Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Theodor Fontane: Quitt - Kapitel 33
Quellenangabe
typefiction
titleQuitt
authorTheodor Fontane
isbn3-7466-5275-8
publisherAufbau Taschenbuch Verlag
addressBerlin und Weimar
year1993
firstpub1891
senderreuters@abc.de
created20040709
Schließen

Navigation:

Dreiunddreissigstes Kapitel

Lehnert, als er nach diesen Worten in sein Zimmer zurückkehrte, war wie vom Blitz getroffen, doppelt, weil er sich, wenn auch mit Widerstreben, gestand, aus dem Munde L'Hermites nur das gehört zu haben, was ihm eine innere Stimme selber schon zugerufen hatte. Was unheimlich seinen Freund umschlich, umschlich auch ihn, immer wieder war es da. Warum war er so miterschüttert gewesen, als er mit dem Kreuz auf der Brust in jener Sommernacht bei L'Hermite ins Fenster gesehen, und warum lag da wer am Weg, als er, am Tage danach, von Fort O'-Brien aus zum ersten Mal ins Gebirge hinaufritt? Sinnestäuschung? Nein. Gewissen. Es half nicht Reue, nicht Beichte; was geschehen war, war geschehen, und im selben Augenblicke, wo nur noch ein Schritt, ein einziger, ihn von seinem Glücke zu trennen schien, sah er, daß dieser Schritt ein Abgrund war.

Er konnte keine Ruhe finden und zermarterte sein Gehirn mit dem, was kommen müsse. So verging ihm die Nacht, und erst gegen Morgen schlief er ein.

Nicht lang. Aber so kurz der Schlaf gewesen war, doch war es, als wären ihm Kraft und Mut zu gutem Teile zurückgekehrt, und als er das Fenster aufstieß und Frühlingsluft und Morgensonne hereindrangen, lösten sich die Vorstellungen, die sich während der Nacht, als wären es Gespenster, seiner Seele bemächtigt hatten, wie die Nebel auf, die drüben am Gebirge hinzogen. Eine Schuld lag auf ihm; aber hieß es nicht in dem Gebet, das Christus selbst uns gelehrt, »und vergib uns unsere Schuld«? Und wenn Christus so gelehrt und geboten hatte, so mußte doch auch eine Möglichkeit der Erhörung sein und bei rechter Demut und Zerknirschung auch wohl eine Gewißheit. So sann er weiter, und als er sich's zurechtgelegt und bei der Morgenandacht das Auge des Alten so fest und freundlich wie nur je zuvor auf sich ruhen gefühlt hatte, war alles, womit L'Hermite ihn – und was schwerer war, er sich selber – geängstigt hatte, besiegt und verschwunden.

L'Hermite, der wohl sah, was in der Seele seines Freundes vorging, vermied es, auf seine düstere Prophezeiung zurückzukommen, ja schlug umgekehrt einen halb heiteren Ton an, der darauf aus war, die Wirkung seiner Worte wieder abzuschwächen. Ob die Welt eine Welt der Wunder sei, das müsse schließlich dahingestellt bleiben, aber daß die Welt eine Welt der Überraschungen sei, das sei nur zu gewiß. Mit aller Berechnung sei nicht viel getan. Es gäbe Regeln, freilich, aber der Ausnahmen seien so viele, daß es sich, ganz wie beim Unterricht im Englischen (und er spreche da aus eigener trauriger Erfahrung), eigentlich nicht recht verlohne, die Regeln zu lernen. Und was nun speziell die guten Schicksalsgöttinnen anginge, so hätten sie Launen wie alle Weiber, und die alten erst recht.

Und dabei bot er Lehnert eine Zigarette.

Der wußte wohl, daß das alles nur so hingesprochen war, um ihn zu beruhigen, aber sosehr er dies durchschaute, so trug es trotzdem nicht wenig dazu bei, seine Hoffnungen neu zu beleben.

Auch Obadjas wachsend freundliche Gesinnung gab ihm viel von seiner alten Freudigkeit und Frische zurück, was aber dies Gefühl der Frische vielleicht am meisten belebte, das war, daß sich Tobys in letzter Zeit eine wahre Jagdpassion bemächtigt hatte, zu deren Befriedigung, wie sich denken läßt, niemand geeigneter erschien als Lehnert, der die Tugenden eines guten Schützen mit denen eines erfahrenen Bergsteigers in sich vereinigte. Dies letztere war die Hauptsache. Denn von einem bequemen Absuchen, wie früher, an den niedriggelegenen Sümpfen und Teichen hin, war schon lange keine Rede mehr, vielmehr ging es, bei jeder sich bietenden Gelegenheit, hoch ins Gebirge hinein, und Weihen und Bussarde wegschießen oder auch wohl einen Bartgeier beschleichen, das war jetzt das Jagdvergnügen, nach dem Toby dürstete.

Der Alte mißbilligte das alles und würde dagegen eingeschritten sein, wenn er nicht Tobys Charakter gekannt hätte, der alles mit Feuereifer angriff, aber nur, um es, nach kurzer Zeit schon, wieder fallenzulassen. Hierin fand er seine Beruhigung und ließ es gehen und war zufrieden, wenn Lehnert, was freilich bei den sich mehrenden Feldarbeiten immer seltener geschah, den wenigstens zunächst noch in seiner Jagdpassion beharrenden Toby auf seinen Ausflügen begleitete.

So war Ende Mai gekommen, und Toby verlangte danach, einen Steinadler zu schießen, der (er wußte genau die Stelle, wo) hoch im Gebirge nistete. Dann aber wollt er zu dem Neste hinaufklettern und die zwei Jungen ausnehmen und großziehen, um sie den Zoological Gardens in Galveston zum Geschenk zu machen. Bei seiner letzten Anwesenheit daselbst war er nämlich eitel und unvorsichtig genug gewesen, dem Vorstande des Gartens ein solches Versprechen zu machen, und hielt nun die Durchführung für Ehrensache, worin er sich sogar von seiten Ruths bestärkt sah.

Und nun war es zwei Tage vor Sonntag Exaudi, den letzten Tag im Monat, daß sich Toby zu diesem Fange rüstete. Lehnert, der aufs Feld mußte, konnte nicht mit, weshalb – wie schon bei früheren Gelegenheiten – ein junger Arapahoindianer für ihn eintrat, ein Schwestersohn von Gunpowder-Face, der, erst bei Krähbiel und dann in der Missionsschule zu Halstead erzogen, seit seiner Rückkehr von dort ein besonderer Liebling von seiten Ruths und Tobys war. Er hieß Shortarm, weil er, infolge eines Armbruchs, einen etwas zu kurzen Arm hatte.

Beide, Toby und Shortarm, waren sehr früh, schon bald nach Mitternacht, aufgebrochen und hofften; mit Sonnenaufgang oben und spätestens um Mittag in Nogat-Ehre zurück zu sein. Aber die vierte Stunde war schon heran, ohne daß sich Toby gemeldet hätte. L'Hermite, von Ruth und Maruschka, die sich zu ängstigen begannen, ins Vertrauen gezogen, ging in Lehnerts Zimmer hinüber, um von dort aus nach dem Gebirge hin Ausschau zu halten, aber, so klar der Tag war, auf der ganzen zwischengelegenen Strecke war zunächst für ihn niemand sichtbar, bis er nach einer Weile Lehnerts gewahr wurde, der auf dem vom Vorwerk nach Nogat-Ehre führenden Feldwege langsam herangeritten kam und zufällig nach dem Fenster seiner Wohnung hinaufsah. Die Sonne, die stark blendete, ließ den ruhig Herantrottenden anfänglich bei seinem Aufblick nicht viel erkennen, als er aber eine Weile danach den mit seinem Käppi winkenden L'Hermite deutlich bemerkte, wurd er stutzig und setzte sich, während er seinem Pferde die Sporen gab, in einen rascheren Trab. Und nun war er heran und erfuhr von dem in der Flurhalle seiner bereits harrenden Freunde, daß man Tobys halber in Sorge sei. Sie sprachen noch, als auch Obadja hinzutrat und seiner Unruhe, der er bis dahin nicht hatte nachgeben wollen, einen allerlebhaftesten Ausdruck gab. Die Wanduhr schlug halb. Halb fünf. Auch Ruth und Maruschka waren die Treppe herabgekommen, und die gute Alte weinte heftig. Das käme davon, wenn man einer Kreatur die Brut wegnehmen wolle oder es doch litte. Dann würden einem selber die Jungen genommen. Und sie seien alle schuld, alle, sie selber, weil sie den Toby nicht besser erzogen, und am meisten Obadja, der der Herr sei und der Vater und der Priester. Und er werde wohl Hals und Beine gebrochen haben, der arme Toby, und sie sähe schon, wie man ihn hereinbringe. Gott sei Dank, daß seine Mutter nicht mehr lebe, für die wäre das der Tod gewesen. Und dann umarmte sie Ruth und setzte sich auf die unterste Treppenstufe, wo sie viele Paternoster vor sich hin sprach und die Perlen ihres Rosenkranzes unaufhörlich durch die Finger gleiten ließ. Sonst schwieg alles, und doch war es eine Szene voll immer wachsender Aufregung. Lehnert fuhr, überlegend, mit der Hand über die Stirn, L'Hermite pfiff, und Obadja richtete sein Auge nach oben. Zwischen ihnen hin und her aber lief Uncas und winselte, und wenn er vor Lehnert stand, setzte er sich und sah ihn an und schien zu fragen. »Wo ist Toby?« Das kluge Tier wußte: der allein kann helfen; ihr anderen seid nichts.

In diesem Augenblicke tat Ruth einen Schrei; Shortarm war die Rampe heraufgekommen, atemlos, und auf Obadja zustürzend, warf er sich vor dem Alten aufs Knie und sagte: »Master Toby ...«

»Is dead?«

»No, not dead; but he lost his way. We missed us. I couldn't find him.«

Und nun erzählte er mit zitternder Stimme, daß Toby, dicht neben einem Vorsprung, auf einige dort auf dem Grat zusammengewürfelte Steintrümmer hinaufgestiegen, aber nach einer halben Stunde und länger noch immer nicht zurückgekommen sei. Auch kein Hilferuf. Nichts. Da sei er selber hinaufgeklettert. Aber kein Toby da. Tot könn er nicht sein. Denn es sei nicht hoch gewesen und keine Gefahr. Aber er sei weg. Er müsse sich in den Felsen oder weiter unten im Walde verirrt haben.

Obadja rang nach Fassung. Seine Tage waren gezählt. Wenn das der Ausgang war, daß ihm Gott den Jungen nahm, den Erben, für den er gelebt hatte ...

Und sonst so ruhig und überlegen, war er jetzt wie ratlos und schritt auf und ab. »Ich will beten«, sprach er vor sich hin. »Aber Gebete ... Gott will nicht bloß Gebete ... Wir sollen auch tun, mittun. So will es Gott. Dann hilft er ... Lehnert... Dear ... Alles, alles.«

Und dabei nahm er Lehnerts Hand.

Und über Lehnerts Züge flog es wie ein Glanz von Glück, und er fühlte deutlich, der Tag, der über ihn entscheiden müsse, sei nun gekommen. Er ging auf Shortarm zu, riß ihm Gewehr und Jagdtasche von der Schulter und sagte: »Komm, Uncas!«

Und vor Freude heulend, sprang das scheue Tier in die Höh und folgte dem voranschreitenden Lehnert.

L'Hermite sah dem Freunde nach. »Ça ira ... Wird es? Non.«

 << Kapitel 32  Kapitel 34 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.