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Stephan Milow: Rache - Kapitel 2
Quellenangabe
typenovelette
authorStephan Milow
booktitleMeisterwerke neuerer Novellistik - Fünfter Band
titleRache
publisherMax Hesses Verlag
seriesMeisterwerke neuerer Novellistik
volumeFünfter Band
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081022
projectid13aa15d5
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Am nächsten Morgen stürzte Zoës Kammerjungfer ganz außer sich in das Zimmer ihrer Herrin. »Um Gottes willen – o arme, gute Gräfin, Sie sind ja selbst so krank! – Der gnädige Herr Graf – Joseph war eben da –«

Zoë richtete sich mühsam im Bette auf und starrte vor sich hin. »Was ist's?« fragte sie mit tonloser Stimme.

»Bring' ich's denn über die Lippen? Und doch – ich muß. Es ist ein Unglück geschehen. Der gnädige Herr Graf – er hat sich erschossen.«

Zoë sank wieder im Bette zusammen und vergrub ihr Haupt in die Kissen.

»Was hab' ich getan? Hätt' ich's Ihnen doch nicht sagen sollen?« jammerte die Kammerjungfer, da sie ihre Herrin so gänzlich zerschmettert sah.

Diese blickte sie einen Moment wie geistesabwesend an und winkte ihr dann nur mit der Hand, zu schweigen.

»Aber wie ist Ihnen? Sie sind ja schrecklich anzusehen. Was tu' ich?«

Jetzt deutete Zoë auf ihre Stirne und lispelte: »Kaltes Wasser!«

Die Kammerjungfer enteilte, kam bald mit dem Nötigen zurück und legte Zoë einen Umschlag auf. Dann rannte sie wieder fort, um den Arzt zu holen.

Inzwischen war schon das ganze Haus in Aufruhr geraten, und das Gericht, von dem Geschehenen in Kenntnis gesetzt, entsendete schleunigst eine Kommission, um den Tatbestand aufzunehmen. Neukirchen, dessen rechter Arm aus dem Bette hing, lag, das Gesicht gegen die Wand, mit etwas verdrehtem Körper, aber ganz unentstelltem, ruhigem Ausdruck in den Zügen da. Eine sehr kleine Schußwunde hinter der rechten Schläfe war zwischen den Haaren kaum zu entdecken. Der Tod mußte schon vor mehreren Stunden eingetreten sein. Irgend eine Aufzeichnung von der Hand Neukirchens fand sich nicht. Wenn trotzdem ein Selbstmord – etwa als Folge eines amerikanischen Duells – bei einem Manne von solcher Lebensstellung denkbar war, so erklärte ihn der Arzt schon nach der äußeren Untersuchung der Wunde für unwahrscheinlich. Und ein einmal abgeschossener Revolver, den man in der Nähe des Bettes auf dem Boden fand (er wurde als der eigene Neukirchens erkannt) lag nicht so, daß er etwa der Hand des Selbstmörders entglitten sein konnte, wenn ihn vielleicht auch ein anderer, mit der Absicht, diesen Schein zu erwecken, hingelegt haben mochte. Man gelangte zu dem Schlusse: Neukirchen war entweder im Schlafe oder unversehens hinterrücks ermordet worden. Da im Zimmer alles unberührt schien, handelte es sich wohl nicht um einen Raubmord. – Wer konnte der Täter sein?

Im Hause selbst schliefen außer dem Ehepaare nur Joseph und die Kammerjungfer Zoës.

Joseph, als Bedienter und unmittelbarer Wandnachbar des Toten vor allen anderen befragt, gab an, er habe gestern abends nach getanem Dienste früher als sonst seinen Herrn verlassen. Dann sei er noch bei dem hellen Mondschein hinunter in den Garten gegangen. Er könne nicht sagen, wie lang er dort geblieben; jedenfalls habe er aber noch vor Mitternacht, nachdem er das Haustor von innen zugesperrt, seine Stube aufgesucht und sich zu Bette gelegt. Weder bis dahin, noch später während der Nacht vernahm er einen Schuß oder sonst etwas Verdächtiges. Als er heute morgens, wie gewöhnlich, um sieben Uhr in das Zimmer seines Herrn trat, um die Jalousien zu öffnen, sei es ihm gleich aufgefallen, daß der eine Arm des Grafen steif aus dem Bette herausragte; aber er habe es zunächst nicht weiter beachtet. Erst später näherte er sich forschend. Da sah er auf dem Polster neben dem Kopfe Blutflecken und auf dem Boden den Revolver. Er erkannte nun auch seinen Herrn als tot, und habe, da ja in das wohlverschlossene Haus niemand eingedrungen sein konnte, einen Selbstmord annehmen müssen. Darauf sei er, ohne den Leichnam oder den Revolver anzurühren, schnell zur Gräfin hinübergerannt, um sie von seiner Entdeckung unterrichten zu lassen.

Auch Zoë, die bei ihrem Zustande kaum einer klaren Rede fähig war, und die Kammerjungfer, eine ältere, in jedem Betracht tadellose Person, gegen die nicht der geringste Verdachtsgrund vorlag, gaben an, nichts gehört zu haben.

Die Aussagen der übrigen Dienstleute, welche im Nebenhause wohnten, lauteten alle im gleichen Sinne: keiner hatte irgend etwas wahrgenommen. Nicht einmal der sehr wachsame Haushund, der oft stark belle, habe sich in dieser Nacht gerührt.

So hatte man, wie genau man noch alle kleinsten Umstände untersuchte, vorderhand keine Spur des Täters. Aber da meldeten sich, als der Mord im Städtchen bekannt wurde, beim Gerichte zwei Herren, der Notar und der Apotheker, mit höchst wichtigen Enthüllungen. Sie seien am Abend vorher zusammen spazieren gegangen und hätten, an der Villa Neukirchens vorüberkommend, in dem gegen die Straße zu gelegenen Schlafzimmer des Grafen laut erregte Stimmen gehört, so daß sie unwillkürlich anhielten. Und nun berichteten sie alles, was sie erlauscht, namentlich die höchst bedeutsamen Ausrufe, die Joseph seinem Herrn ins Gesicht geschleudert hatte.

Daraufhin wurde der Bediente unverzüglich verhaftet. Bei seiner neuerlichen Vernehmung erzählte er zuerst, übereinstimmend mit den beiden Herren, genau, was er nach der Rückkehr von seinem Ausgange mit seinem Weibe und dem Grafen erlebt, und schloß daran das schon früher Ausgesagte. Was ihn dann nachts hinausgetrieben, war eben seine große Erregung über das erfahrene Unglück. Voll Grimm gegen seinen Herrn und sein Weib, warf er sich auf die nahe Bank vor dem Tore und wußte nicht, was nun beginnen. Nach langem, qualvollem Kampfe kehrte er endlich in sein Zimmer zurück. – Als man ihn fragte, warum er denn nicht gleich alles angab, erwiderte er, er wollte, da nun sein Feind tot war, die Gräfin, die er so sehr liebe, durch das Verschweigen des Geschehenen schonen, und das gehörte ja auch gar nicht zur Sache. Auf den Vorhalt aber, daß nach seiner eigenen Darstellung niemand anderer im Hause gewesen sein könne, gab er dies zu, gleichwohl erklärte er sich für nichtschuldig. Indessen erschien er sonst nach seiner ganzen Weise keineswegs glaubwürdig. Schon früher war es allen aufgefallen, daß er über den Tod seines Herrn nicht den geringsten Schmerz äußerte, sondern nur stumm mit finsterer Miene umherging, und so stand er auch jetzt vor dem Untersuchungsrichter, gerade, als brütete er noch fortwährend über die Bluttat. Einmal bestätigte er sogar selbst den schweren Verdacht, der gegen ihn vorlag, indem er ausrief: »Ja, wie mir's zumut war, hätt' ich's schon tun können!« Zudem war Joseph schon einmal wegen verübter Gewalttätigkeit in einer Liebesangelegenheit vom Gerichte bestraft worden. Er hatte damals seinen Nebenbuhler mit dem Messer verwundet.

Die Kunde von dem entsetzlichen Ereignis verbreitete sich natürlich auch rasch in der Umgebung. Zoë, außerstande, irgend jemand zu empfangen, erhielt von allen Seiten brieflich die wärmsten Teilnahmsbezeugungen. Die Unglückliche war ja durch das Geschehene mehrfach getroffen. Sie hatte den Gatten verloren, und die Art, wie dies geschah, offenbarte zugleich der so rührend Liebenden, Verblendeten, daß er sie im Leben schändlich betrogen. Was mußte sie empfinden! Dabei war sie jetzt geradezu verarmt; denn ihr Mann hatte von seiner Lebensrente nichts für sie erspart, und selbst das Landhaus, das sie mit ihm bewohnte, ging durch seinen Tod auf eine Schwester Neukirchens über.

Inzwischen hatte das Gericht seines Amtes gewaltet. Die Obduktion, welche an dem Toten vorgenommen wurde, ergab durch die Richtung des Schußkanals die zweifellose Gewißheit, daß ein Selbstmord ausgeschlossen sei. Joseph wurde vor die Geschworenen gestellt. Bei der Hauptverhandlung machte er auf alle wieder einen höchst ungünstigen Eindruck. Er war jetzt völlig gebrochen. Man konnte das für heimliche Reue nehmen, und es fehlte nur, daß er ausgerufen hätte: »Ja, ich bin der Mörder!« Da ermahnte ihn der Präsident, er möge seine Tat eingestehen, das werde sein Los mildern; denn man müsse ja seinen Gemütszustand, in welchen er durch das ihm zugefügte Leid versetzt wurde, berücksichtigen. Darauf brach er auch keineswegs in Beteuerungen seiner Unschuld aus; ein Geständnis legte er jedoch nicht ab. Sein Verteidiger bot nun all seine Beredsamkeit auf, um für ihn einen Freispruch zu erringen; aber, von seinem Klienten so schlecht unterstützt, blieb seine Mühe vergebens. Das Verdikt der Geschworenen lautete mit großer Stimmenmehrheit auf Schuldig. Danach mußte der Gerichtshof über Joseph die Todesstrafe verhängen. Der Unglückliche vernahm dieses Urteil ganz gleichgültig; er wollte gar nicht die Berufung dagegen anmelden. Das tat für ihn aus eigenem Antriebe sein Verteidiger, und das Ende war, daß Joseph durch die Gnade des Kaisers eine zehnjährige Kerkerstrafe erhielt. So wurde er zuletzt in eine Strafanstalt abgeführt. Sobald Zoë einigermaßen reisefähig war, hatte man sie zu ihrer Mutter gebracht, die in einer größeren Stadt lebte. Die hochbetagte Frau, seit Jahren krank und halb gelähmt, empfand das Geschehene vollends als einen zerschmetternden Schlag. Wie dringend sie oft eingeladen wurde, sie wollte, seitdem ihre Tochter verheiratet war, nie ihr Haus betreten. Später einmal! antwortete sie immer. Bei ihrer Hinfälligkeit konnte sie schwer reisen; zudem meinte sie, sie sei nicht der rechte Gast für ein junges glückliches Paar. Und nun hatte das erschütternde Ereignis Mutter und Tochter vereint. Was war das für ein Wiedersehen! Schluchzend lagen sich die beiden Frauen in den Armen.

»Wie hat das nur geschehen können?« sagte endlich die Mutter. »Du warst doch in der glücklichsten Ehe mit Viktor, und diese Enthüllungen!«

Zoë antwortete nicht. Nur ein schwerer Seufzer entrang sich ihrer Brust. Ja, sie hatte ihre Mutter, um ihr jeden Kummer zu ersparen, stets in dem Wahn gelassen, daß ihre Ehe kein Wölkchen trübte.

»Mit welchem Preise bezahl' ich es, dich wieder zu haben,« fuhr jene fort. »Da ich dich in der Ferne zufrieden wußte, trug ich die Trennung leicht; wird mir nun unser Beisammensein das Schreckliche, das dich zu mir zurückgeführt, mildern können?«

»Wir müssen eben trachten, mit unseren Gedanken davon loszukommen,« entgegnete Zoë.

Die beiden richteten sich nun in der bescheidenen Wohnung der Mutter ein und schlössen sich von der Welt ab, fast allen Verkehr meidend.

Als dann Zoë die Nachricht erhielt, daß Joseph, dem sie über sein Verhalten während seiner Dienstzeit das beste Zeugnis gegeben hatte, als schuldig verurteilt wurde, bemächtigte sich ihrer die größte Unruhe. Statt sich allgemach zu erholen, wurde sie immer trübsinniger. Bleich und abgehärmt schlich sie umher.

Da sagte die Mutter, die sie mit wachsender Besorgnis beobachtet hatte, einmal zu ihr: »Mein Kind, wo soll das hinaus? Kommst du so mit deinen Gedanken von dem Geschehenen los? Vermag dich nichts zu trösten?«

»Nichts!« hauchte Zoë. »Etwas vielleicht doch,« fügte sie nach einer Pause bei. Dann stockte sie wieder zögernd, bis sie plötzlich fragte: »Mutter, könntest du dich von mir trennen?«

»Von dir trennen?« Und die Gefragte sah sie groß an. »Wenn dir ein neues Glück winkt, gewiß; aber daran denkst du wohl nicht. Was bewegt dich? Um des Himmels willen, sprich! Du willst doch nicht den Schleier nehmen?«

Zoë schüttelte den Kopf, sagte aber zugleich: »Ja, so etwas wär' es!«

»Redest du irre? Wer soll das verstehen?« scholl es ihr angstvoll entgegen.

Ein Tränenstrom brach aus Zoës Augen.

Da beschwor sie die Mutter: »Wie du mich erschreckst! Laß doch endlich diese namenlose Trauer, wenn du deine Mutter nur ein bißchen lieb hast. Bist du nicht mein alles auf der Welt? Du bringst noch uns beide ins Grab.«

Zoë umschlang die Mutter inbrünstig. »Verzeihe mir! Ja, ja, ich muß stark mit meinem Schicksal ringen, schon um deinetwillen!«

Sie rang auch unablässig, und keine Klage mehr kam über ihre Lippe; aber aus dem Gesichte konnte sie sich den Gram doch nicht tilgen. Es war ihrer Mutter offenbar, daß sie die immer gleich Leidende blieb. Das wirkte nun wieder mächtig auf die alte Frau zurück. Auch sie versank, ohne je aufs neue ihr Kind aufrichten zu wollen, in eine stille Trostlosigkeit, die ihr schwaches Lebensflämmchen immer mehr aufzehrte.

So ging die Zeit hin, bis eines Tages Zoës Mutter für ewig die Augen schloß. Es war drei Jahre nach der Ermordung Neukirchens.

Nun verbarg sich die allein zurückgebliebene Zoë völlig. Niemand erhielt bei ihr Einlaß, und kurz darauf brachten die Zeitungen unter dem Titel »Lebensmüde« die Notiz, die verwitwete Gräfin Neukirchen habe sich in ihrer Wohnung vergiftet. Gleichzeitig traf bei dem Gerichtshofe, welcher Joseph abgeurteilt hatte, ein Schreiben folgenden Inhalts ein:

Hoher Gerichtshof!

Ehe ich mich selbst richte und aus der Welt scheide, muß ich ein Bekenntnis ablegen: ich bin die Mörderin meines Gatten, des Grafen Viktor Neukirchen. Wie das geschah, ich will es erzählen, wenn auch noch so kurz – mir zittert ja die Hand, und ich habe Eile – doch hoffentlich überzeugend genug, daß man mir glauben wird.

Schon lange vor jenem entsetzlichen Tage – ich war kaum ein Jahr mit Neukirchen vermählt – ahnte ich, daß er mich betrog. Als ich ihn endlich bei einer Tat betrat, die fast jeden Zweifel ausschloß, war ich tödlich getroffen. Ich stellte, ihn, in jedem Nerv bebend, zur Rede; da er mir aber seine Unschuld beteuerte, bezwang ich mich und versöhnte mich rasch mit ihm. Ich konnte ja doch geirrt haben, und mein Gefühl sagte mir: entweder gleich fort von ihm, oder es mußte zwischen uns Harmonie und Frieden herrschen. Mein Mann stellte mein Vertrauen auch nicht mehr auf die Probe. Er hatte in seinem ganzen Wesen etwas so Heiteres, Liebes, Herzliches, daß mir immer freier und leichter wurde. Bald schien alles wieder gut. Der Welt aber war ich immer nur die glückliche Frau gewesen, die sich über ihren treulosen Gatten nicht die geringsten schweren Gedanken machte.

Da kam jener Tag. Ich lag mit marternden Kopfschmerzen zu Bette; als aber der von seinem Weibe hintergangene Joseph die heftige Szene mit meinem Manne hatte und laute Rufe zu mir schollen, sprang ich erschrocken auf, um hinüber zu eilen. Im Näherkommen vernahm ich die Worte, die mir alles sagten. Ganz erstarrt, hielt ich an. Dann drang ich nicht weiter, sondern kehrte rasch um und warf mich, von meinen stürmenden Gedanken durchwühlt, wieder auf mein Bett. – Jetzt trat mein Mann bei mir ein, um mit der anscheinend unbefangensten Miene zu fragen, wie ich mich fühle. Ich beherrschte mich und antwortete ruhig. Mit keinem Worte verriet ich ihm, daß ich alles wußte. Mir war, als hätte ich mich damit befleckt. Da plauderte er noch kurz in seiner gewöhnlichen Weise und sagte mir gute Nacht, wobei er mich gar küßte. Auch das ertrug ich, ohne mich zu rühren. Aber mit welchem Abscheu gegen ihn erfüllte mich's im Lichte der Schändlichkeit, die er soeben begangen!

Es ward spät. Ans Schlafen konnte ich nicht denken. In meiner qualvollen Unruhe verließ ich jetzt mein Lager und blickte zum Fenster hinaus. Der volle Mond beleuchtete die Landschaft. Und kein Laut im Kreise. Die weite Welt schlafversunken. Aber unten auf der Bank beim Lindenbaum saß oder lag vielmehr Joseph, sich bald auf die eine, bald auf die andere Seite drehend. Dann rannte er wieder mit raschen Schritten umher. Er rang sichtlich in Verzweiflung. Also noch ein Mensch, der mein Schicksal teilte, noch einer, über den Neukirchen gewissenlos dahinschritt! Und ich selbst war zur Vermittlerin seiner Lüste geworden, da ich das Weib ins Haus nahm, auf das er längst sein Auge geworfen hatte. Ach, ich tat es, von meiner Liebe zu ihm beflügelt, in dem Drange, auch andere glücklich zu machen! – Wie mir all das in den Sinn kam, war es mit meiner Selbstbeherrschung vorbei. Die Entrüstung meines Inneren riß mich fort. Ich machte Licht und ging, den Leuchter in der Hand, hinüber zu meinem Manne, um mit ihm abzurechnen. Leise öffnete ich die Tür seines Zimmers und lauschte hinein. Er schlief. Nachdem ich das Licht auf den Tisch gestellt, blieb ich eine Weile forschend stehen. Neukirchen lag mir angewandt und regte sich nicht; nur seine langen, tiefen Atemzüge vernahm ich. War es zu denken, daß er nach dem Geschehenen so schlafen konnte? Dieser Schlaf brachte mich erst vollends aus der Fassung. Ein wütender Haß erfüllte mich, der nach Rache schrie. Da erblickte ich auf dem Nachtkästchen den Revolver, den ich geladen wußte. Schnell näherte ich mich dem Bette, ergriff die Waffe, spannte den Hahn und hielt die Mündung gegen die Schläfe meines Mannes. Ein leiser Knall. Beim Abdrücken hatte ich etwas gezuckt; aber ich traf doch gut: nach ein paar Bewegungen war er tot. Ich ließ den Revolver fallen, nahm das Licht und eilte in mein Zimmer zurück.

Mehr brauchte ich eigentlich nicht zu sagen. Nur noch einige Worte. Man wird fragen, wie ich es vermochte, einen andern so lange für mich büßen zu lassen? Ja, das ist meine größere Schuld.

Als ich wieder allein war, graute mir vor dem, was ich getan. Wie ich kraftlos auf mein Lager sank, brach ich auch innerlich zusammen, und bald raubte mir eine verzehrende Fieberhitze fast völlig das Bewußtsein. In diesem Zustande fand mich am Morgen meine Zofe. Von dem, was darauf geschah, was man mich gefragt und ich geantwortet, habe ich keine klare Erinnerung. Natürlich nahm man alles an mir nur als den Schmerz der so plötzlich zur Witwe Gewordenen. Und sobald man meiner nicht mehr bedurfte, trachtete ich aus dem Unglückshause fort zu meiner Mutter.

Inzwischen war Joseph verhaftet worden. Also ihn traf der Verdacht. Freilich. Ich erschrak. Das erst brachte mich zur Besinnung. Du mußt dich doch angeben! rief es in mir. Aber meine Mutter! Das hieß ja auch sie, deren Leben ohnedies nur noch an einem Fädchen hing, morden. So schwieg ich und reiste ab. Furcht vor der Strafe bewegte mich nicht. Was lag mir denn jetzt noch am Leben! – Die Verurteilung Josephs, die darauf erfolgte, erregte in mir einen neuen Sturm. Ich wollte unverzüglich aufbrechen und alles enthüllen; aber jetzt war es nicht mehr bloß der Gedanke an meine Mutter, es war ihr Anblick, was mich in meinem Entschlusse erschütterte. Als ich es versuchte, sie auf das, was ihr drohte, vorzubereiten, traf ich sie damit gleich so mächtig, daß ich nicht weiter konnte. Gewiß, es wäre ihr Tod gewesen. Meine gute arme Mutter, die mich stets so geliebt, so viel für mich getan. Nein, ich brachte das Geständnis nicht über die Lippe, wollte mir auch in meiner Gewissensqual das Herz zerspringen. So schob ich es immer wieder auf und war in der verzweifelten Lage, fast das Ende meiner Mutter herbeiwünschen zu müssen, damit ich frei handeln könne. Was hatte ich da zu tragen! Indem ich durch Jahre schwieg, habe ich vielleicht doch das Schwerere auf mich genommen. Der Verurteilte hat Unrecht erlitten: ich habe Unrecht geübt. Erst jetzt, da mich nichts mehr bindet, kann ich dem verletzten Rechte genug tun. Man entlasse den Unschuldigen ohne Säumen aus der Haft. Er verzeihe mir, und was ich besitze – es ist nicht viel – vererbe ich ihm.

Zoë Neukirchen. Auf diesen Brief wurde die Wiederaufnahme des Prozesses mit Joseph angeordnet und nach der erneuten Voruntersuchung das Strafverfahren gegen ihn eingestellt. Damit war ihm die Freiheit wiedergegeben.

Er kehrte, recht gealtert und abgehärmt, in seinen Heimatsort zurück. Die wenigen Jahre, die er im Gefängnisse zugebracht, hatten ihn ganz verwandelt. Der, einst so Lebensfrohe, Bewegliche, wußte mit seiner Freiheit nichts anzufangen; er war gegen alles abgestumpft, und, die Seele voll Bitterkeit, verzweifelte er an der Welt. – Von seinem Weibe, das inzwischen einem völlig sittenlosen Leben verfallen war, wollte er nichts mehr wissen. Zuletzt verdang er sich auf einem Bauernhofe für gemeine Arbeit. Hier gab er nie einen Anlaß zur Klage; aber wie ihn selbst nichts mehr freute, war er auch zu niemands Freude da.

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