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Theodor Fontane: Quitt - Kapitel 25
Quellenangabe
typefiction
titleQuitt
authorTheodor Fontane
isbn3-7466-5275-8
publisherAufbau Taschenbuch Verlag
addressBerlin und Weimar
year1993
firstpub1891
senderreuters@abc.de
created20040709
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Fünfundzwanzigstes Kapitel

Das Jahresfest konnte nicht eindringlicher abschließen, und als am andern Tage, nach voraufgegangener Beichte Lehnerts, Lehnert selbst (woran bis dahin weder er noch andere gedacht hatten) in die Gemeinde der Taufgesinnten aufgenommen worden war, war man einig, daß, bei der Beschreibung des Festes in den Blättern der mennonitischen Genossenschaft, auch speziell dieses Bekehrungsherganges, als einer wunderbaren Erweckung, gedacht werden müsse. Ganz besonders waren es die Brüder Krähbiel und Nickel, die sich in diesem Sinne vernehmen ließen und bei der Gelegenheit in Obadja drangen, sie mit der Vorgeschichte Lehnerts bekannt zu machen. Obadja aber lehnte dies Ansinnen nicht nur ab, sondern behandelte das Vorkommnis überhaupt als ein Etwas, das wohl erfreuen und zufriedenstellen, aber nicht groß in Verwunderung setzen könne. Er ging darin so weit, daß seine zur Schau getragene Ruhe den trotz tiefster Erschütterung immer noch in menschlicher Eitelkeit verbliebenen Lehnert beinah verletzte, während Krähbiel und Nickel, was wohl auch in Obadjas eigentlichster Absicht gelegen haben mochte, nicht müde wurden, aus dieser Ruhe des Alten aufs neue den Beweis seiner Überlegenheit und seines besonderen Berufenseins für sein Amt herzuleiten. Und mehr oder weniger war dies die Meinung aller. Selbst L'Hermite gab seiner Genugtuung auf seine Weise Ausdruck und sagte zu Krähbiel: »Oui, oui, c'est beaucoup plus que le prophète du Testament, c'est le prophète de Meyerbeer.«

In der Tat, jeder fühlte sich erhoben, und nur einer war da, der sowohl der Tatsache der Erweckung wie dem Erwecker gegenüber in seiner landeseigentümlichen Nüchternheit verharrte. Dieser eine war natürlich Mister Kaulbars. »Sieh, Rose«, so etwa waren seine Worte, »da siehst du, was ein Schlesier is. Die sind so ... ja, wie sag ich bloß, die sind so duselig, so gleich weg und fallen um wie Bleisoldaten, schon bloß wenn einer antippt. So was kann unserein' gar nich passieren. Und nun gar erst der Alte!«

»Nu höre, Martin, gegen den Alten wirst du doch woll nichts sagen wollen! Der Alte is ja doch soweit ganz gut.«

»Freilich is er. Warum soll er auch nich? Und ich muß auch sagen, er macht es fein und forsch genug und sieht aus, na wie sag ich gleich, na doch wenigstens wie Abraham oder wie Noah oder so einer von die Allerältesten. Aber du meine Güte: ›Stehe auf und lebe‹, was er da zuletzt doch wahr und wahrhaftig gesagt hat, als Lehnert wie für dod dalag, sieh, Rose, das is ja doch schon die reine Dodenerweckung oder Jüngling zu Nain. Und soviel is doch nich los mit ihm. Er ist ja doch am Ende kein Christus nich und auch kein Heiland, und wenn ich auch nichts gegen ihn sagen will, denn darin hast du ganz recht, er ist immer noch von die Besten einer – aber höre, soviel bleibt doch, wo Bartel Most holt, das weiß er ganz gut und weiß auch ganz gut, daß die Spargelköppe besser schmecken als die Stangen, und in Denver hat er was in der Bank liegen, und in Galveston hat er was liegen, und in Amsterdam hat er auch was liegen. Er hat überall was liegen. Und dann: ›Steh auf und lebe‹, und auch gleich niederknien lassen und ihm die Hand hinhalten, bis er seinen Handkuß weg hat ... Ne, Rose, das is mir zuviel. Unser alter Rüthnick in Schwante, na, da kniete man woll auch mal nieder und kam auch so was vor, aber Rüthnick war arm, und dieser is reich. Und Armut, das is die Hauptsache. Glaube mir, auf die Armut kommt es an!«

Rose lachte und sagte: »Du sagst sonst immer, Martin, aufs Geld käme es an.«

»Is auch ganz richtig, aufs Geld kommt es jauch an. Aber wenn einer immer dasteht wie ›vom Himmel hoch, da komm ich her‹, da muß er an das Kamel und das Nadelöhr denken und nicht rechnen können wie 'n Bankdirektor.«

»Freilich, rechnen kann er«, sagte Rose.

»Na siehst du, nu sagst du's auch schon.«

Ja, auf Kaulbars und Frau – die, bald nach der Abreise der Gäste, nach ihrem Vorwerke wieder hinausgezogen – war die Wirkung der Erweckung nicht allzu groß gewesen, desto größer aber auf Tobias und Ruth. Sie hatten von Anfang an eine Liebe zu Lehnert gehabt, die sich jetzt, nachdem er ein Mitglied der Gemeinde geworden, unbefangener zeigen durfte, was dann selbstverständlich auch das Vertrauen auf Lehnerts Seite steigern mußte, so weit, daß es allmählich zur Vertraulichkeit wurde. L'Hermite, ganz unkleinlich und jedenfalls frei von jeder Eifersuchtsregung, hatte seine Freude daran, und so begann denn bei beiden ein Wetteifer, nicht nur in ihrer Liebe zu den Geschwistern, sondern auch – wozu die großen Eisenbahnlinien nach dem Süden und Osten die Mittel und Wege schafften – in der Erfüllung aller Wünsche, die Ruth und Toby hegten. Ja, die beiden sonderbaren Schwärmer, von denen der eine den Erzbischof von Paris und der andere den Förster Opitz auf dem Gewissen hatte, kannten nichts Schöneres, als für Miss Ruth zu denken und zu arbeiten, und fühlten sich belohnt, wenn sie lachte, nickte, dankte.

Der Lehnert- L'Hermiteschen Reunion-Abende wurden, in natürlicher Folge davon, immer weniger, und an ihre Stelle traten Familienabende, zu deren Abhaltung man sich auf Ruths oder Maruschkas Zimmer versammelte. L'Hermite, sosehr er sich dieser Abende freute, kam freilich nur selten und immer nur auf Aufforderung, desto häufiger aber stieg der Alte die Treppe hinauf, und mit herzlicher Genugtuung erzählten alsbald die Kinder, daß der Vater, seit der Mutter Tode, kaum jemals in ihrer Mitte so fröhlich und guter Dinge gewesen sei wie gerade jetzt.

Daß er dies sein konnte, war vor allem Ruths, aber doch auch Lehnerts Verdienst. Denn wenn Ruth erfinderisch und in ihren Vorschlägen immer auf einen glücklichen Wechsel bedacht war, so war es doch schließlich allemal Lehnert, der das wechselvolle Programm durchzuführen hatte. Vielleicht, daß er damit gescheitert wäre, wenn er nicht voll musikalischen Sinnes und zugleich – wie schon der alte Kommandant von Fort MacCulloch in seinem Briefe geschrieben hatte – von einer nicht unbeträchtlichen Fertigkeit im Geigen- und Zitherspiel (und eine Zither hatte sich natürlich gefunden) gewesen wäre. Ruth ihrerseits war eine kleine Gesangsvirtuosin, als die wir sie schon im Tabernakel kennenlernten, und wenn ihre melodische Stimme, während Toby auf dem Harmonium und Lehnert auf der Geige begleitete, durch das Zimmer klang, so verklärten sich des alten Obadja Züge, und glückliche Stunden, die nun weit, weit zurücklagen, Stunden aus der Kindheit Tagen her, traten wieder lebhaft vor seine Seele. Das zurückhaltend Feierliche, das er sonst hatte, fiel in solchen Stunden von ihm ab, und im Augenblicke, wo die Kinder diesen Wechsel eintreten sahen, wechselten sie, je nach dem Maß der aufkeimenden guten Laune, rasch auch die Lieder selbst, und wenn eben noch ein Choral auf dem Notenpult gestanden hatte, so wurde jetzt ein weltliches, wenn auch zunächst noch ein elegisches Lied aus dem Choral. Eines unter diesen elegischen Liedern, welches das »Lied vom Herzen« hieß und eine sehr gefällige, ganz für die Zither berechnete Melodie hatte, war eine Zeitlang aller Lieblingsstück, so sehr, daß selbst Monsieur L'Hermite mit einstimmte.

's Herz ist ein spaßig Ding,
An sich nur klein und g'ring;
Oft ist's ganz mäuschenstill,
Dann hämmert's wie 'ne Mühl,
Oft tut mir's wohl und oftmals wehe! –
Drum denk' ich in meinem Sinn,
's sitzt was Lebend'ges drin,
Zeigt Freud und Schmerzen
Ganz tief im Herzen! –

Auch Maruschka sang mit Vorliebe diese Strophe mit, trotzdem sie vom Text wenig oder nichts verstand, aber das Zittrige der Melodie tat ihr unendlich wohl und bestimmte sie, während sie weinte, Mal auf Mal auf das »Durchsingen« aller Strophen zu bestehen. Es waren ihrer sechs oder sieben, unter denen die junge Welt die zweite bevorzugte. Diese lautete:

Wenn man was Böses tut,
Da hämmert's gar nicht gut,
Dann redt man gern sich ein:
›'s wird wohl so schlimm nicht sein‹,
Man möcht die Wahrheit sich nicht sagen! –
Doch – was hilft aller Schein,
Der droben schaut darein,
Er wird's am Schlagen
Dir deutlich sagen! –

In Lehnerts Auge flimmerte dann was, auch wohl bei den andern, und nur Obadja, der, infolge seines Vertrautseins mit dem Kirchenliede, dem bloß Weichlichen durchaus abhold war, außerdem auch die dünne knipsige Begleitung auf der Zither nicht recht leiden konnte, blieb ziemlich nüchtern bei diesen Sentimentalitäten, die die Kinder, in totaler Verkennung seines Geschmacks, recht eigentlich für ihn ausgesucht hatten, und kam immer erst in die richtige, von seiner Umgebung gewünschte Stimmung, wenn man aus dem Gefühlvollen offen und ehrlich in die direkten Heiterkeiten überging.

Auf Schlesiens Bergen, da wächst ein Wein,
Den trifft nicht Regen, nicht Sonnenschein ...

Ja, das tat ihm wohl, und wenn Obadja dann, am Schluß des Liedes, den sich in seiner Trinkwette für überwunden erklärenden Teufel laut jammern hörte:

Noch mehr zu trinken solch sauren Wein,
Muß man ein geborner Schlesier sein ...,

da kam ein Lachen über ihn, so herzlich, als ob er nie der Hohepriester von Nogat-Ehre gewesen wäre.

Daß dem so sein konnte, das hing übrigens noch mit einem andern Zuge seiner Natur zusammen: Obadja, trotz beinah vierzigjährigen Aufenthalts in Amerika, hatte sich einen altheimatlichen Sinn, ganz besonders aber einen Sinn für provinziale Sitten und Vorkommnisse bewahrt, und gleich nach Kaiser Wilhelm und Bismarck gab es eigentlich nichts Unterhaltlicheres für ihn als Weichsel-Überschwemmungen oder Sand- und Schneeverwehungen auf der Nehrung oder Bernsteinausgrabungen – lauter ost- und westpreußische Themata, daran sich selbstverständlich auch schlesische Besonderheiten anschließen durften, und je mehr Sagen und Märchen aus dem Riesengebirge von Lehnert erzählt und je mehr Wichtelmännchen und Zwerge dem Monsieur L'Hermite für seine Schürfversuche zur Verfügung gestellt wurden, je lächelnder und glücklicher sah Obadja drein. Am meisten, und das galt für alt und jung, interessierte natürlich Rübezahl, von dem jeder immer mehr hören wollte, bis Lehnert versprach, ihnen allen einen Rübezahl in Holz zu schnitzen. Das könne jeder Schlesier, und er wolle sich für Porträtähnlichkeit verbürgen, trotzdem er Rübezahl seit über sechs Jahren nicht mehr gesehen habe.

Und gesagt, getan. Eine große Fichtenflechte, die für Haar und Bart zu sorgen hatte, wurde von den benachbarten Ozark-Mountains herbeigeschafft, und schon am nächsten Familienabende machte der alte Berggeist, dem L'Hermite ein Paar rote Glasaugen eingesetzt hatte, seine Aufwartung und ging reihum und wurde bestaunt und bewundert. Nur Maruschka erklärte, ihn nicht anfassen zu wollen; der heilige Niklas sei es nicht, also sei es ein Götze. Und mit dieser ihrer naiven Erklärung behielt sie mehr recht, als sie selber erwartet haben mochte. Denn kaum drei Tage nachdem man das Holzbild in die Halle gestellt hatte, ließen sich mehrere Mennoniten von Nogat-Ehre bei Obadja melden und stellten den Antrag, den Götzen, der bereits Anstoß in der Gemeinde gegeben habe, wieder beseitigen zu wollen, ein Antrag, dem natürlich Folge gegeben und mit dessen Ausführung ein Autodafé drüben im Parkgarten, Monsieur L'Hermite betraut wurde. Ja, der Rübezahl ging in Flammen auf, aber diese Nachgiebigkeit machte die mal zu Wort gekommenen Unzufriedenen nicht schweigen, seitens derer die Gelegenheit benutzt und über den Einzelfall hinausgreifend ganz allgemein bemerkt wurde: Das käme davon, wenn man sein Haus zur Freistätte für all und jeden mache – eine Bemerkung, die sich übrigens, sonderbar zu sagen, nicht so sehr gegen Lehnert und Monsieur L'Hermite wie gegen Maruschka richtete, der es nichts half, das unzweifelhaft harmloseste Mitglied der katholischen Kirche zu sein. Obadja nahm daraus Veranlassung, am nächsten Sonntag im Betsaale eine Ansprache zu halten und auf den Unterschied zwischen einem Götzen und einem bloßen Spielzeug hinzuweisen. Auch gegen ein solches, ein Spielzeug, rigoros vorzugehen, verenge den Sinn und verkümmere das Leben. Und was die Dinge angehe, die nebenher noch zu seinen Ohren gekommen seien, so sei sein Haus ein Haus des Friedens und der darin herrschende Geist, nach seinem allerbestimmtesten Wunsch und Willen, ein Geist des Ausgleichs und der Versöhnung, ein Quell, der jeden labe, der da durstig sei. Nach dieser Ansprache beruhigte man sich wieder in der Gemeinde. Die schlesischen Geschichten aber mit ihrem verdeckten Heidentume, soviel hatte dieser Protest doch gewirkt, wurden auf längere Zeit vom Programm abgesetzt, und für Ruth lag wieder die Notwendigkeit vor, nach anderem Unterhaltungsstoff auszusehen.

Und bald war eine Hilfe gefunden, und zwar zumeist dadurch, daß man übereinkam, die Musikabende mit Leseabenden abwechseln zu lassen. Aber was sollte man lesen? Erbauliches gab es jeden Tag bei der Morgenandacht; es war also höchst wünschenswert, eine Lektüre zu finden, am besten eine Romanlektüre, deren weltlicher und vielleicht selbst liebesgeschichtlicher Inhalt immer noch, auch wenn Obadja der Vorlesung beiwohnte, für zulässig angesehen werden konnte. L'Hermite, mit dem ihm eigenen grotesken Ernst, proponierte »Madame Bovary«, dann »Nana«, Vorschläge, die von Ruth und Toby, da das Renommee dieser Romane selbst bis Nogat-Ehre gedrungen war, unter Heiterkeit niedergestimmt wurden – eine Heiterkeit, dran auch Maruschka, wie an jeder Heiterkeit, teilnahm, ohne zu wissen, um was sich's handelte. Flaubert und Zola fielen also, alles Französische überhaupt, denn nur Englisches und Deutsches sollte Geltung haben, und nachdem man auch noch einen zweiten Abend unter Namensnennung aller möglicher alter und neuer Autoren und ihrer Werke verbracht hatte, kam man auf Ruths und Tobys Vorschlag endlich überein, mit Bret Hartes kleinen Erzählungen und Pestalozzis »Gertrud und Lienhardt« abwechseln zu wollen. Gertrud und Lienhardt wären ihnen zwar schon bekannt, aber damals seien sie Kinder gewesen, und sie wollten jetzt sehen, ob es noch Stich halte, vor allem aber, ob zwischen Lehnert und Lienhardt eine Ähnlichkeit sei und wer von beiden ihnen besser gefalle. Mit Bret Harte fing man an, und »The Lurik of Roaring Camp« ebenso wie die »Outcasts of Pokers Fiat« kamen gleich in der ersten Woche zum Vortrage. Sonderbarerweise kannte niemand die Sachen, auch Lehnert nicht, trotzdem er jahrelang in den Diggings und San Francisco gelebt hatte. Dafür aber kam diesem, als es ans Kritisieren ging, sein Vertrautsein mit den kalifornischen Menschen und Zuständen zustatten, derart, daß er einfach als Autorität angesehen und selbst von Obadja, der all diesen Schilderungen mit größtem Interesse gefolgt war, um seine Meinung gefragt wurde. Lehnert, zum ersten Mal in seinem Leben vor solche Frage gestellt, geriet in eine gewisse Verlegenheit und wollte sich dem Sprechenmüssen entziehen. Als er aber kein Entrinnen sah, nahm er sich ein Herz und sagte, daß ihn alles tief ergriffen habe, besonders die »Outcasts of Pokers Fiat«, denn solche Figuren gab es in beträchtlicher Zahl in den Diggings. Alles in allem aber fand er doch, daß der Erzähler um etliche Grade zu nachsichtig und zu gelinde vorgegangen sei. Lag es so, wie Bret Harte die Dinge geschildert, so wären alle diese sonderbaren Leute nichts als gescheiterte Prachtmenschen, bei denen, je nach der Abstammung, der Gentleman oder der Hidalgo oder der Chevalier in jedem Augenblick wieder zum Vorschein kommen müsse. Was er indessen persönlich kennengelernt habe, das seien, wenn auch mit gelegentlichen Ausnahmen, nur Rowdies gewesen, Rowdies, die mit dem Bowiemesser besser als mit dem Degen Bescheid gewußt hätten. Mit einem Wort, er fände, daß die kalifornische Natur vorzüglich getroffen, aber die kalifornische Menschheit doch allzusehr verherrlicht sei. So vornehm seien die Leute nicht.

Diese Worte Lehnerts fanden Zustimmung bei Obadja, noch mehr bei L'Hermite, der nur hinzusetzte, man müsse diese Schönfärberei möglichst milde beurteilen, weil sie sich durch alles zöge, was geschrieben würde. Der große Zola, dessen neuestem Roman er erst neulich wieder in der »Galveston-Gazette« begegnet sei, mache freilich Versuche, dem Übelstande beizukommen, aber immer noch schwächlich und mit durchaus unausreichendem Mut. Erst die Herrschaft der »Idee« werde die Lüge beseitigen, zunächst aus dem Leben und hinterher auch aus der Literatur.

Die nächste Woche begann mit »Gertrud und Lienhardt«.

»Wir wollen gründlich vorgehen«, nahm Obadja gleich am ersten Abende das Wort. »Das heißt, wir wollen auch die Vorrede lesen. Das sind schlechte Leser, die von Vorreden nichts wissen wollen.«

»Ich kenne nur langweilige«, sagte L'Hermite.

»Das kommt vor, aber nicht immer. Unter allen Umständen wollen wir's versuchen. Lies, Ruth!«

Und nun nahm Ruth das Buch und schob die Lampe nach links.

»Es waren aber Männer unter den Heiden«, so begann sie, »Männer voll Weisheit, die weit und breit auf der Erde ihresgleichen nicht hatten. Und diese sprachen: ›Lasset uns zu den Königen und ihren Gewaltigen gehen und sie lehren, ihre Völker glücklich zu machen.‹ Und sie gingen auch. Und die Könige und Gewaltigen, als sie die Lehre der Weisen gehört, lobten die weisen Männer und gaben ihnen Gold und Seide, taten aber gegen ihre Völker wie vorher. Und die weisen Männer wurden von dem Gold und der Seide blind, und nur einer war, der vergaß nicht seines Worts und seiner Pflicht und gab dem Bettler seine Hand und grüßte den Zöllner samt dem Knecht und führte den Sünder und den Verbannten in seine Hütte.

Das sah das Volk und pries ihn um seines Ausharrens in der Liebe willen.«

Ruth, als sie bis zu dieser Stelle gelesen, wollte rasch fortfahren, Obadja nahm aber jetzt seinerseits das Wort und bemerkte, daß er sich keine bessere Vorrede denken könne, denn sie gäbe das Leitmotiv für das Ganze, welches Wort er wähle, weil es jetzt »drüben« derartig Mode sei. daß man's in jedem Zeitungsblatt finde ...

»Oui, oui«, sagte L'Hermite. »C'est le grand mot du grand Richard ...«

»Es ist«, fuhr Obadja fort, ohne der Unterbrechung weiter zu achten, »es ist der richtige Taktaufschlag und läßt dem Leser kaum Zweifel über den Geist, aus dem heraus das Ganze geschrieben ist. Und dieser Geist ist der republikanische Geist. Und daß derselbe hier lebendig ist, hier in dieser herrlichen alten Schweizergeschichte, das ist ein Vorzug, dessen sich nur wenig deutsche Bücher rühmen dürfen. Über allen deutschen und namentlich über allen preußischen Büchern, auch wenn sie sich von aller Politik fernhalten, weht ein königlich preußischer Geist, eine königlich preußische privilegierte Luft; etwas Mittelalterliches spukt auch in den besten und freiesten noch, und von der Gleichheit der Menschen oder auch nur von der Erziehung des Menschen zum Freiheitsideal statt zum Untertan und Soldaten ist wenig die Rede. Darin ist die schweizerische Literatur, weil sie die Republik hat, der deutschen überlegen, und alle Deutsche, die, wie wir, das Glück haben, Amerikaner zu sein, haben Grund, sich dieses republikanischen Zuges zu freuen.«

Alles nickte. Nur L'Hermite, der nichts Lächerlicheres als jene »Halbheitszustände« kannte, die sich Republik nennen, wiegte den Kopf mit überlegener Miene hin und her und war froh, als auf Weiterlesen gedrungen wurde. Ruth, weil sie lieber selbst las als zuhörte, sprach den Wunsch aus, fortfahren zu dürfen, und Obadja: stimmte zu.

Noch denselben Abend kam man ein gut Stück in die Geschichte hinein, die bald wieder alt und jung ins Interesse zog. Voran in lebhafter Teilnahme stand aber Lehnert, vielleicht, weil er aus vielem, was da erzählt wurde, seine eigene Lebensgeschichte heraushörte. Lienhardt, das war er selbst, und der böse Vogt, der den armen Lienhardt gequält und zum Schlechten verführt, das war Opitz. Er wollte immer mehr hören und war beinahe mißgestimmt, als man auf Obadjas Geheiß plötzlich abbrach und die Vorlesung bis auf den andern Abend vertagte. Wenigstens das nächste Kapitel, das sich »Niedriger Eigennutz« betitelte, hätt er gern noch kennengelernt, und so nahm er denn, als man sich bald danach zurückzog, das von Ruth auf einen Ecktisch gelegte Buch zur Befriedigung seiner Neugier mit in sein Zimmer hinüber und las bis Mitternacht. Dann schritt er noch eine Zeitlang auf und ab, um seiner Aufregung Herr zu werden, und öffnete dabei das Fenster und lehnte hinaus und sah nach dem in klaren Umrissen daliegenden Gebirge hinüber. Darüber flimmerten die Sterne. Ihm war es, als erblick er die Leiter, von der L'Hermite damals in jener Mond- und Spuknacht gesprochen hatte, nur mit dem Unterschiede, daß er, statt ihn ängstigender Schatten, Engel und Lichtgestalten auf- und niedersteigen sah. Und nun schloß er das Fenster wieder und sah Ruth, wie sie drüben in halber Beleuchtung gesessen und in den Lesepausen abwechselnd dem Vater und der alten Mamschka die Hand gestreichelt hatte.

»Ja, wer so geboren wird, wen das Leben so wiegt und trägt ... Armer Mensch ich, arm und elend und verloren, wenn Gott nicht ein Wunder tut ... Aber wie's auch komme, doch gut, daß ich das alles noch erlebt ... Und wenn er ein Wunder täte! Hab ich es verwirkt? Ist ein Wunder unmöglich? Nie, sonst war es kein Wunder.«

Und er lebte sich in diese Vorstellung ein und legte sich's zurecht und sah wieder heiter in die Zukunft. Unklare, verschwimmende Bilder von Besitz und Glück und Ruhe stiegen vor ihm auf.

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