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Radetzkymarsch

Joseph Roth: Radetzkymarsch - Kapitel 14
Quellenangabe
pfad/roth/radetzky/radetzky.xml
typefiction
authorJoseph Roth
titleRadetzkymarsch
publisherKiepenheuer & Witsch
isbn3462023799
year1994
firstpub
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
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XIV

Der Tag, an dem der Leutnant in seine Garnison zurückfahren mußte, war ein betrüblicher und zufällig auch ein trüber Tag. Er ging noch einmal über die Straßen, durch die zwei Tage früher die Prozession gezogen war. Damals, dachte der Leutnant (damals, dachte er), war er eine kurze Stunde stolz auf sich und seinen Beruf gewesen. Heute aber schritt der Gedanke an seine Rückkehr neben ihm einher wie ein Wächter neben einem Gefangenen. Zum erstenmal lehnte sich der Leutnant Trotta gegen das militärische Gesetz auf, das sein Leben beherrschte. Er gehorchte seit seiner frühesten Knabenzeit. Und er wollte nicht mehr gehorchen. Er wußte zwar keineswegs, was die Freiheit bedeutete; aber er fühlte, daß sie sich von einem Urlaub unterscheiden mußte wie etwa ein Krieg von einem Manöver. Dieser Vergleich fiel ihm ein, weil er ein Soldat war (und weil der Krieg die Freiheit des Soldaten ist). Es kam ihm in den Sinn, daß die Munition, die man für die Freiheit brauchte, das Geld sei. Die Summe aber, die er bei sich trug, glich gewissermaßen den blinden Patronen, die man in den Manövern abfeuerte. Besaß er überhaupt etwas? Konnte er sich Freiheit leisten? Hatte sein Großvater, der Held von Solferino, ein Vermögen hinterlassen? Würde er es einmal von seinem Vater erben? Niemals waren ihm früher derlei Überlegungen bekannt gewesen! Jetzt flogen sie ihm zu wie eine Schar fremder Vögel, nisteten sich in seinem Gehirn ein und flatterten unruhig darin herum. Jetzt vernahm er alle verwirrenden Rufe der großen Welt. Seit gestern wußte er, daß Chojnicki in diesem Jahr früher als gewöhnlich seine Heimat verlassen und noch in dieser Woche mit seiner Freundin nach dem Süden fahren wolle. Und er lernte die Eifersucht auf einen Freund kennen; und sie beschämte ihn doppelt. Er fuhr an die nordöstliche Grenze. Aber die Frau und der Freund fuhren nach dem Süden. Und der »Süden«, der bis zu dieser Stunde eine geographische Bezeichnung gewesen war, erglänzte in allen betörenden Farben eines unbekannten Paradieses. Der Süden lag in einem fremden Land! Und siehe da: Es gab also fremde Länder, die Kaiser Joseph dem Ersten nicht untertan waren, die ihre eigenen Armeen hatten, mit Vieltausenden Leutnants in kleinen und großen Garnisonen. In diesen andern Ländern bedeutete der Name des Helden von Solferino gar nichts. Auch dort gab es Monarchen. Und diese Monarchen hatten ihre eigenen Lebensretter. Es war höchst verwirrend, solchen Gedanken nachzugehen; für einen Leutnant der Monarchie genau so verwirrend wie etwa für unsereinen die Überlegung, daß die Erde nur einer von Millionen und Abermillionen Weltkörpern sei, daß es noch unzählige Sonnen auf der Milchstraße gebe und daß jede der Sonnen ihre eigenen Planeten habe und daß man also selbst ein sehr armseliges Individuum wäre, um nicht ganz grob zu sagen: ein Häufchen Dreck!

Von seinem Gewinn besaß der Leutnant noch siebenhundert Kronen. Einen Spielsaal noch einmal aufzusuchen, hatte er nicht mehr gewagt; nicht allein aus Angst vor jenem unbekannten Major, der vielleicht vom Stadtkommando bestellt war, jüngere Offiziere zu überwachen, sondern auch aus Angst vor der Erinnerung an seine klägliche Flucht. Ach! Er wußte wohl, daß er noch hundertmal sofort jeden Spielsaal verlassen würde, dem Wunsch und Wink eines Höheren gehorchend. Und wie ein Kind in einer Krankheit verlor er sich mit einem gewissen Wohlbehagen in der schmerzlichen Erkenntnis, daß er unfähig sei, das Glück zu zwingen. Er bedauerte sich außerordentlich. Und es tat ihm in dieser Stunde wohl, sich zu bedauern. Er trank einige Schnäpse. Und sofort fühlte er sich heimisch in seiner Ohnmacht. Und wie einem Menschen, der sich in eine Haft oder in ein Kloster begibt, erschien dem Leutnant das Geld, das er bei sich trug, bedrückend und überflüssig. Er beschloß, es auf einmal auszugeben. Er ging in den Laden, in dem ihm sein Vater die silberne Tabatiere gekauft hatte, und erstand eine Perlenkette für seine Freundin. Blumen in der Hand, die Perlen in der Hosentasche und mit einem kläglichen Gesicht trat er vor Frau von Taußig. »Ich hab' dir was gebracht«, gestand er, als hätte er sagen wollen: Ich hab' was für dich gestohlen! Es kam ihm vor, daß er zu Unrecht eine fremde Rolle spiele, die Rolle eines Weltmannes. Und erst in dem Augenblick, da er sein Geschenk in der Hand hielt, fiel ihm ein, daß es lächerlich übertrieben war, ihn selbst erniedrigte und die reiche Frau vielleicht beleidigte. »Ich bitte, es zu entschuldigen!« sagte er also. »Ich wollte eine Kleinigkeit kaufen – aber –« Und er wußte nichts mehr. Und er wurde rot. Und er senkte die Augen.

Ach! Er kannte nicht die Frauen, die das Alter nahen sehen, der Leutnant Trotta! Er wußte nicht, daß sie jedes Geschenk wie eine Zaubergabe empfangen, die sie verjüngt, und daß ihre klugen und sehnsüchtigen Augen ganz anders schätzen! Frau von Taußig liebte ja übrigens diese Hilflosigkeit, und je deutlicher seine Jugend wurde, desto jünger wurde sie selbst! Und also flog sie, klug und ungestüm, an seinen Hals, küßte ihn wie ein eigenes Kind, weinte, weil sie ihn nun verlieren sollte, lachte, weil sie ihn noch hielt, und auch ein wenig, weil die Perlen so schön waren, und sagte, durch eine heftige, prachtvolle Flut von Tränen: »Du bist lieb, sehr lieb, mein Junge!« Sie bereute sofort diesen Satz, insbesondere die Worte: mein Junge! Denn sie machten sie älter, als sie in diesem Augenblick tatsächlich war. Zum Glück konnte sie gleich darauf bemerken, daß er stolz war wie auf eine Auszeichnung, die ihm der Oberste Kriegsherr selbst verliehen hätte. Er ist zu jung, dachte sie, um zu wissen, wie alt ich bin! ...

Aber um auch ihr wirkliches Alter zu vernichten, auszurotten, in dem Meer ihrer Leidenschaft zu versenken, griff sie nach den Schultern des Leutnants, deren zarte und warme Knochen schon ihre Hände zu verwirren begannen, und zog ihn zum Sofa. Sie überfiel ihn mit ihrer gewaltsamen Sehnsucht, jung zu werden. In heftigen Flammenbögen brach die Leidenschaft aus ihr, fesselte den Leutnant und unterjochte ihn. Ihre Augen blinzelten dankbar und selig das junge Angesicht des Mannes über dem ihrigen an. Sein Anblick allein verjüngte sie. Und ihre Wollust, eine ewig junge Frau zu bleiben, war so groß wie ihre Wollust zu lieben. Eine Weile glaubte sie, niemals von diesem Leutnant lassen zu können. Einen Augenblick später sagte sie allerdings: »Schade, daß du heute fährst! ...«

»Werd' ich dich nie mehr sehen?« fragte er fromm, ein junger Liebhaber.

»Wart auf mich, ich komm' wieder!« Und: »Betrüg mich nicht!« fügte sie schnell hinzu, mit der Furcht der alternden Frau vor der Untreue und vor der Jugend der anderen.

»Ich liebe nur dich!« antwortete aus ihm die ehrliche Stimme eines jungen Mannes, dem nichts so wichtig erscheint wie die Treue.

Das war ihr Abschied.

Leutnant Trotta fuhr zur Bahn, kam zu früh und mußte lange warten. Ihm war es aber, als führe er schon. Jede Minute, die er noch in der Stadt zugebracht hätte, wäre peinvoll, vielleicht sogar schmachvoll gewesen. Er milderte den Zwang, der ihn befehligte, indem er sich den Anschein gab, ein wenig früher wegzufahren, als er mußte. Er konnte endlich einsteigen. Er verfiel in einen glücklichen, selten unterbrochenen Schlaf und erwachte erst kurz vor der Grenze.

Sein Bursche Onufrij erwartete ihn und berichtete, daß Aufruhr in der Stadt herrsche. Die Borstenarbeiter demonstrierten, und die Garnison hatte Bereitschaft.

Leutnant Trotta begriff jetzt, warum Chojnicki die Gegend so früh verlassen hatte. Da fuhr er also »nach dem Süden« mit Frau von Taußig! Und man war ein schwacher Gefangener und konnte nicht sofort umkehren, den Zug besteigen und zurückfahren!

Vor dem Bahnhof warteten heute keine Wagen. Leutnant Trotta ging also zu Fuß. Hinter ihm ging Onufrij, den Ranzen in der Hand. Die kleinen Kramläden des Städtchens waren geschlossen. Eiserne Balken verrammelten die hölzernen Türen und Fensterläden der niedrigen Häuser. Gendarmen patrouillierten mit aufgepflanzten Bajonetten. Man hörte keinen Laut, außer dem gewohnten Quaken der Frösche aus den Sümpfen. Den Staub, den diese sandige Erde unermüdlich erzeugte, hatte der Wind aus vollen Händen über Dächer, Mauern, Staketenzäune, das hölzerne Pflaster und die vereinzelten Weiden geschüttet. Ein Staub von Jahrhunderten schien über dieser vergessenen Welt zu liegen. Man sah keinen Einwohner in den Gassen, und man konnte glauben, sie seien alle hinter ihren verriegelten Türen und Fenstern von einem plötzlichen Tod überfallen worden. Doppelte Wachtposten standen vor der Kaserne. Hier wohnten seit gestern alle Offiziere, und Brodnitzers Hotel stand leer.

Leutnant Trotta meldete seine Rückkehr beim Major Zoglauer. Von diesem Vorgesetzten erfuhr er, daß ihm die Reise wohlgetan habe. Nach den Begriffen eines Mannes, der schon länger als ein Jahrzehnt an der Grenze diente, konnte eine Reise nicht anders als wohltun. Und als handelte es sich um eine ganz alltägliche Angelegenheit, sagte der Major dem Leutnant, daß ein Zug Jäger morgen früh ausrücken und an der Landstraße, gegenüber der Borstenfabrik, Aufstellung nehmen sollte, um gegebenenfalls gegen »staatsgefährliche Umtriebe« der streikenden Arbeiter mit der Waffe vorzugehen. Diesen Zug sollte der Leutnant Trotta kommandieren. Es sei eigentlich eine Kleinigkeit und Anlaß vorhanden, anzunehmen, daß die Gendarmerie genüge, um die Leute in gehörigem Respekt zu halten; man müsse nur kaltes Blut bewahren und nicht zu früh vorgehen; endgültig aber würde die politische Behörde darüber zu entscheiden haben, ob die Jäger vorzugehen hätten oder nicht; dies sei für einen Offizier gewiß nicht sehr angenehm; denn wie käme man schließlich dazu, sich etwas von einem Bezirkskommissär sagen zu lassen? Schließlich aber sei diese delikate Aufgabe auch eine Art Auszeichnung für den jüngsten Leutnant des Bataillons; und endlich hätten die anderen Herren keinen Urlaub gehabt, und das einfachste Gebot der Kameradschaftlichkeit würde fordern und so weiter ...

»Jawohl, Herr Major!« sagte der Leutnant und trat ab.

Gegen den Major Zoglauer war gar nichts einzuwenden. Er hatte den Enkel des Helden von Solferino fast gebeten, statt ihm zu befehlen. Der Enkel des Helden von Solferino hatte ja auch einen unerwarteten, herrlichen Urlaub gehabt. Er ging jetzt quer über den Hof in die Kantine. Für ihn hatte das Schicksal diese politische Demonstration vorbereitet. Deshalb war er an die Grenze gekommen. Er glaubte jetzt genau zu wissen, daß ein tückisch berechnendes Schicksal besonderer Art ihm zuerst den Urlaub beschert hatte, um ihn hierauf zu vernichten. Die anderen saßen in der Kantine, begrüßten ihn mit dem übertriebenen Jubel, der mehr ihrer Neugier, »etwas zu erfahren«, entsprang als ihrer Herzlichkeit für den Heimgekehrten, und fragten auch, alle gleichzeitig, wie »es« gewesen sei. Nur der Hauptmann Wagner sagte: »Wenn morgen alles vorbei ist, kann er's ja erzählen!« Und alle schwiegen plötzlich.

»Wenn ich morgen erschlagen werde?« sagte der Leutnant Trotta zu Hauptmann Wagner.

»Pfui, Teufel!« erwiderte der Hauptmann. »Ein ekelhafter Tod. Eine ekelhafte Sache überhaupt! Dabei sind's arme Teufel. Und vielleicht haben sie am End' recht!«

Es war dem Leutnant Trotta noch nicht eingefallen, daß es arme Kerle seien und daß sie recht haben konnten. Die Bemerkung des Hauptmanns erschien ihm nun trefflich, und er zweifelte nicht mehr daran, daß es arme Teufel waren. Er trank also zwei Neunziggrädige und sagte: »Dann werd' ich also einfach nicht schießen lassen! Auch nicht mit gefälltem Bajonett vorgehen! Die Gendarmerie soll selber da zuschaun, wie sie fertig wird.«

»Du wirst tun, was du mußt! Du weißt's ja selbst!«

Nein! Carl Joseph wußte es nicht in diesem Augenblick. Er trank. Und er geriet sehr schnell in jenen Zustand, in dem er sich alles nur Erdenkliche zutrauen konnte. Gehorsamsverweigerung, Austritt aus der Armee und gewinnreiches Hasardspiel. Auf seinen Wegen sollte kein Toter mehr liegen! »Verlaß diese Armee!« hatte Doktor Max Demant gesagt. Lange genug war der Leutnant ein Schwächling gewesen! Statt aus der Armee auszutreten, hatte er sich an die Grenze transferieren lassen. Nun sollte alles ein Ende haben. Man ließ sich nicht morgen zu einer Art gehobenem Wachmann degradieren! Übermorgen wird man vielleicht Straßendienst machen und den Fremden Auskünfte erteilen müssen! Lächerlich, dieses Soldatenspiel im Frieden! Niemals wird es einen Krieg geben! Verfaulen wird man in den Kantinen! Er aber, der Leutnant Trotta: Wer weiß, ob er nicht schon nächste Woche um diese Stunde im »Süden« sitzen würde!

All das sagte er zu Hauptmann Wagner, eifrig, mit lauter Stimme. Ein paar Kameraden umringten ihn und hörten zu. Einigen stand der Sinn durchaus nicht nach Krieg. Die meisten wären mit allem zufrieden gewesen, wenn sie etwas höhere Gagen, etwas bequemere Garnisonen und etwas schnellere Avancements gehabt hätten. Manchen war Leutnant Trotta fremd und auch ein wenig unheimlich vorgekommen. Er war ein Protektionskind. Er kam eben von einem herrlichen Ausflug zurück. Wie? Und es paßte ihm nicht, morgen auszurücken? Leutnant Trotta fühlte rings um sich eine feindselige Stille. Zum erstenmal, seitdem er in der Armee diente, beschloß er, seine Kameraden herauszufordern. Und da er wußte, was sie am bittersten kränken mußte, sagte er: »Vielleicht lass' ich mich in die Stabsschul' schicken!« Gewiß, warum nicht? sagten sich die Offiziere. Er war von der Kavallerie gekommen, er konnte auch zur Stabsschule gehen! Er würde bestimmt die Prüfungen machen und sogar außertourlich General werden, in einem Alter, in dem ihresgleichen gerade Hauptmann wurde und Sporen anlegen durfte. Es konnte ihm also nicht schaden, morgen zu dem Pallawatsch auszurücken!

Er mußte am nächsten Tag schon zu früher Stunde ausrücken. Denn die Armee selbst regelte den Gang der Stunden. Sie ergriff die Zeit und stellte sie auf den Platz, der ihr nach militärischem Ermessen gebührte. Obwohl die »staatsgefährlichen Umtriebe« erst gegen Mittag zu erwarten waren, marschierte Leutnant Trotta schon um acht Uhr morgens auf der breiten, staubigen Landstraße auf. Hinter den sauberen, regelmäßigen Gewehrpyramiden, die friedlich und gefährlich zugleich aussahen, lagen, standen und wandelten die Soldaten. Die Lerchen schmetterten, die Grillen sirrten, die Mücken summten. Auf den fernen Feldern konnte man die bunten Kopftücher der Bäuerinnen leuchten sehen. Sie sangen. Und manchmal antworteten ihnen die Soldaten, die in dieser Gegend geboren waren, mit denselben Liedern. Sie hätten wohl gewußt, was sie drüben auf den Feldern zu tun hatten! Aber worauf sie hier warteten, verstanden sie nicht. War's schon der Krieg? Sollten sie heute mittag schon sterben?

Es gab in der Nähe eine kleine Dorfschenke. Dorthin ging Leutnant Trotta, einen Neunziggrädigen trinken. Die niedere Schankstube war voll. Der Leutnant erkannte, daß hier die Arbeiter saßen, die sich um zwölf Uhr vor der Fabrik versammeln sollten. Alle Welt verstummte, als er eintrat, klirrend und schrecklich gegürtet. Er blieb an der Theke stehen. Langsam, allzu langsam hantierte der Wirt mit Flasche und Gläschen. Hinter dem Rücken Trottas stand das Schweigen, ein massives Gebirge aus Stille. Er leerte das Glas auf einen Zug. Er fühlte, daß sie alle warteten, bis er wieder draußen wäre. Und er hätte ihnen gern gesagt, daß er nichts dafür könne. Aber er war weder imstande, ihnen etwas zu sagen, noch auch, sofort hinauszugehen. Er wollte nicht furchtsam erscheinen, und er trank noch mehrere Schnäpse hintereinander. Sie schwiegen noch immer. Vielleicht machten sie sich Zeichen hinter seinem Rücken. Er wandte sich nicht um. Er verließ schließlich das Wirtshaus und glaubte zu fühlen, daß er sich an dem harten Felsen aus Stille vorbeizwängte; und Hunderte Blicke steckten in seinem Nacken wie finstere Lanzen.

Als er wieder seinen Zug erreichte, schien es ihm geboten, »Vergatterung!« zu kommandieren, obwohl es erst zehn Uhr vormittag war. Er langweilte sich, und er hatte auch gelernt, daß die Truppe durch Langeweile demoralisiert werde und daß Gewehrübungen ihre Sittlichkeit heben. Im Nu stand sein Zug vor ihm in den vorschriftsmäßigen zwei Reihen, und auf einmal, und wohl zum erstenmal in seinem soldatischen Leben, kam es ihm vor, daß die exakten Gliedmaßen der Männer tote Bestandteile toter Maschinen waren, die gar nichts erzeugten. Der ganze Zug stand reglos, und alle Männer hielten den Atem an. Aber dem Leutnant Trotta, der soeben das wuchtige und finstere Schweigen der Arbeiter in der Schenke hinter seinem Rücken gespürt hatte, wurde es plötzlich klar, daß es zwei Arten von Stille geben könne. Und vielleicht, dachte er weiter, gab es mehrere Arten von Stille, wie es so viele Arten von Geräuschen gab. Niemand hatte den Arbeitern, als er die Schenke betrat, Vergatterung kommandiert. Dennoch waren sie auf einmal verstummt. Und aus ihrem Schweigen strömte ein finsterer und lautloser Haß, wie manchmal aus den trächtigen und unendlich schweigsamen Wolken die lautlose, elektrische Schwüle des noch vorhandenen Gewitters strömt.

Leutnant Trotta lauschte. Aber aus dem toten Schweigen seines reglosen Zuges strömte gar nichts. Ein steinernes Gesicht stand neben dem andern. Die meisten erinnerten ein wenig an seinen Burschen Onufrij. Sie hatten breite Münder und schwere Lippen, die sich kaum schließen konnten, und schmale, helle Augen ohne Blicke. Und wie er so vor seinem Zuge stand, der arme Leutnant Trotta, überwölbt vom blauen Glanz des Frühsommertages, umschmettert von den Lerchen, umsirrt von den Grillen und mitten im Summen der Mücken, und dennoch die tote Schweigsamkeit seiner Soldaten stärker zu hören glaubte als alle Stimmen des Tages, überfiel ihn die Gewißheit, daß er nicht hierhergehöre. Wohin eigentlich sonst? fragte er sich, während der Zug auf seine weiteren Kommandos wartete. Wohin sonst gehöre ich? Nicht zu jenen, die dort in der Schenke sitzen! Nach Sipolje vielleicht? Zu den Vätern meiner Väter? Der Pflug gehört in meine Hand und nicht der Säbel? Und der Leutnant ließ seine Mannschaft in der reglosen Habt-acht-Stellung.

»Ruht!« kommandierte er endlich. »Gewehr bei Fuß! Abtreten!« Und es war wie zuvor. Hinter den Gewehrpyramiden lagen die Soldaten. Von den fernen Feldern her kam der Gesang der Bäuerinnen. Und die Soldaten antworteten ihnen mit den gleichen Liedern.

Aus der Stadt marschierte die Gendarmerie heran, drei verstärkte Wachtposten, begleitet vom Bezirkskommissär Horak. Leutnant Trotta kannte ihn. Er war ein guter Tänzer, schlesischer Pole, flott und bieder zu gleicher Zeit, und er erinnerte, ohne daß jemand seinen Vater gekannt hätte, dennoch an diesen. Und sein Vater war ein Briefträger gewesen. Heute trug er, wie es Vorschrift im Dienst war, die Uniform, schwarz-grün mit violetten Aufschlägen, und den Degen. Sein kurzer, blonder Schnurrbart leuchtete weizengolden, und von seinen rosigen, vollen Wangen duftete weithin der Puder. Er war fröhlich wie ein Sonntag und eine Parade. »Ich habe Auftrag«, sagte er zum Leutnant Trotta, »die Versammlung sofort aufzulösen. Dann sind Sie bereit, Herr Leutnant?« Er ordnete seine Gendarmen rings um den wüsten Platz vor der Fabrik, auf dem die Versammlung stattfinden sollte. Leutnant Trotta sagte: »Ja!« und wandte ihm den Rücken.

Er wartete. Er hätte gerne noch einen Neunziggrädigen getrunken, aber er konnte nicht mehr in die Schenke. Er sah den Oberjäger, den Zugsführer, den Unterjäger in der Schenke verschwinden und wieder zurückkommen. Er streckte sich ins Gras am Wegrand und wartete. Der Tag wurde immer voller, die Sonne stieg höher, und die Lieder der Bäuerinnen auf den fernen Feldern verstummten. Eine unendlich lange Zeit schien dem Leutnant Trotta seit seiner Rückkehr aus Wien verstrichen. Aus jenen fernen Tagen sah er nur noch die Frau, die heute schon im »Süden« sein mochte, die ihn verlassen hatte: Er dachte: verraten. Da lag er nun in der Grenzgarnison am Wegrand und wartete nicht auf den Feind, sondern auf die Demonstranten.

Sie kamen. Sie kamen aus der Richtung der Schenke. Ihnen voran wehte ihr Gesang, ein Lied, das der Leutnant noch niemals gehört hatte. In dieser Gegend hatte man es noch kaum gehört. Es war die Internationale, in drei Sprachen gesungen. Der Bezirkskommissär Horak kannte es, berufsmäßig. Der Leutnant Trotta verstand kein Wort. Aber ihm schien die Melodie jene in Musik verwandelte Stille zu sein, die er vorher im Rücken gespürt hatte. Feierliche Aufregung bemächtigte sich des flotten Bezirkskommissärs. Er lief von einem Gendarmen zum andern. Notizbuch und Bleistift in der Hand. Noch einmal kommandierte Trotta: »Vergatterung!« Und wie eine auf Erden gefallene Wolke zog die dichte Gruppe der Demonstranten an dem starrenden, doppelten Zaun der zwei Reihen Jäger vorbei. Den Leutnant ergriff eine dunkle Ahnung vom Untergang der Welt. Er erinnerte sich an den bunten Glanz der Fronleichnamsprozession, und einen kurzen Augenblick schien es ihm, als wallte die finstere Wolke der Rebellen jenem kaiserlichen Zug entgegen. Für die Dauer eines einzigen hurtigen Augenblicks kam über den Leutnant die erhabene Kraft, in Bildern zu schauen; und er sah die Zeiten wie zwei Felsen gegeneinanderrollen, und er selbst, der Leutnant, ward zwischen beiden zertrümmert. Sein Zug schulterte das Gewehr, während drüben, von unsichtbaren Händen gehoben, Kopf und Oberkörper eines Mannes über dem dichten schwarzen und unaufhörlich bewegten Kreis der Menge erschienen. Alsbald bildete der schwebende Körper fast den genauen Mittelpunkt des Kreises. Seine Hände hoben sich in die Luft. Aus seinem Munde hallten unverständliche Laute. Die Menge schrie. Neben dem Leutnant, Notizbuch und Bleistift in der Hand, stand der Kommissär Horak. Auf einmal klappte er sein Buch zu und schritt gegen die Menge auf die andere Seite der Straße, langsam zwischen zwei funkelnden Gendarmen.

»Im Namen des Gesetzes!« rief er. Seine helle Stimme übertönte den Redner. Die Versammlung war aufgelöst.

Eine Sekunde war es still. Dann brach ein einziger Schrei aus allen Menschen. Neben den Gesichtern erschienen die weißen Fäuste der Männer, jedes Gesicht flankiert von zwei Fäusten. Die Gendarmen schlossen sich zur Kette. Im nächsten Augenblick war der Halbbogen der Menschen in Bewegung. Alle liefen schreiend gegen die Gendarmen.

»Fällt das Bajonett!« kommandierte Trotta. Er zog den Säbel. Er konnte nicht sehen, daß seine Waffe in der Sonne aufblitzte und einen flüchtigen, spielerischen und aufreizenden Widerschein über die im Schatten liegende Seite der Straße warf, auf der sich die Menge befand. Die Helmknäufe der Gendarmen und ihre Bajonettspitzen waren plötzlich in der Menge untergegangen. »Direktion die Fabrik!« kommandierte Trotta. »Zug Marsch!« Die Jäger gingen vor, und ihnen entgegen flogen dunkle Gegenstände aus Eisen, braune Latten und weiße Steine, es pfiff und sauste, schnurrte und schnob. Leicht wie ein Wiesel rannte Horak neben dem Leutnant her und flüsterte: »Lassen Sie schießen, Herr Leutnant, um Gottes willen!«

»Zug halt!« kommandierte Trotta und: »Feuer!«

Die Jäger schossen, wie die Instruktionen Major Zoglauers gelautet hatten, die erste Salve in die Luft. Hierauf wurde es ganz still. Eine Sekunde lang konnte man alle friedlichen Stimmen des sommerlichen Mittags hören. Und man spürte das gütige Brüten der Sonne durch den Staub, den die Soldaten und die Menge aufgewirbelt hatten, und durch den verwehenden leichten Brandgeruch der abgeschossenen Patronen. Auf einmal schnitt die helle, heulende Stimme einer Frau durch den Mittag. Und da einige in der Menge offenbar glaubten, die Schreiende sei durch einen Schuß getroffen worden, begannen sie neuerlich, ihre wahllosen Geschosse gegen das Militär zu schleudern. Und den wenigen Schützen folgten sofort mehrere und schließlich alle. Und schon sanken ein paar Jäger in der ersten Reihe zu Boden, und während Leutnant Trotta ziemlich ratlos dastand, den Säbel in der Rechten, mit der Linken nach der Pistolentasche tastend, hörte er an der Seite die flüsternde Stimme Horaks: »Schießen! Lassen Sie um Gottes willen schießen!« In einer einzigen Sekunde rollten durch das aufgeregte Gehirn Leutnant Trottas Hunderte abgerissener Gedanken und Vorstellungen, manche gleichzeitig nebeneinander, und verworrene Stimmen in seinem Herzen geboten ihm, bald Mitleid zu haben, bald grausam zu sein, hielten ihm vor, was sein Großvater in dieser Lage getan hätte, drohten ihm, daß er im nächsten Augenblick selbst sterben würde, und ließen ihn zugleich den eigenen Tod als den einzig möglichen und wünschenswerten Ausgang dieses Kampfes erscheinen. Jemand hob seine Hand, wie er glaubte, eine fremde Stimme kommandierte aus ihm noch einmal: »Feuer!«, und er konnte noch sehen, daß diesmal die Gewehrläufe gegen die Menge gerichtet waren. Eine Sekunde später wußte er gar nichts mehr. Denn ein Teil der Menge, der zuerst geflohen zu sein schien oder sich den Anschein gegeben hatte zu fliehen, machte nur einen Umweg und kehrte im Lauf hinter dem Rücken der Jäger wieder, so daß der Zug Leutnant Trottas zwischen die zwei Gruppen geriet. Während die Jäger die zweite Salve abfeuerten, fielen Steine und genagelte Latten auf ihre Rücken und Nacken. Und von einer dieser Waffen auf den Kopf getroffen, sank Leutnant Trotta bewußtlos zu Boden. Man hieb noch mit allerhand Gegenständen auf den Liegenden ein. Die Jäger schossen nun ohne Kommando wahllos und nach allen Seiten gegen ihre Angreifer und zwangen sie also zur Flucht. Das Ganze hatte kaum drei Minuten gedauert. Als sich die Jäger unter dem Kommando des Unteroffiziers in Doppelreihen aufstellten, lagen im Staub der Landstraße verwundete Soldaten und Arbeiter, und es dauerte lange, ehe die Sanitätswagen kamen. Man brachte den Leutnant Trotta ins kleine Garnisonspital, stellte einen Schädelbruch und einen Bruch des linken Schlüsselbeins fest und befürchtete eine Gehirnentzündung. Ein offenbar sinnloser Zufall hatte dem Enkel des Helden von Solferino eine Verletzung am Schlüsselbein beschert. (Im übrigen hätte keiner von den Lebenden, der Kaiser vielleicht ausgenommen, wissen können, daß die Trottas ihren Aufstieg einer Schlüsselbeinverletzung des Helden von Solferino zu verdanken haben.)

Drei Tage später kam in der Tat eine Gehirnentzündung. Und man hätte gewiß den Bezirkshauptmann verständigt, wenn der Leutnant noch am Tage seiner Einlieferung in das Garnisonspital und nachdem er aus seiner Bewußtlosigkeit erwacht war, den Major nicht dringlichst gebeten hätte, dem Vater auf keinen Fall Mitteilung von dem Ereignis zu machen. Zwar war der Leutnant jetzt wieder ohne Bewußtsein, und es war sogar Anlaß genug vorhanden, für sein Leben zu fürchten; aber der Major beschloß trotzdem, noch zu warten. So kam es, daß der Bezirkshauptmann erst zwei Wochen später von der Rebellion an der Grenze und von der unseligen Rolle erfuhr, die sein Sohn gespielt hatte. Er erfuhr es zuerst aus den Zeitungen, in die es durch die oppositionellen Politiker gekommen war. Denn die Opposition war entschlossen, die Armee, das Jägerbataillon und insbesondere den Leutnant Trotta, der den Befehl gegeben hatte zu feuern, für die Toten und Witwen und Waisen verantwortlich zu machen. Und dem Leutnant drohte in der Tat eine Art Untersuchung, das heißt: eine formal zur Beruhigung der Politiker angestellte Untersuchung, ausgeführt von Militärbehörden, und eine Veranlassung, den Angeklagten zu rehabilitieren und vielleicht sogar auf irgendeine Weise auszuzeichnen. Immerhin war der Bezirkshauptmann keineswegs beruhigt. Er telegraphierte sogar zweimal an seinen Sohn und einmal an den Major Zoglauer. Dem Leutnant ging es damals bereits besser. Er konnte sich noch nicht im Bett bewegen, aber sein Leben war nicht mehr gefährdet. Er schrieb an seinen Vater einen kurzen Bericht. Und er war im übrigen nicht um seine Gesundheit besorgt ... Er dachte daran, daß wieder Tote auf seinem Wege lagen, und er war entschlossen, endlich den Abschied zu nehmen. Mit derlei Überlegungen beschäftigt, wäre es ihm unmöglich gewesen, seinen Vater zu sehen und zu sprechen, obwohl er sich nach ihm sehnte. Er hatte eine Art Heimweh nach dem Vater, aber er wußte zugleich, daß sein Vater nicht mehr seine Heimat war. Die Armee war nicht mehr sein Beruf. Und sosehr ihm vor dem Anlaß schauderte, der ihn ins Spital gebracht hatte, sosehr begrüßte er seine Krankheit, weil sie die Notwendigkeit hinausschob, Entschlüsse auszuführen. Er überließ sich dem traurigen Karbolgeruch, der schneeweißen Öde der Wände und des Lagers, dem Schmerz, dem Verbandswechsel, der strengen und mütterlichen Milde der Pfleger und den langweiligen Besuchen der ewig heiteren Kameraden. Er las ein paar jener Bücher wieder – seit der Kadettenzeit hatte er nichts mehr gelesen –, die ihm sein Vater als Privatlektüre einst aufgegeben hatte, und jede Zeile erinnerte ihn an den Vater und an die stillen, sommerlichen Sonntagvormittage und an Jacques, an Kapellmeister Nechwal und an den Radetzkymarsch.

Eines Tages besuchte ihn der Hauptmann Wagner, saß lange am Bett, ließ hier und da ein Wort fallen, stand auf und setzte sich wieder. Schließlich zog er seufzend einen Wechsel aus dem Rock und bat Trotta zu unterschreiben. Trotta unterschrieb. Es waren fünfzehnhundert Kronen. Kapturak hatte ausdrücklich Trottas Garantie gefordert. Hauptmann Wagner wurde sehr lebhaft, erzählte eine ausführliche Geschichte von einem Rennpferd, das er preiswert zu kaufen gedachte und das er in Baden laufen lassen wollte, fügte noch ein paar Anekdoten hinzu und ging sehr plötzlich weg.

Zwei Tage später erschien der Oberarzt bleich und bekümmert an Trottas Bett und erzählte, daß Hauptmann Wagner tot sei. Er hatte sich im Grenzwald erschossen. Er hinterließ einen Abschiedsbrief an alle Kameraden und einen herzlichen Gruß für Leutnant Trotta.

Der Leutnant dachte keineswegs an die Wechsel und an die Folgen seiner Unterschrift. Er verfiel in Fieber. Er träumte – und er sprach auch davon –, daß die Toten ihn riefen und daß es Zeit für ihn sei, von dieser Erde abzutreten. Der alte Jacques, Max Demant, Hauptmann Wagner und die unbekannten erschossenen Arbeiter standen in einer Reihe und riefen ihn. Zwischen ihm und den Toten stand ein leerer Roulettetisch, auf dem die Kugel, von keiner Hand bewegt, dennoch ohne Ende rotierte.

Zwei Wochen dauerte sein Fieber. Ein willkommener Anlaß für die Militärbehörde, die Untersuchung hinauszuschieben und mehreren politischen Stellen bekanntzugeben, daß die Armee ebenfalls Opfer zu beklagen habe und daß die politische Behörde des Grenzorts die Verantwortung trüge und daß die Gendarmerie rechtzeitig hätte verstärkt werden müssen. Es entstanden unermeßlich große Akten über den Fall Leutnant Trottas, und die Akten wuchsen, und jede Stelle jedes Amtes bespritzte sie noch mit etwas Tinte, wie man Blumen begießt, damit sie wachsen, und die ganze Angelegenheit wurde schließlich dem Militärkabinett des Kaisers unterbreitet, weil ein besonders umsichtiger Ober-Auditor entdeckt hatte, daß der Leutnant ein Enkel jenes verschollenen Helden von Solferino war, der in ganz vergessenen, jedenfalls aber intimen Beziehungen zum Allerhöchsten Kriegsherrn gestanden hatte; und daß also dieser Leutnant allerhöchste Stellen interessieren müßte; und daß es besser wäre abzuwarten, ehe man eine Untersuchung begänne.

So mußte sich der Kaiser, der soeben aus Ischl zurückgekehrt war, eines Morgens um sieben Uhr mit einem gewissen Carl Joseph Freiherrn von Trotta und Sipolje beschäftigen. Und da der Kaiser schon alt war, wenn auch durch den Aufenthalt in Ischl erholt, konnte er es sich nicht erklären, weshalb er beim Lesen dieses Namens an die Schlacht bei Solferino denken mußte, und er verließ seinen Schreibtisch und ging mit kurzen Greisenschritten in seinem dürftigen Arbeitszimmer auf und ab, auf und ab, so daß es seinen alten Leibdiener verwunderte und daß dieser, unruhig geworden, an die Tür klopfte.

»Herein!« sagte der Kaiser. Und als er seinen Diener erblickte: »Wann kommt denn der Montenuovo?«

»Majestät, um acht Uhr!«

Es war noch eine halbe Stunde bis acht. Und der Kaiser glaubte, diesen Zustand nicht mehr ertragen zu können. Warum, warum erinnerte ihn nur der Name Trottas an Solferino? Und warum konnte er sich nicht mehr an die Zusammenhänge erinnern? War er denn schon so alt geworden? Seitdem er aus Ischl zurückgekehrt war, beschäftigte ihn die Frage, wie alt er eigentlich sei, denn es erschien ihm plötzlich merkwürdig, daß man zwar das Geburtsjahr vom laufenden Kalenderjahr subtrahieren müsse, um sein Alter zu wissen, daß aber die Jahre mit dem Monat Januar begannen und daß sein Geburtstag auf den achtzehnten August fiel! Ja, wenn die Jahre mit dem August begonnen hätten! Und wenn er zum Beispiel am achtzehnten Januar geboren worden wäre, dann wär's auch eine Kleinigkeit gewesen! So aber konnte man unmöglich genau wissen, ob man zweiundachtzig und im dreiundachtzigsten war oder dreiundachtzig und im vierundachtzigsten! Und er mochte nicht fragen, der Kaiser. Alle Welt hatte sowieso viel zu tun, und es lag auch gar nichts daran, ob man ein Jahr jünger oder älter war, und am Ende hätte man sich auch als ein Jüngerer nicht erinnert, warum dieser verflixte Trotta an Solferino gemahnte. Der Obersthofmeister wußte es. Aber er kam erst um acht Uhr! Vielleicht aber wußte es auch dieser Leibdiener?

Und der Kaiser hielt inne, in seinem trippelnden Lauf, und fragte den Diener:

»Sagen Sie mal: Kennen Sie den Namen Trotta?«

Der Kaiser hatte eigentlich du zu seinem Diener sagen wollen, wie er es oft tat, aber es handelte sich diesmal um die Weltgeschichte, und er hatte sogar Respekt vor jenen, die er um historische Ereignisse fragte.

»Trotta!« sagte der Leibdiener des Kaisers. »Trotta!«

Er war auch schon alt, der Diener, und er erinnerte sich ganz dunkel an ein Lesebuchstück mit der Überschrift: »Die Schlacht bei Solferino«. Und plötzlich erstrahlte die Erinnerung auf seinem Angesicht wie eine Sonne. »Trotta!« rief er, »Trotta! Der hat Majestät das Leben gerettet!«

Der Kaiser trat an den Schreibtisch. Durch das offene Fenster des Arbeitszimmers drang der Jubel der morgendlichen Vögel von Schönbrunn. Es schien dem Kaiser, daß er wieder jung sei, und er hörte das Knattern der Gewehre, und er glaubte sich an der Schulter ergriffen und zu Boden gerissen. Und auf einmal war ihm auch der Name Trotta sehr vertraut, genau wie der Name Solferino.

»Ja, ja«, sagte der Kaiser und winkte mit der Hand und schrieb an den Rand der Trottaschen Akten: »Günstig erledigen!«

Dann erhob er sich wieder und ging zum Fenster. Die Vögel jubelten; und der Alte lächelte ihnen zu, als ob er sie sähe.

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