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Theodor Fontane: Quitt - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
titleQuitt
authorTheodor Fontane
isbn3-7466-5275-8
publisherAufbau Taschenbuch Verlag
addressBerlin und Weimar
year1993
firstpub1891
senderreuters@abc.de
created20040709
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Siebzehntes Kapitel

Sechs Jahre waren hin, und wieder war Sommer, als ein schlank aufgeschossener Mann von Mitte Dreißig, der in seinem Aufzuge halb einem Cooperschen Trapper und halb einem Bret Harteschen Kalifornier aus den Diggings glich, auf einem bequemen Waldpfade, zu den Shawnee-Hills emporstieg, einem ausgedehnten, südlich vom Staate Kansas in den sogenannten »Indian-Territories« gelegenen Gebirgszuge. Er kam vom Fort MacCulloch, das er schon tags vorher verlassen, und hoffte noch vor Abend in dem an der andern Seite der Shawnee-Hills gelegenen Fort Holmes zu sein, an dessen Befehlshaber er einen Empfehlungsbrief hatte. Der Brief selbst aber lautete:

»... Dem Kommandierenden von Fort Holmes empfehle ich den Überbringer dieser Zeilen, Mr. Lionheart Menz, aus San Francisco, einen Preußen (aus Silesia) von Geburt, der bei Gelegenheit des letzten in unserer Nähe stattgehabten Railway-Accidents nach Fort MacCulloch gebracht und von uns in mehrwöchentliche Pflege genommen wurde. Bruch des linken Oberarms. In Abwesenheit Doktor Morrisons machte der auf einem Jagdzuge zufällig hier anwesende Gunpowder-Face, dessen Heilmethode sich wieder vollkommen bewährte, die Kur. Ich hebe diesen Punkt hervor, einerseits weil ich vernommen habe, daß Gunpowder-Face häufig auch in Fort Holmes verkehrt, andererseits weil ich zu wissen glaube, daß das Unterhalten freundschaftlicher Beziehungen zu den Indianer-Chiefs der Regierung mindestens ebenso erwünscht ist wie uns selbst. Mr. Lionheart Menz hat sich hier unser aller Herzen gewonnen. Er war, eh er nach San Francisco ging, mehrere Jahre lang in den Diggings, kam daselbst zu Vermögen und hatte vor, von San Francisco nach Portland und von Portland nach Shanghai zu gehen, um daselbst in ein Geschäft einzutreten, als das Fallissement der Neu-Mexiko-Bank ihn um fast sein ganzes Vermögen brachte. Von neuem anzufangen, war er unlustig, und so hat er denn, seit dem Zusammenbruch, vor, es wieder als Carpenter zu versuchen, am liebsten, seiner eigenen Angabe nach, in der Brettschneidebranche, weshalb er an den Mississippi will, wahrscheinlich nach St. Louis und, wenn er dort scheitert, nach Milwaukee, Wisconsin. Er ist, wie alle Deutsche, musikalisch, wovon er uns Proben gab, trotzdem ihm, die ganze Zeit über, nur die rechte Hand zur Verfügung war. Jetzt ist er vollkommen wiederhergestellt, und Ihr werdet zu Spiel und Tanz mehr von ihm haben wie wir. Sein eigentliches Instrument ist die Zither, hierlandes wohl schwer zu beschaffen, aber er knipst auch auf der Violine, meistens mit einer Federspule, was allemal eine vorzügliche Wirkung macht. Er hat den Wunsch ausgesprochen, seine Weiterreise, zunächst wenigstens, zu Fuß machen zu dürfen, weil er sich, nach so vielen Wochen voll Untätigkeit, nach Bewegung und Anspannung sehnt. Wir haben seinem Wunsche gern willfahrt und ihm zwei von unsern Cherokeeleuten als Führer und Träger mitgegeben. Unsere Bitte an Euch geht nun dahin, ihm in Fort Holmes gastlich begegnen zu wollen, mit jenem Entgegenkommen, das Ihr immer übt und sich in diesem Falle doppelt belohnen wird. Er ist nämlich, von seiner Musik ganz abgesehen, über deutsche Zustände gut unterrichtet, war Anno siebzig in der Nähe des deutschen Kronprinzen und hat den Einzug in Paris unter Bismarcks Augen mitgemacht. Daß seine Stellung in jenen Tagen eine hervorragende gewesen sei, wird sich kaum annehmen lassen, aber er hat doch den Vorzug, von allem damals Erlebten erzählen zu können. Ich empfehle mich Eurer kameradschaftlichen Geneigtheit. Henry Wood, Agent of the United States Government und Kommandant von Fort MacCulloch.«

So der Brief, der das, was Lehnert in den letzten sechs Jahren erlebt hatte, kurz erzählte. Ja, so war es gewesen. Sein Vermögen war rascher hingeschwunden, als er es erworben hatte. Im übrigen war die Nachricht von dem Bankrott der Neu-Mexiko-Bank, so unvorbereitet sie ihn traf, ohne tiefere Bewegung von ihm aufgenommen worden, weil ihn dieser beinahe völlige Vermögensverlust rasch und mit einem Schlag einem im Lauf des letzten halben Jahres in San Francisco geführten Spekulationsleben entriß, das ihm eigentlich schon widerstand, während er es noch mitmachte. Ja, er sehnte sich aufrichtig danach, an die Stelle des mit deutschen und schweizerischen und vielfach auch mit französischen Abenteurern in den Diggings verbrachten Lebens, und des schlimmeren in der kalifornischen Hauptstadt, wieder ein Leben voll Arbeit treten zu lassen, und die Reise nach dem Osten erschien ihm als der erste Schritt dazu. Selbst der Eisenbahnunfall, der ihn traf, war nicht angetan, ihn anderen Sinnes zu machen. Im Gegenteil, die stillen Wochen in Fort MacCulloch hatten ihn in diesen seinen Anschauungen nur noch gefestigt, und es war unter einem lange nicht gefühlten Behagen, daß er jetzt, frisch und rüstig, die Shawnee-Hills hinaufstieg, auf kaum fünfzig Schritt die beiden Cherokees vor sich, die seinen Koffer an einer über ihre Schultern gelegten Stange trugen. Von Zeit zu Zeit sahen sie sich nach ihm um, und ihr freundliches Grinsen, wenn er nach diesem oder jenem fragte, steigerte nur noch die Heiterkeit seiner Seele.

Gegen Mittag hatten alle drei, nach mehrmaliger Rast, den Kamm des ziemlich hohen Gebirgszuges erreicht, und Lehnert sah nun weit und frei nach Norden hin. Alles, was da vor ihm lag, war ein wohl an sieben Meilen breites, von der von Galveston kommenden Texas-Kansas-Missouri-Bahn durchschnittenes Quertal, an dessen entgegengesetzter Seite das Land allmählich wieder anstieg, bis es abermals einen ziemlich hohen, dem diesseitigen Zuge der Shawnee-Hills entsprechenden Bergzug bildete. Dazwischen wenig Leben. Von den Ortschaften an der Bahn hin waren nur die weiter entfernten sichtbar: Station Darlington und Station Gibson (letztere schon ganz drüben), während sich die verhältnismäßig nahe gelegene Station Holmes, samt ihrem gleichnamigen Fort, verbergen zu wollen schien. Erst als Lehnert die beiden Indianer herbeirief und nach dem Fort fragte, gaben sie seinem Auge die richtige Richtung, und nun sah er (die Station blieb versteckt) wenigstens die vier gekupferten Türmchen von Fort Holmes deutlich in der Nachmittagssonne blinken. Auch das palisadenumstandene Blockhaus sah er, samt seinem Feldsteinfundament, ja, die Luft war so klar, daß er vermeinte, die Palisadenstämme zählen zu können. Einer der beiden Indianer aber, der ein wenig Englisch radebrechte, wies unausgesetzt mit der Fingerspitze darauf hin und wiederholte dabei: »That's it... Fort Holmes«, lächelnd und bedeutungsvoll hinzusetzend: »Tea ... brandy ... six o' clock.«

Und ehe noch sechs Uhr heran war, hatte sich Fort Holmes in aller Gastlichkeit aufgetan, trotzdem der mitgebrachte Empfehlungsbrief, und zwar infolge zufälliger Abwesenheit des Kommandanten von Fort Holmes, noch gar nicht seine Schuldigkeit hatte tun können. Als nun aber, zwei Stunden später, der Kommandierende wieder daheim war und den ausführlichen Brief seines Kameraden Henry Wood von Fort MacCulloch gelesen hatte, steigerte sich das Entgegenkommen noch um ein erhebliches, und Aufforderungen von beinah dringlicher Natur ergingen an Lehnert, auch in Fort Holmes eine längere Rast nehmen zu wollen. Es würde sich schon ein Faden spinnen lassen, und was das Zitherspielen angehe, dessen der Brief Erwähnung tue, so wolle er nur sagen, die German Mennonites bei Station Darlington, keine fünfundzwanzig englische Meilen von hier, hätten eine Zither und würden sich gewiß bereit finden lassen, sie für kurze Zeit nach Fort Holmes hin zu leihen. Auf der Bahn sei's nah, und wenn sie dann die Zither hätten (und er wisse wohl, eine Zither sei noch viel schöner als eine irish harp), dann wollten sie »Yankee-Doodle« spielen und die »Wacht am Rhein«. Aber nicht »God save the Queen«, nichts Englisches, alles Englische tauge nichts. Und dann sollten die Indianer tanzen oder auch die Nigger, deren sie seit kurzem ein paar von Galveston her hätten, und wenn dann der Tag auf die Neige ginge, dann wollten sie sich auf den Wallgang setzen und den Mond aufgehen sehen und bei Brandy und Whisky, er habe noch einen feinen alten Glen Fillan, ihren Schwatz haben, von Chattanooga und Grant und Sheridan und von Bismarck und Moltke und Old William.

In dieser Weise – denn Fort Holmes war ein einsamer Posten, ebenso wie Fort MacCulloch – drang man gleich am ersten Abend in Lehnert ein, dieser aber, den ein ernstliches Verlangen erfüllte, dem vielwöchentlichen Nichtstun ein Ende zu machen, blieb nur bis über den zweiten Tag. Am Morgen des dritten nahm er Abschied und schritt vom Fort aus auf das gleichnamige Stationsgebäude zu, das, in kaum halbstündiger Entfernung, gerade da, wo der Schienenweg aus dem Gebirge trat, in einer halbmondförmigen Ausbiegung am Saum eines Ahornwäldchens lag.

Die kleine Bahnhofsuhr von Station Holmes zeigte neun Uhr früh, als Lehnert daselbst eintraf. In einer Viertelstunde mußte der von Galveston nach dem Norden führende Zug dasein, er kam aber mit erheblicher Verspätung, so daß Lehnert und die wenigen Personen, die mit ihm auf dem Bahnsteige warteten, sich beim Einsteigen in die Wagen beeilen mußten. Diese waren nur schwach besetzt, und in dem Coupe, darin sich's Lehnert alsbald bequem zu machen suchte, befand sich nur ein einziger Mitreisender, ein junger Mann von achtzehn Jahren, der, wiewohl einigermaßen abweichend von der Mode gekleidet, trotzdem leicht erkennen ließ, daß er einem guten Hause zugehörte. Seine Züge verrieten den Deutschen, während andererseits die Sicherheit und Ruhe seiner Haltung mit gleicher Bestimmtheit zeigte, daß er, wenn auch vielleicht nicht in Amerika geboren, so doch jedenfalls amerikanisch geschult sei. Die Gegend schien er zu kennen. Er las, in die Ecke gedrückt, eine Galveston-Zeitung und hatte den linken Arm auf eine Ledertasche gestützt, in deren Messingschild, wenn nicht alles täuschte, der Name des jungen Reisenden eingraviert war. Lehnert suchte denn auch das Eingravierte zu lesen, was ihm unschwer glückte. »Tobias Hornbostel« stand in oberster Reihe, dicht darunter aber in etwas kleinerer Schrift: »Nogat-Ehre, Station Darlington, Indian-Territory.« Das war beinah eine Biographie, mindestens eine volle Adresse. Lehnert, als er Namen und Ortsangaben entziffert hatte, war von dem allen aufs äußerste betroffen, und wenn er schon vorher den Wunsch einer Gesprächsanknüpfung gehabt hatte, so steigerte sich dieser Wunsch jetzt bis zum festen Entschluß. Er wollte nur warten, bis der Mitreisende das Zeitungsblatt aus der Hand gelegt haben würde. Das war nun geschehen, und Lehnert sagte: »Ihr seid ein Deutscher?«

Der, an den die Frage sich richtete, bejahte mit vieler Freundlichkeit und fragte dann seinerseits, woran er ihn erkannt habe.

»Nichts leichter als das«, sagte Lehnert. »Du hast das deutscheste Gesicht, das ich all mein Lebtag gesehen habe. Lache nur! Und siehst dabei so klar aus und so gut. Du gefällst mir.«

»Du nennst mich du.«

»Und du mich auch«, fuhr Lehnert fort, »was mir nur beweist, daß ich recht habe. Du bist nicht bloß ein Deutscher, du bist auch ein Mennonit. Und die Mennoniten nennen sich, glaub ich, ›du‹, ganz so wie die Quäker.«

»Daß ich nicht wüßte! Jedenfalls nicht immer.«

»Aber doch oft. Und wenn sie Tobias Hornbostel heißen, dann ganz gewiß. Nicht wahr?«

»Ja, dann gewiß«, antwortete Tobias und streckte ihm die Hand entgegen. »Ich sehe, du hast gute Augen und hast Namen und Ort auf dem Messingschilde gelesen. Und aus ›Nogat-Ehre‹ hast du den Schluß gezogen, daß ich ein Mennonit sein müsse.«

»Freilich. Aber du triffst es nur halb. Schon dein Name Hornbostel hätte mir alles gesagt, auch wenn ich den Ortsnamen Nogat-Ehre gar nicht gelesen hätte. Vor sechs Jahren, als ich eben herübergekommen war, war ich in Dakota, wo sie damals die Schwellen und Schienen für die Nord-Pacific-Bahn legten, und in einem Dorfe, das uns wegen seiner Tieflage viel zu schaffen machte (wenn ich nicht irre, nannten sie's Dirschau), in eben diesem Dorfe waren Mennoniten, und der Oberste der Gemeinde hieß Hornbostel. Obadja Hornbostel, mir noch deutlich in Erinnerung, weil wir, verzeih, über den Namen oft scherzten. Und ich weiß auch, daß die Rede davon war, in Obadja Hornbostels Farm einzutreten, wo's uns jedenfalls besser ergangen war als in unserem fiebrigen Sumpfloch. Aber ich hatte damals noch die Sehnsucht nach den Diggings hin, weil ich ein Narr war und reich werden wollte. Sonst hätt ich's wahr und wahrhaftig auf der Stelle versucht ... Obadja Hornbostel, ein hübscher, aber etwas wunderbarer Name.«

»Das war mein Vater.«

Lehnert erschrak fast. »Aber das war ja doch in Dakota, neunhundert Englische von hier.«

»Und ist doch so, wie ich sage. Wir waren erst in Dakota, da bin ich auch geboren, und meine Schwester Ruth auch. Und unsere Mutter ist da begraben. Und wir dachten auch in Dakota zu bleiben. Als aber ein Streit mit dem Government kam und die klugen Herren, die man uns nach Dakota schickte, so taten, als ob wir Mormonen seien oder doch nicht viel anders, da machte der Vater kurzen Prozeß und ist ausgezogen wie Abraham und die ganze Kolonie mit ihm, und diesen Herbst werden es fünf Jahre, daß wir hier sind und eine neue Heimat haben, in der man uns, bis jetzt wenigstens, nicht gestört hat. Erst sollt es wieder Dirschau heißen, so wenigstens wollt es der Vater, aber schließlich gab er es auf und nannt es, wie die Gemeinde wollte. Und so wohnen wir denn in ›Nogat-Ehre‹.«

Lehnert, als sein junger Mitreisender so sprach, starrte nachsinnend vor sich hin und rauchte dabei mit verdoppelter Energie. Dann warf er den Stummel weg, und es war ersichtlich, daß er sich einen Plan gemacht und eine Frage vorbereitet hatte. Trotzdem schwieg er noch immer. Endlich nahm er den Hut vom Kopf, strich sich über das volle Haar und sagte: »Glaubst du an Bestimmungen?«

Der andere lachte. »Gewiß glaub ich an Bestimmungen. Wenn Gott lebt und uns trägt und hält, muß es doch auch eine Bestimmung geben. Gott bestimmt alles, und er bestimmt sogar alles vorher.«

Lehnert sah unausgesetzt in die Landschaft hinaus. Erst nach einer Weile nahm er das Gespräch wieder auf und sagte: »Bestimmung. Ja, es wird schon so sein. Und wenn ich überlege ... Wie kam es? In Dakota hört ich deines Vaters Namen und wollt eintreten in seine Farm, oder doch beinah. Und hier, an den Shawnee-Hills, neunhundert Meilen weiter südlich, kaum berühr ich das Land, wen seh ich, wen treff ich? Dich, deines Vaters Sohn. Ja, das ist Bestimmung. Gott will, ich soll mit euch leben. Glaubst du, daß dein Vater mich brauchen kann?«

Tobias schwieg.

»Du schweigst. Und ich sehe daraus, ihr seid sehr wählerisch geworden seit Dakota.«

»Nein. Das nicht. Ich überlege nur, wie's wohl ginge.«

»Das soll euch keine Sorge machen. Ich habe, von Kind auf, Schwielen an meinen Händen gehabt, und wenn ich sie hatte, war mir immer am wohlsten. Ich will deinem Vater in der Wirtschaft helfen, pflügen und graben, wenn es sein muß, und das Vieh austreiben. Ich weiß mit Axt und Säge Bescheid und kann Uhren reparieren und Dach decken, mit Schindel und mit Stroh, und einen Stollen in den Berg schlagen. Und ich kann auch die Schreiberei besorgen und werde mich überhaupt schon nützlich machen. Und wenn du mit deinem Vater sprichst, denn ich komme nicht gleich mit (du mußt voraus, während ich in Station Darlington bleibe, das ist ja wohl eure nächste Station), dann sag ihm: ich glaubte, daß es so Gottes Wille sei, und deshalb früg ich bei ihm an. Zweimal derselbe Name, derselbe Mann. Es steht mir fest, es soll so sein.«

Toby nickte. Lehnert aber, als er gleich danach in Erfahrung brachte, daß man in weniger als einer halben Stunde schon auf Station Darlington eintreffen werde, ließ das Thema, das er vorläufig als erledigt ansah, fallen und sprach statt dessen von Utah und den Heiligen am Salzsee, von Portland, wohin er, um von dort aus in ein China-Handelshaus einzutreten, eigentlich habe gehen wollen, und zuletzt auch von Kalifornien.

»Kennst du Kalifornien?« fragte Toby.

»Nur zu gut. Was ich in vier Jahren in den Diggings erworben, bin ich in vier Monaten in San Francisco wieder losgeworden. Aber es ist gut so. Bestimmung auch das. Ich habe nie am Gelde gehangen und will nur frei sein. Ist dein Vater streng? Ein großer Befehlshaber?«

»Er befiehlt nie. Er sagt nur: ›Ich denke, wir machen das so.‹«

Lehnert lachte: »Oh, das kenn ich, das ist die fromme Form, aber es läuft auf dasselbe hinaus. Übrigens mir gleich. Wo Verstand befiehlt, ist der Gehorsam leicht. Bloß der Befehl rein als Befehl, bloß hart und grausam, da kann ich nicht mit, das kann ich nicht aushalten.«

Toby sah ihn groß an. »Das ist recht, was du da sagst. So denk ich auch, und so denken wir alle. Und wenn du so bist, da bin ich auch sicher, du wirst dem Vater gefallen. Er hat es gern, wenn man frei spricht und eine Meinung hat. Aber eine Form muß es haben, darauf hält er.«

Unter diesem Gespräche hatte man Darlington erreicht, und beide stiegen aus. Ein kleines Ponygefährt war schon vorher bis dicht an das Stationsgebäude herangefahren, und ein junges Mädchen von kaum sechzehn Jahren hielt die Zügel in Händen. »Grüß dich Gott, Ruth!« Ein listig dreinschauender junger Cherokee, der den Dienst auf der Station hatte, stand neben dem Gefährt und wartete. Diesem warf das junge Mädchen mit großer Geschicklichkeit die Zügel zu, sprang vom Wagen und war im nächsten Augenblick in herzlichem Gespräch mit ihrem Bruder. Dies Gespräch aber, wenn nicht alles täuschte, drehte sich um Lehnert und ob man ihn nicht sofort nach Nogat-Ehre mit hinausnehmen solle, was die Schwester von ihrem Bruder Toby zu fordern schien. Und in der Tat trat dieser noch einmal an Lehnert heran und sprach in dem Sinne, wie's Ruth gewollt hatte. Lehnert blieb aber fest und beharrte bei seiner Ablehnung. Er werde die Nacht im Stationshause zubringen und am anderen Morgen auf die Farm hinauskommen. So sei's am besten, und Toby solle nur vorher schon für ihn sprechen und nichts von dem vergessen, was er ihm gesagt habe.

Damit trennte man sich, und eine Minute später rollte das Ponygefährt wieder in die Landschaft hinein. Toby fuhr jetzt, während Ruth den Arm um des Bruders Schulter gelegt hatte. Der blaue Schleier flog, und an einer Biegung des Weges sahen sich beide noch einmal um und grüßten.

»Unschuld ...«, sagte Lehnert. »Wer dich hat, hat das Glück.«

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