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Theodor Fontane: Quitt - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
titleQuitt
authorTheodor Fontane
isbn3-7466-5275-8
publisherAufbau Taschenbuch Verlag
addressBerlin und Weimar
year1993
firstpub1891
senderreuters@abc.de
created20040709
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Dreizehntes Kapitel

»Er kommt nicht wieder«, hatte Christine gesagt; – sie konnte nicht wissen, was geschehen war, und sie wußte es doch. Daß er von ihr nichts zu befürchten habe, das bewies das Papier, das er in Händen hielt, und doch konnt er sich eines Gefühls banger Unruhe nicht entschlagen. Erst hatte die Mutter in Andeutungen gesprochen und nun Christine. Wenn er vor aller Welt der war, gegen den sich der Verdacht wie von selbst richten mußte, so war er verloren oder hatte doch auf lange hin einen schweren Stand. Er war müde von dem vielstündigen Bergauf und Bergab, aber seine Erregung war doch so stark, daß es ihn zu Hause nicht litt. Er mußte wieder hinaus, und die Frage war nur, »wohin?« Am nächsten lag ihm Vater Brauner, in dessen Ausschank »Zur Rabenklippe« die Holzknechte zu verkehren und sich bei einer Stonsdorfer oder einem Ingwer gütlich zu tun pflegten; aber das war keine Gesellschaft, die heute für ihn paßte. »Was macht Opitz?« oder »Ist Opitz noch immer gut bei Wege?« Das waren Fragen, die sich hier in zurückliegender Zeit, und noch ganz vor kurzem, mehr als einmal und mitunter mit ganz besonderer Betonung an ihn gerichtet hatten, und er erschrak bei dem Gedanken, daß sie sich auch heute wieder an ihn richten könnten. Das sollte nicht sein, und so beschloß er denn, statt in die »Rabenklippe« lieber ein paar tausend Schritte weiter bis zu Exners in die »Schneekoppe« zu gehen und in der wohlbekannten niedrigen Gaststube mit Gebirgsführern und Sesselträgern oder vielleicht auch mit alten Kriegskameraden, was immer das beste war, einen Diskurs zu haben. Denn er sehnte sich danach, eine Stimme außer seiner eigenen zu hören und von seiner Unruhe loszukommen. Er griff denn auch bald nach seiner Soldatenmütze, die neben dem Gewehr und dem alten Kalender am Riegel hing, und schritt auf Krummhübel zu. Halben Weges zwischen Brückenberg und der Obermühle trat er von dem tiefer gelegenen Wolfshau her auf den eine lange Schräglinie bildenden Fahrweg und sah nun einerseits nach Kirche Wang hinauf und andererseits nach Dorf Krummhübel hinunter, dessen weiße Giebel, trotz der schon herrschenden Dämmerung, in aller Deutlichkeit aus den vereinzelten Baumgruppen hervorblinkten. Der am deutlichsten blinkende Giebel aber war der von Exners »Schneekoppe«, und das helle Licht, das er dicht über der Straße flimmern sah, kam aus eben der Gaststube, drin er sich gütlich tun und hören und sprechen und alles, was ihn quälte, nach Möglichkeit vergessen wollte. Zwischen ihm und Exner lag nur noch der Gerichtskretscham und das kleine katholische Kapellchen mit seinem Sparrenwerk und seinem rotgestrichenen Dache.

Der Abend fiel rasch ein, und nur über Arnsdorf, tief unten im Tal, hing noch ein rotes Gewölk, vor dem der Schattenriß eines Kirchturms aufragte. Rechts daneben zog sich ein langes, schloßartiges, matt erleuchtetes Fabrikgebäude, dessen Fenster durch den Abendnebel hin gespenstisch flimmerten. Lehnert, der rüstig zuschritt, schickte sich eben an, die Fenster des obersten Stocks zu zählen, als er heftig zusammenschrak. Das Kapellchen, an das er bis auf fünfzig Schritt heran war, begann gerade zu läuten, und die zwischen dem Sparrenwerk hängende Glocke klang mit ihrem dünnen Tone hell und scharf durch die Luft. Es war dasselbe Läuten, das gestern, bald nach seiner Rast am Quell, vom Tale her zu der Kammhöhe hinaufgedrungen war, und unwillkürlich hielt er an und suchte, während er sich rückwärts wandte, die Stelle, drauf er gestern um eben diese Stunde gestanden hatte. Da war auch die Sichel wieder, und so schwach in diesem Augenblick ihr Licht war, so war es doch hell genug, den Weg am »Gehänge« hin deutlich zu zeigen, auf dem er gestern um fast dieselbe Zeit emporgestiegen war. Und dort war die Stelle, wo der Seitenpfad, an dem Brunnen vorüber, in scharfer Biegung abbog, und er mühte sich, ob er die nach der Hampelbaude hinüberführende Querlinie vielleicht verfolgen könne. Jetzt war sie da, die Linie, und jetzt wieder nicht, je nachdem die Phantasie mit ihm spielte, bis er mit einem Male einen Aufblitz und ein Rauchwölkchen sah und gleich danach den Widerhall eines Schusses durch die Berge rollen hörte.

Die Sinne vergingen ihm fast. Aber ein viel Erschütternderes harrte seiner im nächsten Augenblicke, denn ehe noch das Rollen von Schlucht zu Schlucht verhallen konnte, klang es deutlich vom Berge her zu Tal: »Hilfe!«

Lehnert hielt sich an dem das Kapellchen samt seinem dazugehörigen Schulhaus einfassenden Heckenzaun und horchte hinauf, ob sich der Ruf wiederholen würde. »Ja«, »nein«, und dann wieder »ja«. Und von einer furchtbaren Angst geschüttelt, war er bald nur noch von dem einen Verlangen erfüllt, die Stimme von da oben nicht mehr zu hören, dem Hilferuf zu entfliehen. Aber wohin? Exner, das ganze Dorf, alles schien ihm noch im Bereich der Stimme zu liegen, im Bereich des Hilferufes da oben vom Gehänge her, und so lief er denn weiter bergab, um die Nacht in Arnsdorf, oder wo's sonst sei, nur weit, weit ab zu verbringen.

Er war schon halb bis nach Arnsdorf heran und wollte eben in ein Wäldchen einbiegen, das die Krummhübler das »Birkicht« nennen, als er, andern Sinnes werdend, plötzlich in seiner Flucht anhielt und sich auf einen der vielen Baumstämme setzte, die hier, am Waldsaume hin, aufgeschichtet lagen.

»Es geht nicht. Ich kann so nicht weiter. Er lebt, es war seine Stimme ... Um Gottes Barmherzigkeit willen, vierundzwanzig Stunden ... soviel tausend tausend Sekunden ... Ich muß es anzeigen, daß ich einen Hilferuf gehört habe ... bei Zölfel oder Exner oder im Gerichtskretscham. Und sie müssen diese Nacht noch hinauf, diese Stunde noch.«

Und nun schwieg er, weil ihm mit einem Male der Gedanke kam, daß er sich, wenn er spräche, verraten werde. Bald aber nahm er sein Vorhaben wieder auf.

»Nein, ich werde mich nicht verraten. Gerade, daß ich es sage, das wird mich retten und wird alle Welt glauben machen, daß ich schuldlos sei. Bin's auch ... Und wenn er mich erkannt hat? Er hat mich nicht erkannt. Und Vermutung ist kein Beweis. Und wenn doch? Nun denn, dann mag mir das Messer an die Kehle gehen. Ich kann ihn nicht verkommen lassen in seiner Not und seinem Blut.«

Und er wandte sich wieder und stieg die zurück nach Krummhübel führende Berglehne fast noch schneller hinauf, als er hinabgekommen war, und zehn Uhr war noch nicht heran, als er vor Exners »Schneekoppe« hielt. Da wollt er hinein und sah durch die Fenster. Aber es waren zu viele Fremde da; so stieg er denn weiter hinauf, bis er an den Gerichtskretscham kam. Da war es stiller und nur Einheimische da, was ihm paßte. Vorher aber übersann er noch einmal in aller Vorsicht, was er sagen wolle. Da war denn das nächste, was ihm einfiel, daß er das Rufen nicht schon vor einer Stunde gehört haben dürfe, sondern in diesem Augenblick erst. Und nun trat er ein und machte Meldung und begrüßte Maywald und Neigenfink und den alten Gerichtsmann Klose, die sich eben zum Skat niedergesetzt hatten.

Aber keiner rührte sich, und das Spiel ging weiter. »Grand mit vieren«, sagte der alte Gerichtsmann. »Und nun komm, Lehnert, und sieh mit hinein, verstehst es ja, so was lernt man bei den Soldaten ... Und gerufen hat es, sagst du ... Das sind Fremde ... junge Leute ... Heute früh kamen Breslauer hier durch, ein ganzes Rudel, Gymnasiasten, oder wohl gar welche von der Kunstschule. Das ist dann ein ewiges Singen und Rufen. Und das verdammte Schießen dazu ... Soll eigentlich nicht sein ... Und wenn Opitz mal einen packt, dann is er sein Terzerol los oder auch seinen Revolver. Denn ohne Revolver geht es heutzutage nicht mehr ... Du gibst, Maywald. Aber was Ordentliches ... Dann is er sein Terzerol los, sag ich, und die Geldstrafe hat er dazu ... Wetter, ist das ein Blatt! Aber das kommt von solchen Geschichten, da grault sich 'ne gute Karte ... Nimm einen Stuhl und rücke ran. Lehnert, und hilf mir aus der Patsche.«

»Kann nicht, Gerichtsmann Klose«, sagte Lehnert. »Ich war heute schon drüben und bin müde zum Auslöschen ... Und Ihr meint also, es wäre nichts und man hätte keine Pflicht, hinaufzusteigen und nachzusehen? Von dem Schuß will ich nichts sagen, geschossen wird immer. Aber das Rufen. Es klang so. ja, wie sag ich, es klang so, wie wenn es was wäre.«

»Ja, wie wenn es was wäre«, lachte Klose, während Maywald zustimmte, »was ›sein‹ wird es wohl. Aber was? Ein Kommis, der seines Prinzipals Gelder zu früh einkassiert hat, und mit ihm eine Theaterprinzeß, und die sind nun längst oben und trinken einen Schlummerpunsch.«

Es war Lehnert nicht unlieb, die Skatnarren, die zugleich zu den Dorfhonoratioren zählten (denn auch Neigenfink, der sich übrigens zurückhaltender verhielt, war Gerichtsmann), so leichthin sprechen zu hören. Es gab ihm einen Teil seiner Ruhe wieder. »Sie haben am Ende doch recht. Und eigentlich kann's auch nicht anders sein. Es ist schon zu lange her ... Aber wenn es doch wäre ... wenn es doch wäre ...«

Draußen vor dem Kretscham stand ein Ackerwagen. Lehnert setzte sich auf die Deichsel und sah das Gehänge hinauf und horchte wieder mit gespanntem Ohr. Aber alles blieb still. So ging er zuletzt auf Wolfshau zu. Bei Frau Opitz war noch Licht, und Diana, als er vorüberging, schlug an. Sonst rührte sich nichts.

Und nun war er wieder auf dem Inselchen drüben und stieg in seine Kammer hinauf. Eine kleine Weile noch jagten sich allerlei Bilder und Gedanken durch seine Seele. Dann schlief er ein, fest und schwer und ohne Traum.

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