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Radetzkymarsch

Joseph Roth: Radetzkymarsch - Kapitel 13
Quellenangabe
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typefiction
authorJoseph Roth
titleRadetzkymarsch
publisherKiepenheuer & Witsch
isbn3462023799
year1994
firstpub
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
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projectid93529a93
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XIII

Frau von Taußig war schön und nicht mehr jung. Tochter eines Stationschefs, Witwe von einem jung verstorbenen Rittmeister namens Eichberg, hatte sie vor einigen Jahren einen frisch geadelten Herrn Taußig geheiratet, einen reichen und kranken Fabrikanten. Er litt an leichtem, sogenanntem zirkulärem Irresein. Seine Anfälle kehrten regelmäßig jedes halbe Jahr wieder. Wochenlang vorher fühlte er sie nahen. Und er fuhr in jene Anstalt am Bodensee, in der verwöhnte Irrsinnige aus reichen Häusern behutsam und kostspielig behandelt wurden und die Irrenwärter zärtlich waren wie Hebammen. Kurz vor einem seiner Anfälle und auf den Rat eines jener windigen und mondänen Ärzte, die ihren Patienten »seelische Emotionen« ebenso leichtfertig verschreiben wie altertümliche Hausärzte Rhabarber und Rizinus, hatte Herr von Taußig die Witwe von seinem Freund Eichberg geheiratet. Taußig erlebte zwar eine »seelische Emotion«, aber sein Anfall kam auch schneller und heftiger. Seine Frau hatte während ihrer kurzen Ehe mit Herrn von Eichberg viele Freunde gewonnen und nach dem Tode ihres Mannes ein paar herzliche Heiratsanträge zurückgewiesen. Von ihren Ehebrüchen schwieg man aus purer Hochschätzung. Die Zeit war damals strenge, wie man weiß. Aber sie erkannte Ausnahmen an und liebte sie sogar. Es war einer jener wenigen aristokratischen Grundsätze, denen zufolge einfache Bürger Menschen zweiter Klasse waren, aber der und jener bürgerliche Offizier Leibadjutant des Kaisers wurde; die Juden auf höhere Auszeichnungen keinen Anspruch erheben konnten, aber einzelne Juden geadelt wurden und Freunde von Erzherzögen; die Frauen in einer überlieferten Moral lebten, aber diese und jene Frau lieben durfte wie ein Kavallerieoffizier. (Es waren jene Grundsätze, die man heute »verlogene« nennt, weil wir soviel unerbittlicher sind; unerbittlich, ehrlich und humorlos.)

Der einzige unter den intimen Freunden der Witwe, der ihr keinen Heiratsantrag gemacht hatte, war Chojnicki. Die Welt, in der es sich noch lohnte zu leben, war zum Untergang verurteilt. Die Welt, die ihr folgen sollte, verdiente keinen anständigen Bewohner mehr. Es hatte also keinen Sinn, dauerhaft zu lieben, zu heiraten und etwa Nachkommen zu zeugen. Mit seinen traurigen, blaßblauen, etwas hervortretenden Augen sah Chojnicki die Witwe an und sagte: »Entschuldige, daß ich dich nicht heiraten möchte!« Mit diesen Worten beendete er seinen Kondolenzbesuch.

Die Witwe heiratete also den irrsinnigen Taußig. Sie brauchte Geld, und er war bequemer als ein Kind. Sobald sein Anfall vorbei war, bat er sie zu kommen. Sie kam, erlaubte ihm einen Kuß und führte ihn nach Hause. »Auf frohes Wiedersehn!« sagte Herr von Taußig dem Professor, der ihn bis vor das Gitter der geschlossenen Abteilung begleitete. »Auf Wiedersehn, recht bald!« sagte die Frau. (Sie liebte die Zeiten, in denen ihr Mann krank war.) Und sie fuhren nach Hause. Vor zehn Jahren hatte sie zuletzt Chojnicki besucht, damals noch nicht mit Taußig verheiratet, nicht weniger schön als heute und um ganze zehn Jahre jünger. Auch damals war sie nicht allein zurückgefahren. Ein Leutnant, jung und traurig wie dieser hier, hatte sie begleitet. Er hieß Ewald und war Ulan. (Ulanen hatte es hier damals gegeben.) Es wäre der erste wirkliche Schmerz ihres Lebens gewesen, ohne Begleitung zurückzufahren; und eine Enttäuschung, etwa von einem Oberleutnant begleitet zu werden. Für höhere Chargen fühlte sie sich noch lange nicht alt genug. Zehn Jahre später – vielleicht.

Aber das Alter nahte mit grausamen und lautlosen Schritten und manchmal in tückischen Verkleidungen. Sie zählte die Tage, die an ihr vorbeirannen, und jeden Morgen die feinen Runzeln, zarthaarige Netze, in der Nacht um die ahnungslos schlafenden Augen vom Alter gesponnen. Ihr Herz aber war ein sechzehnjähriges Mädchenherz. Mit ständiger Jugend gesegnet, wohnte es mitten im alternden Körper, ein schönes Geheimnis in einem verfallenden Schloß. Jeder junge Mann, den Frau von Taußig in ihre Arme nahm, war der langersehnte Gast. Er blieb leider nur im Vorzimmer stehen. Sie lebte ja gar nicht; sie wartete ja nur! Einen nach dem andern sah sie davongehn, mit bekümmerten, ungesättigten und verbitterten Augen. Allmählich gewöhnte sie sich daran, Männer kommen und gehen zu sehen, das Geschlecht der kindischen Riesen, die täppischen Mammutinsekten glichen, flüchtig und dennoch von schwerem Gewicht; eine Armee von plumpen Toren, die mit bleiernen Fittichen zu flattern versuchten; Krieger, die zu erobern glaubten, wenn man sie verachtete, zu besitzen, während man sie verlachte, zu genießen, wenn sie kaum gekostet hatten; eine barbarische Horde, auf die man trotzdem wartete, solange man lebte. Vielleicht, vielleicht stand einmal ein einziger aus ihrer verworrenen und finsteren Mitte auf, leicht und schimmernd, ein Prinz mit gesegneten Händen. Er kam nicht! Man wartete, er kam nicht! Man wurde alt, er kam nicht! Frau von Taußig stellte dem nahenden Alter junge Männer entgegen wie Dämme. Aus Angst vor ihrem erkennenden Blick ging sie mit geschlossenen Augen in jedes ihrer sogenannten Abenteuer. Und sie verzauberte mit ihren Wünschen die törichten Männer für den eigenen Gebrauch. Leider merkten sie nichts davon. Und sie verwandelten sich nicht im geringsten.

Sie schätzte den Leutnant Trotta ab. Er sieht alt aus für seine Jahre dachte sie –, er hat traurige Dinge erlebt, aber er ist nicht an ihnen klug geworden. Er liebt nicht leidenschaftlich, aber vielleicht auch nicht flüchtig. Er ist bereits so unglücklich, daß man ihn höchstens nur noch glücklich machen kann.

Am nächsten Morgen erhielt Trotta drei Tage Urlaub »in Familienangelegenheiten«. Um ein Uhr nachmittags verabschiedete er sich von den Kameraden im Speisesaal. Er stieg mit Frau von Taußig, beneidet und umjubelt, in ein Kupee erster Klasse, für das er allerdings einen Zuschlag gezahlt hatte.

Als die Nacht einbrach, bekam er Angst wie ein Kind vor der Dunkelheit; und er verließ das Kupee, um zu rauchen, das heißt: unter dem Vorwand, rauchen zu müssen. Er stand im Korridor, erfüllt von verworrenen Vorstellungen, sah durch das nächtliche Fenster die fliegenden Schlangen, die aus den weißglühenden Funken der Lokomotive im Nu gebildet wurden und im Nu verloschen, die dichte Finsternis der Wälder und die ruhigen Sterne am Gewölbe des Himmels. Sachte schob er die Tür zurück und ging auf den Zehen ins Kupee. »Vielleicht hätten wir Schlafwagen nehmen sollen!« sagte die Frau überraschend, ja erschreckend aus der Dunkelheit. »Sie müssen unaufhörlich rauchen! Rauchen dürfen Sie auch hier!« Sie schlief also noch immer nicht. Das Streichholz beleuchtete ihr Angesicht. Es lag, weiß, vom schwarzen, wirren Haar umrandet, auf der dunkelroten Polsterung. Ja, vielleicht hätte man Schlafwagen nehmen sollen. Das Köpfchen der Zigarette glomm rötlich durch die Finsternis. Sie fuhren über eine Brücke, die Räder polterten stärker. »Die Brücken!« sagte die Frau. »Ich habe Angst, sie stürzen ein!« Ja, dachte der Leutnant, sie sollen nur einstürzen! Er hatte lediglich zwischen einem plötzlichen Unglück und einem langsam heranschleichenden zu wählen. Er saß reglos der Frau gegenüber, sah die Lichter der vorüberhuschenden Stationen sekundenlang das Abteil erhellen und das bleiche Angesicht der Frau von Taußig noch blasser werden. Er konnte kein Wort hervorbringen. Er stellte sich vor, daß er sie küssen müsse, statt etwas zu sagen. Er verschob den fälligen Kuß immer wieder. Nach der nächsten Station, sagte er sich. Auf einmal streckte die Frau ihre Hand aus, suchte nach dem Riegel an der Kupeetür, fand ihn und ließ ihn einschnappen. Und Trotta beugte sich über ihre Hand.

In dieser Stunde liebte Frau von Taußig den Leutnant mit der gleichen Heftigkeit, mit der sie vor zehn Jahren den Leutnant Ewald geliebt hatte, auf der gleichen Strecke, um die gleiche Stunde und, wer weiß, vielleicht im selben Kupee. Aber ausgelöscht war vorläufig jener Ulan, wie die Früheren, wie die Späteren. Die Lust brauste über die Erinnerung hin und schwemmte alle Spuren fort. Frau von Taußig hieß Valerie mit Vornamen, man nannte sie mit der landesüblichen Abkürzung Wally. Dieser Name, ihr zugeflüstert in allen zärtlichen Stunden, klang in jeder zärtlichen Stunde ganz neu. Eben taufte sie wieder dieser junge Mann, sie war ein Kind (und frisch wie der Name). Dennoch machte sie jetzt, aus Gewohnheit, die wehmütige Feststellung, daß sie »viel älter« sei als er: eine Bemerkung, die sie jungen Männern gegenüber immer wagte, gewissermaßen eine tollkühne Vorsicht. Übrigens eröffnete diese Bemerkung eine neue Reihe von Liebkosungen. Alle zärtlichen Worte, die ihr geläufig waren und die sie dem und jenem schon geschenkt hatte, holte sie wieder hervor. Jetzt kam – wie gut kannte sie leider die Reihenfolge! – die ständig gleichlautende Bitte des Mannes, nicht vom Alter und von der Zeit zu reden. Sie wußte, wie wenig diese Bitten bedeuteten – und sie glaubte ihnen. Sie wartete. Aber der Leutnant Trotta schwieg, ein verstockter junger Mann. Sie hatte Angst, das Schweigen sei ein Urteil; und sie begann vorsichtig: »Was glaubst, um wieviel älter ich bin als du?« Er war ratlos. Darauf antwortet man nicht, es ging ihn auch gar nichts an. Er fühlte den schnellen Wechsel von glatter Kühle und ebenso glatter Glut auf ihrer Haut, die jähen klimatischen Veränderungen, die zu den zauberhaften Erscheinungen der Liebe gehören. (Innerhalb einer einzigen Stunde häufen sie alle Eigenschaften aller Jahreszeiten auf einer einzigen weiblichen Schulter. Sie heben tatsächlich die Gesetze der Zeit auf.) »Ich könnt' ja deine Mutter sein!« flüsterte die Frau. »Rate mal, wie alt ich bin?« »Ich weiß nicht!« sagte der Unglückliche. »Einundvierzig!« sagte Frau Wally. Sie war erst vor einem Monat zweiundvierzig geworden. Aber manchen Frauen verbietet die Natur selbst, die Wahrheit zu sagen; die Natur, die sie davor behütet, älter zu werden. Frau von Taußig wäre vielleicht zu stolz gewesen, ganze drei Jahre zu unterschlagen. Aber der Wahrheit ein einziges, armseliges Jahr zu stehlen war noch kein Diebstahl an der Wahrheit.

»Du lügst!« sagte er endlich, sehr grob, aus Höflichkeit. Und sie umarmte ihn in einer neuen, aufrauschenden Welle aus Dankbarkeit. Die weißen Lichter der Stationen rannen am Fenster vorbei, erleuchteten das Kupee, belichteten ihr weißes Angesicht und schienen ihre Schultern noch einmal zu entblößen. Der Leutnant lag an ihrer Brust wie ein Kind. Sie fühlte einen wohltätigen, seligen, einen mütterlichen Schmerz. Eine mütterliche Liebe rann in ihre Arme und erfüllte sie mit neuer Kraft. Sie wollte ihrem Geliebten Gutes tun wie einem eigenen Kind; als hätte ihn ihr Schoß geboren, derselbe, der ihn jetzt empfing. »Mein Kind, mein Kind!« wiederholte sie. Sie hatte keine Angst mehr vor dem Alter. Ja, zum erstenmal segnete sie die Jahre, die sie von dem Leutnant schieden. Als der Morgen, ein strahlender, frühsommerlicher Morgen, durch die dahinschießenden Kupeefenster brach, zeigte sie dem Leutnant furchtlos das noch nicht für den Tag gerüstete Angesicht. Sie rechnete allerdings ein bißchen mit der Morgenröte. Denn zufällig lag der Osten vor dem Fenster, an dem sie saß.

Dem Leutnant Trotta erschien die Welt verändert. Infolgedessen stellte er fest, daß er soeben die Liebe kennengelernt habe, das heißt: die Verwirklichung seiner Vorstellungen von der Liebe. In Wirklichkeit war er nur dankbar, ein gesättigtes Kind. »In Wien bleiben wir zusammen, nicht?« – Liebes Kind, liebes Kind! dachte sie fortwährend. Sie sah ihn an, von mütterlichem Stolz erfüllt, als hätte sie ein Verdienst an den Tugenden, die er nicht besaß und die sie ihm zuschrieb wie eine Mutter.

Eine unendliche Reihe kleiner Feste bereitete sie vor. Es fügte sich gut, daß sie zu Fronleichnam eintrafen. Sie wird zwei Plätze auf der Tribüne beschaffen. Sie wird mit ihm den bunten Zug genießen, den sie liebte, wie ihn damals alle österreichischen Frauen jedes Standes liebten.

Sie beschaffte Plätze auf der Tribüne. Der fröhliche und feierliche Pomp der Parade beschenkte sie selbst mit einem warmen und verjüngenden Widerschein. Seit ihrer Jugend kannte sie, wahrscheinlich nicht weniger genau als der Obersthofmeister, alle Phasen, Teile und Gesetze des Fronleichnamzuges, ähnlich wie die alten Besucher der angestammten Opernlogen alle Szenen ihrer geliebten Stücke. Ihre Lust zu schauen verminderte sich nicht etwa, sondern nährte sich im Gegenteil von dieser vertrauten Kennerschaft. In Carl Joseph standen die alten kindischen und heldischen Träume auf, die ihn zu Hause, in den Ferien auf dem väterlichen Balkon, bei den Klängen des Radetzkymarsches erfüllt und beglückt hatten. Die ganze majestätische Macht des alten Reiches zog vor seinen Augen dahin. Der Leutnant dachte an seinen Großvater, den Helden von Solferino, und an den unerschütterlichen Patriotismus seines Vaters, der einem kleinen, aber starken Fels vergleichbar war, mitten unter den ragenden Bergen der habsburgischen Macht. Er dachte an seine eigene heilige Aufgabe, für den Kaiser zu sterben, jeden Augenblick zu Wasser und zu Lande und auch in der Luft, mit einem Worte, an jedem Orte. Die Wendungen des Gelübdes, das er ein paarmal mechanisch abgelegt hatte, wurden lebendig. Sie erhoben sich, ein Wort nach dem andern erhob sich, jedes eine Fahne. Das porzellanblaue Auge des Allerhöchsten Kriegsherrn, erkaltet auf so vielen Bildern an so vielen Wänden des Reiches, füllte sich mit neuer, väterlicher Huld und blickte wie ein ganzer blauer Himmel auf den Enkel des Helden von Solferino. Es leuchteten die lichtblauen Hosen der Infanterie. Wie der leibhaftige Ernst der ballistischen Wissenschaft zogen die kaffeebraunen Artilleristen vorbei. Die blutroten Feze auf den Köpfen der hellblauen Bosniaken brannten in der Sonne wie kleine Freudenfeuerchen, angezündet vom Islam zu Ehren Seiner Apostolischen Majestät. In den schwarzen, lackierten Karossen saßen die goldgezierten Ritter des Vlieses und die schwarzen, rotbäckigen Gemeinderäte. Nach ihnen wehten wie majestätische Stürme, die ihre Leidenschaft in der Nähe des Kaisers zügeln, die Roßhaarbüsche der Leibgarde-Infanterie einher. Schließlich erhob sich, vom schmetternden Generalmarsch vorbereitet, der kaiser- und königliche Gesang der irdischen, aber immerhin Apostolischen Armee-Cherubim: »Gott erhalte, Gott beschütze« über die stehende Volksmenge, die marschierenden Soldaten, die sachte trabenden Rösser und die lautlos rollenden Wagen. Er schwebte über allen Köpfen, ein Himmel aus Melodie, ein Baldachin aus schwarz-gelben Tönen. Und das Herz des Leutnants stand still und klopfte heftig zu gleicher Zeit – eine medizinische Absonderlichkeit. Zwischen den langsamen Klängen der Hymne flogen die Hochrufe auf wie weiße Fähnchen zwischen großen, wappenbemalten Bannern. Der Lipizzanerschimmel kam tänzelnd einher, mit der majestätischen Koketterie der berühmten Lipizzanerpferde, die im kaiserlich-königlichen Gestüt ihre Ausbildung genossen. Ihm folgte das Hufgetrappel der Halbschwadron Dragoner, ein zierlicher Paradedonner. Die schwarz-goldenen Helme blitzten in der Sonne. Die Rufe der hellen Fanfaren ertönten, Stimmen fröhlicher Mahner: Habt acht, habt acht, der alte Kaiser naht!

Und der Kaiser kam: Acht blütenweiße Schimmel zogen seinen Wagen. Und auf den Schimmeln, in goldbestickten, schwarzen Röcken und mit weißen Perücken, ritten die Lakaien. Sie sahen aus wie Götter, und sie waren nur Diener von Halbgöttern. Zu beiden Seiten des Wagens standen je zwei ungarische Leibgarden mit gelb-schwarzen Pantherfellen über der Schulter. Sie erinnerten an die Wächter der Mauern von Jerusalem, der heiligen Stadt, deren König der Kaiser Franz Joseph war. Der Kaiser trug den schneeweißen Rock, den man von allen Bildern der Monarchie kannte, und einen mächtigen grünen Papageienfederstrauß über dem Hut. Sachte im Wind wehten die Federn. Der Kaiser lächelte nach allen Seiten. Auf seinem alten Angesicht lag das Lächeln wie eine kleine Sonne, die er selbst geschaffen hatte. Vom Stephansdom dröhnten die Glocken, die Grüße der römischen Kirche, entboten dem Römischen Kaiser Deutscher Nation. Der alte Kaiser stieg vom Wagen mit jenem elastischen Schritt, den alle Zeitungen rühmten, und ging in die Kirche wie ein einfacher Mann; zu Fuß ging er in die Kirche, der Römische Kaiser Deutscher Nation, umdröhnt von den Glocken.

Kein Leutnant der kaiser- und königlichen Armee hätte dieser Zeremonie gleichgültig zusehen können. Und Carl Joseph war einer der Empfindlichsten. Er sah den goldenen Glanz, den die Prozession verströmte, und er hörte nicht den düstern Flügelschlag der Geier. Denn über dem Doppeladler der Habsburger kreisten sie schon, die Geier, seine brüderlichen Feinde.

Nein, die Welt ging nicht unter, wie Chojnicki gesagt hatte, man sah mit eigenen Augen, wie sie lebte! Über die breite Ringstraße zogen die Bewohner dieser Stadt, fröhliche Untertanen der Apostolischen Majestät, alles Leute aus seinem Hofgesinde. Die ganze Stadt war nur ein riesengroßer Burghof. Mächtig in den Torbögen der uralten Paläste standen die livrierten Türhüter mit ihren Stäben, die Götter unter den Lakaien. Schwarze Kutschen auf gummibereiften hohen und edlen Rädern mit zarten Speichen hielten vor den Toren. Die Rösser streichelten mit fürsorglichen Hufen das Pflaster. Staatsbeamte mit schwarzen Krappenhüten, goldenen Kragen und schmalen Degen kamen würdig und verschwitzt von der Prozession. Die weißen Schulmädchen, Blüten im Haar und Kerzen in den Händen, kehrten heim, eingezwängt zwischen ihre feierlichen Elternpaare, wie deren körperhaft gewordenen, etwas verstörten und vielleicht auch ein wenig verprügelten Seelen. Über den hellen Hüten der hellen Damen, die ihre Kavaliere spazierenführten wie an Leinen, wölbten sich die zierlichen Baldachine der Sonnenschirme. Blaue, braune, schwarze, gold- und silberverzierte Uniformen bewegten sich wie seltsame Bäumchen und Gewächse, ausgebrochen aus einem südlichen Garten und wieder nach der fernen Heimat strebend. Das schwarze Feuer der Zylinder glänzte über eifrigen und roten Gesichtern. Farbige Schärpen, die Regenbogen der Bürger, lagen über breiten Brüsten, Westen und Bäuchen. Da wallten über die Fahrbahn der Ringstraße in zwei breiten Reihen die Leibgardisten in weißen Engelspelerinen mit roten Aufschlägen und weißen Federbüschen, schimmernde Hellebarden in den Fäusten, und die Straßenbahnen, die Fiaker und selbst die Automobile hielten vor ihnen an wie vor wohlvertrauten Gespenstern der Geschichte. An den Kreuzungen und Ecken begossen die dicken, zehnfach beschürzten Blumenfrauen (städtische Schwestern der Feen) aus dunkelgrünen Kannen ihre leuchtenden Sträuße, segneten mit lächelnden Blicken vorübergehende Liebespaare, banden Maiglöckchen zusammen und ließen ihre alten Zungen laufen. Die goldenen Helme der Feuerwehrmänner, die zu den Spektakeln abmarschierten, funkelten, heitere Mahner an Gefahr und Katastrophe. Es roch nach Flieder und Weißdorn. Die Geräusche der Stadt waren nicht laut genug, die pfeifenden Amseln in den Gärten und die trillernden Lerchen in den Lüften zu übertönen. All das schüttete die Welt über den Leutnant Trotta aus. Er saß im Wagen neben seiner Freundin, er liebte sie, und er fuhr, wie ihm schien, durch den ersten guten Tag seines Lebens.

Und es war auch in der Tat, als begänne sein Leben. Er lernte Wein trinken, wie er an der Grenze den Neunziggrädigen getrunken hatte. Er aß mit der Frau in jenem berühmten Speisehaus, dessen Wirtin würdig war wie eine Kaiserin, dessen Raum heiter und andächtig war wie ein Tempel, nobel wie ein Schloß und friedlich wie eine Hütte. Hier aßen an angestammten Tischen die Exzellenzen, und die Kellner, die sie bedienten, sahen aus wie ihresgleichen, so daß es beinahe war, als wechselten Gäste und Kellner in einem bestimmten Turnus miteinander ab. Und jeder kannte jeden beim Vornamen wie ein Bruder den andern; aber sie grüßten einander wie ein Fürst den andern. Man kannte die Jungen und die Alten, die guten Reiter und die schlechten, die Galanten und die Spieler, die Flotten, die Ehrgeizigen, die Günstlinge, die Erben einer uralten, durch die Überlieferung geheiligten sprichwörtlichen und allseits verehrten Dummheit und auch die Klugen, die morgen an die Macht kommen sollten. Man hörte nur ein zartes Geräusch wohlerzogener Gabeln und Löffel und an den Tischen jenes lächelnde Geflüster der Essenden, das lediglich der Angesprochene hört und das der kundige Nachbar ohnehin errät. Von den weißen Tischtüchern kam ein friedlicher Glanz, durch die hohen, verhangenen Fenster strömte ein verschwiegener Tag, aus den Flaschen rann der Wein mit zärtlichem Gurren, und wer einen Kellner rufen wollte, brauchte nur die Augen zu erheben. Denn man vernahm in dieser gesitteten Stille den Aufschlag eines Augenlides wie anderswo einen Ruf. Ja, so begann das, was er »das Leben« nannte und was zu jener Zeit vielleicht auch das Leben war: die Fahrt im glatten Wagen zwischen den dichten Gerüchen des gereiften Frühlings, an der Seite einer Frau, von der man geliebt wurde. Jeder ihrer zärtlichen Blicke schien ihm seine junge Überzeugung zu rechtfertigen, daß er ein ausgezeichneter Mann sei von vielen Tugenden und sogar ein »famoser Offizier« in dem Sinne, in dem man innerhalb der Armee diese Bezeichnung anwandte. Er erinnerte sich, daß er fast sein ganzes Leben traurig gewesen war, scheu, man konnte schon sagen: verbittert. Aber so, wie er sich jetzt zu kennen glaubte, begriff er nicht mehr, warum er traurig, scheu und verbittert gewesen war. Der Tod in der Nähe hatte ihn erschreckt. Aber auch aus den wehmütigen Gedanken, die er jetzt Katharina und Max Demant nachsandte, bezog er noch einen Genuß. Er hatte seiner Meinung nach Hartes durchgemacht. Er verdiente die zärtlichen Blicke einer schönen Frau. Er sah sie von Zeit zu Zeit dennoch ein wenig ängstlich an. War's nicht eine Laune von ihr, ihn mitzunehmen wie einen Knaben und ihm ein paar gute Tage zu bereiten? Das konnte man sich nicht gefallen lassen. Er war, wie es bereits feststand, ein ganz famoser Mensch, und wer ihn liebte, mußte ihn ganz lieben, ehrlich und bis in den Tod, wie die arme Katharina. Und wer weiß, wie viele Männer dieser schönen Frau einfielen, während sie ihn ganz allein zu lieben glaubte oder zu lieben vorgab?! War er eifersüchtig? Gewiß, er war eifersüchtig! Und auch ohnmächtig, wie ihm gleich darauf einfiel. Eifersüchtig und ohne jedes Mittel, hierzubleiben oder mit der Frau weiterzufahren, sie zu behalten, solange ihm beliebte, und sie zu erforschen und sie zu gewinnen. Ja, er war ein kleiner, armer Leutnant, mit fünfzig Kronen monatlicher Rente vom Vater, und er hatte Schulden ...

»Spielt ihr in eurer Garnison?« fragte Frau von Taußig plötzlich.

»Die Kameraden«, sagte er. »Hauptmann Wagner zum Beispiel. Er verliert enorm!«

»Und du?«

»Gar nicht!« sagte der Leutnant. Er wußte in diesem Augenblick, auf welche Weise man mächtig werden konnte. Er empörte sich gegen sein mäßiges Geschick. Er wünschte sich ein glanzvolles. Wenn er Staatsbeamter geworden wäre, hätte er vielleicht Gelegenheit gehabt, einige seiner geistigen Tugenden, die er gewiß besaß, nützlich anzuwenden, Karriere zu machen. Was war ein Offizier im Frieden?! Was hatte der Held von Solferino selbst im Krieg und durch seine Tat gewonnen?!

»Daß du nur nicht spielst!« sagte Frau von Taußig. »Du siehst nicht aus wie einer, der Glück im Spiel hat!«

Er war gekränkt. Sofort faßte ihn die Begierde, zu beweisen, daß er Glück habe, überall! Er begann, geheime Pläne zu brüten, für heute, jetzt, für diese Nacht. Seine Umarmungen waren gleichsam vorläufige Umarmungen, Proben einer Liebe, die er morgen geben wollte als ein Mann, nicht nur ausgezeichnet, sondern auch mächtig. Er dachte an die Zeit, sah auf die Uhr und überlegte schon eine Ausflucht, um nicht zu spät fortzukommen. Frau Wally schickte ihn selbst weg. »Es wird spät, du mußt gehen!« »Morgen vormittag!« »Morgen vormittag!«

Der Hotelportier nannte einen Spielsaal in der Nähe. Man begrüßte den Leutnant mit geschäftiger Höflichkeit. Er sah ein paar höhere Offiziere und blieb vor ihnen in der vorgeschriebenen Erstarrung stehen. Lässig winkten sie ihm zu, verständnislos starrten sie ihn an, als begriffen sie überhaupt nicht, daß man sie militärisch behandle; als wären sie längst nicht mehr Angehörige der Armee und nur noch nachlässige Träger ihrer Uniformen; und als weckte dieser ahnungslose Neuling in ihnen eine sehr ferne Erinnerung an eine sehr ferne Zeit, in der sie noch Offiziere gewesen waren. Sie befanden sich in einer anderen, vielleicht in einer geheimeren Abteilung ihres Lebens, und nur noch ihre Kleider und Sterne erinnerten an ihr gewöhnliches, alltägliches Leben, das morgen mit dem anbrechenden Tag wieder beginnen würde. Der Leutnant überzählte seine Barschaft, sie betrug hundertundfünfzig Kronen. Er legte, wie er es beim Hauptmann Wagner gesehen hatte, fünfzig Kronen in die Tasche, den Rest in das Zigarettenetui. Eine Weile saß er an einem der beiden Roulettetische, ohne zu setzen – Karten kannte er zu wenig, und er wagte sich nicht an sie. Er war ganz ruhig und über seine Ruhe erstaunt. Er sah die roten, weißen, blauen Häufchen der Spielmarken kleiner werden, größer werden, hierhin und dorthin rücken. Aber es fiel ihm nicht ein, daß er eigentlich gekommen war, um sie alle an seinen Platz wandern zu sehen. Er entschloß sich endlich zu setzen, und es war nur wie eine Pflicht. Er gewann. Er setzte die Hälfte des Gewinstes und gewann noch einmal. Er sah nicht nach den Farben und nicht nach den Zahlen. Er setzte gleichmütig irgendwohin. Er gewann. Er setzte den ganzen Gewinn. Er gewann zum viertenmal. Ein Major gab ihm einen Wink. Trotta stand auf. Der Major: »Sie sind zum erstenmal hier. Sie haben tausend Kronen gewonnen. Es ist besser, Sie gehn gleich!« »Jawohl, Herr Major!« sagte Trotta und ging gehorsam. Als er die Marken eintauschte, tat es ihm leid, daß er dem Major gehorcht hatte. Er zürnte sich, weil er imstande war, jedem Beliebigen zu gehorchen. Weshalb ließ er sich wegschicken? Und warum hatte er nicht mehr den Mut zurückzukehren? Er ging, unzufrieden mit sich und unglücklich über seinen ersten Gewinn.

Es war schon spät und so still, daß man die Schritte einzelner Fußgänger aus entfernten Straßen hörte. An dem Streifen des Himmels über der schmalen, von hohen Häusern gesäumten Gasse zwinkerten fremd und friedlich die Sterne. Eine dunkle Gestalt bog um die Ecke und kam dem Leutnant entgegen. Sie schwankte, es war ein Betrunkener, ohne Zweifel. Der Leutnant erkannte ihn sofort: Es war der Maler Moser, der seine gewöhnliche Runde durch die nächtlichen Straßen der inneren Stadt machte, mit Mappe und Schlapphut. Er salutierte mit einem Finger und begann, seine Bilder anzubieten. »Lauter Mädchen in allen Positionen!« Carl Joseph blieb stehen. Er dachte, daß ihm das Schicksal selbst den Maler Moser entgegenschickte. Er wußte nicht, daß er seit Jahren jede Nacht um die gleiche Stunde den Professor in irgendeiner Gasse der inneren Stadt hätte treffen können. Er zog die aufgesparten fünfzig Kronen aus der Tasche und gab sie dem Alten. Er tat es, als hätte es ihm jemand lautlos geboten; wie man einen Befehl vollführt. So wie er, so wie er, dachte er, er ist ganz glücklich, er hat ganz recht! Er erschrak über seinen Einfall. Er suchte nach den Gründen, denen zufolge der Maler Moser recht haben sollte, fand keine, erschrak noch mehr und verspürte schon den Durst nach Alkohol, den Durst der Trinker, der ein Durst der Seele und des Körpers ist. Plötzlich sieht man wenig wie ein Kurzsichtiger, hört schwach wie ein Schwerhöriger. Man muß sofort, auf der Stelle, ein Glas trinken. Der Leutnant kehrte um, hielt den Maler Moser auf und fragte: »Wo können wir trinken?«

Es gab ein nächtliches Gasthaus, nicht weit von der Wollzeile. Dort bekam man Sliwowitz, leider war er fünfundzwanzig Prozent schwächer als der Neunziggrädige. Der Leutnant und der Maler setzten sich und tranken. Allmählich wurde es Trotta klar, daß er längst nicht mehr der Meister seines Glücks war, längst nicht mehr ein ausgezeichneter Mann von allerhand Tugenden. Arm und elend war er vielmehr und voller Wehmut über seinen Gehorsam gegenüber einem Major, der ihn verhindert hatte, Hunderttausende zu gewinnen. Nein! Fürs Glück war er nicht geschaffen! Frau von Taußig und der Major aus dem Spielsaal und überhaupt alle, alle machten sich über ihn lustig. Nur dieser eine, der Maler Moser (man konnte ihn schon ruhig einen Freund nennen) war aufrichtig, ehrlich und treu. Man sollte sich ihm zu erkennen geben! Dieser ausgezeichnete Mann war der älteste und der einzige Freund seines Vaters. Man sollte sich seiner nicht schämen. Er hatte den Großvater gemalt! Der Leutnant tat einen tiefen Atemzug, um aus der Luft Mut zu schöpfen, und sagte: »Wissen Sie eigentlich, daß wir uns schon lange kennen?« Der Maler Moser reckte den Kopf, ließ seine Augen unter den buschigen Brauen blitzen und fragte: »Wir – uns – lange – kennen? Persönlich? Denn so, als Maler, kennen Sie mich natürlich! Als Maler bin ich weithin bekannt. Ich bedaure, ich bedaure, ich fürchte, Sie irren sich! Oder« – Moser wurde bekümmert – »ist es möglich, daß man mich verwechselt?«

»Ich heiße Trotta!« sagte der Leutnant.

Maler Moser schaute aus blicklosen, gläsernen Augen auf den Leutnant und streckte die Hand aus. Dann brach ein donnerndes Jauchzen aus ihm. Er zog den Leutnant an der Hand halb über den Tisch zu sich, beugte sich ihm entgegen, und so, in der Mitte des Tisches, küßten sie sich brüderlich und ausdauernd.

»Und was macht er, dein Vater?« fragte der Professor. »Ist er noch im Amt? Ist er schon Statthalter? Hab' nie mehr was von ihm gehört! Vor einiger Zeit hab' ich ihn hier getroffen im Volksgarten, da hat er mir Geld gegeben, da war er nicht allein, da war er mit seinem Sohn, dem Bürscherl – aber halt, das bist du ja eben.«

»Ja, das war ich damals«, sagte der Leutnant. »Es ist schon lange her, es ist schon sehr, sehr lange her.«

Er erinnerte sich an den Schrecken, den er damals gefühlt hatte, beim Anblick der klebrigen und roten Hand auf dem väterlichen Schenkel.

»Ich muß dich um Vergebung bitten, ja, um Vergebung!« sagte der Leutnant. »Ich hab' dich damals miserabel behandelt, miserabel hab' ich dich behandelt! Vergib mir, lieber Freund!«

»Ja, miserabel!« bestätigte Moser. »Ich verzeihe dir! Kein Wort mehr davon! Wo wohnst du? Ich will dich begleiten!«

Man schloß das Gasthaus. Arm in Arm wankten sie durch die stillen Gassen. »Hier bleibe ich«, murmelte der Maler. »Hier meine Adresse! Besuch mich morgen, mein Junge!« Und er gab dem Leutnant eine seiner unmäßigen Geschäftskarten, die er in den Kaffeehäusern zu verteilen pflegte.

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