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Radetzkymarsch

Joseph Roth: Radetzkymarsch - Kapitel 17
Quellenangabe
pfad/roth/radetzky/radetzky.xml
typefiction
authorJoseph Roth
titleRadetzkymarsch
publisherKiepenheuer & Witsch
isbn3462023799
year1994
firstpub
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
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XVII

Nein, der Bezirkshauptmann hatte noch nicht alles Bittere gekostet! Carl Joseph erhielt den Brief seines Vaters zu spät, das heißt zu einer Zeit, in der er längst beschlossen hatte, keine Briefe mehr zu öffnen und keine zu schreiben. Was Frau von Taußig betraf, so telegraphierte sie. Wie flinke, kleine Schwalben kamen jede zweite Woche ihre Telegramme, ihn zu rufen. Und Carl Joseph stürzte zum Kleiderschrank, holte den grauen Zivilanzug hervor, seine bessere, wichtigere und geheime Existenz, und zog sich um. Sofort fühlte er sich heimisch in der Welt, in die er sich begeben sollte, er vergaß sein militärisches Leben. An Stelle Hauptmann Wagners war Hauptmann Jedlicek von den Einser-Jägern zum Bataillon gekommen, ein »guter Kerl« von enormen körperlichen Ausmaßen, breit, heiter und sanft wie jeder Riese und jeder guten Zurede offen. Welch ein Mann! Gleich als er ankam, wußten alle, daß er diesem Sumpf gewachsen war und daß er stärker war als die Grenze. Man konnte sich auf ihn verlassen! Er verstieß gegen alle militärischen Gebote, aber es war, als ob er sie umstieße! Er hätte ein neues Dienstreglement erfinden und einführen und durchsetzen können: So sah er aus! Er brauchte viel Geld, aber es strömte ihm auch von allen Seiten zu. Die Kameraden borgten ihm, unterschrieben Wechsel für ihn, versetzten für ihn ihre Ringe und ihre Uhren, schrieben an ihre Väter für ihn und an ihre Tanten. Nicht, daß man ihn geradezu geliebt hätte! Denn die Liebe hätte sie ihm nahegebracht, und er schien nicht zu wünschen, daß man ihm nahekomme. Aber es wäre auch schon aus körperlichen Gründen nicht leicht gewesen; seine Größe, seine Breite, seine Wucht wehrten alle ab, und es fiel ihm also nicht schwer, gutmütig zu sein. »Fahr du nur ruhig!« sagte er zum Leutnant Trotta. »Ich übernehme die Verantwortung!« Er übernahm die Verantwortung, und er konnte sie auch tragen. Und er benötigte jede Woche Geld. Leutnant Trotta bekam es von Kapturak. Er brauchte selbst Geld, der Leutnant Trotta. Es erschien ihm jämmerlich, ohne Geld bei Frau von Taußig anzukommen. Wehrlos hätte er sich da in ein bewaffnetes Lager begeben. Welch ein Leichtsinn! – Und er steigerte allmählich seine Bedürfnisse, und er erhöhte die Summen, die er mitnahm, und er kam dennoch von jedem Ausflug mit der allerletzten Krone zurück, und er beschloß immer wieder, das nächstemal mehr mitzunehmen. Manchmal versuchte er, sich Rechenschaft über das verlorene Geld zu geben. Aber es gelang ihm niemals, sich an die einzelnen Ausgaben zu erinnern, und oft kamen auch einfache Additionen nicht mehr zustande. Er konnte nicht rechnen. Seine kleinen Notizbücher hätten von seinen trostlosen Bemühungen, Ordnung zu halten, zeugen können. Unendliche Zahlenkolonnen standen auf jeder Seite. Sie verwirrten und vermischten sich aber, er verlor sie gleichsam aus den Händen, sie addierten sich selbst und trogen ihn mit falschen Summen, sie galoppierten vor seinen sehenden Augen davon, sie kehrten im nächsten Augenblick verwandelt zurück und waren nicht mehr zu erkennen. Es gelang ihm nicht einmal, seine Schulden zu addieren. Auch die Zinsen begriff er nicht. Was er geliehen hatte, verschwand hinter dem, was er schuldig war, wie ein Hügel hinter einem Berg. Und er begriff nicht, wie Kapturak eigentlich rechnete. Und mißtraute er auch Kapturaks Ehrlichkeit, so traute er doch noch weniger seiner eigenen Fähigkeit zu rechnen. Schließlich langweilte ihn jede Zahl. Und er gab ein für allemal jeden Rechenversuch auf, mit dem Mut, den Ohnmacht und Verzweiflung erzeugen.

Sechstausend Kronen war er Kapturak und Brodnitzer schuldig. Diese Summe war selbst für seine mangelhafte Vorstellung von Zahlen riesengroß, wenn er sie mit seiner monatlichen Gage verglich. (Und von der wurde noch ein Drittel regelmäßig abgezogen.) Dennoch hatte er sich mit der Zahl 6000 allmählich vertraut gemacht wie mit einem übermächtigen, aber ganz alten Feind. Ja, in guten Stunden konnte es ihm sogar scheinen, daß die Zahl abnehme und Kräfte verliere. In schlechten Stunden aber schien es ihm, daß sie zunehme und Kräfte gewinne.

Er fuhr zu Frau von Taußig. Seit Wochen unternahm er diese kurzen und verstohlenen Fahrten zu Frau von Taußig, sündige Wallfahrten. Den naiven Frommen ähnlich, für die eine Pilgerfahrt eine Art Genuß ist, eine Zerstreuung und manchmal sogar eine Sensation, verband Leutnant Trotta das Ziel, zu dem er pilgerte, mit der Umgebung, in der es lebte, mit seiner ewigen Sehnsucht nach einem freien Leben, wie er es sich vorstellte, mit dem Zivil, das er anlegte, und mit dem Reiz des Verbotenen. Er liebte seine Reisen. Er liebte diese zehn Minuten Fahrt im geschlossenen Wagen zum Bahnhof, während welcher er sich einbildete, daß er von niemandem erkannt wurde. Er liebte die paar geliehenen Hundertkronenscheine in der Brusttasche, die heute und morgen ihm allein gehörten und denen man nicht ansah, daß sie geliehen waren und daß sie schon zu wachsen und zu schwellen begannen in den Notizbüchern Kapturaks. Er liebte diese zivile Anonymität, in der er den Wiener Nordbahnhof passierte und verließ. Niemand erkannte ihn. Offiziere und Soldaten gingen an ihm vorbei. Er grüßte nicht und wurde nicht gegrüßt. Manchmal erhob sich sein Arm zum militärischen Gruß von selbst. Er erinnerte sich schnell an sein Zivil und ließ ihn wieder sinken. Die Weste zum Beispiel machte dem Leutnant Trotta ein kindisches Vergnügen. Er steckte die Hände in alle ihre Taschen, die er nicht zu gebrauchen wußte. Und er liebkoste mit eitlen Fingern den Knoten der Krawatte über dem Ausschnitt, der einzigen, die er besaß – Frau von Taußig hatte sie ihm geschenkt – und die er trotz unzähliger Bemühungen nicht zu knüpfen verstand. Der simpelste Kriminalbeamte hätte im Leutnant Trotta auf den ersten Blick den Offizier in Zivil erkannt.

Frau von Taußig stand am Nordbahnhof auf dem Perron. Vor zwanzig Jahren – sie dachte, es sei vor fünfzehn gewesen, denn sie hatte so lange ihr Alter verleugnet, daß sie selbst überzeugt war, ihre Jahre hielten im Lauf inne und gingen nicht zu Ende –, vor zwanzig Jahren hatte sie ebenfalls am Nordbahnhof auf einen Leutnant gewartet, der allerdings ein Kavallerist gewesen war. Sie stieg auf den Perron wie in ein Verjüngungsbad. Sie tauchte unter im beizenden Dunst der Steinkohle, in den Pfiffen und Dämpfen der rangierenden Lokomotiven, im dichten Geklingel der Signale. Sie trug einen kurzen Reiseschleier. Sie hatte die Vorstellung, daß er vor fünfzehn Jahren Mode gewesen war. Dieweil waren es bereits fünfundzwanzig Jahre her, und nicht einmal zwanzig! Sie liebte es, auf dem Bahnsteig zu warten. Sie liebte den Augenblick, in dem der Zug einrollte und sie das lächerliche, dunkelgrüne Hütchen Trottas am Kupeefenster erblickte und sein geliebtes, ratloses, junges Angesicht. Denn sie machte Carl Joseph jünger, ebenso wie sich selbst, dümmer und ratloser, ebenso wie sich selbst. In dem Augenblick, in dem der Leutnant das unterste Trittbrett verließ, öffneten sich ihre Arme wie vor zwanzig beziehungsweise fünfzehn Jahren. Und aus dem Gesicht, das sie heute trug, tauchte jenes frühe rosige und faltenlose auf, das sie vor zwanzig beziehungsweise vor fünfzehn Jahren getragen hatte, ein Mädchengesicht, süß und etwas erhitzt. Um ihren Hals, in dessen Haut sich heute schon zwei parallele Rillen gruben, hatte sie jene kindliche, dünne Goldkette geschlungen, die vor zwanzig beziehungsweise fünfzehn Jahren ihr einziger Schmuck gewesen war. Und wie vor zwanzig beziehungsweise fünfzehn Jahren fuhr sie mit dem Leutnant in eines jener kleinen Hotels, in denen die verborgene Liebe blühte, in bezahlten, armseligen, quietschenden und köstlichen Bettparadiesen. Die Spaziergänge begannen. Die Liebesviertelstunden im jungen Grün des Wienerwalds, die kleinen, plötzlichen Gewitter des Bluts. Die Abende im rötlichen Dämmer der Opernlogen, hinter vorgezogenen Vorhängen. Die Liebkosungen, wohlbekannte und dennoch überraschende Liebkosungen, auf die das erfahrene und dennoch ahnungslose Fleisch wartete. Das Ohr kannte die oft gehörte Musik, aber die Augen kannten nur Bruchteile der Szenen. Denn Frau von Taußig hatte immer hinter vorgezogenem Vorhang oder mit geschlossenen Augen in der Oper gesessen. Die Zärtlichkeiten, von der Musik geboren und den Händen des Mannes gleichsam vom Orchester anvertraut, kamen kühl und heiß zugleich zur Haut, längst vertraute und ewig junge Schwestern, Geschenke, die man oft schon empfangen, aber wieder vergessen und lediglich vorgeträumt zu haben glaubte. Die stillen Restaurants öffneten sich. Die stillen Nachtmähler begannen, in Winkeln, in denen der Wein, den man trank, auch zu wachsen schien, gereift von der Liebe, die hier im Dunkeln ewig leuchtete. Der Abschied kam, eine letzte Umarmung am Nachmittag, von der ständig tickenden Mahnung der Taschenuhr, die auf dem Nachttisch lag, begleitet und schon erfüllt von der Freude auf das nächste Wiedersehen; und die Hast, mit der man zum Zug drängte; und der allerletzte Kuß auf dem Trittbrett und die im letzten Augenblick aufgegebene Hoffnung, doch noch mitzufahren.

Müde, aber erfüllt von allen Süßigkeiten der Welt und der Liebe, kam Leutnant Trotta wieder in seinem Garnisonort an. Sein Diener Onufrij hielt die Uniform schon bereit. Trotta zog sich im Hinterzimmer des Restaurants um und fuhr in die Kaserne. Er ging in die Kompaniekanzlei. Alles in Ordnung, nichts vorgefallen. Hauptmann Jedlicek war froh, heiter, wuchtig und gesund wie immer. Leutnant Trotta fühlte sich erleichtert und zugleich enttäuscht. In einem verborgenen Winkel seines Herzens hatte er eine Katastrophe erhofft, die ihm den weiteren Dienst in der Armee unmöglich gemacht hätte. Er wäre dann sofort umgekehrt. Aber es war nichts vorgefallen. Und also mußte er noch zwölf Tage hier warten, eingesperrt zwischen den vier Mauern des Kasernenhofes, innerhalb der wüsten Gäßchen dieser Stadt. Er warf einen Blick auf die Schießfiguren rings an den Wänden des Kasernenhofes. Kleine, blaue Männchen, von Schüssen zerfetzt und wieder nachgemalt, erschienen sie dem Leutnant wie boshafte Kobolde, Hausgeister der Kaserne, sie selbst drohend mit Waffen, von denen sie getroffen wurden, keine Ziele mehr, sondern gefährliche Schützen. Sobald er ins Hotel Brodnitzer kam, sein kahles Zimmer betrat, sich aufs eiserne Bett warf, faßte er den Entschluß, von seinem nächsten Urlaub nicht mehr in die Garnison zurückzukehren.

Diesen Entschluß auszuführen, war er nicht imstande. Er wußte es auch. Und er wartete in Wirklichkeit auf irgendein merkwürdiges Glück, das ihm eines Tages in die Arme fallen und ihn befreien würde für alle Zeiten: von der Armee und von der Notwendigkeit, sie aus freien Stücken zu verlassen. Alles, was er tun konnte, bestand darin, daß er aufhörte, seinem Vater zu schreiben, und daß er ein paar Briefe des Bezirkshauptmanns liegenließ, um sie später einmal zu öffnen; später einmal ...

Die nächsten zwölf Tage rollten vorüber. Er öffnete den Kleiderkasten, betrachtete seinen Zivilanzug und wartete auf das Telegramm. Immer kam es um diese Stunde, in der Dämmerung, kurz vor dem Anbruch der Nacht, wie ein Vogel, der heimkehrt in sein Nest. Aber heute kam es nicht, auch nicht, als die Nacht schon eingebrochen war. Der Leutnant zündete kein Licht an, um die Nacht nicht zur Kenntnis zu nehmen. Angekleidet und mit offenen Augen lag er auf dem Bett. Alle vertrauten Stimmen des Frühlings wehten durch das offene Fenster herein: der tiefe Lärm der Frösche und über ihm sein sanfter und heller Bruder, der Gesang der Grillen, dazwischen der ferne Ruf des nächtlichen Hähers und die Lieder der Burschen und Mägde aus dem Grenzdorf. Das Telegramm kam schließlich. Es teilte dem Leutnant mit, daß er diesmal nicht kommen könne. Frau von Taußig wäre zu ihrem Mann gefahren. Sie wollte bald zurück, wüßte nur nicht, wann. Mit »tausend Küssen« schloß der Text. Ihre Zahl beleidigte den Leutnant. Sie hätte nicht sparen dürfen, dachte er. Hunderttausend hätte sie auch telegraphieren können! Es fiel ihm ein, daß er sechstausend Kronen schuldig war. Mit ihnen verglichen, waren tausend Küsse eine kümmerliche Zahl. Er stand auf, um die offene Tür des Kleiderschranks zu schließen. Da hing, sauber und gerade, eine gebügelte Leiche, der freie, dunkelgraue, zivilistische Trotta. Über ihm schloß sich der Kasten. Ein Sarg: begraben! begraben!

Der Leutnant öffnete die Tür zum Korridor. Immer saß Onufrij dort, schweigsam oder leise summend oder die Mundharmonika vor den Lippen und die Hände gewölbt über dem Instrument, um die Töne zu dämpfen. Manchmal saß Onufrij auf einem Stuhl. Manchmal hockte er auf der Schwelle. Vor einem Jahr schon hätte er das Militär verlassen sollen. Er blieb freiwillig. Sein Dorf Burdlaki lag in der Nähe. Immer, wenn der Leutnant wegfuhr, ging er in sein Dorf. Er nahm einen Knüppel aus Weichselholz mit, ein weißes, blaugeblümtes Tuch, legte rätselhafte Gegenstände in dieses Tuch, hängte das Bündel an das Knüppelende, schulterte den Stock, begleitete den Leutnant zur Bahn, wartete bis zum Abgang des Zuges, stand salutierend und erstarrt am Bahnsteig, auch wenn Trotta nicht aus dem Kupeefenster blickte, und begann dann seine Wanderung nach Burdlaki, zwischen den Sümpfen, auf dem schmalen Pfad, an dem die Weiden wuchsen, auf dem einzigen sicheren Weg, auf dem keine Gefahr war zu versinken. Onufrij kam rechtzeitig wieder, um Trotta zu erwarten. Und er setzte sich vor die Tür Trottas, schweigsam, summend oder auf der Mundharmonika spielend unter den gewölbten Händen.

Der Leutnant öffnete die Tür zum Korridor. »Du kannst diesesmal nicht nach Burdlaki! Ich fahre nicht weg!« »Jawohl, Herr Leutnant!« Onufrij stand, erstarrt und salutierend, im weißen Korridor, ein dunkelblauer, gerader Strich. »Du bleibst hier!« wiederholte Trotta; er glaubte, Onufrij habe ihn nicht verstanden.

Aber Onufrij sagte nur noch einmal: »Jawohl!« Und wie, um zu beweisen, daß er noch mehr begriffe, als man ihm sagte, ging er hinunter und kam mit einer Flasche Neunziggrädigem zurück.

Trotta trank. Das kahle Zimmer wurde heimlicher. Die nackte elektrische Birne am geflochtenen Draht, umschwirrt von Nachtfaltern, geschaukelt vom nächtlichen Wind, weckte in der bräunlichen Politur des Tisches trauliche, flüchtige Reflexe. Allmählich verwandelte sich auch Trottas Enttäuschung in wohliges Weh. Er schloß eine Art Bündnis mit seinem Kummer. Alles in der Welt war heute im höchsten Maße traurig, und der Leutnant war der Mittelpunkt dieser erbärmlichen Welt. Für ihn lärmten heute so jämmerlich die Frösche, und auch die schmerzerfüllten Grillen wehklagten für ihn. Seinetwegen füllte sich die Frühlingsnacht mit einem so gelinden, süßen Weh, seinetwegen standen die Sterne so unerreichbar hoch am Himmel, und ihm allein blinkte ihr Licht so vergeblich sehnsüchtig zu. Der unendliche Schmerz der Welt paßte vollkommen zu dem Elend Trottas. Er litt in vollendeter Eintracht mit dem leidenden All. Hinter der tiefblauen Schale des Himmels sah Gott selbst auf ihn mitleidig hernieder. Trotta öffnete noch einmal den Kasten. Da hing, gestorben für immer, der freie Trotta. Daneben blinkte der Säbel Max Demants, des toten Freundes. Im Koffer lag das Andenken des alten Jacques, die steinharte Wurzel, neben den Briefen der toten Frau Slama. Und auf dem Fensterbrett lagen nicht weniger als drei nicht geöffnete Briefe seines Vaters, der vielleicht auch schon gestorben war! Ach! Der Leutnant Trotta war nicht nur traurig und unglücklich, sondern auch schlecht, ein grundschlechter Charakter! Carl Joseph kehrte an den Tisch zurück, schenkte sich noch ein Glas ein und leerte es auf einen Zug. Im Korridor, vor der Tür, begann eben Onufrij, ein neues Lied auf der Mundharmonika zu blasen, das wohlbekannte Lied. »Oh, unser Kaiser ...« Die ersten ukrainischen Worte kannte Trotta nicht mehr: »Oj nasch cisar, cisarewa.« Es war ihm nicht gelungen, die Landessprache zu erlernen. Er war nicht nur ein grundschlechter Charakter, sondern auch ein müder, törichter Kopf. Und kurz und gut: Sein ganzes Leben war verfehlt! Seine Brust preßte sich zusammen, die Tränen quollen schon in seiner Kehle, bald würden sie in die Augen steigen. Und er trank noch ein Glas, um ihnen den Weg zu erleichtern. Schließlich brachen sie aus seinen Augen. Er legte die Arme auf den Tisch, bettete den Kopf in die Arme und begann, jämmerlich zu schluchzen. So weinte er wohl eine Viertelstunde. Er hörte nicht, daß Onufrij sein Spiel unterbrochen hatte und daß er an die Tür klopfte. Erst als sie ins Schloß fiel, hob er den Kopf. Und er erblickte Kapturak.

Es gelang ihm, die Tränen zurückzuhalten und mit einer scharfen Stimme zu fragen: »Wie kommen Sie hierher?«

Kapturak, die Mütze in der Hand, stand hart an der Tür; er ragte nur wenig über die Klinke. Sein gelblichgraues Angesicht lächelte. Er war grau angezogen. Er trug Schuhe aus grauer Leinwand. Ihre Ränder zeigten den grauen, frischen, glänzenden Frühlingsschlamm der Straßen dieses Landes. Auf seinem winzigen Schädel ringelten sich deutlich ein paar graue Löckchen. »Guten Abend!« sagte er und machte eine kleine Verbeugung. Gleichzeitig flitzte an der weißen Tür sein Schatten empor und sank sofort wieder zusammen.

»Wo ist mein Bursche?« fragte Trotta – »und was wünschen Sie?«

»Sie sind diesmal nicht nach Wien gefahren!« begann Kapturak.

»Ich fahre überhaupt nicht nach Wien!« sagte Trotta.

»Sie haben diese Woche kein Geld benötigt!« sagte Kapturak. »Ich habe heute Ihren Besuch erwartet. Ich hab' mich erkundigen wollen. Ich komme eben von Herrn Hauptmann Jedlicek. Er ist nicht zu Hause!«

»Er ist nicht zu Hause!« wiederholte Trotta gleichgültig.

»Ja«, sagte Kapturak. »Er ist nicht zu Hause, es ist was mit ihm passiert!«

Trotta hörte wohl, daß etwas mit dem Hauptmann Jedlicek passiert sei. Aber er fragte nicht. Er war erstens nicht neugierig. (Er war heute nicht neugierig.) Zweitens schien es ihm, daß mit ihm selbst ungeheuer viel passiert sei, zu viel, und daß ihn alle andern wenig kümmern dürften; drittens hatte er durchaus keine Lust, sich von Kapturak etwas erzählen zu lassen. Er war ergrimmt über die Anwesenheit Kapturaks. Er hatte nur nicht die Kraft, irgendwas gegen den kleinen Mann zu unternehmen. Eine sehr vage Erinnerung an die sechstausend Kronen, die er dem Besucher schuldig war, tauchte immer wieder in ihm auf; eine peinliche Erinnerung: Er versuchte, sie zurückzudrängen. Das Geld, versuchte er sich im stillen einzureden, hat nichts mit seinem Besuch zu tun. Es sind zwei verschiedene Leute: Der eine, dem ich Geld schuldig bin, ist nicht hier; der andere, der hier im Zimmer steht, will mir nur etwas Gleichgültiges über Jedlicek erzählen. Er starrte auf Kapturak. Für ein paar Augenblicke schien es dem Leutnant, daß sein Gast zerfließe und sich aus undeutlichen, grauen Flecken wieder zusammensetze. Trotta wartete, bis Kapturak völlig hergestellt war. Es bedurfte einiger Mühe, um den Augenblick schnell auszunutzen; denn die Gefahr bestand, daß der kleine, graue Mann sofort wiederum zerging und sich auflöste. Kapturak trat einen Schritt näher, als wüßte er, daß er dem Leutnant nicht deutlich sichtbar war, und wiederholte etwas lauter:

»Mit dem Hauptmann ist was passiert!«

»Was ist denn mit ihm schließlich passiert?« fragte Trotta verträumt wie aus dem Schlaf.

Kapturak kam noch einen Schritt näher an den Tisch und flüsterte, die gewölbten Hände vor dem Mund, so daß sein Flüstern wie ein Rauschen wurde: »Man hat ihn verhaftet und verschickt. Wegen Spionageverdachts.«

Bei diesem Wort erhob sich der Leutnant. Er stand jetzt, beide Hände auf den Tisch gestützt. Seine Beine spürte er kaum. Es war ihm, als stünde er lediglich auf den Händen. Er grub sie fast in die Tischplatte. »Ich wünsche nichts von Ihnen darüber zu hören«, sagte er. »Gehen Sie!«

»Leider nicht möglich, nicht möglich!« sagte Kapturak.

Er stand jetzt nahe am Tisch, neben Trotta. Er senkte den Kopf, wie um ein schamhaftes Geständnis abzulegen, und sagte: »Ich muß auf einer Teilzahlung bestehen!«

»Morgen!« sagte Trotta.

»Morgen!« wiederholte Kapturak. »Morgen ist es vielleicht unmöglich! Sie sehen, was da jeden Tag für Überraschungen vorkommen. Ich habe am Hauptmann ein Vermögen verloren. Wer weiß, ob man ihn jemals wiedersehen wird. Sie sind sein Freund!«

»Was sagen Sie?« fragte Trotta. Er hob die Hände vom Tisch und stand plötzlich sicher auf seinen Füßen. Er begriff plötzlich, daß Kapturak ein ungeheuerliches Wort gesagt hatte, obwohl es die Wahrheit war; und ungeheuerlich schien es nur, weil es die Wahrheit sagte. Zugleich erinnerte sich der Leutnant an die einzige Stunde seines Lebens, in der er andern Menschen gefährlich gewesen war. Er wünschte sich, jetzt ebenso gerüstet zu sein wie damals, mit Säbel, Pistole, seinen Zug im Rücken. Der kleine, graue Mann war heute weitaus gefährlicher, als es damals die Hunderte waren. Und um seine Wertlosigkeit wettzumachen, suchte Trotta sein Herz mit einem fremden Zorn zu erfüllen. Er ballte die Fäuste; er hatte es noch nie getan, und er spürte, daß er nicht bedrohlich sein, sondern höchstens einen Bedrohlichen spielen konnte. An seiner Stirn schwoll eine blaue Ader an, sein Angesicht rötete sich, das Blut stieg auch in seine Augen, und sein Blick wurde starr. Es gelang ihm, sehr gefährlich auszusehen. Kapturak wich zurück.

»Was sagen Sie?« wiederholte der Leutnant.

»Nichts!« sagte Kapturak.

»Wiederholen Sie, was Sie gesagt haben!« befahl Trotta.

»Nichts!« antwortete Kapturak.

Er zerrann wiederum für einen Augenblick in undeutliche, graue Flecke. Und den Leutnant Trotta ergriff eine ungeheuere Angst, daß der Kleine die gespenstische Fähigkeit habe, in Stücke zu zerfallen und sich wieder in ein Ganzes zusammenzufügen. Und ein unwiderstehliches Verlangen, die Substanz Kapturaks zu erfahren, erfüllte den Leutnant Trotta, ähnlich der unbezwinglichen Leidenschaft eines Forschers. Am Bettpfosten, hinter seinem Rücken, hing der Säbel, seine Waffe, der Gegenstand seiner militärischen und privaten Ehre und in diesem Augenblick merkwürdigerweise auch ein magisches Instrument, geeignet, das Gesetz unheimlicher Gespenster zu enthüllen. Er fühlte den blinkenden Säbel im Rücken und eine Art magnetischer Kraft, die von der Waffe ausging. Und, gleichsam von ihr angezogen, machte er rückwärts einen Satz, den Blick auf den fortwährend zerfallenden und sich wieder zusammensetzenden Kapturak gerichtet, ergriff mit der Linken die Waffe, zog mit der Rechten blitzschnell die Klinge, und während Kapturak einen Sprung zur Tür machte, die Mütze seinen Händen entfiel und vor den grauen Leinenschuhen liegenblieb, folgte ihm Trotta, den Säbel zückend. Und ohne daß der Leutnant wußte, was er tat, hielt er die Spitze der Klinge gegen die Brust des grauen Gespenstes, fühlte durch die ganze Länge des Stahls den Widerstand der Kleider und des Körpers, atmete auf, weil ihm endlich erwiesen schien, daß Kapturak ein Mensch war – und konnte dennoch nicht die Klinge sinken lassen. Es war nur ein Augenblick. Aber in diesem Augenblick hörte, sah und roch Leutnant Trotta alles, was in der Welt lebte, die Stimmen der Nacht, die Sterne am Himmel, das Licht der Lampe, die Gegenstände im Zimmer, seine eigene Gestalt, als trüge er sie nicht selbst, sondern als stünde sie vor ihm, den Tanz der Mücken um das Licht, den feuchten Dunst der Sümpfe und den kühlen Hauch des nächtlichen Windes. Auf einmal breitete Kapturak die Arme aus. Seine mageren, kleinen Hände krallten sich am linken und am rechten Türpfosten fest. Sein kahler Kopf mit den geringelten, grauen Härchen sank auf die Schulter. Gleichzeitig setzte er einen Fuß vor den andern und verschlang die lächerlichen, grauen Schuhe zu einem Knoten. Und hinter ihm, an der weißen Tür, erhob sich vor den erstarrten Augen Leutnant Trottas auf einmal schwarz und schwankend der Schatten eines Kreuzes.

Trottas Hand zitterte und ließ die Klinge fallen. Mit einem leisen, klirrenden Wimmern fiel sie nieder. Im gleichen Augenblick ließ Kapturak die Arme sinken. Sein Kopf rutschte von der Schulter und fiel vornüber auf die Brust. Er hatte die Augen geschlossen. Seine Lippen zitterten. Sein ganzer Körper zitterte. Es war still. Man hörte das Flattern der Mücken um das Lampenlicht und durch das offene Fenster die Frösche, die Grillen und dazwischen das nahe Bellen eines Hundes. Leutnant Trotta wankte. Er kehrte um. »Setzen Sie sich!« sagte er und wies auf den einzigen Stuhl im Zimmer.

»Ja«, sagte Kapturak, »ich will mich setzen!«

Er ging munter an den Tisch, munter, als wenn nichts geschehen wäre, wie es Trotta vorkam. Seine Fußspitze berührte den Säbel am Boden. Er bückte sich und hob ihn auf. Als hätte er die Aufgabe, Ordnung im Zimmer zu machen, ging er, den nackten Säbel zwischen zwei Fingern einer erhobenen Hand, zum Tisch, auf dem die Scheide lag, und ohne den Leutnant anzusehen, versorgte er den Säbel und hängte ihn wieder an den Bettpfosten. Dann umkreiste er den Tisch und setzte sich dem stehenden Trotta gegenüber. Jetzt erst schien er ihn zu erblicken.

»Ich bleibe nur einen Augenblick«, sagte er, »um mich zu erholen.«

Der Leutnant schwieg.

»Ich bitte Sie nächste Woche um diese Zeit und genau zu dieser Stunde um das ganze Geld«, sagte Kapturak weiter. »Ich möchte mit Ihnen keine Geschäfte machen. Es sind siebentausendzweihundertfünfzig Kronen im ganzen. Ich möchte Ihnen ferner mitteilen, daß Herr Brodnitzer hinter der Tür steht und alles gehört hat. Der Herr Graf Chojnicki kommt in diesem Jahr, wie Sie wissen, erst später und vielleicht gar nicht. Ich möchte gehen, Herr Leutnant!«

Er erhob sich, ging zur Tür, bückte sich, hob seine Mütze auf und sah sich noch einmal um. Die Tür fiel zu.

Der Leutnant war jetzt völlig nüchtern. Dennoch kam es ihm vor, daß er alles geträumt hatte. Er öffnete die Tür. Onufrij saß auf seinem Stuhl wie immer, obwohl es schon sehr spät sein mußte. Trotta sah auf seine Uhr. Es war halb zehn. »Warum schläfst du noch nicht?« fragte er. »Wegen Besuch!« erwiderte Onufrij. »Hast alles gehört?« »Alles!« sagte Onufrij. »War Brodnitzer hier?« »Jawohl!« bestätigte Onufrij.

Es gab keinen Zweifel mehr, alles hatte sich so zugetragen, wie Leutnant Trotta es erlebt hatte. Er mußte also morgen früh die ganze Angelegenheit melden. Noch waren die Kameraden nicht heimgekehrt. Er ging von einer Tür zur andern, die Zimmer waren leer. Sie saßen jetzt in der Messe und besprachen den Fall des Hauptmanns Jedlicek, den grauenhaften Fall des Hauptmanns Jedlicek. Man würde ihn vor das Standgericht stellen, degradieren und erschießen. Trotta schnallte den Säbel um, nahm die Mütze und ging hinunter. Er mußte die Kameraden unten erwarten. Er patrouillierte auf und ab vor dem Hotel. Wichtiger als die Szene, die er jetzt mit Kapturak erlebt hatte, war ihm seltsamerweise die Affäre des Hauptmanns. Er glaubte, die tückischen Schliche einer finsteren Macht zu erkennen, unheimlich erschien ihm der Zufall, daß Frau von Taußig gerade heute zu ihrem Mann hatte reisen müssen, und allmählich sah er auch alle düsteren Ereignisse seines Lebens in einen düsteren Zusammenhang gefügt und abhängig von irgendeinem gewaltigen, gehässigen, unsichtbaren Drahtzieher, dessen Ziel es war, den Leutnant zu vernichten. Es war deutlich, es lag, wie man zu sagen pflegt, auf der Hand, daß Leutnant Trotta, der Enkel des Helden von Solferino, teils andern den Untergang bereitete, teils mitgezogen ward von denen, die untergingen, und in jedem Falle zu jenen unseligen Wesen gehörte, auf die eine böse Macht ein böses Auge geworfen hatte. Er ging auf und ab in der stillen Gasse, sein Schritt hallte vor den beleuchteten und verhüllten Fenstern des Cafés wider, in dem die Musik spielte, Karten auf die Tische klatschten und statt der alten »Nachtigall« irgendeine neue sang und tanzte: die alten Lieder und die alten Tänze. Heute saß gewiß keiner der Kameraden dort. Auf jeden Fall wollte Trotta nicht nachsehen. Denn die Schande des Hauptmanns Jedlicek lag auch auf ihm, obwohl ihm der Dienst bei der Armee seit langem verhaßt war. Die Schande des Hauptmanns lag auf dem ganzen Bataillon. Die militärische Erziehung Leutnant Trottas war stark genug, um es ihm wenig begreiflich erscheinen zu lassen, daß sich die Offiziere des Bataillons nach diesem Fall Jedlicek noch in der Garnison in Uniform auf die Straße wagten. Ja, dieser Jedlicek! Groß, stark und heiter war er, ein guter Kamerad, und sehr viel Geld brauchte er. Alles nahm er auf seine breiten Schultern, Zoglauer liebte ihn, die Mannschaft liebte ihn. Allen war er stärker erschienen als der Sumpf und die Grenze. Und er war ein Spion gewesen! Aus dem Kaffeehaus tönte die Musik, scholl Stimmengewirr und Tassenklirren und versank immer wieder im nächtlichen Chor der unermüdlichen Frösche. Der Frühling war da! Chojnicki aber kam nicht! Der einzige, der mit seinem Geld hätte helfen können. Es waren längst keine sechstausend mehr, sondern siebentausendzweihundertfünfzig! Nächste Woche genau um dieselbe Stunde zu bezahlen! Wenn er nicht bezahlte, ließ sich gewiß irgendein Zusammenhang zwischen ihm und dem Hauptmann Jedlicek herstellen. Er war sein Freund gewesen! Aber alle waren schließlich seine Freunde gewesen. Dennoch konnte man just bei diesem unseligen Leutnant Trotta auf alles gefaßt sein! Das Schicksal, sein Schicksal! Vor vierzehn Tagen noch um diese Zeit war er ein froher und freier junger Mann in Zivil gewesen. Um diese Stunde hatte er den Maler Moser getroffen und einen Schnaps getrunken! Und heute beneidete er den Professor Moser.

Er hörte um die Ecke bekannte Schritte, die Kameraden kehrten heim. Alle kamen sie, die im Hotel Brodnitzer wohnten, in einem stummen Rudel gingen sie einher. Er trat ihnen entgegen. »Ah, du bist nicht weg!« sagte Winter. »Du weißt also schon! Furchtbar! Entsetzlich!« Sie gingen, einer hinter dem andern, ohne ein Wort und jeder bemüht, möglichst leise zu sein, die Treppe hinauf. Sie stahlen sich fast die Treppe hinauf. »Alle auf Nummer neun!« kommandierte Oberleutnant Hruba. Er bewohnte Nummer neun, das geräumigste Zimmer im Hotel. Sie traten alle, die Köpfe gesenkt, in das Zimmer Hrubas.

»Wir müssen was unternehmen!« begann Hruba. »Ihr habt den Zoglauer gesehen! Er ist verzweifelt! Er wird sich erschießen! Wir müssen was unternehmen!«

»Unsinn, Herr Oberleutnant!« sagte der Leutnant Lippowitz. Er hatte sich spät aktivieren lassen, nach zwei Semestern Jura, es gelang ihm niemals, den »Zivilisten« abzulegen, und man begegnete ihm mit dem etwas scheuen und auch etwas spöttischen Respekt, den man den Reserveoffizieren zollte. »Hier können wir nichts machen«, sagte Lippowitz. »Schweigen und weiter dienen! Es ist nicht der erste Fall. Es wird leider auch nicht der letzte in der Armee sein!«

Niemand antwortete. Sie sahen wohl ein, daß gar nichts zu machen war. Und jeder von ihnen hatte doch gehofft, daß sie, in einem Zimmer versammelt, auf allerhand Auswege kommen würden. Nun aber erkannten sie mit einem Schlage, daß sie lediglich der Schrecken zueinander getrieben hatte, weil jeder von ihnen fürchtete, mit seinem Schrecken allein zwischen seinen vier Wänden zu bleiben; aber auch, daß es ihnen gar nichts half, wenn sie sich zusammenrotteten, und daß jeder einzelne mitten unter den andern dennoch allein war mit seinem Schrecken. Sie hoben die Köpfe und sahen sich an und ließen die Köpfe wieder sinken. So waren sie schon einmal zusammengesessen, nach dem Selbstmord Hauptmann Wagners. Jeder von ihnen dachte an den Vorgänger Hauptmann Jedliceks, den Hauptmann Wagner, jeder von ihnen wünschte heute, auch Jedlicek hätte sich erschossen. Und jedem kam plötzlich der Verdacht, daß sich auch ihr toter Kamerad Wagner vielleicht nur erschossen hatte, weil er sonst verhaftet worden wäre.

»Ich werde hingehen, ich dring' schon vor«, sagte Leutnant Habermann, »und werde ihn niederknallen.«

»Du dringst eben erstens nicht vor!« erwiderte Lippowitz. »Zweitens ist schon dafür gesorgt, daß er sich selber umbringt. Sobald man alles von ihm erfahren hat, gibt man ihm eine Pistole mit und sperrt ihn mit ihr ein.«

»Ja, richtig, so ist es!« riefen einige. Sie atmeten auf. Sie begannen zu hoffen, daß sich der Hauptmann in dieser Stunde schon umgebracht habe. Und es war ihnen, als hätten sie alle soeben dank ihrer eigenen Klugheit diesen vernünftigen Usus der Militärgerichtsbarkeit eingeführt.

»Um ein Haar hätt' ich heut einen Mann umgebracht!« sagte Leutnant Trotta.

»Wen, wieso, warum?« fragten alle durcheinander.

»Es ist Kapturak, den ihr alle kennt«, begann Trotta. Er erzählte langsam, suchte nach Worten, verfärbte sich, und als er zum Ende kam, war es ihm unmöglich zu erklären, weshalb er nicht zugestoßen hatte. Er fühlte, daß sie ihn nicht verstehen würden. Ja, sie begriffen ihn jetzt nicht mehr. »Ich hätt' ihn erschlagen!« rief einer. »Ich auch«, ein zweiter. »Und ich«, ein dritter.

»Es ist eben nicht so leicht!« rief Lippowitz dazwischen.

»Dieser Blutsauger, der Jud«, sagte jemand – und alle wurden starr, weil sie sich erinnerten, daß Lippowitz' Vater auch Jude war.

»Ja, ich habe plötzlich«, begann Trotta wieder – und es verwunderte ihn höchlichst, daß er in diesem Augenblick an den toten Max Demant denken mußte und an dessen Großvater, den weißbärtigen König unter den Schankwirten –, »ich hab' plötzlich ein Kreuz hinter ihm gesehen!« Einer lachte. Ein anderer sagte kühl: »Bist besoffen gewesen!«

»Also Schluß!« befahl endlich Hruba. »Das alles wird morgen dem Zoglauer gemeldet!«

Trotta sah ein Gesicht nach dem andern an; müde, schlaffe, aufgeregte, aber noch in der Müdigkeit und in der Aufregung aufreizend heitere Gesichter. Wenn der Demant jetzt lebte, dachte Trotta. Man könnte mit ihm reden, mit dem Enkel des weißbärtigen Königs der Schankwirte! Er versuchte, unbemerkt hinauszugehen. Er ging in sein Zimmer.

Am nächsten Morgen meldete er den Vorfall. Er berichtete in der Sprache der Armee, in der er seit seiner Knabenzeit zu melden und zu erzählen gewohnt war, in der Sprache der Armee, die seine Muttersprache war. Aber er fühlte wohl, daß er nicht alles und nicht einmal das Wichtige gesagt hatte und daß zwischen seinem Erlebnis und dem Bericht, den er erstattete, ein weiter und rätselhafter Abstand lag, gleichsam ein ganzes merkwürdiges Land. Er vergaß auch nicht, den Schatten des Kreuzes zu melden, den er gesehen zu haben glaubte. Und der Major lächelte genau so, wie Trotta es erwartet hatte, und fragte: »Wieviel hatten Sie getrunken?« »Eine halbe Flasche!« sagte Trotta. »Na also!« bemerkte Zoglauer.

Er hatte nur einen Augenblick gelächelt, der geplagte Major Zoglauer. Es war eine ernste Geschichte. Die ernsten Geschichten häuften sich leider. Eine peinliche Sache, jedenfalls höheren Orts zu vermelden. Man konnte warten. »Haben Sie das Geld?« fragte der Major. »Nein!« sagte der Leutnant. Und sie sahen einander einen Augenblick ratlos an, mit leeren, starren Augen, mit den armen Augen von Menschen, die sich nicht einmal gestehen durften, daß sie ratlos waren. Es stand nicht alles im Reglement, man konnte die Büchl von vorn nach hinten und wieder von hinten nach vorn durchblättern, es stand nicht alles drin! War der Leutnant im Recht gewesen? Hatte er zu früh nach dem Säbel gegriffen? War der Mann im Recht, der ein Vermögen verliehen hatte und es zurückforderte? Und wenn der Major auch alle seine Herren zusammenrief und sich mit ihnen beriet: Wer hätte einen Rat gewußt? Wer durfte klüger sein als der Kommandant des Bataillons? Und was war nur los mit diesem unseligen Leutnant? Es hatte schon Mühe gekostet, jene Streikgeschichte niederzuschlagen, Unheil, Unheil häufte sich über dem Kopf Major Zoglauers, Unheil über Trotta, Unheil über diesem Bataillon. Er hätte gern die Hände gerungen, der Major Zoglauer, wenn es nur möglich gewesen wäre, im Dienst die Hände zu ringen. Und wenn auch alle Offiziere des Bataillons für Leutnant Trotta gutstanden, die Summe kam nicht zusammen! Und die Geschichte verwickelte sich nur mehr, wenn die Summe nicht bezahlt wurde. »Wozu haben S' denn so viel gebraucht?« fragte Zoglauer, erinnerte sich aber im Nu, daß er alles wußte. Er winkte mit der Hand. Er wünschte keine Auskunft. »Schreiben Sie an Ihren Herrn Papa vor allen Dingen!« sagte Zoglauer. Es kam ihm vor, daß er da eine glänzende Idee ausgedrückt hatte. Und der Rapport war beendet.

Und Leutnant Trotta ging nach Haus und setzte sich hin und begann, an den Herrn Papa zu schreiben. Er konnte es ohne Alkohol nicht. Und er stieg hinunter ins Café, bestellte einen Neunziggrädigen, Tinte, Feder und Papier. Er begann. Welch ein schwerer Brief! Welch ein unmöglicher Brief! Leutnant Trotta setzte ein paarmal an, vernichtete die Anfänge, begann wieder. Nichts ist schwieriger für einen Leutnant, als Ereignisse aufzuschreiben, die ihn selbst betreffen und sogar gefährden. Es erwies sich bei dieser Gelegenheit, daß Leutnant Trotta, dem der Dienst in der Armee seit langem schon verhaßt war, noch genug soldatischen Ehrgeiz besaß, um sich nicht aus der Armee entfernen zu lassen. Und während er seinem Vater den verwickelten Sachverhalt darzustellen versuchte, verwandelte er sich wieder unversehens in den Kadettenschüler Trotta, der einst auf dem Balkon des väterlichen Hauses bei den Klängen des Radetzkymarsches für Habsburg und Österreich zu sterben gewünscht hatte. (So merkwürdig, so wandelbar und so verworren ist die menschliche Seele.)

Es dauerte mehr als zwei Stunden, bis Trotta den Sachverhalt zu Papier gebracht hatte. Es war später Nachmittag geworden. Schon versammelten sich die Karten- und die Roulettespieler im Kaffeehaus. Auch der Wirt, Herr Brodnitzer, kam. Seine Höflichkeit war ungewöhnlich und erschreckend. Er machte eine so tiefe Verbeugung vor dem Leutnant, daß dieser sofort erkannte, der Wirt wolle ihn an die Szene mit Kapturak erinnern und an die eigene authentische Zeugenschaft. Trotta erhob sich, um nach Onufrij zu suchen. Er ging in den Flur und rief ein paarmal den Namen Onufrijs zur Treppe hinauf. Aber Onufrij meldete sich nicht. Brodnitzer aber kam und berichtete: »Ihr Diener ist heute früh weggegangen!«

Der Leutnant machte sich also selbst auf den Weg zur Bahn, um seinen Brief zu befördern. Erst unterwegs fiel es ihm auf, daß Onufrij weggegangen war, ohne um Erlaubnis gebeten zu haben. Seine militärische Erziehung diktierte ihm Zorn gegen den Diener. Er selbst, der Leutnant, war oft nach Wien gefahren – und in Zivil und ohne Erlaubnis. Vielleicht hatte der Bursche sich nur nach dem Beispiel seines Herrn aufgeführt. Vielleicht hat Onufrij ein Mädchen, es wartet auf ihn, dachte der Leutnant weiter. Ich werd' ihn einsperren, bis er blau wird! dachte der Leutnant Trotta. Aber gleichzeitig spürte er wohl, daß er diese Phrase nicht selbständig gedacht und nicht ernst gemeint hatte. Es war eine mechanische Wendung, ewig parat in seinem militärischen Gehirn, eine von den zahllosen mechanischen Wendungen, die in den militärischen Gehirnen Gedanken ersetzen und Entscheidungen vorwegnehmen.

Nein, der Bursche Onufrij hatte kein Mädchen in seinem Dorf. Er hatte viereinhalb Morgen Feld, von seinem Vater ererbt, von seinem Schwager verwaltet, und zwanzig goldene Zehn-Kronen-Dukaten in der Erde vergraben, neben der dritten Weide vor der Hütte links, auf dem Pfad, der zum Nachbarn Nikofor führte. Der Bursche Onufrij hatte sich noch vor dem Aufgang der Sonne erhoben, Montur und Stiefel des Leutnants geputzt, die Stiefel vor die Tür gestellt und die Montur über den Sessel gehängt. Er nahm seinen Knüppel aus Weichselholz und begann, nach Burdlaki zu marschieren. Er ging den schmalen Pfad entlang, auf dem die Weiden wuchsen, auf dem einzigen Weg, der die Trockenheit des Bodens anzeigte. Denn die Weiden verbrauchten alle Feuchtigkeit des Sumpfes. Zu beiden Seiten des schmalen Wegs, den er ging, stiegen die grauen, vielgestaltigen und gespenstischen Nebel des Morgens auf, wallten ihm entgegen und zwangen ihn, sich zu bekreuzigen. Unaufhörlich murmelte er mit zitternden Lippen das Vaterunser. Dennoch war er guten Mutes. Jetzt kamen links die großen, schiefergedeckten Magazine der Eisenbahn und trösteten ihn einigermaßen, weil sie auf dem Platz standen, auf dem er sie erwartet hatte. Er bekreuzigte sich noch einmal, diesmal aus Dankbarkeit für die Güte Gottes, welche die Magazine der Eisenbahn an ihrem gewohnten Platz stehengelassen hatte. Er erreichte das Dorf Burdlaki eine Stunde nach Sonnenaufgang. Seine Schwester und sein Schwager waren schon auf den Feldern. Er betrat die väterliche Hütte, in der sie wohnten. Die Kinder schliefen noch, in den Wiegen, die am Plafond aufgehängt waren, mit dicken Seilen, an mehrfach gewundenen, eisernen Haken. Er nahm Spaten und Harke aus dem Gemüsegärtchen hinter dem Haus und begab sich auf die Suche nach der dritten Weide links von der Hütte. Am Ausgang stellte er sich auf, den Rücken der Tür zugewandt und das Auge gegen den Horizont gerichtet. Es dauerte eine Weile, bis er sich bewiesen hatte, daß sein rechter Arm der rechte, sein linker der linke war, dann ging er links, bis zur dritten Weide, in der Richtung zum Nachbarn Nikofor. Hier begann er zu graben. Von Zeit zu Zeit warf er einen Blick ringsum, um sich zu überzeugen, daß ihm niemand zusehe. Nein! Niemand sah, was er tat. Er grub und grub. Die Sonne stieg so schnell hoch am Himmel, daß er glaubte, der Mittag sei schon gekommen. Aber es war erst neun Uhr morgens. Endlich hörte er die eiserne Zunge des Spatens an etwas Hartes, Klingendes stoßen. Er legte den Spaten weg, begann, mit der Harke zärtlich die gelockerte Erde zu streicheln, warf die Harke weg, legte sich auf den Boden und kämmte mit allen zehn Fingern die lockeren Krümchen der feuchten Erde beiseite. Er tastete zuerst ein Taschentuch aus Leinen, suchte nach dem Knoten, zog es heraus. Da war sein Geld: zwanzig goldene Zehn-Kronen-Dukaten.

Er gab sich keine Zeit nachzuzählen. Er verbarg den Schatz in der Hosentasche und ging zum jüdischen Schankwirt des Dorfes Burdlaki, einem gewissen Hirsch Beniower, dem einzigen Bankier der Welt, den er persönlich kannte. »Ich kenne dich!« sagte Hirsch Beniower, »ich habe auch deinen Vater gekannt! – Brauchst du Zucker, Mehl, russischen Tabak oder Geld?«

»Geld!« sagte Onufrij.

»Wieviel brauchst du?« fragte Beniower.

»Sehr viel!« sagte Onufrij – und streckte die Arme aus, soweit er konnte, um zu zeigen, wieviel er brauche.

»Gut«, sagte Beniower, »wir wollen sehen, wieviel du hast!«

Und Beniower schlug ein großes Buch auf. In diesem Buch stand verzeichnet, daß Onufrij Kolohin viereinhalb Morgen besaß. Beniower war bereit, dreihundert Kronen darauf zu leihen.

»Gehn wir zum Bürgermeister!« sagte Beniower. Er rief seine Frau, übergab ihr den Laden und ging mit Onufrij Kolohin zum Bürgermeister.

Hier gab er Onufrij dreihundert Kronen. Onufrij setzte sich an einen wurmstichigen, braunen Tisch und begann, seinen Namen unter ein Schriftstück zu schreiben. Er legte die Mütze ab. Die Sonne stand schon hoch am Himmel. Auch durch die winzigen Fenster der Bauernhütte, in welcher der Bürgermeister von Burdlaki amtierte, vermochte sie ihre bereits brennenden Strahlen zu schicken. Onufrij schwitzte. Auf seiner kurzen Stirn wuchsen die Schweißperlen wie kristallene, durchsichtige Beulen. Jeder Buchstabe, den Onufrij schrieb, weckte eine kristallene Beule auf seiner Stirn. Diese Beulen rannen, rannen hinunter wie Tränen, die das Gehirn Onufrijs geweint hatte. Endlich stand sein Name unter dem Schriftstück. Und die zwanzig goldenen Zehn-Kronen-Dukaten in der Hosentasche und die dreihundert papierenen Kronenscheine in der Tasche der Bluse, begann Onufrij Kolohin seine Rückwanderung.

Er erschien am Nachmittag im Hotel. Er ging ins Café, fragte nach seinem Herrn und stellte sich inmitten der Kartenspieler auf, als er Trotta erblickte, so unbekümmert, als stünde er mitten im Kasernenhof. Sein ganzes, breites Angesicht leuchtete wie eine Sonne. Trotta sah ihn lange an, Zärtlichkeit im Herzen und Strenge im Blick. »Ich werde dich einsperren, bis du schwarz wirst!« sagte der Mund des Leutnants, dem Diktat gehorchend, das ihm sein militärisches Hirn befahl. »Komm ins Zimmer!« sagte Trotta und stand auf.

Der Leutnant ging die Treppe hinauf. Genau drei Stufen hinter ihm folgte Onufrij. Sie standen im Zimmer. Onufrij, immer noch mit sonnigem Angesicht, meldete: »Herr Leutnant, hier ist Geld!«, und er zog aus Hosen- und Blusentasche alles, was er besaß, trat näher und legte es auf den Tisch. An dem dunkelroten Taschentuch, das die zwanzig goldenen Zehn-Kronen-Dukaten so lange unter der Erde geborgen hatte, klebten noch silbergraue Schlammstückchen. Neben dem Taschentuch lagen die blauen Geldscheine. Trotta zählte sie. Dann knüpfte er das Tuch auf. Er zählte die Goldstücke. Dann legte er die Scheine zu den Goldstücken in das Tuch, schlang den Knoten wieder zusammen und gab Onufrij das Bündel zurück.

»Ich darf leider kein Geld von dir nehmen, verstehst du?« sagte Trotta. »Das Reglement verbietet es, verstehst du? Wenn ich das Geld von dir nehme, werde ich aus der Armee entlassen und degradiert, verstehst du?«

Onufrij nickte.

Der Leutnant stand da, das Bündel in der erhobenen Hand. Onufrij nickte fortwährend mit dem Kopf. Er streckte die Hand aus und ergriff das Bündel. Es schwankte eine Weile in der Luft.

»Abtreten!« sagte Trotta, und Onufrij ging mit dem Bündel.

Der Leutnant erinnerte sich an jene Herbstnacht in der Kavalleriegarnison, in der er hinter seinem Rücken Onufrijs stampfenden Schritt vernommen hatte. Und er dachte an die Militärhumoresken, die er in schmalen, grüngebundenen Bändchen in der Bibliothek des Spitals gelesen hatte. Dort wimmelte es von rührenden Offiziersburschen, ungeschlachten Bauernjungen mit goldenen Herzen. Und obwohl Leutnant Trotta keinerlei literarischen Geschmack besaß und obwohl ihm, wenn er zufällig einmal das Wort Literatur hörte, lediglich das Drama »Zriny« von Theodor Körner einfiel und gar nichts mehr, hatte er doch immer einen dumpfen Widerwillen gegen die wehmütige Sanftheit jener Büchlein und gegen ihre goldenen Gestalten empfunden. Er war nicht erfahren genug, der Leutnant Trotta, um zu wissen, daß es auch in der Wirklichkeit ungeschlachte Bauernburschen mit edlen Herzen gab und daß viel Wahres aus der lebendigen Welt in schlechten Büchern abgeschrieben wurde; nur eben schlecht abgeschrieben.

Er hatte überhaupt noch wenig erfahren, der Leutnant Trotta.

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