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Theodor Fontane: Quitt - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
titleQuitt
authorTheodor Fontane
isbn3-7466-5275-8
publisherAufbau Taschenbuch Verlag
addressBerlin und Weimar
year1993
firstpub1891
senderreuters@abc.de
created20040709
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Achtzehntes Kapitel

Am anderen Morgen wollte Lehnert nach Nogat-Ehre hinaus und daselbst sein Heil bei den Mennoniten versuchen. Aber bis dahin war noch eine lange Zeit, lang und bedrücklich, abgesehen davon, daß es Schwierigkeiten zu haben schien, auf der Station eine Bewirtung und selbst ein Unterkommen zu finden. Als dies Unterkommen aber erst bewilligt war, fand sich auch ein Essen: ein Huhn, das bei Eintreffen des Zuges noch im Wegekies umhergescharrt hatte. Dabei blieb es denn freilich – es war eine von den Einsamkeitsstationen –, und Lehnert, um die Zeit notdürftig hinzubringen, sah sich gezwungen, stundenlang alte Geschäftsanzeigen und noch ältere Fahrpläne zu lesen. Dann und wann kam ein Zug, das war etwas, aber die daraus erwachsende Zerstreuung war doch nur gering und jedenfalls immer nur von kürzester Dauer.

Der letzte Zug kam um neun Uhr vierzig Minuten und war ein Expreßtrain, der, auf der Strecke von Galveston bis St. Louis nur dreimal auf längere Zeit anhaltend, an einer so kleinen Station wie Darlington mit rasender Geschwindigkeit vorübersauste. Lehnert sah diesem Zuge nach und freute sich der am letzten Wagen ausgehängten Laterne, die, wie suchend, auf die durchflogene Strecke zurückzublicken schien; plötzlich aber schwand das Licht in einem Nebelstreifen, so wenigstens kam es ihm vor, und als Lehnert es wiederzufinden trachtete, sah er plötzlich statt des einen Lichtes viele Lichter, wie wenn der Zug mit seinen erleuchteten Waggons eine Biegung gemacht und aus der senkrechten Linie in die waagerechte übergegangen wäre. Jeden Augenblick war er denn auch gewärtig, das helle, lichterreiche Bild, indem er nach wie vor den Zug vermutete, zwischen den Bergen verschwinden zu sehen. Als es aber blieb, überkam ihn eine Neugier, und er fragte den jetzt dienstfreien Beamten, was es sei.

»Das ist Nogat-Ehre.«

»Nogat-Ehre«, wiederholte Lehnert und sah unausgesetzt auf das Geflimmer, das ihn friedlich wie die Sterne zu grüßen schien.

Lehnert war früh auf und hatte wieder auf derselben Bank am Stationshause Platz genommen, von der aus er, am Abend vorher, erst auf den verschwindenden Eilzug und dann auf die bleibende Lichterreihe von Nogat-Ehre geblickt hatte. Der Morgen war frisch und steigerte das Wohlgefühl, das ihm ein guter und auskömmlicher Schlaf gegeben hatte, trotzdem war seine Zuversicht hin und einem starken Zweifel gewichen, dem Zweifel, ob er, trotz seiner Unterredung mit Tobias, den Schritt auch tun und sich in Nogat-Ehre melden solle. Wie war sein Leben verlaufen? Unter Abenteuer und Gewalttätigkeit und unter Auflehnung gegen Ordnung und Gesetz. Und er wollte sich bei den Mennoniten verdingen? Ja, wer waren denn die Mennoniten? Damals, als er noch im Camp in Dakota lag und abends beim Gin immer nur ein Witzeln über die Mennoniten hörte, die für reich galten und weiter nichts, da hätt es vielleicht gepaßt, weil er's nicht besser wußte. Jetzt aber wußte er, daß es fromme Leute seien, fromm und fleißig und wahrheitsliebend und Feinde von Eid und Krieg. Und in solche Friedensstätte wollt er einbrechen? Das durft er nicht; er gehörte nicht dahin, er war eine Störung, und wenn er keine Störung war und den Frieden der Friedfertigen nicht trübte, war er seinerseits der Mann, den Frieden, den er da vorfand, auch nur tragen zu können? Lag es nicht so, daß der Krieg sein einzig Stück glücklich Leben gewesen war? Und was verwürfe der Mennonit mehr als den Krieg?

So sinnend, sah er auf das Bahngeleise, das, auf kaum zehn Schritt Entfernung, hart an ihm vorüber nach Norden führte. War es nicht besser, diesem eisern vorgeschriebenen Wege, wie er's ursprünglich gewollt hatte, zu folgen?

Er überlegte noch, als er, schräg neben der Bahn, ein zierliches kleines Fuhrwerk über die Felder kommen sah, und ein zweiter rascher Blick war ausreichend, ihn erkennen zu lassen, wer die Herankommenden seien. Es waren die Geschwister, die gestern auf demselben Feldwege die Heimfahrt nach Nogat-Ehre gemacht hatten, und Ruths Schleier, der auch heute wieder wehte, nahm ihm den letzten Zweifel. Und mit diesem Zweifel fielen auch all die Bedenken, die seit Stunden auf ihm gelastet hatten, wieder von ihm ab, und es stand wieder fest in seiner Seele, daß die gestrige Begegnung eine Schickung gewesen sei und daß er's bei den Mennoniten versuchen müsse. Freudig erhob er sich und ging rasch auf den kleinen Wagen zu, der, eben die Schienen kreuzend, mit geschickter Biegung auf den Hof des Stationsgebäudes fuhr. Derselbe junge Cherokee, der schon gestern bei Lehnerts Ankunft bereitgestanden hatte, sprang auch heute wieder dienstfertig hinzu, Tobias aber gab der Schwester die Zügel in die Hand, stieg ab und begrüßte sich mit Lehnert. »Alles in Ordnung. Ich habe mit dem Vater gesprochen, und es ist nun an dir, in unsere Farm einzutreten und sein Hausmeier zu werden. Ob erster oder zweiter, das wird sich zeigen. Er ist froh, einen Deutschen mehr in seinem Hause zu haben. Er sagt, die Deutschen seien die besten, auch wenn sie, verzeih, nichts taugten. Und nun erlaube mir nachzuholen, was ich gestern versäumt habe, dir meine Schwester Ruth vorzustellen, ›un ange‹, wie Monsieur L'Hermite jeden Tag mehreremal versichert, eine ›verwöhnte Krabbe‹, wie Mister Kaulbars sagt.« (Ruth nickte.) »Mister Kaulbars ist nämlich ein Landsmann von dir, ein Preuße, der dir, denk ich, ein gut Teil von Prince Frederic Charles erzählen wird. Aber nun steig auf und setz dich neben Ruth. Oder noch besser, wir setzen uns zwei beid in den Fond, und Ruth kutschiert. Sie fährt nämlich wie ein Fahrer, ein Wort, das ich auch deinem preußischen Landsmann verdanke.«

Während Toby noch so plauderte, war auch der Clerk aus dem Stationshause herangetreten, dem nun Auftrag gegeben wurde, Lehnerts Felleisen nach Nogat-Ehre hinauszuschaffen. Er versprach es auch mit aller Bereitwilligkeit, denn im Stationshause hielt man auf gute Nachbarschaft mit den Mennoniten, besonders mit Obadja, der es an Hilfen und Liebesdiensten nie fehlen ließ und erst neulich wieder, bei der Krankheit des jüngsten Kindes, mit Akonit und Nux Vomica geholfen hatte.

Mittlerweile lenkte das Wägelchen in den Feldweg ein, und die Bahn in freilich immer weiter werdendem Abstande neben sich, ging es zwischen den Maisfeldern hin, deren hoher Stand den Wagen samt seinen Ponies überragte. Schließlich war man aus den Maisfeldern heraus, und gelber Raps lag vor ihnen, dessen Duft der von dem den Shawnee-Hills gegenüber gelegenen Gebirge herkommende Wind ihnen zutrug. Und dazu klangen die Glöckchen, wenn die Shetländer ihre langen Mähnen schlugen, um sich der Bremsen zu erwehren. Lehnert aber sog das alles begierig ein, und es war ihm, als flog er und als wären es alte Zeiten und als täten sich Heimat und Glück noch einmal vor ihm auf.

»Ist das alles euer?« frag er und wies auf die Fruchtfelder links und rechts.

»Ja«, sagte Toby, »das heißt, alles Mennonitenland, alles Nogat-Ehre. Was aber dem Vater persönlich gehört, unsere Farm, das liegt nach der anderen Seite zu, das sollst du morgen sehen, da steht es noch besser, und der Klee geht bis über die Wagenräder. Du mußt nämlich wissen, der Vater ist ein großer Farmer und Landmann und liest alle Zeitungen und Zeitschriften, und was die Gelehrten anraten, und besonders, wenn es aus England kommt, das schafft er an und scheut kein Geld. Nicht wahr, Ruth?«

Ruth, ohne sich nach ihnen umzusehen, nickte langsam und gravitätisch, und Lehnert sah aus der halb komischen Art, in der diese Zustimmung erfolgte, daß Obadja zu den Neuerungsenthusiasten gehören müsse, die den Entdeckern das Ei fortziehen, noch eh es ausgebrütet, überhaupt könnt er wahrnehmen, daß das Gemisch von Offenheit und Heiterkeit, das ihn schon an dem Bruder so angezogen hatte, bei der Schwester noch stärker vertreten war. Von Ernst und Schwerfälligkeit keine Spur, und dabei ihr Frohsinn von jener entzückenden Art, wie die kindlich Gläubigen ihn so oft haben, die nicht anders wissen, als daß Gottes gütige Vaterhand sie jeden Augenblick hält und trägt und schützt. Ein beseligendes Gefühl immer abwesender Gefahr.

Eine kleine Pause war eingetreten, und Toby. dem daran lag, das so glücklich eingefädelte Gespräch auch fortgesetzt zu sehen, nahm es an alter Stelle wieder auf und sagte: »Ja, kein Geld und keine Müh. Nichts scheut er. Und das alles bei seinen hohen Jahren.«

»Ist er denn schon so alt?« fragte Lehnert. »Ihr seid ja doch beide noch so jung.«

»Dreiundsiebzig«, lachte Ruth.

»Da muß er sehr spät geheiratet haben.«

Jetzt verdoppelte sich das Lachen. Aber Toby, der wohl fühlte, daß das Lachen Lehnert verlegen machen müsse, gab nun Aufklärung und erzählte, daß der Vater dreimal verheiratet gewesen sei, so daß sie viele Halbgeschwister hätten. Die Kinder der ersten Ehe seien nach Preußen, nach Danzig und Dirschau zurückgegangen, die der zweiten lebten in Dakota, und sie beide seien die jüngsten. Ihr ältester Halbbruder sei schon über vierzig Jahre und voriges Jahr zum Besuch in Nogat- Ehre gewesen.

In diesem Augenblicke stieg der Boden ein wenig an, und als man oben war, wurd in kaum halbmeiliger Entfernung eine blinkende, langgestreckte, nur hier und da von hohen Pappeln überragte Häuserreihe sichtbar, auf die Ruth jetzt mit der Peitschenspitze hindeutete. »Das ist Nogat-Ehre. Siehst du's? In einer Viertelstunde sind wir da. Das letzte Gehöft da, zwischen den zwei Pappeln, das ist unser Haus. Und dann kannst du sehen, wie wir leben. Es wird dir schon gefallen. Das heißt, wenn du nicht so sauertöpfisch bist wie Mister Kaulbars, dein Landsmann. Der hat an allem was auszusetzen. Ob alle Preußen so sind? Ich kann es mir nicht denken. Du siehst um vieles freundlicher aus und so recht, als ob du glücklich und zufrieden sein könntest. Aber ich spreche so, wie wenn wir dich schon hätten. Und wir haben dich noch lange nicht. Ich weiß ja noch nicht einmal deinen Namen ... Toby, warum hast du mir seinen Namen nicht genannt?«

Toby lachte. »Weil ich ihn selber noch nicht weiß. Und der Vater hat auch gar nicht danach gefragt. Aber nun wird es freilich Zeit damit, wenn wir nicht mit einem Namenlosen in Nogat-Ehre einfahren wollen.«

»Ich heiße Lehnert Menz.«

»Ein hübscher Name«, sagte Toby.

Ruth nickte zustimmend. Aber gleich danach schien sie wieder wie wankend und schwankend zu werden und setzte hinzu: »Ja, hübsch. Aber was ist Lehnert? Ist es ein Kalendername?«

»Freilich ist er. Und du solltest ihn kennen. Lehnert ist Lienhardt. ›Lienhardt und Gertrud‹ wirst du doch nicht ganz vergessen haben.«

»Nein, gewiß nicht. Und war die schönste Geschichte, die wir als Kinder gelesen haben. Und der Vater kam oft dazu, wenn die Mutter sie vorlas, und nur Maruschka schlief immer ein und wurd erst wach, wenn ich sie mit dem Grashalm kitzelte. Ja, ›Lienhardt und Gertrud‹, das kenn ich, das war schön, wenn ich auch, offen gestanden, nichts Rechtes mehr davon weiß, und wenn Lienhardt und Lehnert ein und dasselbe sind, dann gefällst du mir noch besser. Und wenn du so bist wie Lienhardt, denn soviel weiß ich noch, daß er gut war, da wollen wir gute Freunde werden.«

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