße wie der außergewöhnliche Inhalt. Auch zwischen den Zeilen noch suchte der Bezirkshauptmann nach etwa verborgenen neuen Schrecken; denn es war ihm auf einmal, als enthielte der Brief nicht der Schrecken genug und als hätte er seit langem schon, und besonders, seitdem der Sohn zu schreiben aufgehört hatte, Tag für Tag auf die furchtbarste Botschaft gewartet. Deshalb wohl war er gefaßt, als er das Schreiben weglegte. Er war ein alter Mann einer alten Zeit. Die alten Männer aus der Zeit vor dem großen Kriege waren vielleicht törichter als die jungen von heute. Aber in den Augenblicken, die jenen schrecklich vorkamen und die nach den Begriffen der Tage, in denen wir leben, wahrscheinlich mit einem flüchtigen Scherz erledigt wären, bewahrten sie, die braven, alten Männer, einen heldenhaften Gleichmut. Heutzutage sind die Begriffe von Standesehre und Familienehre und persönlicher Ehre, in denen der Herr von Trotta lebte, Überreste unglaubwürdiger und kindischer Legenden, wie es uns manchmal scheint. Damals aber hätte einen österreichischen Bezirkshauptmann von der Art Herrn von Trottas die Kunde vom plötzlichen Tod seines einzigen Kindes weniger erschüttert als die von einer auch nur scheinbaren Unehrenhaftigkeit dieses einzigen Kindes. Nach den Vorstellungen jener verschollenen und wie von den frischen Grabhügeln der Gefallenen verschütteten Epoche war ein Offizier der kaiser- und königlichen Armee, der einen Angreifer seiner Ehre scheinbar deshalb nicht getötet hatte, weil er ihm Geld schuldig war, ein Unglück und schlimmer als ein Unglück: nämlich eine Schande für seinen Erzeuger, für die Armee und für die Monarchie. Und im ersten Augenblick regte sich auch nicht das väterliche, sondern gewissermaßen das amtliche Herz Herrn von Trottas. Und es sagte: Leg sofort dein Amt nieder! Geh frühzeitig in Pension. Im Dienst deines Kaisers hast du nichts mehr zu suchen! Im nächsten Augenblick aber schrie das väterliche Herz: Die Zeit ist schuld! Die Grenzgarnison ist schuld! Du selbst bist schuld! Dein Sohn ist aufrichtig und edel! Nur schwach ist er leider! Und man muß ihm helfen!

Man mußte ihm helfen! Man mußte verhüten, daß der Name der Trottas entehrt und geschändet würde. Und in diesem Punkte waren sich beide Herzen Herrn von Trottas einig, das väterliche und das amtliche. Also galt es vor allem, Geld zu beschaffen, siebentausendzweihundertfünfzig Kronen! Die fünftausend Florin, einstmals von der kaiserlichen Gnade dem Sohn des Helden von Solferino gespendet, wie das ererbte Geld des Vaters waren längst nicht mehr vorhanden. Sie waren dem Bezirkshauptmann unter den Händen zerronnen, für dies und jenes, für den Haushalt, für die Kadettenschule in Mährisch-Weißkirchen, für den Maler Moser, für das Pferd, für wohltätige Zwecke, Herr von Trotta hatte immer darauf gehalten, reicher zu erscheinen, als er war. Er hatte die Instinkte eines wahren Herrn. Und es gab um jene Zeit (und es gibt vielleicht auch heute noch) keine kostspieligeren Instinkte. Die Menschen, die mit derlei Flüchen begnadet sind, wissen weder, wieviel sie besitzen, noch, wieviel sie ausgeben. Sie schöpfen aus einem unsichtbaren Quell. Sie rechnen nicht. Sie sind der Meinung, ihr Besitz könne nicht geringer sein als ihre Großmut.

Zum erstenmal in seinem nunmehr so langen Leben stand Herr von Trotta vor der unmöglichen Aufgabe, eine verhältnismäßig große Summe auf der Stelle zu beschaffen. Er hatte keine Freunde, jene Schulkollegen und Studiengenossen ausgenommen, die heute in Ämtern saßen wie er und mit denen er seit Jahren nicht verkehrt hatte. Die meisten waren arm. Er kannte den reichsten Mann dieser Bezirksstadt, den alten Herrn von Winternigg. Und er begann, sich langsam an den schauderhaften Gedanken zu gewöhnen, daß er zu Herrn von Winternigg gehen würde, morgen, übermorgen oder schon heute, um ein Darlehen bitten. Er hatte keine überaus starke Vorstellungskraft, der Herr von Trotta. Dennoch gelang es ihm, sich jeden Schritt dieses schrecklichen Bittganges mit qualvoller Deutlichkeit auszumalen. Und zum erstenmal in seinem nunmehr langen Leben mußte der Bezirkshauptmann erfahren, wie schwer es ist, hilflos zu sein und würdig zu bleiben. Wie ein Blitz fiel diese Erfahrung auf ihn nieder, zerbrach in einem Nu den Stolz, den Herr von Trotta so lange sorgfältig gehütet und gepflegt, den er ererbt hatte und weiterzuvererben entschlossen war. Schon war er gedemütigt wie einer, der seit vielen Jahren nutzlose Bittgänge unternimmt. Der Stolz war früher der starke Genosse seiner Jugend gewesen, später eine Stütze seines Alters geworden, nun war ihm der Stolz genommen, dem armen, alten Herrn Bezirkshauptmann! Er beschloß, sofort einen Brief an Herrn von Winternigg zu schreiben. Kaum aber hatte er die Feder angesetzt, als es ihm deutlich wurde, daß er nicht einmal imstande war, einen Besuch anzukündigen, der eigentlich ein Bittgang genannt werden mußte. Und es schien dem alten Trotta, daß er sich in eine Art Betrug einlasse, wenn er nicht von Anfang an den Zweck seines Besuches zumindest andeute. Es war aber unmöglich, eine Wendung zu finden, die dieser Absicht einigermaßen entsprochen hätte. Und also blieb er lange sitzen, die Feder in der Hand, überlegte und stilisierte und verwarf jeden Satz wieder. Man konnte freilich auch mit Herrn von Winternigg telephonieren. Aber seitdem es ein Telephon in der Bezirkshauptmannschaft gab – und das war nicht länger her als zwei Jahre –, hatte Herr von Trotta es nur zu dienstlichen Gesprächen benutzt. Unvorstellbar, daß er etwa an den braunen, großen, ein wenig auch unheimlichen Kasten getreten wäre, die Klingel gedreht hätte, um mit jenem schauderhaften Hallo!, das Herrn von Trotta fast beleidigte (weil es ihm das kindische Losungswort eines ungeziemenden Übermuts zu sein schien, mit dem ernste Leute an die Besprechung ernster Sachen gingen), ein Gespräch mit Herrn von Winternigg anzufangen. Unterdessen fiel es ihm ein, daß sein Sohn auf eine Antwort wartete, eine Depesche vielleicht. Und was sollte der Bezirkshauptmann telegraphieren! Etwa: Werde alles versuchen. Näheres folgt? Oder: Warte geduldig Weiteres ab? Oder: Versuche andere Mittel, hierorts unmöglich? – Unmöglich! Ein langes, schreckliches Echo weckte dieses Wort. Was war unmöglich? Die Ehre der Trottas zu retten? Das mußte ja möglich sein. Das durfte ja nicht unmöglich sein! Auf und ab, auf und ab ging der Bezirkshauptmann durch die Kanzlei, wie an jenen Sonntagvormittagen, an denen er den kleinen Carl Joseph geprüft hatte. Eine Hand hielt er am Rücken und an der anderen Hand schepperte die Manschette. Dann ging er in den Hof hinunter, getrieben von dem wahnwitzigen Einfall, daß der tote Jacques noch dort sitzen könnte, im Schatten des Gebälks. Leer war der Hof. Das Fenster des kleinen Häuschens, in dem Jacques gewohnt hatte, stand offen, und der Kanarienvogel lebte noch. Er saß auf dem Fensterrahmen und schmetterte. Der Bezirkshauptmann kehrte um, nahm Hut und Stock und verließ das Haus. Er hatte sich entschlossen, etwas Außergewöhnliches zu unternehmen, nämlich den Doktor Skowronnek zu Hause aufzusuchen. Er überquerte den kleinen Marktplatz, bog in die Lenaugasse ein, suchte an den Haustüren nach einem Schild, denn er wußte die Hausnummer nicht, und mußte sich nach der Adresse Skowronneks schließlich bei einem Kaufmann erkundigen, obwohl es ihm wie eine Indiskretion vorkam, einen Fremden mit der Bitte um eine Auskunft zu belästigen. Aber auch das überstand Herr von Trotta starkmütig und zuversichtlich, und er trat in das Haus, das man ihm bezeichnete. Er traf Doktor Skowronnek im kleinen Garten hinter dem Flur, mit einem Buch unter einem riesigen Sonnenschirm. »Um Gottes willen!« rief Skowronnek. Denn er wußte wohl, daß etwas Ungewöhnliches geschehen sein mußte, wenn der Bezirkshauptmann ihn zu Hause aufsuchte.

Herr von Trotta gebrauchte eine ganze Anzahl umständlicher Entschuldigungen, ehe er begann. Und er erzählte, sitzend auf der Bank im kleinen Garten, den Kopf gesenkt und mit der Stockspitze stochernd im bunten Kies des schmalen Pfades. Dann gab er den Brief seines Sohnes in Skowronneks Hände. Dann schwieg er, hielt einen Seufzer zurück und atmete tief.

»Meine Ersparnisse«, sagte Skowronnek, »betragen zweitausend Kronen, ich stelle sie Ihnen zur Verfügung, Herr Bezirkshauptmann, wenn Sie mir erlauben.« Er sagte diesen Satz sehr schnell, so, als fürchte er, der Bezirkshauptmann könnte ihn unterbrechen, und aus Verlegenheit griff er nach dem Stock Herrn von Trottas und begann selbst, im Kies herumzustochern; denn es kam ihm vor, daß er nach diesem Satz nicht mehr mit unbeschäftigten Händen dasitzen könne.

Herr von Trotta sagte: »Danke, Herr Doktor, ich nehme sie. Ich will Ihnen einen Schuldschein geben. Ich zahle, wenn Sie erlauben, in Raten zurück.«

»Davon kann keine Rede sein!« sagte Skowronnek.

»Gut!« sagte der Bezirkshauptmann. Es kam ihm auf einmal unmöglich vor, viele unnütze Worte zu sagen, wie er sie sein ganzes Leben lang aus Höflichkeit Fremden gegenüber gebraucht hatte. Die Zeit drängte ihn plötzlich. Die paar Tage, die er noch vor sich hatte, schrumpften auf einmal zusammen und wurden ein Nichts.

»Der Rest«, fuhr Skowronnek fort, »der Rest kann nur durch Herrn von Winternigg aufgetrieben werden. Sie kennen ihn?«

»Flüchtig.«

»Es bleibt nichts anderes übrig, Herr Bezirkshauptmann! Aber ich glaube, Herrn von Winternigg zu kennen. Ich habe einmal seine Schwiegertochter behandelt. Er ist, scheint mir, ein Unmensch, wie man so sagt. Und es könnte sein, es könnte sein, Herr Bezirkshauptmann, daß Sie sich einen Refus holen.«

Hierauf schwieg Skowronnek. Der Bezirkshauptmann nahm dem Doktor wieder den Stock aus der Hand. Und es war ganz still. Man hörte nur das Scharren der Stockspitze im Kies.

»Einen Refus!« flüsterte der Bezirkshauptmann. »Ich fürchte keinen«, sagte er laut. »Aber was dann?«

»Dann«, sagte Skowronnek, »gibt es nur etwas Merkwürdiges, es geht mir so durch den Kopf, aber es scheint mir selbst zu phantastisch. Ich meine, in Ihrem Falle ist es vielleicht gar nicht so unwahrscheinlich. An Ihrer Stelle würde ich direkt hingehn, direkt zum Alten, zum Kaiser, meine ich. Denn es handelt sich ja nicht ums Geld allein. Die Gefahr besteht doch, verzeihen Sie, daß ich so offen rede, daß Ihr Sohn aus der Armee, aus der Armee« – »fliegt« wollte Skowronnek sagen. Aber er sagte: »ausscheiden muß!«

Nachdem Skowronnek dieses Wort ausgesprochen hatte, schämte er sich sofort. Und er fügte hinzu: »Es ist vielleicht doch eine kindische Idee. Und während ich sie ausdrücke, kommt es mir vor, daß wir zwei Knaben sind, die unmögliche Dinge überlegen. Ja, so alt sind wir geworden, und wir haben schweren Kummer, und dennoch ist etwas Übermütiges in meiner Idee. Entschuldigen Sie!«

Der einfachen Seele Herrn von Trottas erschien der Einfall Doktor Skowronneks gar nicht kindisch. Immer, bei jedem Akt, den er aufsetzte oder unterzeichnete, bei jeder geringfügigen Anweisung, die er dem Kommissär oder auch nur dem Gendarmeriewachtmeister Slama erteilte, stand er unmittelbar unter dem ausgestreckten Zepter des Kaisers. Und es war ganz selbstverständlich, daß der Kaiser mit Carl Joseph gesprochen hatte. Der Held von Solferino hatte Blut für den Kaiser vergossen, Carl Joseph auch, in einem gewissen Sinne, indem er nämlich gegen die turbulenten und verdächtigen »Individuen« und »Elemente« gekämpft hatte. Nach den einfachen Begriffen Herrn von Trottas war es nicht ein Mißbrauch der kaiserlichen Gnade, wenn der Diener Seiner Majestät vertrauensselig zu Franz Joseph ging wie ein Kind in der Not zu seinem Vater. Und Doktor Skowronnek erschrak und begann, an der Vernunft des Bezirkshauptmanns zu zweifeln, als der Alte ausrief: »Ausgezeichnete Idee, Herr Doktor, das Einfachste von der Welt!«

»So einfach ist sie nicht!« sagte Skowronnek. »Sie haben nicht viel Zeit. In zwei Tagen läßt sich keine Privataudienz ermöglichen.«

Der Bezirkshauptmann gab ihm recht. Und sie beschlossen, daß Herr von Trotta zuerst zu Winternigg gehen müsse.

»Auch im Falle einer Absage!« sagte der Bezirkshauptmann.

»Auch im Falle einer Absage!« wiederholte Doktor Skowronnek.

Und der Bezirkshauptmann machte sich sofort auf den Weg zu Herrn von Winternigg. Er fuhr im Fiaker. Es war Mittagszeit. Er hatte selbst nichts gegessen. Er hielt vor dem Kaffeehaus und nahm einen Cognac. Er überlegte, daß er ein höchst unpassendes Unternehmen begann. Er wird den alten Winternigg beim Essen stören. Aber er hat keine Zeit. Heute nachmittag muß es entschieden sein. Übermorgen ist er beim Kaiser. Und er läßt noch einmal halten. Er steigt vor der Post aus und schreibt mit fester Hand ein Telegramm an Carl Joseph: »Wird erledigt. Gruß, Vater.« Er ist ganz sicher, daß alles gutgeht. Denn mag es vielleicht unmöglich sein, das Geld aufzubringen, noch weniger möglich ist es, daß die Ehre der Trottas gefährdet werde. Ja, der Bezirkshauptmann bildet sich ein, daß ihn der Geist seines Vaters, des Helden von Solferino, bewache und begleite. Und der Cognac wärmt sein altes Herz. Es schlägt ein bißchen heftiger. Er ist aber ganz ruhig. Und er bezahlt den Kutscher vor dem Eingang zur Villa Winterniggs und salutiert wohlwollend mit einem Finger, wie er immer kleine Leute zu grüßen pflegt. Wohlwollend lächelt er auch dem Diener zu. Mit Hut und Stock in der Hand wartet er.

Herr von Winternigg kam, winzig und gelb. Er streckte dem Bezirkshauptmann sein dürres Händchen entgegen, fiel nieder in einen breiten Sessel und verschwand fast in der grünen Polsterung. Seine farblosen Augen richtete er gegen die großen Fenster. In seinen Augen lebte kein Blick, oder sie verbargen geradezu seinen Blick; sie waren matte, alte Spiegelchen, der Bezirkshauptmann sah nur sein eigenes kleines Abbild in ihnen. Er begann, geläufiger, als er es sich selbst zugetraut hätte, mit wohlgesetzten Entschuldigungen, und er erklärte, wieso es ihm unmöglich gewesen sei, seinen Besuch anzukündigen. Dann sagte er: »Herr von Winternigg, ich bin ein alter Mann.« Er hatte diesen Satz gar nicht sagen wollen. Die gelben, runzligen Lider Winterniggs klappten ein paarmal auf und nieder, und der Bezirkshauptmann hatte die Empfindung, er spräche zu einem alten, dürren Vogel, der die menschliche Sprache nicht verstand.

»Sehr bedauerlich!« sagte dennoch Herr von Winternigg. Er sprach sehr leise. Seine Stimme hatte keinen Klang, wie seine Augen keinen Blick. Er hauchte, wenn er sprach, und entblößte dabei ein kräftiges, überraschendes Gebiß, breite, gelbliche Zähne, ein starkes Schutzgitter, das die Worte bewachte.

»Sehr bedauerlich!« sagte Herr von Winternigg noch einmal. »Ich hab' ja gar kein Bargeld!«

Der Bezirkshauptmann erhob sich sofort. Auch Winternigg schnellte auf. Er stand, winzig und gelb, vor dem Bezirkshauptmann, bartlos vor einem silbrigen Backenbart, und Herr von Trotta schien zu wachsen und glaubte auch selbst zu fühlen, daß er wachse. War sein Stolz gebrochen? Keineswegs. War er gedemütigt? Er war es nicht! Er hatte die Ehre des Helden von Solferino zu retten, wie es die Aufgabe des Helden von Solferino gewesen war, das Leben des Kaisers zu retten. So leicht waren eigentlich die Bittgänge! Mit Verachtung, zum erstenmal füllte sich das Herz Herrn von Trottas mit wirklicher Verachtung, und die Verachtung war fast so groß wie sein Stolz. Er empfahl sich. Und er sagte mit seiner alten, hochmütig näselnden Stimme des Beamten: »Ich empfehle mich, Herr von Winternigg!« Er ging zu Fuß, aufrecht, langsam, schimmernd in der ganzen Würde seines Silbers durch die lange Allee, die vom Hause Winterniggs zur Stadt führte. Die Allee war leer, die Spatzen hüpften über den Weg, und die Amseln pfiffen, und die alten, grünen Kastanien säumten den Weg des Herrn Bezirkshauptmanns.

Zu Hause ergriff er nach langer Zeit wieder die silberne Tischglocke. Ihr dünnes Stimmchen lief hurtig durch das ganze Haus. »Meine Gnädigste«, sagte Herr von Trotta zu Fräulein Hirschwitz, »ich möchte meinen Koffer in einer halben Stunde gepackt sehen. Meine Uniform, mit Krappenhut und Degen, den Frack und die weiße Krawatte bitte! In einer halben Stunde!« Er zog die Uhr, hörbar klappte der Deckel auf. Er setzte sich in den Lehnstuhl und schloß die Augen.

Im Schrank hing seine Paradeuniform, an fünf Haken: Frack, Weste, Hose, Krappenhut und Degen. Stück für Stück trat die Uniform aus dem Kasten, wie selbständig, und von den vorsichtigen Händen der Hausdame nicht getragen, sondern nur begleitet. Der große Koffer des Bezirkshauptmanns in der Schutzhülle aus braunem Leinen öffnete seinen Schlund, ausgestattet mit knisterndem Seidenpapier, und nahm Stück für Stück der Uniform auf. Der Degen ging gehorsam in sein ledernes Futteral. Die weiße Krawatte umhüllte sich mit einem zarten, papierenen Schleier. Die weißen Handschuhe betteten sich in das Unterfutter der Weste. Dann schloß sich der Koffer. Und Fräulein Hirschwitz ging hin und meldete, daß alles bereit sei.

Und also fuhr der Herr Bezirkshauptmann nach Wien.

Er kam spät am Abend an. Aber er wußte, wo die Männer zu finden waren, die er brauchte. Er kannte die Häuser, in denen sie wohnten, und die Lokale, in denen sie aßen. Und der Regierungsrat Smekal und der Hofrat Pollak und der Oberrechnungsrat Pollitzer und der Obermagistratsrat Busch und der Statthaltereirat Leschnigg und der Polizeirat Fuchs: sie alle und noch manche andere sahen an diesem Abend den sonderbaren Herrn von Trotta eintreten, und obwohl er genauso alt war wie sie, dachte doch jeder von ihnen bekümmert, wie alt der Bezirkshauptmann geworden sei. Denn er war viel älter als sie alle. Ja, ehrwürdig erschien er ihnen, und sie scheuten sich fast, ihm du zu sagen. Man sah ihn an diesem Abend an vielen Orten und beinahe gleichzeitig an allen auftauchen, und er erinnerte sie an einen Geist, an einen Geist der alten Zeit und der alten habsburgischen Monarchie; der Schatten der Geschichte. Und so merkwürdig das auch klang, was er ihnen anvertraute, nämlich sein Unterfangen, innerhalb von zwei Tagen eine Privataudienz beim Kaiser zu erwirken, viel merkwürdiger erschien er ihnen selbst, der Herr von Trotta, der früh Gealterte und gleichsam von Anbeginn Alte, und allmählich fanden sie sein Unternehmen gerecht und selbstverständlich.

In Montenuovos Obersthofmeisteramt saß der Glückspilz, der Gustl, den sie alle beneideten, obwohl man wußte, daß seine Herrlichkeit mit dem Tode des Alten und der Thronbesteigung Franz Ferdinands ein schmähliches Ende finden würde. Sie warteten schon darauf. Indessen: Er hatte geheiratet, und zwar die Tochter eines Fugger, er, ein Bürgerlicher, den sie alle kannten, aus der dritten Bank, linke Ecke, dem sie alle vorgesagt hatten, sooft er geprüft wurde, und dessen »Glück« sie mit bitteren Sprüchen seit dreißig Jahren begleiteten. Gustl wurde geadelt und saß im Obersthofmeisteramt. Er hieß nicht mehr Hasselbrunner, er hieß von Hasselbrunner. Sein Dienst war einfach, ein Kinderspiel, während sie alle, die andern, unerträgliche und äußerst verwickelte Angelegenheiten zu erledigen hatten. Der Hasselbrunner! Er allein konnte da was machen.

Und am nächsten Morgen, um neun Uhr schon, stand der Bezirkshauptmann vor der Tür Hasselbrunners, im Obersthofmeisteramt. Er erfuhr, daß Hasselbrunner verreist war und vielleicht heute nachmittag zurückkommen würde. Zufällig kam der Smetana vorbei, den er gestern nicht hatte finden können. Und Smetana, schnellstens eingeweiht und flink wie immer, wußte vieles. Wenn Hasselbrunner auch verreist war, so saß doch nebenan der Lang. Und Lang war ein netter Kerl. Und also begann des unermüdlichen Bezirkshauptmanns Irrgang von einer Kanzlei zur andern. Er kannte die geheimen Gesetze keineswegs, die in den kaiser-königlichen Wiener Behörden gültig waren. Jetzt lernte er sie kennen. Diesen Gesetzen zufolge waren die Amtsdiener mürrisch, bevor er seine Visitkarte herauszog; hierauf, sobald sie seinen Rang kannten, untertänig. Die höheren Beamten begrüßten ihn samt und sonders mit herzlichem Respekt. Jeder von ihnen, ohne Ausnahme, schien in der ersten Viertelstunde bereit, seine Karriere und sogar sein Leben für den Bezirkshauptmann wagen zu wollen. Und erst in der nächsten Viertelstunde trübten sich ihre Augen, erschlafften ihre Gesichter; der große Kummer zog in ihre Herzen und lähmte ihre Bereitschaft, und jeder von ihnen sagte: »Ja, wenn's was andres wär'! Mit Freuden! So aber, lieber, lieber Baron Trotta, selbst für unsereinen, na, Ihnen brauch' ich ja eh nix zu sagen.« Und so und ähnlich redeten sie an dem unerschütterlichen Herrn von Trotta vorbei. Er ging durch Kreuzgang und Lichthof, in den dritten Stock, in den vierten, zurück in den ersten, dann ins Parterre. Und dann beschloß er, auf Hasselbrunner zu warten. Er wartete bis zum Nachmittag, und er erfuhr, daß Hasselbrunner gar nicht in Wirklichkeit verreist, sondern zu Hause geblieben war. Und der unerschrockene Kämpfer für die Ehre der Trottas drang in Hasselbrunners Wohnung vor. Hier endlich zeigte sich eine schwache Aussicht. Sie fuhren zusammen zu dem und jenem, Hasselbrunner und der alte Herr von Trotta. Es galt, bis zu Montenuovo selbst vorzudringen. Und es gelang schließlich um die sechste Abendstunde, einen Freund Montenuovos in jener berühmten Konditorei aufzustöbern, in der sich die genäschigen und heiteren Würdenträger des Reiches gelegentlich am Nachmittag einfanden. Daß sein Vorhaben unausführbar sei, hörte der Bezirkshauptmann heute schon zum fünfzehntenmal. Aber er blieb unerschütterlich. Und die silberne Würde seines Alters und die leicht sonderbare und etwas wahnwitzige Festigkeit, mit der er von seinem Sohne sprach und von der Gefahr, die seinem Namen drohte, die Feierlichkeit, mit der er seinen verschollenen Vater den Helden von Solferino nannte und nicht anders, den Kaiser Seine Majestät und nicht anders, bewirkten in den Zuhörern, daß ihnen selbst das Vorhaben Herrn von Trottas allmählich gerecht und fast selbstverständlich vorkam. Wenn es nicht anders ging, sagte dieser Bezirkshauptmann aus W., würde er, ein alter Diener Seiner Majestät, der Sohn des Helden von Solferino, sich vor den Wagen werfen, in dem der Kaiser jeden Vormittag von Schönbrunn in die Hofburg fuhr, wie ein gewöhnlicher Markthelfer vom Naschmarkt. Er, der Bezirkshauptmann Franz von Trotta, mußte die ganze Angelegenheit ordnen. Nun war er dermaßen begeistert von seiner Aufgabe, mit Hilfe des Kaisers die Ehre der Trottas zu retten, daß es ihm vorkam, durch diesen Unfall seines Sohnes, wie er die ganze Affäre für sich nannte, hätte sein langes Leben erst den rechten Sinn bekommen. Ja, dadurch allein hatte es seinen Sinn bekommen.

Es war schwer, das Zeremoniell zu durchbrechen. Man sagte es ihm fünfzehnmal. Er antwortete, daß sein Vater, der Held von Solferino, das Zeremoniell ebenfalls durchbrochen hatte. »So, mit der Hand, hat er Seine Majestät an der Schulter gepackt und niedergerissen!« sagte der Bezirkshauptmann. Er, der nur mit leisem Schaudern heftige oder überflüssige Bewegungen an andern wahrnehmen konnte, erhob sich selbst, griff nach der Schulter des Herrn, dem er die Szene gerade schilderte, und versuchte, die historische Lebensrettung an Ort und Stelle zu spielen. Und keiner lächelte. Und man suchte nach einer Möglichkeit, das Zeremoniell zu umgehen.

Er ging in einen Papierladen, kaufte einen Bogen vorschriftsmäßigen Kanzleipapiers, ein Fläschchen Tinte und eine Stahlfeder, Marke Adler, die einzige, mit der er schreiben konnte. Und mit fliegender Hand, aber mit seiner gewöhnlichen Schrift, die noch die Gesetze von »Haar und Schatten« streng einhielt, setzte er das vorschriftsmäßige Gesuch an Seine K. und K. Apostolische Majestät auf, und er zweifelte nicht einen Augenblick, das heißt: Er gestattete sich nicht, einen Augenblick daran zu zweifeln, daß es »im günstigen Sinne« erledigt würde. Er wäre bereit gewesen, Montenuovo selbst mitten in der Nacht zu wecken. Im Laufe dieses Tages war nach der Auffassung Herrn von Trottas die Sache seines Sohnes zu der des Helden von Solferino und somit zu einer Sache des Kaisers geworden: gewissermaßen zur Sache des Vaterlands. Er hatte seit seiner Abreise aus W. kaum etwas gegessen. Er sah hagerer aus als gewöhnlich, und er erinnerte seinen Freund Hasselbrunner an einen jener exotischen Vögel im Schönbrunner Tierpark, die einen Versuch der Natur darstellten, die Physiognomie der Habsburger innerhalb der Fauna zu wiederholen. Ja, der Bezirkshauptmann erinnerte alle Menschen, die den Kaiser gesehen hatten, an Franz Joseph selbst. Sie waren keineswegs an diesen Grad der Entschiedenheit gewöhnt, die der Bezirkshauptmann demonstrierte, die Herren von Wien! Und der alte Herr von Trotta erschien ihnen, die mit den federleichten, in den Kaffeehäusern der Residenzstadt formulierten Witzen noch weit schwierigere Angelegenheiten des Reiches abzutun gewohnt waren, als eine Persönlichkeit, nicht einer geographisch, sondern einer geschichtlich entfernten Provinz entstiegen, Gespenst vaterländischer Historie und verkörperte Mahnung des patriotischen Gewissens. Die ewige Bereitschaft zum Witz, mit dem sie alle Anzeichen ihres eigenen Untergangs zu begrüßen beflissen waren, erstarb für die Dauer einer Stunde, und der Name »Solferino« weckte in ihnen Schauder und Ehrfurcht, der Name der Schlacht, die zum erstenmal den Untergang der kaiser- und königlichen Monarchie angekündigt hatte. Beim Anblick und bei den Reden, die dieser merkwürdige Bezirkshauptmann ihnen bot, erschauerten sie selbst. Sie spürten vielleicht schon den Atem des Todes, der ein paar Monate später sie alle ergreifen sollte, am Nacken ergreifen! Und sie verspürten im Nacken den eisigen Hauch des Todes.

Drei Tage im ganzen hatte Herr von Trotta noch Zeit. Und es gelang ihm, innerhalb einer einzigen Nacht, in der er nicht schlief, nicht aß und nicht trank, das eiserne und das goldene Gesetz des Zeremoniells zu durchbrechen. So wie der Name des Helden von Solferino in den Geschichtsbüchern oder in den Lesebüchern für österreichische Volks- und Bürgerschulen nicht mehr gefunden werden konnte, ebenso fehlt der Name des Sohnes des Helden von Solferino in den Protokollen Montenuovos. Außer Montenuovo selbst und dem jüngst verstorbenen Diener Franz Josephs weiß kein Mensch in der Welt mehr, daß der Bezirkshauptmann Franz Freiherr von Trotta eines Morgens vom Kaiser empfangen worden ist, und zwar knapp vor der Abfahrt nach Ischl.

Es war ein wunderbarer Morgen. Der Bezirkshauptmann hatte die ganze Nacht hindurch die Paradeuniform probiert. Er ließ das Fenster offen. Es war eine helle Sommernacht. Von Zeit zu Zeit trat er ans Fenster. Die Geräusche der schlummernden Stadt hörte er dann und den Ruf eines Hahns aus entfernten Gehöften. Er roch den Atem des Sommers; er sah die Sterne am Ausschnitt des nächtlichen Himmels, er hörte den gleichmäßigen Schritt des patrouillierenden Polizisten. Er erwartete den Morgen. Er trat, zum zehntenmal, vor den Spiegel, richtete die Flügel der weißen Krawatte über den Ecken des Stehkragens, fuhr noch einmal über die goldenen Knöpfe seines Fracks mit dem weißen, batistenen Taschentuch, putzte den goldenen Griff des Degens, bürstete seine Schuhe, kämmte seinen Backenbart, bezwang mit dem Kamm die spärlichen Härchen seiner Glatze, die sich immer wieder aufzustellen und zu ringeln schienen, und bürstete noch einmal die Schöße des Fracks. Er nahm den Krappenhut in die Hand. Er stellte sich vor den Spiegel und wiederholte: »Majestät, ich bitte um Gnade für meinen Sohn!« Er sah im Spiegel, wie sich die Flügel seines Backenbartes bewegten, und er hielt es für ungehörig, und er begann, den Satz so zu sprechen, daß der Bart sich nicht rührte und daß die Worte trotzdem deutlich hörbar waren. Er verspürte keinerlei Müdigkeit. Er trat noch einmal ans Fenster, wie man an ein Ufer tritt. Und er erwartete sehnsüchtig den Morgen, wie man ein heimatliches Schiff erwartet. Ja, er hatte Heimweh nach dem Kaiser. Er stand am Fenster, bis der graue Schimmer des Morgens den Himmel erhellte, der Morgenstern erstarb und die verworrenen Stimmen der Vögel den Aufgang der Sonne verkündeten. Dann löschte er die Lichter im Zimmer. Er drückte die Klingel an der Tür. Er befahl den Friseur. Er zog den Frack aus. Er setzte sich. Er ließ sich rasieren. »Zweimal«, sagte er zu dem schlaftrunkenen jungen Mann, »und gegen den Strich!« Nun schimmerte bläulich sein Kinn zwischen den silbernen Fittichen seines Bartes. Der Alaunstein brannte, der Puder kühlte seinen Hals. Für acht Uhr dreißig war er bestellt. Noch einmal bürstete er seinen schwarzgrünen Frack. Dann wiederholte er vor dem Spiegel: »Majestät, ich bitte um Gnade für meinen Sohn!« Dann schloß er das Zimmer. Er stieg die Treppe hinunter. Noch schlief das ganze Haus. Er zog an den weißen Handschuhen, glättete die Finger, streichelte die lederne Haut, blieb noch einen Augenblick vor dem großen Spiegel auf der Treppe zwischen dem ersten und dem zweiten Stock und versuchte, sein Profil zu erhaschen. Dann stieg er vorsichtig, nur mit den Fußspitzen die Stufen berührend, die rotgepolsterte Treppe hinunter, silberne Würde verbreitend, Duft von Puder und Kölnischem Wasser und den scharfen Geruch der Schuhwichse. Der Portier verbeugte sich tief. Der Zweispänner hielt vor der Drehtür. Der Bezirkshauptmann fegte mit dem Taschentuch über den Polstersitz des Fiakers und setzte sich. »Schönbrunn!« befahl er. Und er saß während der ganzen Fahrt starr im Fiaker. Die Hufe der Rösser schlugen fröhlich aufs frisch bespritzte Pflaster, und die eilenden weißen Bäckerjungen blieben stehn und sahen dem Wagen nach wie einer Parade. Wie das Glanzstück einer Parade rollte Herr von Trotta zum Kaiser.

Er ließ den Wagen in einer Entfernung halten, die ihm angemessen erschien. Und er ging, mit seinen blendenden Handschuhen an beiden Seiten des schwarz-grünen Fracks, sorgfältig einen Fuß vor den andern setzend, um die glänzenden Zugstiefel vor dem Staub der Allee zu bewahren, den geraden Weg zum Schönbrunner Schloß empor. Über ihm jubelten die morgendlichen Vögel. Der Duft des Flieders und Jasmins betäubte ihn. Von den weißen Kastanienkerzen fiel hier und dort ein Blättchen auf seine Schulter. Er knipste es mit zwei Fingern weg. Langsam ging er die strahlenden, flachen Stufen empor, die schon weiß in der Morgensonne lagen. Der Posten salutierte, der Bezirkshauptmann von Trotta betrat das Schloß.

Er wartete. Er wurde, wie es Vorschrift war, von einem Beamten des Obersthofmeisteramtes gemustert. Sein Frack, seine Handschuhe, seine Hosen, seine Stiefel waren tadellos. Es wäre unmöglich gewesen, einen Fehler an Herrn von Trotta zu entdecken. Er wartete. Er wartete in dem großen Raum vor dem Arbeitszimmer der Majestät, durch dessen sechs große, gewölbte und noch morgendlich verhangene, aber bereits geöffnete Fenster der ganze Reichtum des Frühsommers drang, alle süßen Gerüche und alle tollen Stimmen der Vögel von Schönbrunn.

Er schien nichts zu hören, der Bezirkshauptmann. Er schien auch den Herrn nicht zu beachten, dessen diskrete Pflicht es war, die Besucher des Kaisers zu mustern und ihnen Verhaltungsmaßregeln zu geben. Vor der silbernen, unnahbaren Würde des Bezirkshauptmanns verstummte er und unterließ seine Pflicht. An beiden Flügeln der hohen, weißen, goldgesäumten Tür standen zwei übergroße Wächter wie tote Standbilder. Der braungelbe Parkettboden, den der rötliche Teppich nur in der Mitte bedeckte, spiegelte den unteren Teil Herrn von Trottas undeutlich wider, die schwarze Hose, die vergoldete Spitze der Degenscheide und auch die wallenden Schatten der Frackschöße. Herr von Trotta erhob sich. Er ging mit zagen, lautlosen Schritten über den Teppich. Sein Herz klopfte. Aber seine Seele war ruhig. In dieser Stunde, fünf Minuten vor der Begegnung mit seinem Kaiser, war es Herrn von Trotta, als verkehrte er hier seit Jahren und als wäre er gewohnt, jeden Morgen Seiner Majestät Kaiser Franz Joseph dem Ersten persönlich Bericht zu erstatten über die Vorfälle des vergangenen Tages im mährischen Bezirk W. Ganz heimisch fühlte sich der Herr Bezirkshauptmann im Schlosse seines Kaisers. Höchstens störte ihn der Gedanke, daß er es vielleicht nötig hätte, noch einmal mit kämmenden Fingern durch seinen Backenbart zu fahren, und daß jetzt keine Gelegenheit mehr war, die weißen Handschuhe abzustreifen. Kein Minister des Kaisers und nicht einmal der Obersthofmeister selbst hätte sich hier heimischer fühlen können als der Herr von Trotta. Von Zeit zu Zeit blähte der Wind die sonnengelben Vorhänge vor den hohen, gewölbten Fenstern, und ein Stück sommerliches Grün stahl sich in das Gesichtsfeld des Bezirkshauptmanns. Immer lauter lärmten die Vögel. Schon begannen ein paar schwere Fliegen zu summen, im törichten, verfrühten Glauben, der Mittag sei gekommen, und allmählich fing auch die sommerliche Hitze an, fühlbar zu werden. Der Bezirkshauptmann blieb in der Mitte des Raums stehn, den Krappenhut an der rechten Hüfte, die linke, weißblendende Hand am goldenen Degengriff, das Angesicht gegen die Tür des Zimmers starr gerichtet, in dem der Kaiser saß. So stand er wohl zwei Minuten. Durch die offenen Fenster wehten die goldenen Glockenschläge entfernter Turmuhren herein. Da gingen auf einmal die zwei Flügel der Tür auf. Und mit gerecktem Kopf, vorsichtigen, lautlosen und dennoch festen Schritten trat der Bezirkshauptmann vor. Er machte eine tiefe Verbeugung und verharrte ein paar Sekunden so, das Angesicht gegen das Parkett und ohne einen Gedanken. Als er sich erhob, war die Tür hinter seinem Rücken geschlossen. Vor ihm, hinter dem Schreibtisch, stand Kaiser Franz Joseph, und es war dem Bezirkshauptmann, als stünde hinter dem Schreibtisch sein älterer Bruder. Ja, der Backenbart Franz Josephs war etwas gelblich, um den Mund besonders, aber im übrigen genauso weiß wie der Backenbart Herrn von Trottas. Der Kaiser trug die Uniform eines Generals, und der Herr von Trotta die Uniform eines Bezirkshauptmanns. Und sie glichen zwei Brüdern, von denen der eine ein Kaiser, der andere ein Bezirkshauptmann geworden war. Sehr menschlich, wie diese ganze, in den Protokollen niemals verzeichnete Audienz Herrn von Trottas beim Kaiser, war die Bewegung, die Franz Joseph in diesem Augenblick vollführte. Da er befürchtete, ein Tropfen könnte an seiner Nase hängen, zog er sein Taschentuch aus der Hosentasche und fuhr damit über den Schnurrbart. Er warf einen Blick auf den Akt. Aha, der Trotta! dachte er. Gestern hatte er sich die Notwendigkeit dieser plötzlichen Audienz erklären lassen, aber nicht genau zugehört. Seit Monaten schon hörten die Trottas nicht auf, ihn zu belästigen. Er erinnerte sich, daß er bei den Manövern den jüngsten Abkömmling dieser Familie gesprochen hatte. Es war ein Leutnant, ein merkwürdig blasser Leutnant gewesen. Dies hier war gewiß sein Vater! Und schon hatte der Kaiser wieder vergessen, ob ihm der Großvater oder der Vater des Leutnants das Leben in der Schlacht bei Solferino gerettet hatte. War der Held von Solferino plötzlich Bezirkshauptmann geworden? Oder war es gar der Sohn des Helden von Solferino? Und er stützte sich mit den Händen auf den Schreibtisch. »Na, mein lieber Trotta?« fragte er. Denn es war seine kaiserliche Pflicht, seine Besucher verblüffenderweise beim Namen zu kennen. »Majestät!« sagte der Bezirkshauptmann und verbeugte sich noch einmal tief: »Ich bitte um Gnade für meinen Sohn!« »Was für einen Sohn hat Er?« fragte der Kaiser, um Zeit zu gewinnen und nicht sofort zu verraten, daß er in der Familiengeschichte der Trottas nicht bewandert war. »Mein Sohn ist Leutnant bei den Jägern in B.«, sagte Herr von Trotta. »Ah so, ah so!« sagte der Kaiser. »Das ist der junge Mann, den ich bei den letzten Manövern gesehen hab'! Ein braver Mensch!« Und weil sich seine Gedanken ein wenig verwirrten, fügte er hinzu: »Er hat mir beinah das Leben gerettet. Oder waren Sie es?«

»Majestät! Es war mein Vater, der Held von Solferino!« bemerkte der Bezirkshauptmann, indem er sich noch einmal verneigte.

»Wie alt ist er jetzt?« fragte der Kaiser. »Die Schlacht bei Solferino. Das war doch der mit dem Lesebuch?«

»Jawohl, Majestät!« sagte der Bezirkshauptmann.

Und der Kaiser erinnerte sich plötzlich genau an die Audienz des merkwürdigen Hauptmanns. Und wie damals, als der sonderbare Hauptmann bei ihm erschienen war, verließ Franz Joseph der Erste auch jetzt den Platz hinter dem Schreibtisch, ging seinem Besucher ein paar Schritte entgegen und sagte: »Kommen S' doch näher!«

Der Bezirkshauptmann trat näher. Der Kaiser streckte seine magere, zitternde Hand aus, eine Greisenhand mit blauen Äderchen und kleinen Knoten an den Fingergelenken. Der Bezirkshauptmann ergriff die Hand des Kaisers und verbeugte sich. Er wollte sie küssen. Er wußte nicht, ob er wagen dürfte, sie zu halten oder seine eigene Hand so in die des Kaisers zu legen, daß dieser in jeder Sekunde die Möglichkeit hätte, die seine zurückzuziehen. »Majestät!« wiederholte der Bezirkshauptmann zum drittenmal, »ich bitte um Gnade für meinen Sohn!«

Sie waren wie zwei Brüder. Ein Fremder, der sie in diesem Augenblick erblickt hätte, wäre imstande gewesen, sie für zwei Brüder zu halten. Ihre weißen Backenbärte, ihre abfallenden, schmalen Schultern, ihr gleiches körperliches Maß erweckte in beiden den Eindruck, daß sie ihren eigenen Spiegelbildern gegenüberständen. Und der eine glaubte, er hätte sich in einen Bezirkshauptmann verwandelt. Und der andere glaubte, er hätte sich in den Kaiser verwandelt. Zur linken Hand des Kaisers und zur rechten Herrn von Trottas standen die zwei großen Fenster des Zimmers offen, auch sie noch verhüllt von sonnengelben Vorhängen. »Schönes Wetter heut!« sagte plötzlich Franz Joseph. »Wunderschönes Wetter heut!« sagte der Bezirkshauptmann. Und während der Kaiser mit der Linken nach dem Fenster deutete, streckte der Bezirkshauptmann seine Rechte in die gleiche Richtung aus. Und es war dem Kaiser, als stünde er vor seinem eigenen Spiegelbild.

Auf einmal fiel es dem Kaiser ein, daß er vor seiner Abreise nach Ischl noch viel zu erledigen hatte. Und er sagte: »Es ist gut! Es wird alles erledigt! Was hat er denn angestellt? Schulden? Es wird erledigt! Grüßen Sie Ihren Papa!«

»Mein Vater ist tot!« sagte der Bezirkshauptmann.

»So, tot!« sagte der Kaiser. »Schade, schade!« Und er verlor sich in Erinnerungen an die Schlacht bei Solferino. Und er kehrte an seinen Schreibtisch zurück, setzte sich, drückte den Knopf der Glocke und sah nicht mehr, wie der Bezirkshauptmann hinausging, den Kopf gesenkt, den Degengriff an der linken, den Krappenhut an der rechten Hüfte.

Der morgendliche Lärm der Vögel erfüllte das ganze Zimmer. Bei aller Wertschätzung, die der Kaiser für die Vögel empfand als eine Art bevorzugter Gottesgeschöpfe, hegte er doch auch gegen sie ein gewisses Mißtrauen auf dem Grunde seines Herzens, ähnlich jenem gegen die Künstler. Und nach seinen Erfahrungen in den letzten Jahren waren die zwitschernden Vögel immer der Anlaß seiner kleinen Vergeßlichkeiten gewesen. Deshalb notierte er schnell »Affäre Trotta« auf den Akt.

Dann wartete er auf den täglichen Besuch des Obersthofmeisters. Schon schlug es neun. Jetzt kam er.

 << Kapitel 17  Kapitel 19 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.