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Theodor Fontane: Quitt - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
titleQuitt
authorTheodor Fontane
isbn3-7466-5275-8
publisherAufbau Taschenbuch Verlag
addressBerlin und Weimar
year1993
firstpub1891
senderreuters@abc.de
created20040709
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Zwanzigstes Kapitel

Nebenan, in der großen Halle, war inzwischen für Lehnert ein Frühstück aufgestellt worden, und zwar durch Frau Rosalie Kaulbars in Person, die, weil sie der Umsicht des kleinen Cherokeemädchens mißtrauen mochte, nicht nur alles Nötige selbst herzugetragen, sondern dem angerichteten Frühstückstisch auch noch eine der preußisch-heimischen Art entsprechende Ausschmückung gegeben hatte. So kam es, daß sich, um gleich die Hauptsache zu nennen, um die Kufe mit saurer Milch ein blühender Lindenzweig legte. Eier in der Schale samt Schinken vervollständigten das einfache Mahl, dem anfänglich, einigermaßen aus der Rolle fallend, auch noch eine halbe Wassermelone beigegeben war, bis der zufällig vom Felde hereingekommene Mister Kaulbars gegen solche Zusammenstellung remonstriert hatte. »Was denkst du denn eigentlich, Rose? Soll er hier gleich mit Kullern und Schneiden anfangen?«

Das war voraufgegangen. Als aber Lehnert aus Obadjas Zimmer trat, lag nicht nur das Zwiegespräch der Kaulbarsschen Eheleute um einige Minuten zurück, sondern auch das Ehepaar selbst hatte sich, um nicht neugierig zu scheinen, aus der Halle wieder in die Wirtschaftsräume des abgetrennt stehenden Quergebäudes zurückgezogen. Statt ihrer waren jetzt Ruth und Toby da, mit ihnen Uncas, ein wundervoller, schwarz und weiß gefleckter Neufundländer, der seine Herrin Ruth auf Schritt und Tritt zu begleiten pflegte. Toby ging Lehnert entgegen, um ihn, die Honneurs des Hauses machend, bis an die Schmalseite des Tisches zu führen, wo gedeckt war.

»Stören wir dich, wenn wir uns zu dir setzen?« fragte Toby.

Lehnert suchte nach einer Antwort, aber er fand sie nicht. Er war wie benommen von dem allem. Das war mehr Liebe, als er sich in seinem ganzen dreiunddreißigjährigen Leben zusammenrechnen konnte. Er legte die Hand auf die Stuhllehne, drin ein Kleeblatt eingeschnitten war, und faltete die Hände zum ersten Male seit vielen Jahren. Dabei war ihm, als flimmere was vor seinen Augen.

Die Geschwister schwiegen und sahen ihm bewegt zu. Als sie aber wahrnahmen, daß er sich wieder gesammelt hatte, sagte Toby: »Nun also, Lehnert, wir bleiben und leisten dir Gesellschaft. Sieh nur, Uncas schließt auch Freundschaft mit dir. Nicht wahr, Ruth, das bedeutet was? Er ist sehr wählerisch und hält nicht gleich zu jedem.«

Lehnert nahm von der Milch und brach dann, um sie sich vorzustecken, einige Blüten von dem Lindenzweig ab, und Ruth sah wohl, daß ihn dieser Zweig ganz besonders erfreut hatte.

»Das dankst du dem Mister Kaulbars und seiner Frau«, sagte Ruth. »Die sagten, das sei so Sitte drüben. Und da bin ich selber gegangen und habe den Zweig gepflückt und um die Milchkufe gelegt, aber, die Wahrheit zu gestehen, doch nur mit halber Freude. Denn die Kaulbarse, besonders aber er, wollen alles preußisch machen, und wenn ich denke, daß du nun auch ein Landsmann von ihnen bist, so beschleicht mich eine kleine Furcht, daß wir hier eine preußische Kolonie werden.«

»Das hat gute Wege«, lachte Lehnert, »ich habe das Alte drüben gelassen.«

»Ja«, fuhr Ruth fort, »das sagen alle, die herüberkommen, und auch die Kaulbarse haben so was gesagt: aber eigentlich halten sie fest am alten, und da macht keiner eine Ausnahme, nicht einmal Monsieur L'Hermite, der freilich nicht am alten hängt, aber doch an seinen alt mitgebrachten Ideen, und sich dabei einbildet, was mindestens ebenso schlimm ist, der Neueste der Neuen zu sein.«

»Und soll er es nicht?« warf Toby ein. »Ist er nicht der Allerneuesten einer? Ist er nicht ein Kommunard? Und wenn du von Furcht redest, von Furcht vor Lehnert und vor den Preußen, warum, wenn du doch von ›ebenso schlimm‹ sprichst, warum fürchtest du dich nicht vor Monsieur L'Hermite und seiner Kommune?«

»Weil ich nicht an sie glaube.«

»Wie kannst du das sagen, Ruth! Das ist Torheit. Warum glaubst du nicht an sie?«

»Weil sie für uns ein Märchen ist.«

»Ein schönes Märchen! Rotkäppchen ist mir lieber.«

»Da triffst du's freilich«, lachte Ruth und war froh, von einem Gespräche loszukommen, das ganz gegen ihren Willen ins Politische hineingeraten war. Und nun tat sie noch ein paar Fragen, und als Lehnert mittlerweile sein Mahl beendet hatte, wandte sie sich wieder an den Bruder und sagte: »Nun aber ist es Zeit, Toby, daß wir Mister Lehnert auf sein Zimmer führen.«

Alle drei stiegen treppauf. Toby führte, während Ruth, im Geplauder mit Lehnert, folgte.

Der Oberstock war von ganz anderer Einrichtung als das im wesentlichen nur aus Treppenhaus, Betsaal und Halle bestehende Erdgeschoß, und wenn dieses letztere, mit Ausnahme von Obadjas Wohnzimmer, lediglich kirchlichen Zwecken oder gelegentlicher gesellschaftlicher Repräsentation diente, so diente das, was eine Treppe hoch lag, dem häuslichen Leben, der Gemütlichkeit, der Familie. Beide Hälften des Oberstockes, zwischen ihnen ein großer quadratischer Flur, waren durch einen schmalen Mittelgang wieder in eine Reihe verschiedenster Vorder- und Hinterzimmer geteilt, von denen alles Linksseitige von Maruschka, Ruth und Toby bewohnt wurde, während alles an der entgegengesetzten Seite Gelegene die Gast- und Fremdenzimmer umschloß. Eines derselben war für Lehnert bestimmt worden und lag dem Zimmer gegenüber, das von Monsieur L'Hermite bewohnt wurde.

Ruth, als man oben war, ging, sich verabschiedend, nach links hin den Gang hinunter, während Toby Lehnerts Hand nahm und ihn, nach der anderen Seite hin, auf einen in Dämmerlicht daliegenden Korridor zuführte. Nur am Ende desselben war ein Lichtschein. Dieser kam aus Monsieur L'Hermites Zimmer, das meist offenstand und dem Korridor nicht bloß ein eigenes von seiner Helle, sondern, nicht eben zur Freude der anderen Hausbewohner, auch viel von dem »Korporal« mitteilte, da beständig darin geraucht wurde. Lehnert, als er bis heran war, warf einen Blick in das Zimmer hinein und sah hier einen hageren Mann von Mitte Fünfzig, mit Zwickelbart und Käppi, der, an einem Schraubstock eifrig beschäftigt, eben in einem scharfen Profile sichtbar wurde. Auch L'Hermite sah von der Arbeit auf und schob das Käppi nach hinten, was einen Gruß bedeuten, aber auch bloße Neugier sein konnte. Weiter darüber nachzudenken verbot sich, denn Toby hatte mittlerweile die gerad gegenüber gelegene Tür geöffnet und trat ein, während Lehnert folgte.

»Das ist nun also dein Heim, Lehnert, das dir eine Friedensstätte werden möge. So soll ich dir im Auftrage des Vaters sagen. Er hat dies Zimmer für dich ausgesucht, weil er meint, die Berge drüben würden dich freuen.«

»Das werden sie; danke deinem Vater dafür! Und nun sage du mir, wie hab ich mich drüben zu meinem Nachbar zu stellen? Er ist ein Franzose?«

»Ja. Von Geburt. Aber es ist sein nicht geringer Stolz und, wie du bald erfahren wirst, auch sein Lieblingsthema, die nationalen Vorurteile hinter sich zu haben. Er war, wie du vorhin schon aus unserem Gespräche gehört haben wirst, ein Mitglied der Kommune, ja mehr, ein Führer derselben, und hat den Erzbischof von Paris erschießen lassen und sollte dann später selbst erschossen werden. Nur durch ein Wunder kam er mit dem Leben davon. All das sind Dinge, wovon ich dir (wenn er's nicht selber tut) ein andermal erzählen werde. Heute nur das noch, daß er deinen Frieden nicht stören wird, höchstens deine nächtliche Ruhe. Denn er ist ein unruhiger Geist, den mitunter die Lust anwandelt, ein paar Stunden in der Nacht zu plaudern. Vielleicht ist es auch sein Gewissen, was ihn wach hält. Und dann wankt er durch das Haus und weckt jeden, und einmal war er selbst bei dem Vater. Und dann spricht er wie irr und deklamiert lange Gedichte vom Menschengeist, der seine letzten Fesseln abwerfen müsse.«

»So nehmt ihr ihn also einfach als einen Irren?«

»O nein, durchaus nicht, er ist nicht irr, im Gegenteil, er ist grundgescheit und kann alles und weiß alles. Er hat nur eine Menschheitsbeglückungsidee, der er alles opfert, und am liebsten einen Erzbischof, einen Empereur, einen Papst. In seinen Ideen ist er ein Fanatiker und tut das Äußerste, sonst aber ist er wie ein Kind. Er ist der Friedliebendste von uns allen, und es ist rührend, ihn zu sehen, wenn er Ruth sieht. Dann verklärt sich sein Gesicht, und ich glaube, wenn sie's beföhle: so ging' er nach Neu-Kaledonien und Numea zurück. Von da floh er nämlich und kam bis hierher. Aber was sprech ich nur von Monsieur L'Hermite. Du wirst ihn kennenlernen, und unter allen Umständen ist er kein Gesprächsstoff für deinen Einzug an dieser Stelle. Denn es ist Blut an seinen Händen, ungesühntes Blut.«

Lehnert, als Toby so sprach, brannte der Boden unter den Füßen, und es war ihm, als ob er fliehen müsse. Toby aber, völlig ahnungslos, welche Wirkung seine harmlos hingesprochenen Worte hervorgerufen hatten, trat in diesem Augenblick an ein mit allerhand Matten und Kissen belegtes, zugleich als Sofa dienendes Bambusgestell und sagte, während er auf zwei darüber aufgehängte Bildchen in schwarzem Rahmen hinwies: »Das ist der Remter in Marienburg ... Und das hier ist Kloster Oliva. Kennst du sie? Sie sind das einzig Preußische, was wir noch von alter Zeit her im Haus haben.«

Es war nicht ohne Verlegenheit, daß Lehnert Namen und Dinge nennen hörte, die jenseits seiner Kenntnis lagen, es blieb ihm aber erspart, diese Nichtkenntnis bekennen zu müssen, denn Toby brach ab, ohne auf Antwort zu warten, und verließ das Zimmer. Als er schon draußen war, wandt er sich noch einmal zurück und sagte: »Ich hoffe, daß nichts fehlt. Wenn aber etwas fehlen sollte, hier ist der Knopf, auf den du drücken mußt; es ist eine Drahtleitung, die wir Monsieur L'Hermite verdanken. Monsieur L'Hermite ist nämlich ein Erfindergenie; nun, du wirst ihn ja kennenlernen. Und nun Gott befohlen. Ich will zu Ruth und ihr, wozu ich gestern nicht kam, von Galveston erzählen und von Edwin Booth, der von New York auf Gastspiel da war und volle Häuser machte. Good-bye!«

Und nun war Lehnert allein, ein Moment, nach dem er sich gesehnt hatte. Benommen von der Fülle von Eindrücken, die diese wenigen Stunden ihm gebracht hatten, ging er auf das mit Matten und Kissen überdeckte Lager zu, streckte sich nieder und schloß die Augen. Er wollte nicht sehen, um die Bilder seiner Seele desto deutlicher vor Augen zu haben. Da war der Alte, lächelnd, vornehm überlegen, ein wenig zu sehr Papst. Aber was bedeutete das, bei soviel Milde! Dann trat Monsieur L'Hermite vor ihn hin, das Käppi zurückgeschoben und das Gesicht über den Schraubstock gebeugt. Und dann wieder sah er Ruths halb noch kindliche Gestalt, und ein Gefühl unendlicher Sehnsucht ergriff ihn. Wonach? Nach einer ihm verlorengegangenen Welt. Er sann nach, womit er Ruth vergleichen könne, verwarf aber alles wieder, bis ihm zuletzt die Worte Tobys gleich bei der Vorstellung wieder einfielen, und daß Monsieur L'Hermite gesagt habe »un ange«. Ja, das war sie, ein Lichtstrahl. Und wenn seinem Leben ein solches Licht geleuchtet hätte, ja, wenn er nur gewußt hätte, daß es Erscheinungen wie diese gäbe ... Ja, dann ... Aber nun war es zu spät.

Er stand auf und hielt in dem Zimmer Umschau. Schlicht und sauber war alles. Alle Stühle von Bambus (sogar der Schaukelstuhl am Fenster) und am Pfeiler daneben zwei Stiche: Washington und General Grant. Sonst nur noch ein Bett und ein Tisch und eine Bibel darauf. Und er nahm die Bibel, und der Gedanke kam ihm. er wollte sein Schicksal darin lesen, und ob er den Frieden finden würde. Und nun schlug er auf, es war ein Psalm, und las: »Zähle meine Flucht, fasse meine Tränen, ohne Zweifel, du zählest sie. Was können mir die Menschen tun? Ich hoffe auf dich, du hast meine Seele vom Tode gerettet.« Er war tief ergriffen, und Tränen entstürzten seinem Auge. Dann schritt er auf das Fenster zu, öffnete beide Flügel und sah hinaus. Greifbar nah, so wenigstens erschien es ihm, zog sich das bis auf den Kamm hinauf mit Tannen und allen Arten von Nadelholz bestandene Gebirge, dazwischen aber schlängelte sich ein Weg hernieder, und wo der Weg ins Tal mündete, stand ein weißes Haus, zerfallen und ohne Dach, vordem ein Fort, das Fort O'Brien. Darüber lag der blaue Himmel, und ein heller Wolkenstreifen zog den Kamm entlang, den an dieser Stelle nur ein einziges mächtiges Felsenstück überragte.

»Das ist der Mittagsstein.«

Und dann sah er wieder hinaus und suchte hinauf, ob er nicht noch andere Punkte zur Vergleichung und Erinnerung fände. Zuletzt aber ruhte sein Blick immer wieder bei dem weißen Haus unten am Abhang aus, und eine Stimme rief ihm zu, daß sich seine Geschicke dort erfüllen würden.

Aber die Stimme sagte nicht, ob zu Glück oder Unglück.

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