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Theodor Fontane: Quitt - Kapitel 24
Quellenangabe
typefiction
titleQuitt
authorTheodor Fontane
isbn3-7466-5275-8
publisherAufbau Taschenbuch Verlag
addressBerlin und Weimar
year1993
firstpub1891
senderreuters@abc.de
created20040709
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Vierundzwanzigstes Kapitel

Anfang September war die Ernte herein und zum größten Teil auf dem ziemlich in der Mitte der Obadjaschen Gesamtfarm gelegenen und mit einer guten Wasserverbindung ausgestatteten »Vorwerk« untergebracht worden, auf dem Mister und Mistress Kaulbars schon seit Wochen die Vorwerkswirtschaft leiteten und ein kleines daselbst befindliches Wohnhaus bezogen hatten. Um dies Wohnhaus herum lagen, im Viereck, vier große Scheunen, aus denen das ausgedroschene Getreide teils zur nächsten Eisenbahnstation gefahren, teils in Flachkähne verladen wurde, prahmartige Fahrzeuge, die, von einem Dampfer geschleppt, den Red River hinuntergingen. Kaulbars war unermüdlich tätig, umsichtig und von strengem Regiment und erwarb sich, weil er hier selbständig und nach eigenem Ermessen handeln durfte, nicht nur Obadjas Anerkennung, sondern auch Lehnerts bereitwilligste Zustimmung. »Er ist schrecklich, aber das muß wahr sein, seine Sache versteht er.«

So sah es auf dem Vorwerk aus. Alle Hände rührten sich, während für Nogat-Ehre selbst minder arbeitsame Tage kommen zu wollen schienen, und für Lehnert, wenn auch die Arbeit nicht geradezu ruhte, kamen sie wirklich, nur freilich nicht für Obadja, für den einfach die Aufgaben zu wechseln begannen. Für ihn waren jetzt die Tage da, wo sich seine Tätigkeit, statt dem landwirtschaftlichen, dem Leben in der Gemeinde zuzuwenden hatte. Beratungen fanden statt, an denen zunächst die Mennoniten von Nogat-Ehre, bald aber auch die Brüder aus Kansas und sogar Abgesandte von Dakota her teilnahmen. Es war ein beständiges Kommen und Gehen, und Ruth, die neben der nur noch den Namen dazu hergebenden Maruschka den Hausstand in Abwesenheit der Mistress Kaulbars leitete, war so beschäftigt, daß sie bei den Mahlzeiten und oft auch bei den Andachten gar nicht erscheinen und die Gesangsübungen, die sonst ihre Freude waren, nicht fortsetzen konnte. Freilich ward es ihr nicht allzu schwer, dies Opfer zu bringen, hatte sie doch vom Vater her mit der Gabe des Regierens auch die Lust dazu geerbt und führte das Regiment, wie L'Hermite mit Vorliebe zu versichern pflegte, »zur Ehre von Nogat-Ehre«.

Ja, viel Kommen und Gehen war in Nogat-Ehre, das war gewiß, da der Hausbrauch es aber mit sich brachte, daß mehr geschwiegen als gesprochen wurde, so kam es zu keinen Aufklärungen, und Lehnert blieb in Zweifel darüber, zu welchem Zwecke das alles sei. Schließlich war er gewillt zu fragen, und zwar am selben Tage noch, als er aber um die sechste Stunde vom Felde, drauf er das Grabenziehen an einer sumpfigen Stelle beaufsichtigt hatte, hereinkam, fand er alles ausgeflogen und erfuhr von einem Cherokeemädchen, das eben neben ihm die Treppe passierte: Master (dies war Obadja) und Miss Ruth und Mister Toby seien mit dem Zehn-Uhr-Zuge gefahren und zwei Stunden später Monsieur L'Hermite; Master sei nach Halstead. Wohin Monsieur L'Hermite sei, das wisse sie nicht. Aber auch hierüber sollte Lehnert nicht lange mehr im Dunkel bleiben, denn kaum daß er in sein Zimmer getreten war, so wurd er eines Zettels gewahr, den L'Hermite mit Hilfe zweier Wachskügelchen auf die Tischplatte geklebt hatte. Drauf stand in einer Art Telegrammstil: »Mit dem Zwölf-Uhr-Zuge nach Galveston. Ich sehne mich nach Menschen. In drei Tagen wieder zurück. Bis dahin und weiter Ihr L'Hermite.«

Ja, das gab Aufklärung über das »Wohin«, aber über nichts weiter, und wenn schon dies Umgebensein von Geheimnissen ein gewisses unbehagliches Gefühl in ihm weckte, so wuchs dasselbe, wenn er sich sagte, daß er nun auf drei lange Tage hin in dem großen, halb kirchenhaften Hause mutterwindallein sei, Totto, Maruschka und ein Dutzend halbwachsener Cherokeemädchen abgerechnet, die doch kaum als Gesellschaft gelten konnten. Verstimmt ging er in seinem Zimmer auf und ab, ließ sich bei Maruschka, seiner alten Tischgenossin, entschuldigen und begnügte sich mit ein paar Biscuits, einem Cognac und einem Glase Wasser.

Aber diese Rolle der Absperrung und Askese war doch nicht durchzuführen, und so beschloß er denn tags darauf ein Gespräch zu versuchen und sich zunächst dem guten alten Totto zu nähern.

Totto war über siebzig und genoß schon seit etlichen Jahren eine Art Gnadenbrot. Er war, als ein litauischer Knecht, mit Obadja herübergekommen und hatte diesem, damals noch in Dakota, an zwanzig Jahre und länger in Eifer und Treue gedient. Eines Tages aber war er fort gewesen; andere hatten ihn überredet, und mit diesen war er den Missouri und dann den Mississippi hinuntergefahren, auf Neu-Orleans zu. Dort war er Cabkutscher geworden und hatte viel Geld verdient, bis er, den Herrn spielend, alles wieder verloren hatte. Von einem Rettungsinstinkt geleitet, war er dann, mit dem Reste seiner Barschaft, denselben Weg flußaufwärts zurückgefahren und nach fünfjähriger Abwesenheit wieder in Dirschau, Dakota, eingetroffen, in einem grauen Leinwandanzug und im übrigen nichts mit sich führend als ein Felleisen, darin er seinen geretteten Sonntagsstaat untergebracht hatte. »Bist du wieder da, Totto?« waren damals Obadjas von keiner weiteren Frage begleiteten Begrüßungsworte gewesen, die zugleich den ganzen Zwischenfall als erledigt ansahen. Von Stund an war er auf ein paar weitere Jahre hin mit einer Art Oberaufsicht über das gesamte Pferdewesen betraut worden, auf das er sich, als Litauer, gut verstand, und saß nun, nachdem er schließlich auch dazu zu alt geworden, den ganzen Tag über vor den Stallgebäuden im Hofe, mit seiner Bank, weil ihn fror, immer der Sonne nachrückend. Sonntags zog er seinen aus seiner großen Zeit in Neu-Orleans mitgebrachten Staat an: einen blauen Frack mit kurzen Schößen und hechtgraue Hosen, dazu Zylinder und Vatermörder, ganz spitz, deren Plättung er überwachte. Alle liebten ihn und ließen ihn gewähren, weil er einfältigen Herzens war.

»Nun, Totto, wieder in der Sonne?« sagte Lehnert. »Wie geht es?«

»Oh, es geht ja, Mister Lehnert. Ein bißchen kalt.«

»Ihr sitzt nicht an der richtigen Stelle. Die Sonne steht ja da.«

»Ja, wahrhaftig, da steht sie. Indeed, indeed. Na, da will ich doch ...«

Und er erhob sich und nahm seine Bank, um an eine wärmere Stelle zu rücken.

»Aber Totto«, fuhr Lehnert fort, »Ihr habt ja heute schon Euren Staat an. Und ist doch erst Dienstag. Ihr werdet ihn ruinieren.«

»Ja, Dienstag is erst. Aber Sonntag auch, Mister Lehnert. The whole week is festival-week. Festwoche, Sonntagswoche.«

»Ja, was heißt das, Totto? Sonntagswoche. Warum Sonntagswoche? Was ist los?«

»Waschung is los, Mister Lehnert. Washing feet. Und kettle-drums und Gunpowder-Face, well; you know him ... Und Obadja preaching. Und plenty of people.«

Lehnert tat noch ein paar andere Fragen, aber er kam damit nicht weiter und erfuhr nur soviel, daß sich ein großes Fest vorbereite. Welcher Art im übrigen dies Fest sein würde, blieb ihm unklar, teils weil er Totto nicht recht verstand, teils weil ihm manche mennonitische Gebräuche, wie beispielsweise das Fest der Fußwaschung, noch fremd waren. Und so beschloß er denn, wenn die Mittagsstunde dasein würde, statt bei Totto, bei Maruschka sein Heil versuchen zu wollen.

Maruschka, wiewohl erst sechzig, war ein ebenso altes Hausinventar wie Totto und wie dieser mit nach Amerika herübergekommen. Ihren eigentlichen Namen kannte niemand, auch Obadja nicht, und nur soviel wußte man, daß sie, Polin von Geburt, schon als Kind auf einem Flissakenfloße die Weichsel herab nach Danzig gekommen sei, wo man sie, bei Schneegestöber, verirrt auf der Straße gefunden und nach einem katholischen Krankenhause gebracht hatte, drin sie, sich nützlich machend, jahrelang geblieben war, bis das Krankenhaus aufgelöst wurde. Da habe sie denn nicht gewußt »wohin« und wäre wieder barfuß flußauf gezogen, mit einem roten Tuch über den Kopf, um sich durchzubetteln bis Polen hin. Und in einem großen Mennonitendorfe, das Obadja damals bewohnte, sei sie zurückgeblieben und ein halbes Jahr später mit in die Neue Welt übersiedelt. Alle drei Frauen Obadjas hatte sie seitdem hinsterben und die Kinder, die beiden ältesten abgerechnet, geboren werden sehen: Anhänglichkeit und Treue waren allezeit ihre Tugenden gewesen und in ihren jungen Jahren auch Fleiß und wirtschaftliches Geschick. In ihrem Katholizismus aber hatte der Hausherr und Patriarch von Nogat-Ehre sie jederzeit gewähren lassen, entweder aus Respekt vor jeder aufrichtigen Glaubensform, oder weil er der Ansicht lebte, daß Maruschka zu den Auserwählten gehöre, die nicht um ihres Glaubens, wohl aber (wie Totto) um ihrer Einfalt willen selig werden.

Und nun war es fünf Uhr, und Lehnert erwartete jeden Augenblick den Schlag an den Schild, der ihn, auch bei zusammengeschmolzener Tafelrunde, zu Tische rufen mußte. Wen dürft er dabei erwarten? Wenn sich nicht der Lehrer aus der Nachbarfarm oder aber Missionar Krähbiel aus der nächsten Indianersiedlung eingefunden hatte, so ging er einem tête-à-tête mit Maruschka entgegen, ein Gedanke, der ihn, trotz seiner Neugier und aller Fragen, die er vorhatte, mehr oder weniger bedrückte. Wußt er doch, wes Geistes Kind Maruschka war und daß ihre Geistesarmut nur noch von der Unfähigkeit, sich auszudrücken, übertroffen wurde. Vom Polnischen, ohne daß sich ein gutes Englisch oder Deutsch dafür gefunden hätte, war ihr nicht viel geblieben, und so sprach sie denn ein Kauderwelsch, das mit dem des alten Litauers, mit dem ihr ohnehin so vieles gemeinsam war, um den Preis der Unverständlichkeit streiten konnte.

Lehnert hing diesen Gedanken noch nach, als der Schlag an den Schild durch das Haus hin hallte. Sofort verließ er sein Zimmer, stieg die Treppe hinab und ging langsam auf die Halle zu. Wirklich, nur für zwei war gedeckt, und hinter dem Stuhl des einen Gedecks stand Maruschka. Sie war zu ihrer Zeit nicht ohne Wünsche gewesen, und etwas davon umleuchtete sie noch jetzt und kam heut in ihrer Toilette zum Ausdruck. Ihrem mitunter ganz schräg sitzenden Scheitel hatte sie mit Sorglichkeit eine senkrechte Richtung gegeben, während auf dem schwarzen und schon etwas blanken Poplinkleide, neben anderem Schmuck, eine dünne, vielfach um Hals und Nacken gelegte Silberkette prangte, mit einem Kreuz. Mit diesem Kreuz machte sie sich, als Lehnert auf sie zutrat, ziemlich demonstrativ zu schaffen, wies dann aber rasch auf den Stuhl ihr gegenüber und sagte: »Now let us see, Mister Lehnert.«

Lehnert, als er Platz nahm, war in Zweifel, was er aus dieser einigermaßen intimen Äußerung der guten Alten machen sollte. Das heiterstrahlende Gesicht aber, mit dem sie gleich danach den leichten Metalldeckel von einer vor ihr stehenden Schüssel nahm, ließ ihn rasch erkennen, daß sich das gemütliche »now let us see« nur auf das in der Schüssel verborgene Gericht: Kraut und Knödel und eine Garnitur gebratener Speckschnitten, bezogen haben konnte. Lehnert – von allem halbschlesisch angeheimelt – kam denn auch mit der Alten um die Wette sofort in eine behagliche Stimmung und bat ihr im Herzen alles ab, was er gelegentlich über sie gespöttelt hatte. Die Herzensgüte, die Gebelust, vor allem die kleinen Schelmereien, womit sie die Wirtin machte, taten ihm nach den Steifheiten der Obadjaschen Tischordnung unendlich wohl, und erst ganz zuletzt kam er auf das zu sprechen, was zu fragen er sich den Tag über vorgenommen hatte. Maruschka gab auch Antwort. Aber alles, was er daraus ersehen konnte, war nur das, was er schon wußte: daß es sich um ein bevorstehendes großes Fest handle. Was es aber eigentlich damit war, kam nicht zur Sprache, weil sie kein rechtes Interesse daran nahm, jedenfalls viel, viel weniger als an den »dumplings« und »slices of bacon«, die sie nach wie vor nicht müde wurde Lehnert anzubieten.

Endlich stand man auf, sagte sich gegenseitig allerlei Freundliches und verabschiedete sich bis auf den anderen Morgen.

Am Abend des dritten Tages war L'Hermite, ganz wie sein Zettel versprochen, von Galveston zurück. Er hatte mancherlei schöne Sachen eingekauft und erschien, angeheitert und Tabak kauend, in Begleitung zweier Stationsindianer, die eine Kiste von mäßigem Umfange trugen. Als er Lehnert im Flur begegnete, wies er auf die Kiste und sagte: »Für unsere Abende. Der Winter ist lang.« Alle freuten sich, daß er wieder da war, am meisten Maruschka, die nicht müde wurde, sein Mienenspiel zu belachen, was sich, wenn Obadja erst wieder zurück war, einigermaßen verbot. »Der alte Kater« aber, wie L'Hermite seinen Hausherrn mit Vorliebe nannte, war noch nicht wieder da, kam vielmehr erst am übernächsten Tag, und so hatten denn, um unseren Freund L'Hermite zum zweiten Male zu zitieren, »die Mäuse noch vierundzwanzig Stunden Zeit, auf dem Tische zu tanzen«. Das geschah denn auch redlich, und Tüten mit Bonbons und Pralinés, die L'Hermite mitgebracht hatte, wurden Maruschka neben allerhand persönlich Verbindlichem überreicht, zugleich mit der Versicherung, daß Polen noch nicht verloren und die katholische Kirche, solange die Herrschaft der Idee nicht proklamiert werden könne, das einzig Vernünftige sei. Maruschka, beständig knabbernd, verstand kein Wort davon und hielt L'Hermite die Hand hin, als er ihr wahrsagen wollte, natürlich aber bloß »killekille« machte. Sie war überglücklich und unterließ nicht, als ihre Hand wieder frei war, ihn abwechselnd auf Brust und Knie zu tippen. So ging es bis neun Uhr, wo man sich trennte, Maruschka mit dem Trauerworte, daß es bald wieder ganz anders sein würde, was L'Hermite mit einem »oui, oui« bestätigte. Dann nahm dieser Lehnerts Arm, und eine Minute später stiegen beide gemeinschaftlich die Treppe hinauf.

Als man oben war, wurde noch ein Plauderabend beschlossen, was Lehnert durchaus zupaß kam, weil er nun endlich zu hören hoffte, was es mit dein »feast- und dem »festival«, von denen Totto wie von etwas geheimnisvoll sich Steigerndem gesprochen hatte, denn eigentlich auf sich habe.

L'Hermite lachte. »Ja, feast und festival; dies ist die Woche dazu. Les jours de fête sont passés pour nous, mais« (und er schmunzelte) »les jours de fête commencent pour Obadja.« Und nach diesem zugespitzten Einleitungsworte begann er dem aufhorchenden Lehnert zu erzählen, daß die letzten Septembertage regelmäßig die großen Fest- und Ehrentage von Nogat-Ehre seien. Im Laufe des nächsten oder zweitnächsten Tages werde nicht nur Obadja mit Ruth und Toby wieder von Halstead her eintreffen, sondern auch alles Mennonitische, was auf dreißig und fünfzig Meilen in der Runde zu finden sei, und dann würde der Betsaal unten seine großen Aufführungen haben. Einem zivilisierten Geschmacke könne die Sache nicht eigentlich genügen, da man indes eine wirkliche Komödie nicht haben könne, so sei solch Heiligensabbat immer noch das Unterhaltlichste, was Nogat-Ehre biete. Das Ganze hier auszuplaudern würde zu lange dauern, weshalb er es vorzöge, sich für heut auf ein kurzes Programm zu beschränken. Die Sache beginne mit einer Art Vorfeier, und zwar mit der sogenannten Fußwaschung, bei der Obadja den Heiland spiele. Beiläufig gut genug, nur um vierzig Jahre zu alt. Das alles (bei einer Fußwaschung übrigens selbstverständlich) sei Abendprogramm, und nun folge tags darauf der eigentliche jour de fête. Dann sei das ganze Tabernakel so gefüllt, daß kein Apfel zur Erde könne; wo noch Lücken seien, würden ein paar Indianer hineingestopft, und endlich erscheine Obadja in höchsteigener Person und spreche das Gebet. Daran schlösse sich dann am selben Tage noch, oder auch am Tage darauf, die Taufe der Neuaufzunehmenden, unter denen nur selten eine Weißhaut sei, und dann komme die Predigt, in der der Alte meistens Geschmack genug habe, sich kurz zu fassen. Im weiteren Verlauf singe Ruth, was immer das Beste sei, und zuletzt falle der Chor der Cherokee- und Arapahokinder ein und habe man dann einen Lärm wie bei »Ferdinand Cortez ou la Conquête de la Mexique«, namentlich wenn gleichzeitig das große Tamtam geschlagen würde, das beiläufig wirklich aus Mexiko stamme. Der alte Gunpowder-Face aber, den er (Lehnert) bisher nur von seiner Doktorseite kennengelernt habe, sei dann – weil er nicht bloß die kettle-drums, sondern auch das Tamtam zu bedienen habe – auf seiner eigentlichen Höhe, sähe dabei aus wie ein mexikanischer Oberpriester, und Obadja verschwinde daneben.

L'Hermite hatte das alles in bester Laune vorgetragen und Lehnert mehr als einmal ein Lächeln abgenötigt. Aber ihn in eine wirklich heitere Stimmung zu bringen war ihm trotzdem nicht gelungen. Im Gegenteil. Lehnert blieb befangen und unruhig und sah den Festlichkeiten fast wie mit Bangen entgegen.

Der zweitnächste Morgen brachte nicht nur Obadja samt Ruth und Toby nach Nogat-Ehre zurück, sondern auch alle Mennoniten aus dem weiteren Umkreise trafen ein, meist Lehrer und Prediger, die zwischen den Ozark-Mountains und den Shawnee-Hills ihre Wohnung und ihren Wirkungskreis hatten, und mit ihnen viele bekehrte Rothäute, Männer und Frauen, die, während des Festes, in die Gemeinde der »Taufgesinnten« aufgenommen werden sollten. Ein Teil davon, so viele waren ihrer, mußte, wegen Raummangels, in einer benachbarten Indianersiedlung untergebracht werden, drin unser Freund Gunpowder-Face – welchen Namen er wegen seines anscheinend mit Schießpulverkörnern überstreuten Gesichts erhalten hatte – das Regiment führte. Nach diesem mehr oder weniger befreundeten Indianerdorfe kamen viele, der Rest aber verblieb teils in Nogat-Ehre, teils in Obadjas eigenem Hause, darin wieder Mistress Kaulbars, nach inzwischen erfolgter Rückkehr vom Vorwerk, mit bewährter Umsicht das Wirtschaftliche leitete, während Ruth die Honneurs des Hauses zu machen hatte. Freitag war alles versammelt; erste Begrüßung im Tabernakel und Ansprache, woran sich dann tags darauf der Akt der Fußwaschung mit vieler Feierlichkeit anschloß. Und nun ging man dem eigentlichen großen Festtage, dem Sonntag, entgegen, dessen Programm Monsieur L'Hermite bereits in aller Kürze gegeben hatte.

Bis in die Nacht hinein und dann wieder in frühester Morgenstunde war im Betsaal alles für den großen Tag hergerichtet worden, so daß man sich, um die neunte Morgenstunde, darin versammeln und Plätze, nach vorher getroffener Anordnung, einnehmen konnte. Wie sich denken läßt, hatte das Tabernakel unter all diesen Herrichtungen seine fast an Kahlheit grenzende Schlichtheit eingebüßt: überallhin waren Laub- und Blumengirlanden gezogen, am meisten an der der Eingangstür gegenübergelegenen dreigeteilten Empore, zu deren Füßen, um ein geringes vorspringend, der von Lichtern flimmernde Altar aufragte. Hierher richtete sich denn auch die Hauptaufmerksamkeit, desgleichen nach dem breiten Mittelteile der Empore, wo Ruth in vorderster Reihe stand, um sie her die den Chor bildenden Mennonitentöchter von Nogat-Ehre. Daneben aber, in dem rechten und linken Flügelteile, befanden sich, zur Verstärkung des Chors herangezogen, viele Indianerkinder, deren eines, ein sehr hübsches Mädchen, eine Christusfahne hielt, während, ganz im Hintergrunde, Häuptling Gun-powder-Face nicht bloß mit einem mexikanischen Oberpriester-, sondern geradezu mit einem mexikanischen Götzengesicht sichtbar wurde, glühäugig und erregt, weil ihm, wie herkömmlich, so auch heute wieder, die beiden Kesselpauken und vor allem das an der Wand hängende Tamtam zur Bedienung anvertraut worden waren. Die Kesselpauken, wie noch hervorgehoben werden muß, waren ein Geschenk von Monsieur L'Hermite, der sie, mit Hilfe selbstpräparierten Pergaments, erfinderisch und kunstvoll hergestellt hatte, zugleich mit der schon erwähnten, von dem jungen Cherokeemädchen gehaltenen Kirchenfahne, deren auf Wolken thronender Heiland allerdings mehr an Judas Ischariot als an Christus erinnerte – wobei selbstverständlich im Dunkel blieb, ob L'Hermite diese Dreißig-Silberlings- Physiognomie mit Absicht oder nur in totaler Abwesenheit Leonardischer Kunst geschaffen hatte.

Festlich wirkte die dreigeteilte Empore samt Altar, aber kaum minder festlich der Saal selbst, nachdem er sich unten auf allen seinen Plätzen gefüllt hatte. Vorn, auf den ersten zwei Bänken, erblickte man in langer Reihe die Männer und Frauen, meist vom Stamm der Arapahos, die heute noch, seitens Obadjas, in die Gemeinde der Taufgesinnten aufgenommen werden sollten, und zwischen ihnen, als Paten oder Taufzeugen, saßen die Mennonitenväter von Nogat-Ehre samt den Lehrern und Missionaren, sechs an der Zahl, die das Werk der Bekehrung geleitet hatten. Einer derselben, mit einem feinen Windhundkopf, war ersichtlich ein Engländer: Mister Anthony Shelley, während die fünf andern sämtlich gute Deutsche waren, was nicht bloß ihre vierkantigen Köpfe, sondern beinah mehr noch ihre kerndeutschen Namen bezeugten: Bartels und Nickel, Krähbiel, Stauffer und Penner. All diese hatten auf der ersten und zweiten Bankreihe Platz gefunden, unmittelbar hinter ihnen aber saßen alle die, die mit zum Obadjaschen Hauswesen, trotzdem aber nicht eigentlich zur Gemeinde von Nogat-Ehre gehörten, also Maruschka und Totto, Mister und Mistress Kaulbars, Lehnert und L'Hermite, letzterer in einem Respektabilitätsanzuge, drin man ihn nur mühsam wiedererkennen konnte. Von Lehnert gefragt, warum er überhaupt erschienen sei, hatte er in der ihm eigenen Weise geantwortet, daß er das seinem Christus in Gouache, vor allein aber seinem Freunde Gunpowder-Face schuldig sei, welcher letztere, trotz seiner Bekehrung – und was mehr sagen wolle, trotz seiner persönlich freundschaftlichen Gefühle für ihn – doch nach seinem Skalp trachten werde, wenn er sich seiner (Gunpowder-Faces) allerdings ans Virtuose streifenden Paukenleistung entziehen wolle. Das war so L'Hermites Redeweise. Sah man ihn aber so sitzen, so schien er voll Ernst und Interesse, zumal wenn er, halb nach rückwärts gewandt, die zweite Hälfte des Saales neugierig musterte, drin die schon früher getauften Cherokees und Arapahos zu Hunderten standen und mit großen Augen nach dem Altar hinübersahen, an dessen Stufen sich der heutige Feierlichkeitsakt vollziehen sollte.

Dem großen Feierlichkeitsakte vorauf aber ging ein Gebet, darin Obadja, unter Vermeidung alles bloß Lehrsätzlichen, das gab, was er praktisches Christentum nannte. »Lasset uns beten!« so begann er. »Das Gebet heiligt uns und macht unsere Seele frei. Das Gebet macht uns jeden Tag zum Feiertag. Ohne Gebet wäre unser Leben ein Haus ohne Dach, ein Garten ohne Blumen, eine Wüste ohne Oase. Was unser großer Benjamin Franklin von der Mäßigkeit gesagt hat, das sag ich von der Frömmigkeit: sie bringt Kohlen zum Feuer, Mehl in das Mehlfaß, Geld in den Beutel, Kredit bei der Welt, Zufriedenheit in das Haus, Kleider für die Kinder, Verstand ins Gehirn und Leben in alle Verhältnisse. Das sind die Wunder der Frömmigkeit, und das Gebet ist unser Beistand und unsere Hilfe dazu!«

L'Hermite nickte Zustimmung, während er vor sich hin brummte: »Ça suffit«, Obadja seinerseits aber fuhr fort: »Unsere Hilfe, sag ich. Aber das Gebet, das helfen und Wunder tun soll, das muß den rechten Weg gehen. Wer den falschen Weg geht, dem hilft kein Gebet, und vor allem hütet euch vor denen, die der armen Seele, sei's mit Wissen, sei's ohne, den falschen Weg weisen. Lasset euch erzählen von einem, der den falschen Weg wies. Ein alter Mann kam zu sterben und schickte nach dem Geistlichen, um ihm zu beichten. Und der Geistliche kam. Und nun höret, was der Alte zu beichten hatte! Leute hätten in der Wildnis einen Wegweiser gesetzt, und als der Wegweiser gestanden, da hab er ihn umgedreht und dadurch Tausende in die Irre geführt. Das laste jetzt schwer auf seiner Seele ... So war die Beichte des Alten. Ich aber sage euch: wer die Lehre verdreht oder umkehrt, der tut Schlimmeres, denn er führt von dem rechten Weg ah, der allein zum Himmel führt. Unser Wegweiser aber, dessen bin ich sicher, zeigt in die rechte Richtung, er ist das Wort Gottes, und wir beten, daß er uns das Licht und das Auge gebe und die Kraft dazu, die Wege zu wandeln, die er uns weist.«

Ein liturgischer Vers wurde nach dem Gebet gesungen, und als auch der Gesang schwieg, gab Obadja ein Zeichen, und die zu Taufenden traten nun vor. Und er besprengte sie mit dem Taufwasser und sprach die Formel. L'Hermite aber nickte wieder und sah zu seinem Freunde Gunpowder-Face hinauf, der, zur Antwort, ihn freundlich angrinste, während die plötzlich von einem Feierlichkeitsgefühl angewandelte Maruschka die Galvestonsche Bonbontüte, die sie bis dahin in der Hand gehabt hatte, leise beiseite schob und das Kreuz schlug.

Obadja war inzwischen von dem Taufbecken wieder an den Altar getreten, um nun, worauf alles wartete, die eigentliche Predigt zu halten, die – wie gewöhnlich bei diesen Jahresfesten – die Hauptunterscheidungspunkte der mennonitischen Lehre betonen sollte. Der Text aber, den er seiner Predigt zugrunde gelegt hatte, war der: »Wer das Schwert nimmt, soll durch das Schwert umkommen«, und daneben der andere Spruch: »Die Rache ist mein, spricht der Herr.« Er sah, als er diese Worte sprach, zu Lehnert hinüber, der sein Auge vor dem ruhigen Blick des Alten senkte. Dann aber wandte sich dieser der Auslegung seiner Textesworte zu und stellte die Bilder kriegerischen und friedlichen Lebens einander gegenüber. Alles Blut, was flösse, flösse zum Unheil, und nur einmal sei Blut zum Heil geflossen, freilich nicht zum Heile derer, die's vergossen, wohl aber zum Heile der Menschheit, um deretwillen es vergossen wurde. Das sei das Erlöserblut Jesu Christi gewesen. Alles andere Blutvergießen aber sei Sünde, zumeist, wenn es flösse, der Rache des einzelnen zuliebe. Das führe zu sicherem Untergang und Verderben. Aber auch der große Krieg sei Sünde, auch das Blutvergießen um Land und Herrscher und selbst um Glaubens und Freiheit willen. Und so hab er denn auch in diesem gesegneten Lande den Krieg beklagt, den Nord und Süd um die Frage der Befreiung ihrer schwarzen Brüder geführt hätten, sosehr er dieser Befreiung selbst auch entgegengejubelt habe. Fortschritt und Freiheit sollten freilich ihren Einzug halten in die Welt, aber auf einer Palmenstraße, nicht auf einer Straße, da die Kriegsknechte zu beiden Seiten am Wege stehen. Absage dem Krieg, das sei die Lehre der Taufgesinnten. »Und so höret denn zum Schluß: Übermut macht Krieg, Demut macht Frieden. Und der Frieden im Gemüt ist das Glück und die Vorbereitung zum ewigen Heil. Selig sind die Friedfertigen, selig sind, die reines Herzens sind. Die Rache ist mein, spricht der Herr.«

Obadja schwieg jetzt, und im Augenblick, als er die Stufen verließ, klang es von der Mittelempore her:

»Rühret eigner Schmerz
Irgend unser Herz,
Kümmert uns ein fremdes Leiden,
O so gib Geduld zu beiden,
Richte unsern Sinn
Auf das Ende hin!«

Es war Ruth, deren Stimme mit wunderbarer Klarheit durch den Saal drang, während die jungen, sie umstehenden Mädchen die Palmenzweige immer höher über ihr emporhielten. Lehnert sah hinauf, zitternd vor innerster Bewegung, und wollte die Friedensstätte meiden, die seine Stätte nicht mehr war. Aber eh er sich erheben konnte, klang der Schlußvers von oben her:

»Soll's uns hart ergehn,
Laß uns feste stehn
Und auch in den schwersten Tagen
Niemals über Lasten klagen,
Denn durch Trübsal hier
Geht der Weg zu dir.«

Und nun schwieg auch Ruth und trat, verdeckt fast von den über sie gehaltenen Zweigen, in den Hintergrund der Empore zurück. Aber ehe sie sich noch ganz dem Auge der unten Versammelten entziehen konnte, fiel auch schon, von rechts und links her, der Chor der Indianerkinder ein, und während das schöne Cherokeemädchen, strahlend vor Freude, die Christusfahne schwang, rührte Gunpowder-Face seine kettle-drums und schlug zugleich zweimal an das hinter ihm aufgehängte Tamtam.

L'Hermite war nicht müde, stille Zeichen des Beifalls zu geben und huldigend hinaufzugrüßen, aber ehe er noch einen Gegengruß eintauschen konnte, vernahm er auch schon, unmittelbar neben sich, einen schweren Fall und sah, sich wendend, daß Lehnert, wie vom Schlage getroffen, zusammengebrochen war.

Alles drängte herzu, Maruschka und Toby und zuletzt auch Obadja und Ruth.

»Er ist tot.«

»Nein, er lebt«, sagte Ruth im festen Glauben ihres Herzens. Und ihr Auge leuchtete, als sie so sprach.

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