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Theodor Fontane: Quitt - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
titleQuitt
authorTheodor Fontane
isbn3-7466-5275-8
publisherAufbau Taschenbuch Verlag
addressBerlin und Weimar
year1993
firstpub1891
senderreuters@abc.de
created20040709
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Einundzwanzigstes Kapitel

Anderthalb Wochen waren um, und Lehnert hatte sich eingelebt. Er sah kein Regieren, und einfach ein Geist der Ordnung und Liebe sorgte dafür, daß alles nach Art eines Uhrwerks ging. Der Tag begann mit einer Andacht, die der Alte klug genug war, wenigstens als Regel, knapp und kurz einzurichten, weil er sich sagte, daß Ermüdung der Tod aller Erbauung sei. Gewöhnlich las er einen Psalm oder etwas aus der Patriarchengeschichte, wenn er nicht vorzog, an mehr oder weniger wichtige Tagesereignisse mit Spruch und Betrachtung anzuknüpfen. War dann unmittelbar nach der Andacht das Frühstück eingenommen, so gab er persönlich die Weisungen für den Tag, was er, gestützt auf eine genaue Kenntnis seines Grund und Bodens und andererseits auch mit Hilfe der ihm am Abend vorher durch Toby oder Kaulbars oder Lehnert erstatteten Rapporte, sehr wohl konnte. Begegnungen um die Mittagsstunde fielen aus, weil ein guter Imbiß entweder gleich mitgenommen oder auf die Felder hinausgeschickt wurde, was denn zur Folge hatte, daß man sich erst um sieben Uhr abends zum zweiten Male zu gemeinschaftlicher Mahlzeit versammelte, woran sich daran der Abendsegen und eine kurze Plauderei schloß. Bald danach zog man sich zurück, denn der Tag begann früh wieder. Es war kein herzlicher, aber doch ein unausgesetzt friedlicher Verkehr, in dem man lebte, was Lehnert um so mehr wundernahm, als die bunte Menschenmasse, daraus sich das Hauswesen von Nogat-Ehre zusammensetzte, nicht einmal durch das Band gemeinsamer kirchlicher Anschauungen zusammengehalten wurde. Die Kaulbarse, Vollblutmärker, hielten natürlich zu Luther, Maruschka, Polin, war katholisch und fuhr alle Jahre zweimal zur Beichte nach Denver, Totto, Litauer, glaubte, wenn überhaupt an was, höchstens an das schwarze und weiße Pferd seiner litauischen Urahnen, und L'Hermite war schlechtweg Atheist, so daß von der ganzen Obadjaschen Hausgenossenschaft, selbstverständlich mit Ausnahme der eigentlichen Familie, nur die dienenden Cherokee- und Arapahoindianer, Männer und Frauen, zur »Gemeinde« gehörten, in die sie, nach zuvor empfangenem Unterrichte, meist mit zwanzig oder vierundzwanzig Jahren einzutreten pflegten. Lehnert, wenn er das überdachte, sah sich dadurch mehr als einmal an einen nach Art eines großen Vogelbauers eingerichteten Schaukasten in San Francisco erinnert, drin nicht nur ein Hund, ein Hase, eine Maus und eine Katze samt Kanarienvogel und Uhu, sondern auch ein Storch und eine Schlange friedlich zusammen gewohnt hatten. »A happy family« stand als Aufschrift darüber, und wenn Lehnert so beim Breakfast und Supper den langen Tisch musterte, kam ihm der Schaukasten immer wieder in den Sinn, und er sprach dann wohl leise vor sich hin: »A happy family.« Sann er dann aber weiter nach, wodurch dies Wunder bewirkt werde, so fand er keine andere Erklärung als den »Hausgeist«, als Obadja, der das Friedensevangelium nicht bloß predigte, sondern in seiner Erscheinung und in seinem Tun auch verkörperte.

Die Folge davon war ein Gefühl immer wachsender Verehrung und Dankbarkeit auf seiten Lehnerts. Aber so wahr und aufrichtig dies Gefühl war, so kam er demohnerachtet zu keiner rechten Freudigkeit. Er fühlte sich vereinsamt und brachte sich's gelegentlich zu geradezu schmerzlichem Bewußtsein, daß er in seinen schwersten und schlimmsten Tagen, ja, vor Jahr und Tag noch bei den zweifelhaften Leuten am Sacramento, heiterer und fast auch glücklicher gewesen sei als hier unter den Bekehrten und Nichtbekehrten von Nogat-Ehre. Friede und Freundlichkeit waren da, aber was er mehr und mehr vermißte, war Verkehr und Vertraulichkeit. Dazu sah er, daß er in seiner Herzensstellung nicht recht von der Stelle kam. Obadja, mit all seinen Vorzügen, war doch unnahbar, die Geschwister zu jung, Maruschka zu kindisch, Totto zu stumpf und Monsieur L'Hermite zu reserviert und zu superior ablehnend. Bei diesem Befunde verblieben ihm nur seine Landsleute, die beiden Kaulbarse, und das war hart, weil ihre Nüchternheit keine Grenzen kannte. Dennoch, so nüchtern sie waren und in so lächerlich wichtiger Weise sie sich mit ihrer Lieblingswendung »mein Mann sagt auch« oder »meine Frau sagt auch« aufeinander zu berufen pflegten, Berufungen, von denen aus ein weiterer Appell nicht wohl mehr möglich war, dennoch sah Lehnert ein, daß er, in Ermangelung von etwas Besserem, durchaus bemüht sein müsse, mit ihnen auf einem guten Fuße zu leben, und das um so mehr, als ihn beide die Tatsache nicht entgelten ließen, daß ihre Machtstellung, das mindeste zu sagen, durch sein Eintreten in die Wirtschaft halbiert worden war. Ob dies Gutmütigkeit oder Gleichgültigkeit oder vielleicht sogar das lauernde Warten auf den Moment war, wo sich das »Umkippen« vollziehen werde, war, so wahrscheinlich das letztere sein mochte, doch nicht mit Sicherheit festzustellen, weshalb Lehnert es, bis zum Beweise des Gegenteils, für geraten, ja für pflichtmäßig hielt, von allem das Beste zu glauben. Und so verging denn kein Tag, an dem er nicht, an der Seite von Kaulbars, den Versuch einer mal flüchtigeren, mal eingehenderen Unterhaltung über Nahes und Fernes, über Wirtschaftliches und Persönliches gemacht hätte.

Gewöhnlich ritten sie gemeinschaftlich vom Nogat-Ehrer Hof aus auf die Felder und trennten sich erst weiter hin am Vorwerk, wo der Weg gabelte.

»Ja, die Schlesier, sagte Kaulbars, der gerad in einer landwirtschaftlichen Meinungsverschiedenheit mit Lehnert war, »die Schlesier machen es so. Glaub's schon und will auch nichts weiter dagegen sagen. Und wir haben auch ein Sprichwort: Der Klügste gibt nach.«

Lehnert wollte beruhigen, Kaulbars aber, der mal im Zuge war, hatte nicht acht darauf und fuhr fort: »Ja, die Schlesier. Bei Graf Zielen-Schwerin in Wustrau, Sie werden wohl von ihm gehört haben, bei dem war auch ein Schlesier, ein kleiner Knurzel und schon so halb pohl'sch und mit 'm genierten Blick un mit richtige O-Beine. Jott mag wissen, wie der Kerl dahingekommen war. Bei die Vierundzwanziger in Ruppin kann er nich gestanden haben, die Vierundzwanziger nehmen so einen gar nich an. Aber ich will weiter nichts sagen, Schlesien is auch ganz gut, und wo man her is, na, das is wie Vater und Mutter, und ein anderer soll nichts Böses davon sagen. Das is alles schon richtig ... Ich bin von 'n Glien. Kennen Sie den Glien?«

»Nein«, sagte Lehnert und lächelte.

»Na, das ist so die Cremmer Gegend, alles, was da so zwischen Oranienburg und Fehrbellin liegt. Fehrbellin kennen Sie doch woll?«

»Ja, das kenn ich. Das ist das mit dem Großen Kurfürsten.«

»Richtig. Na sehen Sie woll, es kommt schon, es dämmert schon. Und Sie solln mal sehen, zuletzt kennen Sie auch noch 'n Glien.«

So ging es meistens in der Unterhaltung. Aus jedem Worte, das Kaulbars sprach, sprach ein unendliches Von-oben-herab, ein Dünkel, der für den reizbaren und auf seine Heimatprovinz überaus stolzen Lehnert unerträglich gewesen wäre, wenn sich dies zur Schau getragene Überlegenheitsgefühl bloß auf Schlesien und die Schlesier bezogen und sich nicht vielmehr gleicherweise, ja womöglich noch verstärkt, auch gegen Amerika gerichtet hätte. Jederzeit war er bereit, den Amerikanern ihre Sünden vorzuhalten, und diese Gelegenheit bot sich ihm täglich, weil er ein wahres Talent besaß, auf dieses sein Lieblingsthema überzulenken.

Eines Tages war es ein Gespräch über Ruth und Toby, von dem aus die Brücke mit gewohnter Geschicklichkeit geschlagen wurde.

»Die beiden Kinder sind doch der Sonnenschein von Nogat-Ehre«, sagte Lehnert. »Über Ruth ist gar nicht zu streiten; ich kann sie nicht sehen, ohne an die Lilien auf dem Felde zu denken, wovon die Bibel spricht. Aber auch Toby, wie brav und wie gescheit ist er, und wie gewandt! Wenn Obadja heute stirbt, was Gott verhüten wolle, so nimmt er die Wirtschaft in die Hand.«

»Ja, das tut er, die Einbildung dazu hat er, die haben sie hier alle. Kaum ist einer trocken hinter den Ohren, oder auch noch nich mal, so wird er ein Reverend oder ein Magistrate oder ein Justice, oder sie schicken ihn als Gesandten nach der Türkei ... Na, für die Türken mag es gehen. Un is gar ein bißchen Krieg in der Luft und soll es gegen Texas losgehen oder Utah oder gegen Mexiko, na, denn hast du nich gesehen, denn backen sie die Generäle und Obersten wie Semmeln. Und wer heute noch ein Advokat is oder ein Chemist oder ein Furnischer, der is morgen ein Oberst, und nu geht das Schlachtenschlagen los, das heißt, was sie hier so Schlachtenschlagen nennen, eigentlich is es ja bloß 'ne Hasenjagd. Und denn marschieren sie los und singen Yankee-Doodle und tun, als ob sie wenigstens die Welt erobern wollten, und solange sie die Schienen unter den Beinen haben, so lange geht es. Aber wenn nu das Marschieren anfängt und das erste Camp kommt oder das erste Bivouac, ja, du himmlischer Vater, da haben wir denn die Bescherung. Da is nichts da, da fehlt die Verpflegung, und das Gehungre geht los, und wenn sie vierzehn Tage lang im Modder gelegen und noch keinen Feind gesehen haben, dann fallen ihnen die Stiebel vom Leibe, und keine Naht hält mehr, und wenn sie dann den Feind zu sehen kriegen, das heißt, was sie so nennen, denn einen richtigen Feind haben sie hier gar nicht, dann platzen die Flinten oder gehen gar nicht los, weil das Pulver nichts taugt oder die Patrone nicht paßt. Und warum is es so? Weil es alles bloß Spielerei is und kein Ernst nich, und Ernst is immer bloß, daß der Lieferant sein Geld kriegt für die Tornister, die von Pappe sind, und für seine Mäntel von Löschpapier. Ich habe welche gesehen ...«

Lehnert wollte widersprechen, aber Kaulbars litt es nicht und fuhr in gleich überlegenem Tone fort: »Ich habe welche gesehen, sag ich, die wie Zunder vom Leibe fielen. Und warum? Weil alles Geschäft is, und wo alles Geschäft is, is alles Schwindel. Und wenn ich nu frage, warum is es alles Schwindel? so kann ich bloß sagen, weil sie nichts kennen als Geld und nichts wollen als Geld und nichts anbeten als Geld und weil sie keinen richtigen Gott haben. Und wo sie keinen richtigen Gott haben, da haben sie auch keine Pflicht und keine Ehre. Und woran liegt es? Weil sie verloddert sind. Und warum sind sie verloddert? Weil sie nicht dienen. Und der Toby hat auch nicht gedient, und von Strammheit und richtiger Propreté ist keine Rede nich. Blaue Krawatte trägt er und hat 'ne legere Haltung, aber ein blauer Schlips is nicht Propreté, und eine lange Stakete, die hin und her schlenkert, weil kein Rückgrat drin is, is nich Strammheit.«

Hier hatte sich Kaulbars vorläufig erschöpft, und Lehnert fand Gelegenheit einzuwerfen: »Ich bin überrascht, Mister Kaulbars, Sie so streng zu sehen. Als hier der große Krieg war, Anno 63, da waren wir beide noch drüben und haben beide nichts gehört und nichts gesehen, und was wir nachher, als wir rüberkamen, gehört haben, nu hören Sie, Mister Kaulbars, da muß man doch Respekt haben vor dem, wie's damals hergegangen ist, und haben sich geschlagen wie die besten Truppen und sind auch richtig verpflegt worden und war keine Rede von vor Hunger sterben. Und so mein ich denn, es kann nicht alles bloß Schwindel sein.«

»Es is Schwindel, sag ich, und wer gedient hat ...«

»Ich habe auch gedient, Mister Kaulbars.«

Kaulbars lächelte. »Wobei denn?«

»Bei den Görlitzer Jägern.«

»Na, hören Sie, mit die Jäger, das ist immer bloß soso. Das is nich Fisch und nich Vogel und geht eigentlich immer bloß auf Jagd und wilddiebt ein bißchen und is kein richtiger Soldat nich. Ich habe bei die Vierundzwanziger gestanden, Hauptmann von Goerschen, fünfte Compagnie. Haben Sie von dem mal gehört? Ich meine von Goerschen. Das heißt, es gab eigentlich zwei Goerschens, einer hieß Franz, der war auch ganz gut, aber unserer hieß Otto, und wir nannten ihn ›unseren Otto‹, und war schon mit bei Düppel, Schanze drei. Ich sag Ihnen, die Schanze war weg wie Schnupftabak. Ja, so sind die Vierundzwanziger, Ruppin und Havelberg, und Rathenow und die ›Zietenschen‹, das gehört eigentlich auch noch mit dazu. Hören Sie, die Görlitzer mögen ja soweit ganz gut sein, man soll nicht streiten und soll nicht nein sagen, wenn man's nich weiß. Aber das sag ich Ihnen, Mister Lehnert, aufs Dienen kommt es an, und jeder muß mal Rekrut gewesen sein und muß die Honneurs gelernt haben und muß die Signale gelernt haben. Und das is gewiß, wenn der Hornist blies und war das Signal von der fünften Compagnie, da gab es ein Ohrenspitzen wie 'n Kavalleriepferd und mitten im Schlaf. Und wenn dann der alte Oberst von Unruh mit seiner Krähstimme kommandierte: »Präsentiert das Gewehr!« und dann der Prinz, unser Prinz, die Front abschritt und die Spielleute spielten und wir mit ›Augen rechts‹ dastanden wie die Puppen, und ich sag Ihnen, Lehnert, was für Puppen, ja, das hätten Sie sehen sollen, das hatte so seine Art, das war ein Vergnügen, und wenn der Prinz dann sagte: Ja, das sind meine Vierundzwanziger; Kinder, wenn ich Soldaten sehen will, dann seh ich mir die Vierundzwanziger an; es lebe der Kaiser!‹, ja, Mister Lehnert, das war was, das kommt vons ›Dienen‹ und Gehorchenkönnen und von der Strammheit und der Propreté, und wenn Sie die ganzen achtunddreißig ›States‹ umstülpen und hier unser Indian-Territory mit dazu und alle Mennoniten und den alten Obadja auch, so was fällt nich raus und kann auch nich rausfallen, weil's nich drin is und weil alles Schwindel is ... Und Miss Ruth, nu ja, Miss Ruth ist ein hübsches Ding, geb ich zu, meinetwegen, und Mister Toby kuckt in die Welt wie die Maus aus der Hede. Glau sind sie und gewaschen und haben so was wie Prinz und Prinzessin. Aber, bei Lichte besehen, das ist eben der Unsinn. Wer kein Prinz is, darf auch nicht wie 'n Prinz aussehen. Prinz Friedrich Karl, der durfte, der war einer. Aber Toby? Toby weiß alles am besten und is doch bloß noch ein Quack. Aber das is hier alles eins, und mit zwanzig ist er bei der Gesandtschaft in Japan, und mit vierundzwanzig ist er Oberpriester in Nogat-Ehre. Denn der Alte wird klapprig, und ewig kann er doch nicht leben, und wenn er auch so fromm wäre wie Abraham oder wie Hiob.«

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