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Radetzkymarsch

Joseph Roth: Radetzkymarsch - Kapitel 12
Quellenangabe
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typefiction
authorJoseph Roth
titleRadetzkymarsch
publisherKiepenheuer & Witsch
isbn3462023799
year1994
firstpub
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secondcorrectorGerd Bouillon
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XII

An den Grenzen der österreichisch-ungarischen Monarchie gab es damals viele Männer von der Art Kapturaks. Rings um das alte Reich begannen sie zu kreisen wie die schwarzen und feigen Vögel, die aus unendlicher Ferne einen Sterbenden eräugen. Mit ungeduldigen und finsteren Flügelschlägen warteten sie sein Ende ab. Mit steilen Schnäbeln stoßen sie auf die Beute. Man weiß nicht, woher sie kommen, noch, wohin sie fliegen. Die gefiederten Brüder des rätselhaften Todes sind sie, seine Künder, seine Begleiter und seine Nachfolger.

Kapturak ist ein kleiner Mann von unbedeutendem Angesicht. Gerüchte huschen um ihn, fliegen ihm auf seinen gewundenen Wegen voran und folgen den kaum merklichen Spuren, die er hinterläßt. Er wohnt in der Grenzschenke. Er verkehrt mit den Agenten der südamerikanischen Schiffahrtsgesellschaften, die jedes Jahr Tausende russischer Deserteure auf ihren Dampfern nach einer neuen und grausamen Heimat befördern. Er spielt gerne und trinkt wenig. An einer gewissen gramvollen Leutseligkeit läßt er es nicht fehlen. Er erzählt, daß er jahrelang den Schmuggel mit russischen Deserteuren jenseits der Grenze betrieben und dort ein Haus, Weib und Kinder zurückgelassen habe, aus Angst, nach Sibirien verschickt zu werden, nachdem man mehrere Beamte und Militärs ertappt und verurteilt hatte. Und auf die Frage, was er hier zu machen gedenke, erwidert Kapturak, bündig und lächelnd: »Geschäfte.«

Der Inhaber des Hotels, in dem die Offiziere logierten, ein gewisser Brodnitzer, schlesischer Abstammung und aus unbekannten Gründen an die Grenze verschlagen, machte den Spielsaal auf. Er hängte einen großen Zettel an die Fensterscheibe des Cafés. Er verkündete, daß er Spiele jeder Art bereithalte, eine Musikkapelle allabendlich bis in die Morgenstunden »konzertieren« lassen werde und »Tingel-Tangel-Sängerinnen von Ruf« engagiert habe. Die »Renovierung« des Lokals begann mit den Konzerten der Musikkapelle, die aus acht zusammengeklaubten Musikern bestand. Später traf die sogenannte »Nachtigall aus Mariahilf« ein, ein blondes Mädchen aus Oderberg. Sie sang Walzer von Lehár, dazu das gewagte Lied: »Wenn ich in der Liebesnacht in den grauen Morgen wandre ...«, ferner als Zugabe: »Unter meinem Kleidchen trag' ich rosa Dessous voller plis ...« Also steigerte Brodnitzer die Erwartungen seiner Kundschaft. Es erwies sich, daß Brodnitzer neben den zahlreichen kurzen und langen Kartentischen in einer schattigen und verhängten Ecke auch einen kleinen Roulettetisch aufgestellt hatte. Hauptmann Wagner erzählte es allen und weckte Begeisterung. Den Männern, die seit vielen Jahren an der Grenze dienten, schien die kleine Kugel (und viele hatten noch nie ein Roulette gesehn) einer jener zauberischen Gegenstände der großen Welt, mit deren Hilfe der Mensch schöne Frauen, teure Pferde, reiche Schlösser auf einmal gewinnt. Wem sollte sie etwa nicht helfen, die Kugel? Alle hatten kümmerliche Knabenjahre in der Stiftsschule verlebt, harte Jünglingsjahre in den Kadettenanstalten, grausame Jahre im Dienst an der Grenze. Sie warteten auf den Krieg. Statt seiner war eine Teilmobilisierung gegen Serbien gekommen, von der man ruhmlos in die gewohnte Erwartung des mechanischen Avancements zurückkehrte. Manöver, Dienst, Kasino, Kasino, Dienst und Manöver! Sie hörten zum erstenmal die kleine Kugel rattern und wußten nun, daß das Glück selbst unter ihnen rotierte, um heute den und morgen jenen zu treffen. Fremde, blasse, reiche und stumme Herren saßen da, wie man sie niemals gesehen hatte. Eines Tages gewann Hauptmann Wagner fünfhundert Kronen. Am nächsten Tag waren seine Schulden bezahlt. Er bekam in diesem Monat zum erstenmal nach langer Zeit seine Gage unversehrt, ganze drei Drittel. Allerdings hatten Leutnant Schnabel und Leutnant Gründler je hundert Kronen verloren. Morgen konnten sie tausend gewinnen! ...

Wenn die weiße Kugel zu laufen begann, so daß sie selbst wie ein milchiger Kreis aussah, gezogen um die Peripherie schwarzer und roter Felder, wenn die schwarzen und roten Felder sich ebenfalls vermischten zu einem einzigen verschwimmenden Rund von unbestimmbarer Farbe, dann erzitterten die Herzen der Offiziere, und in ihren Köpfen entstand ein fremdes Tosen, als rotierte in jedem Gehirn eine besondere Kugel, und vor ihren Augen wurde es schwarz und rot, schwarz und rot. Die Knie wankten, obwohl man saß. Die Augen jagten mit verzweifelter Hast der Kugel nach, die sie nicht erhaschen konnten. Nach eigenen Gesetzen fing sie schließlich an zu torkeln, trunken vom Lauf, und blieb erschöpft in einer numerierten Mulde liegen. Alle stöhnten auf. Auch wer verloren hatte, fühlte sich befreit. Am nächsten Morgen erzählte es einer dem andern. Und ein großer Taumel ergriff sie alle. Immer mehr Offiziere kamen in den Spielsaal. Aus unerforschlichen Gegenden kamen auch die fremden Zivilisten. Sie waren es, die das Spiel beheizten, die Kasse füllten, aus Brieftaschen große Scheine zogen, aus Westentaschen goldene Dukaten, Uhren und Ketten und von den Fingern Ringe. Alle Zimmer des Hotels waren besetzt. Die schläfrigen Droschken, die immer auf ihrem Standplatz gewartet hatten, mit den gähnenden Kutschern am Bock und den mageren Schindmähren davor, wie nachgemachte Fuhrwerke im Panoptikum: auch sie erwachten, und siehe da: Die Räder konnten rollen, die mageren Mähren trabten mit klappernden Hufen vom Bahnhof zum Hotel, vom Hotel zur Grenze und wieder zurück ins Städtchen. Die verdrossenen Händler lächelten. Lichter schienen die dunklen Läden zu werden, bunter die ausgelegten Waren, Nacht für Nacht sang die »Nachtigall von Mariahilf«. Und als hätte ihr Gesang noch andere Schwestern geweckt, kamen nie gesehene, neue, geputzte Mädchen ins Café. Man rückte die Tische auseinander und tanzte zu den Walzern von Lehár. Die ganze Welt war verändert. –

Ja, die ganze Welt! An anderen Stellen zeigten sich sonderbare Plakate, wie man sie hierorts noch niemals gesehen hat. In allen Landessprachen fordern sie die Arbeiter der Borstenfabrik auf, die Arbeit niederzulegen. Die Borstenfabrikation ist die einzige, armselige Industrie dieser Gegend. Die Arbeiter sind arme Bauern. Ein Teil von ihnen lebt im Winter vom Holzhacken, im Herbst von Erntearbeiten. Im Sommer müssen alle in die Borstenfabrik. Andere kommen aus den niederen Schichten der Juden. Sie können nicht rechnen und nicht handeln, sie haben auch kein Handwerk gelernt. Weit und breit, wohl zwanzig Meilen in der Runde, gibt es keine andere Fabrik.

Für die Herstellung von Borsten bestanden unbequeme und kostspielige Vorschriften; die Fabrikanten hielten sie nicht gerne ein. Man mußte Staub und Bazillen absondernde Masken für die Arbeiter anschaffen, große und lichte Räume anlegen, die Abfälle zweimal täglich verbrennen lassen und anstelle der Arbeiter, die zu husten anfingen, andere aufnehmen. Denn alle, die sich mit der Reinigung der Borsten abgaben, begannen nach kurzer Zeit, Blut zu spucken. Die Fabrik war ein altes, baufälliges Gemäuer mit kleinen Fenstern, einem schadhaften Schieferdach, umzäunt von einer wildwuchernden Weidenhecke und umgeben von einem wüsten, breiten Platz, auf dem seit undenklichen Jahren Mist abgelagert wurde, tote Katzen und Ratten der Fäulnis ausgeliefert waren, Blechgeschirre rosteten, zerbrochene irdene Töpfe neben zerschlissenen Schuhen lagerten. Ringsum dehnten sich Felder, voll vom goldenen Segen des Korns, durchzirpt vom unaufhörlichen Gesang der Grillen, und dunkelgrüne Sümpfe, ständig widerhallend vom fröhlichen Lärm der Frösche. Vor den kleinen, grauen Fenstern, an denen die Arbeiter saßen, mit großen, eisernen Harken das dichte Gestrüpp der Borstenbündel unermüdlich kämmend und die trockenen Staubwölkchen schluckend, die jedes neue Bündel gebar, schossen die hurtigen Schwalben vorbei, tanzten die schillernden Sommerfliegen, schwebten weiße und bunte Falter einher, und durch die großen Luken des Daches drang das sieghafte Geschmetter der Lerchen. Die Arbeiter, die erst vor wenigen Monaten aus ihren freien Dörfern gekommen waren, geboren und groß geworden im süßen Atem des Heus, im kalten des Schnees, im beizenden Geruch des Düngers, im schmetternden Lärm der Vögel, im ganzen wechselreichen Segen der Natur: Die Arbeiter sahen durch die grauen Staubwölkchen Schwalbe, Schmetterling und Mückentanz und hatten Heimweh. Wenn die Lerchen trillerten, wurden sie unzufrieden. Früher hatten sie nicht gewußt, daß ein Gesetz befahl, für ihre Gesundheit zu sorgen; daß es ein Parlament in der Monarchie gab; daß in diesem Parlament Abgeordnete saßen, die selbst Arbeiter waren. Fremde Männer kamen, schrieben Plakate, veranstalteten Versammlungen, erklärten die Verfassung und die Fehler der Verfassung, lasen aus Zeitungen vor, redeten in allen Landessprachen. Sie waren lauter als die Lerchen und die Frösche: Die Arbeiter begannen zu streiken.

In dieser Gegend war es der erste Streik. Er erschreckte die politischen Behörden. Sie waren seit Jahrzehnten gewohnt, gemächliche Volkszählungen zu veranstalten, den Geburtstag des Kaisers zu feiern, an den jährlichen Rekrutenaushebungen teilzunehmen und gleichlautende Berichte an die Statthalterei zu schicken. Hier und da verhaftete man russophile Ukrainer, einen orthodoxen Popen, Juden, die man beim Schmuggel von Tabak ertappte, und Spione. Seit Jahrzehnten reinigte man in dieser Gegend Borsten, schickte sie nach Mähren, Böhmen, Schlesien in die Bürstenfabriken und bekam aus diesen Ländern fertige Bürsten. Seit Jahren husteten die Arbeiter, spuckten Blut, wurden krank und starben in den Spitälern. Aber sie streikten nicht. Nun mußte man aus der weiteren Umgebung die Gendarmerieposten zusammenziehen und einen Bericht an die Statthalterei schicken. Diese setzte sich mit dem Armeekommando in Verbindung. Und das Armeekommando verständigte den Garnisonkommandanten.

Die jüngeren Offiziere stellten sich vor, daß »das Volk«, das hieß die unterste Schicht der Zivilisten, Gleichberechtigung mit den Beamten, Adligen und Kommerzialräten verlangte. Sie war keinesfalls zu gewähren, wollte man eine Revolution vermeiden. Und man wollte keine Revolution; und man mußte schießen, ehe es zu spät wurde. Der Major Zoglauer hielt eine kurze Rede, aus der all das klar hervorging. Viel angenehmer ist allerdings ein Krieg. Man ist kein Gendarmerie- und Polizeioffizier. Aber es gibt vorläufig keinen Krieg. Befehl ist Befehl. Man wird unter Umständen mit gefälltem Bajonett vorgehen und »Feuer!« kommandieren. Befehl ist Befehl! Er hindert vorläufig keinen Menschen, in Brodnitzers Lokal zu gehen und viel Geld zu gewinnen. Eines Tages verlor der Hauptmann Wagner viel Geld. Ein fremder Herr, früher aktiver Ulan, mit klingendem Namen, Gutsbesitzer in Schlesien, gewann zwei Abende hintereinander, lieh dem Hauptmann Geld und wurde am dritten durch ein Telegramm nach Hause gerufen. Es waren im ganzen zweitausend Kronen, eine Kleinigkeit für einen Kavalleristen. Keine Kleinigkeit für einen Hauptmann der Jäger! Man hätte zu Chojnicki gehen können, wenn man ihm nicht schon dreihundert schuldig gewesen wäre.

Brodnitzer meinte: »Herr Hauptmann, gebieten Sie nach Belieben über meine Unterschrift!«

»Ja«, sagte der Hauptmann, »wer gibt so viel auf Ihre Unterschrift?«

Brodnitzer dachte eine Weile nach: »Herr Kapturak!«

Kapturak erschien und sagte: »Es handelt sich also um zweitausend Kronen. Rückzahlbar?«

»Keine Ahnung!«

»Viel Geld, Herr Hauptmann!«

»Ich geb's wieder!« erwiderte der Hauptmann.

»Wie, in welchen Raten? Sie wissen, daß man nur ein Drittel von der Gage pfänden darf. Ferner, daß alle Herren bereits engagiert sind. Ich sehe keine Möglichkeit!«

»Herr Brodnitzer – –«, begann der Hauptmann.

»Herr Brodnitzer« – begann Kapturak, als wäre Brodnitzer gar nicht anwesend – »ist mir auch viel Geld schuldig. Ich könnte die gewünschte Summe hergeben, wenn jemand von Ihren Kameraden, der noch nicht engagiert ist, einspringen wollte, zum Beispiel der Herr Leutnant Trotta. Er kommt von der Kavallerie, er hat ein Pferd!« »Gut«, sagte der Hauptmann. »Ich werde mit ihm sprechen.« Und er weckte den Leutnant Trotta.

Sie standen im langen, schmalen, dunklen Korridor des Hotels. »Unterschreib schnell!« flüsterte der Hauptmann. »Dort warten sie. Sie sehen, daß du nicht magst!« – Trotta unterschrieb.

»Komm sofort herunter!« sagte Wagner. »Ich erwarte dich!«

An der kleinen Tür im Hintergrund, durch welche die ständigen Mieter des Hotels das Kaffeehaus zu betreten pflegten, blieb Carl Joseph stehen. Er sah zum erstenmal den neueröffneten Spielsaal Brodnitzers.

Er sah zum erstenmal einen Spielsaal überhaupt. Rings um den Roulettetisch war ein dunkelgrüner Vorhang aus Rips gezogen. Hauptmann Wagner lüpfte den Vorhang und glitt hinüber in eine andere Welt. Carl Joseph hörte das weiche, samtene Surren der Kugel. Er wagte nicht, den Vorhang zu heben. Am andern Ende des Cafés, neben dem Straßeneingang, stand das Podium, und auf dem Podium wirbelte die unermüdliche »Nachtigall aus Mariahilf«. An den Tischen spielte man. Die Karten fielen mit klatschenden Schlägen auf den falschen Marmor. Die Menschen stießen unverständliche Rufe aus. Sie sahen aus wie Uniformierte, alle in weißen Hemdsärmeln, ein sitzendes Regiment von Spielern. Die Röcke hingen über den Lehnen der Stühle. Sachte und gespenstisch schaukelten bei jeder Bewegung der Spieler die leeren Ärmel. Über den Köpfen lagerte eine dichte Gewitterwolke aus Zigarettenrauch. Die winzigen Köpfchen der Zigaretten erglommen rötlich und silbern im grauen Dunst und schickten immer neue, bläuliche Nebelnahrung zur dichten Gewitterwolke empor. Und unter der sichtbaren Wolke von Rauch schien eine zweite aus Lärm zu lagern, eine brausende, brummende, summende Wolke. Schloß man die Augen, so konnte man glauben, eine ungeheure Schar von Heuschrecken sei mit schrecklichem Gesang über die sitzenden Menschen losgelassen worden.

Hauptmann Wagner kam völlig verwandelt durch den Vorhang ins Café zurück. Seine Augen lagen in violetten Höhlen. Über seinen Mund hing struppig der braune Schnurrbart, dessen eine Hälfte seltsamerweise verkürzt erschien, und am Kinn standen die rötlichen Bartstoppeln, ein üppiges, kleines Feld von winzigen Lanzen. »Wo bist du, Trotta?« rief der Hauptmann, obwohl er Brust an Brust vor dem Leutnant stand. »Zweihundert verloren!« rief er. »Dies verfluchte Rot! Es ist aus mit meinem Glück im Roulette. Man muß es anders versuchen!« Und er schleppte Trotta zu den Kartentischen.

Kapturak und Brodnitzer erhoben sich. »Gewonnen?« fragte Kapturak, denn er sah, daß der Hauptmann verloren hatte. »Verloren, verloren!« brüllte der Hauptmann.

»Schade, schade!« sagte Kapturak. »Sehen Sie zum Beispiel mich: Wie oft habe ich schon gewonnen und verloren! Sehen Sie, alles hatte ich schon verloren! Alles hab' ich wiedergewonnen! Nicht immer beim selben Spiel bleiben! Nur nicht immer beim selben Spiel bleiben! Das ist die Hauptsache!«

Hauptmann Wagner hakte den Rockkragen auf. Die gewöhnliche bräunliche Röte kehrte wieder in sein Gesicht. Sein Schnurrbart ordnete sich gleichsam von selbst. Er schlug Trotta auf den Rücken. »Du hast noch nie eine Karte angerührt!« Trotta sah Kapturak ein blankes Spiel neuer Karten aus der Tasche ziehen und es behutsam auf den Tisch legen, wie um dem bunten Angesicht der untersten Karte nicht weh zu tun. Er streichelte das Päckchen mit seinen hurtigen Fingern. Wie dunkelgrüne, glatte Spiegelchen glänzen die Rücken der Karten. In ihrer sanften Wölbung schwimmen die Lichter der Decke. Einzelne Karten erheben sich von selbst, stehen senkrecht auf ihrer scharfen Schmalseite, legen sich bald auf den Rücken und bald auf den Bauch, sammeln sich zum Häufchen, dieses entblättert sich mit einem sanften Geknatter, läßt die schwarzen und roten Gesichter wie ein kurzes, buntes Gewitter vorbeirauschen, schließt sich neuerlich, fällt auf den Tisch, verteilt in kleinere Häufchen. Diesen entgleiten einzelne Karten, rücken zärtlich ineinander, jede den halben Rücken der andern deckend, runden sich hierauf zu einem Kreis, erinnern an eine seltsame umgestülpte und flache Artischocke, fliegen in eine Reihe zurück und sammeln sich schließlich zum Päckchen. Alle Karten hören auf die lautlosen Rufe der Finger. Hauptmann Wagner verfolgt dieses Vorspiel mit hungrigen Augen. Ach, er liebte die Karten! Manchmal kamen jene, die er gerufen hatte, zu ihm, und manchmal flohen sie ihn. Er liebte es, wenn seine tollen Wünsche den Fliehenden nachgaloppierten und sie endlich, endlich zur Umkehr zwangen. Manchmal freilich waren die Flüchtigen schneller, und die Wünsche des Hauptmanns mußten ermattet umkehren. Im Laufe der Jahre hatte der Hauptmann einen schwer übersichtlichen, äußerst verworrenen Kriegsplan ersonnen, in dem keine Methode, das Glück zu zwingen, außer acht gelassen war: weder die Mittel der Beschwörung noch die der Gewalt, noch die der Überrumpelung, noch die des flehentlichen Gebets und der liebestollen Lockung. Einmal mußte sich der arme Hauptmann, sobald er ein Cœur erwünschte, verzweifelt stellen und der Unsichtbaren im geheimen versichern, daß er, käme sie nicht bald, heute noch Selbstmord begehen würde; ein anderes Mal hielt er es für aussichtsreicher, stolz zu bleiben und so zu tun, als sei ihm die Heißersehnte vollkommen gleichgültig. Ein drittes Mal mußte er, um zu gewinnen, mit eigener Hand die Karten mischen, und zwar mit der Linken, eine Geschicklichkeit, die er mit eisernem Willen nach langen Übungen endlich erworben hatte; und ein viertes Mal war es nützlicher, an der rechten Seite des Bankhalters Platz zu nehmen. In den meisten Fällen allerdings galt es, alle Methoden miteinander zu verbinden oder sie sehr schnell zu wechseln, und zwar so, daß die Mitspieler es nicht erkannten. Denn dieses war wichtig. »Tauschen wir den Platz!« konnte der Hauptmann zum Beispiel ganz harmlos sagen. Und wenn er im Angesicht seines Mitspielers ein erkennendes Lächeln zu sehen glaubte, lachte er und fügte hinzu: »Sie irren sich! Ich bin nicht abergläubisch! Das Licht stört mich hier!« Erfuhren nämlich die Mitspieler etwas von den strategischen Tricks des Hauptmanns, so verrieten ihre Hände den Karten seine Absichten. Die Karten bekamen sozusagen Wind von seiner List und hatten Zeit zu fliehen. Und also begann der Hauptmann, sobald er sich an den Spieltisch setzte, so eifrig zu arbeiten wie ein ganzer Generalstab. Und während sein Gehirn diese übermenschliche Leistung vollbrachte, zogen durch sein Herz Gluten und Fröste, Hoffnungen und Schmerzen, Jubel und Bitterkeit. Er kämpfte, er focht, er litt schauderhaft. Seit den Tagen, da man hier angefangen hatte, Roulette zu spielen, arbeitete er schon über schlauen Kriegsplänen gegen die Tücke der Kugel. (Aber er wußte wohl, daß sie schwieriger zu besiegen war als die Spielkarte.)

Er spielte fast immer Bakkarat, obwohl es nicht nur zu den verbotenen Spielen, sondern auch zu den verpönten gehörte. Was aber sollten ihm die Spiele, bei denen man rechnen mußte und überlegen – in einer vernünftigen Art rechnen und überlegen –, wenn seine Spekulationen schon an das Unerrechenbare und Unerklärliche rührten, es enthüllten und häufig sogar bezwangen? Nein! Er wollte unmittelbar mit den Rätseln des Geschicks kämpfen und sie auflösen! Und er setzte sich zum Bakkarat. Und er gewann in der Tat. Und er hatte drei Neuner und drei Achter hintereinander, während Trotta lauter Buben und Könige bekam, Kapturak nur zweimal Vierer und Fünfer. Und da vergaß sich der Hauptmann Wagner. Und obwohl es zu seinen Grundsätzen gehörte, das Glück nicht merken zu lassen, daß man seiner sicher sei, verdreifachte er plötzlich den Einsatz. Denn er hoffte, den Wechsel heute noch »hereinzukriegen«. Und hier begann das Unheil. Der Hauptmann verlor, und Trotta hatte gar nicht aufgehört zu verlieren. Schließlich gewann Kapturak fünfhundert Kronen. Der Hauptmann mußte einen neuen Schuldschein unterschreiben.

Wagner und Trotta standen auf. Sie fingen an, Cognac mit Neunziggrädigem zu mischen und diesen wieder mit Okočimer Bier. Der Hauptmann Wagner schämte sich seiner Niederlage, nicht anders als ein General, der besiegt aus einer Schlacht hervorgeht, zu der er einen Freund geladen hat, um den Sieg mit ihm zu teilen. Der Leutnant aber teilte die Scham des Hauptmanns. Und beide wußten, daß sie einander unmöglich ohne Alkohol in die Augen sehen konnten. Sie tranken langsam, in kleinen, regelmäßigen Schlucken.

»Auf dein Wohl!« sagte der Hauptmann. »Auf dein Wohl!« sagte Trotta. Sooft sie diese Wünsche wiederholten, schauten sie sich mutig an und bewiesen einander, daß ihnen ihr Unheil gleichgültig war. Plötzlich aber schien es dem Leutnant, daß der Hauptmann, sein bester Freund, der unglücklichste Mann auf dieser Erde sei, und er fing an, bitterlich zu weinen. »Warum weinst du?« fragte der Hauptmann, und auch seine Lippen bebten schon. »Über dich, über dich!« sagte Trotta, »mein armer Freund!« Und sie verloren sich teils in stummen, teils in wortreichen Wehklagen.

In Hauptmann Wagners Erinnerung tauchte ein alter Plan auf. Er bezog sich auf das Pferd Trottas, das er jeden Tag zu reiten pflegte, das er liebgewonnen hatte und zuerst selbst hatte kaufen wollen. Es war ihm gleich darauf eingefallen, daß er, wenn er soviel Geld hätte, wie das Pferd kosten mußte, ohne Zweifel ein Vermögen im Bakkarat gewinnen und mehrere Pferde besitzen könnte. Hierauf dachte er daran, dem Leutnant das Pferd abzunehmen, es nicht zu zahlen, sondern zu belehnen, mit dem Geld zu spielen und dann das Tier zurückzukaufen. War das unfair? Wem konnte es schaden? Wie lange dauerte es? Zwei Stunden Spiel, und man hatte alles! Man gewann am sichersten, wenn man sich ohne Angst, ohne auch nur ein bißchen zu rechnen, an den Spieltisch setzte. Oh, wenn man nur ein einziges Mal so spielen hätte können wie ein reicher, unabhängiger Mann! Einmal! Der Hauptmann verfluchte seine Gage. Sie war so schäbig, daß sie ihm nicht erlaubte, »menschenwürdig« zu spielen.

Jetzt, wie sie so gerührt nebeneinandersaßen, alle Welt ringsum vergessen hatten, aber überzeugt waren, sie wären von aller Welt ringsum vergessen worden, glaubte der Hauptmann endlich sagen zu können: »Verkauf mir dein Pferd!« »Ich schenk's dir«, sagte Trotta gerührt. Ein Geschenk darf man nicht verkaufen, auch nicht vorübergehend, dachte der Hauptmann und sagte: »Nein, verkaufen!« »Nimm's dir!« flehte Trotta. »Ich zahl's«, beharrte der Hauptmann.

Sie stritten so einige Minuten. Schließlich erhob sich der Hauptmann, taumelte ein wenig und schrie: »Ich befehle Ihnen, es mir zu verkaufen!« »Jawohl, Herr Hauptmann!« sagte Trotta mechanisch. »Ich hab' aber kein Geld!« lallte der Hauptmann, setzte sich und wurde wieder gütig. »Das macht nichts! Ich schenk dir's.« »Nein, justament nicht! Ich will's auch gar nicht mehr kaufen. Wenn ich nur Geld hätte!«

»Ich kann's einem andern verkaufen!« sagte Trotta. Er leuchtete vor Freude über diesen ungewöhnlichen Einfall.

»Famos!« rief der Hauptmann. »Aber wem?« »Chojnicki zum Beispiel!« »Famos!« wiederholte der Hauptmann. »Ich bin ihm fünfhundert Kronen schuldig!« »Ich übernehme sie!« sagte Trotta.

Weil er getrunken hatte, war sein Herz erfüllt von Mitleid für den Hauptmann. Dieser arme Kamerad mußte gerettet werden! Er befand sich in großer Gefahr. Er war ihm ganz vertraut und nahe, der liebe Hauptmann Wagner. Außerdem hält es der Leutnant in dieser Stunde für unumgänglich notwendig, ein gutes, tröstliches, vielleicht auch ein großes Wort zu sagen und eine hilfreiche Tat zu vollbringen. Edelmut, Freundschaft und das Bedürfnis, sehr stark und hilfreich zu erscheinen, rannen in seinem Herzen zusammen, gleich drei warmen Strömen. Trotta erhebt sich. Der Morgen ist angebrochen. Nur einige Lampen brennen noch, schon ermattet vor dem Hellgrau des Tages, der übermächtig durch die Jalousien eindringt. Außer Herrn Brodnitzer und seinem einzigen Kellner ist kein Mensch mehr im Lokal. Trostlos und verraten stehen Tische und Stühle und das Podium, auf dem die »Nachtigall aus Mariahilf« während der Nacht herumgehüpft ist. Alles Wüste ringsum weckt schreckliche Bilder von einem plötzlichen Aufbruch, der hier stattgefunden haben kann, als hätten die Gäste, von einer Gefahr überrascht, in hellen Scharen das Café auf einmal verlassen. Lange Zigarettenmundstücke aus Pappe wimmeln in Haufen auf dem Boden neben kurzen Stummeln von Zigarren. Es sind Überreste russischer Zigaretten und österreichischer Zigarren, und sie verraten, daß hier Gäste aus dem fremden Lande mit Einheimischen gespielt und getrunken haben.

»Zahlen!« ruft der Hauptmann. – Er umarmt den Leutnant. Er drückt ihn lange und herzlich an die Brust. »Also mit Gott!« sagt er, die Augen voller Tränen.

Auf der Straße war bereits der ganze Morgen vorhanden, der Morgen einer kleinen östlichen Stadt, voll vom Duft der Kastanienkerzen, des eben erblühten Flieders und der frischen, säuerlichen, schwarzen Brote, die von den Bäckern in großen Körben ausgetragen wurden. Die Vögel lärmten, es war ein unendliches Meer aus Gezwitscher, ein tönendes Meer in der Luft. Ein blaßblauer, durchsichtiger Himmel spannte sich glatt und nahe über den grauen, schiefen Schindeldächern der kleinen Häuser. Die winzigen Fuhrwerke der Bauern rollten weich und langsam und noch schläfrig über die staubige Straße und verstreuten nach allen Seiten Strohhalme, Häcksel und trockenes Heu vom vorigen Jahr. Am freien östlichen Horizont stieg sehr schnell die Sonne empor. Ihr entgegen ging Leutnant Trotta, ein wenig ernüchtert durch den sachten Wind, der dem Tag voranwehte, und erfüllt von der stolzen Absicht, den Kameraden zu retten. Es war nicht einfach, das Pferd zu verkaufen, ohne vorher den Bezirkshauptmann um Erlaubnis zu fragen. Man tat es für den Freund! Es war auch nicht so einfach – und was wäre für den Leutnant Trotta in diesem Leben einfach gewesen! –, Chojnicki das Pferd anzutragen. Aber je schwieriger das Unterfangen erschien, desto rüstiger und entschlossener marschierte ihm Trotta entgegen. Schon schlug es vom Turm. Trotta erreichte den Eingang zum »neuen Schloß« in dem Augenblick, in dem Chojnicki, gestiefelt und die Peitsche in der Hand, sein sommerliches Gefährt besteigen wollte. Er bemerkte die falsche rötliche Frische im hageren und unrasierten Gesicht des Leutnants, die Schminke der Trinker. Sie lag über der wirklichen Blässe des Angesichts wie der Widerschein einer roten Lampe über einem weißen Tisch. Er geht zugrunde! dachte Chojnicki.

»Ich wollte Ihnen einen Vorschlag machen!« sagte Trotta. »Wollen Sie mein Pferd?« – Die Frage erschreckte ihn selbst. Auf einmal wurde es ihm schwer zu sprechen.

»Sie reiten nicht gern, wie ich weiß, Sie sind ja auch von der Kavallerie weg, nun ja – es ist Ihnen also einfach unsympathisch, sich um das Tier zu sorgen, da Sie es doch nicht gern benützen, nun ja – aber es könnte Ihnen doch leid tun.«

»Nein!« sagte Trotta. Er wollte nichts verheimlichen. »Ich brauche Geld.«

Der Leutnant schämte sich. Es gehörte nicht zu den unehrenhaften, verpönten, zweifelhaften Handlungen, Geld bei Chojnicki zu leihen. Und dennoch war es Carl Joseph, als begänne er mit der ersten Anleihe eine neue Etappe seines Lebens und als bedürfte er dazu der väterlichen Erlaubnis. Der Leutnant schämte sich. Er sagte: »Um es klar zu sagen: Ich habe für einen Kameraden gebürgt. Eine große Summe. Außerdem hat er noch in dieser Nacht eine kleinere verloren. Ich will nicht, daß er diesem Cafetier schuldig bleibt. Es ist unmöglich, daß ich leihe. Ja«, wiederholte der Leutnant, »es ist einfach unmöglich. Der Betreffende ist Ihnen schon Geld schuldig.«

»Aber er geht Sie nichts an!« sagte Chojnicki. »In diesem Zusammenhang geht er Sie gar nichts an. Sie werden mir nächstens zurückzahlen. Es ist eine Kleinigkeit! Sehen Sie, ich bin reich, man nennt das reich. Ich habe keine Beziehung zum Geld. Wenn Sie mich um einen Schnaps bitten, es ist genau das gleiche. Sehen Sie doch, was für Umstände! Sehen Sie«, und Chojnicki streckte die Hand gegen den Horizont aus und beschrieb einen Halbkreis, »alle diese Wälder gehören mir. Es ist ganz unwichtig, nur, um Ihnen Gewissensbisse zu ersparen. Ich bin jedem dankbar, der mir etwas abnimmt. Nein, lächerlich, es spielt keine Rolle, es ist schade, daß wir so viele Worte verlieren. Ich mache Ihnen einen Vorschlag: Ich kaufe Ihr Pferd und lasse es Ihnen ein Jahr. Nach einem Jahr gehört es mir.«

Es ist deutlich, daß Chojnicki ungeduldig wird. Übrigens muß das Bataillon bald ausrücken. Die Sonne steigt rastlos höher. Der volle Tag ist da.

Trotta hastete der Kaserne zu. In einer halben Stunde war das Bataillon gestellt. Er hatte keine Zeit mehr, sich zu rasieren. Major Zoglauer kam gegen elf Uhr. (Er liebte keine unrasierten Zugskommandanten. Das einzige, worauf er im Laufe der Jahre, in denen er Grenzdienst tat, noch acht zu geben gelernt hatte, waren »Sauberkeit und Adjustierung im Dienst«.) Nun, es war zu spät! Man lief in die Kaserne. Man war wenigstens nüchtern geworden. Man traf Hauptmann Wagner vor versammelter Kompanie. »Ja, erledigt!« sagte man hastig, und man stellte sich vor seinen Zug. Und man kommandierte: »Doppelreihen, rechts um. Marsch!« Der Säbel blitzte. Die Trompeten bliesen. Das Bataillon rückte aus.

Hauptmann Wagner bezahlte heute die sogenannte »Erfrischung« in der Grenzschenke. Man hatte eine halbe Stunde Zeit, zwei, drei Neunziggrädige zu trinken. Hauptmann Wagner wußte ganz genau, daß er angefangen hatte, sein Glück in die Hand zu bekommen. Er lenkte es jetzt ganz allein! Heute nachmittag zweitausendfünfhundert Kronen! Man gab fünfzehnhundert sofort zurück und setzte sich, ganz ruhig, ganz sorglos, ganz wie ein reicher Mann zum Bakkarat! Man übernahm die Bank! Man mischte selbst! Und zwar mit der linken Hand! Vielleicht bezahlte man vorläufig nur tausend und setzte sich mit ganzen fünfzehnhundert, ganz ruhig, ganz sorglos, ganz wie ein reicher Mann zum Spiel, und zwar mit fünfhundert zum Roulette und mit tausend zum Bak! Das wäre noch besser! »Anschreiben für Hauptmann Wagner!« rief er zum Schanktisch. Und man erhob sich, die Rast war beendet, und die »Feldübungen« sollten beginnen.

Glücklicherweise verschwand Major Zoglauer heute schon nach einer halben Stunde. Hauptmann Wagner übergab das Kommando dem Oberleutnant Zander und ritt schleunigst zu Brodnitzer. Er erkundigte sich, ob er am Nachmittag, gegen vier Uhr, auf Mitspieler rechnen könnte. Jawohl, kein Zweifel! Alles ließ sich großartig an! Sogar die »Hausgeister«, jene unsichtbaren Wesen, die Hauptmann Wagner in jedem Raum, in dem gespielt wurde, fühlen konnte, mit denen er manchmal unhörbar sprach – und auch dann in einem Kauderwelsch, das er sich im Laufe der Jahre zurechtgelegt hatte –, sogar diese Hausgeister waren heute von eitel Wohlwollen für Wagner erfüllt. Um sie noch besser zu stimmen oder um sie nicht anderer Meinung werden zu lassen, beschloß Wagner, heute ausnahmsweise im Café Brodnitzer Mittag zu essen und sich bis zur Ankunft Trottas nicht vom Platz zu rühren. Er blieb. Gegen drei Uhr nachmittag kamen die ersten Spieler. Hauptmann Wagner begann zu zittern. Wenn dieser Trotta ihn im Stich ließ und zum Beispiel erst morgen das Geld brachte? Dann waren vielleicht schon alle Chancen vorbei. Einen so guten Tag wie heute erwischte man vielleicht niemals mehr! Die Götter waren gut gelaunt, und es war ein Donnerstag. Am Freitag aber! Am Freitag das Glück rufen, das hieß ebensoviel wie von einem Oberstabsarzt Kompanie-Exerzieren verlangen! Je mehr Zeit verging, desto grimmiger dachte Hauptmann Wagner von dem säumigen Leutnant Trotta. Er kam nicht, der junge Schuft! Und dazu hatte man sich so angestrengt, den Exerzierplatz zu früh verlassen, auf das gewohnte Mittagessen im Bahnhof verzichtet, mit den Hausgeistern mühsam verhandelt und gewissermaßen den günstigen Donnerstag aufgehalten! Und dann wurde man im Stich gelassen. Der Zeiger an der Wanduhr rückte unermüdlich vor, und Trotta kam nicht, kam nicht, kam nicht!

Doch! Er kommt! Die Tür geht auf, und Wagners Augen leuchten! Er gibt Trotta gar nicht die Hand! Seine Finger zittern. Alle Finger gleichen ungeduldigen Räubern. Im nächsten Augenblick pressen sie schon einen herrlichen, knisternden Umschlag. »Setz dich hin!« befahl der Hauptmann. »In einer halben Stunde spätestens siehst du mich wieder!« Und er verschwand hinter dem grünen Vorhang.

Die halbe Stunde verging, noch eine Stunde und noch eine. Es war schon Abend, die Lichter brannten. Der Hauptmann Wagner kam langsam näher. Er war höchstens noch an seiner Uniform zu erkennen, und auch diese hatte sich verändert. Ihre Knöpfe standen offen, aus dem Kragen ragte das schwarze Halsband aus Kautschuk, der Säbelgriff steckte unter dem Rock, die Taschen blähten sich, und Zigarrenasche lag verstreut auf der Bluse. Auf dem Kopf des Hauptmanns ringelten sich die Haare des braunen, zerstörten Scheitels, und unter dem zerzausten Schnurrbart standen die Lippen offen. Der Hauptmann röchelte: »Alles!« und setzte sich.

Sie hatten einander nichts mehr zu sagen. Ein paarmal machte Trotta den Versuch, eine Frage zu tun. Wagner bat mit ausgestreckter Hand und gleichsam ausgestreckten Augen um Stille. Dann erhob er sich. Er ordnete seine Uniform. Er sah ein, daß sein Leben keinen Zweck mehr hatte. Er ging jetzt hin, um endlich Schluß zu machen. »Leb wohl!« sagte er feierlich – und ging.

Draußen aber umfächelte ihn ein gütiger, schon sommerlicher Abend mit hunderttausend Sternen und hundert Wohlgerüchen. Es war schließlich leichter, nie mehr zu spielen, als nie mehr zu leben. Und er gab sich sein Ehrenwort, daß er nie mehr spielen würde. Lieber verrecken als eine Karte anrühren. Nie mehr! Nie mehr war eine lange Zeit, man kürzte sie ab. Man sagte sich: bis zum 31. August kein Spiel! Dann wird man ja sehen! Also, Ehrenwort, Hauptmann Wagner!

Und mit frisch gesäubertem Gewissen, stolz auf seine Festigkeit und froh über das Leben, das er sich soeben selbst gerettet hat, geht der Hauptmann Wagner zu Chojnicki. Chojnicki steht an der Tür. Er kennt den Hauptmann lange genug, um auf den ersten Blick zu sehen, daß Wagner viel verloren und wieder einmal den Entschluß gefaßt hat, kein Spiel mehr anzurühren. Und er ruft: »Wo haben Sie den Trotta gelassen?«

»Nicht gesehn!«

»Alles?«

Der Hauptmann senkt den Kopf, schaut auf seine Stiefelspitzen und sagt: »Ich habe mein Ehrenwort gegeben –«

»Ausgezeichnet!« sagt Chojnicki, »es ist Zeit!«

Er ist entschlossen, den Leutnant Trotta von der Freundschaft mit dem irrsinnigen Wagner zu befreien. Weg mit ihm! denkt Chojnicki. Man wird ihn vorläufig für ein paar Tage in Urlaub schicken, mit Wally! Und er fährt in die Stadt.

»Ja!« sagt Trotta ohne Zögern. Er hat Angst vor Wien und vor der Reise mit einer Frau. Aber er muß fahren. Er empfindet jene ganz bestimmte Bedrängnis, die ihn vor jeder Veränderung seines Lebens regelmäßig befallen hat. Er fühlt, daß ihn eine neue Gefahr bedroht, die größte der Gefahren, die es geben kann, nämlich eine, nach der er sich selbst gesehnt hat. Er wagt nicht zu fragen, wer die Frau sei. Viele Gesichter fremder Frauen, blaue, braune und schwarze Augen, blonde Haare, schwarze Haare, Hüften, Brüste und Beine, Frauen, die er vielleicht einmal gestreift hat, als Knabe, als Jüngling; alle schweben hurtig an ihm vorbei; alle auf einmal: ein wunderbarer, zarter Sturm von fremden Frauen. Er riecht den Duft der Unbekannten; er spürt die kühle und harte Zartheit ihrer Knie; schon liegt um seinen Hals das süße Joch nackter Arme und an seinem Nacken der Riegel ineinandergeschlungener Hände.

Es gibt eine Angst vor der Wollust, die selbst wollüstig ist, wie eine gewisse Angst vor dem Tode tödlich sein kann. Diese Angst erfüllt nun den Leutnant Trotta.

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