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Quinctius Heymeran von Flaming

August Lafontaine: Quinctius Heymeran von Flaming - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorAugust Lafontaine
year2008
firstpub1795
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-877-9
titleQuinctius Heymeran von Flaming
pages1228
created20081214
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorH. Niephaus
secondcorrection20120109
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7 Erster Theil.

Ängstlich lief der Freiherr von Flaming das Zimmer auf und nieder. Bald blieb er vor dem Stammbaume seiner Familie, bald vor dem Stammbaume seiner Frau stehen, und trocknete sich den Schweiß von der Stirn. Endlich öffnete sich die Thür, und der Arzt trat mit einer Miene herein, in der so viel Böses als Gutes zu lesen war. »Nun, lieber Doktor«, rief der Herr von Flaming, »ist es ein Junge?«

Ein lebendiger, starker Junge. Ich wünsche Ihnen Glück zu Ihrer Vaterfreude.

»Gott Lob und Dank, lieber Doktor! Ich war ja der letzte der Flaminge. Zwei Brüder, die ich hatte, starben ohne Erben. Sie sehen selbst, daß ich einen Sohn haben mußte. Der Junge ist also lebendig und stark? Doch auch wohlgestaltet, lieber Doktor? So weit ich meine Vorfahren kenne, war nicht Ein Krüppel darunter: alle groß, stark und ohne Fehl, wie Edelleute es seyn sollen. Zwar dieser« – er führte den Doktor zu seinem Stammbaume – »Wolfgang von Flaming – er starb früh, und that wohl daran; denn er war verwachsen. Wie gesagt...« –

10 Ihr Sohn ist ganz ohne Fehl; aber Ihre Frau Gemahlin...

»Gott wird ihr helfen. Wenn der Junge nur gesund ist! Glauben Sie, mir wurde oft heiß und kalt bei der Sache. Acht Jahre verheirathet, und noch kein Erbe!«

Nun, Ihr Sohn wird hoffentlich Ihr Geschlecht nicht aussterben lassen.

»Meinen Sie, liebster goldener Mann? Gott sey Dank dafür! Also gesund, stark?«

Aber Ihre Frau Gemahlin ist sehr schwach. Es hat schwer gehalten.

»Ja, ja, große Kinder kosten den Müttern immer viel. Setzen Sie sich dreist zu mir her, lieber Doktor. Vor Zeiten waren ja die Doktores auch halbe Nobiles: das weiß ich aus Prauns adeligem Europa.«

Halbe? Um Vergebung, Herr Baron: sie hatten sogar den Rang vor dem bloßen Edelmann.

»Nur in einigen Stücken, lieber Doktor, und in einigen nicht.«

Und in welchen denn nicht? fragte der Arzt etwas empfindlich.

»Auf ein andermal davon«, erwiederte Flaming verlegen, und brummte in den Bart: das verwünschte Latein! – »Nun Gott Lob! Ich habe einen Erben; einen gesunden, tapfern, verständigen ...« –

Tapferkeit und Verstand gebe ihm Gott! sagte der Arzt ein wenig ungeduldig.

»Die hat ihm Gott gegeben, lieber Doktor. Tapferkeit, Verstand – damit und dazu wird der Edelmann geboren. 11 Ein Adler zeugt keine Krähen. Sehen Sie, schon von der Römer Zeiten her, ist mein Stamm ...«

Von der Römer Zeiten? fragte der Doktor erstaunt.

»Von der Römer Zeiten!« antwortete der Herr von Flaming mit einem ruhigen Lächeln. »Meine Familie stammt aus Rom ab. Die Flaminier waren da ein sehr berühmtes Geschlecht. Unter einem Römischen Kaiser, ich weiß nicht welchem, wurden die edlen Familien gedrückt. Nun gingen einige der ältesten nach Deutschland an den Rhein, wo sie große Güter bekamen, um die Gränze gegen die Deutschen zu vertheidigen. Unter diesen war auch mein Ahnherr Flaminius.«

Flaminius! Aber Sie heißen ja Flaming!

»Ganz recht, lieber Doktor. Nach und nach nahmen meine Vorfahren Deutsche Sitten an, und auch den Deutschen Nahmen. Aus dem Lateinischen us wurde das Deutsche ing: Flaminius, Flaming

Aber woher wissen Sie denn das, Herr Baron?

»Ei, so ist es vielen Familien gegangen. Aus Geminius wurde Gemmingen, aus Sicinius Sickingen. Sie lächeln? Nur Geduld! (Er zog ein Buch hervor.) Ich will Ihnen Reinhardi de Gemmingen Discursus zeigen; darin ist es hell und deutlich erwiesen. Sie können nichts Gründlicheres lesen.«

Ich glaube Ihnen, Herr Baron, sagte der Doktor. Aber während wir hier von den todten Flamingen reden, stirbt vielleicht eine lebende, Ihre Frau Gemahlin. – Mit diesen Worten ging er hinaus.

12 Der Freiherr runzelte die Stirn, las noch einmal den Beweis, daß die Gemmingen von den alten Römischen Geminiis abstammen, schlug dann in Hofmanns geographischem Lexikon, und in Ferretii Musa lapidaria zum tausendsten Male die Römischen Senatsfähigen Geschlechter auf, lächelte bei jedem Flaminius, welcher Konsul gewesen war, und sagte einmal über das andere: »aus dem Geschlechte stammt mein Sohn!«

»Was willst du?« rief er endlich erhitzt einem Kammermädchen zu, das sehr eilig und mit verstörtem Gesichte in das Zimmer kam.

Ach, sagte das Mädchen ängstlich; die gnädige Frau ist sehr schlecht!

»Schlecht? das wolle Gott nicht! Nun, ich will kommen.« – Er warf das Buch zu, sagte: »Quinctius soll er heißen!« und folgte dem Mädchen nach, das vor ihm her die Treppe hinauf ging.

Da lag die Frau von Flaming, todtenblaß, beinahe ohne Lebenszeichen, und der Arzt goß ihr Arznei ein. Der Freiherr blickte sehr mitleidig auf sie, nahm dann seinen Sohn auf den Arm, und hatte vor Freude über ihn die Mutter beinahe wieder vergessen.

Frau von Flaming schlug jetzt die Augen auf, und sah ihren Sohn an ihres Mannes Brust gedrückt. Sie lächelte über den Anblick, hob die schwache Hand, als wollte sie Beide segnen, und sagte leise: wenn ich auch sterbe, so ist doch dein Wunsch erfüllt, geliebter Mann; du hast einen Sohn.

13 »Und Quinctius soll er heißen, liebe Frau!« sagte er freudig.

Wie? fragte eine alte Tante der Mutter; wie soll er heißen?

»Quinctius!« antwortete der Freiherr triumphirend.

Wie? fragten zehn adelige Damen aus der Nachbarschaft, die hier waren, und drängten sich um den Freiherrn her. »Quinctius!« war die Antwort. – Quinctius? wiederholten alle Damen erstaunt, schüttelten die Köpfe, und gingen eine nach der andern in ein Nebenzimmer. Nur die Mutter lächelte, und sagte leise: ein recht hübscher Nahme! Der Freiherr küßte seine Frau, und wollte dann wieder mit seinem Sohne spielen; der Arzt trieb ihn aber hinunter, weil die Wöchnerin der Ruhe bedurfte.

Die Damen im Nebenzimmer schüttelten noch immer die Köpfe. Quinctius! sagte die eine; den Nahmen habe ich nie gelesen, im Kalender so wenig, als sonst wo. – Und im Kalender, sagte die gelbe Frau von Amsel, die so gern schmaus'te, muß doch jeder stehen; wie soll man sonst den Nahmenstag feiern? – Und ein Heidennahme ist es, wenn er nicht im Kalender steht, sagte die fromme Frau von Donner.

Jetzt kam der Arzt, und gebot den Damen Stille; denn sie waren bei dieser Untersuchung ziemlich laut geworden. Man bat ihn, den Freiherrn doch von diesem Nahmen abzubringen. Er mußte es versprechen, wenn er Ruhe haben wollte; und so ging er zu dem Vater hinunter.

Kaum fing der Arzt von dem Nahmen des Kindes an, 14 so unterbrach ihn der Freiherr mit großer Lebhaftigkeit: »Sagen Sie mir, lieber Doktor, kann ich einen besseren Nahmen für den Jungen in der ganzen Welt finden? Quinctius! Quinctius! Und ein Zufall hat mich daraufgebracht.«

Aber woher haben Sie den Nahmen? und warum gerade den?

»Eigentlich heißt meine Familie das Geschlecht der Quinctier. Sie theilte sich in drei Linien: Flaminius, Capitolinus und Cincinnatus. Sehen Sie, hier in diesem Buche finden Sie es gedruckt.« (Er zeigte ihm, was darüber im Ferretius steht.) »Sie werden nun sagen, so ist Quinctius eigentlich ein Zunahme, und kein Vornahme; aber bei den Römischen Familien stand der Zunahme immer voran. Darum, sehen Sie ...« – Nun gerieth der Freiherr so tief in diese Untersuchung, daß er zuletzt sogar auf dem Punkte stand, seinem Sohne auch die Nahmen der beiden andern Nebenlinien zu geben. Der Arzt lenkte schnell mit der Frage ein: wäre es nicht gut, wenn Ihr Sohn auch einen Nahmen aus der Familie Ihrer Gemahlin bekäme? Die Nothaffts, dachte der Arzt, werden doch nicht etwa auch aus Rom abstammen sollen? Und so bekommt der Knabe doch Einen Kalendernahmen. – Der Freiherr antwortete mit großer Freude: »Herrlich! herrlich! Ihr Einfall ist Geld werth.« Er riß ungestüm den Buzzelinus aus der Bücherreihe, um einen Nahmen aus der Familie Nothafft zu suchen, holte noch ein Paar andere Bücher, nahm endlich Rüxners altes Turnierbuch, blätterte lächelnd, und sagte dann: »Hier! hier! Sehen Sie, auf dem merkwürdigsten 15 aller Turniere, dem zu Heidelberg 1481, war ein Nothafft im Gefolge des Herzogs von Bayern; und nach dem soll mein Sohn genannt werden. Eben hieraus kann ich beweisen, daß die Familie meiner Frau eigentlich Nothafft zu Wernberg heißt. Sehen Sie hier, lieber Doktor.« – Der Arzt las: Heymeran Nothafft zu Wernberg. – »Wahrhaftig, Ihr Einfall ist nicht zu bezahlen. Der Junge soll heißen: Quinctius Heymeran von Flaming

Man denke sich das Erstaunen des Arztes! Heymeran, gnädiger Herr? Auch der Nahme steht nicht im Kalender.

»Aber im Rüxner. So hieß ein sehr edler Vorfahr meines Sohnes. Denken Sie nur! er ist bei dem Turniere gewesen, das der Pfalzgraf Philipp der löblichen Gesellschaft des EselsDie Ritter aus den vier Landen waren in Gesellschaften getheilt, welche ihren Nahmen von Thieren hatten; als Gesellschaft des Esels, des Steinbocks, des Einhorns, u.s.w. in Heidelberg gehalten hat. Und – allen Respekt für die Heiligen; aber ich will lieber im Rüxner stehen, als im Kalender.«

Ich halte es überhaupt für kein Verdienst, im Kalender neben Heiligen, oder im Turnierbuche in der löblichen Gesellschaft des Esels zu stehen; allein ... –

Der Baron warf unwillig den Rüxner zu. »Sie mögen es«, sagte er stolz und kalt, »für ein Verdienst halten, oder nicht: – genug, mein Sohn heißt, nach zweien seiner edelsten Vorfahren, Quinctius Heymeran von Flaming; und damit Basta!«

16 Und wirklich, das Kind wurde Quinctius Heymeran getauft, so viel auch die Pathen und der Prediger noch am Tauftage dagegen einzuwenden hatten. Die sanfte, verständige Mutter sagte gar nichts; und als man ihr Vorwürfe darüber machte, erwiederte sie: es ist meines Mannes Sohn; und wenn er ein redlicher Mann wird, wozu ich Gott um seinen Segen bitte, so mag er heißen, wie er will.

Pathen und Nachbaren schalten Anfangs auf den Herrn von Flaming; er nahm aber jeden, der ihn tadelte, mit hinunter in sein Zimmer, und bewies, daß es Sünde und Schande wäre, seinen Kindern nicht die Nahmen ihrer Ahnherren zu geben. Man urtheilte nun milder über den Baron, und fing in Kurzem sogar an, ihn bei Taufen zu Rathe zu ziehen. So kamen in Flamings Nachbarschaft einige vergessene Nahmen, als Wolfgang, Edgar, Redgar u.s.w., wieder in Gebrauch, weil Bischöfe, Äbte und Turnierritter unter den Ahnherren einiger Familien so geheißen hatten; ja, Rüxner und die alten Turniere wurden damals dem umwohnenden Adel durch den Freiherrn von Flaming eben so bekannt, wie sie es jetzt der Deutschen Lesewelt durch ihre Ritterromane sind.

Flaming galt um so mehr für ein Orakel in Adelsangelegenheiten, da er die Kunst verstand, das Siegel der Heiligkeit auf seine Bücher zu drücken; er gab Niemanden eins davon, am wenigsten das Turnierbuch, in die Hände. Jedesmal, wenn er dieses hervorzog, versicherte er, es sey das einzige in seiner Art, und seit dem letzten Turniere 1487 in ununterbrochener Reihe bei seiner Familie gewesen. 17 Dadurch machte er sich zum Schiedsrichter in allen Streitigkeiten der adeligen Familien über ihr Alter, und hatte oft die Freude, von ihnen bei Verheirathungen und in vielen andern Fällen um Rath gefragt zu werden. Jetzt fing man auch an, es für den unverschämtesten Neid zu erklären, daß einige bürgerliche Gelehrte behaupteten, keine adelige Familie könne ihre Ahnen weiter als bis in das vierzehnte Jahrhundert mit Urkunden belegen, da Rüxner doch viele Familien bis 939 beurkundete.

Ehemals war die Verbindung des reichen Barons von Flaming mit dem armen Fräulein von Nothafft als eine Mißheirath angesehen worden; doch nun dachte man anders, da man im Rüxner schon 939 eine von Nothafft am Hofe des Kaisers fand. Die jetzige Frau von Flaming hatte als Fräulein mit ihrer Tante in einem Städtchen dieser Gegend sehr bescheiden und eingezogen gelebt, aber dennoch der Verläumdung nicht entgehen können. Sie war eben so gutherzig als reitzend, und gab von dem Wenigen, was sie hatte, den Armen des Städtchens ihren Theil. Man sprach daher Anfangs nur von dem wohlthätigen, aber bald auch von dem schönen Fräulein von Nothafft. Einige junge Herren sahen sie am Fenster, lobten ihr Gesicht, gingen und ritten die Straße, worin sie wohnte, täglich auf und nieder, brachten Nachtmusiken, und suchten Bekanntschaft in den Häusern neben an und gegen über, weil sie nun einmal nicht zu dem Fräulein kommen konnten. Das gab Aufsehen, und bald wurde auch zwei Meilen rund um das Städtchen her auf allen adeligen Rittersitzen von dem schönen Fräulein 18 gesprochen. Die Damen fingen an, ihr Gesicht zu tadeln; aber alle Männer vertheidigten es. Nun wollte man ihre Tugend verdächtig machen; allein auch das konnte nicht gelingen, da selbst die ärgste Bosheit nichts an ihrem Verhalten zu tadeln fand. Endlich griff man ihren Adel an. »Nothafft! Nothafft!« Niemand hatte diesen Nahmen schon sonst gehört. »Hm!« sagte ein Fräulein, mit gerümpfter Nase; »das Mädchen ist hübsch, arm und eitel. Nun möchte es gern eine gnädige Frau werden; darum giebt es sich für ein Fräulein aus.« Auch das wirkte abermals nicht lange; Todte und Lebendige vereinigten sich, das gute Mädchen in Schutz zu nehmen, und der alte Rüxner schien sein Buch recht absichtlich für sie geschrieben zu haben.

Der Freiherr Flaming hörte in einer Gesellschaft das Fräulein von Nothafft nennen und ihren Adel verdächtig machen. Er schüttelte den Kopf, schlug zu Hause seinen Rüxner nach, blätterte, zählte, schrieb auf, und erstaunte, als er fand, daß zwei und dreißig Nothaffte turniert haben, und daß sogar bei dem ersten Turniere 939, unter Kaiser Heinrich dem Vogelsteller, zu Magdeburg, ein Fräulein Katharina von Nothafft aus Schwaben zur Helmschau gewählt wurde. Da er eben so wenig an der Ächtheit des Turnierbuches zweifelte, als die Verfasser unserer Ritterromane, die es ausschreiben, so empfand er auf einmal die größte Ehrfurcht für die Familie von Nothafft. Jetzt lag ihm sehr viel daran, zu erfahren, ob das schöne Fräulein sich den ehrwürdigen Nahmen Nothafft nicht etwa nur angemaßt habe. Daher ritt er schon den folgenden Tag in 19 das Städtchen, und ging gerade nach dem Hause, worin das Fräulein wohnte.

Er traf die Tante allein, und leitete die Unterredung bald zu der Frage: »wo stammt denn Ihre Familie her, meine gnädige Frau?« – Aus Schwaben, antwortete die Tante, und erzählte ihm nun, da sie auf eins ihrer Lieblingskapitel gebracht war, Alles, was sie von der Familie ihrer Nichte wußte. Zuletzt zeigte sie ihm ihren Stammbaum, und ein Paar alte Urkunden: das einzige, was sie von dem Glanz ihrer Vorfahren noch übrig hatte. Jetzt kam das Fräulein selbst, und diese reitzende Blondine machte auf das Herz das Barons fast eben so tiefen Eindruck, als ihre Stammmutter Katharina im Rüxner auf ihn gemacht hatte. Im Gespräche nannte die Tante das Fräulein: Veronika. »Veronika heißen Sie?« fragte der Freiherr mit Erstaunen. – Der seltsame Nahme, erwiederte das Fräulein lächelnd, ist mit dem Nahmen Katharina in unserer Familie eisern. »O schön! schön!« sagte er. »Weiter brauche ich nichts zu wissen: denn, mein Fräulein, eine Katharina von Nothafft war 939 bei dem ersten Turnier in Deutschland; und bei dem dritten zu Kostanz 948 wieder eine Veronika von Nothafft. Wahrhaftig, man müßte Sie schon des Nahmens wegen lieb haben!« – Das Fräulein lächelte.

Die Tante erzählte ihm die traurigen Begebenheiten, welche sie aus Schwaben bis hieher getrieben hatten. Hier sind wir nun, fuhr sie dann fort, ohne Freunde, ohne Bekannte, ohne Landsleute, ohne ... – »Landsleute?« unterbrach sie Flaming. Um Vergebung, die haben Sie hier 20 wohl. Meine Familie stammt ebenfalls aus Schwaben; doch eigentlich aus Rom.« Er setzte nun beiden Frauenzimmern die Geschichte seiner Familie aus einander, und untermischte sie beständig mit den ehrfurchtsvollsten Anerbietungen seiner Freundschaft. Endlich nahm er sehr zärtlich von seiner schönen Landsmännin Abschied. Doch schon nach einigen Tagen war er wieder bei ihr. Er fing an, ihren sehr vollständigen und schönen Stammbaum ordentlich zu studieren, und bat um Erlaubniß, sich eine Kopie davon machen lassen zu dürfen. Sein eigener Stammbaum, der im Tafelzimmer an der einen Spiegelwand hing, war fast eben so groß. Oft stand Flaming betrachtend vor ihm, und jedesmal sagte er in sich, oder halblaut: »wenn der Stammbaum des Fräuleins an der zweiten Spiegelwand hinge, so ...« – Er trat vor die zweite leere Spiegelwand, und schüttelte den Kopf. Einen Monat nachher war das schöne Fräulein seine junge Frau, und er wußte in der That nicht, ob er sich mehr über sie oder über ihren Stammbaum an der zweiten Spiegelwand freuen sollte.

Natürlicher Weise gab das in der ganzen Gegend viel albernes Geschwätz; denn der Freiherr von Flaming war reich, und manche gnädige Frau hatte bisher noch immer gehofft, daß er ihr Schwiegersohn werden sollte. Fast alle Familien in der Nachbarschaft brachen ihren Umgang mit ihm ab, fingen ihn aber nach vier Wochen wieder an, weil sie neugierig waren, die Bettlerin kennen zu lernen, welche den reichen Flaming in ihr Netz geschwatzt hatte. So kam denn alles wieder in die vorige Ordnung; und nach der 21 Taufe des kleinen Quinctius Heymeran war man sogar billig genug, sich nicht mehr darüber zu wundern, daß der reiche Herr von Flaming das arme Fräulein von Nothafft geheirathet hatte. Die Unterthanen und die Domestiken des Freiherrn aber dankten schon früher Gott dafür, daß es geschehen war; denn sie beteten die gnädige Frau, als ihren Schutzengel, als ihre helfende Gottheit in allem Unglück, an.

Der kleine Quinctius Heymeran wurde indessen von Tage zu Tage größer, und munterer. Er trieb mit Stecken- und Wiegenpferden einen so argen Lärm, daß Allen die Geduld verging, nur seinem Vater nicht. »Laßt ihn reiten!« sagte dieser; »ein Edelmann gehört auf den Sattel. Sein Pathe ist Heymeran, ein Turnierritter, und der Bürgermeister oder Konsul von Rom, Quinctius.« Haben denn die Bürgermeister von Rom auch so unbändig geritten? fragte die Mutter. »Bürgermeister, mein Kind«, erwiederte Flaming, »war so viel als Reichs-General-Feldmarschall; und es versteht sich, daß der reiten mußte. Dem Jungen steckt das Reiten im Blute.«

So wurde der Knabe sechs Jahre alt, und kannte nun schon die edle Turnierkunst; denn sein Vater unterhielt ihn davon so oft, daß sogar den Bedienten und Wärterinnen die Turniersprache ganz geläufig wurde. Wenn das Kind mit nichts beruhigt werden konnte, so stellten Mägde und Bedienten mit ihm ein Stechen im hohen Gezeuge an. Ein Domestik trommelte aus Leibeskräften, ein Jäger blies das Horn, und der Knabe rannte einen Bedienten zu Boden. 22 Sobald der Freiherr die Trommel und das Horn hörte, stand er von jeder Arbeit auf, ging in die Kinderstube, und sah mit freudigen Augen den Thaten seines Sohnes zu. Die Mägde theilten am Ende den Dank aus, und man tanzte nach den fürchterlichen Tönen der Trommel und des Hornes.

Oft fragte die Frau von Flaming ihren Mann in seinen zärtlichsten Stunden: soll denn unser Sohn nichts anderes lernen, als turnieren? Dann erwiederte er: »Quinctius ist ein Edelmann; der braucht nichts zu lernen, als reiten, fechten und tanzen. Darum nennt man das: die adeligen Exercitia, weil das ein Adeliger nothwendig können muß. Alles Übrige ist nicht nöthig.«

Wie? fragte sie bestürzt, aber doch sanft: wie? nicht lesen, nicht schreiben?

»Nun ja, das auch, versteht sich; aber damit hat es noch immer Zeit, liebe Veronika.«

Sie versuchte es oft, ihren Gemahl ganz leise an die Vorstellung zu gewöhnen, daß ein Edelmann mehr als reiten, jagen, essen, trinken und schlafen können müsse, wenn er auf die Achtung der geringeren Stände Ansprüche machen wolle. Allein das war tauben Ohren gepredigt. »Lirum, larum!« sagte der Freiherr. »Mehr wissen? Darauf kommt es, Gott Lob! nicht an in der Welt. Sieh, mein Pastor, mein Justizamtmann, mein Aktuarius wissen alle mehr, als ich; und hast du schon gesehen, daß sie mir nicht die gehörige Achtung erweisen? Ich wollte ihnen aber auch nicht rathen, daß sie sich anders betrügen; denn ich bin Reichsfreiherr, 23 und sie leben meiner Gnade. Da steckt es, Veronika. Achtung! Narrenpossen! Der Edelmann ist Edelmann; darum muß ein Bürgerlicher ihn achten und ehren. Von Dummheit sage ich nicht; ein Dummkopf muß er nicht seyn. Aber gesunden Menschenverstand und einen Stammbaum, liebe Frau, und ein ehrliches Herz in der Brust: mehr braucht der Adelige nicht. Das Übrige gehört für den Bürger: predigen, richten und kuriren. Daß in jedem Kollegio ein Edelmann zum Präsidenten gemacht wird, ist gut; denn er hat Räthe und Sekretaire, die für ihn arbeiten. – Ja, sie sollten mir einmal die Achtung versagen, die ich als Freiherr fordern kann!«

Lieber Mann, du weißt und verstehst aber, außer dem Reiten und so ferner, noch vieles Andre.

»Nun ja, so ein wenig Wapenkunst; Geschichte, wie es in Deutschland hin und wieder zugegangen ist; Turnierkunst; und vom Papste, daß er keinem lutherischen Edelmanne das Turnieren verbieten darf; und so noch allerlei. Ja, das weiß ich aus Büchern. Aber, Veronika, dazu gehört nur gesunder Menschenverstand; denn ich habe mein Tage nichts gelernt, als lesen und schreiben. Das Alles soll Quinctius auch noch lernen, und er lernt es jetzt schon. Liebe Veronika, der Junge weiß ja mehr, als die meisten Adeligen in unsrer Nachbarschaft; er kann die sechs und dreißig Turniere in Deutschland beinahe auf den Fingern herzählen.«

Aber, lieber Mann, wird ihn das glücklicher machen, als er ist? wird ihm das Muth im Unglück geben?

24 »Das Studieren auch nicht, wahrhaftig nicht. Ist er eine Memme, so heult er im Unglück; ist er ein Mann, so trägt er es still weg. Gerade die Gelehrten sind da die ärgsten Memmen.«

Aber wie soll er Unglück vermeiden lernen?

»Ei, so frag! ... Wenn er ein ehrlicher Mann ist, und kein Dummkopf dabei, so hat es mit dem Unglück nichts zu sagen. Und schlägt das Gewitter ein, brennt das Haus weg, oder richtet der Hagel eine Ernte zu Grunde, da ist ein Magister nicht um ein Haar klüger, als ein Edelmann.«

Wenn er ein ehrlicher Mann ist, sagst du. Aber wer soll ihn lehren, ein ehrlicher Mann, ein guter Gatte, ein guter Vater, ein guter Herr, und ein guter Mensch zu werden?

»Nun, dazu lernt er ja die Turniergesetze. Hält er die, so wird er kein schlechter Kerl seyn, vor dem die beiden Stammbäume da sich zu schämen hätten. Du glaubst nicht, was für Kraft in den Turniergesetzen steckt!«

Aber, lieber Mann, die Turniere sind ja abgeschafft.

»Leider! Allein von wem? Vom Pabste. Gott Lob! wir glauben nicht an den Pabst, und brauchen also auch seine Befehle nicht zu achten. Ein lutherischer Edelmann kann immer wieder turnieren, und das Corpus evangelicorum beim Reichstage muß ihn dabei schützen. ... Sage mir nur, wenn Quinctius ein ehrlicher Mann wird, gilt es dir nicht einerlei, wie er es geworden ist?«

Das könnte mir wohl einerlei gelten; aber wenn er es nun auf eine andere Weise leichter würde, so ... –

»Leichter? Das verstehst du nicht, liebe Frau! Mit einem 25 Bürgerlichen, der ein Schurke ist, hab' ich Mitleiden; ist aber ein Edelmann ein Schurke, so möcht' ich Gift und Galle speien: denn dem ist es doch zehnmal leichter, ehrlich zu seyn, als einem Andern. Will er einen schlechten Streich begehen, so muß ihm ja, wenn er kein Hurkind ist, das edle Blut in den Adern brennen. Die Ehre, die adelige Ehre, die kein Bürgerlicher hat, muß ihn ja mit Gewalt abhalten; alle Vorfahren müssen sich ihm in den Weg stellen. Nun sieh, die Ehre unseres Quinctius ist von Mutter-Seite – ich will nur vom ersten Turniere in Magdeburg an rechnen – achthundert, und von Vaters-Seite über zweitausend Jahre alt.«

Aber, lieber Mann, giebt es denn nicht viele Edelleute, die, trotz ihrer alten Ehre, schlechte, unredliche Menschen sind?

»Da steckt es ja eben, liebe Veronika! Diesen Leuten hat man ihre adelige Ehre nicht theuer, nicht heilig genug gemacht. Sieh, da predigte man ihnen: du mußt rechtschaffen seyn, weil es geboten, weil Rechtschaffenheit ein Vergnügen ist. An den Edelmann, an die adelige Ehre, an Stammbaum und Ahnen wurde mit keiner Sylbe gedacht. Recht thun ist ein Vergnügen. Ja, ja! Da kommen Fleisch und Blut, böse Gesellschaft und Verführung, und sprechen aus einem andern Tone; und da werden es schlechte Leute. Aber ich, sieh, Veronika, ich nehme unsern Quinctius vor, und mache das Gefühl seines Adels, seiner adeligen Ehre bei ihm rege; er muß in jedem Blutstropfen fühlen, daß seine Vorfahren in Rom und Schwaben Konsuln, Turnierhelden und edle Männer gewesen sind. Sieh, wenn er nun 26 da steht, wie ein lebendiger Stammbaum, dann hole ich den Rüxner, – er nahm das Buch in die Hand, und schlug auf – und lese ihm vor, wie folget. Höre zu, Veronika! ›1) Wer mit frevelen Worten oder Werken bekennt, daß er kein Christ ist; 2) wer wider sein Deutsches Vaterland öffentlich oder heimlich frevelt; 3) wer Frauen oder Jungfrauen entehrt oder schwächt, oder dieselben schmähet mit Worten oder Werken; 4) wer siegelbrüchig, meineidig und ehrlos erkannt, oder nur dafür gehalten wird; 5) wer seinen Herrn verräth, oder in der Noth verläßt, seine Unterthanen ohne Recht drückt und unglücklich macht; 6) wer seinen Freund verräth; 7) wer Kirchen, Witwen oder Waisen bekriegt; 8) wer im Kriege Äcker, Weinberge oder Früchte verheert, oder auf den Straßen raubt; 9) wer seinen Nachbaren Unrecht thut; 10) wer seinem Eheweibe nicht treu und hold ist; 11) wer bürgerliches Gewerbe treibt, und so den Bürgern schadet; und 12) wer nicht vier Ahnen von Vater und Mutter erweisen kann: der soll nicht zum Turnier einreiten, sondern öffentlich geschlagen, und auf die Schranken gesetzt werden.‹« Flaming blickte, als er das gelesen hatte, starr auf seine Frau. »Und nun«, fing er dann sehr ernst an, »sage mir, liebe Veronika, enthalten diese zwölf Turnierstücke nicht alles, was zu einem ehrlichen Edelmanne gehört?«

Ganz recht! Wollte nur Gott, daß alle Adeligen diese Gesetze hielten! Aber, lieber Mann, wenn jemand sich vor der Hölle fürchten soll, so muß eine Hölle da seyn. Wo ist denn das Turnier, in das der Ehebrecher nicht einreiten darf? die Schranken, auf die ein Mädchenverführer gesetzt wird?

27 Der Freiherr wurde ein wenig verlegen. – »Darum sage ich eben, es ist ein Unglück, daß die Turniere abgeschafft sind; denn freilich, jetzt hält es ja mancher Adelige ordentlich für eine Ehre, wenn er Mädchen verführen kann. Aber was thut das! Ich werde sagen: Quinctius, das alles hielten deine Vorfahren; und darum, waren sie edle Leute. Wenn du also eins dieser Stücke brichst, so bist du nicht werth, ein Edelmann zu seyn; so mußt du jedesmal roth werden, wie ein gesottener Krebs, wenn man dich Herr Baron nennt, oder wenn du sagst: auf Kavalierparole; du mußt dich jedesmal an die Stirn schlagen, wenn du deine Kinder ansiehst.«

Wenn nun aber Quinctius merkt, daß das nicht ist, was du ihm drohest?

»Ei, wenn ihn Gewissen und Ehre nicht halten, so wird es auch Furcht vor der Hölle nicht thun.«

Aber Gewohnheit zu arbeiten wird ihn abhalten, und eine ausgebildete Vernunft ihn sichern. Jeder Mensch, dünkt mich, sollte schon dazu viel lernen, daß er Beschäftigung hätte; denn Müßiggang, weißt du wohl, ist ... –

»Eben darum turniert er ja jetzt; und wenn er älter ist, soll er reiten, fechten und tanzen. Du hast Recht. Holz hauen hilft mehr gegen Fleisch und Blut, als lesen, schreiben und studieren. Ja, ja, Turnier, Turnier! darin steckt es.«

Man sieht, es wäre nur auf eine Erklärung zwischen dem Freiherrn und seiner Gattin angekommen, so hätten sich Beide mit einander vereinigt; denn was er Ehre nannte, war im Grunde einerlei mit ihrer ausgebildeten Vernunft. Sie wollte, weil sie ihren Sohn liebte, ihren Plan gern 28 durchsetzen; aber sie sah wohl, daß es mit Widerspruch nicht ging. Daher schwieg sie, und suchte es auf eine andre Weise dahin zu bringen, daß Quinctius nach ihrem Sinne erzogen würde.

Der Freiherr saß oft bei einem Buche; und ihm gegenüber strickte oder nähete sie. Er machte während des Lesens von Zeit zu Zeit sehr verdrießliche Gesichter, und endlich warf er sogar den Quartanten, den er vor sich hatte, mit einer Art von Zorn an die Erde. Gefällt dir das Buch nicht? fragte sie mit ihrer beruhigenden Miene. – »Das Buch ist gut; aber das verwünschte Latein, das alle Augenblicke darin vorkommt! Man möchte toll werden. Ich bin, wie der Prinz in der Feengeschichte. Da steht die Prinzessin, in die er verliebt ist. Eben streckt sie die Arme aus, und will ihn umfassen; aber eine dicke Mauer fällt zwischen ihm und ihr nieder, und er küßt einen kalten Stein, anstatt der warmen Lippen. Das verwünschte Latein! Sieh, da habe ich mir schon seit acht Tagen den Kopf zerbrochen. Die Frau von Amsel will wissen, ob ein fürstlicher Rath adeligen Rang habe, oder nicht. Es ist wegen des Geheimenraths Müller, von dem man nicht weiß, ob man ihn bitten kann, oder nicht. Da finde ich nun eine Stelle, – er holte das Buch wieder – die das, wie ich denke, aus einander setzt. Ich lese und lese. Der eine sagt ja, der andre nein. Da ist nun ein Mensch, Namens Rhätius; der sagt: daß solche Leute, als Räthe und Doktoren, nur in etlichen Stücken dem Adel gleich gehalten werden. Recht, denke ich; nur in etlichen Stücken. Aber in welchen? Und gerade diese Stücke nennt 29 er, als ob er es mir zum Possen thäte, Lateinisch, wovon ich kein Wort verstehe. Ja, ja! das verwünschte Latein! Und das Buch ist doch für den Adel geschrieben!«

Das ist aber auch einfältig, sagte die gnädige Frau mit einer schon triumphirenden Miene; und ich sähe es so herzlich gern, daß unser Quinctius recht erführe, wie er mit seinem Adel daran ist. Wirklich, er sollte Latein lernen; so erführen wir doch Alle, wie es damit steht. Kommt denn oft Latein vor?

»Oft? O, das Latein hat mir in meinem Leben mehr üble Stunden gemacht, als Wind und Wetter. Sieh!« (Er rückte seinen Sessel neben seine Frau, und sah sie vertraulich an.) »Du wunderst dich vielleicht, warum ich dir so wenig von meinen Vorfahren erzählt habe; allein ich weiß nicht viel mehr von ihnen, als daß sie in Rom gelebt haben und berühmte Männer gewesen sind. Ihre Thaten sind, leider! in dem verwünschten Latein geschrieben. – Ach, Ronichen! (setzte er mit einem tiefen Seufzer hinzu) ich könnte ein großer Mann seyn, wenn ich Latein gelernt hätte! ... Ich wollte, daß der Mann, der die Sprache erfunden hat, in der untersten Hölle säße!«

Aber so laß wenigstens Quintchen Latein lernen. Er muß doch wissen, wer seine Vorfahren gewesen sind. Denke nur, wenn er uns in den langen Winterabenden vorlesen könnte, was deine Ahnherren vor zweitausend Jahren gethan haben!

Der Freiherr sprang auf, ging mit raschen Schritten im Zimmer hin und her, sann, lächelte, und warf sich in 30 die Brust, weil er die Thaten träumte, die seine Vorfahren gethan haben könnten. Auf einmal blieb er vor seiner Frau stehen und sagte: »Quinctius soll Latein lernen; doch nicht mehr, als ihm höchst nöthig ist. Geld will ich nicht sparen; aber einen Pedanten sollen sie mir nicht aus ihm ziehen. Ein Edelmann muß er bleiben. Er gehört auf's Pferd, und nicht hinter's Tintefaß. Ich weiß, bis auf das verdammte Latein, alles, was ein Edelmann wissen muß; und wenn die Thaten meiner Ahnen nicht von einem Narren Lateinisch beschrieben wären, so läge auch daran weiter nichts. Denn kurz und gut, mit dem heidnischen Werk und Wesen, Venus, Jupiter, und Aristoteles – weg damit! Wir sind Christen, und unsere Vorfahren, Veronika, haben bei allen Turnieren gelobt, das Christenthum aufrecht zu erhalten. Damit Basta! Latein soll er lernen; aber christliches Latein. Alle meine Vorfahren sind Christen gewesen, von dem ersten Flaminius an, bis jetzt.«

Die Frau von Flaming war froh, daß sie ihren Endzweck wenigstens zur Hälfte erreicht hatte. Es wurde ein Hofmeister verschrieben, dabei aber sogleich die Bedingung gemacht, daß er den Junker nicht mehr lehren sollte, als der Vater bestimmen würde. Und nun ging der Baron sogleich an die schwere Arbeit, eine Instruktion für den Hofmeister aufzusetzen, die er auch nach vielem Ausstreichen und Umarbeiten endlich zu Stande brachte. Er besaß nicht ein einziges Buch, das von der Erziehung handelte; folglich konnte er seine Grundsätze darüber nicht geradezu entlehnen. Doch nützte er seine kleine Bibliothek, 31 besonders Rüxners Turnierbuch, Reinhards Grafen von Solms Ursprung des Adels, Spangenbergs Adelspiegel, Prauns adeliges Europa, und Lerchii de Dürnstein vom alten Herkommen des reichsritterlichen Adels. Diese Bücher, ferner einige schon genannte, und noch einige Lateinische vom Adel, die der Baron zwar nicht verstand, deren Titel er aber in der Instruktion sehr gelehrt mit anführte, machten seine ganze Bibliothek aus.

Der verschriebene Hofmeister, Beyer, kam. Der Baron empfing ihn sehr adelig; er blieb in seinem sammetnen Lehnstuhle sitzen, neigte den Kopf sehr vornehm und sagte: »morgen werden Sie Ihre Instruktion von mir bekommen.« Die Frau von Flaming empfing ihn stehend, mit dem holden, gütigen Blicke, der ihr sogleich jedes Herz gewinnen mußte. Am folgenden Morgen bekam er die Instruktion durch einen Bedienten. Als er sie so eben durchsehen wollte, trat die Frau von Flaming in das Zimmer, und sagte mit ihrer sanften, liebkosenden Stimme: »Ehe Sie lesen, lieber Herr Beyer, muß ich Ihnen sagen, wer mein Mann ist – der edelste Mann auf der Welt, ehrlich, redlich, gütig, hülfreich, dankbar, offen. Fragen Sie seine Domestiken, seine Unterthanen; Sie werden nur Eine Stimme darüber hören. Bei allen diesen Tugenden hat er nur Eine Schwäche. Er liebt den Adel ein wenig zu sehr; doch ohne deshalb andere Menschen zu verachten. Sie sind der Erzieher meines Kindes; Sie mußten das wissen, um, wenn Sie seine Schwäche bemerken, darüber seine Tugenden nicht zu vergessen. Er wird thun, was Sie wünschen; nur richten 32 Sie es so ein, daß Ihre Wünsche seinem Vorurtheile nicht in den Weg treten. Sie werden meinen Mann achten, wenn Sie ihn kennen; mir aber, hoffe ich, werden Sie Ihre Freundschaft schenken. Der Lehrer des Sohns muß, dünkt mich, der Freund der Mutter seyn.« – Sie reichte Beyern die Hand, und ging nach einer freundlichen Verbeugung.

Beyer fing nun an, seine Instruktion zu lesen. Den Eingang machte eine Betrachtung über den Unterschied der Stände und dessen Notwendigkeit. Hierauf folgte der Beweis, daß der Adel in der Natur des Menschen, in dem gesellschaftlichen Leben, und in der Deutschen Reichsverfassung gegründet sey. Dann kam der Freiherr auf die Erziehung eines Adeligen, und schloß aus dem Vorhergehenden, daß er anders erzogen werden müsse, als der Bürgerliche. Weiter untersuchte er die Pflicht, die Kinder zu erziehen, und berief sich auf Spangenberg über die Pflichten eines Adeligen gegen seine Kinder. Dann folgte das Detail der Erziehung. Der Baron verlangte, ganz gegen die damalige Sitte, für seinen Sohn eine Erziehung ohne alle Schläge. »Schläge«, sagte er, »gehören für Knechte und knechtische Gemüther, keinesweges für Edelleute, die nichts aus Zwang, sondern alles aus Liebe thun sollen.« Er berief sich auf die Reichsgesetze, welche verbieten, einen Edelmann zu stäupen; und setzte hinzu: »denn ein Edelmann darf in seinem ganzen Leben nur Einen Schlag leiden, den Ritterschlag; und den dürfen Sie, als ein Bürgerlicher, nicht geben.« Zweitens verlangte er eine nicht pedantische Erziehung. Er behauptete hier: Mutterwitz 33 sey mehr wert als Gelehrsamkeit und erlernter Wortkram; darum solle der Hofmeister alles so treiben, daß der Knabe kein Dummkopf werde. Bei dieser Gelegenheit kam er auf die Turnierspiele, schimpfte auf den Papst, der sie aus Neid, weil er nicht turnierfähig sey, abgeschafft, und behauptete nebenher, daß ein großer Theil des Adels sich zu Luthern geschlagen habe, um diesem Befehle des Papstes aus dem Wege zu gehen, und daß also jeder protestantische Geistliche durch Dankbarkeit verpflichtet sey, die Turniere in Ehren zu halten. Dann kam die Moral eines Edelmannes, aus Rüxners Turnierstücken geschöpft und nach Dürnstein erweitert. Eine Verbindung mit einem bürgerlichen Mädchen stand unter den Sünden eines Adeligen oben an. Der Freiherr nannte sie: »eine Beleidigung der Seligen im Himmel, der Nachkommen, und der göttlichen Gesetze.« Er bewies die Schwere dieses Verbrechens aus dem Moses, welcher sage, daß die Engel durch ihre Mißheirathen mit den Töchtern der Menschen, der Erde die Sündfluth zugezogen hätten. Bei diesem Punkte war der Freiherr sehr ausführlich und eifrig. – Dann kam das, was sein Sohn lernen sollte. Latein; hier waren die heidnischen Schriftsteller sämmtlich verboten, auch alle übrigen, die von etwas Anderem, als vom Adel handelten. Unter den Schriftstellern, welche schlechterdings gelesen werden sollten, weil sie von den Deutschen adeligen Familien geschrieben hätten, standen, zum Erstaunen des Hofmeisters, Livius, Tacitus, Dionysius und Plutarch oben an. Griechisch und Französisch wurde schlechterdings zu lehren verboten. 34 »Französisch macht liederlich, und Griechisch dumm«, sagte der Freiherr. Adelsgeschichte, Wapenkunde, Deutsche Reichsgeschichte, Deutsche Sprache, alte sowohl als neue, sollte der Hofmeister fleißig treiben. Wider die Jesuiten, die Zigeuner und den Papst sollte dem Junker der tiefste Haß beigebracht werden, damit er sich nie in seinem Leben mit einem von ihnen einließe: wider den Papst der Turniere wegen, wider die Jesuiten und Zigeuner, die er für Eins zu halten schien, ihrer Verstellung wegen. Hinterher kam noch die Ermahnung an den Hofmeister: den Knaben ja anzuhalten, daß er seine eigenen Gedanken schriftlich aufsetze, weil nichts schwerer sey, besonders wenn man über die Erziehung schreiben wolle.

Beyer konnte sich kaum wieder von dem Erstaunen erholen, in welches diese seltsame Schrift ihn versetzt hatte; ja, er gerieth auf den ganz natürlichen Gedanken, daß der Freiherr ein wenig verrückt seyn müsse. Indeß, was wollte er machen? Er war nun einmal Hofmeister, und mußte sich in die Zeit schicken lernen. Doch bald erfuhr er auch, daß manche von den Widersprüchen in seiner Instruktion nur Mißverständnisse waren. Der Baron ließ ihn nach einiger Zeit rufen, und fragte: »Haben Sie meine Instruktion gelesen?«

Gelesen, aber nicht ganz verstanden, Ew. Gnaden. Sie verbieten schlechterdings das Lesen aller heidnischen Schriftsteller, und ...

»Ganz recht; mein Sohn ist ein Christ, und soll es bleiben, durchaus!«

35 Aber, gnädiger Herr, Sie selbst haben einige Schriften von Heiden ausdrücklich zum Lesen mit dem jungen Herrn vorgeschrieben.

»Wie? Was hätt' ich? Wo? Zeigen Sie mir! Wo?«

Beyer zeigte ihm die Namen: Livius, Plutarch, Tacitus, Dionysius.

»Sind denn das Heiden gewesen?« fragte der Freiherr mit großen Augen. »Wie kommen denn die unvernünftigen Menschen dazu, über den christlichen Adel zu schreiben?«

Über den Adel, Ew. Gnaden? fragte Beyer mit eben so großen Augen.

»Über den Adel!« erwiederte der Baron, und schlug ein Register der Römischen patrizischen Familien auf, das, wie der Titel sagte, aus diesen Schriftstellern gezogen war. »Über den Adel, wie Sie hier sehen.«

Ja, Ew. Gnaden, über den Römischen Adel.

Beyer erfuhr nun den Zusammenhang, worin die Familie des Freiherrn mit Rom stand. Die Ableitung des Nahmens Flaming von Flaminius gefiel ihm gar nicht übel; denn das etymologische Studium war sein Steckenpferd, und er hatte eine Dissertation über das Entstehen der Deutschen Sprache aus der Hebräischen geschrieben, worin er noch ärger zu Werke ging, als der Baron. Im Fortgange des Gespräches zeigte er diesem, das Wort Adel komme von dem Hebräischen Worte Atsilim, die Vornehmsten, her: eine Ableitung, für die der Baron die seinige vom Adler gern aufgab. Ferner bewies Beyer, daß die Juden eben so gesprochen hätten, wie die alten Deutschen. Denn, Ew. 36 Gnaden, sagte er, der Adel bei den Deutschen beruhet auf Helm und Schild. So spricht auch der Hebräer; er nennt die großen Herren: Schilde. In der Bibel steht: »Gott ist sehr erhöhet bei den Schilden auf Erden;« so heißt Gott: unser Schild; wie auch das Wort Schild ganz Hebräisch ist.

Die Idee, daß Gott selbst den Adel eingesetzt habe, nahm den Baron sehr ein. »Sie sind ein lieber, gelehrter Mann!« sagte er auf einmal, und drückte Beyern die Hand. »Recht! der Adel stammt von Gott; und so könnte man sagen, Gott hätte den ersten Heerschild. Hören Sie, mein Sohn soll Hebräisch lernen; aber ein Jesuit soll er nicht werden!«

Beyer gewann des Barons Gunst immer mehr, besonders als er ihn aufmerksam darauf machte, daß die Juden nach einem ausdrücklichen Befehle Gottes ihre Stammregister hätten führen müssen. »Es ist ein wahres Glück«, sagte der Baron bei dieser Gelegenheit, »daß es mit den Stammbäumen der Juden ein Ende genommen hat; sonst müßten wir uns ja zu Tode schämen: denn wie wenige Deutsche Familien kennen ihre Ahnen bis zu den Zeiten Abrahams? Indeß sieht man doch, daß das Stammbaumwesen etwas Göttliches ist. So lange die Juden noch das auserwählte Volk Gottes waren, hatten sie Stammbäume; und folglich ist jetzt der Adel von Gott zu seinem Volk auserwählt, weil er Stammbäume hat.«

Wie konnte der Baron an der Geschicklichkeit eines Mannes zweifeln, der den Adel aus dem alten Testamente ableitete? Er drückte also ein Auge zu, wenn er sah, daß Beyer seinen Sohn anders unterrichtete, als er gewünscht hatte. 37 Endlich aber fragte er doch: »wann wird mein Quinctius denn anfangen im Livius zu lesen? Wahrhaftig, meine Vorfahren, die Flaminier, haben ja kaum so viel Zeit gebraucht, ihre Thaten zu thun, als Quinctius, sie kennen zu lernen.« Der Baron ließ sich auf eine Weile von Beyern beruhigen; doch endlich riß ihm die Geduld. »Aber, Herr Beyer, was lernt der Junge? A von, Abacus der Rechentisch, Abdomen der Schmerbauch: das hör' ich tagtäglich. Sollte man nicht meinen, alle Flaminier müßten Schmerbäuche gehabt haben? Herr, mein Quinctius soll nichts lernen, als die Thaten seiner Vorfahren. Sagen Sie mir, was soll er mit den tollen Wörtern im Kopfe? Kann sich ein Mensch dabei etwas denken? Das muß ja meinen Sohn zu einem Dummbart machen. Nominativo! Genitivo! Herr, Sie haben ihn zum Narren, und mich dazu. – Vier Stunden sitze ich hier täglich still wie ein Bild auf einem Grabstein, und horche. Flaminius war unser Kontrakt, Herr, und nicht Singularis. Ich habe den Livius kaufen müssen, und da steht er.« Er legte den Livius auf den Tisch, und suchte. »Hier seh' ich nicht ein Wort von Quinctius und Flaminius.«

Beyer suchte im Register, schlug im zweyten Buch Kapitel 56 auf, und zeigte dem Baron den Nahmen: Titus Quinctius Capitolinus. »He!« rief der Baron mit funkelnden Augen; »da ist einer von meinen Vorfahren. Quinctius, komm her, und betrachte dir den Nahmen recht! Nun, lieber Herr Beyer! fangen Sie hier einmal mit ihm an.«

Beyer behauptete: der Junker könne unmöglich da lesen; das sey zu schwer. Der Baron aber, der nun einmal den 38 Nahmen eines von seinen Ahnherren vor sich hatte, wollte ihn durchaus näher kennen lernen; und so mußte sich Beyer bequemen, dem Freiherrn die Stelle zu übersetzen. Er fing an zu lesen: daß die Patrizier, um dem Volero einen Mann entgegen zu stellen, der sich durch den Übermuth des gemeinen Volkes nicht schrecken ließe, den Appius Claudius zum Consul erwählt hätten. »Sein College war«, fuhr er dann fort, »Titus Quinctius, ein ehrwürdiger Senator, ein Mann von sanftem, edlem Herzen, und der Liebling des Volkes.«

»Der Volero wird übel ankommen!« fiel der Freiherr ein; »denn Quinctius ist wohl sanft, aber gewiß kein Schaf, mit dem man spielen kann. Weiter, Herr Beyer!«

»Die neuen Konsuln kamen zusammen, und hielten Rath, wie sie den ungerechten Vorschlägen des Volero ausweichen könnten. Appius rieth, einen Krieg anzufangen, um dem gemeinen Volke Beschäftigung zu geben; Quinctius aber widersprach diesem Vorschlage. Ich halte es, sagte er, für ungerecht, unschuldige Völker zu bekriegen, die dem Römischen Volke keinen Anlaß zu Beschwerden gegeben haben. Ja, ich finde diesen Rath auch unweise; denn das Volk würde unsere Absicht merken, und sich weigern, die Waffen zu ergreifen. Wir würden uns beschimpft haben, ohne die Unruhe zu stillen.«

»Beyer, das ist ein braver Mann, der Quinctius! Für den habe ich allen Respekt. – Sie sagen: das hätte ein Heide geschrieben? Gehorsamer Diener! Ein Heide würde einen Christen, wie den Quinctius, so loben! Da kenne ich die Heiden besser! Gehorsamer Diener.«

39 Ew. Gnaden, Quinctius war ja selbst ein Heide; diese Geschichten haben sich ja noch vor Christi Geburt ereignet.

Der Freiherr wurde tiefsinnig; denn das Alter der Familie war ihm eben so lieb, als ihr Christenthum. Er schwieg einen Augenblick; endlich sagte er: »aber er spricht doch gerade, wie ein Christ. Nun, so hat schon christliches Blut in seinen Adern geflossen. Ein Heide? O, wenn nur alle Christen so dächten! Weiter, Herr Beyer.«

»Quinctius Vorschlag ging durch, und Appius wurde der bitterste Feind seines Kollegen.«

»Der Esel!« rief Flaming dazwischen. »Es ist bloßer Neid, glauben Sie mir, Herr Beyer. Aber ich denke, Quinctius wird ihn bezahlen.«

»Volero machte sich die Uneigennützigkeit der Konsuln zu Nutze, und that einen neuen Vorschlag, der die Rechte des Adels noch mehr einschränken sollte.«

»Der Volero ist ja der Teufel selbst. Den Kerl sollten sie hängen! Aber so geht es, wenn man uneinig ist. Ich will doch nicht hoffen, daß Quinctius etwa seine Parthei genommen hat?«

»Der Rath versammelte sich. Appius rieth: jeder, der sein Vaterland liebe, solle sich bewaffnen, um die andere Parthei zu Paaren zu treiben; allein Quinctius ...«

»Beyer, große Männer können auch fehlen. Das ist nichts. Den Volero hätten sie hängen sollen.«

»Allein Quinctius schlug den Weg der Güte ein, und der Senat folgte ihm.«

40 »Seine Ursachen muß er doch gehabt haben, weil ihm der Rath folgte. Nun, wir wollen hören.«

»Das Volk wurde versammelt. Quinctius hielt eine rührende Rede an dasselbe; und es wäre alles gut gegangen, wenn nicht Appius in seiner Rede auf die Tribunen und das Volk sehr bitter geschimpft hätte. Ein Plebejer (Unadeliger) stand auf, hielt gegen den Appius eine eben so bittere Rede, und schloß endlich mit der Äußerung: aber was fechten wir mit Worten gegen eine solche wilde Bestie? Das ...«

»Bestie?« unterbrach ihn Flaming, und sprang auf. »Was tausend Teufel! so ein Hund schimpft einen Edelmann, einen Konsul? Das ist ja nicht möglich. Das steht da nicht! Litt denn das der Adel? Geschwind! Ich muß doch sehen, wie es dem Satan geht. Lesen Sie. Wie nahm sich denn mein Ahnherr dabei? Geschwind!«

»Das Schwert soll entscheiden, und euch vom Adel lehren, daß die Leute, die ihr Pöbel nennt, nicht so verächtlich sind, als ihr glaubt; soll euch lehren, daß wir ...«

»Der Kerl hat ja eine Zunge so spitz, wie eine Nähnadel! An den Galgen mit ihm!«

»Nun entstand eine Stille im Volke. Der Tribun hob seine Blicke gen Himmel, und schwor bei allem, was ihm das Heiligste war: den Vorschlag durchzusetzen, oder zu sterben. Dann befahl er dem Appius, die Versammlung zu verlassen.«

»Das ist ja himmelschreiend. Herr, schweigt denn der Adel immer, und läßt den Esel so reden?«

41 »Appius verachtete den Befehl, und rief seine Verwandten, Freunde und Klienten (ist so viel als Vasallen) zusammen, um sich der Gewalt zu widersetzen. Der Tribun sandte einen Büttel, um den Appius in Verhaft zu nehmen.«

»Beyer, Sie haben Recht; das sind Heiden, und keine Christen. Einen Edelmann mit einem Büttel! ... Weiter!«

»Nun ging eine Schlägerei an, die allgemein wurde. Quinctius aber warf sich in den dicksten Haufen, rettete den Appius, und brachte ihn nach Hause.«

»Ha! ha! Triumph! Sieh da, ein Meisterstück von dem Quinctius! Ho ho! ich dachte es wohl, daß der den Adel, trotz seiner Feindschaft, nicht würde stecken lassen. Hast du gehört, Quintchen? Sieh, das war dein Ur-ur-ur-ur-Ältervater. Das ist ein Kapitalbuch, der Livius! Wo der Mann nur das alles her haben mag, was die Leute gesagt und gedacht haben! Geduld! ... Friedrich! Eine Flasche von Nr. I.! Wir müssen auf des Quinctius Gesundheit eins trinken!«

Sie tranken Beide sehr vergnügt. Der Freiherr blätterte von Zeit zu Zeit sehr aufmerksam im Livius, und bemerkte endlich zu Anfange des vierten Buches: Quinctiorum Cincinnati et Capitolini. »Hier«, rief er freudig, »habe ich meine ganze Familie beisammen. Da lesen Sie einmal.«

Beyer blickte in das Buch, und sagte: es steht hier bloß, Ew. Gnaden, die Familie des Quinctius habe die harten Maßregeln des Senats nicht gebilligt.

»Gewiß wieder so ein Zank! Lesen Sie nur. Ich muß doch hören ...« –

42 Beyer schlug ein Blatt zurück, und fing an: »Genutius und Curtius folgten im Konsulat. Das war ein unglückliches Jahr; denn der Volkstribun Canulejus schlug ein Gesetz über die Freiheit der Ehen zwischen Adeligen und Bürgerlichen vor, und dann...« –

»Halt einmal, Herr Beyer. Waren denn in Rom solche Mißheirathen verboten?«

Wohl ohne Zweifel, Ew. Gnaden, da man hier ... –

»Ganz recht, lieber Beyer. Ein Kapitalbuch! das sollte jeder Edelmann auswendig lernen. Lesen Sie doch weiter!«

»Und die neun andern Tribunen schlugen vor, jeder vom Volke sollte die höchsten Staatswürden bekleiden können.«

»Nein, das muß ich sagen, lieber Beyer, da sind wir Adeligen doch jetzt besser daran, als die da in Rom. An so etwas denkt bei uns kein Bürgerlicher. Das ist unerhört. Es passirt wohl einmal, daß ein Edelmann eine Bürgerliche heirathet; aber im Ganzen genommen halten wir doch auf Ehre. Und mit dem andern, das ist nun gar nichts. Wie kann ein Bürgerlicher nur daran denken, Kammerjunker zu werden, oder gar Hofmarschall? Das ist ja unmöglich.«

»Die Patrizier glaubten hingegen, daß solche Heirathen ihr Blut befleckten, und gegen die Rechte ihrer Familien wären, ja daß der Adel bald aus allen hohen Stellen verdrängt seyn würde, wenn die Plebejer Theil daran haben dürften.«

»Ha! sehen Sie wohl, Beyer? Es freuet mich ordentlich, daß der Adel doch immer Adel ist. Der heidnische vor 43 Christi Geburt dachte doch gerade so, wie wir jetzt. Lesen Sie weiter. Das ist ein sehr wichtiger Punkt.«

»Der Adel freuete sich also ungemein, als Rom von vier Völkern zugleich angegriffen wurde. Canulejus erklärte aber dem Senat sehr trocken: so lange er lebte, sollte die Bewaffnung des Volkes zum Kriege nicht eher geschehen, als bis diese Vorschläge zu Gesetzen gemacht wären. Im Senat hielt man heftige Reden gegen diese Vorschläge. Die Tribunen sind rasend, rief der Konsul. Wo soll das hinaus? Was verlangen sie? Eine schändliche Vermengung der Familien; die Aufhebung alles Unterschiedes. Wir sollen, wie die wilden Thiere, uns mit einander vermischen!«

»Nein«, sagte der Baron gutmüthig; »das ist ein wenig zu stark, Beyer. Menschen sind es doch! Nur weiter. Sehen Sie doch einmal nach, steht da nichts von Dom-Stiftern? Denn das ist ein Hauptgrund gegen die Mißheirathen.«

Domstifter, Ew. Gnaden, gab es damals noch nicht. Es war ja noch zu der Heidenzeit. – Nun folgt eine Rede des Tribuns.

»Lassen Sie einmal hören, was sich dagegen sagen läßt. Was sagt der Mensch, der – wie heißt er doch?«

Canulejus. »Er sagte zum Volke: Wie sehr die Adeligen euch verachten, das habe ich euch oft gesagt, und das sehet ihr an der Wuth, mit der sie meine Vorschläge aufnehmen. Warum aber wüthen sie so? Warum setzen sie Himmel und Erde in Bewegung? Warum drohen sie, lieber mit den Waffen in den Händen zu sterben, als meine Vorschläge durchgehen zu lassen? Der Staat kann nicht bestehen, sagen sie, 44 wenn ein würdiger Plebejer ein hohes Staatsamt bekleidet. Ihr geltet in ihren Augen den elendesten Sklaven gleich. Fühlt ihr nun, wie verächtlich ihr ihnen seid? Sie beneiden euch das Tageslicht; sie zürnen, daß ihr wie sie athmet, redet, und eine menschliche Gestalt habt. Eine Heirath des Patriziers mit einer Bürgerlichen ist unerlaubt? Kann eine Schmach niederdrückender seyn, als die, daß man es für Schande hält, wenn ein Staatsbürger sich mit einem andern verbindet? Niemand wird sie ja zwingen, unsere Töchter zu heirathen; aber es verbieten, das ist eine unerträgliche Schande. Warum gebt ihr denn nicht auch das Gesetz, kein Plebejer solle neben einem Adeligen wohnen, mit ihm gehen, mit ihm essen? Verführen sollen sie unsere Töchter; aber nicht heirathen. Kein Bürgerlicher wird es wagen, eine Patrizierin zu verführen; aber sie, unsere Herren, haben nur allzu oft Lust dazu.«

»Hören Sie, Beyer, das letzte ist leider wahr; und ob ich gleich der bitterste Feind von allen Mißheirathen bin, so weiß ich doch nicht, was ich thäte, wenn ein Adeliger eine Bürgerliche verführt hätte. Denn daß sie nur dazu gut genug seyn sollen, ist unrecht! ... Aber der Kerl da im Livius redet doch so spitz wie eine Schlange. Ich mag nichts mehr hören. Am Ende könnte er mich wohl gar überreden, er hätte Recht. Den Quinctius lassen Sie nur lesen, was sie im Senat sagen; denn, sehen Sie, lieber Beyer, ein wahrer Adeliger muß eigentlich nicht einmal wissen, daß man etwas gegen die Rechte unsres Standes sagen kann. – Nun, und da haben meine Vorfahren wahrscheinlich etwas nachgegeben; 45 zum Exempel, daß wohl einmal ein Adeliger eine reiche Erbin aus einem bürgerlichen Hause heirathen darf? Aber sagen Sie nur, lieber Beyer, wenn man jetzt so dächte! – Gott Lob, daß wir hier noch anders stehen. Da sollte einem vor der spitzen Zunge eines solchen Menschen ja angst und bange werden! ... Aber«, fing er nun auf einmal an, nachdem er die ganze Stelle im Livius vor sich aufmerksam überlesen hatte – »Aber, lieber Beyer, hier auf beiden Seiten steht nicht ein einziges Mal Singularis, Nominativo, a, ab, abacus, abdomen. Wozu muß denn der arme Quinctius die verwünschten Wörter lernen? Sie haben mir mit dem Vorlesen eine große Freude gemacht. Aber so lassen Sie doch meinen Quinctius, wenn er denn nun einmal Wörter lernen soll, die lernen, die hier in der Stelle vorkommen; und wenn er sie weiß, so lassen Sie ihn die Stelle lesen.«

Beyer wehrte sich, so gut er konnte. Er zeigte dem Baron, wie der Nominativus u.s.w. mit dem Livius zusammenhänge. Der Baron hörte aufmerksam zu; dann aber sagte er unwillig: »Aber Herr, wenn, zum Exempel, Quinctius sollte schwimmen lernen, und ich legte ihn hierher auf die Erde, und ließe ihn erst ein Jahr lang, oder gar zwei, alles machen, was er im Wasser thun muß, so wäre ich ein Narr. Ich bringe den Jungen in den Fluß, zeige es ihm da, und er kann schon nach einer Stunde über dem Wasser bleiben. Kurz und gut, der Junge soll im Wasser schwimmen, und nicht auf trockner Erde. Er soll im Livius unter seinen Vorfahren Latein lernen, und nicht in den kleinen Büchern, worin nichts steht, als was nicht zur Sache gehört.«

46 Beyer mußte sich die Methode, die der Baron ihm vorschrieb, gefallen lassen; doch nahm er ein leichteres Buch, als den Livius. So schwer es ihm Anfangs wurde, den Knaben auf diese Weise zu unterrichten, so gelang es ihm am Ende dennoch; und nun erstaunte er selbst über die Fortschritte des Knaben, der erst Latein, und dann die Regeln des Lateins lernte.

Er fing nun an, hier sehr glücklich zu leben; nur Eins lag ihm noch auf dem Herzen. Der Prediger des Ortes hatte einen Sohn von Quinctius Alter. Als Beyer diesen zum erstenmale sah, freuete er sich über die Bildung des Kindes, aus dessen großen, schwarzen Augen Geist und Gutherzigkeit hervorleuchteten. Je öfter er zu dem Prediger kam, desto lieber gewann er den Knaben, und desto deutlicher merkte er auch, daß der Vater nicht im Stande war, ihm nur einen erträglichen Unterricht zu geben. Er trug sich lange mit dem Gedanken, daß der lernbegierige Knabe Theil an Quinctius Unterrichte nehmen könnte; allein der Freiherr wollte seinem Sohne schlechterdings keinen Umgang mit einem unadeligen Kinde erlauben, und machte jedesmal eine krause Stirn, so oft Beyer von weitem auf diese Idee anspielte. Einmal aber las Beyer dem Knaben in Gegenwart des Vaters eine Stelle aus dem Livius, die ich vergebens gesucht habe, Deutsch vor. In dieser Stelle wurde gesagt, der Konsul Quinctius Flaminius habe mit seinem Sohne einen jungen Menschen aus dem Volke erziehen lassen, weil der Adel, als der erste Stand, verpflichtet sey, für den Unterricht der andern Stände zu sorgen. »Wie war 47 das?« fragte der Baron. Beyer las die Stelle noch einmal, und berief sich auf den Adelspiegel, der eben das sage.

»Spangenberg?« fragte der Baron, und schob seine Mütze unruhig hin und her ....

»Aber, lieber Beyer, was meine heidnischen Vorfahren gethan haben, das ist alles aufgeschrieben, und die Welt kann es wissen, wenn sie will. Wer wird denn schreiben, was ich und meine Nachkommen thun?«

Ja, Papa, fiel Quinctius ein, Sie müssen sich auch einmal mit ihren Bauern prügeln, wie der Urvater in Rom mit den gemeinen Leuten. Was soll man sonst von Ihnen aufschreiben?

Der Baron erröthete, und ging verlegen im Zimmer umher. »Aber, Beyer«, fing er auf einmal an, »was kann unser einer Großes thun?«

Großes wohl nicht; aber desto mehr Gutes, sagte Beyer.

»Der Teufel hole den Papst, daß er die Turniere abgeschafft hat!« fluchte der Baron, und verließ das Zimmer. Er ging nun im Garten umher, wie es seine Gewohnheit war. Nach einer halben Stunde kam er wieder. »Sagen Sie mir, Beyer, womit kann ein Adeliger sich jetzt berühmt machen? Die Turniere sind abgeschafft. Kurfürst oder Fürstbischof werden? Dazu muß man katholisch seyn. Im Soldatenstande? General wird nur Einer. Ja, meine Vorfahren hatten es gut! Da gab es immer mit dem Volke zu zanken, das den Adel nicht leiden wollte. Der Quinctius sollte einmal hier auf meinen Gütern gelebt haben; kein Wort hätte Livius von ihm zu sagen gewußt!«

48 Freilich, sagte Beyer, und zuckte die Achseln; der einzige Weg ist noch Gelehrsamkeit. Entweder macht sich der Adelige durch Schriften, die seine spätesten Nachkommen noch lesen, berühmt; oder er wird Minister, regiert ein Land, schließt Frieden, erfindet neue Auflagen, oder giebt neue Gesetze an, die von ihm den Nahmen bekommen.

Der Baron rieb sich die Stirn. »Quinctius!« fuhr er dann plötzlich auf; »lerne 'was! Du sollst ein Gelehrter werden. Mit dem Turnieren ist es doch am Ende nichts. Und wenn du Minister bist, so gebe Gott einen recht bösen Krieg, daß du den Frieden schließen kannst. Ich will thun, was in meinen Kräften steht, lieber Beyer. Ich will mit Quinctius einen aus dem Volke erziehen lassen. Da des Pastors Sohn. Er mag kommen, heute noch. Aber dann müssen sie Beide tüchtig lernen!«

Beyer freuete sich, daß er seine Absicht erreicht hatte, und versprach dem Baron, daß sein Sohn Quinctius in Deutschland berühmter werden sollte, als alle Römischen Quinctier zusammen genommen. – Die Recensenten dieses Buches werden Schuld daran seyn, wenn er nicht Wort hält.

Beyer holte nun den kleinen August Lissow sogleich mit Triumph in das Haus des Freiherrn. Er liebte die Erziehung leidenschaftlich, und wünschte, ungehindert auf Kopf und Herz eines Knaben wirken zu können; aber bei dem jungen Quinctius war das nicht möglich, da dessen Vater durch seine Eitelkeit alles wieder umriß, was er selbst erst mit großer Mühe gebauet hatte. Natürlicher Weise mußte es ihn nun sehr freuen, daß ihm ein Kind übergeben war, 49 dem die Thorheiten des Barons nicht schaden konnten; und bald sorgte er für den Knaben mit doppelter Liebe, da nicht lange nachher dessen Eltern starben.

Beyer fing seinen Unterricht mit neuem Eifer wieder an. August holte den kleinen Quinctius in Kurzem ein, und nun kamen die beiden Knaben in ihren Kenntnissen augenscheinlich weiter. Freilich blieb Römische Geschichte, und besonders die Geschichte der Quinctier, die Hauptsache: allein die Knaben gewannen dadurch doch Geschmack an der Geschichte; und Beyer benutzte die Gelegenheit, auf ihr Herz zu wirken. Doch schon jetzt zeigte sich ein sehr auffallender Unterschied zwischen den beiden Knaben. Quinctius kannte die Begebenheiten und Thaten seiner Römischen Vorfahren so ziemlich. Wenn nun August mit freundlichen Augen sagte: »o das ist schön! das ist herrlich !« so sagte jener mit einem stolzen Blicke: »und das war einer von meinen Vorfahren!« oder: »und das that mein Ahnherr!«

Der Freiherr konnte sich nicht mehr entschließen, dem Unterrichte beizuwohnen, seitdem August daran Theil nahm. Allein dafür erhielt Beyer den Befehl, die Thaten der Flaminier aus den verschiedenen alten Schriftstellern auszuziehen, damit der Freiherr doch endlich genau mit seinen Vorfahren bekannt würde. Täglich erinnerte der Baron Beyern an diese Arbeit, und sie war vollendet, als sich gerade eine große Gesellschaft von Adeligen im Hause befand. »Nun, lieber Beyer«, fragte der Baron, als Beyer zu Tische kam, »wie steht es mit meinen Vorfahren?« – Ich bin 50 fertig, gnädiger Herr. – Der Baron drückte sehr freudig dem Hofmeister die Hand, und jemand in der Gesellschaft fragte nach der Ursache seiner großen Freude.

»Dieser Mann«, antwortete der Baron, »hat mir die Geschichte meiner Vorfahren aufgesetzt: eine Arbeit, wofür ich ihm ewig Dank schuldig bleiben werde.« Man wurde begierig, die Thaten der alten Flaminge zu hören, und der Baron versprach sie der Gesellschaft zum Nachtische. Beyer mußte, so viel er sich auch wehrte, seine Schrift holen. Nach dem Essen setzte man sich zurecht: die Damen nahmen ihre Strickzeuge zur Hand, die Herren ihre Pfeifen. Beyer saß in der Mitte, und neben ihm in einem Armstuhle der Baron von Flaming.

»Ehe er liest, meine Damen und Herren«, fing der Baron an, »muß ich Ihnen sagen, daß meine Vorfahren, bis auf Christi Geburt, keine Christen, sondern Heiden waren, und in Rom unter einem Volke lebten, das ganz sonderbare Gebräuche hatte; als zum Exempel ... Doch das werde ich Ihnen schon während des Lesens zeigen. Nun, fangen Sie an, Herr Beyer.«

Beyer erröthete, räusperte sich, und las: »Die merkwürdigen Thaten der Vorfahren und Ahnen des freiherrlichen Geschlechtes von Flaming, ehemals Quinctius, dann Flaminius, endlich von Flaming. – Die Familie der Quinctier gehört zu den ältesten und edelsten in Rom. Der erste Quinctius, dessen die Geschichte erwähnt, war Bürgermeister in Rom, ungefähr drei hundert Jahre vor Christi Geburt.«

51 »Sind zwei tausend Jahre bis jetzt«, unterbrach ihn der Freiherr. »Bürgermeister oder Konsul war ungefähr, was jetzt ein Reichs-General-Feldmarschall ist.«

Beyer las nun die Geschichte des Quinctius vor, den wir schon kennen. »Eben dieser Quinctius«, fuhr er dann fort, »führte eine Armee gegen die Aequier, besiegte sie, und hielt einen Triumph in Rom.« (Jetzt erklärte Beyer der Gesellschaft, was ein Triumph gewesen sey, und der Freiherr sah in seinem Sessel so aus, als ob er selbst der Triumphator wäre.) »Um diese Zeit drang einer von den Volksvorstehern, die immer gegen den Adel waren, darauf, daß man feste Gesetze für Rom geben sollte, weil die willkührlichen Aussprüche des Adels eine unerträgliche Tyrannei wären. Der Adel widersetzte sich diesem Vorschlage, wie gewöhnlich.«

»Diese Volksvorsteher, oder Tribunen, meine Damen, sind wahre Teufel an List und Neid gegen den Adel gewesen. O, Sie glauben nicht, was es meinen armen Vorfahren gekostet hat, den Adel aufrecht zu erhalten!«

Aber, lieber Mann, sagte die Frau von Flaming, sie verlangen ja nur Gesetze; und das, dünkt mich, ist so unrecht nicht. Der Adel mußte doch kein gutes Gewissen haben, daß er die Forderung nicht zugestehen wollte.

»Ist wohl wahr; aber der Teufel kommt noch. Höre nur zu! Nein, nein! Man muß nicht ein Haar breit von unsern adeligen Rechten vergeben. Siehst du, in Rom hatte man nun einmal keine Gesetze: das war Herkommen, und dabei muß es bleiben; sonst, liebes Kind, jagten die Bürger den Adel am Ende ganz zum Tempel hinaus. Weiter, Beyer.«

52 Beyer las mit krauser Stirn: »Nun hatte Quinctius einen Sohn, mit Nahmen Cäso: ein schöner, tapfrer, beredter Jüngling, der sich durch seine Stärke und Tapferkeit in mehreren Schlachten hervorgethan hatte. Das Volk versammelte sich, um über den Vorschlag zu rathschlagen; allein Cäso brach mit einer Anzahl junger Edelleute in den Haufen des Volkes ein, und prügelte es aus einander.«

»Braver Cäso! Wahrhaftig, so sollte man es immer machen! ... Veronika, wenn du mir noch einmal einen Sohn bringst, so soll er Cäso heißen.«

Dürfen denn die Bürgerlichen – fragte eine Dame, die den Kopf so hoch trug, als ob sie beständig die Sterne zählte – sich eigentlich nicht versammeln? – »Ohne Erlaubniß des Adels eigentlich nicht«, antwortete der Baron. – Nun so sehe doch einer! und in Berlin halten sie ordentlich Assembleen und Bälle! Man sollte doch den Leuten das verbieten!

Die Meisten in der Gesellschaft lächelten. Der Freiherr sagte: »ei! hier ist nicht von Assembleen die Rede.«

»Cäso«, fuhr Beyer fort, »wurde verklagt. Er erbitterte das Volk durch Übermuth und Unbesonnenheit noch immer mehr, anstatt es zu besänftigen. Als der Gerichtstag kam, hatte er auf einmal allen Muth verloren.«

Der Freiherr machte große Augen, und horchte.

»Er ging in Trauerkleidern unter dem Volke umher, und bat die Untersten der Gemeinen um Gnade.«

Pfui! sagte eine adelige Dame, die bis jetzt den Triumph des Freiherrn mit neidischen Blicken angesehen hatte; pfui! ein niederträchtiges Gemüth!

53 »Gnädige Frau!« rief der Baron aufspringend. – »Was Teufel! Beyer, steht das da? Nimmermehr! Der Reichsadel braucht nach den Reichsgesetzen nicht zu widerrufen oder um Vergebung zu bitten.«

Da haben Sie recht, Herr Baron! riefen jetzt Alle. Das kann nicht da stehen. – Man umringte Beyern, der mit vieler Geduld jedem zeigte, daß es da stand, und die Quelle der Nachricht angab. – Aber so lassen Sie ihn doch lesen, sagte die Frau von Flaming. Wer weiß, wie es noch kommt. Warum prügelt Cäso gleich? Ist es doch seine Schuld; was geht es uns an?

Beyer las. »Als dies (nehmlich das um Gnade bitten) nicht half, und die Anklage verlesen war, wollte er sich dem Gerichte des Volkes nicht unterwerfen, sondern appellirte an den Adel, als seinen rechtmäßigen Richter.«

Si judicandum de nobili, Judicium ad nobiles pertinet, sagte ein Präsident hier mit einer wichtigen Miene; ein Edelmann kann nur von seines Gleichen gerichtet werden. Der Cäso hat die jura nobilium sehr wohl gekannt!

Aber, merkte die Frau von Flaming an, das alte Sprichwort sagt: eine Krähe hackt der andern die Augen nicht aus.

Beyer fuhr fort. »Das Volk wurde dadurch noch aufgebrachter. Cäso's Vater, der ehrwürdige Titus Quinctius, suchte seinen Sohn in einer Rede zu vertheidigen. Mehrere vom Adel traten auf; alle gaben ihm das vortheilhafteste Zeugniß. Sie nannten ihn die Zierde, die Hoffnung, den Stolz des ganzen Römischen Volkes. Sie lobten seine 54 Tapferkeit, seine Schönheit, seinen Edelmuth, und schoben seine Unbesonnenheit auf die Hitze seiner Jugend.«

»Da haben wir's!« rief der Baron mit einer Freudenthräne in den Augen. »Wahrhaftig Frau, noch einen Sohn! Er soll Cäso heißen, oder ich lasse unsern Quinctius umtaufen.«

»Jetzt aber«, fing Beyer aufs neue an zu lesen – »jetzt nahm der Volksvorsteher das Wort. Er rief einen Römer hervor, der eine neue Klage gegen den Cäso hatte. Dieser Römer bestieg nun die Rednerbühne, und erzählte: als ich eines Tages in der Nacht von einem Freunde, bei dem ich gegessen hatte, mit meinem Bruder nach Hause ging, trafen wir dicht bei den öffentlichen (mit Erlaubniß der Damen) Hurenhäusern den Cäso an, der in Gesellschaft von mehreren jungen Edelleuten nach seiner liederlichen Weise im Bordell gewesen war. Sie fingen ...«

»Auf ein andermal, Herr Beyer, sollen Sie weiter lesen«, unterbrach ihn der Baron mit krauser Stirn. »Der Volksvorsteher ist ein Flegel, und der Cäso ein Luriban, dessen Nahmen mein Hund nicht führen soll. Ich will nichts mehr wissen. Wären alle meine Vorfahren solche Kundleute gewesen, so ...« – (Beyer schlug seine Papiere zusammen) – »Recht! nur weg damit! ... Bordell! schöne Polizei in Rom! ... Aber, Herr, wenn ich's bedenke, was lesen Sie mir das vor?«

Gnädiger Herr, Sie haben mir befohlen; und unter einer so langen Reihe von Menschen seit zweitausend Jahren her muß es hin und wieder auch wohl einen Wildfang geben. 55 Sie sollten nur weiter hören. Der Vater macht alles wieder gut.

»Herr, wie kann ein Vater es wieder gut machen, wenn der Sohn des Nachts in den Bordellen herum liegt? Hätte ich damals ein Wort in meiner Familie zu sagen gehabt, wie jetzt: der Cäso sollte sich gewundert haben! ... Und Ihr Livius ist ein Hans Narr, daß er solche Teufeleien aufschreibt und ehrlichen Leuten noch nach zweitausend Jahren den Leib voll Ärger jagt. Pfui! ich will nichts weiter wissen. Der Teufel hole die ganze Verwandtschaft, die Quinctier sammt und sonders – meinen Quinctius ausgenommen!«

Beyer erröthete, verbeugte sich einmal über das andere, und verließ das Zimmer.

Ganze vierzehn Tage hindurch maulte der Baron mit seinem Hofmeister; doch endlich überwog die Neugierde seinen Verdruß. Er besuchte Beyer, brachte das Gespräch auf seine Römischen Anverwandten, und ließ sich aufs neue vorlesen; nur geschah es diesmal bei verschlossenen Thüren, und nicht wieder so feierlich. Beyer fuhr mit einer gewissen Angst da fort, wo er aufgehört hatte; denn mit Cäso war der Baron nun einmal über den Fuß gespannt, und er brummte, so oft der Nahme genannt wurde. Als er hörte, daß Cäso's ehrwürdiger Vater alle seine Güter verkauft habe, um die Bürgschaft für seinen Sohn zu bezahlen, sagte er: »der arme alte Mann! ein solcher Schlingel von Sohn ist es nicht werth.« Des Vaters Geschichte rührte ihn indeß. Zwar wollte es ihm nicht recht gefallen, daß der alte 56 Edelmann selbst pflügt; dafür machte aber die rührende Scene, wie die Römischen Gesandten, die ihn als Diktator nach Rom holen sollen, ihn beim Pflügen antreffen, so tiefen Eindruck auf ihn, daß er sich heimlich eine Thräne abwischte. »Was ist denn ein Diktator?« fragte er dann. Beyer erklärte ihm das Wort. »Ja«, rief der Baron; »das ist noch ein Ämtchen für einen Edelmann, wobei er Ehre hat!« Dieser Quinctius wurde ihm der liebste seiner Vorfahren.

Nun kam Beyer, nach den Geschichten noch einiger Quinctier, endlich auf den Titus Quinctinus Flaminius, der den Macedonischen König Philipp besiegte und Griechenland frei machte. Auch diesen lobte unser Freiherr. Aber keine Rose ist ohne Dornen. Er hörte bald zu seinem Verdrusse, daß der Bruder dieses großen Mannes, Lucius, von dem Cato aus der Rolle der Senatoren gestrichen worden sey. Als er die Ursache davon erfuhr, spie er vor Ärger aus, und rief: »Pfui! das ist ein Schurke, ein Heide, eine Bestie! Lieber Beyer, lassen Sie das ja unter uns bleiben!« – Von dem Cajus Flaminius, der sich von Hannibal schlagen ließ, behauptete er, es wäre ein Dummhut. Indeß freuete er sich doch ungemein, daß schon einer seiner Ahnherren mit Hannibal Händel gehabt hatte. »Denn der Hannibal«, sagte er zu Beyern, »war der Teufel selbst.«

So kannte nun endlich der Freiherr von Flaming alle seine Römischen Ahnherren. Er machte sich mit Hülfe des Hofmeisters sogar einen Stammbaum der drei Linien, welcher eigentlich richtiger war, als der an der Spiegelwand. Wenigstens wußte er von seinen heidnischen Vorfahren 57 tausendmal mehr zu sagen, als von seinen christlichen, die er nur dem Nahmen nach kannte. Er führte von nun an auch immer seine Römischen Vorfahren im Munde, und erwähnte ihrer bei allen Gelegenheiten. Von dieser Zeit an hieß in der Familie Flaming ein liederlicher Mensch: ein Cäso; ein Schurke: ein Lucius; und ein Dummkopf: ein Cajus. Sogar die Bedienten gebrauchten diese Benennungen.

Während der Freiherr Stammbäume machte, und sich den Kopf zerbrach, wie er den Lucius, ohne dessen Bruder zu verlieren, aus dem Stammbaume wegschaffen sollte, studierten die beiden Knaben fleißig. Ihre Fortschritte waren ausgezeichnet, und Quinctius konnte, wenn er sich Zeit nahm, seinem Vater schon eine Lateinische Anmerkung in Prauns adeligem Europa verdeutschen. Sie fingen nun auch neuere Geschichte und Geographie an, so gut Beyer sie ihnen geben konnte.

Nach den Unterrichtsstunden liefen beide Knaben entweder in den Garten und turnierten (denn das Turnier war, trotz den Quinctiern und ihren Thaten, noch immer die Lieblings-Idee des Barons); oder Quinctius ging zu seinem Vater, und blieb in dessen Gesellschaft. Der Freiherr sprach dann unaufhörlich von dem Adel seines Stammes, und von den großen Vorzügen eines Adeliggebornen; oder er hielt seinen Sohn an, einen Traktat de nobilitate, oder de privilegiis nobilium s. imperii romani zu übersetzen. Er bat ihn, er beschwor ihn, ja recht fleißig zu seyn, und mehr zu lernen, als alle seines Gleichen, damit er den Glanz seiner Familie noch größer machen könnte. »Was weißt du, mein 58 Sohn!« fragte er. »Latein? Das kann Lissow auch. Geographie? Die lernt er ja mit dir, und ist nur eines Predigers Sohn. Du aber bist ein Nachkomme des Titus Flaminius, der den König von Macedonien besiegte, Griechenland frei machte, und drei Tage hinter einander triumphirte. Du mußt ganz etwas Besonderes lernen, mein Sohn, damit ein Jeder sogleich sieht, daß du ein Flaming bist.«

Diese Reden, die dem Knaben so oft wiederholt wurden, thaten große Wirkung, und machten ihn übermäßig eitel. So sehr seine verständige Mutter und Beyer sich auch bemüheten, diese Eitelkeit aus seinem Herzen wegzuschaffen, so war es dennoch vergeblich; sie bewirkten nichts weiter, als daß diese Eitelkeit nicht Hochmuth oder Egoismus wurde. Quinctius liebte den kleinen Lissow von ganzem Herzen. Er beschenkte ihn, theilte mit ihm das Liebste, was er hatte, und es traten Thränen in sein Auge, wenn Lissowen etwas fehlte; allein trotz seiner Liebe wollte er doch neben ihm glänzen. Hatte er irgend etwas gelernt, entweder in einer Unterredung seiner Mutter mit Beyern, oder bei einem Besuche, den sein Vater erhielt; so rühmte er sich gegen seinen kleinen Freund damit, als sey es ein eigner Gedanke. Er haschte nach allem Sonderbaren, und seine kindischen Plane gingen fast immer ins Ungeheure. Als Beyer von Columbus erzählt hatte, versicherte Quinctius, daß er schon als Kind einen unwiderstehlichen Trieb gefühlt hätte, neue Welten zu entdecken, und daß er nicht weniger beharrlich in seiner Unternehmung seyn würde, als Columbus. Das Unnatürlichste war ihm immer das 59 liebste. Er versicherte dem kleinen August, als Beyer von dem Genius des Sokrates erzählt hatte, in allem Ernst: auch ihn halte oft eine Stimme von etwas ab, das er thun wolle. Bei dem Unterrichte des Hofmeisters sann er immer darauf, wie er das, was er lernte, wieder anbringen und damit glänzen könnte. Alles fiel bei ihm bloß in das Gedächtniß, und seine Beurtheilungskraft blieb ungebildet. Er war sehr fleißig, fleißiger sogar als August, und lernte doch nicht eben so viel. Ohne so viel zu wissen, wie August, schien er noch einmal so gelehrt, als dieser: denn er prunkte bei allen Gelegenheiten mit dem, was er wußte, und suchte, eben weil er glänzen wollte, allem, was er sagte, eine gelehrte Form zu geben.

Bei Allem faßte Quinctius die falsche Seite auf, wenn Beyer auch noch so oft auf die richtige hin gewiesen hatte. Seht, sagte Beyer, Cincinnatus wurde arm. Mit eben der Würde, mit der er triumphirend, unter dem Jauchzen des ganzen Volkes, in Rom eingezogen war, verließ er es jetzt, von seiner Gattin und einigen Sklaven begleitet, in der Stille, zog auf sein Gütchen, und pflügte mit eben der Hand, die vorher das Scepter von Italien geführt hatte. Was, liebe Kinder, erhielt diesen Mann in seinem Unglücke so standhaft? Noch mehr: was erhielt ihn so heiter? – Die Weisheit. Er wußte, wie wenig der Mensch bedarf, um glücklich zu seyn; er wußte, wie wenig Ruhm, Glanz und Bewunderung werth sind. Mit eben der ruhigen Heiterkeit, womit er seinen Acker bestellte, kehrte er als Diktator nach Rom zurück. Er verließ seine ländliche Ruhe nicht gern; aber er 60 that es, um seinem Vaterlande nützlich zu seyn: und unstreitig war es sein größter Triumph, daß er, als sein Vaterland durch ihn gerettet war, ruhig wieder auf sein Gut zurückkehrte.

»Am besten«, sagte Quinctius zu August nach der Unterrichtsstunde, »gefällt es mir, wie die Gesandten aus Rom kommen, und ihm die Zeichen seiner Würde bringen. Seht ihr? wird er gedacht haben, Herr Beyer mag auch sagen, was er will ... seht ihr? nun könnt ihr doch ohne mich nicht leben!« – Nein, sagte August, mir gefällt es am besten, daß der alte Mann, ohne zu klagen, ein Landmann wird, und hinterher, da er wieder in Rom seyn darf, doch auf sein Gütchen zieht. Er hat gewiß mit seiner Frau da recht vergnügt gelebt, vergnügter als in Rom, wo er sich immer herumzanken mußte.

So ungefähr urtheilten die Knaben von allem, und so zeigten sie sich auch in ihren Spielen. Quinctius war immer Columbus, oder Herkules, oder Alexander; August begnügte sich gern mit einer Nebenrolle. »Da sieht man das Blut!« sagte der Freiherr, wenn er das bemerkte. »Immer in die Höhe, immer voran! Ist es nicht, als wenn der Junge den Schimpf wieder gut machen wollte, den Hannibal seiner Familie angehängt hat? Immer voran! Recht, mein Sohn! Deine Ahnen waren auch nicht die Letzten.«

So wuchsen die Knaben auf. Ihre Kenntnisse vermehrten sich; und dabei wurden Quinctius immer eitler, so wie August immer liebenswürdiger. Als Beide vierzehn Jahre alt waren, fing Quinctius an reiten zu lernen. August bekam 61 zwar, auf Vorbitte der Frau von Flaming, denselben Unterricht; allein Quinctius that es ihm darin weit zuvor, so wie im Tanzen und Fechten. Der Baron stieß Beyern an, als die Knaben ritten: »Nun Herr, erkennen Sie da den Edelmann? Sie loben den Lissow im Lernen aus den Büchern. Recht! die Feder in der Hand, die ist für Euch. Aber die Feder auf dem Hut, und dann auf dem Sattel – wie steht es da? Nun sehen Sie doch wohl, daß der Stammbaum reiten hilft?«

Der Stammbaum, Herr Baron? Ihr Sohn hat mehr Lust, vielleicht auch mehr natürliche Anlage dazu.

»Nun, das sag' ich ja eben. Es ist gerade wie mit den Mohren. Warum werden die hier nicht gleich weiß? Warum kennt man ihre Enkel vielleicht noch in hundert und mehr Jahren an der Farbe und an den dicken Lippen? Das sitzt im Blute. So sitzen da dem Quinctius alle seine Vorfahren im Blute, und darum lernt er so gut reiten. Setzen Sie zwei Menschen zu Pferde; den Edelmann will ich ohne Fehl herausfinden, wie einen Tartar aus Bauerpferden.«

Um diese Zeit kam ein junges zwölfjähriges Fräulein von Nothafft, eine arme Verwandte der Frau von Flaming, auf dem Gute an. Sie war nach dem Tode ihrer Mutter bei einer sehr reichen, aber auch sehr geitzigen Tante gewesen, und hatte da alles, was einem verwaiseten Kinde Hartes begegnen kann, erfahren. Eine Kammerjungfer der geitzigen Tante, die von dem Glücke der Frau von Flaming hörte, wendete sich aus der Ferne schriftlich an sie, schilderte ihr das Elend des Kindes, und bat sie, wenn es möglich wäre, 62 sich dessen anzunehmen. Die alte Tante überließ der Frau von Flaming das arme Kind sehr gern, das nun mit der ersten Gelegenheit abreiste.

Der Freiherr und seine Familie saßen eben bei Tische, als das Mädchen ankam, und ins Zimmer geführt wurde. Sie blieb an der Thüre stehen, und hatte Thränen in den schönen, blauen Augen, die sie an den Boden heftete. Frau von Flaming empfing sie sehr gütig. Der Baron war zufrieden, als er hörte, daß sie Katharina hieße, und bekümmerte sich dann nicht weiter um sie. Das arme Kind blieb immer bei der guten Tante, und hing schon nach vier Wochen an ihr mit unaussprechlicher Liebe. Es lernte mit erstaunlicher Leichtigkeit alle weibliche Arbeiten; aber zufällig entdeckte die Tante, daß es wenig oder gar nicht lesen konnte. »Nicht lesen? Armes Käthchen!« sagte die Frau von Flaming mitleidig, und bat den Hofmeister Beyer, sich doch des armen unwissenden Kindes anzunehmen. »Das wäre ein Geschäft für August«, setzte sie hinzu. Beyer ergriff diese Idee mit vieler Freude; denn er selbst hatte erfahren, wie nützlich das Unterrichten dem Lehrer ist. August mußte noch denselben Tag den Unterricht mit der kleinen Käthe anfangen, nicht allein im Lesen und Schreiben, sondern auch in andern Kenntnissen, und zwar zu der Zeit, da Quinctius sich bei seinem Vater befand.

Anfangs wollte es eben so wenig mit dem Lehrer als mit der Schülerin fort. Käthchen und August kannten einander noch zu wenig, um ohne Ängstlichkeit in einem solchen Verhältnisse zu stehen. Er lehrte, was er wußte, und gerade so 63 wie er es von Beyern gehört hatte; sie hörte zu, und sagte nach, was er ihr vorsagte: Beide aber dankten dem Himmel, wenn die Stunde vorüber war. Nach und nach wurden sie indeß bekannter. Käthe fragte zuweilen über etwas, das sie nicht verstanden hatte, und August gab sich nun Mühe, es ihr deutlich zu machen. Schon nach vier Wochen erklärte Beyer, der bisher oft bei dem Unterrichte zugegen gewesen war, daß er Augusten unbesorgt das Lehreramt überlassen könne. Er saß nun ruhig in einem Nebenzimmer, trieb sein Lieblings-Studium, störte die beiden Kinder nicht, und lobte ihren Fleiß, wenn aus der Stunde, die August geben sollte, zuweilen anderthalb wurden. Die Frau von Flaming bewunderte Katharinens Fortschritte, und schrieb sie ihren guten Anlagen zu. – Sie sollten nur hören, sagte dann Beyer, wie August sich Mühe giebt deutlich zu werden, und wie es ihm gelingt! Er ist ein wahres Genie für das Unterrichten.

Die gnädige Frau und Herr Beyer irrten sich Beide. Es war, mit Einem Worte, die Natur, welche sich in den Kindern regte. August unterrichtete Anfangs, weil es ihm befohlen war; und Käthchen lernte aus eben der Ursache. In der Schreibestunde zeigte der kleine Lehrer seiner Schülerin oft, daß sie fehlte. Ihm selbst, als er schreiben lernte, hatte Beyer zuweilen die Hand geführt. Das that August bei dem Fräulein aus Ehrerbietung nicht; endlich aber mußte er es dennoch wagen. Er nahm des Mädchens weiche Hand, und zeigte ihr bei einigen Buchstaben, wo die Feder leicht geführt und wo sie gedrückt werden müßte. 64 Diese Kleinigkeit war der Grund ihrer nachherigen Fortschritte. Als er erst einmal Käthens weiche, zarte Hand geführt hatte, wobei er gar nichts dachte, that er es öfter. Dadurch wurden aber Beide gegen einander dreister; und schon nach einigen Wochen fand August, ohne zu wissen warum, Vergnügen daran, des Mädchens weiche Hand oft eine ganze Zeile zu führen. Nun geriethen freilich die Buchstaben, die beide Hände zugleich schrieben, viel schlechter, als die andern; aber dennoch führte er die Hand des Mädchens wieder. Auch der Kleinen war es angenehm, wenn er das that; und wenn es eine Zeitlang nicht geschehen war, so schrieb sie vorsetzlich einige Zeilen schlecht, damit Lissow ihre Hand wieder führen sollte.

Jetzt gewöhnten sich die Kinder einander ins Gesicht zu sehen, was sie vorher selten, und nie ohne Scheu, gethan hatten. Käthe lächelte mit ihren hellen blauen Augen dem kleinen Lehrer dankbar zu; und August beeiferte sich immer mehr, ihr das Lernen leicht und angenehm zu machen. Aus dem Unterrichte wurde oft ein freundliches Geschwätz. Käthe erzählte wohl bei Gelegenheit etwas Andres, und der Unterricht wurde vergessen, bis Beyer endlich rief: »August, keine Allotria!« War aber Beyer einmal gar nicht im Nebenzimmer, so fiel die Stunde wohl ganz aus, und Beide erzählten einander mancherlei, ohne weiter an das Lehren und Lernen zu denken. Kurz, Käthe und August gewannen einander so herzlich lieb, wie unschuldige Kinder es können. Die Schreibestunde war ihnen jetzt die angenehmste, und Käthe schrieb oft eine volle halbe Stunde, 65 ohne daß August ihre Hand los ließ. Sonst wagten sie es nicht, einander die Hände zu bieten; denn fast täglich hörte Käthe von dem Freiherrn, welch ein schreckliches Vergehen es sey, wenn ein Fräulein einem Unadeligen erlaube, ihre Hand zu fassen. Hier aber war es ja nöthig, und also gewiß kein Vergehen.

Die unschuldigen Seelen! Ihr Herz empfand schon Liebe, und Niemand merkte etwas davon. Man sah nicht, wie ungeduldig Beide auf die Lehrstunde hofften, wie die kleine Käthe mit seelenvollem Lächeln an den Augen ihres Lehrers hing, und wie oft dieser über ihr Lächeln beim Unterrichten den Zusammenhang verlor; man hörte nicht, mit welcher sanften, einschmeichelnden, rührenden Stimme Beide sprachen. Außer den Unterrichtsstunden sahen die beiden Kinder aus einem natürlichen Instinkte der Klugheit, den die Liebe allemal giebt, und aus Furcht vor dem Baron, der beständig darüber redete, kaum an, oder doch nur so verstohlen, daß es Niemand merkte.

Es ist hier nicht von einem Einverständnisse die Rede. August und Käthe wußten selbst nicht, was in ihnen vorging. Sie verlangten nach einander, ohne zu wissen warum; waren, wenn sie sich bei einander befanden, zufrieden und glücklich, ohne zu wissen wodurch; dachten an einander, und träumten von einander, ohne sich ein Wort davon zu sagen. Noch immer ging es mit ihrer Vereinigung nicht weiter, als daß August Käthens Hand beim Schreiben führte; aber dies Führen der Hand wurde mit jedem Tage bedeutender, und die Schrift während dieser süßen 66 Augenblicke immer schlechter. Ja, wenn Käthe jetzt sah, daß August ihr die Hand führen wollte, (und das bemerkte sie jedesmal an seinen starren Blicken vorher): so spritzte sie die Feder aus, um nicht, anstatt zu schreiben, Tintenflecke zu machen.

Je mehr Beider Herzen einander anzogen, desto fremder schienen sie in Gesellschaft gegen einander zu seyn. Im Garten spielte Käthe nur mit Quinctius, und August stand ehrerbietig in der Ferne. Oft schüttelte die Tante sorgsam den Kopf über ihre Nichte, die sonst so dankbar war, und doch niemals, so oft sie auch Veranlassung dazu hatte, etwas Gutes von ihrem Lehrer sagte. Sie hielt das für Stolz, und bedauerte ihres Mannes unaufhörliches Reden über die Vorzüge des Adels, von dem sie glaubte, daß es Käthens Herz gegen Augusts Verdienste um sie kalt mache. Die gute Frau von Flaming merkte nicht, daß die Kleine nur gegen ihren Lehrer stolz war.

Quinctius lernte unterdessen angestrengt, was er zu lernen hatte, und konnte seinem Vater jetzt schon Lateinische Noten erklären. Dabei wurde aber seine Sucht zu glänzen mit jedem Tage größer. Nach den Unterrichtsstunden lief er in den Garten hinunter; und wenn er sonst Niemanden traf, so suchte er einen Arbeiter auf, um dem zu wiederholen, was er wußte.

So verfloß über ein Jahr ohne weitere merkwürdige Ereignisse; und nun kam die Zeit heran, da der fünfzigste Geburtstag des Freiherrn feierlich begangen werden sollte. Frau von Flaming wünschte, ihrem Manne eine vorzüglich 67 große Freude machen zu können, und bat Beyern, etwas zu erfinden, das Beziehung auf dessen Vorfahren hätte. Beyer sann hin und her; doch fiel ihm weiter nichts von den Flaminiern ein, das sich sinnlich vorstellen ließe, als der Triumph des Titus Flaminius. Schon früher hatte der Baron einen Kupferstich gekauft, der einen Römischen Triumph vorstellte; und danach wurde das Fest eingerichtet. Man schaffte eine große Menge Pappe an, woraus Helme und Schilde verfertigt wurden. Einen Triumphwagen bauete man aus leichtem Holze, und spannte, als er fertig war, vier Schimmel in einer Reihe zur Probe vor. Es sollten nur Kinder aus dem Dorfe die Schauspieler bei diesem Feste seyn; man war daher verlegen um den Kutscher des Wagens. Aber Quinctius, den man zum Triumphator bestimmt hatte, forderte die Rolle des Kutschers, weil es ihm ehrenvoller zu seyn schien, die vier Schimmel zu lenken, als zu triumphiren. Er bekam, weil er schlechterdings auf seinem Kopf bestand, einigen Unterricht von dem Kutscher im Hause, und fuhr in Kurzem mit den Schimmeln wirklich sehr gut. Nun schlug Beyer Augusten zum Triumphator vor. Die gnädige Frau aber machte ihn aufmerksam, daß ihr Mann es übel nehmen würde, wenn ein Bürgerlicher diese Rolle hätte. In dieser Verlegenheit wählte man endlich die kleine Käthe zum Triumphator, und es wurden ein goldner Harnisch und ein Helm mit einem Lorbeerkranze für sie verfertigt. Damit aber auch Lissow eine ausgezeichnete Rolle bei dem Feste hätte, so bestimmte man ihn zum Priester Jupiters.

68 Alles war in Bereitschaft, und jeder in seine Rolle einstudiert, als der festliche Tag heran kam. Die eingeladene zahlreiche Gesellschaft hatte sich versammelt, und nun lockte man den Baron unter einem Vorwande in den Garten. Da stand Käthe, wie der bewaffnete Liebesgott, an dem goldnen Wagen, und neben ihr, in einem weißen Leibrocke, der bis auf die Waden herunterhing, der Priester Jupiters, mit Blumen in den schwarzen Haaren, gleich einer Vestalin, die dem Amor opfern will. Schöner hätte Beyer das Costum nicht angeben können; wenigstens ließ Käthe den Priester mit seinem Korbe voll Blumen nicht aus den Augen. Hinter ihnen standen die Bauerknaben des Dorfes, die dem Wagen folgen sollten, mit Schwertern und Schilden bewaffnet, und mit Lorbeerkränzen in den Haaren.

Quinctius hatte schon längst die Zügel der Schimmel mit stolzen Händen gefaßt. Jetzt wurde das Zeichen gegeben, und er winkte Käthen, einzusteigen. Der Priester Jupiters half dem zitternden Mädchen in den Wagen, und bat den Kutscher, ja vorsichtig zu seyn. Dann traten ein Paar Bauernknaben, wie moderne Herolde, in Wapenkleidern mit dem Kaiserlichen Adler, und mit Trompeten in den Händen, hervor.

»Der Teufel!« rief Flaming; »was ist das? Aha! ein Paar Turnierherolde! Bravo, Ronichen! Ich habe etwas gemerkt. Ein Turnier zu meinem Geburtstage!« Hier unterbrachen ihn die Herolde, die mit bebender Stimme riefen: Stille, ihr Brüder von Rom! Sehet den Triumph des Titus Quinctius Flaminius, der den König von Macedonien besiegte!

69 »Gut gemacht, Herolde!« rief der Freiherr; und wendete sich dann sogleich lächelnd zu der Gesellschaft: »Der Titus Flaminius war mein Ahnherr.« Jetzt kam der Triumphwagen aus der Allee hervor. »Herrlich!« rief der Freiherr, und drückte seiner Frau die Hand. Der Wagen bewegte sich näher; der Priester trat vor ihn hin, und das nachfolgende Heer stellte sich in einer langen Reihe dahinter. Es lebe, rief August jetzt, der Konsul Flaminius und sein großer Enkel, der Freiherr von Flaming, hoch! In diesem Augenblicke schmetterten die Pauken und Trompeten in der Nebenallee. Durch den gräßlichen Lärm wurden die Pferde erschreckt, und liefen in vollem Galopp gerade auf die versammelte Gesellschaft los. Wie von Zauber getroffen, flogen Damen und Herren aus einander, und die meisten schrieen vor großer Angst. Die Musikanten setzten dazwischen ihr schreckliches Pauken und Trompeten fort. Die Pferde, die jetzt von den über einander fallenden Menschen noch mehr gescheucht waren, kehrten um, und flogen durch das Heer der Römer, das ebenfalls zu Boden stürzte, die Allee hinunter. Bei dem Umwenden war Quinctius vom Bocke gefallen, und lag im Sande; der Triumphator aber stand noch auf dem Wagen, und rief mit lauter Stimme um Hülfe.

Alles war halb erstarrt vor Schrecken. Quinctius! lieber Quinctius! rief endlich die Frau von Flaming; und er warf sich unbeschädigt in ihre Arme. Jetzt kamen die brausenden Pferde mit dem halb zerschmetterten Wagen aus einer andren Allee wieder hervor. Man floh in das Haus, und auf dem Platze lagen Hauben, Schilde, Helme, Fächer, 70 Trompeten, Schürzen, Hüte, Schwerter und Pfeifen unter einander. Die Pferde blieben endlich stehen, weil ein Baum den Wagen aufhielt. Man sah einander an, zitterte, und lachte endlich, da man alles gesund fand. Endlich aber, als der erste Tumult vorüber war, sah man, daß der Triumphator noch fehlte. Mein Gott! wo ist Käthe? rief die Frau von Flaming, und wurde todtenbleich. Man stürzte nun mit neuem Tumult in den Garten und die Allee hinunter. Als man umbog, sah man Käthen in Augusts Armen auf dem Boden. Sie lag todtenbleich auf seinem Schooße, und hatte den einen nackten Arm um seinen Hals geschlagen. Er hielt sie mit beiden Armen umschlungen, und die starr auf sie gehefteten Augen hingen ihm voll Thränen. Beide waren blutig.

Käthe wurde in das Haus geführt; August folgte ihr nach, und hatte noch immer seine Blicke auf sie geheftet. Man erkundigte sich nun bei ihr; sie wußte aber nicht, wie ihr geschehen war. August erzählte endlich. Als Käthe auf dem fliegenden Wagen schrie, stürzte er allein hinterher, und kam durch eine Nebenallee den Pferden vor. Ohne sich zu besinnen, sprang er ihnen entgegen, ergriff den Zügel des einen, und ließ sich ein Paar Sekunden lang fortschleppen bis endlich der Wagen stehen blieb. Springen Sie, Fräulein! rief er dem schreienden Mädchen zu. Sie sprang in die Arme, die er ihr entgegen breitete; und nun rissen die Pferde den Wagen aufs neue fort.

August fragte ängstlich: Ihnen fehlt doch nichts? Sie sah ihn mit starren Blicken an, ohne zu antworten, und wurde 71 nun erst recht bleich. Er wollte sie niedersetzen, damit sie sich erholen könnte. Sie hielt ihn fest umschlossen, und er sank mit ihr auf den Rasen, wo man sie antraf. Aber Ihr blutet ja, Kinder! sagte die Frau von Flaming. August hatte sich an der Deichsel die Hand ein wenig aufgerissen; die Verletzung war indeß unbedeutend.

Alle erholten sich bald, und man suchte die zerstreueten Sachen wieder zusammen. Die letzte Scene des Triumphs, worin das ganze Römische Heer seine Lorbeerkränze auf den Altar des Herrn von Flaming niederlegte, ging ohne Unfälle ab, und der Tag verfloß sehr heiter.

Der Baron legte seinem Quinctius die Hand lachend auf die Schulter, und sagte: »Cajus Dummhut Flaminius! ... Wahr ist es«, flisterte er dann Beyern ins Ohr, »an Muth fehlt es ihnen nicht: der greift den Hannibal an; und Quinctius nimmt es mit den vier wilden Bestien auf. Es wäre auch alles gut gegangen, wenn die Pauken und die Trompeten ihm nicht in die Flanke gefallen wären. Gerade wie in der Schlacht am See Thrasimenus. Erst stürzte die Reiterei über einander her, (ich meine die Damen mit ihren Federn und Plümagen), und dann das Fußvolk. Schreiben Sie das doch auf, lieber Beyer, aber nicht Lateinisch; und erwähnen Sie nichts davon, daß Sie Käthen in einen General verkleidet haben. Hören Sie? Ich kann die Verkleidungen nicht leiden; das ist und wird nichts als Betriegerei, wie die Zigeuner, die heimliche Juden sind.«

Käthe und August blieben, wie die andern Kinder, den Abend in ihrer Römischen Kleidung, und betrachteten 72 einander oft mit sehnlichen, liebevollen Blicken. August fühlte die Schmerzen an seiner Hand nicht, und dachte heute zum ersten Mal daran, daß er die schöne Käthe gern für sich gerettet hätte. Noch immer glaubte er mit ihr auf dem Rasen zu sitzen, und sah ihr bleiches Gesicht, die thränenvollen blauen Augen, den pochenden Busen. Er verlor sich den ganzen Abend in Träume, nahm an nichts Theil, und dankte dem Himmel, als er auf seiner Kammer allein war.

Ach, Käthe! Mit diesem Seufzer setzte er sich zu neuen Träumen hin, bis endlich der Schlaf ihn überfiel. Nun wollte er sich niederlegen, und sah auf seinem Kopfküssen den vergoldeten Lorbeerkranz liegen, den Käthe getragen hatte. Er nahm ihn auf, betrachtete ihn mit leuchtenden Augen, drückte ihn an seine Brust, und legte ihn endlich nach einer süßen Stunde auf den Boden seines Koffers. Nun erhielten alle seine Gefühle Bestimmtheit; denn jetzt erst ahnete er, daß Käthe sie mit ihm theile. Als er sie am folgenden Tage wiedersah, überzog eine hohe Röthe Beider Wangen. In der nächsten Stunde, die er ihr gab, stockte er oft, und sie merkte es nicht. Beide sagten nicht ein Wort über die letzte Begebenheit. Er wünschte im Herzen, sie nur noch Einmal so in seine Arme schließen zu dürfen, und sah sie dabei mit glühenden Blicken an. Sie schlug das blaue, sanfte Auge nieder, seufzte leicht, und pflückte an der Schürze, als ob sie ihn verstanden hätte, und sagen wollte: es geht nicht, so sehr wir es auch wünschen!

Unter beiden jungen Leuten entstand eine Liebe, die, so furchtsam, so wortlos, so unmerklich sie auch war, dennoch 73 mit jedem Tage mächtiger wurde. August und Käthe empfanden sehr wohl, daß ihre Gefühle das tiefste Geheimniß bleiben mußten, wenn sie sich nicht dem heftigsten Zorne des Freiherrn aussetzen wollten. Aber diese Gefühle schienen ihnen doch so natürlich, so überwältigend, daß sie nicht glaubten, dieselben jemals besiegen zu können, daß sie nur über ihr Unglück seufzten, und sich immer mehr von dem gewaltigen Zuge fortreißen ließen.

Seltsam! Eltern fordern von ihren Kindern mit einer Dreistigkeit, welche nur die reinste Gerechtigkeit geben sollte, nicht ohne ihre Genehmigung zu lieben; und dennoch machen sie es durch ihre Unvorsichtigkeit den Kindern beinahe unmöglich, ihnen zu gehorchen. Alles was höchstens geschieht, besteht darin, daß die Mutter ihrer Tochter die Liebe lächerlich macht, und sie als eine bloße Grille behandelt, die sich ablegen lasse, wenn man nur Vernunft genug habe, Weiß von Schwarz unterscheiden zu können. Die Tochter legt bei einer solchen Predigt die Hand auf ihr heißes Herz, und denkt: predige nur, Mutter; ich fühle es anders. Ich habe Vernunft; doch auch ein Herz: und das fehlt dir. Die Folge davon ist, daß die Mädchen das Heirathen als eine allgemeine Mode betrachten, und dem Ersten, der sich anträgt, ihre Hand geben, oder sich durch einen unbesonnenen Liebeshandel, den sie darum verheimlichen, weil man ihn verspottet, unglücklich machen.

Auch Käthe und August verheimlichten ihre Liebe allen Menschen, und hätten sie gern sich selbst verheimlicht; doch von dem Tage an, da der Jüngling das Mädchen in 74 seinen Armen gehalten hatte, war dies nicht mehr möglich. Beide gaben einander freilich noch nicht die Hände; Beide errötheten noch immer, wenn ihre Blicke sich begegneten: aber ihre Neigung zu einander bekam doch eine andre Richtung. Käthe saß dem Jünglinge gegenüber. Zufällig berührte sein Fuß den ihrigen. Rasch, als ob eine Schlange da läge, zog sie ihren Fuß an sich, und August erröthete. Nach und nach kam das Füßchen wieder hervor, und drückte den seinigen. Sie lasen in einem Buche, und hüteten sich Beide, einander mit ihren Händen, ihren Armen, ihren Schultern zu berühren; aber dennoch näherten sie sich leise, und schon nach einigen Stunden saßen sie Arm an Arm, Schulter an Schulter, in der vertraulichsten Stellung. Jetzt mußten sie langsamer lesen, weil ihnen der Athem gebrach. Beyer horchte von Zeit zu Zeit hin, hörte unterrichten, und war völlig zufrieden. Wenn die Frau von Flaming einmal kam, so fuhren die jungen Liebenden aus einander, als ob sie ein Verbrechen begangen hätten. So ging es einige Jahre fort; und die Frau von Flaming merkte noch immer so wenig etwas, als jeder Andre im Hause.

Eines Tages, als Beyer hatte ausgehen müssen, sollte August Käthen in der Geographie unterrichten. Er stand gerade bei dem Schwäbischen Kreise. Schwaben, sagte Käthe, ist mein Vaterland. »Wo sind Sie geboren?« fragte August eifrig. Sie nannte den Ort, und man suchte ihn auf der Karte. »Hier!« sagte August, und unterstrich den Nahmen mit rother Tinte. Käthe kam nun sehr natürlich auf ihre Tante, und auf das Elend ihrer Kinderjahre. Sie 75 erzählte mit nassen Augen, und auch Lissow konnte sich kaum der Thränen enthalten. Ach! sagte sie, und legte die Hand vor die Stirn: Sie glauben nicht, wie unglücklich ich da war! Es ist ein Elend, in einem Hause zu seyn, wo man nur aus Gnade geduldet, und von keinem Menschen geliebt wird!

August wurde durch diese Worte erschüttert, und stand auf. »Ja«, sagte er; »es ist ein großes Unglück. O, was Sie dort fühlten, das fühle ich hier! Glauben Sie, es thut mir weh, daß hier jeder mir meine Geburt vorrückt, daß man es mir als eine Gnade anrechnet, hier zu seyn.«

Sie sind ungerecht, sagte Käthe, und stand ebenfalls auf. Nur der Onkle ist doch so gegen Sie. Die Tante hat Sie gewiß lieb; Herr Beyer und der Cousin Quinctius auch.

»Wie aber? wie haben Sie mich lieb? Ich liebe die gnädige Frau, wie meine Mutter, und darf es ihr nicht sagen. O, ich möchte ihr zuweilen für mein halbes Leben nur die Hand küssen, und darf es nicht. Quinctius ist mit mir erzogen; ja, er hat mich lieb. Aber kann diese Liebe dauern? Er nennt mich Du; ich muß ihn Sie und Junker nennen. Heimlich nenne ich ihn wohl Du, weil er es haben will; aber ... Nein, es thut weh! Ich darf hier Niemanden als Beyern sagen, daß ich ihn lieb habe; Niemanden weiter!« Bei diesen Worten drangen Thränen aus seinen Augen.

Käthe blickte ihm mitleidig, wehmüthig lächelnd ins Gesicht. Ich ... fing sie abgebrochen und leise an; ich ... bin nicht stolz; mir dürfen Sie es sagen, wenn Sie mich lieb haben. (Kaum waren die Worte heraus, so erröthete sie hoch, und schlug die Augen nieder.) Denn auch ich, – setzte 76 sie hinzu, auch ich ... bin ja hier nur aus Gnade. O, seyn Sie doch wieder heiter. Sie hob ihren Arm ein wenig auf, als ob sie ihm die Hand geben wollte, zog ihn aber sogleich furchtsam wieder zurück. August lächelte ein wenig bitter. Sie fühlte den Blick, und reichte ihm die Hand wieder hin. Er nahm sie, drückte sie an seine Lippen, an sein Herz, und benetzte sie mit Thränen. Oh, sagte er dann mit unbeschreiblichem Eifer, darf ich es Ihnen sagen, liebes, theures Fräulein, wie lieb ich Sie habe? Lieber, lieber als alles auf der Welt! lieber als die gnädige Frau! lieber als Beyern!

Die arme Käthe wußte nicht, was sie sagen, wohin sie ihre Blicke werfen sollte, und wendete sich mit dem Gesichte bald hierher, bald dorthin. Sie machte sogar einen ganz leichten Versuch, ihm ihre Hand zu entziehen; das konnte sie aber nicht: denn der Versuch bestand mehr in einem Vorsatze, als in Handlung. O, lassen Sie mich! sagte sie endlich mit einer Stimme, die gegen ihren Willen etwas Befehlendes bekam. August ließ, durch den kalten, gebieterischen Ton ihrer Stimme halb erstarrt, ihre Hand los, und erröthete vor Scham, sich so geirrt zu haben. »Ich verstand Sie nicht, mein Fräulein«, sagte er mit einer Verbeugung, und in einem bittern Tone. »Verzeihen Sie mir. Befehlen Sie, daß wir wieder anfangen?« Er wollte bei ihr vorüber gehen. – Lissow! rief sie jetzt, ihn zurückhaltend, und lächelte wehmüthig. Lissow! wiederholte sie noch einmal. »O, Fräulein«, sagte er: »Ihre Kälte ... Es hat mich sehr geschmerzt!« Sie legte die Hand an die Stirn, ging die Hälfte des Zimmers nachdenkend hinunter, und blieb so stehen.

77 Lissow stand im Fenster, und sah ihr mit unbeschreiblicher Unruhe in der Seele nach. Er wollte zu ihr hin, sie in seine Arme schließen, und ihr sagen, wie heiß er sie liebe, wie unglücklich er sey; denn das alles fühlte er in diesem Augenblicke ganz deutlich. Aber er blieb ruhig stehen, weil ihn ein andres Gefühl zurückhielt, welches ihm sagte, das sey jetzt ungroßmüthig. Sie empfand nur die Bewegung ihres Innern, ohne etwas dabei zu denken. Endlich wendete sie sich um, und reichte ihm die Hand. Lissow betrachtete sie einige Augenblicke. Sie lächelte, weil ihre Empfindungen süß waren, und weil er so finster da stand.

Seine finstern Blicke erhellten sich nach und nach. »O Käthe!« sagte er dann mit Leidenschaft, und zog sie in seine Arme. Da umfaßte sie ihn sanft, legte ihre Stirn an seine Brust, und stand so eine lange glückliche Minute. Er beugte seine heißen Lippen auf ihre schöne Wange. Sie hob sich auf, sah ihn mit unruhigen und zärtlichen Blicken einige Pulsschläge lang an, sagte dann leise und betrübt: o Gott! und verließ das Zimmer. Auch er seufzte: o Gott! sah ihr nach, und warf sich schluchzend in einen Sessel.

Sie ging auf ihr Zimmer, und setzte sich in ein Winkelchen, um über das Geschehene nachzudenken. Die Thür flog auf, und Quinctius sprang herein. »Hören Sie, Cousinchen, sagen Sie mir, was glauben Sie: ist ein Wort ein Körper, oder nicht?«

O, lieber Vetter, ich weiß es nicht. Wozu soll ich das auch wissen?

»Wozu? Nun, meinetwegen, wenn Sie nicht richtig wollen 78 reden lernen! Ich habe mir in dieser Stunde den Kopf zerbrochen und eine außerordentlich feine Erfindung gemacht. Ein Ton, liebes Käthchen, das haben Sie schon von Lissow gelernt, besteht aus bewegter Luft. Luft ist ein Körper; also ist ja auch jeder Ton, oder jedes Wort, ein Körper. Nun, Cousinchen? was sagen Sie dazu? Sehen Sie, das Feine bei der Sache ist, daß ein Ton ein Körper, oder auch kein Körper ist, je nach dem man spricht. Sagt man, ein Ton besteht aus bewegter Luft, so ist ein Ton ein Körper; sagt man, ein Ton ist die Bewegung der Luft, so ist er kein Körper. Da man nun Beides sagen kann, so ist ein Ton zu gleicher Zeit ein Körper und auch kein Körper; und so, liebes Käthchen, habe ich mit einemmale die ganze Philosophie umgestoßen, die allein auf diesem Satze beruhet.«

Käthe rieb sich unruhig die Stirn und die nassen Augen, und schwieg.

»Nun, Sie sagen dazu gar nichts, liebes Käthchen? Ich könnte Ihnen noch mehr sagen. Wo ist Ihre Seele?«

Das weiß ich nicht, lieber Cousin!

»Von mir könnten Sie es erfahren«, sagte er mit einem schlauen und starren Blicke auf sie.

Käthe erröthete. Nun? fragte sie; und wo wäre sie denn?

»Ja, Deutsch läßt es sich nicht gut sagen. Ihre Seele ist wo, aber nur nicht an einem Orte; ubi, aber nicht ...«

So? erwiederte sie lächelnd.

»Aber, Käthchen«, fing Quinctius auf einmal an: »Sie sehen heute, ich weiß selbst nicht wie, aus; so sonderbar! Ihre Augen glänzen, Ihre Wangen glühen wie Rosen. So 79 hab' ich Sie noch nie gesehen. Ich weiß nicht – so freudig, und doch auch so traurig! Was ist Ihnen denn begegnet? was fehlt Ihnen?«

Nichts, lieber Cousin; nichts, in der That nichts. Setzen Sie sich zu mir; wir wollen ein wenig plaudern. – Sie sah ihn helllächelnd an, und drückte ihm die Hand. Er setzte sich mit Wohlgefallen zu ihr, weil ihre rührende Stimme, und das Leidenschaftliche in ihren Augen, in ihrem ganzen Wesen, seine Theilnahme erregten. Sie liebkoste ihm, um den Eindruck, den ihre Spannung auf seine Neugierde gemacht hatte, wieder zu vertilgen; und diese Liebkosungen waren noch jetzt von dem Geiste der Liebe angehaucht. Quinctius hatte das nie bei Käthen gefühlt, was er heute fühlte. Er verließ sie ungern; indeß wäre der Eindruck bei ihm sogleich wieder durch eine Schmeichelei von irgend jemanden verlöscht worden, wenn ihm nicht, als er Käthens Liebkosungen noch nicht vergessen hatte, eine lateinische Übersetzung des Plato in die Hände gefallen wäre. Beyer redete von dem Plato immer mit einer Ehrfurcht, die an Anbetung gränzte; man denke also, was sein Schüler von diesem Philosophen halten mußte. Quinctius fand eine Stelle, worin Plato die Liebe als die Quelle alles Großen, Vortrefflichen und Schönen empfiehlt. »Wo ist ein großer Mann«, so schloß Plato, »der nicht schon als Jüngling ein liebevolles Herz für einen geliebten, schönen Gegenstand gehabt hätte?« Quinctius schlug das Buch zu, und erröthete: denn er mochte nachdenken, so viel er wollte, er hatte noch nicht geliebt; und der große, göttliche Plato 80 machte doch die Liebe zum Kennzeichen eines großen Mannes. Da saß nun der eitle Jüngling, und verlangte nach Liebe. Wer konnte ihm einfallen, als seine schöne Cousine, deren Liebkosungen einen so angenehmen Eindruck auf sein Gefühl gemacht hatten?

Schon am nächsten Morgen früh war er bei Käthen, faßte sie näher ins Auge, als sonst, und fand sie jetzt zum ersten Male sehr reitzend. In der Stunde, die er bei ihr blieb, erwies er ihr so viele Gefälligkeiten, und so auffallend, daß sie es merken mußte. Sie neckte ihn dafür; er aber fand, je länger er das trieb, desto mehr Geschmack an dieser Art von Unterhaltung, flatterte nun beständig um seine Cousine her, und verließ sie fast nicht anders, als wenn er seine Lehrstunden besuchte. Doch je öfter er bei ihr war, und je mehr Artigkeiten er ihr erzeigte, desto zurückhaltender, desto kälter wurde sie gegen ihn. Das that ihm freilich eben nicht weh; aber er wollte lieben, um ein großer Mann zu seyn: und so war es ihm doch unangenehm, daß Käthe so wenig auf ihn merkte.

Von Zeit zu Zeit durchsuchte er Beyers' kleine Bibliothek, um etwas zu lernen, das Lissow nicht wußte. So war er auch einmal davor, und fand den Ovid de arte amandi (von der Kunst zu lieben). Augenblicklich steckte er den gefundenen Schatz zu sich, und ging damit in die fernste Laube des Gartens. Mit Heißhunger las er das Büchelchen halb aus, und fing dann sogleich an, die Lehren, welche Ovid den Römischen Jünglingen über die süße Kunst zu lieben giebt, zu befolgen. Er dachte mit keinem Gedanken daran, 81 daß Plato eine andere Liebe meinen könnte, als Ovid, und sagte freudig: »o, wenn es nur das ist, so will ich bald ein großer Mann seyn!«

»Vereinige Neugierde mit Dankbarkeit«, sagt Ovid, »und laß die Geliebte nicht erfahren, wer ihr Geschenke macht.« Noch diesen Abend holte Quinctius eine große Menge Blumen aus dem Garten, wand heimlich, sobald alles schlief, Kränze daraus, und hängte sie an die Thür seiner Geliebten. Am folgenden Morgen fand Käthe die Blumenkränze. Sie erstaunte über die seltsame Galanterie, und rieth auf ihren Cousin, weil der ihr seit einigen Tagen unablässig nachgegangen war; allein Quinctius hielt sich an seinen Ovid, und versicherte mit der ehrlichsten Mine, daß er nichts davon wisse. Nun rieth Käthe auf Lissow, und dabei blieb es. Am folgenden Morgen hingen wieder eine Menge Blumenkränze an ihrer Thür. Sie schüttelte den Kopf über Lissows Dreistigkeit, so viele Blumen auf einmal aus dem Garten zu holen, besonders da der Baron sie liebte, und täglich nach ihnen zu sehen pflegte. Um nicht Verdruß zu veranlassen, versteckte sie die Kränze unter ihr Bett.

Quinctius, der noch keinen Erfolg von seinem Gehorsam gegen Ovids Lehren sah, las wieder, und fand: »Sey standhaft in deinen Bemühungen, Jüngling. Geduld führt in den Hafen.« Er holte am Abend einen ganzen Korb voll Blumen, ging leise in Käthens Kammer, und bestreute ihr Bett, den Boden und alle Tische damit. Als Käthe am Abend in ihr Schlafzimmer trat, schlug sie in die Hände, und sagte: das ist doch sehr einfältig! – Sie legte die Blumen wieder 82 unter das Bett; aber am folgenden Morgen stand vor ihrer Thür abermals ein großer Korb voll.

O wahrhaftig, er ist unklug geworden! dachte sie nun, und war in Ernst ein wenig böse, so lieb sie Lissowen auch hatte. Sie ging zu ihm in die eine Stunde, die er ihr jetzt noch im Deutschen Styl geben mußte. Beyer war heute zugegen; doch fand sie Gelegenheit in einer guten Wendung zu sagen: ich habe Blumen genug. Das half; am folgenden Morgen war die Thür, die sie furchtsam öffnete, nicht mit Kränzen behängt. Nun glaubte sie ganz sicher, daß diese Galanterie von Lissow hergekommen wäre, und daß die wenigen Worte, die sie ihm gesagt, ihr ein Ende gemacht hätten. Allein sie irrte sich. Der Baron hatte dem Gärtner noch den Abend vorher Befehl gegeben, mit einer Büchse im Garten zu patrouilliren, und dem Blumendiebe ohne Umstände die Waden voll Hagel zu schießen. – Quinctius, der den Befehl hörte, hielt es nicht für rathsam, in dieser Nacht seine Galanterie zu wiederholen; und die Thür seiner Geliebten blieb daher ohne Kränze.

Am Morgen hörte Käthe den Baron auf den Blumendieb schelten. Sie gerieth darüber in große Angst, verschloß sich in ihre Kammer, versteckte die Blumen unter ihr Bettstroh, und verwünschte tausendmal die reichlichen Geschenke ihres Geliebten. Quinctius hielt sich noch immer an das constanter des Ovid; er holte nun am Tage ganze Taschen voll Blumen aus dem Garten, und bestreute damit wieder Käthens Bett und Fußboden. Sie wollte verzweifeln, als sie ihr Schlafzimmer öffnete. Heute sammelte sie die Blumen, 83 unter Thränen, sorgfältig auf, steckte sie wieder zu den verwelkten, und nahm sich vor, dem wunderlichen Menschen bei der ersten Gelegenheit einen recht nachdrücklichen Verweis zu geben. Als sie am folgenden Morgen die Thür öffnete, fürchtete sie, wieder einen Korb voll zu finden; damit war sie indeß doch verschont geblieben. Nun ging sie zu ihrer Tante. Nicht lange nachher kam der Baron, und lärmte aufs neue über den Blumendieb. »Er muß«, sagte der Baron, »nothwendig im Hause seyn; denn die ganze Nacht hindurch haben Leute im Garten gewacht.« Käthe wurde blaß und roth. Der Onkle bemerkte es, und fragte: »Püppchen? wie steht es um dein Gewissen? he? Ohnehin kramen die Jüngferchen immer gern mit Blumen. Weißt du um den Blumendieb?«

Käthe sagte mit zitternder Stimme: nein, lieber Onkle. Der Baron wollte sich aber dabei nicht beruhigen; er nahm sie bei der Hand, und führte sie nach ihrem Zimmer. Sie ging ziemlich ruhig mit, weil sie glaubte, die Blumen recht gut verborgen zu haben. Kaum aber steckte der Baron den Kopf in die Thür, so rief er: »hier riecht es ja wie in einem Blumengarten!« Der Geruch führte ihn auch sogleich zu Käthens Bette. Als er einige Küssen aufhob, wurde der Duft beinahe betäubend. Nun fand er leicht die Blumen im Stroh, und erstaunte über die Menge.

»Aber, Käthe«, fing er zornig an; »du mehr als Cajus, Lucius und Cäso« –

Ach, liebster, gnädiger Herr Onkle, ich schwöre Ihnen, daß ich noch nie eine Blume abgerissen habe.

84 »So gesteh, wer sie dir gebracht hat!«

Käthe erzählte, was sie wußte; und so sehr der Baron ihr auch zusetzte, so blieb sie dennoch dabei, daß sie nicht einmal vermuthen könne, wer ihr die Blumen bringe. Sie zitterte mehr für Lissow, als für sich selbst. Auch hatte sie die Sache so erzählt, als ob ihr jemand mit den vielen Blumen habe einen Possen spielen wollen. Man zerbrach sich im ganzen Hause vergebens die Köpfe darüber; der Thäter blieb verborgen. Käthe aber erstaunte, daß Lissow ihr das großmüthige Schweigen so wenig dankte.

Quinctius schlug nun einen andern Weg ein. »Geschenke«, sagt Ovid, »sind die Heerstraße, welche die Liebe am liebsten geht. Ein weißes Nebelgewand, ein Kopfputz, eine Perlenschnur erhöhen des Mädchens Schönheit, und öffnen ihr Herz der Liebe, besonders wenn du schenkst, ohne Dank zu fordern, heimlich, wie die Flamme, welche dich verzehrt.« Quinctius ließ durch einen Jäger, der ihm treu war, alles, was Ovid angiebt, kaufen, und Käthe fand heute auf ihrem Bett ein schönes Kopfzeug, ein modernes Halsband, und eine andre, eben nicht wohlfeile, Kleinigkeit zum Putze. Jetzt ging Käthen ein Licht auf, da Lissow diese theuren Sachen unmöglich gekauft haben konnte. Sagen Sie mir, Lissow, fragte sie, haben Sie mir denn nicht die vielen Blumen auf mein Zimmer geschleppt? – »Ich? Nein!« – Haben Sie mir auch nicht Geschenke auf mein Bett legen lassen? – »Nein, gewiß nicht.«

Käthe fragte den Cousin. Er leugnete mit einer sehr ehrlichen Miene, und sie wußte nun wieder nicht, woran sie war.

85 Quinctius dachte: »Ovid hat Recht. Es wirkt nach.« Käthe zeigte der Tante die Geschenke, und fragte sie um Rath. Auch dieser war die Sache ein unbegreifliches Räthsel.

Lissow wurde eifersüchtig, und forschte nach dem unsichtbaren Liebhaber; aber vergebens. Quinctius verrieth sich nicht einmal mit einer Miene; er bedurfte keines Vertrauten, lobte Käthen nicht, und war sogar nicht mehr so oft um sie, als seit einigen Tagen. Endlich aber ertappte Käthe ihren Vetter auf der That. Nun gestand er zwar, was er nicht leugnen konnte: daß er die Blumen und die übrigen Sachen gebracht habe; allein über seine Absicht ließ er Käthen gänzlich in Ungewißheit: denn Ovid hatte nicht vorgeschrieben, wie der Liebhaber, wenn er ertappt werde, sich benehmen müsse. Quinctius sagte seiner schönen Cousine ganz ruhig: es wird sich schon zeigen, was ich damit habe sagen wollen; und ging dann seines Weges.

Lissow'en, der Alles erfuhr, schien die ganze Sache sehr klar, und er wunderte sich, daß Käthe so unmäßig über etwas lachte, das er ganz und gar nicht lächerlich finden konnte. Sie sehen, mein Fräulein, sagte er bitter, der junge Herr von Flaming liebt Sie. Sie sehen – »Er liebte mich?« fiel Käthe ein; »Lissow, ich dächte, Sie sollten mir zutrauen, daß ich die Liebe wohl kennen müßte. Quinctius ist ein Narr, nichts mehr und nichts weniger.«

Auch Narren sind zuweilen glücklich, sagte Lissow mit bedenklichem Kopfschütteln; und Käthe lachte laut. –

»Überrasche«, sagt Ovid, »deine Geliebte, wenn sie schläft, drücke deine heißesten Küsse auf die Rosen ihres Mundes; 86 sie erwacht nicht. Schneide eine Locke von ihrem Haupt; sie erwacht nicht, und läßt deinen Händen das süße Unterpfand ihrer geheimen Liebe.« – »Nein«, sagte Quinctius; »das geht weit. Den Henker auch!« Er fand aber, daß Ovid mit vieler Sicherheit von dieser Unternehmung sprach, und traf im Weiterlesen noch dazu auf folgende Stelle: »Giebt die Geliebte deine Geschenke nicht ihrer Jungfer, trägt sie selbst und schont sie, so ist ihr Herz voll Liebe zu dir, und wenn ihre Lippen so rauh wären wie der Nordwind, der das Adriatische Meer peitscht.« Nun war unser Quinctius völlig von Käthens Liebe überzeugt. »Ja«, dachte er, »sie liebt mich! Alles trifft zu. Sie seufzt, hängt den Kopf, kann ohne zu arbeiten stundenlang in Träumen versenkt, dasitzen; sie antwortet verkehrt, ist zerstreuet, erröthet ohne Ursache, gestikulirt mit den Händen, rührt die Lippen, ohne etwas zu sagen, und spricht in einem Krankentone, ohne krank zu seyn. Gerade, wie Ovid es beschreibt. Gewiß, sie liebt mich! Ich muß die Überraschung wagen.«

Quinctius hatte wirklich nicht falsch gesehen; Käthe war ein lebendiges Bild von seiner Schilderung. Sie hatte sich mit Lissow über Quinctius gezankt, weil er ihr Vorwürfe machte, sein Unglück beklagte, und sich, die Welt, und alle Mädchen verwünschte. Käthe wollte ihn beruhigen; er schalt aber alles, was sie sagte, Heuchelei. Nun wurde sie böse, gestand endlich spöttisch, daß sie den Cousin liebe, und fragte Lissow, ob er denn Ansprüche auf ihr Herz machen könne, da sie ihm niemals Liebe versprochen habe. Lissow wollte einlenken; aber nun wurde Käthe noch 87 aufgebrachter, vergoß einen Strom von Thränen, und schwor, nie wieder ein Wort mit ihm zu reden. So waren sie gestern aus einander gegangen; und seit diesem Augenblicke saß Käthe da, seufzte, hängte den Kopf, weinte, schalt, bat ab, und bereuete, was sie schon eine Minute nachher sich wieder vorsetzte.

Auf diese Zeichen hin wollte Quinctius die Überraschung wagen. Er stand am Morgen bei Tagesanbruch auf, schlich, mit dem Ovid in der Tasche und einer Schere in der Hand, über den Saal, und öffnete leise Käthens Thür. In dem wenigen Lichte, das der Morgen durch die Jalousieen fallen ließ, sah er Käthen wie die Göttin der Liebe da liegen. Er ließ die Schere fallen, und wollte schon zur Thür hinaus; aber sie erwachte nicht. »O, mein Ovid!« sagte er leise, und schlich dem Bette näher. Käthe mußte einen süßen Traum haben; denn ihre Brust flog, und ihre Wange glühte. Quinctius trat nun mit leisen Schritten dicht an ihr Lager, hob zitternd eine der schönen, blonden Locken von ihrer Schulter, legte sie zwischen die Schere, schnitt zu, und – Käthe erwachte nicht, obgleich die Schere klirrte. »O mein Ovid!« sagte Quinctius leise, und bückte sich über das Gesicht des schönen Mädchens, das noch immer mit geschlossenen Augen und fliegendem Busen dalag. Er legte seine Lippen, Anfangs sanft, dann fester, auf die Rosen ihres Mundes; und sie erwachte nicht. Nun drückte er (was Ovid die Quintessenz der Liebe nennt) des Zahnes dauerndes Denkmahl so fest in die wächserne Schulter der schönen Schläferin, daß sie zuckte; aber dennoch erwachte sie nicht. Er 88 wunderte sich, daß Ovid so sehr Recht hatte, und konnte nicht begreifen, warum die Cousine gar nicht erwachte. »O, mein Ovid!« sagte er noch einmal leise, und schlich mit seinem Raube von dannen. Nun legte er die blonde Locke in das kleine Buch, stützte den Kopf auf, und sann nach, warum wohl Käthe nicht erwacht seyn möchte; denn daß sie ihn so heiß liebte, glaubte er doch nicht ganz. »Recht hat Ovid, das seh' ich nun wohl; aber warum es so ist, das begreif ich nicht.« Er brachte durch alles Sinnen nichts heraus, und beschloß nur, seinem Ovid mit blindem Köhlerglauben zu folgen.

Käthe schlief wirklich sehr fest, als Quinctius herein trat; sie erwachte indeß, als die Schere zu Boden fiel. So wie sie die Augenlieder öffnete, sah sie die Figur einer Mannsperson, die sich bückte. »Ah, das ist Lissow!« dachte sie mit klopfendem Herzen, und schloß geschwind die Augen wieder zu. – Er faßte ihre Locke, und sie sah, als sie wieder ein wenig blinzte, daß die Hand mit einer Schere sich näherte. »Laß ihn schneiden«, dachte sie; »ich liebe ihn ja, und habe ihm zu viel gethan.« Er schnitt, und dann fühlte sie, noch immer bei fest zugedrückten Augen, seine warmen Lippen auf den ihrigen. So fest sie auch schlafen wollte, so verzog sich doch ihr Mund ein wenig. Dann fühlte sie den Biß auf der Schulter nach Römischer Sitte, und zuckte, weil er weh that. Endlich zog die Figur sich wieder zurück und ging zur Thür hinaus.

Als Käthe sicher zu seyn glaubte, daß sie nicht behorcht würde, sprang sie auf, lief vor den Spiegel, besah ihr 89 blondes Haar, und rief ein wenig verdrießlich: aber, mein Gott, welche eine Menge Haare hat er mir weggeschnitten! Dann besah sie ihre Schulter, und bemerkte des Zahnes dauerndes Denkmahl. Das mag gelten, sagte sie; wenn ich angekleidet bin, sieht es niemand. Aber die schöne Locke! Nun, was hilft es? – Sie kämmte das übrige Haar mehr vorwärts, um den Raub zu verbergen, und stellte sich dann, als ob nichts vorgefallen wäre.

Quinctius glaubte, doch endlich, als Käthe sich frisiren ließ, eine Klage über den Raub von ihr zu hören; sie ertrug aber ihren Verlust sehr geduldig. Er nickte mit dem Kopfe, und dachte: Ovid ist ein Wundermann!

Als Käthe Lissowen zuerst wiedersah, erröthete sie; denn noch jetzt brannten seine Küsse auf ihren Lippen. Aber zu ihrem Erstaunen war sein Gesicht, anstatt heiter und entzückt zu seyn, finster und ohne Charakter. Nun war sie entschlossen sich zu stellen, als ob sie wirklich geschlafen hätte. Da aber Lissow schlechterdings kein Wort von seinem Glück erwähnte, so fing sie selbst an, auf den Verlust ihrer Locke Anspielungen zu machen. Als Lissow noch immer finster blieb, wurde sie sehr verdrießlich, und die Versöhnung, die sie schon im Herzen beschlossen hatte, kam nicht zu Stande. Beide verließen einander kalt und voll Unmuth.

Bis hierher war Quinctius wirklich nur ein eitler Thor gewesen, den eine Stelle im Plato zur Liebe überredet, und der sie als eine Kunst hatte treiben wollen. Aber seit den heißen Küssen auf Käthens Rosenlippen bekam auch die Sinnlichkeit ihre Rolle bei dem Handel. Quinctius sah den 90 ganzen Morgen das schöne Bild seiner Cousine; er dachte mit ungewöhnlichem Vergnügen an die reitzende Lage ihrer Arme, an die schneeweiße Schulter, welche die abgeschnittene Locke bedeckt, und an die Küsse, die er auf ihre Lippen gedrückt hatte. Jetzt wünschte er sehnlich, daß er geliebt seyn möchte, gerieth in tiefes Nachdenken, und zog zum ersten Male sein Herz zu Rathe. Seine Eitelkeit sowohl als die Begebenheit dieses Morgens beredeten ihn, daß er geliebt werde; und dieser Gedanke machte ihm die innigste Freude.

Er ging zu Käthen, als sie von Lissow zurückgekommen war. Sie saß mit finstern Blicken da, und hatte die Hände lässig auf dem Schooße liegen. Zum ersten Male näherte sich Quinctius ihr mit einer Art von Furchtsamkeit. Als er die Thür öffnete, erwartete Käthe von ihm die gewöhnlichen Possen; und sie war doch heute so wenig dazu aufgelegt. Aber sie irrte sich. Er trat an ihren Stuhl, nahm sanft ihre Hand, und sagte: »Ihr Kummer, liebe Cousine, läßt Ihnen so schön, daß man Ihnen auch den beneidet. Wenigstens wird jedes Herz ihn gern mit Ihnen theilen.« Käthe machte bei dem Komplimente große Augen, sah ihn lange starr an, und überlegte einige Sekunden, ob sie nicht Lissow's Eifersucht wahr machen sollte. Freilich nahm sie es sich nicht vor; aber gegen ihren Willen sprach sie doch mit Quinctius freundlicher, als gewöhnlich.

Dann saß sie wieder einige Minuten in trübem Nachdenken. Quinctius, der das für den letzten Kampf ihres jungfräulichen, zögernden Herzens hielt, wäre ihr beinahe 91 zu Füßen gesunken, und hätte ihr seine Liebe gestanden. Er hielt sich indeß, und Käthe war zu zerstreuet, um etwas Andres zu bemerken, als daß ihr Vetter heute viel artiger und bescheidner war, als gewöhnlich.

Einige Tage nachher machte Käthe endlich Frieden mit Lissow, weil sie der kummervollen Miene, den Seufzern und den heimlichen Thränen des geliebten Jünglings nicht länger widerstehen konnte. Aber was ist Ihnen, Lissow? fragte Käthchen, als sie in der Unterrichtsstunde mit ihm allein war. »Mir?« antwortete er, und es drangen Thränen aus seinen Augen. Das war der Anfang einer Scene, die mit großen Abwechselungen durch alle Arten des Vortrages, Amaramente, Furioso, Dolce u.s.w. ging, bis sie zuletzt mit einem Amoroso und einer zärtlichen Umarmung endigte. Beide versprachen einander, wie das Sitte ist, ewige Treue, Standhaftigkeit bei allem Unglück, und die heiligste Verschwiegenheit bis zu dem Zeitpunkte, da – man konnte nicht anders, es mußte heraus, so sehr Beide auch davor errötheten – da Lissow ein Amt haben würde, um seine Geliebte heirathen zu können.

Käthe verließ um fünf Uhr ihren Unterricht, und nun hörte man ihre frohe Stimme im ganzen Hause. Sie drückte dem Cousin Quinctius, der ihr begegnete, zärtlich die Hand, tanzte mit ihm umher, und ließ sich aus lauter Freude Küsse von ihm stehlen.

»Aber, sag mir nur« – so rief der Baron zur Thür hinaus, Quinctius entgegen, der jetzt auf dem Saal aus Leibeskräften sang: – »sag mir nur, was hast du denn zu schreien?«

92 Ich bin so vergnügt, Vater, so glücklich! Haben Sie nicht gehört, wie auch die Cousine gesungen hat?

»Recht so! Die singt; und ich sorge, woher das Vögelchen ein Nest nehmen soll. Komm Quinctius, übersetze mir einmal. Da ist wieder ein Narr, der sich seiner Muttersprache schämt.« Er hatte in seinem Zimmer »Gehagens Untersuchung, ob adelige Töchter die Güter ihrer Vorfahren beerben können und sollen« auf dem Tische liegen. Käthens Tante in Schwaben wurde immer älter, und der Freiherr hatte einen Brief ohne Nahmen bekommen, der ihm Nachricht gab, daß sie Willens wäre, nicht Käthen, sondern einer weitläuftigen Anverwandtin, ihr Vermögen zu hinterlassen. Er schlug alle seine Bücher nach, und fand endlich den Gehagius, worin aber viel Latein vorkam. Quinctius übersetzte ihm, daß von Gottes und der Natur wegen Töchter Anspruch auf die Erbschaften der Vorfahren zu machen hätten. Gehagius bewies das aus der Bibel, Römer 8,17: »Sind wir denn Kinder, so sind wir auch Erben.«

»Wie?« rief der Baron eifrig, und stand auf: »es steht in der Bibel, daß die Töchter erben sollen? und die Alte wollte das Fräulein Katharina von Nothafft nicht erben lassen? Nein, Ihr Gnaden, dazu red' ich auch noch ein Wort. Nicht also! Sie werden doch in Schwaben die Bibel respektiren? Käthe soll erben! Lies weiter, Quinctius.«

»Auch das Naturgesetz erklärt es für unmenschlich, Töchter ...«

»Halt! das mag ich nicht wissen. Das Naturgesetz ist das einfältigste Gesetz von allen. Ich möchte wissen, welcher 93 Narr das gemacht hat. Den Teufel auch! Das Naturgesetz, sagt Maibom, nimmt keinen Adel an. Wie kann es also über adelige Streitigkeiten entscheiden? Es mag bei den Türken gelten, die keinen Adel haben; aber nicht bei uns Christen! Halt du dich an's Reichsgesetz, Quinctius! Menschlich, unmenschlich: Narrenpossen! Käthe soll erben! soll, sag' ich! Nun versprich mir, Quinctius, hier auf der Stelle, daß du, wenn ich früher sterbe, als die alte unchristliche Tante – daß du Käthen zu ihrem Rechte verhelfen willst, mit Gut und Blut.«

Quinctius umarmte seinen Vater freudig, und sagte: O, ich nehme gewiß mehr Antheil an Käthens Glück, als irgend ein Mensch auf der Erde. Ich will Käthens Rechte vertheidigen, und sollte es mir künftig den letzten Stein meiner Güter kosten. Müßte ich sie auch mit meiner Hände Arbeit ernähren: sie soll nicht Noth leiden.

»Wie?« rief der Baron mit großen Augen: »was sprichst du da? Wie war das? Da geht mir ein Licht auf! ... He! Quinctius, nun merk' ichs. Du quinkulirst, wie ein Vogel auf dem Dache; sie auch. Das läuft Treppauf, Treppab; und du wie ein Narr hinterher. Junge, du bist verliebt!«

Ja, bester Vater, ich liebe meine Muhme von ganzem Herzen; und, wie Plato sagt, ... –

»Plato? wer ist der Ehrenmann? was sagt er?«

Der Vater der Philosophie. Er sagt, man könne ohne Liebe kein großer Mann seyn. Und, wie ich mich fühle, seitdem ich Käthen liebe, theurer Vater, hat er sehr Recht.

»Du bist ein Narr, Quinctius. Was Plato! Was Philosophie! 94 Da hier!« – (Er führte ihn zu dem Stammbaume der Flaminge.) »Da stehst du, und neben dir ein leeres Schild, und über dir gar nichts. Sieh, Quinctius, darum mußt du lieben und heirathen, daß du den Stammbaum größer machst. Plato! Narrenpossen! Nun?« (Er sah ihn starr an.) »Wie alt bist du denn? he! Und wie alt ist denn Fräulein Katharina von Nothafft?«

Ich bin neunzehn, und die Cousine sechzehn Jahre alt.

»Hm! hm!« – Er trat zu dem Stammbaume, und betrachtete ihn sehr nachdenkend. – »Ja, ja ich möchte wohl noch einige Schilder darauf malen lassen. Nun, meinetwegen, Quinctius. Du sollst sie haben. Laß mich allein; ich muß doch die Sache näher überlegen. Haben sollst du sie, das ist richtig!«

Quinctius flog singend zur Thür hinaus, und in dem Augenblicke hörte man auch Käthens helle Stimme. Eben trat Frau von Flaming zu ihrem Manne hinein. »Hörst du, Ronichen«, sagte er lachend, »wie die Beiden singen? Wie die Vögel, die sich paaren wollen.«

Paaren? Quinctius und Käthe?

Der Freiherr schlug ihr Römer 8,17 auf. »Da lies, Ronichen. ›Sind wir denn Kinder, so sind wir auch Erben.‹ Käthe ist also gar nicht arm. Aber wenn sie auch nichts hätte – was schadet es? Sie ist ein Fräulein von Nothafft, und der erste Junge, den sie haben, soll Titus heißen, und das erste Mädchen Razilia; denn so hieß die Frau des großen Diktators Quinctius, ein sehr braves, herzensgutes Weib. Was sie für eine Geborne war, weiß ich nicht; indeß will ich ...«

95 Aber, lieber Mann, von wem sprichst du denn? wer soll denn heirathen? Quinctius und Käthe?

»Nun ja doch, ja. Der Junge ist bis über die Ohren in sie verliebt.«

Frau von Flaming erstaunte über die Neuigkeit, und bekam nun von ihrem Manne den Auftrag, Käthen sogleich ihr Glück anzukündigen. Käthe saß auf ihrem Zimmer. Quinctius hatte seinen Arm um ihren Leib geschlagen; und sie merkte es nicht, weil sie an Lissow dachte: »Sieh da!« sagte die Mutter; »ertappe ich Euch so?« – Käthe erröthete, riß sich los, und sprang auf. – »Nun, es ist keine Sünde, so zu sitzen, kleine Heuchlerin! Setze dich nur wieder. Und was gebt ihr mir, Kinder«, fuhr sie heiter fort, »wenn ihr von mir Erlaubniß bekommt, so vertraut zu seyn als ihr wollt?« Käthe erröthete, und Quinctius fiel seiner Mutter um den Hals. O Mutter! rief er, soll ich glücklich seyn? habe ich Ihre Erlaubniß, meiner geliebten Käthe meine Hand anzubieten? – Käthe erstarrte. – O, Käthchen, fuhr er fort, und küßte ihre Hand: geliebtes, theures Mädchen, sagen Sie mir endlich, daß Sie mich lieben, daß Sie mir erlauben, Sie glücklich zu machen. Käthe stand wie eingewurzelt. »Nun Käthchen?« fragte die Mutter, und nahm ihre Hand, um sie in Quinctius Hand zu legen: »soll ich? Erröthe nur immer, Tochter; du brauchst nicht ja zu sagen.« Käthe erröthete wie eine Sommerrose; aber sie riß ihre Hand los: O, um Gottes willen, theure, liebe Tante! rief sie mit einem Angstgeschrei, und flog von Quinctius fast mit Abscheu zurück.

96 Jetzt warf die Mutter einen Blick auf Quinctius, der lächelnd da stand. »Du scheinst deiner Sache so gewiß zu seyn, Quinctius?« Ich bin überzeugt, Mutter, sagte Quinctius, daß die Cousine mich liebt. – In diesem Augenblicke trat der Baron in das Zimmer. »Sie liebt dich?« fragte er. »Nun, Käthe, so gieb ihm die Hand! Geschwind! Ei, so mach doch fort!«

Käthe zitterte wie ein Espenlaub. O theurer, gnädiger Herr Onkle, erlauben Sie, daß ich mich erhole.

»Was, erholen! Narrenpossen! Erhole dich nachher! Komm, gieb deinem Bräutigam die Hand!«

Quinctius flog mit Entzücken auf Käthen zu. Liebes Käthchen, rief er, o zögern Sie nicht länger; lassen Sie mich eine Minute früher aus Ihrem Munde hören, daß Sie mich lieben. Ich weiß es ja doch schon.

»Nun, wenn er es weiß, so gieb ihm die Hand, Mädchen, und ziere dich nicht.«

O, mein Gott! rief Käthe ängstlich; was weiß er denn? Nichts weiß er, nichts! Ich bitte Sie, Vetter.

Liebstes Käthchen, sagte Quinctius gutherzig: warum wollen Sie jetzt ableugnen, was Sie mir so geheim, so schön, gestanden haben? Die theuren Unterpfänder Ihrer Liebe, die Sie mir zu nehmen erlaubten, sind ja noch in meinen Händen. Liebes Käthchen, seyn Sie doch aufrichtig!

Wie? Unterpfänder meiner Liebe? Was haben Sie denn? Reden Sie! Ich bin unschuldig, ich bin unschuldig!

»Aber Hans Narr, wenn du Unterpfänder ihrer Treue, wenn du Versprechungen hast, so zeige sie.«

97 Quinctius griff unter seine Weste, und nahm zögernd Käthens lange blonde Locke hervor. Als Käthe sie erblickte, schrie sie voll Schrecken auf: O, mein Gott! ich bin verloren! Der Baron betrachtete das Ding, und rief mit Käthen zu gleicher Zeit: »ein Haarschwanz? was soll der? ist das ein Pfand auf die Treue?«

Es ist eine Locke, sagte Quinctius ein wenig verlegen, eine Locke von Käthens Haar, die sie mir abzuschneiden erlaubt hat.

»Aber seid ihr toll? Ihr schneidet einander aus Liebe das schöne Haar ab? Langes Haar ist ja ein Zeichen des Adels; man beschor Königen, die man absetzen wollte, die Köpfe. Wahrhaftig, ihr müßt toll seyn!«

Lieber Vater, beim Turnier bekam ja doch oft ein Ritter von einem Fräulein eine Haarlocke, und trug sie dann auf dem Helm, zum Zeichen ihrer Liebe. So ... –

»Aha! ja, das ist wahr! Nun, Käthe; nun bist du überführt. Du hast ihm den Haarschwanz – (Haarlocke, fiel Quinctius ein) – gegeben, und zwar aus Liebe. Ziere dich nicht länger.«

Ach, gnädiger, bester Onkle! rief Käthe, und streckte die Arme nach ihm hin.

»Die verdammte Verstellung! Mädchen, ich kann die Zigeunerstreiche nicht leiden. Wir wissen ja doch, daß du ihn lieb hast. Fort! du hast ihm die Haare gegeben; nun gieb ihm auch die Hand.«

Nein, nein; ich habe ihm die Locke nicht gegeben; ich habe sie ihm nicht gegeben!

98 Ich habe sie ihr abgeschnitten, und sie ... o Käthchen, warum soll ich mein Glück nicht sagen? – sie erlaubte es.

»Nun, so ist es einerlei. Hast du es erlaubt, Käthe? Thu den Mund auf! Ich will es wissen.«

Nein, ... sagte sie zögernd und ängstlich; ich habe es ihm nicht erlaubt, gnädiger Onkle.

»Hat er sie dir mit Gewalt abgeschnitten? oder hast du still gehalten? Denn gegeben, oder still gehalten: das ist einerlei.« Keiner antwortete. »Nun? wollt ihr reden? Ich will doch auf den Grund kommen! Hat sie still gehalten, Quinctius?«

Ja, Vater! sagte Quinctius zögernd.

Aber ich schlief! rief Käthe dazwischen.

»Schliefst? wo war es denn? wo schliefst du? he! Wo war es? Wollt ihr antworten?«

Ich schlief dort im Bett. Es war Morgens um drei Uhr. Ich weiß von nichts, gnädiger Onkle.

»Aber du, Cäso, du Lucius! Was machst du des Nachts auf den Kammern der Jungfern? Je, das ist ja hier im Hause eine hübsche Wirthschaft! Was wolltest du denn da in der Nacht bei Käthen? Je, du wahrer Cäso!«

Quinctius gerieth in eine nicht geringe Verwirrung. Ich wollte ... ich wollte ... Es war ein so schöner Morgen. ... Ich wollte sehen, ob Käthe schon aufwäre, um die Sonne ... Sie lag und schlief so schön. Die Locke hing ihr über die Schulter. Ich nahm die Schere, und schnitt sie ab, als ein Pfand ihrer Liebe.

»Du bist ein Narr mit deiner Haarlocke. Laß mir das 99 Nachtwandeln bleiben! Gut, du hast ihr die Locke abgeschnitten, und sie schlief. Da gilt es nicht. Es ist nichts als ein Diebstahl. Gieb ihr die Locke wieder. Du bist ein Narr!«

Die Mutter lachte. Das verdroß Quinctius, und setzte ihn in große Verlegenheit. Endlich sagte er, wieder zögernd: Käthchen, ich bitte Sie, seyn Sie aufrichtig! Sie machen mich lächerlich, und Sie ... Ich begreife Sie nicht.

Ich schlief! ich schlief! ich schlief! rief Käthe; was weiß ich von der Locke!

Sie wissen doch aber, daß es drei Uhr Morgens war! Cousinchen, warum zwingen Sie mich? Ich habe diese schönen, blauen Augen ein wenig blinzeln gesehen, und Sie verschlossen sie wieder, als Sie mich angeblickt hatten.

Nein, ich schlief, ich schlief! sagte Käthe bestürzt und höchst verlegen.

Wohl denn! Sie schliefen, als ich Ihnen die Locke abschnitt; Sie wollen es so. Aber, liebste Käthe, als ich meine Lippen auf ihren Mund drückte; als ich fühlte, daß Ihre Lippen mir meine Küsse wiedergaben; als ... –

»Was, Teufel!« fuhr der Baron auf: »das wird ja immer ärger! He, Jungfer! nun nicht mehr geläugnet! Haare, das laß ich gelten, da fühlt man nichts. Aber Küsse? die hast du gefühlt.«

Ach, gnädiger Herr Onkle, Quinctius küßte so leise, daß ich nicht davon aufwachen konnte.

Vater, sagte Quinctius erhitzt, ich biß sie sogar in die Schulter: das Denkmahl meines Zahns muß noch an ihrer Schulter sitzen; und sie schlug die Augen nicht auf.

100 »Aber Herr Gott! das ist ja wie unter Kannibalen! Quinctius, erzähle nur auf einmal, was du alles noch gethan hast. Sprich! ... Veronika, noch heute sollen Französische Schlösser vor die beiden Schlafzimmer, daß sie nicht heraus können! Das ist ja abscheulich! Beißen sich, schneiden sich die Haare ab; und alles aus Liebe! Nun, Käthe? wirst du den Mund aufthun? Er küßte dich, du ihn wieder; er biß dich, und du schliefest immer fort?«

Ach, gnädiger Herr Onkle, ich fühlte wohl, daß er mich küßte; aber es war mir sehr zuwider.

»Zuwider? Das mach du einem Narren weis, aber mir nicht. Ich kenne euch Schreihälse recht gut. Wäre es dir zuwider gewesen, so hättest du die Kehle wohl aufgethan, oder ihn mit einem Paar derben Maulschellen weggeschickt. Ne, ne, Kind! ihr ließet euch ja lieber einen Finger abschneiden, als eine Handvoll Haare. Kurz und gut! Quinctius hat hier eine Handvoll Haare von dir, ist bei dir vor dem Bette gewesen, hat dich im Bette geküßt und gebissen, und du hast die Augen zugemacht, nicht geschrieen, nicht gekratzt, nicht geschlagen, sondern wieder geküßt. Das paßt zusammen, wie es soll. Also die Hand her!« – Er nahm ihre Hand; Käthe aber fing jetzt an so kräftig zu schreien, daß er sie mit den Worten: »alberne Trine! so hättest du damals schreien sollen!« fahren ließ. »Du kannst dich besinnen«, sagte er weiter. »Ich gebe dir acht Tage Bedenkzeit, oder meinethalben auch vier Wochen. Komm Quinctius, komm!« Beide gingen, und Käthe blieb mit ihrer Tante allein.

101 Frau von Flaming hatte wohl bemerkt, daß Käthe ihren Abscheu vor Quinctius nicht heuchelte, und kam nun bald auf die rechte Spur. Unter den mancherlei Fragen, die sie ihrer Nichte vorlegte, war auch die: hast du etwa Quinctius für sonst jemand angesehen? Käthe wurde bleich, wie die Wand, läugnete aber ganz dreist. Die Tante stellte sich, als glaubte sie Käthen, und ging weg. Im Gehen dachte sie: sollte wohl Lissow...? und dieser Gedanke fiel ihr schwer auf das Herz. Erst jetzt sah sie ein, wie unvorsichtig sie gehandelt hatte, die schöne Käthe zur Schülerin eines jungen hübschen Menschen zu machen. Sie ging gerade zu Beyern, wo Lissow war, und fing gleichgültig an: »Ganz etwas Neues, lieber Herr Beyer. Mein Mann denkt aus Quinctius und Käthen einmal ein Paar zu machen.« – Frau von Flaming schien nicht zu bemerken, daß Lissow bleich wurde, und sprach von etwas Andrem. Dann ging sie auf ihr Zimmer, wo sie mitleidige Thränen für Käthen und Lissow weinte.

Sie wußte wohl, daß es schwer wäre, die Liebe der jungen heißen Herzen zu bekämpfen; aber sie glaubte, daß diese Liebe doch leichter zu unterdrücken seyn würde, als der Ahnenstolz ihres Mannes. Bei seiner Denkart konnte sie nicht zweifeln, daß er, trotz seinem guten Herzen, Lissowen, sobald er nur das Geringste von dessen Liebe merkte, aus dem Hause stoßen, und auch über Käthen in den heftigsten Zorn gerathen würde. Nothwendig mußte also das Verhältniß der beiden jungen Leute dem Baron unbekannt bleiben, und die Verbindung ihrer Herzen, wo möglich, getrennt werden.

102 Vielleicht ist die Leidenschaft, dachte Frau von Flaming, noch im Entstehen, und nur eine flüchtige Neigung. Allein sie irrte sich. Aus dem Wenigen, was wir von der Liebe der beiden jungen Leute gesagt haben, wird jeder, der das menschliche Herz kennt, leicht sehen, daß sie schon sehr tief eingewurzelt seyn mußte. Lissow war nun beinahe fünf Jahre Käthens Lehrer, und während dieser Zeit hatten tausend kleine unmerkliche, doch eben deswegen um so festere Bande ihre Herzen vereinigt: Unschuld der Kindheit, Wärme der Jugend, Gewöhnung an einander, und ein ähnliches Schicksal. Käthe fühlte und dachte wie Lissow, wußte was Lissow wußte; Beider Phantasie, Beider Gedanken nahmen immer Einen Weg.

Zwar hatten sie einander erst vor Kurzem ihre Liebe entdeckt; allein ihr Herz empfand sie schon seit jenem Geburtstage des Barons, an welchem Lissow Käthen rettete. Endlich sagten sie einander, was sie fühlten; und seitdem hatten zärtliche Briefe, vertrauliche Liebkosungen, herzliche Umarmungen jene früheren Bande noch durch das festeste von allen, die Sinnlichkeit, vermehrt. In der That, es war nicht leicht, alle diese Bande zu zerreißen; aber dennoch versuchte es Frau von Flaming.

Sie ließ zuerst Käthen zu sich kommen. »Höre, meine gute Tochter«, fing sie zärtlich an, »ich weiß, daß du Lissowen liebst.« (Käthe zitterte.) »Gesteh es mir offenherzig, liebes Kind. Ich will dir guten Rath geben; du brauchst ihn. Verschwiegenheit verspreche ich dir. Nicht wahr, du liebst ihn?«

103 Käthe schwieg mit niedergesenkten Augen, und weinte. Endlich sagte sie: ja, beste Tante, ich liebe ihn. Ach, ich bin sehr unglücklich!

»Wie lange liebst du ihn schon?«

So lange ich ihn kenne, liebste Tante; von dem Augenblick an, da ich ihn sah.

»Aber wann merktest du zuerst, daß du ihm so gut warst?«

An des Onkels Geburtstage, da er mich rettete. Ach, liebste Tante, ohne ihn lebte ich ja nicht mehr; ich muß ihn lieben!

Die Tante setzte das Examen fort, und erfuhr bald, daß sie mit einer sehr starken Leidenschaft zu kämpfen hatte. Nun stellte sie Käthen, sanft und mitleidig, vor, daß ihre Liebe mit der Unmöglichkeit zu streiten habe. »Oder weißt du ein Mittel, glücklich zu werden?« fragte sie.

Bei dieser Frage wurde Käthe auf einmal sehr beredt. Sie wußte tausend Mittel, die alle darauf hinausliefen, daß es ihr gleichviel gelte, in Armuth, in einer Wüste, in Verachtung, im Gefängnisse zu leben, wenn nur Lissow bei ihr sey. Dann machte sie eine so rührende Beschreibung von dem Glücke der Eintracht, der Freundschaft, der durch Liebe süßen und frohen Genügsamkeit, daß der Tante die Augen übergingen. »Aber, Mädchen«, fragte diese, »woher weißt du das alles?« Käthe legte die Hand auf ihre Brust, und sagte mit einem aufrichtigen, ehrlichen Blicke: aus meinem Herzen voll Liebe! Und sie sagte die Wahrheit; denn Romane gab es damals noch nicht. – Ihr Mütter, scheltet 104 nicht auf alle Romane; seid unzufrieden mit euch selbst, wenn ihr euren Töchtern vertraulichen Umgang mit Jünglingen erlaubt habt. Das Herz giebt der Jugend die Empfindungen der Liebe; Romane lehren sie nur anständig reden.

»Aber meinst du, Käthe«, fuhr die Tante fort, »dein Onkle würde jemals zugeben...?«

Das weiß ich, liebe Tante. Aber ich kann ja warten, und will es gern, zehn, zwanzig, dreißig Jahre. Ich bin schon glücklich, wenn ich nur keinen andern Mann nehmen darf.

»Und wirst darüber alt und grau!«

O nein, liebste, gütigste Tante; glauben Sie mir, die Liebe und das Herz werden nicht alt.

»Aber, Kind, wenn dein Onkle etwas erführe, so wäre Lissow unglücklich. Oder wenn er nun schlechterdings darauf bestände, daß du meinen Sohn heirathen solltest: wie dann? Du kennst den Onkle!«

Dann, – sagte Käthe, und ihre Thränen standen auf einmal – dann, liebste Tante ...

»Nun? dann? Sey ganz aufrichtig, liebe Käthe.«

Dann ginge ich mit Lissow davon, und sollte ich mich irgendwo als Magd vermiethen.

»Und fragtest nicht danach, wenn deine Verwandten vor Gram stürben; wenn deine Tante sich jeden Abend mit Thränen um dich niederlegte!«

Ach, Tantchen, machen Sie mir das Herz nicht schwer. Wenn man liebt, so denkt man an so etwas gar nicht. Dachte Lissow damals, als er sich zwischen die wilden Schimmel 105 stürzte, und sich von ihnen schleifen ließ – dachte er damals: was werden deine Verwandten sagen, wenn sie hören, das du von den Pferden zertreten bist? Nein, er hatte mich lieb, und sprang, ohne sich zu besinnen, zwischen die Pferde. O, Tantchen bedenken Sie doch, ich muß ihn lieben.

Die Tante schüttelte den Kopf; aber freilich konnte sie auf das alles nichts Rechtes antworten. Sie streichelte dem Mädchen die schöne Wange, und sagte mitleidig: »es ist doch unmöglich; du mußt vergessen.« Nun ließ sie sich von Käthen versprechen, Lissowen heute weder zu sehen, noch an ihn zu schreiben. Dann ging sie zu Beyern, und erzählte ihm ihre Entdeckung.

Beyer machte große Augen, wollte erst nicht glauben, besann sich aber auf diese und jene Kleinigkeit, die er bemerkt hatte, und sagte endlich: ja, ja! nun ist es mir deutlich, warum der Lissow die Dichter den Prosaisten so vorzieht! Aber wart! ich will dir die Dichter anstreichen. Sie glauben nicht, Ihr Gnaden, wie er sie übersetzte! Darum las er auch Fräulein Käthen, des Styls halber, wie er sagte, den Virgil vor, und den Homer. Aber nur Geduld! den Boethius soll er mir auswendig lernen!

»Hilft das gegen die Liebe, Herr Beyer?«

Ja, das weiß ich nicht, Ihr Gnaden. Aber wer hätte das denken sollen! Verführt! ein Fräulein! ... Der Bube!

»Wer spricht denn von Verführen! Die jungen Leute haben einander lieb.« Sie fing nun an, Beyern, der wohl seine Hebräischen Wurzeln kannte, aber die Liebe desto weniger, ein wenig zu belehren. »Ist denn unter allen Ihren 106 Büchern«, fragte sie endlich, »keins, das von der Liebe handelt?«

Von der Liebe? Behüte Gott, Ihr Gnaden! Welcher ehrliche Mann wird denn davon ein Buch schreiben!

»Aber diese Leidenschaft ist doch so gewaltsam und so schwer zu heilen. Ich sollte glauben, von der Liebe müßten hundert Gelehrte schreiben, damit wir armen Mütter uns Raths zu erholen wüßten.«

Da haben Ihr Gnaden Recht. Ach, da besinne ich mich auf ein Buch. Ovidius de arte amandi. Richtig! – Beyer suchte, und das Buch fehlte. Er beschrieb es der gnädigen Frau: ganz klein, einen Finger lang, mit einem goldnen Schnitt. »Das liegt bei Quinctius«, sagte die gnädige Frau. – Wie? rief Beyer erstaunt: bei Quinctius? Das ist ja unerhört! Der eine treibt Liebeshändel, der andre liest sie! Wo habe ich die Augen gehabt! ... O Jugend! Jugend! Aber, nur Geduld! ich will euch schon besser hüten! Mit diesen Worten ging Beyer das Zimmer auf und nieder, indeß Frau von Flaming das Buch holte.

Er blätterte ziemlich lange darin. Ja, hob er dann auf einmal an: wie man Liebe erregen soll, das steht hier; aber vom Vertreiben ...

»Nun, lesen Sie doch einmal, wie man sie erregen soll. Ich bin neugierig auf das Buch.«

Beyer sah die Stellen durch, die Quinctius mit rother Tinte unterstrichen hatte, und las: »Überfalle dein geliebtes Mädchen, wenn sie noch schläft; drücke deine brennendsten Küsse in die Rosen ihres Mundes« – (ist eine Figur, Ihr 107 Gnaden; es soll eigentlich heißen: küsse ihren rosenrothen Mund. – »Aber das erste klingt besser, Herr Beyer.« – Ja; das macht, weil es Verse sind. –) »Drücke deine brennendsten Küsse in die Rosen ihres Mundes: sie wird nicht erwachen.« (Hm! warum denn nicht? sprach Beyer dazwischen.) »Schneide eine Locke von ihrem Haupte; sie erwacht nicht, und läßt in deinen Händen das süße Pfand ihrer geheimen Liebe.«

Die gnädige Frau lachte herzlich. »Denken Sie nur, Herr Beyer! gerade wörtlich so, hat es Quinctius mit Käthen gemacht. Gerade so.«

Wie? wie hat es Quinctius gemacht?

»Ich sage Ihnen ja, gerade wie es in Ihrem Buche steht. Er schleicht zu Käthen auf die Kammer, schneidet ihr eine Locke vom Kopfe, und küßt sie; eben so, wie Sie es da gelesen haben.«

Und Fräulein Käthe?

»Macht es gerade so, wie das Mädchen im Buche; sie erwacht nicht. O, lesen Sie, lesen Sie! Hätten Sie das wohl in Quinctius gesucht? Sehen Sie, der geht recht gelehrt zu Werke. Er liebt sogar Lateinisch.«

Das verdammte Buch! ... Ich weiß von dem allen nichts, gnädige Frau. Der Quinctius ist sonst solide; aber ein solches Buch sollte wohl auch einen Engel verführen.

»Nun, lieber Herr Beyer, das Buch ist vielleicht böse genug. Aber der Mann, der es geschrieben hat, muß doch bei dem allen ein gescheidter Kopf gewesen seyn und das menschliche Herz genau gekannt haben. Was er sagt, trifft 108 ja wörtlich zu. Sehen Sie doch einmal hinten hin, ob da nicht Mittel gegen die Liebe stehen. Dann sollte jede Mutter das Buch auf ihrem Tische liegen haben. Gebe der Himmel, daß der Rath, den es den Müttern giebt, nur halb so viel taugt, als den es meinem Sohne gegeben hat!«

Beyer blätterte und las: »Willst du die Liebe aus des Jünglings Brust vertreiben, so laß ihn täglich viermal die gelbe Tiber schwimmend durchmessen. Dann zähme er zwei Stunden ein wildes Punisches Roß in dem Staube des Marsfeldes. Dann laufe er mit seinen Freunden zweimal die große Rennbahn aus. Ein hartes Lager von einem Bärenfelle empfange dann den Müden. Ehe noch der Sonne goldne Strahlen die Thäler erleuchten, wecke ihn aus den Armen des Schlafes zur Arbeit des vorigen Tages.« Beyer sagte lächelnd: Ihr Gnaden haben wohl nicht viel davon verstanden?

»Alles, lieber Herr Beyer. Lesen Sie nur weiter. Der Mann gefällt mir.«

Ey, ey! wie kämen Ihr Gnaden zu den Antiquitäten? Zum Beispiel: ein Punisches Roß, die gelbe Tiber, das Marsfeld, die große Rennbahn!

»Das versteht sich ja sehr leicht: ein wildes, flüchtiges Pferd; ein Fluß, der eine gelbe Farbe hatte; das Marsfeld war ein großes Feld, und die Rennbahn ein Platz, wo sie um den Preis rannten. Nur weiter!«

Ei, Ihr Gnaden, hätte ich doch nicht geglaubt, daß Sie in den Römischen Antiquitäten so stark wären! – »Hilft das nicht; steht der Jüngling noch da, auf einer Stelle, wie ein 109 Terminus; kreuzt die Arme über einander wie einer, der mit der Regierung schmollt; flieht die Menschen wie ein Pestkranker; redet kränklich wie ein Bettler: so verdopple die Arbeit. Laß ihn einen beladenen Kahn stromauf rudern, oder einen Morgen goldner Ähren absicheln; oder laß ihn das Holz spalten, das Lucull täglich in der Küche verbrennt; oder hilft nichts, so laß ihn Verse zusammenzählen wie ich, und wenn sie auch von der Liebe singen. Die Liebe fliehet aus müden Armen; sie verläßt die Brust, über die der Schweiß der schweren Arbeit in Strömen rinnt.«

»O wahrhaftig, Herr Beyer, Sie haben kein besseres Buch in Ihrer ganzen Sammlung. Ich danke Ihnen von Herzen. Nun werde ich die beiden Leutchen hoffentlich kuriren. Also schwere Arbeit, die den Körper ermüdet. Gewiß, ich fühle zum Voraus, das Buch hat Recht. Aber wie fangen wir das an, lieber Herr Beyer?«

Beyer sann lange nach. Endlich sagte er: Schwimmen und rudern geht nicht, weil es an Wasser fehlt. Mähen? Es ist Herbst; die Ernte ist vorüber. Aber Holz sägen, Ihr Gnaden, das macht müde Arme. Und ich dächte, wir säumten nicht, sondern schickten gleich morgen früh das Fräulein Käthe mit dem Lissow in den Holzstall; da könnten sie zusammen sägen, bis sie matt und müde wären.

Die gnädige Frau mußte lächeln. »Zusammen, lieber Herr Beyer? Ja, das wäre das rechte Mittel gegen die Liebe! Sie sollten Noten zu dem Buche schreiben; da würden schöne Sachen herauskommen!«

Ihr Gnaden verzeihen. Das könnte ich doch wohl, ohne 110 gerade zu wissen, was Liebe ist; und recht gelehrte Noten. Der Ovidius steht in einem so üblen Rufe. Aber das muß ich sagen, er hat den Lissow so natürlich gemahlt, als ob er vor ihm gesessen hätte! Und ich habe nichts gemerkt! ... Ich will doch den Ovidius künftig einmal lesen.

»Darum bitte ich Sie. Geben Sie doch Acht, wenn er die Zeichen beschreibt, an denen man sehen kann, ob es mit der Liebe vorbei ist, und besonders, was er von den Mädchen in diesem Falle und von der Art, sie zu heilen, sagt.«

Beyer las, als Frau von Flaming weggegangen war, weiter, und schon nach einer Stunde war er mit dem kleinen Buche von der Liebe in ihrem Zimmer. Die Zeichen der Gesundheit habe ich gefunden, Ihr Gnaden. Ich will sie Ihnen vorlesen. Nun können wir sogleich wissen, wann Lissow geheilt seyn wird. Arbeit, Ihr Gnaden, mag wohl die Liebe austreiben; nur fürchte ich, die Topik wird bei der Gelegenheit mit darauf gehen. Es ist ein kleines Stellchen. Hören Sie. »Habe deinen Sohn in Augen, traue ihm nicht, wenn er auf die Liebe schmält. Dieses Bild will ich dir mahlen. Glaube nicht eher, daß die Liebe von ihm gewichen ist, als bis er meinem Bilde ähnelt. Da kommt der Jüngling, der nicht an Amors Altären fröhnt. Er schreitet daher wie ein Numidischer Löwe, in trotzigem Gange. Seine Augen sind hell und blitzend, und schauen gerade vor sich hin, hangen nicht entzückt an den Wolken, oder düster am Boden. Jetzt sagt einer eine Posse: er lächelt nicht darüber; er lacht so gellend, wie der Hahn krähet, der die Sonne empfängt. Er heult nicht mit einem Unglücklichen; er tröstet ihn 111 männlich, und bleibt heiter. Er hat lange Weile, wenn er allein ist, neckt alle Dummköpfe. Bei einer wohlbesetzten Tafel nimmt er seinen Platz nicht zwischen den Mädchen, sondern da, wo der größte Becher und die schönste Schüssel steht. Er ißt wie ein Calabrier, singt mit lauter Stimme ein Trinklied, speiet mit Geräusch aus wie ein Reicher, mitten durch den Saal; und wenn er allein seyn muß, so zieht er seine Schreibtafel hervor, und berechnet seine Schulden mit lautem Lachen. Wenn er ...«

In dem Augenblicke trat der Baron in das Zimmer. »Was lesen Sie da vor, Herr Beyer?« – Beyer wurde roth, räusperte sich, öffnete den Mund, und schwieg. – »Nun?«

Ein Buch ... von der Liebe, Ihr Gnaden.

»Von der Liebe? Also auch Sie mit meiner Frau von der Liebe? Ei, so wollt' ich doch –! Seid Ihr denn alle närrisch? Quinctius redet von nichts als von Liebe und dem Plato; und Sie ... Ja freilich! liest der Hofmeister der Frau im Hause von der Liebe vor, so ist es kein Wunder, wenn die Kinder des Nachts zu den Mädchen auf die Kammern laufen, Locken stehlen, Küsse geben, und so weiter.«

Ihr Gnaden glauben doch nicht etwa, daß ich aus bösen Absichten der gnädigen Frau ...?

»Herr, ich glaube, was ich Lust habe! Aber das weiß ich, die Liebe wird noch mein Haus umkehren. Wenn die Käthe den Quinctius nicht nimmt, so thut sich der Junge ein Leids, so verliebt ist er!«

Das wird sich geben. Ihr Gnaden dürfen nur befehlen, daß der Junker, wenn er verliebt ist, ein paar Tage ein 112 wildes Roß zähmt, oder Holz spaltet. Lissow kann mit ihm zugleich sägen.

Die gnädige Frau winkte Beyern. – Ich glaube noch gar nicht, lieber Mann, daß Quinctius verliebt ist.

Da haben Ihr Gnaden recht; denn er kann entsetzlich weit ausspeien. Und Schulden hat er nur nicht, sonst ... –

»Was, zum Henker, schwatzen Sie denn da? Was hat das Ausspeien mit der Liebe zu schaffen?«

Die Frau von Flaming konnte vor Lachen nicht einfallen. Beyer fuhr ganz zuversichtlich fort: Das ist ein sicheres Zeichen, ob einer verliebt ist oder nicht, Ihr Gnaden. Speiet einer weit, so ist es nichts; aber speiet er leise und nahe vor sich, so ... –

»Herr, speien Sie denn so erschrecklich? Und ich will doch nicht hoffen, daß Sie verliebt sind?«

Hier steht es gedruckt, Ihr Gnaden. Ist es nicht wahr, so bin ich nicht Schuld. Die gnädige Frau aber hat nun einmal ihren Glauben darauf gesetzt. Es sind noch mehr Zeichen da, und eine ganze Kurart gegen die Liebe.

»Wenn es mit der Kur eben so ist, wie mit den Zeichen, so werfen Sie das Buch nur ins Feuer.«

Nein, die Kur ist probat. Lissow fängt sie morgen an mit Fräulein Käthe, und der Junker kann sie ja auch gebrauchen. Hilft es nicht, so schadet es auch nichts.

»Nicht etwa das ganze Haus, wie eine Frühlingskur? Wozu denn Lissow und Käthe? sind die verliebt?«

Die Frau von Flaming fiel hier zu rechter Zeit ein; sonst wäre das Geheimniß verrathen gewesen. Sie winkte 113 Beyern, daß er gehen sollte, und fing nun an, ihrem Manne ihre Meinung von Quinctius zu sagen. Ich glaube wirklich nicht, daß er Käthen liebt. Sieh, da hat er Beyern ein Buch genommen. Du weißt ja, lieber Mann, wie er ist. Was er irgendwo liest, das will er probiren. Nun findet er in eben dem Buche, das Beyer mir vorlas ... – Sie erzählte ihm, wie das mit dem nächtlichen Besuche bei Käthen gekommen war, schalt Quinctius einen Narren, sagte, daß Käthe ihn hätte zum Besten haben wollen, und stellte endlich den Baron zufrieden.

»Nun ja«, sagte er: »das seh' ich wohl, der Junge ist ein Narr; aber im Grunde hat er doch mit aller seiner Narrheit Recht. Da hängt mein Stammbaum im Staube, und ich möchte so gern noch einen kleinen Flaming mit eigner Hand hinein schreiben! ... Er soll Käthen haben, kurz und gut!«

Nun ja, ich sehe es recht gern, und Käthe nimmt ihn gewiß gern; denn vorhin zierte sie sich nur, das sah man wohl. Aber Quinctius ist noch nicht zwanzig Jahre alt; und früher, sagst du ja, durften die alten Deutschen nicht heirathen. War es nicht so, lieber Mann?

»Ja, ja, richtig; so war es. Nun, so soll er noch ein Jahr warten; die Käthe läuft ihm ja nicht davon. Doch, wenn die alten Deutschen im neunzehnten Jahre solche Kerl gewesen wären, wie Quinctius – ich stehe dafür, sie hätten auch geheirathet. Na, er soll noch ein Jahr warten. Man muß die Alten ehren.«

Und wäre es wohl nicht besser, da er doch noch ein Jahr 114 warten soll, man sagte ihm nicht, daß Käthe ihm zur Frau bestimmt ist, und Käthen eben so wenig? Beide sind jung und unbesonnen. Das Kammerschleichen hat mir nicht gefallen. Doch wie du willst, lieber Mann.

»Da hast du Recht, Ronichen. Das sind dumme Dinge! Nein, ich nehme den Jungen vor, und sage ihm: du, mach dir keine Hoffnung auf Käthen; sie wird deine Frau nicht. Käthen sag du dasselbe. Dann Französische Schlösser an die Kammerthüren! Und Lissow ist ja vernünftig; der kann ihr einmal in einer Stunde vorstellen, wie häßlich es ist, wenn ein junges Mädchen solche Dinge macht. Und mit dem Ausspeien, da ist Beyer ein Narr. Die Liebe ist kein Husten. Sie sitzt im Herzen; und da hilft das Ausspeien nichts. Eine Kur gegen die Liebe! hat das je ein Mensch gehört! Sag ihm das, Ronichen. Nichts von einer Kur, und damit Amen.« – Mit diesen Worten ging er.

Ich habe meinen Beyer oben einen philosophischen Kopf genannt. Die Recensenten, welche zuweilen ein Buch kommentiren, wie Beyer die Kunst zu lieben, könnten auf den Einfall kommen, zu behaupten, ein philosophischer Kopf müsse nothwendig die Liebe kennen; allein, mit Erlaubniß dieser Herren, das folgt nicht nothwendig. Beyer war von früher Kindheit an auf der Schulpforte erzogen, wo man damals aus den Dichtern nur Wörter und Redensarten lernte. Bis in sein zwanzigstes Jahr sah er kein andres weibliches Geschöpf, als eine alte Magd auf dem Kloster. Auf der Universität, wo er studierte, ging er in die Kollegia, und von da in eine öffentliche Anstalt zum Unterricht. Hier wohnte er 115 auch, und fand die Frömmigkeit dieser Anstalt gar nicht drückend, weil er wirklich fromm war, und äußerst einfach lebte. Von da zog er zu dem Baron von Flaming, wo er sein Lieblingsstudium, Hebräische Sprache und damalige Philosophie, fortsetzte. Die Kammerjungfern liefen von selbst vor seiner Perücke, seinem ernsthaften Gesicht, und seiner docirenden Stimme. Wo konnte er also die Liebe kennen lernen, oder Geschmack an den schönen Wissenschaften bekommen? Sobald davon die Rede war, ging es ihm, wie manchem jetzigen Gelehrten, wenn von Latein oder gar vom Griechischen die Rede ist: er schweigt, oder sagt etwas Albernes. – So viel von meinem guten Beyer, der erst im vierzigsten Jahre durch seine Braut die Liebe, und im sechzigsten durch seine Söhne die schönen Wissenschaften kennen und schätzen lernte.

Frau von Flaming traf noch heute Anstalten, Ovids weise Lehren zu befolgen. Sie rief Käthen, und sagte ihr: »liebes Kind, du mußt von morgen an die Haushaltung besorgen. Es fragt sich, ob du einmal reich heirathest; und so ist es nothwendig, daß du die Haushaltung lernest, um nicht mit deinem künftigen Manne zu Grunde zu gehen.« Käthe zog aus diesen Worten, ich weiß nicht welche, Hoffnung für ihre Liebe und versprach fröhlich Gehorsam. Die Schlüssel wurden ihr also übergeben, ein Rechnungsbuch dazu; und, siehe da! Käthe flog die Treppe hinunter in die Küche, dann in den Keller, dann auf den Boden, gab heraus, schloß weg, holte Wein, nahm die Arbeit der Mägde in Empfang, und so weiter. An Lehrstunden wurde nun gar nicht mehr gedacht. 116 Abends war Käthe so müde, daß sie im Bette, nach einem kleinen Gedanken an Lissow, sogleich einschlief; und Morgens weckten die Mägde sie schon so früh, daß sie kaum einmal an Lissow denken konnte. Damit ihr Eifer nicht erkalten möchte, ließ ihre Tante sie fast niemals aus den Augen; und war sie eine Stunde frei, so wollte Tante spazieren gehen. Kurz, Käthe hatte alle Hände voll zu thun, so daß für die Liebe und für Lissow nur wenige Augenblicke übrig blieben.

Dazu kam noch, daß auch mit Lissow eine große Veränderung vorgegangen war. »Was willst du werden, August? « fragte der Baron: »Prediger? Landprediger? Wohl! Beyer sagt, du wissest jetzt genug, die Universität zu beziehen. Das sollst du in Jahr und Tag, vielleicht mit Quinctius, vielleicht allein. Aber ihr Beide, du als Landprediger, und Quinctius als freier Reichsritter, braucht einmal Kenntnisse von der Landwirthschaft. Dies Jahr sollt ihr eure Freistunden dazu anwenden. Ich habe den Amtsverwalter schon deshalb instruirt.«

Am folgenden Morgen um vier Uhr wurde Lissow geweckt. Der Verwalter ritt mit ihm um die ganze Flur des Gutes, und fing nachher seinen Unterricht ganz praktisch an. Quinctius und Lissow mußten pflügen lernen, dann eggen, dann säen; und sobald sie zu Hause kamen, trieb Beyer sie zum Studium der Topik und Philosophie. So ging es Tag für Tag. Alles, von dem Verwalter an, bis auf die Knechte, hatte von der gnädigen Frau geheimen Befehl, die beiden jungen Leute zu beschäftigen, so daß sie von einer 117 Arbeit zu der andern mußten. Käthe war auf dem Käseboden, und gab für die Haushaltung Käse heraus; Lissow stand mit seiner Schreibtafel auf dem Kornboden, und ließ messen. Käthe schrieb Eier ins Buch; Lissow die Herrendienste ins Register. Nur am Tische kamen sie zusammen. Aber da konnte Lissow zur großen Freude der gnädigen Frau einen Hammelbraten eben so sehnlich betrachten, als noch die Minute vorher Käthen; und Käthe vergaß doch nicht mehr ihre Suppe zu essen.

»Ihr Ovid ist ein ganzer Mann!« sagte die gnädige Frau zu Beyern. »Geben Sie Acht, Lissow wird bald krähen wie ein Hahn.« Allein die gnädige Frau hatte sich doch geirrt. Auf einmal fing Käthe an die Treppe hinauf und herunter zu schleichen; hängte das Köpfchen wieder; schlug die Augen gen Himmel, wenn Lissow sie ansah; vergaß ihre Suppe, und aß nach Tische lieber unter Thränen ein Butterbrot.

Auch Lissow fing wieder an zurückzufallen. Er ritt einen Schritt, anstatt seines gewöhnlichen Trabes; er ging in den Wald, anstatt nach dem Felde; er pflügte zu hoch oder zu tief: seine ganze schöne Ökonomie war vergessen; er stand, den Kopf auf die Brust gesenkt, die Hand vor die Stirn gelegt, und träumte.

An allem diesem Unheil war Beyer Schuld. Er hatte einen so fürchterlichen Begriff von der Liebe, daß er sie für das größte Unglück hielt. Also mußte ihn wohl die Vorstellung quälen, daß Lissow, sein Liebling, in den fürchterlichsten Abgrund versunken sey. Man denke sich aber auch die Freude des guten Lehrers, als er seinen jungen Freund von 118 der gefährlichen Krankheit gänzlich befreiet glaubte! Er hatte der Frau von Flaming hoch und theuer versprechen müssen, Lissowen nicht eher etwas über die ganze Sache zu sagen, als bis dieser völlig geheilt wäre; und das hielt er redlich. Als er nun Lissowen einmal laut, schallend, lachen hörte, hielt er, in seinem festen Glauben an den Ovid, dessen Heilung für ganz vollendet, und trug nicht länger Bedenken, sein Herz zu erleichtern.

Er sagte zu Lissowen, als er mit ihm allein war: Ich wünsche dir Glück, mein lieber Sohn, zu deiner Wiederherstellung. Gott gebe, daß du nun aus deiner Krankheit den gehörigen Nutzen für die Zukunft ziehen mögest!

»Lieber Herr Beyer, ich bin ja nicht krank gewesen.«

Ich meine die Krankheit deines Herzens, deiner Seele: deine Liebe zu Fräulein Käthe. Denkst du, ich habe das nicht gewußt? O, mein guter Jüngling, ich war besorgter um dich, als du selbst. – Er entdeckte ihm nun, welche Mittel er und die Frau von Flaming angewendet hätten, ihn und Käthen zu heilen. Lissow erröthete, mehr vor Verdruß, als aus Scham. – Schäme dich nicht, mein Sohn. Oder ja; schäme dich deiner vergangenen Thorheit. Thorheit sage ich; ich würde Bosheit sagen, wenn ich dein Herz nicht kennte. Denn wie konntest du nur einen Augenblick daran denken, ein Fräulein zu heirathen? Ich will nicht einmal von dem Verdrusse reden, den du deinem Wohlthäter, dem Baron, dadurch erregt hättest, wenn die gnädige Frau nicht so gütig gewesen wäre, es zu verschweigen. Danke dem Himmel und der gnädigen Frau, die dich gerettet haben!

119 Alles Blut in Lissows Adern wallte. Käthe hatte ihm in einem Briefchen die Hoffnungen mitgetheilt, welche sie von der Tante bei ihrer Bestallung als Wirthschafterin bekommen zu haben glaubte; und diese Hoffnungen waren eine von den Ursachen ihrer Heiterkeit gewesen. So oft Käthe und Lissow einander einen Augenblick allein sahen, sprachen sie von nichts, als von der schönen Aussicht in die Zukunft. Die gnädige Frau schien ihnen ein vom Himmel gesandter Schutzgeist. Sie wurden ihrer Sache noch gewisser, als Quinctius sich beklagte, daß sein Vater ihm alle Hoffnung auf Käthens Besitz genommen habe; und nun weckte Beyer Lissowen so plötzlich aus seinem süßen Traume.

»Die gnädige Frau wird wissen«, sagte er kalt und bitter, »wie viel Dank sie von mir und Käthen verdient. Wie sie handelt, gerade wie sie, so will auch ich handeln: eben so ehrlich und offen.« – Das thu, mein Sohn, erwiederte Beyer; und du wirst ein redlicher Mann werden.

So wie Lissow allein war, schrieb er Käthen die heimtückische Falschheit ihrer Tante. »Wir sind verrathen, von eben der Frau verrathen, der wir Menschlichkeit genug zutraueten, zwei Herzen nicht zu zerschmettern, die einander lieben und in ihrer einfachen Liebe so glücklich sind. Ja, wir sind verrathen! Man bestimmt Sie noch immer für Quinctius. Und mich? Mich wird man leicht wegschaffen können. Den lästigen, elenden Menschen, in dessen Adern kein hochfreiherrliches Blut rollt, und in dessen Herzen keine Tugenden leben, die von einem Stammbaum ihre Würde erhalten – den verstößt man, überläßt ihn seinem Elende, 120 seiner Verzweiflung, und raubt ihm das Herz, das sein Glück war und allein für ihn schlug.«

Lissow steckte Käthen sein Briefchen noch heute zu. Sie machte am Abend ihre Rechnung, legte sich nieder, zog das Tischchen mit dem Lichte vor das Bett, und wollte den Brief ihres Geliebten lesen, um dann mit dem letzten Worte in den Augen einzuschlafen. Schon gähnte sie, als sie den Brief aus dem Busen zog; aber schnell war sie wieder munter, als sie nur eine Zeile gelesen hatte! Alles wurde ihr deutlich. Sie vergoß, seit langer Zeit zum ersten Male wieder, Thränen, und konnte, so müde sie auch war, nicht einschlafen. Noch in der Nacht schrieb sie Lissowen einige Worte, worin sie ihm von neuem feierlich ihre Treue zusicherte, auf die Tante, auf Quinctius, den Onkle, und alle Stammbäume in der Welt schmählte, und die Tochter eines Bauern zu seyn wünschte, daß sie ungehindert ihren theuern Lissow heirathen könnte, mit dem sie lieber in einer Bauerhütte leben wollte, als mit Quinctius auf einem Throne. Sie legte ihr Billet zusammen, steckte es in ihren Busen, sagte mit einer trotzigen Bewegung: ich will nun doch keinen Andern als Lissow! und schlief dann ruhig ein.

Von diesem Abend an suchten Lissow und Käthe jeden Augenblick, den sie beisammen seyn konnten. Ihre Liebe, die nach Ovids Vorhersagung schon anfing, von Geschäften und Ermüdung erstickt zu werden, schlug wieder in hohen Flammen auf. Wer konnte die jungen Leute hindern, einander zu sehen, besonders da die Frau von Flaming voll guten 121 Zutrauens Käthen nicht mehr so scharf beobachtete? Lissow revidirte nun das Biergebräude gerade dann, wenn Käthe Bier für die Leute holen ließ. Er kam auf der einen Seite vom Kornboden, wenn sie auf der andern nach dem Tauben- oder Flachsboden ging. Da standen sie zwischen den brütenden und schnäbelnden Tauben, und liebkosten einander, wie diese. Ihr gegenseitiges Vertrauen stieg in dem Maße, als sie sich von allen andern Menschen verrathen glaubten. Sie nannten sich jetzt Du, was sie vorher nie gethan hatten; und ihre Küsse wurden, weil sie auf der Flucht genießen mußten, jetzt feuriger und sinnlicher als jemals. Auch ihre Plane verriethen Sinnlichkeit; denn alle liefen darauf hinaus, daß sie sich recht bald mit einander vereinigen wollten. »Ich kann Verwalter werden«, sagte Lissow. – Und ich eben da Wirthschafterin, fiel Käthe ein. – »Oder ich kann vom Unterrichten leben.« – Und ich vom Nähen, erwiederte Käthe. – Ach, wenn du erst ganz mein wärest! sagten dann Beide, und fielen einander in die Arme.

Lange konnte der Frau von Flaming die vorgegangene Veränderung nicht verborgen bleiben. Zuerst wurde sie durch Käthens kaltes Mißtrauen aufmerksam, das gegen die vorige Liebe zu ihr so merklich abstach; dann sah sie Käthen seufzen und träumen; und endlich hörte man, daß die Mägde sich an der Bodenthüre nach Fräulein Käthen beinahe heiser riefen. »Fräulein Käthe!« wurde im Hause gerufen; und »Herr Lissow!« auf dem Hofe. Immer suchte man Beide zu gleicher Zeit. Frau von Flaming ging, wenn 122 endlich Käthe die Treppe herunterstürzte, wohl hinaus, um sie zu sehen; dann glühete Käthe wie eine Purpurrose, und erschrak vor der Tante.

»Lieber Herr Beyer«, sagte Frau von Flaming, »ich komme, Ihren Ovid um Rath zu fragen. Das geht nicht mehr mit den jungen Leuten; es ist ärger als vorher.«

Beyer erschrak, und wollte das nicht glauben; die gnädige Frau erzählte aber, und überzeugte ihn. Er hatte sich manche Stellen angemerkt; und jetzt war er, gänzlich gegen seine Erwartung, in dem Falle, sie lesen zu müssen. »Siehe, Römerin, du nähmest Lukretia, die Mutter der Gracchen, oder Cato's männliche Tochter zum Muster, nach welchem du deine Tochter erzogest. Aber nun sitzt sie da, heimlich weinend, mit Seufzern zwischen den Lippen. Sie verbirgt in ihrem Busen Briefe, die ihr ein Jüngling zusteckte, und die sie mit Thränen benetzt. Ihr Gang ist unstät: bald geht sie wie ein Mütterchen, das ein Jahrhundert auf dem Rücken fortschleppt; dann hüpft sie wie ein Spaz, der ein glänzendes Würmchen erblickt. Sie faltet die Hände, und schlägt wehmüthige Blicke auf den Boden, als ob sie die Rolle der Hekuba spielte. Auf einmal ist sie verändert. Sie singt, ist fröhlich, ausgelassen; ihre Wangen glühen; ihre Hände zittern; ihr Auge liegt voll stiller Wollust. Sie ist, als käme sie jetzt von der nächtlichen Feier der Isis. Du zitterst, Mutter, und fragst: was fehlt meinem Kinde? Zittre; denn deine Tochter ist verliebt.«

»Weiter, Herr Beyer. Ihre Antiquitäten auf ein andermal.«

123 »Flistert dir ein guter Gott den Nahmen der Krankheit ins Ohr, oder entdeckt ein Zufall sie dir, Mutter, so hüte dich, deine Tochter zu schelten oder gar zu schlagen. Sieh, je mehr du das Eisen schlägst, desto glühender wird es. Nimm ihr den Griffel und das Wachs nicht weg, damit sie keine Briefe schreiben solle. Die Liebe kann mit Thränen in die Luft schreiben, und der Geliebte versteht die Briefe. Bedenke, daß alle deine Sklavinnen, deren Herzen noch unter einem vollen Busen schlagen, Freundinnen deiner Tochter sind. Sperre sie nicht ein; denke an Danae's Geschick! Suche insgeheim den Nahmen des geliebten Jünglings zu erfahren. Sprich von ihren Bekannten; und nennst du zufällig den Geliebten, so schlägt die Tochter das Auge nieder, erblaßt oder erröthet. Am besten, wenn sie erröthet; denn sie hat sich doch des Geliebten nicht zu schämen, wie Pasiphae von Kreta. Ist der Geliebte von ihrem Stande, und kein Ungeheuer, so sorge, daß des Mädchens Hand in die seine gelegt werde. So ist es am besten, und du kannst dann bald den lieben Nahmen Großmutter hoffen.«

»Nun aber, nun weiter. Jetzt, denk' ich, muß es kommen.«

»Aber ist es unmöglich, kannst du ihm deine Tochter nicht geben, oder ist sein Geschlecht für dich zu alt und zu reich: so zittre und folge! Schmähle nicht, tobe nicht wie ein Sturmwind, bitte nicht; die Liebe ist taub wie ein Fels, auch gegen Vorstellungen, deren Cato sich nicht zu schämen hätte. Schweig, und handle im Stillen. Beschäftige deine Tochter mit ermüdenden Arbeiten, raube ihr lachend die weichen Polster, auf denen sie ruhet, würze das Essen nicht, 124 das ihre Lippe berührt. Suche die Liebe zur Jagd bei ihr zu erwecken; aber sey zugegen, wenn sie jagt. Hilft dennoch das alles nicht, weil du des Jünglings Schritte nicht leiten kannst, so gieb vor, in Asien sey dir eine Erbschaft zugefallen, die du holen wollest. Setze dich mit deiner Tochter auf ein Schiff. Leg ein Meer zwischen die Liebenden, und eine Zeit von zwei Jahren; deine Tochter ist geheilt, wenn du sie zu zerstreuen suchst. Die Liebe ist wie Figuren in Eis geschnitten; der leichteste warme Hauch löst sie auf, und im Froste scheinen sie ewig halten zu wollen.«

»Gut, lieber Herr Beyer, sehr gut. Die armen Kinder! Ich gehe auf mein Zimmer. Wenn Lissow kommt, so schicken Sie ihn doch sogleich zu mir. Aber lassen Sie Sich nichts gegen ihn merken!«

Lissow war schon in einer Stunde bei der Frau von Flaming, die indeß alle Anstalten getroffen hatte, daß man sie nicht stören konnte. »Höre, lieber August, ich habe mit dir zu reden, wie eine Mutter mit ihrem Sohne. Du hast, glaube ich, bei allen Gelegenheiten merken können, daß ich mütterlich gegen dich gesinnt bin. Nun, so vergilt mir das jetzt, und sey aufrichtig. Ich will mit dir über Käthen und eure Liebe zu einander reden. Diese Liebe ist mir schon seit langer Zeit kein Geheimniß. Ich selbst bin Schuld daran, daß sie entstanden ist; aber, mein Sohn, ich möchte mein Versehen nicht gern mit Käthens und deinem Unglücke büßen. Deine Miene sagt mir, daß du mißtrauisch bist; allein glaube mir, du hast es nicht Ursache, gewiß nicht, lieber August. Ich wünsche dein, ich wünsche Käthens Wohl; und wenn ihr 125 nicht anders glücklich werden könnt, so will ich selbst es dir leicht machen, Käthen einmal zu heirathen: denn unmöglich ist das nun eben nicht.«

Lissow machte große Augen.

»Du erstaunst? Ja, so denke ich, seitdem ich eure Liebe kenne. Ich habe sie meinem Manne verschwiegen, weil er heftig ist. Er würde dich einen Verführer, einen Betrieger, einen Undankbaren gescholten, oder dich wohl gar mitten auf der Laufbahn zu deinem Glücke verstoßen haben; und das wäre hart und ungerecht gewesen. Du bist kein Verführer, kein Undankbarer; nur ein Jüngling, dessen Herz nicht kalt genug ist, um gegen die Reitze meiner Käthe gefühllos zu bleiben. Deine Leidenschaft war schon allmächtig, als du sie vielleicht noch nicht einmal merktest. Diese Liebe scheint dir sogar eine Tugend; und wahrscheinlich ist sie es auch. Du willst Käthen glücklich machen, und fühlst mit Gewißheit, daß du allein das kannst. Solltest du nun dein, und, was dir gewiß noch mehr werth ist, auch Käthens Glück, aufopfern, solltest du dich und sie in Verzweiflung stürzen, um ein Vorurtheil des Ranges nicht zu verletzen? Das konntest du nicht; dazu liebst du Käthen zu sehr. Mit Einem Worte, du bist zu gut, zu edel, um das zu können. Nicht wahr?«

Ja, Ihr Gnaden, ja, das bin ich. O, wenn es nur mich beträfe, nur mich; wie gern wollte ich dann leiden! Aber ...

»Siehst du, ich weiß genau, wie du denkst; denn ich selbst habe ein Herz, das, wenn es auch keine Leidenschaft hat, dennoch fühlt, wie dem zu Muth ist, der ein 126 unaussprechliches Gut, eine glückliche Liebe, aufopfern soll. Ich will dir beweisen, daß ich so denke. Mein Mann hatte deinem Freunde Quinctius Käthen zugesagt. Ich habe ihn von diesem Vorsatze wieder abgebracht; und hier gebe ich dir meine Hand darauf: so lange diese Augen offen stehen, soll Käthe nie gezwungen werden, einen Mann, gegen den sie Abneigung fühlt, zu heirathen.« – Lissow küßte die Hand, und benetzte sie mit Thränen, die aus seinen Augen hervorbrachen: mit Thränen der Dankbarkeit und des zärtlichsten Vertrauens. O, wie glücklich bin ich! sagte er laut; wie glücklich machen Sie mich!

»Nur wirst du mir zugeben, daß es besser seyn würde, wenn Käthe von deinem Stande wäre. Nicht wahr?«

Ach, Ihr Gnaden, wäre sie in der ärmsten Hütte geboren, die Tochter eines Bettlers, ich ... –

»Du würdest ihr eine Krone zu Füßen legen, wenn du sie hättest: das weiß ich. Aber sie thut nicht weniger; sie opfert dir ihren Rang auf, und ein sorgenfreies, bequemes Leben, das ihr Quinctius in der Folge verschaffen könnte. Wie es dir in der Welt gehen wird, weiß sie nicht; und dennoch trägt sie nicht das mindeste Bedenken, dein Schicksal mit dir zu theilen. Vielleicht währt es noch zehn, noch zwanzig Jahre, ehe du dein Auskommen hast; und sie ist entschlossen, diese lange Zeit hindurch Reichthum und Glanz zu entbehren, um dann noch wenige Jahre in deinen Armen zu seyn. Sie will dieses Schloß mit hellen Zimmern und schönen Möbeln verlassen, um mit dir in einem kleinen Pfarr- oder Schulhause ärmlich, ohne Bequemlichkeit, zu 127 leben. Siehst du, mein Sohn? Deine Liebe zu Käthen, und wenn sie auch noch so heiß ist, kann nie so groß seyn, als ihr Edelmuth, ihre Entsagung. Du wirst immer gegen sie zurückstehen.«

Ach, das fühle ich. Aber nie soll ein Mann so geliebt haben, wie ich Käthen; ihr Glück soll mich ohne Unterlaß beschäftigen.

»Recht gut, Lissow; das traue ich dir zu. Aber du mußt doch fühlen, daß es besser seyn würde, wenn sie von deinem Stande wäre. Wir Beide wissen, was wir von dem Unterschiede der Stände denken sollen; allein ...«

Ihr Gnaden glauben doch nicht etwa, daß Eitelkeit von meiner Seite, oder Hochmuth ...

»Lieber Lissow, würde ich ein Wort mit dir reden, wenn ich das von dir glaubte? Aber, wie gesagt, besser wäre es doch, oder, was im Grunde wohl einerlei ist, wenn ihr einander nicht geliebt hättet.«

Sie hielt hier einige Augenblicke inne. Lissow schien in Nachdenken zu versinken. Sie legte ihre Hand auf seinen Arm, um seine Aufmerksamkeit wieder zu erregen. »Denn denke dir den Fall, Lissow, du geriethest in Armuth, Käthe säße bei dir unter Mangel, Unbequemlichkeit, und so weiter. Mahle dir das Bild aus, wie du willst. Wie manchmal würdest du auf den, doch immer schrecklichen, Gedanken kommen: hätte ich sie nicht geliebt, so wäre sie vielleicht glücklicher; hätte sie mich nicht gesehen, so lebte sie jetzt in Überfluß! Ich glaube, dieser Gedanke müßte dir um so schrecklicher seyn, je mehr du sie liebtest.«

128 Lissow heftete seinen Blick auf den Boden des Zimmers. Frau von Flaming fuhr fort: »Glaube nicht etwa, ich meinte, daß Käthe aufhören würde dich zu lieben. Nein, die Liebe wird dann erst recht heilig, wenn sie Leiden mit tragen hilft. Aber denke dir, Käthe säße da auf einem Strohstuhle, ein Paar Kinderchen um sich her, denen sie nicht geben könnte, – ich will nicht sagen, was sie hier gehabt hat, (ob das gleich ihrem mütterlichen Herzen weh genug thun würde) sondern auch nicht einmal das Notwendigste. Denke dir, du hörtest ihre Seufzer, die sie zu verbergen suchte, du sähest ihre Thränen, die sie heimlich abtrocknete – wie lebendig müßte der Gedanke bei dir werden: ach, hätte sie dich nie gekannt! ... Sie hat dir alles aufgeopfert; und was hast du für sie gethan? Nichts, gar nichts! Du müßtest traurig da stehen und denken: ich habe sie in dieses Elend geschwatzt. Wenn ich ihr Zeit ließ, sie besann sich anders, und war glücklicher. Aber da, wirst du denken, da benutzte ich den Augenblick, wo das Herz am schwächsten ist. Sie war ein junges Mädchen, das nicht gehörig nachdachte und das Bittre der Armuth nicht kannte. Meine Liebkosungen gaben ihrer Leidenschaft die Stärke, daß sie über das mögliche Elend wegsah. Sie hätte sich sonst gewiß besonnen, und wäre nun glücklicher.«

Nein, Ihr Gnaden, sagte Lissow betreten und mit furchtsamer Stimme; das thäte sie nicht, gewiß nicht, und wenn ich ihr zehn Jahre Zeit ließe.

»Woher weißt du das, Lissow? Zuverlässig mußt du es doch wissen, wenn du nicht sehr ungroßmüthig gegen 129 Käthen seyn willst, die gegen dich so großmüthig ist. Woher weißt du so gewiß, daß sie sich nie anders besinnen würde?«

Ach, Ihr Gnaden, sie liebt mich so innig! Ich bin ihr Alles! Alles!

»Das bist du ihr jetzt; aber nach einem Jahre, wenn sie dich nicht mehr sähe, oder nach zehn Jahren, wenn sie recht über sich nachdenken könnte? ... Lieber Lissow, in der That, fast scheint es mir so, als wäre dir daran gelegen, die arme Käthe in diesem Zustande der Leidenschaft zu erhalten, damit du sie nur nicht verlierst, mag es ihr dann auch gehen, wie es will. Was hast du denn gethan, um überzeugt zu werden, daß sie dich über alles liebt, und daß ihre Liebe unveränderlich ist? Nichts; vielmehr das Gegentheil. Und Käthens Edelmuth verdiente doch wohl, daß du eben so edelmüthig wärest. Weißt du, ob nicht Ein oder zwei Jahre Trennung Käthen ganz von ihrer Liebe heilen würden, von dieser Liebe, die sie so unglücklich machen kann? Ja, wärest du einige Jahre von ihr entfernt gewesen, ohne ihr zu schreiben, ohne sie heimlich zu sehen, und ihre Liebe hätte dennoch fortgedauert, sie wäre dir dennoch treu geblieben, hätte dennoch jeden andern Vorschlag zurückgewiesen, weil ihr Herz nach dir allein verlangte, dich allein wollte, auf dich allein hoffte; o, Lissow, dann – bei Gott, der mich hört! – dann wollte ich Käthen, wenn ich nur wüßte, wo du wärest, in deine Arme führen, und sagen: nimm sie, Lissow; Gott und ihr Herz haben sie dir bestimmt! Dann wäre es teuflisch, dir dein Weib vorzuenthalten, das ohne 130 dich nicht glücklich seyn konnte; es wäre höllische Bosheit, Käthen darum unglücklich zu machen, weil du nicht von Adel bist. Und du, Lissow, hättest dann bei jeder Thräne, die sie vergösse, bei jedem Seufzer, der aus ihrem Herzen stiege, bei dem allerfürchterlichsten Elende, unter dem sie erläge, doch wenigstens den Trost, sagen zu können: ich bin nicht Schuld an ihren Thränen; sie würde noch unglücklicher seyn, wenn sie nicht meine Gattin wäre.«

Lissow stand erschüttert, tiefsinnig da, und warf nicht einmal einen Blick auf die Frau von Flaming. »Das, Lissow«, fuhr sie fort, »wollte ich dir sagen. Ich liebe dich, ich liebe Käthen, und nehme Theil an euch Beiden; aber an eurer Liebe kann ich jetzt keinen Theil nehmen, weil sie nur noch eine Thorheit ist. Du sprichst Käthen heimlich, du schreibst ihr Briefe: das ist von dir ungroßmüthig. Aber nimm dich in Acht, daß du Käthen nicht früher unglücklich machst, als ich es fürchte! Es kann nicht fehlen, mein Mann wird eure Liebe bald merken; und du kennst ihn! Wie gern würde ich Käthen durch dich glücklich sehen, wenn ich nur überzeugt wäre, daß eure Liebe keine Laune der Jugend ist, sondern auch in der Entfernung dauern wird! ... Ich wollte dich warnen, Lissow, und zugleich dir sagen, wie sehr es mich kränkt, daß ein Jüngling mit einem Herzen wie das deinige so ungroßmüthig, so selbstsüchtig seyn kann. Itzt geh, mein Sohn. Dein Herz ist zu voll, als daß du mir mit gehöriger Überlegung antworten könntest. Wir wollen ein andermal weiter über die Sache sprechen.«

Lissow ging, tief erschüttert. Er hatte geglaubt, sich 131 gegen die Frau von Flaming vertheidigen zu müssen; und nun forderte sie von ihm noch mehr Liebe: einen Beweis seiner Großmuth gegen das Mädchen. In allem, was sie gesagt hatte, fand er unverkennbare Wahrheit. Hätte sie verlangt, daß er seine Liebe unterdrücken sollte; so würde er unbedenklich gesagt haben: das ist unmöglich! Aber sie forderte ja nur einen Beweis seiner Liebe; und der mußte einem so guten, edlen Jünglinge, wie Lissow, die größte Kleinigkeit dünken. O, sagte er, nach langem Nachdenken, und legte die Hand auf seine Brust: »Käthe, du bist mein, wenn nur zweijährige Treue die Bedingung ist! Könnt' ich doch deiner Tante sogleich zeigen, daß keine Zeit, kein Leiden mir dein Herz nehmen kann!«

Bei diesem Gedanken blieb er stehen. »Wie sagte die gnädige Frau? Sie selbst will mir dann Käthen in die Arme führen? Himmel! nur zwei Jahre! O, Käthe, ich will dich verdienen!« Er entschloß sich um so leichter, auf zwei Jahre das Gut des Barons zu verlassen, da er schon vorher oft den Gedanken gehabt hatte, mit Käthen zu entfliehen. Es ist wahr, dachte er, mit gestütztem Kopfe – kann sie dich vergessen, so muß es sich in zwei Jahren zeigen ... Und wenn sie dich vergäße! ... wenn Quinctius indessen ... – Er versank in noch tieferes Nachsinnen, und jetzt wurde ihm das, was ihm vorher ganz unmöglich schien, sogar wahrscheinlich. »Wohl denn! Vergissest du mich, Käthe, ... ich werde um dich weinen, so lange meine Augen offen stehen; aber du magst glücklich seyn. Glücklich! Ja, Käthe! Denn ich liebe dich!«

132 Er raffte das Nöthigste von seiner Wäsche zusammen, und steckte eine ziemlich beträchtliche Summe Geld ein, die er sich von den Geschenken des Herrn und der Frau von Flaming zu seiner Flucht mit Käthen gespart hatte. Abends blieb er unter einem Vorwande vom Tische weg. Nein, dachte er, ich will sie nicht einmal mehr wiedersehen, um gewiß zu erfahren, ob sie mir wirklich treu ist. Ach, Käthe, wenn dein Herz, dein treues Herz, diese Probe besteht! Du wirst weinen; aber hören deine Thränen nicht früher auf zu fließen, so werden wir die glücklichsten Menschen seyn!

Er schrieb an die Frau von Flaming, und entdeckte ihr seinen Entschluß, Käthen zwei Jahre zu verlassen. »Ich werde zwei lange Jahre trauern, meine gnädige Wohlthäterin; aber diese Jahre sollen mir Ihre Achtung, und meiner Liebe einen mächtigen Schutzengel erwerben. Trösten Sie Käthen, dies theure Mädchen, das ich Ihrer Liebe übergebe. Ich habe sie nach unserer Unterredung nicht wieder gesprochen; auch gebe ich Ihnen mein Wort, daß ich sie nicht wieder sprechen, und nicht eher an sie schreiben werde, als bis zwei Jahre vorüber sind. Dann aber, wenn sie mich nicht vergessen hat, soll mich nichts in der Welt abhalten, Käthen mein zu nennen; und ob sie mich vergessen hat, oder nicht, das will ich von Niemanden hören, als von Ihnen, meine gnädige Frau. Heute über zwei Jahre bin ich Abends unter der großen Eiche, am Hochwalde. O, meine Wohlthäterin, mit welchem von Furcht und Hoffnung zerrissenem Herzen werde ich Sie dort erwarten! Leben Sie wohl. Ich 133 sage das mit der Empfindung eines Sohnes, der sein geliebtes väterliches Haus verläßt.«

Er wollte Käthen noch vor dem Anbruch des Tages verlassen. Je mehr er sich in diesem Entschlusse bestärkte, desto wahrscheinlicher ward es ihm, daß seine geliebte Käthe ihn vergessen könnte. Aber dennoch blieb er bei seinem Entschlusse; denn, trotz der Spitzfindigkeit, mit der sein Kopf zu Werke ging, wußte er nicht das mindeste auf die Vorstellungen der Frau von Flaming zu antworten, und sein Gewissen wiederholte sie ihm, so oft sein Herz wanken wollte.

Um zwölf Uhr schlich er den Saal entlang, nach dem Zimmer der Frau von Flaming, steckte den Brief an sie durch eine Spalte in der Thür, flisterte Lebewohl, und ging den Gang hinunter. Vor Käthens Zimmer blieb er stehen, seufzte leise: o Käthe! und trat näher an die Thür, um zu horchen. Alles war todtenstill. Er legte die Hand auf den Drücker, zögerte ein Weilchen, und öffnete endlich die Thür. Nun sah er mit unbeschreiblichen Empfindungen, im hellen Mondlichte, seine Geliebte ruhig schlummern. Dies Mädchen, mit den Reitzen eines Engels, sollte er verlassen! Es war, als ob Bleigewichte an seinen Füßen hingen; und mit tausend Stimmen riefen Herz, Phantasie und Sinnlichkeit ihm zu: nur noch einen Abschiedskuß auf diesen holden Mund! Er trat näher hinzu, und schon berührte ihr Athem seine Lippen; doch er richtete sich wieder auf. Sein moralisches Gefühl erwachte, und erinnerte ihn an die Vorstellungen der Frau von Flaming. »Was ist meine Absicht? 134 Käthchen glücklich zu machen! Ja, das will ich, geliebtes Mädchen, und wenn du mich auch vergäßest. Leb wohl!« Er drückte seinen Mund auf die Spitze ihres Busentuches, die über das Bett her hing, und dachte: »nein, Thränen soll dir deine Liebe nicht kosten; mit Kummer sollst du mein Glück nicht bezahlen!« So stand er weinend vor ihr, und betrachtete sie aufmerksam. Er sah, daß eine blonde Locke über ihre Schulter herunter hing, wünschte sich das einzige Andenken von ihr, und schnitt mit einer Schere, die auf dem Tischchen lag, die Locke leise ab.

»Leb wohl, theuerstes Mädchen«, sagte er, im Übermaße der wehmüthigen Leidenschaft, unwillkührlich. »Leb wohl! Und vergissest du mich, o Gott! vergissest du mich, so erfahre nie, daß ich mit diesem Herzen vor deinem Bette stand, und dann ging, und dich glücklich zu machen! ... Leb wohl, Käthe!« – Ach, dachte er nun, wenn sie doch erführe, daß ich hier gewesen bin; dann könnte sie mich nie vergessen. Er nahm das Rechnungsbuch, das bei Feder und Dinte auf dem Tische lag, und schrieb auf die erste leere Seite: »Bleib mir treu, Käthe, und leb wohl! Wir sehen uns wieder!« Nun warf er noch einen Blick auf Käthen, verließ ihr Zimmer und das Haus, ging durch den Garten, stieg über die Planke, und wanderte, mit seinem Päckchen Kleidung unter dem Arme, die große Heerstraße hin – bei vielen Thränen, doch mit dem unbeschreiblich süßen Gefühle, das ein Sieg über uns selbst uns immer giebt.

So handelte Lissow, obgleich mancher Leser es unglaublich finden wird. Er kannte die Wollust nicht; und ein Herz, 135 das die nicht kennt, hat Kraft, zu thun, was die Pflicht gebietet.

Am folgenden Morgen stand Käthe, als sie geweckt wurde, ruhig auf, ohne ihr Unglück zu ahnen. Sie wusch sich, eilte in die Speisekammer, gab heraus, sah sich nach Lissow auf dem Hofe um, ging dann zurück auf ihr Zimmer, nahm ihre Nachthaube ab, faßte nach ihrem Haar, und fühlte, daß ihr wieder eine Locke fehlte. »Mein Himmel!« sagte sie verdrießlich, »wenn das so fortgeht, so behalte ich kein Haar auf dem Kopfe! Ganz gewiß ist das Quinctius wieder gewesen! Aber diesesmal habe ich wirklich geschlafen; sonst hätte er es fühlen sollen, der alberne Mensch!« Nach einigen Minuten vergaß sie indeß ihre Locke, und ging ruhig auf den Boden, wo sie ihren Lissow erwartete.

Nicht so ruhig war die Frau von Flaming. Als sie in ihr Zimmer trat, fiel ihr sogleich Lissows Brief in die Augen. Sie erstaunte beim Lesen, und ging dann zu Beyern hinüber. Lissow war nicht da, und niemand hatte ihn gesehen. Das lief gegen ihren Plan; sie hatte ihn entfernen, aber nicht hülflos in die Welt stoßen wollen. In großer Unruhe schickte sie heimlich ein Paar Reitknechte auf verschiedenen Wegen ab, und gab jedem ein Billet an den Flüchtling mit, worin sie ihn bat, ihr sogleich Nachricht von seinem Aufenthalte zu geben. Nun ging sie wieder in ihr Zimmer, saß, mit dem Briefe des Jünglings in ihrer Hand, traurig da, und dachte: Gott! wenn ihm ein Unglück zustößt, wer sonst ist Schuld daran, als ich?

136 Auf einmal stürzte Käthe athemlos und todtenbleich zu ihr herein. »Tante, er ist fort! er ist fort!« Sie streckte der Tante die Hände entgegen, und hatte große Thränen in den starren Augen. »Ach, liebste Tante, wohin ist er? Er ist gewiß fort!«

Fast hätte Frau von Flaming es bereuet, die beiden jungen Leute getrennt zu haben: so rührte sie Käthens Anblick. Ich stehe dir dafür, sagte sie mit beruhigender Gewißheit, daß er wiederkommen wird. – »Gewiß? gewiß?« rief Käthe, und stürzte ihrer Tante beinahe sinnlos in die Arme. Frau von Flaming hatte Mühe, das arme Mädchen zu trösten; sie mußte in dieser Absicht sogar zur Unwahrheit ihre Zuflucht nehmen, und Käthen versichern, daß Lissow Abschied von ihr genommen habe.

»Und von mir nicht, liebe Tante! von mir nicht! Was habe ich ihm denn gethan? Ich liebe ihn so herzlich. Mir hat er nicht ein Wort gesagt, nicht ein Wort; und er hatte mir doch versprochen ...« – Sie wollte hinzusetzen: mich mitzunehmen; besann sich aber. »O, liebe Tante, wohin ist er gegangen? wann soll ich ihn wiedersehen?«

Das, liebes Kind, hat er mir nicht gesagt; ohne Zweifel wird er uns aber Nachricht geben. Das versprach er mir. Hat er dich seit gestern um vier Uhr nicht gesprochen?

»Ach, nein! Gewiß wäre er sonst noch hier. Nichts, als die Locke hier hat er mir diese Nacht abgeschnitten, nichts weiter! Und ich habe geschlafen, und er hat mich nicht geweckt. O Tante, beste Tante! warum ist er fortgegangen! Mir schreibt er nichts, als: bleib mir treu, Käthe, und leb 137 wohl! wir sehen uns wieder! Das steht von seiner Hand in meinem Rechnungsbuche; weiter nicht ein Wort. Warum ist er gegangen? O, sagen Sie es mir!«

Die Tante erzählte, warum. Es war ein Glück, daß Käthe so unruhig war; sie hätte sich sonst mit einer so widersprechenden Antwort nicht abfinden lassen. Mehr Mühe machte es, die Übrigen im Hause zu beruhigen. Seine Neigung, die Welt zu sehen, sagte die Frau von Flaming, einstimmig mit Beyern, war so groß, daß er sich vielleicht schon ein Jahr lang mit dem Gedanken trug, zu reisen. Er hat den Gedanken ausgeführt, und es zeigt doch, daß in seiner Brust Leben und That war.

»Was Leben und That!« sagte der Baron. »Ein Cajus-, oder gar ein Cäso's-Streich! Leben und That! Den Teufel auch! Da mußte er hier arbeiten. Er will in der Welt herumdudeln, das ist es. Was hat so ein Mensch an der Welt zu sehen, von der ihm nicht ein Fußbreit gehört? Von Quinctius ließe ich das eher gelten; bei dem wäre es Leben und That: denn der Adelspiegel sagt, daß ein Edelmann nach dem Beispiele des Ulysses – ich kenne die Familie zwar nicht, thut aber nichts zur Sache – daß ein Edelmann die Welt sehen muß, weil die Welt dem Adel gehört. Der muß reisen, von Amts und Standes wegen; aber kein Andrer.«

Auch die Handwerksburschen, Ihr Gnaden, fiel Beyer ein; sie bekommen sonst keine Arbeit.

»Ei, die müssen wandern, und die Edelleute fahren. Da steckt der Unterschied. Ein Cajus-Streich ist es; ich will meinen Kopf dafür zum Pfande setzen. Nun, er mag laufen! 138 Ich hatte es gut mit ihm im Sinne. Es ist nur ein Glück, daß die Eltern todt sind; die würden sonst mit Gram in die Grube gefahren seyn. Dummheit, sonst nichts; Hochmuth, und so weiter. Da liefen ehedem auch Narren nach dem gelobten Lande, und es war keiner von Adel dabei. Aber man schlug sie in Ungarn todt, wie die Fliegen. So geht es, wenn Leute reisen, denen es nicht zukommt. Als die Edelleute nachkamen, ging es anders. Da hatte sogar der Kaiser in Constantinopel Respekt, und Jerusalem war erobert im Umsehen. Gebt Acht, wie es ihm gehen wird.« – Käthe wurde blaß und roth, als sie den Freiherrn so sprechen hörte.

Die ausgeschickten Reitknechte kamen ohne Nachricht zurück; und nun war Frau von Flaming wieder in der ersten Unruhe. Käthe, die ihre Tante beständig in Augen hatte, brachte von den Reitknechten das Geheimniß bald heraus, und schwamm in Thränen. Selbst der ruhige Beyer ging kummervoll umher, und seufzte. Er wischte sich eine Thräne aus den Augen, und konnte nicht eine Viertelstunde bei seinem Hebräischen aushalten, ohne einmal das Fenster zu öffnen, und die Hofthür zu betrachten, durch welche Lissow geflohen war. Der Freiherr murrte. Beyer hatte ihm tausendmal versichert, daß Lissow ein großer Mann werden würde, und dann gutherzig hinzu gesetzt: sein Ruhm, Ihr Gnaden, wird ein neuer Glanz Ihrer Familie seyn. Die ganze Welt wird sagen: diesen Lissow haben wir dem Baron von Flaming zu danken. – »Dem Baron Hans von Flaming«, war dann der Baron lächelnd eingefallen: »so 139 muß man sagen; sonst weiß ja niemand, ob ich es bin, oder einer von meinen Vorfahren. Hans von Flaming, lieber Herr Beyer!«

Man denke! nun war Lissow davon gegangen, und die ganze Welt konnte nichts von dem Baron Hans von Flaming sagen! »Der Teufel über den Narren! läuft davon und läßt mich im Stiche! Flickt er sich nun irgendwo ein, und sie geben ihm auch nur Kleider und Schuhe, so haben die den Ruhm davon, und ich nichts!«

Schon die wenigen Worte der Frau von Flaming: »in seiner Brust ist Leben und That;« hatte Quinctius mit finstrer Stirne angehört; aber es kam noch ärger. Frau von Flaming setzte Beyern, der noch immer nicht recht zu begreifen wußte, wie Lissow auf einmal so aus der Art geschlagen und ein Landläufer geworden seyn könnte, die edle Handlung des Jünglings aus einander. Am Ende der Unterredung, die von beiden Theilen ein wenig warm geworden war, kam Quinctius in das Zimmer. So eben sagte Frau von Flaming mit vieler Empfindung: nein, Herr Beyer, seine Flucht, seine Abreise ist die edelste Handlung. Er hat meine ganze Achtung mitgenommen. – O ja, erwiederte Beyer, in seiner Seele liegt Stärke für jede Tugend, zu jeder edlen That.

Quinctius war schon längst ein wenig auf die Gunst und Achtung neidisch gewesen, in der Lissow bei allen Menschen stand, die ihn kennen lernten. Und jetzt erhob man ihn wieder wegen einer Handlung, an der er doch nichts weiter zu bewundern sah, als den raschen Entschluß, in die Welt zu gehen, um sie kennen zu lernen. »Aber«, fragte er 140 sich selbst, »was ist denn nun Großes daran? Weglaufen kann doch wahrhaftig jeder, der ein Paar Beine hat! Und ohne Geld ist er nicht, das weiß ich. Also was fehlt ihm denn? Aber wenn sie ihn nur loben können! Hätte ich es gethan, sie sagten ganz gewiß kein Wort.«

So waren die Empfindungen dieser fünf Menschen, aus denen der Zufall eine seltsame Begebenheit bereitete. Käthe kam den Abend weinend auf ihr Zimmer, und las noch hundertmal die Abschiedsworte ihres Geliebten. Es war und blieb ihr ein Räthsel, warum er sie verlassen hatte, ohne ihr ein Wort zu sagen und ohne sie mitzunehmen. In der nächtlichen Stille überlegte sie die Sache näher. Sie erinnerte sich noch sehr wohl, wie oft Lissow, bei ihren Gesprächen von einer Flucht, für sie gezittert hatte. »O Käthe! Käthe!« sagte er dann besorgt, mit seiner schönen Stimme: »du könntest unglücklich werden! Nein, unmöglich! ich kann deine Ruhe, dein Glück nicht auf das Spiel setzen!« Nur ihre Bitten, ihre Thränen und ihre Umarmungen hatten ihn bei dem Entschlusse, mit ihr zu fliehen, erhalten können. Daran erinnerte sich Käthe. »Aber, wenn er mich nicht unglücklich machen wollte, warum geht Er denn davon, und läßt mich allein?« Dies blieb ihr noch immer ein Räthsel. Auf einmal glaubte sie, es errathen zu haben, und klatschte in die Hände. »Jetzt weiß ich es! Er wollte mich nur nicht bereden mit ihm zu gehen; er überließ es meiner freien Wahl, ob ich ihm folgen würde oder nicht. Darum sagte er nichts, und darum schrieb er: bleib mir treu, Käthe, und leb wohl. Wir sehen uns wieder! O, da steht es 141 ja so deutlich; wenn ich ihm treu bin, so wird er mich wieder sehen; wenn ich ihm nachkomme, mit ihm fliehe. O Lissow, ich bin dir wohl treu! Ja, wir werden uns wiedersehen.« Sie sprang, wie von Sinnen, auf. Wiedersehen! dies war das einzige Wort, welches sie sagte und hundertmal wiederholte. Sie glaubte ihrer Sache gewiß zu seyn; denn sie wußte sogar auch den Ort, den sie einander zum Rendezvous gegeben hatten, wenn sie Beide fliehen würden. Es war ein Städtchen, drei Meilen weit von dem Gute des Barons. Da wohnte in dem ersten Häuschen vor der Ringmauer ein armer Mann, den Lissow, mit Hülfe der Frau von Flaming, aus großem Elende gerissen hatte. In dessen Häuschen, hatte Lissow gesagt, würde er sich, wenn er einst entflöhe, so lange aufhalten, bis Käthe nachkäme; denn er wollte einige Tage früher weggehen als sie, um vorher Anstalten zur Sicherheit ihrer Flucht zu treffen. Nun wußte Käthe gewiß, daß er sich dort befände und auf sie hoffte. Schnell steckte sie das Geld ein, das sie zu ihrer Flucht erspart hatte, und machte sich ein kleines Bündelchen Wäsche und Kleider zurecht. Den Weg kannte sie genau; ihr einziger Spaziergang war die Straße nach dem Städtchen zu, und wenn sie mit ihrer Tante ausfuhr, so war es fast jedesmal in diese Gegend. Lissow hatte ihr überdies eine kleine Karte von dem Weg gezeichnet, auf der jeder Baum, jeder Fußsteig, sehr genau angegeben war.

Als es zwei Uhr schlug, und der Morgen anfing zu dämmern, nahm Käthe ihre Karte, ihr Geld, ihr Bündelchen Wäsche in die Schürze, und die Schuhe in die Hand, schlich 142 die Treppe hinunter, durch den Garten, zur hintern Pforte hinaus, und ging, so geschwind sie nur konnte, den Weg nach dem Städtchen.

Am vorigen Abend war bei Tische wieder von Lissow's Flucht gesprochen worden. Der Baron nannte ihn Cajus, Cäso, ja im Zorne auch einmal Lucius, und schwor, daß er nicht mehr einen Groschen an ihn wenden wollte, wenn er auch zurückkäme oder schriebe. Frau von Flaming, der das wehe that, fing an, Lissowen zu loben, und prophezeiete dem Baron mit vieler Zuversicht in ihm einen großen Mann. Beyer erinnerte den Herrn von Flaming an den Glanz seiner Familie. »Nun ja!« erwiederte dieser endlich; »wenn wir ihn nur wieder hätten! Weit kann er nicht seyn; wenn wir nur wüßten, wo!« Käthe nannte aus Übereilung das schon erwähnte Städtchen, und erröthete. Der Baron sagte: »wohl möglich; es liegt an der Straße nach Berlin. Wenn wir ihn nur wieder hätten, den Cajus!« Mit diesen Worten ging er in sein Zimmer, und überlegte. Lissow's Flucht vereitelte ihm so Manches: Quinctius verlor seinen Freund, seinen Gefährten auf der Universität, seinen Rathgeber sogar; denn daß Lissow ein guter Mensch war, sah der Baron wohl ein. Er dachte lange nach. Um vier Uhr Morgens ließ er sich ein Pferd satteln, und sagte: »ich will doch sehen, ob der Hans Hasenfuß noch zu finden ist. Es sind drei Meilen; und sollt' ich auch sechse reiten und eine Nacht ausbleiben, was thut es?« Er steckte seine Schlafmütze ein, und ritt, mit seinem Reitknechte hinter sich, den Weg nach dem Städtchen zu.

143 Der arme Lissow! sagte Frau von Flaming, als sie zu Bett ging. Sie wollte schlafen, um ihn zu vergessen, aber vergebens. »Darf ich ihn denn vergessen?« sagte sie laut, und richtete sich im Bett auf. »Bin ich nicht Schuld daran, wenn er unglücklich wird? Was habe ich denn gethan, um mein Unrecht wieder gut zu machen? Die Reitknechte? die befolgen den Buchstaben; was kümmert die mein Herz und mein Gewissen! Und wußte denn nicht Käthe, wo er ist? Es sind nur drei Meilen. O Gott, wenn ich ihn anträfe! Mitnehmen würde ich ihn nicht; aber er sollte doch wissen, daß er eine Mutter hat, an die er sich im Unglücke wenden darf. Ich selbst will hin, und sollte es auch drei Meilen weiter seyn.« Um fünf Uhr stand sie auf, ließ sogleich anspannen, befahl ihrer Jungfer, auf allen Fall Nachtkleider für sie und sich einzupacken, und ging hinüber zu ihrem Manne, hörte aber, daß er ausgeritten wäre. Nun bestellte sie: man möchte ihm sagen, sie wäre ausgefahren, und würde vielleicht die Nacht nicht zurückkommen; setzte sich dann in den Wagen, und fuhr den Weg nach dem Städtchen.

Quinctius hatte sich Abends bei Tische aufs neue gewundert, daß man den Einfall, wegzulaufen, so loben konnte; und natürlich gerieth er auf den Gedanken, dasselbe zu thun, um sich dadurch Lob zu erwerben. »Die Welt zu sehen: welche Freude! welches Vergnügen! und mit Lissow!« (Quinctius liebte, seines kleinen Neides ungeachtet, den Freund seiner Jugend brüderlich.) »Wir gehen nach Berlin, und von da nach Hamburg.« Bei diesem Nahmen fiel ihm die See und Columbus ein. Nun sah er sich schon 144 mit Lissow auf einer Entdeckungsreise, und die Welt mit seinem Ruhm erfüllt. Seine Phantasie war auch die Nacht hindurch in schönen Träumen rege. »Wo find' ich Lissow?« dachte er am Morgen. »In dem Städtchen, meinten sie gestern Alle; und, wenn da nicht mehr, doch auf dem Wege nach Berlin.« Er steckte sein Geld zu sich, ein Buch mit weißem Papiere zum Reisejournal, ein Fernglas, und ein Reißzeug; dann rollte er einen Haufen Landkarten zusammen, und nahm einige Bände von Hübners Geographie unter den Arm. So beladen, ohne alles Nachtzeug, ging er vom Schlosse hinunter, und wanderte den Weg nach dem Städtchen, wo Lissow sich befinden sollte. »Wie wird er sich freuen, wenn ich alles mitbringe, was unsere Reise erst recht nützlich und angenehm machen kann!« Weglaufen ist nichts; aber planmäßig weglaufen, nichts vergessen, und sagen können: omnia mea mecum porto! da steckt es!«

Eine halbe Stunde nach ihm ging auch der gute Beyer. Er schrieb der Frau von Flaming, da sie ausgefahren war, in einigen Zeilen: vielleicht bleibe er zwei oder drei Nächte aus, weil er den edlen braven Lissow aufsuchen wolle, um mit ihm über sein Fortkommen Abrede zu nehmen. Es sey ihm unmöglich, den Jüngling so aufs Gerathewohl in die Welt hinein laufen zu lassen, da er vielleicht nur einige Meilen zu gehen brauche, den Verirrten in das Geleise des Nachdenkens und des Glückes zurückzubringen. – Beyer nahm seinen Stock, und ging mit kummervollem Herzen dem Städtchen zu.

Käthe lief was sie konnte; aber schon nach zwei Stunden 145 fehlte es ihr an Kräften, da sie in der Nacht nicht geschlafen hatte, und des starken Gehens nicht gewohnt war. Das arme Mädchen konnte die Augen nicht mehr offen halten; sie setzte sich auf einen Stein hinter einem Busch, legte den Kopf auf ihr Bündelchen Wäsche, und schlief nach einigen Minuten ein.

Indeß trabte der Baron die Straße daher, Käthen vorüber. Sie wachte von dem Getrappel der Pferde auf, sah durch den Busch, hinter dem sie lag, den gnädigen Onkle, und erschrak nicht wenig. Als sie ihn aus den Augen verloren hatte, ging sie behutsam weiter. Sie hielt sich immer hinter den Schwarzdornbüschen, welche den Weg einfaßten; und, so wie sie Jemanden sah, schlüpfte sie wie ein schüchternes Reh hindurch, und bückte sich, bis er vorüber war. Das mußte sie oft thun; sie kam daher nur so langsam vorwärts, daß auch die Tante sie überholte. Ach Gott! die Tante! sagte Käthe, und schlüpfte in die Büsche hinein, als sie die Füchse und den scharlachrothen Wagen von fern erblickte. Die Tante fuhr vorüber, und Käthe wagte sich wieder hervor. Aber es kamen viele Reiter und Fußgänger; und vor jedem mußte sie sich verbergen.

Die Sonne stand hoch, und Käthe wurde herzlich müde. So eben bemerkte sie, daß wieder ein Wanderer kam, und bückte sich hinter dem Busche; unglücklicher Weise aber setzte sich der Wanderer gerade vor eben die Büsche, die sie verbargen.

Er wird ja endlich weiter gehen, dachte Käthe; allein er ging nicht. Es dauerte ihr zu lange, und sie wollte hinter 146 den Büschen davon schleichen. Quinctius hörte rasseln, und fragte: »wer da?« Käthe erkannte seine Stimme, und lief vorwärts, so schnell sie nur konnte. Quinctius lief aus Neugierde auf der andern Seite der Büsche mit ihr um die Wette. Jetzt kam ein Feldweg. »Käthe, in aller Welt ...!« rief Quinctius. – Ach, Quinctius, um des Himmels willen! rief Käthe.

Beide standen, und sahen einander verlegen an. »Wohin denn, liebe Cousine?« fragte endlich Quinctius. – Spazieren. – »So? ich gehe auch ein wenig; der Morgen ist so schön.« – Ja, das ist wahr!

Sie gingen eine Weile mit forschenden Blicken neben einander her. Was haben Sie denn da? fragte Käthe. – »Ein Paar Bücher ... und eine Rolle Landkarten. Ich wollte hier ... die Gegend aufnehmen ... Und was haben Sie denn da in der Schürze?« – O, nichts! – »Aber das Papier da, was ist denn das? « – Auch eine Landkarte von dieser Gegend, sagte Käthe erröthend. Ich wollte sehen, ob sie richtig wäre. – »So? ... Zeigen Sie mir doch einmal die Karte.« Käthe reichte sie ihm in der Verwirrung hin. Quinctius wollte sie nehmen, und sein Hübner fing an zu fallen. Er griff darnach; aber da lagen die Karten auf der Erde, und der Hübner mit ihnen. Käthe wollte zufassen; ihre Schürze sank, und was darin war, lag nun gesellig bei den Karten.

Quinctius machte große Augen, als er Wäsche und Kleider sah. »Aber, Cousine! was haben Sie vor?« Käthe stand wie versteinert, und betrachtete ihre Habseligkeiten. »Nicht wahr, liebste Cousine, Sie wollen davon gehen? ... 147 Antworten Sie doch! Ich selbst ... ich will Lissowen aufsuchen; und Sie?« – Nun bekam die Statue auf einmal Leben. Lissowen? Lissowen? O, lieber Cousin, ich, ich ... – »Sie wollen davon gehen, das sehe ich an den Kleidern, die Sie mitnehmen. Aber, Cousine, bedenken Sie doch, daß Sie ein Frauenzimmer sind! Ich bitte Sie, kehren Sie um; doch sagen Sie ja nicht, daß Sie mich angetroffen haben. Ich gehe auf eine Entdeckungsreise aus.«

Käthe gestand, daß sie auf der Flucht begriffen sey; doch zum Umkehren war sie nicht zu bewegen. »Aber wohin wollen Sie?« – Zu Lissow. – »Was wollen Sie denn bei dem?« – Mit ihm durch die Welt gehen. – »Warum denn?« – Weil, weil ... ich habe es ihm versprochen. – Quinctius fragte so lange, bis er endlich so ziemlich Licht bekam. Er fühlte das Unschickliche, das Unrechte in Käthens Schritte. Aber was war zu machen? Sie wollte nicht hören, und schlug es sogar aus, mit ihm zurückzugehen. Quinctius gerieth in eine nicht geringe Verlegenheit. »Aber, Cousine, man wird zu Hause glauben, daß Sie mit mir davon gelaufen sind!« – Daran liegt mir nichts. Ich weiß, was ich thue.

Quinctius drohete Käthen endlich, allein umzukehren. Sie besann sich einen Augenblick, weil sie befürchtete, alsdann verrathen zu werden; aber dennoch sagte sie: nach Ihrem Belieben, Cousin. Sie fürchten sich; ich aber nicht. Ich gehe! – »Fürchten?« rief Quinctius; »da irren Sie sehr! Ich bleibe bei Ihnen, und wenn Sie nach China wanderten.« – Nein, zu Lissow! – »Es ist doch aber ein rechtes Unglück! Ich will eine Entdeckungsreise machen; und zu Hause 148 werden sie nun glauben, ich bin mit Ihnen davon gelaufen. Liebe Cousine, das ist grausam. Lissow hat den Ruhm; und ich ...!« –

Sie gingen weiter: Quinctius mit wachsender Verlegenheit, Käthe mit so leichtem Herzen, daß sie ihm ihre Liebe ganz offenherzig gestand. »Ja, liebe Cousine«, sagte Quinctius nun auf einmal: »ich gehe mit Ihnen; ich bin Ihr Beschützer, Ihr Führer, bis Sie Lissowen gefunden haben. Sie wissen, wie zärtlich ich Sie liebe, und daß ich lieber tausendmal mein Leben hingäbe, als Sie. Aber ...«

Käthe blieb stehen, und sah ihn mit Verwunderung an. Nein, davon weiß ich kein Wort. Sie haben mir eine Locke vom Kopfe geschnitten, und mich beinahe mit Blumendüften getödtet; aber geliebt haben Sie mich nicht. Cousin, ich weiß, was Liebe ist.

Quinctius betheuerte ihr jetzt seine heiße Liebe so feierlich, daß ihr angst und bange wurde; sie schwieg indeß, um zu hören, was noch folgen sollte. »Aber«, fuhr Quinctius fort, »Sie lieben meinen Freund. Ich trete nicht allein Ihr Herz an ihn ab; nein, ich will noch mehr thun: ich will das geliebte Mädchen in seine Arme führen.« Sein Auge blitzte, sein Gesicht glühete bei diesen Worten. Käthe wußte wirklich nicht, was sie von Quinctius denken sollte. Indeß, der Unglückliche ergreift ein Haar, um sich daran zu halten: sie dankte ihm für seine Großmuth, und ging mit ihm weiter. »Aber«, sagte er, »wie meine Mutter Lissows Flucht eine edle Handlung nennen kann, begreife ich doch nicht. Mich dünkt, Cousine ... Doch ich will schweigen, und Sie in seine 149 Arme führen. Wenigstens soll meine Mutter überzeugt werden, daß ihr Sohn ein Herz hat, worin Kraft und Leben ist zu jeder edlen That.«

Die Vorstellung, eine Geliebte dem Freunde abzutreten und sie in seine Arme zu führen, hatte so viel Reitzendes für den eitlen Quinctius, daß er jetzt eben so gern ging, als Käthe. »Was wird Lissow sagen, wenn ich ihm Käthen bringe, und ihm erkläre, wie sehr ich sie liebe! Was wird meine Mutter sagen, wenn sie das erfährt!« Das waren seine Gedanken, und er eilte mit Käthen der kleinen Stadt zu, deren Thurm sie nun schon sehen konnten.

Der erste im Städtchen war der Baron. Er ging in das einzige Wirtshaus des Ortes, und erkundigte sich nach Lissow; man wußte aber nichts von ihm. Nun erzählte er dem Wirthe, der mit entblößtem Kopfe vor ihm stand, erst von Lissow. Dann kam er auf die sechs und dreißig Turniere, gerieth in Eifer, und sagte dem Wirthe die Turnierstücke mit lauter Stimme her. Von da erhob er sich nach Rom, und erzählte von Hannibals Thaten und Grausamkeiten, daß dem Wirthe die Haut schauderte. »Aber, lieber Herr Wirth, es kommt immer einer über den andern. Ein Vorfahr von mir, ein Baron von Flaming, kam über ihn an einem See, und schlug ihn so tüchtig, daß er seitdem nie den Nahmen Flaming hat hören können, ohne zu zittern.« Dann zeigte er dem Wirthe die Schlachtordnung beider Armeen auf dem Tische: den See, das Gebirge, die Retirade Hannibals vom Tische hinunter; und endlich schloß er mit der Versicherung, daß seine Familie ihren Reichthum noch von dieser 150 Bataille her habe. »Denn mein Vorfahr«, sagte er, »bekam die ganze Kriegskasse, Bagage und allen Teufel auf einmal.«

In diesem Augenblicke ging die Thür auf, und seine Gemahlin trat mit der Kammerjungfer herein. »Ei, Ronichen! Du hier? woher? weswegen?« Das Fragen hatte kein Ende, und man lachte über den seltsamen Zufall. Der Baron fing endlich wieder an, dem Wirthe von Hannibal und seinen Vorfahren zu erzählen. Dann setzte er sich zu Tische, mit dem Rücken gegen die Thür, und die gnädige Frau ihm gegenüber. Die Thür ging auf. Quinctius trat mit einem Fuße herein, zog Käthen hinter sich her, und sagte: »Kommen Sie doch; Sie sind ...« In diesem Augenblicke bemerkte er seine Mutter, und das Wort erstarb ihm auf der Zunge.

Er war mit Käthen in dem Häuschen gewesen, wo Käthe ihren Lissow zuversichtlich erwartete; aber der Besitzer hatte ihn nicht gesehen. Nun hielt man Rath, was weiter zu thun wäre. Käthen war der Muth schon gesunken, und sie wünschte sich im Herzen zurück. Auch Quinctius drang gerade nicht auf das Weiterreisen; er rieth indeß, auszuruhen, im Wirthshause zu essen, und dann zu überlegen.

Das Wort erstarb ihm auf der Zunge, als er seine Mutter sah. Käthe wurde todtenbleich, und die gnädige Frau erschrak so sehr, daß sie alle Besinnung verlor. Der Baron drehete den Kopf um. »Wie? Quinctius und Käthe? wo, der Henker! kommt ihr her?« (Beide standen wie Bildsäulen da, ohne ein Wort sagen zu können.) »Hast du sie mitgebracht?« fragte er seine Frau. Sie zögerte eine unglückliche 151 Sekunde, ehe sie Ja sagte, und die vorwitzige Kammerjungfer platzte heraus: nein, Ihr Gnaden, wir haben nur den zweisitzigen Wagen. »Nun, wollt ihr bald antworten? Wie seid ihr gekommen?«

Zu Fuß, sagten Beide schüchtern.

Jetzt fing die gnädige Frau an zu examinieren; und nun ging es besser, weil sie den Flüchtlingen sehr entschuldigende Antworten in den Mund legte. »Aber, was hast du da, Käthe?« hob der Baron auf einmal an, und nahm ihr die Schürze aus der Hand. Käthe war ohne Besinnung. »Was der Teufel! ein grünes Kleid, ein rothes, ein Nachtmieder, ein Rock, eins, zwei, drei, vier, fünf Hemden? Was, zum Tausend, ist denn das? Das geht nicht mit rechten Dingen zu.« Frau von Flaming wollte dazwischen reden. »Ronichen, Ronichen! mausestill! mausestill, sag' ich. Das ist kein Spazierengehen, kein Verirren. Sieh einmal! was giebt es denn da noch? Eine Nachtmütze, ein Paar Schuh, Pantoffeln, Zwirn, Band, grüner, rother, gelber! ... Still, sage ich! ... AllongenEin Putz der Frauenzimmer aus den Zeiten, in denen Käthe ein Mädchen war., rothe, grüne? Und was ist denn in der Schachtel? Ha! ha! Italiänische Blumen, und Spitzenmanschetten! ... Still, Ronichen! ... Die Tasche auf, Käthe! Was, der Teufel! Silberne Schuhschnallen, der Brillanten-Ring von ihrer Mutter, eine Reihe Schottischer Perlen? Die andere Tasche her! Was zum tausend Henker!« Er zog einen Beutel mit Geld aus ihrer Tasche. »Schöne Dinge! das läuft am Ende 152 gar auf einen Dieb...« – In diesem Augenblicke bemerkte er den Wirth. »Was hat Er hier zu thun, Hans Hasenfuß? will Er zur Thür hinaus?« Der Wirth eilte, daß er weg kam, und erzählte draußen seiner Frau, die beiden jungen Leute hätten dem Baron Hannibals halbe Kriegeskasse gestohlen.

Der Baron schüttete den Geldbeutel aus. »Goldstücke, Harzgulden, Medaillen. Nun, das ist eine hübsche Summe.« Die Frau von Flaming wollte wieder anheben. »Ich bitte dich, Ronichen, still! ganz still! ... Was ist denn das für ein Papier?« (Er besah es.) »Die Reiseroute wahrscheinlich.« (Er konnte sich nicht daraus finden.) »Nun ist die Reihe an dir, Junker. Landkarten, von Brandenburg, Hollstein, Holland, Amerika. Hübners Geographie! ... Halts Maul, Frau! Ich will jetzt nichts wissen .... Taschen her! Reißzeug, Fernglas. Ei! hier ist der rechte Schatz.« (Er schüttete einen Beutel aus.) »Das ist zu arg! Mußte mir's doch ein guter Geist eingeben, hieher zu reiten! Ein hübsches Sümmchen! Die andere Tasche! Ein Buch? Laß sehen!« – Der Baron las den Titel: »Reisen und Entdeckungen des Freiherrn Quinctius Heymeran von Flaming, von ihm selbst aufgesetzt, und der Welt zum Nutzen beschrieben.« »Den Teufel auch! Des Cajus Cäso: so muß es heißen! Wollen doch weiter sehen!« (Er las.) »Den 27sten August 174*. Mein Entschluß ist gefaßt. Ich verlasse das väterliche Haus. Ein unbekanntes Feuer, eine unwiderstehliche Neigung hat schon lange in meinem Busen gebrannt. Meine Eltern sind meinen Wünschen zuwider; aber ich will, ich muß glücklich seyn. 153 Leb wohl, väterliche Wohnung! lebt wohl, theure Eltern! Außer euch habe ich alles, alles was ich liebe, und wodurch ich glücklich seyn werde, bei mir. Lebt wohl! Ihr werdet von mir hören!«

»Je!« rief der Baron; »so schlage doch das Wetter drein! Eine schöne, eine saubere Wirthschaft! Spazieren gehen! Nun, Ronichen? Nun sage, was du willst!« Er sah seine Frau an, die selbst nichts von dem Handel begriff. »Ein Cäso!« fuhr der Baron fort »geht bei hellem lichtem Tage mit einem Fräulein Nothafft durch! Großer Gott! Ein Flaming! und eine Katharina von Nothafft! laufen davon, wie ein Paar Bettelleute, zu Fuß, mit ihren Lumpen auf dem Rücken! Großer Gott! Ach, Ronichen, nun kann ich mir vorstellen, wie es dem alten ehrwürdigen Quinctius, meinem Ahnherrn, von dem da dieser Taugenichts den Nahmen führt, zu Muthe gewesen ist, als der Flegel von gemeinem Kerl anfängt von den schlechten Häusern zu erzählen, worin der liederliche Cäso die Nächte herum gelegen hat. Nun kann ich mir's vorstellen! Wenn er hier stände, er würde sagen: lieber Urenkel, mir ging es gerade wie Ihnen; ich hatte auch einen ungerathenen Sohn. Ach, Gott! wenn das die Katharina von Nothafft, deine Ältermutter, die schon 939 zu Magdeburg vom Kaiser zur Helmschau gewählt wurde – wenn die wüßte, was ihre Enkelin gethan hat: anspeien würde sie dich! O, nun danke ich Gott und dem Papste, daß die Turniere abgeschafft sind; ich müßte sonst die Schande erleben, daß sie den da aus den Schranken wiesen, oder ihn wohl gar auf die Schranken setzten und schlügen. 154 Ich unglücklicher Mann! Sprich, du ungerathener Mensch, sprich, wie heißt das dritte Turnierstück?«

Quinctius sah beschämt zur Erde nieder, und schwieg. »Drittens«, fing der Baron nachdrücklich an, »wer Frauen oder Jungfrauen entehrt oder schwächt, oder dieselben schmähet mit Worten oder Werken, soll nicht zum Turnier einreiten, sondern öffentlich geschlagen und auf die Schranken gesetzt werden! ... Sieh, ein solcher Mensch bist du!«

Aber, lieber Vater, sagte Quinctius furchtsam, ich habe daran keinen Gedanken gehabt.

»Schweig nur, und sey nicht noch obendrein ein Lügner! Wie? bist du nicht mit der ... der ... der ... Feldgrille davon gelaufen? zu Fuß, wie ein Bettler? Beschimpft hast du den vierten Heerschild des heiligen Römischen Reiches, die ganze unmittelbare freie Reichsritterschaft! Wenn das Seine Kaiserliche Majestät erführe, oder die Ritterschaft in den vier Landen: ich müßte vor Gram vergehen. Großer Gott! da hängen gerade die Beiden meinen Stammbäumen einen Fleck an, den ich niemals wieder werde auslöschen können! Flaming und Nothafft! Ich wollte, ihr hättet mir lieber das Gut abgebrannt. Aber gnade Euch Gott, wenn wir zu Hause sind! ... Hättest du es wenigstens gemacht, wie Lissow: der geht wie ein ehrlicher Kerl; er will sich 'was versuchen in der Welt. Das lasse ich noch gelten. Aber du läufst wie ein Narr mit einem Mädchen davon, wie ein verliebter Narr, der weder Kopf noch Sinne hat.«

Ich bitte Sie, lieber Vater, hören Sie mich nur! Sie wissen die Wahrheit nicht; ich habe ... –

155 Käthe, die wohl merkte, daß über sie das ganze Ungewitter mit verdoppelten Schlägen losbrechen würde, wenn Quinctius die Wahrheit sagte, zupfte ihn am Rocke. Sie zitterte vor dem Gedanken, der Freiherr könnte erfahren, daß eine Katharina von Nothafft einem Bürgerlichen nachgegangen sey. Quinctius sah sie an, als er das Zupfen fühlte, und traf auf einen solchen, Mitleid erregenden, sanft bittenden Blick, daß er nicht widerstehen konnte, und ihr mit den Augen Muth zuwinkte.

»Ich wüßte die Wahrheit nicht?« rief der Baron. »Du Cajus! du Cäso! Als ob man sie besser zu wissen brauchte! Wozu hat denn die Gans da Hemden, Nachtzeug, all ihr Geld und die ganze Wirthschaft bei sich, wenn sie nicht mit dir hätte davon laufen wollen? Du Narr, wozu schriebst du denn hier ins Buch: ich verlasse mein väterliches Haus! Wozu? Steht hier nicht von heimlichem Liebesfeuer? steht hier nicht, daß du alles bei dir hast, was du liebst? ... Nun will ich einmal weiter fragen. Käthe, hast du weglaufen wollen, oder nicht? Unterstehe dich nicht zu lügen!« – Ja, flisterte Käthe. – »Warum? Antwort! Aus Liebe oder nicht?« – Aus Liebe, gnädiger ... – »Was gnädiger! Der Teufel ist gnädig; ich nicht. Antwort! Wohin habt Ihr laufen wollen?« – Wohin Quinctius mich brächte. – »Nun, du Erznarr? Da hörst du es ja! Und was wolltest du denn mit Käthen anfangen? Verführen? nicht wahr? he!« – Nein, mein Vater! – »Also heirathen?« – Ich weiß es nicht. – »Was? zum Teufel! das weißt du nicht? und läufst mit ihr davon? Willst du denn ewig läugnen?« – Käthe zupfte, und Quinctius sagte: wenn Sie 156 befehlen, ja, ich wollte sie heirathen – »Befehlen? Ich habe den Henker befohlen! Und du wolltest ihn auch heirathen? « – Ja, gnädiger Herr Onkle! Es kam so sonderbar. O gewiß, wir bereuen es von Herzen. – »Das sollt Ihr auch! Aber du Gans, wenn du ihn mit aller Gewalt heirathen wolltest, warum machtest du denn damals den Lärmen, als er dir die Locke abgeschnitten hatte? Da sollte sie, und wollte nicht. Weder Augen noch Lippen that sie von einander, als er des Nachts zu ihr geschlichen kam; und als ich ihr vom Heirathen sagte, schrie sie sich fast die Kehle ab. Du Schreihals! mußt du denn alles heimlich treiben? Ist es nicht, als ob ein Zigeuner dein Vater wäre? Warum hast du ihn damals nicht gleich genommen? He?«

Ach, gnädiger Herr Onkle!

»Ach, gnädige Fräulein Zigeunerin! Wart, ich werde dir die Verstellung austreiben! Fort, in den Wagen! fort! Veronika, gieb Acht! sie läuft sonst davon. Fort!«

In diesem Augenblicke machte Beyer die Thür auf, und trat wieder zurück, als er Käthen bemerkte. Aha! rief er: hier ist Lissow! (Er vermuthete das aus Käthens Gegenwart.) Wo? riefen die Andern, und kamen in die Thür. Beyer wunderte sich, die ganze Familie hier zu finden. »Sie haben den Braten gerochen«, sagte der Baron, »und setzen nach. Die Vögel sind glücklich schon eingefangen. Sehn Sie nur die schöne Wirtschaft!« Beyer erstaunte, als der Baron ihm erzählte, und sah bald ihn, bald die gnädige Frau an, die sich selbst aus dem allen noch immer nicht recht finden konnte. Käthe mußte sich mit der Tante in den Wagen setzen, und 157 Quinctius auf das Pferd des Reitknechtes; die Jungfer, der Reitknecht und Beyer sollten zu Fuß nachkommen. So kehrten Alle wieder nach des Barons Gute zurück, und Lissow war vergessen.

Im Wagen examinirte die Tante Käthen noch einmal, und erfuhr sehr leicht das ganze Geheimniß. Sie schilderte nun Käthen mit den lebhaftesten Farben, was alles aus diesem unbesonnenen Schritte für sie hätte entstehen können. Käthe umfaßte ihre Tante, und versprach unter aufrichtigen Thränen, nie wieder an einen solchen Schritt zu denken. Ich habe ja, sagte die Tante, gegen eure Liebe eigentlich nichts; es ist natürlich, daß Lissow dich liebt, und eben so natürlich, daß du ihn wieder liebst. Aber, auf die Paar Worte hin, die er in dein Rechnungsbuch schrieb, in die weite Welt hinein zu gehen, und Ehre, guten Nahmen, ja die Tugend selbst aufs Spiel zu setzen: das, liebe Käthe, war höchst unbesonnen, höchst kindisch, und ich hätt es dir nimmermehr zugetrauet.

»Ach, liebste Tante, es schien mir so deutlich, so gewiß, daß er es so gewollt hätte. Jetzt freilich ...«

Du siehst, liebes Mädchen, wie leicht ein volles Herz irren kann! Nun, ihr hattet eure Flucht verabredet, und wart dazu fest entschlossen, wie junge Leute überhaupt, ohne an die Folgen zu denken, sich zu dem entschließen, was ihnen ihr volles Herz als ein Glück vorspiegelt. Du siehst aber, wie leicht das volle Herz die festesten Entschlüsse auch wieder über den Haufen wirft. Ihr wart so fest entschlossen, sagst du, mit einander zu entfliehen; und Lissow, wie du siehst, 158 verläßt dich, flieht allein, und denkt nicht an alle die Verabredungen, auf die du so sicher bauetest. –

»O, liebste Tante, er hat mich gewiß nicht aus Treulosigkeit verlassen; er ...« –

Davon bin ich fester überzeugt, als du, mein Kind. Er liebt dich gewiß noch eben so zärtlich; allein wer weiß, welche Kleinigkeit ihn veranlaßte, seinen Entschluß zu ändern? Vielleicht dachte er einmal ernstlich daran, daß er durch seine Flucht mit dir seinen Wohlthäter, deinen Onkle, bitter kränken würde. Ein jugendliches Herz ergreift jeden Gedanken mit Heftigkeit. Er verließ seine Geliebte, um nicht undankbar gegen seinen Wohlthäter zu seyn. Nun, liebes Kind, setze den Fall, du wärst mit ihm entflohen, und er hätte das erst nachher einmal tief gefühlt. Lissow ist ein sehr edler Mensch. Wie würde ihn seine Flucht mit dir gereuet haben! Armuth, mein Kind, kommt bei der Liebe nicht in Betracht; die hätte er mit dir leicht ertragen. Aber Vorwürfe des Gewissens, Reue, Angst, und das Gefühl undankbar bleiben zu müssen! Kind, du wärest sogar in Gefahr gewesen, daß er dich als die Ursache seines Unglücks angesehen hätte. Und nun denke, wie elend du seyn würdest, wenn du den Beistand deiner Familie, und zugleich die Liebe deines Geliebten, verloren hättest!

»Ach, nein, liebe Tante. Ich kenne ihn zu genau; seine Liebe zu mir ist unveränderlich. Gewiß, gewiß!«

So? Woher weißt du das? Du glaubst es, wie du auch glaubtest, daß er dich mitnehmen wollte. Hast du dich Einmal in ihm geirrt, so kannst du es noch tausendmal. Liebe 159 Käthe, will es das Schicksal, daß du Lissow's Frau werden sollst, so werde ich dir gern meinen mütterlichen Segen dazu geben. Du wirst in seinen Armen, wenn er dich liebt, eben so glücklich seyn, als in den Armen des reichsten Edelmannes. Aber jetzt mußt du wenigstens abwarten, ob Lissow wiederkommt. Ich hoffe, er wird dich nicht vergessen, und du auch ihn nicht.

»O, gewiß nicht, Tante, gewiß nicht, so lange wir Beide leben.«

Nun, das werden wir sehen. Gut, liebes Mädchen, ich will dir helfen, deinen Wunsch zu erreichen. Hier hast du meine Hand darauf. Es soll mir lieb seyn, wenn du einmal Lissows Frau wirst, so viel ich auch dagegen haben sollte.

Unter solchen Gesprächen kamen sie auf dem Gute an. Käthe schlüpfte geschwind in ihr Zimmer, um dem Baron nicht zu begegnen. Alles im Hause war still; nur der Baron ging umher, aber lachend und scherzend. Das Ungewitter schien vorüber zu seyn, und Käthe kam mit ganz leichtem Herzen zum Abendessen. Als sie gute Nacht sagte, folgte ihr der Baron auf dem Fuße nach bis an ihr Zimmer. Sie stand mit klopfendem Herzen in der geöffneten Thüre. Der Baron rief: »Marsch! hinein ins Bauer, Fräulein Zigeunerin!« zog dann die Tür zu, warf ein großes Hängeschloß vor, und wollte gehen.

Aber, gnädiger Herr Onkle, rief Käthe; wenn nun Feuer auskäme, ich müßte ja verbrennen!

»Besser verbrannt, als zur Schande deiner Anverwandten in der Welt herumgelaufen!«

160 Er ging, so viel sie auch noch bat, und schloß nun auch Quinctius ein. Aber – rief dieser ihm zu – wenn mir in der Nacht etwas zustieße, ich könnte ja Niemand rufen.

»So wartest du, bis ich morgen aufschließe. Kurz und gut, du sitzest.«

Der Baron glaubte halb und halb, Beide sönnen auf eine neue Flucht; doch wurde ihm vor einem Unglücke bange. Er überlegte, und sagte dann auf einmal vor sich: Narrenpossen! Der Junge ist in ein Paar Monaten zwanzig Jahr alt, und das Mädchen siebzehn. Bei Tage können sie mir so gut davon laufen, als bei Nacht, und es ist wahr, ein Unglück kann aus dem Einschließen entstehen. Verliebt sind sie nun einmal. Kurz und gut, sie sollen sich heirathen.«

Am Morgen ließ er den Prediger rufen, und sagte: »Sie sollen trauen, Herr Pastor! Ich will die Gefangenen holen. Gehen Sie nur in den Saal.« Er schloß Quinctius Thür auf. »Angezogen! geschwind!« (Quinctius ließ sich das nicht zweimal sagen.) »Komm!« Beide gingen nun zu Käthen, die schon beim Ankleiden war. »Geschwind, Käthe! zieh dich vollends an!« Nun führte er Beide in den Saal, und rief einem Bedienten zu: »die gnädige Frau soll kommen!« Er stellte Käthen vor den Stammbaum der Nothaffte, und seinen Sohn vor den Stammbaum der Flaminge. »Da! betrachtet eure Ahnen, die ihr habt beschimpfen wollen! ... Guten Morgen, Ronichen! ich habe es den jungen Leuten vergeben. Sie sollen ihren Willen haben. Da ist der Pastor; der soll sie auf der Stelle zusammenschmieden. Dann mögen 161 sie laufen, wenn sie wollen.« – Die gnädige Frau erschrak; Käthe erblaßte, und Quinctius erröthete.

Also der junge gnädige Herr, fing der Prediger an, sind der Herr Bräutigam, und ...

»Da das Fräulein von Nothafft ist die Braut. Hier sind die Nahmen. Quinctius Heymeran von Flaming, und Katharina Maria von Nothafft.« – Der Prediger schlug das Buch auf, und suchte die Trauformel.

»Nun, du ... du Wildfang, du Feldgrille«, hob der Baron an: »bet' ein Vaterunser; mit dem Fräulein hat es ein Ende. Wart! nun sollst du nicht mehr allein schlafen, damit sie dir keine Locken mehr abschneiden.« Er faßte ihre Hand, und fühlte, daß sie bebte. »Fürchtest du dich? Seh nur einer! nun willst du wohl gar thun, als ob du dich schämtest? Wo hast du denn eigentlich diese Nacht schlafen wollen? Und gar ohne Pastor! Na, sey nur lustig. Ist alles vergeben und vergessen. Komm, sollst deinen Willen haben.« Er zog sie an dem Arme. Käthe stand da, wie eingewurzelt, und war nicht aus der Stelle zu bringen.

»Ist das Ernst? He, Käthe! Hier ist Ungarisch Wasser! Riech einmal! Was fehlt dir denn? Nun, Hasenfuß, du da, Quinctius! steht er nicht da wie eine vernagelte Kanone? So komm doch her, und führe deine Braut zu dem Herrn Pastor.« – Auch Quinctius rührte sich nicht von der Stelle, und sah mit einer höchst einfältigen Miene im Zimmer umher. Käthe fing immer stärker an zu zittern, und schwankte zuletzt, so daß der Baron sie zu einem Stuhle bringen mußte.

162 Laß sie sich doch erst erholen! sagte die Frau von Flaming höchst verlegen.

»Höre Ronichen«, erwiederte der Baron; »wäre ich gestern nicht gewesen, sie hätten dir weis gemacht, daß sie mit Hemden und Kleidern und Landkarten und Gelde drei Meilen weit spazieren gewesen wären. Ich habe die Sache angefangen, und will sie aufs Reine bringen. Sey du nur unbekümmert. Erholen? Vom Heirathen ist noch kein Mädchen gestorben, und besonders keins, das mit dem Liebhaber bis nach Amerika laufen will. Nein, nein, das ist ein Freudenschrecken. Siehst du? Da kommt die Farbe schon wieder. Nun, frisch! sollst den Augenblick getraut werden, Käthe!« – Er faßte ihre Hand, und wollte sie vom Stuhle aufziehen.

Ach allerbester, gnädigster Herr Onkle!

»Ja, ja, nun da ich dem Kinde den Willen thue, bin ich der allerbeste Herr Onkle! Na, so komm! Halt den Herrn Pastor nicht auf. Komm, komm! Laß doch die Narrenpossen! Ziere dich heute Abend, so viel du willst, bei dem hölzernen Herrgott, der da steht, als ob er angefroren wäre. Ei, so mach!« – Er zog wieder; Käthe sträubte sich aus allen Kräften. – »Höre, Käthe, ich lasse wahrhaftig den Pastor wieder gehen; und dann ist es für heute vorbei.«

Ach, rief Käthe jammernd, ach gnädiger Herr Onkle, lassen Sie ihn doch nur gehen!

»Nun so sitz, du Hexe von Zigeunerin!« Er sprang zornig auf Quinctius zu. »Aber du Öhlgötze! Steht er nicht da, als ob man ihn aus der Erde hacken müßte, wenn er gehen soll? 163 Berede doch deine Amasia nur zu dem kurzen Gange. Hast sie ja zu einer Reise um die Welt beredet.« Er stieß ihn ruckweise vor Käthen hin. Quinctius sagte nicht eine Sylbe, weil er in der größten Verlegenheit war. Sein Vater drang in ihn, ein so reitzendes Mädchen zur Frau zu nehmen; und doch durfte er nicht. Er war entschlossen, Käthen in Allem zu folgen. Sagte sie Ja; so wollte er – das dachte er mit Entzücken – sich trauen lassen. Sagte sie nein; nun, auch gut. Er stand vor Käthen stumm da, und zeigte in seinen Mienen weder Verlangen, noch Widerwillen. »Abertausend Höllenteufel!« rief der Baron wieder; »wollt Ihr den Mund aufthun? Herr Pastor, verrichten Sie Ihr Amt, und reden Sie den jungen Leuten zu! Das ist ja eine Narrenbrut!«

Hören Sie, mein gnädiger Junker, hob der Pastor an: es ist der Wille Ihres gnädigen Herrn Vaters, daß Sie gegenwärtiges Fräulein ehelichen sollen. Gewiß sind Sie überzeugt, so viele Abneigung Sie gegen das Fräulein auch fühlen mögen – Quinctius sah den Pastor starr an; und der Baron unterbrach ihn. »Abneigung? Abneigung? Herr, sie sind ja bis über die Ohren in einander verliebt! sie sind ja gestern mit einander durchgegangen, weil es ihnen mit der Hochzeit zu lange währte. Abneigung!«

Ei, ei, Euer Gnaden, ich hätte nicht gedacht, daß es so stände; denn sonst pflegen Verliebte sich nicht lange zu diesem heiligen Werke nöthigen zu lassen. Also, mein Fräulein, scheuen Sie sich nicht. Sie sind nicht die Erste, die heirathet, und werden gewiß auch nicht die Letzte seyn; und es ist ja, wie der heilige Paulus sagt, besser freien, als 164 Brunst leiden, oder, wie es die Welt nennt, verliebt seyn. Heirathen, mein Fräulein, ist keine Schande; aber Verliebtseyn ist wohl mit Recht eine Schande zu nennen, weil ... weil ...

»Da treffen Sie den rechten Punkt, Herr Pastor. Kapiteln Sie nur derb! Also Verliebtseyn ist eine Schande; weil? ... weil ...? Nun, warum denn, Herr Pastor? Sagen Sie doch!«

Weil ... weil man dann gar leicht zu Thorheiten in Israel getrieben werden kann.

»Als Weglaufen, Haarabschneiden, nächtliche Besuche machen, und so weiter.«

Also mein gnädiges Fräulein, wiederhole ich noch einmal: da es Ihr Wille ist, gegenwärtigen jungen Herrn Baron von Flaming zu heirathen ...

Nein, nein! rief Käthe laut; es ist mein Wille nicht! Ich will ihn nicht heirathen!

»Nun aber, sag Ronichen, sollte einen nicht der Schlag rühren vor Ärger? Mädchen, wahrhaftig, zum letzten Male frage ich dich: willst du dich mit Quinctius trauen lassen?«

Lieber sterben! Ach, gnädiger Herr Onkle, es ist mein Tod! gewiß, das ist es!

Der Baron wurde blaß vor Zorn. Er sah Käthen lange starr ins Gesicht, und dann seinem Sohne. »Und du Quinctius?« fragte er endlich spitz; »denn an das Gänschen werde ich mich nicht kehren. Die hat nun einmal den Kopf darauf gesetzt, hinter einem Zaune, wie eine Zigeunerin, ihr Brautbett aufzuschlagen. Du also?«

165 Ich? sagte Quinctius. Ich? lieber Vater, es wäre unedel von mir, Käthen zu heirathen. Ich werde das nie thun, nie, weil ich nicht schlecht handeln will.

Der Baron stand ohne Bewegung; er wollte reden, und konnte nicht. »Hannibal!« schrie er endlich. »Ja, und wenn der mich, wie den Cajus Flaminius am See Thrasimenus, zurichtete, so sollte es mich nicht so ärgern, wie diese Zigeunerstreiche! Trauen Sie los, Herr Pastor! auf mein Wort! Laßt euch trauen, und dann lauft meinetwegen in die Türkei, wo kein Adel ist. Ich will nichts sagen. Aber trauen sollt ihr euch erst lassen, oder ich lege euch an Ketten wie Haushunde. Gott vergebe mir die Sünde! Ich bitte euch, Kinder, laßt euch doch trauen. Kommen Sie, Herr Pastor! Kommen Sie! Geschwind!« – Er ergriff Quinctius Hand.

Der Pastor kam, und Käthe lief wie ein Reh in die andre Ecke des Saales.

»Potz Gift und Galle!« rief der Baron. »Mädchen komm! oder, wahrhaftig! ich streiche deinen Nahmen auf dem Stammbaume weg. Wahrhaftig, das thue ich!« Er nahm eine Feder mit Tinte, und näherte sich dem Stammbaume.

Streichen Sie aus, rief Käthe; streichen Sie aus! O, ich wollte, ich hätte nie darin gestanden!

Nun denn! nun ist es vorbei! Du niederträchtige Seele! Nun fall auf die Kniee, und bettle um Quinctius; du sollst ihn doch nicht haben! ... Gehen Sie nur nach Hause, Herr Pastor! ... Ein Karrnschieber war dein Vater, und kein Edelmann. Geh auf dein Loch, du Landläuferin! Fort!« Käthe lief aus dem Saale, und auf ihr Zimmer.

166 Der Baron trocknete sich den Schweiß ab; Quinctius zog eine krause Stirn, und die Mutter stand betrübt da. Der Prediger schlich sich davon, als der Baron mit Kopfschütteln die Stammbäume betrachtete. Auch Quinctius wollte weg; aber sein Vater rief: »Bleib! Quinctius, ich bitte dich, sage mir, was heißt das alles? Ihr lauft zusammen weg, und wollt einander doch nicht heirathen. Was heißt das?«

Lieber Vater, ich versichere Ihnen bei meiner adeligen Ehre, daß ich nie wieder an einer Reise ohne Ihr Wissen denken werde. Ich will siegelbrüchig, wortbrüchig, ehrlos seyn, wenn ich irgend etwas gegen Ihren Willen unternehme. Befehlen Sie mir, was Sie wollen; nur erklären kann ich Ihnen die Sache nicht: Ich bin ein Edelmann, und habe mein Ehrenwort darauf gegeben.

»Das begreife einer! Laufen weg, sind verliebt, und wollen einander nicht heirathen. Nun gut! Aber so laß auch die Liebeshändel mit dem verwünschten Mädchen; denn deine Frau wird sie nun nicht, auf Kavalier-Parole!«

Auch das, lieber Vater. Ich verspreche Ihnen, nicht mehr an Käthen zu denken. –

»Begreifst du etwas davon, Ronichen?« fragte der Baron, als Quinctius weggegangen war. »Ich nicht ein Wort, nicht eine Sylbe.«

Leider, ich auch nicht! sagte die Frau von Flaming, mit geheimer Freude darüber, daß ihr Mann nichts von Käthens Liebe zu Lissow gemerkt hatte. Es sind Kinder. Quinctius hat ja immer so seltsame Einfälle. Du sagtest, als Lissow weggegangen war: Weglaufen und Reisen komme 167 den Adeligen zu. Das hörte Quinctius; und vielleicht ist es Schuld an dem ganzen Handel. Du weißt, wie er alles auffängt. Käthe ist unbesonnen. Quinctius wird ihr vielleicht das Reisen so süß gemacht haben. Sie hat mit gewollt; und Beide gehen davon, ohne zu überlegen, was sie thun.

»Ja, wahrhaftig, Ronichen, so ist es am Ende. Nun denn, Gott Lob, daß sie wieder da sind! Man muß sich doch aber wahrhaftig mit Kindern in Acht nehmen, wie mit rohen Eiern. Ich sagte das so hin, ohne weiter daran zu denken.«

Und sie thaten es so hin, ohne daran zu denken. Freilich, man muß vorsichtig seyn.

So endigte sich der seltsame Handel, und Lissow wurde in der Verwirrung gänzlich vergessen.

Der Baron war auch heute, wie immer, und wie ihn jeder im Hause kannte: in der ersten Minute heftig, und nach einigen Stunden wieder sanft, gutmüthig, heiter, wenn nur die Veranlassung seines Zornes nicht unmittelbar seine Stammbäume betraf. Schon den Mittag war wieder alles im vorigen Geleise. Niemand im ganzen Hause dachte weiter daran, daß heute eine Hochzeit hatte seyn sollen; nur Quinctius that es, und jedesmal mit Unmuth, wenn er seine reitzende Cousine ansah. Er würde jetzt förmlich in Käthen verliebt geworden seyn, wenn nicht ohne Unterlaß tausend andere reitzende Vorstellungen seine Phantasie in die abwechselndste Bewegung gebracht hätten. In diesem Augenblicke wünschte er mit Begierde, das reitzende Mädchen zu besitzen; aber, dann dachte er wieder: wenn du deinen 168 Wunsch unterdrückst, so wird man dich für großmüthig und für ein Muster der Freundschaft halten.

»O Käthe«, sagte er den Abend, als er mit ihr allein war: »wenn Sie wüßten, was der heutige Morgen meinem Herzen kostet! Ist es nicht grausam? Ich selbst mußte das unglücklichste Urtheil über mich aussprechen; ich mußte Ihre Hand ausschlagen! O Käthe, wer wird mich dafür belohnen?«

Ihr eignes Herz, lieber Vetter! Sie sind der großmüthigste aller Menschen.

»Ach, Cousine, ich wollte, daß ich weniger großmüthig gewesen wäre; dann würde ich jetzt der glücklichste aller Menschen seyn. Aber ich will leiden, damit Sie glücklich seyn können; ich will ein Opfer der Freundschaft und der Liebe werden.«

O Vetter, sagte Käthe mit großer Herzlichkeit: Sie sind ein sehr edler Mensch. Das sag' ich nicht allein; das sagte heute auch Ihre Mutter, mit Thränen der mütterlichsten Freude!

»Wie? meine Mutter weiß ...?«

Alles, alles! Sie kennt meine unglückliche Liebe, die Ursache meiner Flucht, Ihre Großmuth gestern und heute. Ihre Mutter bewundert Sie, wie ich Sie bewundere, und Lissow wird Sie anbeten.

Unmöglich konnte Quinctius dem widerstehen. Er würde jetzt für Käthen sein Leben aufgeopfert haben, wenn sie es verlangt hätte; denn er wollte lieber bewundert, als geliebt seyn.

169 Nach und nach kehrte alles zur vorigen Ordnung zurück. Quinctius studierte die Topik mit außerordentlichem Fleiße. Den Boethius konnte er auswendig, den Agrikola trug er immer bei sich; Caussinus und Weisius lagen vor seinem Bette auf dem Tische. Als es in dem Felde der Topik nichts mehr für ihn zu thun gab, kam Raymundus Lullus an die Reihe; und den fand Quinctius so recht nach seinem Geschmacke. Er las, was über die große Kunst, durch Kombiniren zu denken, geschrieben ist, und arbeitete sich sogar durch dicke Folianten.

Täglich verwendete er, ganz vor sich allein, einige Stunden auf die Übung, alle Methoden des Denkens zu vereinigen. Da lagen die bittersten Feinde friedlich neben und auf einander: die Weisianer, und der Anführer ihrer Feinde, Fabrizius. Jetzt stellte er sich mitten in sein Zimmer, gab sich selbst ein Thema auf, warf Blicke umher auf die Gegenstände, die ihn umringten, und hielt eine Rede nach der analogischen Redekunst; dann ging er den Lullischen Zirkel durch, führte dann eben denselben Gegenstand durch die Topik, und zwar mit so lauter Stimme, daß er die Aufmerksamkeit des ganzen Hauses erregte.

Käthe kam zuweilen auf sein Zimmer, und hörte ihm eine halbe Stunde zu. »Sehen Sie, Cousine«, sagte er vergnügt: »so bin ich im Stande über alles Denkbare zu reden, und brauche dazu weiter nichts, als hier die Stühle, den Tisch, die Fenster, die Bücher, die Decke und so weiter. Was sagen Sie dazu?«

Über Alles? Das glaube ich nicht. Zum Exempel wüßte 170 ich nicht, was Sie bei der Thüre, oder bei den Fenstern, von der Liebe reden könnten. Ja, von dem gelehrten Kram, das lass' ich gelten.

»Nicht von der Liebe? O! von allem in der Welt, wie ich Ihnen sage. Hören Sie nur! ... Die Liebe, diese gewaltsame Leidenschaft, ach! wie viel Stärke des Geistes, wie viel Selbstüberwindung gehört dazu, sie zu besiegen, und eine Geliebte, eine heiß Geliebte, seinem Freunde abzutreten! Diese Leidenschaft zieht durch tausend Thüren (er zeigte auf die Thür) zum Herzen ein: durch das Auge, das mit langen, sehnlichen Blicken auf den Reitzen eines schönen, unschuldigen Mädchens hängt; durch das Ohr, welches die süße Stimme, den bezaubernden Gesang des Mädchens in das Herz führt; durch alle Sinne, die wie Thüren sich öffnen und die Liebe in das Herz einlassen. Bücher (er zeigte auf seine kleine Bibliothek) belehren den Menschen über die Liebe nicht, ausgenommen ein einziges. (Dabei dachte er an den Ovid.) Sie sollen ein Gegengift der Liebe seyn; aber, leider! sind sie nur ein sehr schwaches, wenn das Herz nicht stark ist. Die Liebe ist ein Buch, mit dem man nie zu Ende kommt, das man nie ausstudiert. Man kann Eine Seite dieses Buches tausendmal lesen, ohne lange Weile zu haben. (Ja, das kann man! sagte Käthe seufzend.) Die Liebe ist ein Buch voll geheimer kabalistischer Zeichen, die man nicht versteht, wenn man nicht eingeweihet ist. Aber die Liebe ist auch ein Bett (er zeigte auf sein Bett), auf dem sehr leicht Gewissen, Nachdenken, Freundschaft, Ehre, Tugend in den tiefsten Schlaf fallen können«, etc.

171 So hielt er eine Rede über die Liebe, und zuletzt mit einem solchen Enthusiasmus, daß Käthen, die dabei an Lissow dachte, die Augen übergingen. O Vetter, sagte sie, als er fertig war, sollte man das denken! Ich wollte Ihnen Tage lang zuhören, wenn Sie von der Liebe predigen!

Der Freiherr selbst horchte zuweilen an der Thüre, wenn Quinctius sich durch alle Gemeinplätze der Topik oder durch den Zirkel des Lullus bewegte, und vergoß Freudenthränen. Er machte Beyern ein ansehnliches Geschenk, als er vernahm, daß diese Reden nicht etwa auswendig gelernt und studiert wären, sondern daß Quinctius sie aus dem Stegereife hielte, was in seinen Augen die schwerste aller Künste war. Nun zweifelte er nicht mehr, daß sein Sohn einst ein großer Mann werden würde, und sagte zu Käthen, als sie einmal Beide gehorcht hatten: »Du Trine! siehst du wohl? Den hast du dir aus dem Garne gehen lassen!«

Aber obgleich der Herr von Flaming große Achtung für seinen Sohn zu fühlen anfing, so nannte er ihn doch mitunter noch Cajus Dummhut; denn Quinctius übertrieb zuweilen die Gesetze der Philosophie so sehr, wendete sie so seltsam an, und war von der Unthunlichkeit mancher Dinge so schwer zu überzeugen, daß er oft den Unwillen oder das Gelächter des ganzen Hauses erregte.

Indeß nun Quinctius sich Tag für Tag tiefer in die Gelehrsamkeit hinein arbeitete, schwand die arme Käthe immer mehr vor Liebe hin. Gleich von Anfang an hatte sie gemerkt, daß ihre Tante großen Einfluß auf Lissows Flucht gehabt haben mußte, und es war ihr Hauptverdruß, daß 172 sie nicht errathen konnte, welchen. Sie wurde mißtrauisch gegen die Tante, und hörte aus Klugheit auf, ihr etwas von ihrer Leidenschaft zu sagen. Als sie dann endlich gern wieder davon gesprochen hätte, schien die Tante Lissowen gänzlich vergessen zu haben. Quinctius war noch der Einzige, mit dem sie sich über diesen wichtigen Punkt einlassen konnte; allein dessen Antworten waren beinahe schlimmer als gar keine. Die arme Käthe stand mit gepreßtem Herzen vor ihm. Ach, lieber Vetter, sagte sie mit einem tiefen Seufzer und mit einer Thräne im Auge; wie sehr unglücklich bin ich! Meine Liebe ...

»Ihre Liebe, Cousine?« antwortete Quinctius lächelnd; »ja, lassen Sie uns einmal ausführlich davon reden. Ihnen soll und muß geholfen werden. Setzen Sie sich. Ich will Ihnen helfen.« (Ein Strahl der reinsten Freude verbreitete sich bei diesem Anfange über das Gesicht des leidenden Mädchens.) »Wir wollen genau zu Werke gehen. Also zuerst: giebt es denn Liebe? und dann: ist Ihre Liebe zu Lissow da?«

Lieber Vetter, Sie zweifeln ...?

»Ei, Cousinchen, Ihre Liebe kann logisch da seyn, definitive, ohne wesentlich da zu seyn. Ehe wir Ihrer Liebe zu nützen suchen, müssen wir doch wissen, ob sie möglich, ob sie da, ob sie bei Ihnen da ist.«

Ob sie da ist? Lieber Vetter, ich fühle sie in meinem Herzen. Ich kann nicht davor schlafen. Meine Brust ist so voll, so voll von ihr! Sehen Sie doch nur meine Thränen, meine Unruhe ...

173 »Ja, das ist ein Zustand, liebe Cousine, ein bloßer Zustand. Daraus folgt noch nicht, daß Ihre Liebe wesentlich ist. Aber angenommen, daß sie da sey; so antworten Sie: was ist Liebe im Allgemeinen, und was ist Ihre Liebe? Bestimmen Sie mir ihr Wesen, ihre Theile, ihr Geschlecht, ihre Art, ihren Unterschied.«

Aber, mein Gott, mit dem Allen ist mir nicht geholfen.

»Nicht? Da sind Sie sehr irre. Wie kann ich einem Dinge helfen, wenn ich es nicht kenne? Wie kann ich Ihren Wunsch erfüllen, wenn ich nicht weiß, was Sie wünschen, und wie Sie wünschen? Ach, liebe Cousine, es giebt noch tausend Dinge zu ebnen, ehe wir anfangen zu arbeiten. Da müssen wir erforschen, was Ihre Liebe erregt hat, die Form, die Materie, und den letzten Zweck Ihrer Liebe.«

Käthe ging unmuthiger weg, als sie gekommen war.

Ein andermal fertigte Quinctius das liebende Mädchen mit einigen Sentenzen aus dem Seneca ab, die aber eben so wenig wirkten, als seine philosophischen Untersuchungen. Sie zog sich endlich auch von ihm zurück, und ihr Herz nahm seine Zuflucht zu sich selbst. Von diesem Augenblicke an war Käthe ein ganz anderes Mädchen als vorher. Sie brachte jede Viertelstunde, die sie für sich haben konnte, auf ihrem Zimmer allein zu. Die wirkliche Welt, die sie nur in Lissow genießen zu können glaubte, verschwand vor ihren Blicken, und sie schuf sich aus den Träumen ihrer Phantasie eine neue, in der sie ihren Geliebten hatte und glücklich war. Da saß sie, in einen Winkel hingedrückt, den Kopf hinten über gelehnt, die großen blauen Augen voll 174 Thränen an die Decke geheftet, die Lippen in ein schönes zärtliches Lächeln verzogen, und träumte: – die letzte Zuflucht einer unglücklichen Liebe. Sie erfand hier eine Menge Romane, ohne einen einzigen gelesen zu haben. Wohl hundertmal floh sie mit Lissow, verbarg sich in einem Dorfe, und wurde eine Bäuerin, wie er ein Bauer. Hier lebte sie mit ihm, wie in Arkadien, und baute Lauben von Wein und Rosen auf der Flur, die sie bewohnte. Sie feierte in ihrem süßen Traume hundert kleine Feste, und suchte ihn sogar, so viel sie konnte, zu realisiren. Jetzt hatte sie sehr viel mit Blumen zu thun, und machte im tiefsten Gebüsche des Gartens einige Fasanen, die dort gehegt wurden, so zutraulich, daß sie sich täglich von ihr füttern ließen. Nach und nach schuf sie sich in ihrem Gebüsche auch eine wirkliche Welt aus den brütenden Vögeln, denen sie Futter brachte. Hier vergoß sie die süßesten Thränen, verträumte die glücklichsten Stunden, sah ihren Lissow, so oft sie wollte, und hielt die zärtlichsten Unterredungen mit ihm, und über ihn, ohne länger eines Vertrauten zu bedürfen. Sie hatte einen Goldfasan auf ihrem Schooße sitzen; dem klagte sie die Leiden ihrer Liebe, dem vergoß sie ihre Thränen, dem erzählte sie ihre romantischen Plane.

Da stand sie an dem Neste eines zärtlichen Paars Vögelchen. Hier hatte sie das Bild und die Nahrung ihrer Liebe. So treu, so zärtlich, Lissow, – sagte sie, und hielt die bebende Hand segnend über das Nest – so treu, so zärtlich bin ich, bist du. Sieh her, mein Geliebter! Was bedarf der Mensch, um glücklich zu leben! Nicht mehr, als diese 175 Thierchen. Eine kleine Hütte; und wie klein könnte sie seyn, um mich und dich zu fassen! Nahrung? wie wenig ist das! O, Lissow, kehre zurück, und laß mich hier nicht trauern wie das Vögelchen, dessen Männchen der Jäger gestern tödtete. O, flieg zu ihm! Ich will dein Nest so lange behüten; ich will deine Kleinen so lange füttern. Flieg zu ihm, und sage ihm, wie ich hier um ihn weine.

Solche Gespräche hielt Käthe in ihrer Einsamkeit alle Tage. Ihr bleiches Gesicht, der kranke singende Ton ihrer Stimme, und die leidende Ruhe, mit der sie alles, was man verlangte, that, ohne je ein Wort dawider zu sagen, erregten das Mitleiden der guten Tante. Beinahe hätte sich diese verleiten lassen, der sanft absterbenden Liebe durch die Entdeckung, daß Lissow in zwei Jahren zurückkehren werde, neues Leben zu geben; denn wirklich konnte sie die arme Käthe schon nicht mehr ohne Thränen der Reue ansehen. Beschäftigungen wollten nicht helfen. Käthe floh sie mit einem zu sichtbaren Widerwillen; und die Tante war nicht hart genug, sie ihr aufzudringen, so nöthig es auch gewesen wäre. Sie spähete Käthens Unterhaltungen im Gebüsch aus, und schüttelte den Kopf dazu; aber doch hatte sie nicht das Herz, mehr zu thun. Wie tausend Mütter in ähnlichen Fällen, dachte sie: nun, das ist doch ganz unschuldig. Zugleich fühlte sie aber mit einer Art von Scham, daß ein junges Mädchen nicht Zuschauerin bei den Mysterien der Ehe seyn darf, und wäre es auch nur die Ehe von Vögelchen. Eine Frau ihrer Art konnte solche feine Vorwürfe ihres Gefühls nicht lange unterdrücken. Sie 176 bemerkte sehr leicht, daß Käthe, so ruhig sie auch äußerlich war, desto thätiger mit ihrer Phantasie arbeitete. Ovid und Beyer konnten ihr diesmal kein Licht geben; aber sie fand von ungefähr in einem Buche folgende Stelle: »Wie wenig ist das menschliche Herz, auf das der Mensch oft eben so stolz ist, als ein kalter Weiser auf die thörichte Vernunft! Alle Saiten des Herzens sind in wildem Aufruhr. Der Sturm scheint ewig. Der Gegenstand der Leidenschaft wird entfernt, und das Herz wird ruhig. Die Phantasie spielt noch eine Zeitlang mit dem Gegenstande; aber das Spiel ist nichts mehr als die Leichenfeier der Leidenschaft. Die Thränen, zu welchen die Phantasie das Auge zwingt, sind die Thränen der jungen Wittwe, die sie dem neuen Liebhaber vorweint. Eine Zerstreuung, und auch die Phantasie wird ruhig; die Leidenschaft, die ewig schien, ist todt und vergessen wie ein Traum.«

Zerstreuung! dachte die Frau von Flaming. Nun, die sollst du haben, Käthe, wenn du dadurch ruhiger werden kannst! – Sie brachte eine Reise nach Berlin in Vorschlag, und sah davon sogleich die glücklichsten Folgen. Käthe wurde heiter, als sie nur hörte, daß sie mit nach Berlin sollte, und nach jeder Meile, die sie der Hauptstadt näher kam, war sie fröhlicher. Diese Heiterkeit, meinte die Tante, wäre eine Folge der Zerstreuung; aber sie hatte einen andern Grund. Käthe hoffte, Lissowen auf dieser Reise wiederzufinden; denn er war ja den Weg nach Berlin zu gegangen. Sie fand Lissowen nicht; aber Quinctius fand etwas, das er gar nicht hoffte. 177 Frau von Flaming hatte ihren Mann nur dadurch bewegen können, diese Reise zu erlauben, daß sie ihm vorstellte, wie nöthig es sey, ihrem Sohne einige Menschen- und Weltkenntniß zu verschaffen. Nützen Sie diese Reise, hatte Beyer alle Tage zu seinem Zöglinge gesagt. Die Philosophie hilft Ihnen wenig, wenn es Ihnen an Menschenkenntniß fehlt. Quinctius, der immer gern den kürzesten Weg ging, erkundigte sich, wie man am geschwindesten zu dieser Kenntniß gelangen könne. Sein Vater, seine Mutter, und Beyer verwiesen ihn auf Zeit und Übung, womit er aber gar nicht zufrieden war. Er fand endlich unter Beyers Büchern einen alten Vorgänger Lavaters, den Physiognomisten Campanella, las dessen Bemerkungen über die Gesichter der Menschen mit großem Vergnügen, und fing sogleich an, die Gesichter seiner Familie mit den Bemerkungen des Schriftstellers zu vergleichen. Campanella sagt: »die Mienen des Gesichts, die Blicke der Augen, die Bewegungen des Mundes beim Reden, beim Lachen, bei dem Kummer, die Bewegungen der Arme, der Füße, der Schultern sind ein sehr richtiger Spiegel der Neigungen, der Gesinnungen, der Leidenschaften der Seele. Willst du wissen, was in dem Innern der Seele eines Menschen vorgeht, so ahme seine Gesichtszüge, seine Bewegungen, seine Stellungen nach; und du fühlst in dir eben die Leidenschaften, eben die Gesinnungen, wie der, den du nachahmst.«

»O«, sagte Quinctius; »welch ein Schatz ist doch ein Kopf, und Aufmerksamkeit! Da hat Beyer das Buch, liest es, und macht keinen Gebrauch davon. Und ich? ich finde sogleich 178 den eigentlichen Punkt, auf den es ankommt. Seltsam! Das alles geht bei Andern doch immer verloren, nur bei mir nicht!« – Quinctius sagte nicht ein Wort von seiner neuen Entdeckung, und man merkte an ihm weiter nichts, als daß er die letzten Tage vor der Abreise alle Menschen starr ansah und Gesichter schnitt. Unterweges machte er allen Wirthen, bei denen man aß oder übernachtete, ihre freundlichen Gesichter nach, und fühlte bei den Mienen nichts von Wohlwollen. Es sind Schurken, sagte er: Schmeichler, die nur deshalb freundlich sind, weil ihnen unser Geld lieb ist.

Man kam in Berlin an. Quinctius aß unten an der table d'hôte; die beiden Damen oben. Er sah am Tisch einen jungen Mann, dessen Gesichtszüge ihm sehr gefielen, und erzeigte ihn alle die kleinen Höflichkeiten, die man Jemanden beim Essen erzeigen kann. Auch der junge Mann, ein Herr von Graßheim, betrug sich gegen ihn sehr artig. Er war so schön, daß Quinctius sich nicht enthalten konnte, bei ihm an den Plato und dessen Liebe zu denken, die er nun besser kannte. Nach Tische tranken einige Gäste Kaffee. Quinctius ließ sich mit dem Herrn von Graßheim in ein Gespräch ein, und fand dessen Geist sehr gebildet. Jetzt fing er an, sich ernstlich um das Wohlwollen des jungen Mannes zu bewerben, und es gelang ihm nicht übel. Noch zu rechter Zeit erinnerte er sich an die Worte eines Alten: »schließe nicht eher Freundschaften, als bis du deinen Mann kennst.« Sogleich brach er mitten im Gespräch ab, entfernte sich von Graßheim, betrachtete ihn starr, lächelte, wenn jener im 179 Gespräche mit einem Andern lächelte, trommelte mit den Fingern auf dem Tische, wenn jener trommelte, stützte den Kopf auf, wenn jener ihn aufstützte, kurz, machte jede Bewegung, die jener machte. Graßheim würde das nicht bemerkt haben, wenn er nicht unsren Quinctius eben so im Auge gehabt hätte, wie dieser ihn. Er wußte nicht, was er aus dem seltsamen Mienenspiele machen sollte, und zog die Stirn kraus; sogleich hatte auch Quinctius eine krause Stirn. Der Mensch ist ein Narr, dachte Graßheim, und schwieg. Nach einigen Minuten war er in ein Gespräch mit einem Officier verwickelt, das sich nach und nach erhitzte. Es kam zu harten Worten, und endlich zu Drohungen von Seiten des Officiers, der mitten im Zimmer stand. Graßheim sprang heftig von seinem Stuhle auf; eben so heftig Quinctius, der sich nun hinter den Officier, Graßheimen gegenüber, stellte. Ich verbitte mir alle Drohungen, mein Herr! sagte Graßheim, und blickte spöttisch auf den Officier. Quinctius sah den Herrn von Graßheim eben so spöttisch an. Kind! Kind! sagte der Officier mit einem hämischen, aufreitzenden Phlegma: keine Gaskonade! Ich fürchte sie nicht. – Wie? Gaskonade? rief Graßheim außer sich, und knirschte mit den Zähnen. Aber auf einmal sprang er, zum Erstaunen aller Umstehenden, Quinctius an die Kehle, und warf ihn gegen die Wand. Daß der Officier so phlegmatisch blieb, verdroß ihn weniger, als daß Quinctius jede seiner Bewegungen kopirte.

Es entstand ein lautes Gelächter. Herr! rief Graßheim; warum machen Sie mir jede Bewegung nach? – Quinctius 180 raffte sich auf. Er sah die Gesellschaft umher mit großen Augen an, schüttelte den Kopf, und antwortete, als Graßheim seine Frage wiederholte, sehr gutmüthig: »wahrhaftig, Herr von Graßheim, nicht, um Sie zu beleidigen.« – Und warum denn sonst? fragte Graßheim, noch immer erbittert. – »Um Sie kennen zu lernen«, antwortete Quinctius; und es entstand ein neues Gelächter. Gut, sagte Graßheim; Sie haben mich nun kennen gelernt, und wenn Ihnen damit noch nicht genügt, so stehe ich ferner zu Befehl.

»Nein«, sagte Quinctius mit aller möglichen Gutherzigkeit; »ich kenne Sie schon so ziemlich. Sie sind, trotz Ihrem Zorne, sanft wie ein Lamm, gutmüthig wie ein junges Mädchen. Ihre Physiognomie ist die beste von der Welt, und Campanella selbst würde kein böses Haar an Ihnen finden.« Das Alles sagte er mit einer Aufrichtigkeit und einer Kälte, die Graßheimen sowohl als die Übrigen in Erstaunen setzte. »Kommen Sie«, setzte er dann hinzu; »ich wünsche näher mit Ihnen bekannt werden.«

Ja, kommen Sie! rief Graßheim erhitzt; ich will Ihnen zeigen, welch ein Lamm ich bin!

Quinctius führte den jungen Mann, der mit ihm zu einem Zweikampfe zu gehen glaubte, auf das Zimmer seiner Mutter. »Liebe Mutter«, sagte er im Hereintreten, und führte den Herrn von Graßheim nahe vor sie hin: »ich bringe Ihnen hier einen sehr edlen Mann.« Frau von Flaming verneigte sich sehr artig, und sagte dem Fremden etwas Verbindliches. Graßheim stand mit Blicken da, die sich nicht beschreiben lassen. Er betrachtete die Frau von Flaming, 181 dann die reitzende Käthe, dann Quinctius, einen nach dem andern, und stammelte dabei etwas her, das ein Entschuldigungs-Kompliment seyn sollte, wovon man aber nicht eine Sylbe verstand. Endlich erhielt er die Besinnung wieder, und brachte einige Stunden in der Gesellschaft der beiden Damen sehr angenehm hin.

Von diesem Tage an wurde Graßheim unsres Quinctius Freund, und begleitete die beiden Damen auf allen ihren Spaziergängen und Fahrten. Seinem neuen Freunde machte er begreiflich, daß, so vortrefflich auch Campanella's Methode die Menschen kennen zu lernen seyn möchte, sie doch nothwendig, wenn sie ausgeübt würde, unzählige Händel veranlassen müßte.

Während daß Quinctius Graßheims Freundschaft zu erhalten strebte, bewarb sich dieser um Käthens Liebe. Er ging aber sehr behutsam zu Werke; denn schon in der ersten Unterredung hatte er gemerkt, daß Käthe, selbst wenn er sie anredete, sehr wenig auf ihn achtete. Aus mehreren Umständen vermuthete er, daß sie schon liebe, und zwar unglücklich. Daher suchte er sich Anfangs nur ihr Vertrauen zu erwerben; und das erhielt er bei seiner Feinheit in Kurzem. Er nahm innigen Antheil an ihrem Kummer, und sprach von einer unglücklichen Liebe mit so vieler Rührung, daß Käthe bisweilen sogar in Begriff stand, ihn zum Vertrauten ihrer Leidenschaft zu machen. Den scharfen Blicken der Frau von Flaming entging die Neigung des jungen Mannes nicht. Sie erkundigte sich nach ihm, und alle Nachrichten stimmten dahin überein, daß er ein reicher, 182 verständiger und rechtschaffner Mann wäre, dessen Verbindung jedes Haus in Berlin wünschte.

Der Monath, den der Baron zu der Reise bewilligt hatte, war verflossen, und die Frau von Flaming mußte nun wieder zurückkehren. Sie bat den Herrn von Graßheim, sie auf ihrem Gute zu besuchen, und er versprach es mit großem Vergnügen.

Die Kur hatte bei Käthen angeschlagen; sie war auf der Rückreise heiterer, ja zuweilen muthwillig. Zu Hause erzählte man dem Baron, was man in Berlin gehört oder gesehen hatte, und Käthe hielt dabei dem Herrn von Graßheim eine feurige Lobrede. Der Baron ließ sie mitten in ihrer Rede stehen, und suchte die Graßheime unter den geturnierten Familien. Er schob die Mütze unruhig hin und her; denn es war darunter kein Graßheim zu finden. »Höre, Käthe«, sagte er auf einmal; »ich wollte, er hätte ein Paar Vorzüge weniger, und ein Paar Ahnen mehr. Nur ehrlich müßte er bleiben; denn ohne Ehrlichkeit sind alle Ahnen Narrenpossen. Graßheim! Graßheim! Das Haus ist nicht zweihundert Jahr alt.«

Aber, gnädiger Herr Onkle, er ist doch sehr liebenswürdig; und das, sollte ich meinen, ...

»Ja, ja! Ihr Mädchen, wenn Ihr heirathen wollt, fragt immer: kann er singen, pfeifen, tanzen und so weiter? Hat er eine hübsche Hand, einen hübschen Fuß? ... Aber – hat er einen Stammbaum? Das ist eine Kleinigkeit. Nu, blas nur nicht so auf, wie ein Truthahn! Du sollst ihn ja haben. Kannst du ihm doch ein Paar Ahnen abtreten!«

183 Käthe sagte, mit niedergeschlagenen Augen und hoch erröthend: wer redet denn von Heirathen! Ich habe daran nicht mit einem Gedanken gedacht.

Und es wäre auch unmöglich, fiel Quinctius ein; denn Graßheims Herz ist nicht mehr frei.

Käthe erröthete noch einmal, als Quinctius das sagte. »Desto besser!« sagte der Freiherr. »Heim ist zwar eine altadelige Endigung, so viel als Ingen oder Ing; aber im Turnierbuche steht doch kein einziger Graßheim. Desto besser!«

Käthe ging unruhig auf ihr Zimmer, und vergoß ein Paar Thränen über die Zumuthung ihres Onkles, einen Andern, als ihren geliebten Lissow zu heirathen; indeß regte sich bei ihr doch eine nicht geringe Neugierde, zu erfahren, an wen wohl Graßheims Herz versagt seyn möchte. Wie würde sie gelacht haben, wenn sie gewußt hätte, daß Quinctius meinte, Graßheim habe ihm sein Herz geschenkt!

Quinctius war voll der Platonischen Idee von reiner Liebe zu einem edlen Manne. Er lernte Graßheim kennen, prüfte dessen Herz nach Campanella's Methode, und fand es seiner würdig. Von nun an schwatzte er seinem neuen Freund ohne Unterlaß von seiner alles überwindenden Liebe zu ihm vor. Graßheim lächelte, und antwortete dem gutherzigen Menschen in gleichem Tone. Quinctius zweifelte nun nicht länger, in ihm die gleichgeformte Platonische Seele gefunden zu haben, der die sinnlichere irdische Liebe zu dem Weibe verachtenswerth seyn müsse.

Es vergingen einige Monathe, in denen Quinctius mit 184 seinem Freunde Briefe wechselte. Auf einmal kam Graßheim selbst, und gefiel schon am ersten Abend dem Baron in einem hohen Grade; denn er hörte mit Entzücken diesen von den Thaten der Flaminier erzählen, und rief einmal über das andere: welch ein Mann sind Sie! – Er stand halbe Stunden vor den Stammbäumen des Barons, und schien in Betrachtungen über die Nahmen verloren. »O wahrhaftig!« sagte der Baron; »wenn Sie keine Ahnen hätten, Sie wären es werth, mehr als vier und sechzig zu haben.«

Graßheim erzählte dem Baron gleich in den ersten Tagen seines Besuches eine Geschichte aus den Kreuzzügen, worin ein Graßheim Senior genannt wurde, setzte hinzu, daß aus diesem Worte der Titel Seigneur entstanden sey, und versprach sogar, das Buch, worin dies alles stehe, zu schicken. Nun war der Baron von seinem Gaste noch stärker eingenommen. »Mich ärgert es«, sagte er zu Käthen unter vier Augen, »daß Graßheim schon versprochen ist; denn seine Vorfahren sind mit vor Jerusalem gewesen. Und was du von ihm gesagt hast, ist wahr, Käthe: gelehrt ist er, erstaunlich gelehrt. Er weiß, daß man ehemals den Adel Senior nannte, woraus die Franzosen Seigneur, und die Italiäner Signore gemacht haben. Ich muß der Wahrheit die Ehre geben und gestehen, daß mir davon gar nichts bekannt war. Tausend Thaler wollte ich darum geben, wenn er noch nicht verplempert wäre; dann solltest du ihn bekommen. Turnier und Kreuzzüge! Sieh, da hätten wir die berühmteste Familie in der Welt! Rom, das erste Turnier und der erste Kreuzzug! Der Henker hole es, daß er schon verlobt ist!«

185 Käthe war jetzt nicht ganz so freundlich gegen Graßheim, als in Berlin; auch schien er gar nicht mehr ihr Herz gewinnen zu wollen. Er sprach kein Wort von Liebe, und nannte seine Empfindung für sie nur Ehrerbietung, Freundschaft. Warum, dachte Käthe, sollte ich die nicht annehmen?

Graßheim erzählte so angenehm, blies die Flöte so schön, sang so rührend, wußte so viel tausend angenehme Kleinigkeiten zu sagen, zu thun und anzustellen, und konnte jedem Vergnügen, auch dem kleinsten, einen so eigenen Reitz geben, daß die ganze Familie ihn immer lieber gewann. Jetzt wurde er von dem Baron über eine zweifelhafte Stelle, über einen Nahmen, über eine Bedenklichkeit in irgend einer Adelsgeschichte zu Rathe gezogen, und wußte jedes Mal zu antworten. Dann saß er neben der Frau von Flaming, und philosophirte mit ihr über Menschen und Tugend; dann platonisirte er mit Quinctius, oder disputirte mit Beyern; dann saß er bei Käthen auf ihrem Zimmer, und las ihr Französische Gedichte Deutsch vor, lehrte sie singen, oder zerstreuete sie durch unterhaltende Erzählungen. Bei Käthen brachte er jeden Augenblick zu, den er den Andern entziehen konnte; aber dennoch glaubte keiner von ihm versäumt zu seyn, und wo man ihn hatte, herrschte die Freude.

Anfangs verlor Lissow in Käthens Andenken noch nichts; denn kaum war sie allein, so eilten ihre Gedanken zu ihm. Aber schon nach einigen Wochen konnte sie einen ganzen Tag hindurch heiter seyn, ohne daß die Erinnerung an 186 Lissow sie nur eine Minute störte. Nun aber schien Graßheim Käthens Rolle übernommen zu haben. Er war in ihrer Gesellschaft zerstreuet, unruhig, still; er konnte sie stundenlang mit sehnsuchtsvollen, düstern Blicken betrachten, und endlich kam ein Seufzer aus seinen Lippen. – »Herr von Graßheim«, sagte Käthe dann; »wo sind Sie jetzt? Gewiß in Berlin! Ich sollte es übel nehmen, daß Sie bei mir so viele lange Weile haben.« Aber – sie nahm es nicht übel.

Nach und nach bekam sie eine so schwermüthige Miene, wie er. Beide saßen nun stundenlang neben einander, ohne ein Wort zu sprechen, und seufzten um die Wette. Nicht lange, so wurden aus den Seufzern zärtliche Blicke, Händedrücke, und wie die Litanei der Liebe weiter heißt. Kurz, Käthe hatte ihren Lissow längst vergessen, als sie erst merkte, daß es geschehen war. Nun machte sich das gute Mädchen bittre Vorwürfe über ihre Untreue. Von diesem Augenblicke an wollte sie Graßheimen nicht wiedersehen. Sie floh vor ihm, und antwortete nicht eine Sylbe, wenn er sie rührend fragte: was habe ich Ihnen denn zu Leide gethan? Schon triumphirte sie; aber da stand Graßheim, sah ihr so wehmüthig bittend ins Gesicht, und flehete so dringend, daß ihr Vorsatz wieder dahin war. Sie gab ihm die schöne Hand, und er bedeckte sie mit Küssen. Jeden Abend bereuete sie mit heißen Thränen den verflossenen Tag, und zugleich fühlte sie mit Angst, daß es morgen Abend wieder etwas zu bereuen geben würde. Das Gewissen hatte eine Zeitlang Zahlung bekommen; und nun – wie es denn so geht – fing Käthe an sich zu entschuldigen. »Es ist ja unmöglich, 187 daß ich ihn je heirathen kann. Er würde mich unglücklich machen, und ich ihn verächtlich. Die Tante hat doch wohl Recht! Und dann, kann ich für mein Herz? habe ich es denn geschaffen?« Endlich – wie es ebenfalls so geht – war Lissow noch obendrein an allem Schuld. »Warum hat er mich verlassen? warum läßt er nicht ein Wort von sich hören? Vielleicht ist er mir schon längst ungetreu. Vielleicht? O nein; wahrscheinlich, gewiß! Soll ich nicht meine Liebe zu ihm überwinden, da es meine Verwandten, meine Wohltäter mir zur Pflicht machen?« Kurz, nach und nach riß jedes Fädchen, womit Zeit, Jugend, Eitelkeit, Gewohnheit und Phantasie ihr Herz an Lissow geknüpft hatten. Zwar kam die Reue zuweilen wieder; doch nur auf Augenblicke. Endlich aber wurde Käthe völlig heiter, als sie einmal auf den Gedanken gerieth, daß sie als Frau von Graßheim Gelegenheit habe, Lissowen aufzusuchen, und ihn glücklicher zu machen, als er jetzt wahrscheinlich seyn würde. Kaum hatte sie diesen Schlupfwinkel gegen die Angriffe ihres Gewissens gefunden, so verlor sie den Jüngling, den sie so eben nie zu vergessen beschlossen hatte, völlig aus den Augen.

Jetzt fiel sie auf die zweite Vorstellung, an die sie bis dahin weniger gedacht hatte: ist Graßheim verlobt? »Unmöglich«, dachte sie; »wie wollte er sonst gegen mich so zärtlich, mir so ergeben seyn?« Käthe forschte ganz leise bei Quinctius nach, bekam aber nur räthselhafte Antworten. Doch endlich verschwanden alle ihre Zweifel, als Graßheim sich mit einer bestimmten Liebeserklärung an sie selbst 188 wendete. Käthe spielte die Rolle eines Mädchens: sie erstaunte, erröthete, blieb ohne Bewegung stehen, seufzte, und antwortete nur mit einigen zärtlichen Blicken. Jetzt mußte sie aber nothwendig einen Entschluß fassen. Sie schlich leise, heimlich, mit großen verlangenden Augen, um ihre Tante her, so daß diese bald aufmerksam wurde. Nun kam es zu einem Gespräche, worin freilich Käthe noch einmal versicherte, daß sie unmöglich ihrem Lissow ungetreu werden könnte, endlich aber doch den Vorstellungen und Bitten der Tante nachgab, weil sie dieser alle Schuld zuschreiben konnte.

So war denn Lissows Unglück laut erklärt. Die Tante sprach nun mit dem Herrn von Graßheim, und verwies ihn an den Baron. Dieser umarmte den freudetrunkenen jungen Mann, und rief: »Senior! Seigneur! Signore! Ja, Sie sollen das Fräulein haben, das Fräulein Katharina von Nothafft zu Wernberg! Sie sind mit Gottfried von Bouillon, Herzog zu Lothringen, auf einem Kreuzzuge gewesen; allein dagegen war Käthens Stammmutter im Jahre 939 auf dem Turniere zu Magdeburg, unter Sr. Majestät Kaiser Heinrich dem Vogelsteller; und ihres Onkels Vorfahren triumphirten in Rom alle nach der Reihe. Denn daß der Cajus vom Hannibal geschlagen wurde, das ...« –

Es ist noch immer Ehre, von einem Hannibal geschlagen zu werden.

»Das sag' ich auch! Und dann, sehen Sie, wer das Terrain da kennt an dem verdammten See, zwischen den Felsen! Ich habe mir eine Spezialkarte von der Gegend für 189 schweres Geld machen lassen. Sehen Sie, links ist der See. Nun macht Cajus Front gegen den Feind. Ein Dummhut war er, daß er da Front machte, das ist nicht zu leugnen. ... Aber kurz, das Fräulein, die Käthe, sollen Sie haben trotz allen Hannibals, und allen Seen und Felsen in der Welt. Und die Kreuzritter haben auch nicht immer triumphirt, und da hat denn am Ende wohl Ihr Senior Graßheim meinem Cajus Dummhut nichts vorzuwerfen. Wir wollen die Fehler unserer Seniors durch die Hochzeit wieder gut machen. Und der Hannibal war doch im Grunde ein anderer General, als alle Türken.«

Das war er, Herr Baron. Und das verdammte Terrain dazu! ... Also Fräulein Käthe ist mein? – der Baron gab ihm die Hand darauf, und die Sache war richtig.

Nun ging es denn im Hause an das Glückwünschen. »Gott Lob!« sagte die Frau von Flaming zu Beyern heimlich: »Ihr Ovid ist ein großer Mann. Er hat zwei Menschen vor vielem Elend behütet.« – Ja, ja! sagte Beyer; wozu ein Ding nicht gut seyn kann! der Ovidius! ich hätte ihm das nimmermehr zugetrauet! – »Er macht jetzt ein glückliches Paar Menschen. Sehen Sie nur, wie Käthe und Graßheim da sitzen! Beide sind stumm; und doch sprechen sie große Dinge mit einander. So ist die Liebe!« – Ja, ja, sagte Beyer auf einmal pathetisch, und deklamirte mit aufgehobnem Finger die zwei Verse aus Opitz:

Sie ist Eleusis, wo Geberden
Ohne Mund gebrauchet werden.

190 Nur Schade, fuhr er fort, daß ich nicht recht dahinter kommen kann, was sie eigentlich bedeutet und ist, so viele Mühe ich mir auch darum gegeben habe, so viele Nächte sie mir auch kostet.

»Wie, was Herr Beyer? die Liebe? Ihnen?«

Ei, behüte Gott! Die heilige, geheimnisvolle Feier zu Eleusis. Ich bin ein Geistlicher, gnädige Frau; wie kann ich mich mit der Liebe abgeben? Die Eleusinischen Geheimnisse aber sind ein wichtiger Punkt.

»O, nicht halb so wichtig, als die Gefühle des jugendlichen Herzens. Alle Gelehrten sollten sich bemühen, die Frage aufzulösen: was ist die Liebe? Denn diese Leidenschaft hat ja schon mehr Unheil gestiftet, als jede andre.«

Beyer gratulirte nun dem jungen Paare, das endlich doch aus seinen stummen Träumereien erwacht war. Käthe sagte Beyern: sie wäre nun das glücklichste Mädchen der Erde. Er wünschte, daß sie es bleiben möchte, und setzte noch einige moralische Regeln hinzu, die sie mit solcher Gewalt an Lissow erinnerten, daß sie darüber roth und blaß wurde.

Frau von Flaming unterbrach den gutherzigen Mann, weil sie merkte, daß er im Begriff war, allzu viel zu sagen. Aber bei einer schicklichen Veranlassung sprach sie selbst mit ihrer Nichte. »Sage mir einmal, Käthe, recht aufrichtig: bist du glücklich?« – O, Tantchen, so sehr man es seyn kann! – »Liebst du Graßheimen?« – Unaussprechlich. – »Wie ist es denn aber zugegangen, daß deine heiße Liebe zu Lissow, die du doch so oft ewig nanntest, so bald vergangen ist?« –

191 Käthe schlug das glänzende Auge nieder. Endlich sagte sie schüchtern: o Tante, das ist grausam!

»Nein, liebe Käthe, nicht grausam. Ich hoffe, was du so nennst, soll Arzenei für dich werden. Du liebtest Lissowen eben so heiß, wie jetzt Graßheimen: eben so leidenschaftlich, mit eben der gewissen Überzeugung, daß deine Liebe nie wanken, und noch viel weniger vergehen könnte. Sie verging; denn in deinem Herzen ist für Lissow gewiß nichts mehr, als ein zärtliches Wohlwollen, und der heiße Wunsch, ihn so glücklich zu wissen, wie du es bist. Nicht wahr?«

Ach, liebste Tante, Sie kennen mein Herz so genau. Ja, so ist es, und eine gewisse Unruhe, eine Reue, oder ... –

»Nicht Reue, Käthe; denn du hast nicht unrecht gehandelt. Was du jetzt thust, wärest du, auch wenn du es nicht gern thätest, deinen Verwandten, deinem eigenen Glücke, schuldig gewesen. Aber davon jetzt nichts. Glaubst du nun wohl, daß deine Liebe zu Graßheimen eben so vergänglich seyn könnte, wie die zu Lissow?«

Nein, theure Tante, gewiß nicht. Nein, die dauert, so lange ich lebe.

»Warum denn, Käthe? ... Was du jetzt fühlst, hast du auch bei Lissow gefühlt; was du jetzt sagst, hast du auch damals gesagt. Die Liebe, gutes Kind, ist so vergänglich, wie alles Andere auf der Erde; aber ein warmes Herz befindet sich bei seinen Gefühlen so wohl, daß es denkt, es werde sie ewig behalten. Wo ist der Unterschied zwischen deiner jetzigen und deiner ehemaligen Liebe, der dir es so gewiß macht, daß die jetzige ewig dauern wird?«

192 Ach, Tantchen, Sie machen einen angst und bange. Aber ich fühle es doch.

»Das fühltest du ja ehemals auch! ... Denke einmal nach, was die Ursache ist, daß deine Liebe zu Lissow aufgehört hat! Was meinst du wohl?«

Ja, das mag der Himmel wissen; ich weiß es nicht. Oder ... wäre Graßheim wohl edler, besser, klüger, als Lissow?

»Thue Lissowen kein Unrecht, Kind! Er war ein sehr edler, schöner, kluger, junger Mensch. Du glaubst zwar jetzt, Graßheim sey der edelste Mann auf der Erde, und thust wohl daran; allein eben das glaubtest du auch von Lissow, und das glaubt ein liebendes Herz allemal. Ich will es dir sagen. Die Liebe hört immer auf, wenn man lange von dem Geliebten getrennt ist. Man vergißt den Geliebten, wie man alles vergißt, wenn man nicht zuweilen durch irgend etwas an ihn erinnert wird. Drückte Lissow dir die Hand, so war das für dich eine süße Empfindung; küßte er dich einmal – (Käthe erröthete) – so hattest du den Himmel in deinem Herzen. Als er dich verlassen hatte, konnte er nicht mehr mit dir reden, deine Hand drücken, dich in seine Arme schließen; die angenehmen Empfindungen hörten nun auf. Deine Einbildungskraft wiederholte dir zwar alles das noch oft; aber nach und nach wurde die Erinnerung immer schwächer: so wie man nach einem großen Vergnügen einige Tage hinterher noch immer mit Freude daran denkt, aber endlich es ganz vergißt. Sieh, da saßest du hinten im Gebüsche, träumtest von Lissow, und wärest auch da noch glücklich. Endlich aber hörte das auf. Graßheim kam, und 193 machte dir andre Vergnügungen; nun wurde deine Liebe vergessen. So ging es ungefähr zu. Meinst du nicht, Käthchen?«

Ja, liebe Tante, gerade so. Alle Tage dachte ich weniger an ihn, und immer mit mehr Ruhe; und jetzt ... –

»Und jetzt gar nicht. Sieh also, deine Liebe zu Graßheim könnte auf gleiche Weise vergehen, und du wärest eben so wenig Schuld daran. Nun wirst du es wohl seltsam finden, daß Mann und Weib einander ewige Liebe versprechen müssen, da es doch eigentlich nicht in unsrer Gewalt steht, ewig zu lieben. Aber, giebt es denn gar kein Mittel, die Liebe dauernd zu machen?«

Ich muß mich nie von meinem Manne trennen, denke ich; so kann die Liebe ewig währen.

»Richtig, mein Kind. Du fühlst, wie glücklich dich jetzt die Liebe deines Graßheims macht. Erhalte sie dir also. Trenne dich so selten, so wenig von ihm als möglich; und damit er deine Gesellschaft unter allen am liebsten haben könne, so sey gegen ihn immer gefällig und heiter. Lebe häuslich, und mache dein Haus zu einem Aufenthalte des Friedens, der Ruhe, der stillen Freude. Erziehe deine Kinder mit der größten Sorgfalt. Wohlgezogene Kinder sind das festeste Band der ehelichen Liebe. – Aber nicht allein durch die Entfernung hört die Liebe auf, sondern auch durch den Besitz. Ein Vergnügen, das du ganz genossen hast, bleibt nicht länger so groß, als es Anfangs war. Die zärtliche Liebe, die Graßheim jetzt zu dir hat, hört vielleicht schon im ersten Jahre auf. Verdopple dann deine 194 Gefälligkeit, deine Heiterkeit, deine Güte gegen ihn. Wenn dein Händedruck ihn nicht mehr entzückt, so werde nicht mürrisch; sey desto heiterer, desto gefälliger gegen ihn. Du versprichst ihm ja ewige Liebe. Vielleicht liebtest du noch jetzt Lissowen, wenn du Graßheimen nicht hättest kennen und in einem vertrauten Umgange achten und lieben lernen. Dies Beispiel sey deine Warnung! Begieb dich nie in den Strudel der Vergnügungen, der häufigen Gesellschaften, der Bälle, des Spiels. Diese Zerstreuungen tödten in deinem Herzen die Liebe zu deinem Gatten. Fliehe den vertrauten Umgang mit jedem andern Manne; du bist nie Herr deines Herzens, wenn du ihn wagst. Aber, wenn du vorsichtig lebst, kannst du Herr deiner Tugenden seyn. Ein Weib, das einen fremden Mann ihrem Gatten nur gleichschätzt, ist in Gefahr, der Gesellschaft verächtlich, ihrem Gatten ein nagendes Gift, ihren Kindern die schlimmste Gesellschaft, und sich selbst eine schmerzende Wunde zu werden.«

Das ungefähr sagte die Frau von Flaming. Käthens blaue Augen blieben – zu ihrer Ehre – nicht trocken und, was noch mehr ist, als Thränen, ihr Verstand begriff die Worte: »Das Weib soll alles in der Welt verlassen und an ihrem Manne hangen.«

Quinctius nahm es sehr übel, daß Graßheim nicht beständiger in der Platonischen Liebe gewesen war. Er schrieb seinem Freunde eine stolze Epistel, worin er ihn noch einmal bei allem, was ihm heilig sey, beschwor, doch nicht der Liebe, durch welche Epaminondas, Alcibiades und alle 195 Helden des Althertums so groß geworden wären, die Liebe zu einem Weibe vorzuziehen. Beyer fand den noch unvollendeten Brief, und ihm fiel dabei das verächtlichste aller Laster ein, von dem er einmal mit Abscheu etwas gelesen hatte. Er blieb starr, wie eine Bildsäule des Schreckens, stehen, las dann den Brief noch einmal, und wurde immer mehr in seinem Wahne bestärkt. »Deine Schönheit, Graßheim«, schrieb Quinctius, »zog mich zu dir; und ich betete dich an, als ich erst dein Herz und deinen Geist kannte. Du Ungetreuer lehrtest mich die himmlische Liebe kennen. Wir waren in unserm Seelengenusse inniger vereint, glücklicher, als du je in den Armen des vollkommensten Weibes werden kannst.« Mit zitternder Hand warf Beyer den Brief ins Feuer, und stand nun unschlüssig da. Jetzt wollte er zu dem Baron, und ihm alles entdecken; aber er zitterte vor dessen Hitze. Dann wollte er zu der Frau von Flaming; aber da hielt ihn die Scham zurück.

Als er mitten in dieser Unentschlossenheit war, kam Käthe von ungefähr in sein Zimmer. Kaum erblickte er das betrogene Mädchen, so trat eine Thräne des Mitleidens in sein Auge. Unwillkürlich ergriff er ihre Hand, sah sie mit stillen Blicken an, und sagte, beinahe ohne es zu wissen: unglückliches Mädchen! Sein Ton war so eindringend, daß er Käthen auffallen mußte. Sie bat Beyern, zu reden, brachte aber nichts von ihm heraus, als die beiden Worte, die natürlicher Weise große Ängstlichkeit bei ihr erregten. So eben war Quinctius von ihr weggegangen. Er hatte sie mit finstern Blicken angesehen, und dann beim Weggehn 196 mit einem tiefen Sinne zu ihr gesagt: »dachten Sie denn gar nicht an das Opfer, das ich Ihnen ehemals brachte?« Quinctius meinte, sie sollte fragen; dann wollte er ihr seine hohe, reine, himmlische Liebe zu Graßheim entdecken. Sie aber glaubte, er wolle ihr einen Vorwurf über ihre Untreue an Lissow machen, und fragte nicht. An jene Worte dachte sie jetzt wieder, und zitterte, ohne zu wissen, warum. Ihre Ängstlichkeit nahm zu; denn die Tante, zu der sie nun wieder ging, betrachtete sie mit einer seltsamen Unruhe, und einmal sagte sie sogar mit einem Seufzer: der arme Lissow!

Das war ganz natürlich. Die Tante hatte an Lissowen gedacht, und auf einmal war ihr eingefallen, daß die Zeit, die er weg bleiben wollte, bald verflossen wäre. Nun kommt er zurück, dachte sie weiter, und findet die Geliebte, für die er zwei Jahre lang vielleicht das größte Elend erduldet hat, in den Armen eines Andern! »Der arme Lissow!« stieß sie heraus, als sie die reitzende Käthe in der vollen Blüthe ihrer Schönheit und Jugend vor sich sah; denn sie hatte ihm ja seine Geliebte geraubt. – Käthe ging mit gepreßter Brust auf ihr Zimmer, und weinte sich satt. Sie unterstand sich nicht zu fragen: was macht Lissow?, weil sie die Antwort befürchtete: er ist aus Liebe für dich gestorben.

So saß sie, als der Oheim zu ihr in das Zimmer trat. »Nun Käthe, was weinst du? Bist du einmal wieder wunderlich? Was ist denn?«

Käthe schwieg und weinte fort. »Aber, steckt dir etwas im Kopfe, so thu den Mund auf. Bist Braut, und weinst!«

197 Ach, daß ich Braut bin! eben daß ich Braut bin! sagte Käthe jetzt mit Herzensangst und schluchzend.

»Daß du Braut bist? Mädchen, bist du wieder toll? He! denkst du etwa noch einmal die ganze Welt und den Pastor zu Narren zu haben? Sey nicht wunderlich! Wo in aller Welt sollen wir dir einen besseren Mann herschaffen? Bedenke doch nur! Unter Gottfried von Bouillon diente sein Vorfahr, und hatte den Titel Senior; daraus ist das Französische Wort Seigneur, und das Italiänische ...«

Ach, Gott! gnädiger Herr Onkle, mir ist, als läge mir eine Welt auf dem Herzen!

»Er hat ja Jerusalem mit erobert. Besinne dich doch!«

Ach, ich wollte, ich läge im Grabe!

»Ja, ja! und das heilige Grab dazu, und die heilige Lanze. Und der Papst Urban hat ihn 1095 selbst eingesegnet. Das war aber der Papst nicht, der die Turniere abschaffte. Sieh, du bekommst gar einen eingesegneten Mann.«

Mir ist so angst, so bange. Ach gnädiger Herr Onkle!

»Und die Parole hieß: Deus le volt; das heißt zu Deutsch: Gott will es! und mit dieser Parole haben sie die Türken besiegt. So sey doch ruhig! Die Parole hat er noch. Und mit den Fürsten und Herren ist er umgegangen, wie mit seinen Brüdern. Ich kann sie dir alle nennen. Da habe ich erst Familien kennen lernen, Käthe, von denen im Spangenberg nicht eine Sylbe steht, als zum Exempel Hunfred de Monte, Boello – Und kommst du in Wochen, so soll der Junge Boello heißen. Der Boello war ein Mann! So einer wird nicht wieder jung. In Köln hat er damals fünfzig Juden 198 niedergehauen. Und dieser Boello war sein Vorfahr! Nun sag, wie kannst du je einen besseren Mann bekommen?«

Das Alles konnte die arme Käthe nicht beruhigen. Beyer hatte mit einem so rührenden Tone gesagt: unglückliches Mädchen! Quinctius, von Mitleiden durchdrungen, sie gewarnt, und die Tante leise geseufzt: der arme Lissow! – Sie weinte fort, wagte sich nicht von ihrem Zimmer, und zitterte vor einer Begebenheit, die sie von dem geliebten Graßheim trennen könnte.

Dem Baron wurde bei Käthens Betragen wunderlich zu Muthe. Ihm fiel wieder ein, wie fest sie vor Jahr und Tag auf ihren Kopf bestanden hatte, sich trotz ihrer Liebe zu Quinctius nicht mit ihm trauen zu lassen. »Hat das Mädchen«, brummte er vor sich, »wieder einmal ihre Grille im Kopfe, so nimmt sie ihn nicht, und wenn er Jerusalem ganz allein erobert hätte.« Je mehr er darüber nachdachte, desto gewisser wurde es ihm, daß es so wäre. Er betrachtete seine Stammbäume mit schweren Blicken und noch schwererem Herzen. Graßheim, der ihn in diesen Empfindungen überraschte, und seine finstere Miene bemerkte, fing sogleich an, von Gottfried von Bouillon zu erzählen. Der Baron hörte mit Kopfschütteln zu, und hob dann verdrießlich an: »ja, ja! recht schön! Ich wünschte aber doch, daß ich das alles nicht wüßte.« – Wie so? fragte Graßheim. – Der Baron erwiederte unruhig: »es leuchtet ein böses Gestirn für Sie, Senior Graßheim! Wenn Sie nur das Mädchen noch bekommen!« – Graßheim war sehr betreten, und wollte fortgehen. – »Bleiben Sie hier, Herr von Graßheim. Vielleicht 199 giebt es sich von selbst. Dumme Streiche und kein Ende! Lassen Sie sich nichts merken, Senior! Denn haben die Leute erst von sich gesagt, daß sie dumme Dinge vorhaben, so hilft gewöhnlich kein Zureden mehr. Man muß es nicht so weit kommen lassen, daß sie es sagen können, so bleiben sie wohl noch aus Scham bei der Stange. Wie gesagt, lassen Sie sich nichts merken. Vielleicht ist es eine Posse, eine bloße Posse.«

Graßheim drang sehr ängstlich in den Baron, erfuhr aber nichts. Er eilte nun, mit Schrecken im Gesichte, zu Käthen. Sie war eben ein wenig ruhiger geworden; aber Graßheims Betragen machte sie wieder unruhig: er war zerstreuet, betrachtete sie mit ungewissen, zweifelhaften Blicken, und bat aufs neue um ihre Liebe. O, sagte er, beinahe außer sich: werden Sie mir auch gewiß Ihre Hand geben, meine Geliebte? wird nichts, wird keine Begebenheit sie mir entreißen?

Käthe sah ihn mit starren Blicken an. »Eine Begebenheit? welche, Graßheim? Ich bitte Sie, welche? Was wissen Sie?« So fragte sie ängstlich, und mit Thränen in den Augen.

Was ich weiß, ist schrecklich, sagte er noch ängstlicher; was ich sehe, ist es nicht weniger. Käthchen, wenn Sie mich lieben, so trotze ich einer Welt. Man macht mich bange, ich werde Ihre Hand verlieren.

Käthe wendete sich mit bleichem Gesichte von ihm; dann fiel sie ihm auf einmal um den Hals, und sagte leise: ich liebe Sie; aber jetzt lassen Sie mich allein.

200 Graßheim ging in großer Unruhe zu Beyern, bei dem er seinen Freund Quinctius zu finden hoffte. Beyer fuhr, so wie er den Verführer seines Zöglings erblickte, vor Schrecken zusammen, war kalt, räthselhaft, als dieser mit ihm sprechen wollte, und sagte zuletzt sehr nachdrücklich: »wenn Sie nur noch die mindeste Menschlichkeit haben, so denken Sie nicht länger an Fräulein Käthens Hand!« Mit diesen Worten ging er weg, und Graßheim stand wie versteinert da.

Auch Frau von Flaming war eben so wenig ruhig, wie alle anderen Personen der Familie. Sie hatte Käthen weinen gesehen; dann war sie einige Minuten in Beyers Zimmer gewesen, und dieser hatte mit Bedeutung gesagt: man sollte der Vorsehung nicht in die Hände greifen! Wie? wenn nun Fräulein Käthe unglücklich würde! – Frau von Flaming hatte ein sehr rasches Gefühl, und dachte: »Käthe unglücklich! Lissow und Graßheim unglücklich! und alle drei durch mich!« Sie spann den Gedanken fort, und wünschte, daß sie weniger thätig gewesen seyn möchte, Käthens Geschicke eine andre Wendung zu geben. Jetzt trat Graßheim, mit einem Gesichte voll tiefer Besorgniß, zu ihr herein, betrachtete sie mit mißtrauischen Blicken, und runzelte die Stirn so oft, daß Frau von Flaming bald noch tiefer in ihre Träumereien versank. Endlich konnte Graßheim nicht länger schweigen. Ich glaube, gnädige Frau, fing er an, man hat mir den Zustand von Käthens Herzen verhehlt. Jedermann verbirgt mir, was ich befürchten muß; und daß ich viel zu befürchten habe, sagt mir seit diesem Morgen jeder Blick hier im Hause. Käthe windet sich aus meinen Armen 201 mit einer Ängstlichkeit, als ob ihre Liebe zu mir ein Verbrechen oder ihr Unglück wäre. – Frau von Flaming erschrak. – Sie erschrecken? fuhr Graßheim fort. Meine Vermuthung betriegt mich nicht. Sagen Sie mir aus Mitleiden: ist es wahr, was ich befürchten muß? wird Fräulein Käthe mir ihre Hand versagen? – »Und das befürchten Sie?« fragte die Frau von Flaming zitternd. – Ja! meine gnädige Frau. Reden Sie, sagen Sie mir, warum ... wie ...

»Ach, das ahnete mir, das ahnete mir!« sagte die Frau von Flaming mit einem tiefen Seufzer. »Das unglückliche Mädchen! O Herr von Graßheim! wir verbargen Ihnen kein Verbrechen; nur ein Unglück: die Verirrung eines unschuldigen Herzens. Ach! ich glaubte, ich allein litte; aber auch Käthe leidet. Sagen Sie mir: wie ist Käthe? was macht sie?«

Graßheim beschrieb Käthens Zustand, und – wie es denn geht, wenn man sich fürchtet – übertrieb ihn. Die Tante dachte mit Schrecken: sollte sie Lissowen gesehen haben? ist er etwa hier? »Herr von Graßheim«, sagte sie; »lassen Sie mir Zeit, ehe ich Ihnen sage, was ich denke. Es könnte etwas vorgefallen seyn, das mich unglücklicher machen würde, als Sie. Seyn Sie ruhig, aber seyn Sie auf alles gefaßt! – Wenn es wahr wäre! O Gott! wenn die Unglückliche Sie verloren hätte!«

Frau von Flaming ging zu Käthen, und fand sie weinend, mit dem Tuche vor den Augen. »Käthe, um des Himmels willen!« rief sie mit ausgebreiteten Armen, und auch ihre Augen hingen voll Thränen. Nun glaubte Käthe, ihr Unglück sey gewiß, und die Tante komme, es ihr 202 anzukündigen. Sie sprang auf, warf sich heftig ihrer Tante an den Busen, und rief mit lauter Stimme: Lissow! – »Oh Gott! du Unglückliche!« sagte die Tante. – Käthe glaubte nun, er sey todt, aus Liebe zu ihr gestorben, und eilte in ihr Kabinet.

Als die Tante noch überlegte, ob sie ihr folgen wollte, kam Beyer. »Wissen Sie, was hier vorgeht, Herr Beyer?« fragte sie sehr betrübt. »Ich fürchte, Käthens Heirath wird gestört.« – Danken Sie Gott, wenn das geschieht! erwiederte Beyer sehr ernst. Weiter kann ich nichts sagen. Aber danken Sie Gott dafür! – So eben riefen die Bedienten zu Tische. Frau von Flaming und Beyer gingen; Käthe aber ließ sich entschuldigen.

Der Baron runzelte die Stirn, Frau von Flaming aß nicht einen Bissen, Graßheim sah auf den Teller vor sich nieder, Beyer spielte gedankenvoll mit seiner Tabaksdose; Quinctius allein aß, und redete dazwischen von dem Wankelmuthe der Männer. »Schert Euch hinaus!« rief der Baron den Bedienten zu, als der Braten aufgetragen war. – »Nun, was giebt es denn wieder mit Käthen? Da, hier der Senior läßt den Kopf hängen, wie Cajus am Thrasimenus. Der Teufel! ich will doch wissen, wie es steht. Warum ist Käthe nicht bei Tische? Wie? Nicht wahr, sie kommt wieder auf die alten Sprünge, und will ihn nun nicht, den Senior?« – Alle schwiegen. – »Nun, Senior, antworten Sie. Wie steht es mit Ihnen?«

Ich, Herr Baron, ich fürchte leider, nachdem ich sie gesehen und gesprochen habe, daß ich der unglücklichste Mensch auf der Erde bin.

203 »Seht Ihr? Das dacht' ich gleich! Aber so soll doch das Wetter drein schlagen! Liebt und will nicht heirathen! Hat einer je eine solche Narrheit gesehen! Bist du bei Käthen gewesen, Ronichen? Will sie ihn, oder will sie ihn nicht?«

Frau von Flaming zuckte die Achseln. Beyer sagte ganz ehrlich: ich glaube, Ihr Gnaden, sie nimmt ihn nicht, wenn sie erst alles weiß.

»So hol es der Teufel!« rief der Baron, und warf die Serviette zornig hin. »Probiren wollen wir es indeß noch einmal. Aber geben Sie Acht, Graßheim, das Mädchen macht Ihnen Sprünge. Sie kennen den Starrkopf nicht!«

Sie nimmt ihn nicht; ich weiß es gewiß! sagte Beyer.

Da haben Sie Recht, sagte Quinctius, der auf einmal hoffte, seinen Geliebten wieder zu fesseln.

Leider, sagte die Frau von Flaming, wird es noch Mühe genug kosten.

Der Baron murrte aufs neue: »wir wollen's noch einmal probiren.« Er befahl, daß der Kutscher anspannen und den Pastor holen sollte. Frau von Flaming wollte weggehen. »Nichts!« sagte der Baron; »du mußt hier bleiben. Sie soll sich trauen lassen, oder gleich auf der Stelle zum Hause hinaus!«

Als der Prediger gekommen war, stellte der Baron die Gesellschaft in Ordnung, und ließ dann Käthen durch einen Bedienten sagen: sie sollte den Augenblick kommen. Die Thür ging auf, und Käthe trat mit einem Gesichte herein, auf dem Niemand etwas Anderes als Verwunderung finden konnte, so starr man sie auch von allen Seiten ansah.

204 »Käthe!« hob der Baron in einem rauhen Tone an, und führte sie vor den Prediger hin: »wähle! Du läßt dich jetzt gleich mit dem Herrn von Graßheim trauen, oder ...« – Ich lasse mich gleich jetzt mit ihm trauen, sagte Käthe lächelnd. – Sie nimmt ihn doch! riefen alle aus Einem Munde. – Aber soll ich ihn denn nicht nehmen? fragte Käthe, und legte mit einem zärtlichen Blicke ihren Arm auf Graßheims Schulter.

»Herr Pastor, um des Himmels willen!« rief der Baron; »geschwind, lesen Sie, was das Zeug hält!« Der Pastor las. Käthe antwortete hell und deutlich: Ja; und der Baron rief sogleich ganz laut: »Gott Lob und Dank! Ihr habt es Alle gehört!« – Das junge Paar war nun kopulirt, und Beyer allein murrte.

Der Baron äußerte nach der Kopulation seine Freude, daß alles sich so glücklich geendigt hatte. »Diesmal, Gott sey Dank!« sagte er zu seiner Frau, »war unsre Besorgniß ungegründet.« – Gott Lob! sagte Frau von Flaming. Graßheim näherte sich dem Baron, und sagte lächelnd: ich erstaune jetzt mehr als vorher. Warum fürchteten Sie denn, daß meine Braut mich nicht nehmen würde? – »Ja«, sagte der Baron, »sie hat einen Abscheu gehabt, sich trauen lassen, daß ich es wohl fürchten konnte.« – Sich trauen zu lassen? fragte Graßheim. Ist ihr denn das schon öfter vorgekommen? – »Ei freilich! Da mit Quinctius sollte sie einmal getrauet werden; sie wollte aber nicht, und war ihm doch damals eben so gut, wie jetzt Ihnen.«

Frau von Flaming mischte sich nun in das Gespräch, und erzählte Graßheimen den Handel so ziemlich aufrichtig, bis 205 auf Lissow's Antheil daran. Sie sagte: Käthe habe Quinctius nicht geliebt, und sich darum gegen die Trauung gesperrt.

»Aber warum, liebe Frau, glaubtest du denn, sie würde ihn nicht nehmen? Wenn das ist, warum war denn der verdammte Lärm im Hause?« Graßheim sah die Frau von Flaming fragend an; sie schwieg verlegen. »Warum weintest du denn, Käthe? So antworte doch! Wir glaubten ja Alle, du wolltest ihn nicht nehmen. Warum glaubten wir denn das? Es muß doch eine Ursache haben. He! Auch Beyer und Quinctius glaubten es ja. Herr Beyer, lassen Sie doch hören!«

Ich, sagte Beyer, ich, gnädiger Herr, ich glaubte, der Herr von Graßheim würde das Fräulein nicht nehmen.

Und das war auch meine Meinung, lieber Vater, sagte Quinctius. Ich hatte mit Graßheim das reinste Bündniß der Freundschaft, der Tugend, des Edelmuthes geschlossen. Wir wollten uns bis in den Tod alles seyn, was je die edelsten Menschen auf Erden einander gewesen sind. Die Sinnlichkeit war ganz aus unserm Bunde verbannt. Graßheim vergaß aber der himmlischen Liebe über der irdischen; er vergaß des Mannes über einem Weibe, der Freundschaft über der Ehe, der Tugend über der Sinnlichkeit. Ich glaubte, Graßheim wäre ein zu edler Mann, als daß er je heirathen könnte.

»Aber, was in aller Welt quackelst du da einmal wieder! Ist es denn ein Schurkenstreich, daß ich dich in einer ordentlichen Ehe, stiftsmäßig und stiftsfähig, in die Welt gesetzt 206 habe? Also, wer heirathet, ist ein Schurke? Höre einer nur die abscheulichen Dinge!«

Vater, der göttliche Plato sagt ...

»Ist ein Narr, wenn er das gesagt hat. Also du willst unverheirathet bleiben? Großer Gott, so stirbt ja mein ...«

Nein, Vater, ich will heirathen, sobald Sie befehlen; allein ...

»Keine Kinder zeugen? I, so wollt' ich – Das ist ja abscheulich!«

Auch Kinder zeugen, Vater. Das fordert die Natur, dieser Körper, an den ich gefesselt bin, die Materie; allein der Geist will mehr, will die Liebe eines edlen Mannes, will die Verbindung, die geistige Ehe mit ihm, will ...

»Mit einem Manne? ein Mann mit einem Manne? Seh' einer nur die verfluchte Gelehrsamkeit! Das ist ja ein abscheulicher Mensch, der Plato! Bei meiner Ehre, bei allen meinen Ahnen! der ist ja ärger als Cäso und Lucius. Daher kommt also der Lärm? Herr Gott, wenn das unsere Nachbaren erführen!«

Man beruhigte den Baron endlich mit großer Mühe; doch zu einem Widerrufe, daß Plato kein Narr sey, ließ er sich nicht bewegen. Beyer sah nun wohl, wie unschuldig Graßheim war, und schämte sich herzlich, daß er sich durch Quinctius' Narrheit so hatte täuschen lassen.

»Nun aber, Käthe«, fragte der Baron, »was heultest du denn diesen Morgen, und warum riefst du: eben weil ich Braut bin! Ich will doch endlich einmal wissen, was an dem Lärmen schuld ist.« Käthe sagte: Herr Beyer machte mich 207 so bange. Beyer, der die Ursache nicht sagen wollte, schob die Schuld weiter auf die gnädige Frau; die gnädige Frau auf Graßheim; Graßheim auf den Baron; der wieder auf Käthen; und so ging der Handel immer im Kreise umher, ohne daß jemand ihn ergründen konnte. Nach seiner Gewohnheit, stieß der Baron einen Stuhl zornig auf den Boden, ging mit schnellen Schritten in sein Kabinet, und rief noch in der Thür: »ihr seid alle Narren, besonders, wenn es an's Heirathen geht!« Nun nahm einer den andern in einen Winkel, und fragte: aber warum? Doch da Beyer sich schämte, die Sache aufzuklären, so blieb sie ein völliges Räthsel.

Am folgenden Morgen fragte Graßheim seine junge Frau, warum sie den Tag vorher so unruhig gewesen wäre. Sie setzte ihm sehr weitläuftig die Ursache davon auseinander; weil sie aber nicht ein Wort von Lissow sagte, so konnte er sie freilich nicht verstehen. Nun wendete sich Graßheim an Beyern; und dieser erzählte ihm von Quinctius' Briefe, den er gefunden hatte. Graßheim glaubte, er habe das etwa der Frau von Flaming gesagt, und lachte herzlich über das Mißverständnis.

Frau von Flaming konnte sich alles so ziemlich erklären, nur nicht Käthens schnellen Übergang aus dem trübsten Kummer in die heiterste Ruhe. Sie sprach heimlich mit der jungen Frau, und erfuhr nun alles. Käthe saß noch während der Tischzeit in dem tiefsten Gram auf ihrem Zimmer, und sann nach, was wohl vorgefallen seyn könnte. »Lissow ist todt, oder er ist hier und fordert mich zurück.« Beides dachte sie mit gleichem Schrecken. Auf einmal sah sie 208 durch das Fenster im Garten einen Menschen schleichen, der in seiner Gestalt Ähnlichkeit mit Lissow hatte. Sie würde ihn nicht bemerkt haben, wenn nicht ihre ganze Seele voll von dem Gedanken gewesen wäre: Lissow ist hier. Als sie endlich auch sein Gesicht sah, wurde sie todtenbleich. Es war Lissow. Er sprach mit dem Gärtnerburschen, gab ihm einen Brief, und ging dann schnell wieder weg. Käthe sank vor Schrecken beinahe zu Boden; doch hatte sie noch so viel Besinnung, daß sie dem Gärtnerburschen entgegen gehen, und ihm den Brief abnehmen konnte, von dem sie glaubte, daß er an sie gerichtet wäre. Sie lief nun auf ihr Zimmer, riegelte sich ein, erbrach den Brief, und sah erst jetzt, daß er an ihre Tante, und nicht an sie, geschrieben war. Sie las ihn, und ward beruhigt. – Lesen Sie ihn selbst, liebe Tante, so schloß Käthe ihre Erzählung; lesen Sie, und Sie werden einsehen, warum er mich beruhigte. Die Tante las:

»Zehn Schritte von Ihnen, meine theuerste gnädige Frau, und, wenn Liebe und Ehrfurcht zu dem zärtlichsten aller Nahmen berechtigen, meine gütige Mutter, zehn Schritte von Ihnen sitze ich, schreibe an Sie, und versage mir die größte Freude meines Lebens, Sie wieder zu sehen, und von Ihnen zu hören, daß Sie mich noch lieben. Was soll ich Ihnen sagen? Ich bin wieder hier, und mein Schicksal ist entschieden. Meine Hoffnungen sind verschwunden, und Sie und Ihre Voraussagungen gerechtfertigt. Käthe hat aufgehört, mich zu lieben. Eine andere Hoffnung ist an die Stelle meiner allertheuersten Hoffnungen getreten: die, 209 daß Käthe glücklich seyn wird. Gezwungen ist sie nicht: Sie gaben mir einst Ihr Wort dafür. Wehe dem Menschen, der bei dieser Hoffnung seufzen könnte! Wenn ich klage, so klage ich über meine Thorheit, über meine Verirrung, die Ihnen vielleicht bittre Stunden gemacht hat.

Ich bin glücklich; und wenn ich es noch nicht bin, so werde ich es doch in der Folge seyn. Wenigstens, theuerste Mutter, nehmen Sie die Versicherung, daß jetzt mein Herz zufrieden schlägt. Ich darf Sie nicht sehen, gnädige Frau. Der Augenblick würde, glaube ich vielleicht zu stolz, uns Beiden unnütze Thränen kosten; und Ihr Auge wenigstens sollte nie eine andere Thräne benetzen, als die Thräne der Freude über den Segen, den Ihr Herz verbreitet. Segen aber, Segen könnten Sie in dieser Minute nicht für mich haben, weil es die Minute meines Abschieds von Ihnen ist. Und ich, lassen Sie mich das gestehen, ich bin zu stolz, einem Andern zu klagen, als mir selbst.

Diesen Mittag, wenn Sie essen, gebe ich meinen Brief ab. Noch einmal will ich den Garten und das Haus sehen, wo ich, wenn nicht glücklich, doch mäßig seyn lernte. Dieser Augenblick wird mir Thränen kosten; denn ich werde Ihnen Lebewohl sagen. Ihnen! Aber diese Thränen wird mir eben sowohl die dankbare Empfindung für Sie, die in meinem Herzen nie sterben kann, auspressen, als – die Trennung von Ihnen. Ach, ich hoffe, diese Thränen werden sehr süß seyn. Leben Sie wohl!«

Frau von Flaming las den Brief mit sanften Thränen im Auge, und wagte es nicht, ihren Blick auf Käthen zu 210 richten. Es war ihr unbegreiflich, wie Käthe durch diesen Brief hatte können beruhigt werden. Sie wendete sich schweigend von ihr ab, und ging auf ihr Zimmer. Armer, unglücklicher Lissow! wiederholte sie hier noch einmal zärtlich. Wie viel mag deinem Herzen die verstellte Ruhe in diesem Briefe gekostet haben! Großmüthige Seele, mich wolltest du beruhigen? Ach, du sahest voraus, daß mir allein dein Geschick Sorge und Unruhe machen würde. Sie schüttelte über Käthen den Kopf, weil sie nicht bedachte, daß diese den Brief mit ganz anderen Empfindungen gelesen hatte, als sie. Käthe fand den Brief kalt, steif; ja, sie glaubte sich sogar halb und halb dadurch beleidigt, daß Lissow ihren Verlust so wenig fühlte. Beinahe ist es ja, dachte sie, als ob Tante seine Geliebte gewesen wäre! Von mir kaum ein einziges kleines Wörtchen. – Sie beurtheilte Lissows Empfindungen nach ihren eignen, und beurtheilte sie richtiger, als ihre Tante. So, dachte sie, schreibt kein Liebender, der seine Hoffnungen verliert. Sie dankte Gott, daß alles so gut ablief. Ihre Angst war jetzt auf einmal verschwunden, und sie ließ sich mit Freuden kopuliren.

Die Tante erkundigte sich nun im Dorfe nach Lissow, und erfuhr, daß er unter einem fremden Nahmen da gewesen war. Die Frau, bei der er zwei Tage gewohnt hatte, sagte genug, um ihr einige sehr kummervolle Stunden zu machen. »Blaß, Ihr Gnaden, wie die Wand da, war er. Die Augen hingen ihm immer voll Thränen, wenn er glaubte, ich sähe nicht hin. Er muß seine Schwester sehr lieb gehabt haben, um die er so weinte. Der arme Mensch! Er hätte, sagte er, 211 ihren Tod ganz unvermuthet erfahren. Arm mußte er seyn, recht arm. Er aß Brot und Milch, weiter nichts; und dabei war er doch immer zufrieden.« – Frau von Flaming blickte gen Himmel, als wollte sie es dem auftragen, dem Jünglinge zu helfen, der sich ihrer Hülfe so geflissentlich entzogen hatte.

Lissow war in der That ein sehr guter Jüngling, von reinem unverdorbenem Herzen. Er hatte gründliche Kenntnisse, und eine sehr gesunde Philosophie, freilich wohl nach der Topik zugeschnitten. Sein Herz war nicht allein weich genug, das Unglück seiner Nebenmenschen mitzufühlen; es hatte auch die Stärke, aus allen Kräften zu helfen. Der gute Beyer gab beinahe sein ganzes Gehalt an Unglückliche, und zwar mit einer so unverstellten Lauterkeit, einer so schönen Freude, daß Lissow und auch Quinctius sehr früh das Glück kennen lernten, welches die Natur in das Wohlthun gelegt hat. Die edle Frau von Flaming verstärkte das Beispiel noch. Lissow mußte menschlich werden; denn alle die Menschen, die er achtete, waren es. Liebe zu Käthen machte endlich die Eigenschaften seines Kopfes und Herzens zu einem Ganzen. Seine Empfindungen waren durch diese Liebe so zart und anständig geworden, seine Sitten so sanft und rein, sein Äußeres so gebildet und schön, daß er, wo er sich nur zeigte, nothwendig gefallen mußte. So war er schon, als er Flamings Haus verließ. Sein Selbstgefühl bekam etwas Großes, etwas Stolzes durch seine Flucht, die er als einen Sieg über sich selbst betrachten konnte. Zwar standen Thränen in seinen Augen, als er ging; aber 212 die frische, reine Morgenluft und das Gefühl seiner edlen That trockneten sein Auge bald. Ich werde sie wieder finden! sagte er bei dem zehnten Schritte. Endlich dachte er auch an die Zukunft, und nicht mit Ängstlichkeit: denn er war in einer edlen That begriffen; und Hoffnung, im edelsten Sinne des Wortes, Hoffnung auf eine leitende Vorsehung, ist immer der Lohn der Tugend. Er war entschlossen, nach Berlin zu gehen, ob er gleich noch nicht wußte, wovon er dort leben wollte. Ich kann ja arbeiten, dachte er lächelnd, und blickte auf seine Arme.

Nach drei Tagen war er in Berlin, und durchwanderte neugierig die Straßen der Stadt. In einer kleinen Gasse hing an einem schmalen Häuschen eine Tafel mit den Worten: hier ist ein Zimmer zu vermiethen. Er ging in das Haus, und fragte. Man führte ihn in das dritte Stockwerk, und zeigte ihm ein Zimmerchen mit einer Kammer. Er miethete es auf der Stelle, bezahlte einen Monath voraus, und blieb sogleich da. Jetzt erkundigte sich der Wirth, ein Instrumentenmacher, nach seinen Umständen; und Lissow sagte ihm, so viel er wissen sollte. Man sprach über sein Fortkommen. Ich kann Kinder unterrichten, sagte Lissow; ich schreibe eine gute Hand, ich rechne sehr fertig und schnell: es wird sich schon etwas für mich finden. Und wirklich fand sich etwas; sein Wirth verschaffte ihm sehr bald von einem Rathe bei einer Kammer Rechnungen und Berichte abzuschreiben.

Lissow verdiente zwar wenig, aber doch genug, um auf seine Weise leben zu können und sein kleines Kapital nicht 213 angreifen zu dürfen. Er war fleißig und aufmerksam, entdeckte in den Rechnungen Fehler, zeigte sie an, machte selbst über die Berichte, wo sie Rechnungen betrafen, seine Anmerkungen, und bekam nun mehr zu thun, sogar oft etwas, wobei er selbst denken mußte. Man gab ihm z. B. Rechnungen durchzuarbeiten und Auszüge zu machen. Jetzt erhöhete man seine Bezahlung, und er konnte Stunden für sich erübrigen, die er dem fleißigsten Studieren widmete. So lebte er zwei Monathe, mit seinen Arbeiten und mit seiner Liebe in der tiefsten Einsamkeit.

Hinten hinaus in demselben Stockwerke wohnte noch eine Familie. Lissow kannte sie nicht, ob er gleich zuweilen einen alten Mann, und dann wieder eine alte Frau im Vorübergehen sah und grüßte. Eines Tages stand die alte Frau mit dem betrübtesten Gesichte von der Welt bei einem kleinen Geschäft, und weinte. Was mag die zu weinen haben? dachte Lissow, als er die Treppe hinunter ging, bei jedem Schritte. Er konnte nicht aus der Stelle, und kehrte wieder um. Die Frau stand auch jetzt noch bei ihrer Arbeit, und weinte. Er ging in sein Zimmer, sann auf einen Vorwand, unter dem er sie anreden könnte, und ging wieder hinaus; nun war aber die Frau nicht mehr da. Jetzt nahm er sein Licht, ging vor die Thür seiner Nachbaren, und pochte leise an. Man rief: herein! Der alte Mann saß auf einem Strohstuhle, den die Frau mit zwei an die Seiten gebundenen Tüchern zu einer Art von Armstuhle gemacht hatte. Er war krank: das sah man an seiner Farbe; an dem zufriednen Lächeln, das sein Gesicht belebte, gar nicht. In dem ganzen 214 Zimmerchen blickte überall die tiefste Armuth hervor. Die Frau saß mit nassen Augen an einem Spinnrade, und spann mit dem angestrengtesten Fleiße. In der Ecke lag ein kleines Strohlager an der Erde, und ein stark geflicktes Kopfkissen war das einzige Bett.

Lieber Gott! seufzte Lissow, als er das Zimmer mit einem Blicke übersehen hatte. Dann blieb sein Auge mit freundlicher Gutherzigkeit auf dem Gesichte des Alten hangen, das dem seinigen an freundlicher Gutherzigkeit nichts nachgab. »Unser Herr Nachbar!« sagte der Alte mit einem Blick auf seine Gattin. »Gieb doch einen Stuhl, liebe Frau.« Die Frau gab Lissowen den Stuhl, auf dem sie saß, setzte sich auf einen Fußschemel, und spann wieder fort.

O lassen Sie, sagte Lissow; ich kann mir einen Stuhl holen. Er brachte einen bepolsterten Armstuhl aus seinem Zimmer, und bat den Alten, den zu nehmen. Der Alte sagte scherzend: »ich darf mich nicht verwöhnen, guter junger Herr.« Aber nun stand die Frau auf, und bat ihren Mann bloß mit einer Miene, das Anerbieten doch nicht auszuschlagen. Der Alte mußte; beide Gesunde hoben ihn in den Stuhl. Man sah, daß der bequeme Sitz ihm wohl that, und die Frau äußerte ihre Freude darüber durch frohe Blicke.

Sie sind krank, lieber Vater, sagte Lissow mit Rührung, und legte seine Hand auf die Hand des Alten. Ich wünschte ... ich ... Er schwieg verlegen, weil er nicht wußte, wie er hier eine Wohlthat antragen sollte; denn die Sprache des Alten verrieth einen Mann von nicht gemeiner Bildung, der ehemals bessere Tage gehabt hatte. Wollen Sie erlauben, 215 fragte Lissow endlich, daß ich meinen Thee hier trinke? In Gesellschaft schmeckt er besser, und ich habe keine Bekanntschaft. Die Frau wendete sich ab, um ihre Thränen zu verbergen. Der Alte sagte lächelnd: »von Herzen gern; aber mit der Bedingung, daß Sie mir eine Tasse abgeben: denn ich bin seit gestern fast verschmachtet.« Lissowen war das Herz voll. Er gab der Frau, die jetzt in ihrem Winkel laut weinte, die Hand, und sagte: kommen Sie, meine Gute; kommen Sie! – Sie mußte mit ihm an seinen Kamin gehen. – Legen Sie Holz auf; da brennen noch Kohlen. Er lief in sein Zimmer, holte alles Nöthige, und schon in einigen Minuten stand der dampfende Thee auf dem Tische.

»Liebe Frau«, sagte der Alte in einer Freude, »setze dich zu uns. Wir wollen einmal thun, als ob wir reich wären.« Er trank in Absätzen, mit einem sehr sichtbaren Vergnügen, sprach nicht ein Wort, um ganz zu genießen, sah dann auf die Tasse, die vor ihm stand, und warf endlich einen lächelnden Blick auf Lissow. Dreimal zuckte seine Hand, und griff nach seiner kurzen, schwarzgerauchten Tabakspfeife, die vor ihm auf dem Tische lag; doch immer zog er die Hand langsam wieder zurück. Lissow gab auf alle seine Bewegungen Acht, und sagte der Frau: sie möchte Tabak und ein Paar Pfeifen holen. Sobald der Alte rauchte, war es, als ob sich neues Leben durch seine Adern ergösse. »Ich habe mir«, sagte er, »den Tabak, bis auf Eine Pfeife täglich abgewöhnt, so viel ich sonst auch rauchte; aber auch die hat mir seit einigen Tagen gefehlt. Lieber Gott! welch ein Vergnügen steckt im Entbehren, im Mangel, im Elende, wenn 216 ihm abgeholfen wird! Ein Augenblick, wie der jetzige, (er faßte seine Tasse an) bezahlt tausend bittere Stunden.« Der Frau rannen noch immer einzelne Thränen aus den verweinten Augen. »Liebe Frau, sey nicht wunderlich! Was sagtest du noch diesen Morgen, als du mir die Tücher da zu Lehnen an den Stuhl bandest? Gott thäte kein Wunder. Das muß ich Ihnen erzählen, lieber Herr. Ich war zu schwach geworden, mich auf dem Stuhle ohne Lehnen zu erhalten; und auf dem Stroh dort konnte ich nicht mehr liegen: dazu war wieder mein Geist zu stark. Nun hatte ich vier Stunden gelegen und nachgesonnen, was wohl zu thun wäre. Da sagte ich scherzend zu meiner Frau: wenn ich Wunder thun könnte, so verwandelte ich den Stuhl da in einen Armstuhl; oder wenn noch Wunder geschähen, so bäte ich Gott, dies für einen armen, kranken Greis zu thun. – Gott thut für uns keine Wunder, sagte meine Frau, und weinte dabei; denn sie ist weichherzig. Ich stritt mit ihr darüber, und wollte ihr begreiflich machen, daß Gott noch täglich Wunder für mich thue. Wie nun die Weiber sind – sie stritt und stritt, verwandelte unterdessen den Stuhl in einen Armstuhl, und that also das Wunder selbst, das sie nicht einmal dem höchsten Wesen zutraute. Nun wollte sie mir wieder nicht glauben, als ich sagte, es sey gerade das größte Wunder und die größte Barmherzigkeit Gottes, daß er mir eine solche Frau gegeben habe. Sie blieb dabei: Gott thut keine Wunder. Nun, Frau, mein Stuhl ist denn doch wirklich ein Armstuhl geworden, ohne dich, ohne mich; wir trinken Thee, ich habe eine Pfeife guten Tabak. Sind das keine Wunder Gottes?«

217 Das sagte der Alte in einem scherzenden Tone; die letzten Worte aber mit einer Stimme, die immer bebender und gerührter wurde. Er nahm dabei, mit einer Art von Andacht und mit einer Thräne im Auge, die Mütze von seinem weißen Kopfe, und hielt sie zwischen seinen gefaltenen Händen. Die Frau streichelte ihm lächelnd das Gesicht.

Sogleich aber wurde seine Stimme wieder scherzend; und nicht lange, so brachte er Fröhlichkeit in das Zimmer, worin das Elend herrschte. Nun erkundigte man sich von beiden Seiten genauer nach einander. »Meine Umstände«, sagte der Alte, »sind, wie Sie sehen, nicht übel. Ein Lager von Stroh; eine Decke darüber her gegen alles Unwetter; eine gute, geliebte Frau, die täglich Wunder der Liebe, des Fleißes für mich thut, und die mir mehr ist als ein Königreich; von Zeit zu Zeit auch, was wir zum täglichen Unterhalte brauchen: denn daß es uns heute fehlte, daran war ich mit einem Anfalle von Fieber schuld. Meine gute Frau trug das Letzte in die Apotheke. Ich wurde gesund, ehe die Arzenei gemacht war, und mußte hungern, ohne krank zu seyn. Meine Frau spinnt. Ich habe sonst abgeschrieben. Jetzt freilich werden meine Augen zu schwach, und ich kann das nicht mehr. Dafür spinne ich; wenn ich gesund bin, mit meiner Frau um die Wette. Es hat mir Überredung, und meiner Frau Thränen genug gekostet, daß sie mich im Spinnen unterrichtete. Sie that es aber, und sieht nun ein, daß es wohlgethan ist. Die Bewegung bekommt mir besser, als die gekrümmte Stellung an meinem Schreibtische. Ich hebe mein Auge voll Dank zu dem Vater der Menschen auf, 218 meine Frau das ihrige voll Thränen. Und die Ursache? Sie sucht sich immer Menschen, mit deren Schicksal sie das meinige vergleicht, hier in Berlin und in den prächtigen Pallästen; ich aber richte meine Blicke nach Asien, Afrika und Amerika, wo Fürsten großer Völker mir mein Zimmerchen, meinen Stuhl, meinen Schlafrock, meine drei irdenen Teller und meine Pfeife beneiden würden. Fällt mir ja einmal ein Großer mit seinem Pallaste, seinen zehn Schüsseln und seinen seidnen Betten ein, so darf ich nur einen Blick auf meine Frau mit ihrem Herzen werfen, und ich lege mich heiterer auf mein Stroh, als der Reiche sich in seidne Betten.«

So ist er nun! sagte die Frau weinend; und seit zwei Tagen hat er nichts genossen, als hartes Brot und Wasser. – »Du vergißt das Beste, liebe Frau«, fiel er ein. – Das Beste? was hätten wir denn mehr gehabt seit zwei Tagen? – »Was mehr? Deine Liebe, meine Heiterkeit; und jetzt, was ich in Jahr und Tag nicht hatte, eine Tasse Thee, und guten Tabak, in einem Armstuhle.«

Lissow konnte nicht aufhören, den heiteren Alten mit Zärtlichkeit und Ehrfurcht zu betrachten. Ist es möglich? sagte er gerührt; kann man so unglücklich, und so glücklich zugleich seyn? Nun traf er Anstalten zu einer Mittagsmahlzeit, und bat, die beiden Alten möchten ihn mit sich essen lassen. Die Frau fing an verlegen zu werden, weil sie kein Tischzeug, und nur irdene Teller hatte, die überdies nicht einmal ganz waren. Indeß half man sich, so gut man konnte; und eine Flasche Wein, die Lissow selbst besorgte, 219 machte bald, daß die heiterste Fröhlichkeit mit den drei Menschen zu Tische saß.

Nach dem Essen fragte Lissow den Alten: haben Sie keine Kinder? Diese Frage schien wie ein Dolch des Alten Herz zu treffen. Sein Auge wurde finster. Er beugte den Kopf auf die Brust, setzte ein Glas Wein, das er schon aufgenommen hatte, wieder hin, bewegte die eine Hand über die Stirn, und sagte seufzend: »ja, eine Tochter.« Lissow wollte einlenken, und stieß an: ein zufriedenes Herz! – »Nein, nun auch nicht einen Tropfen mehr!« sagte der Alte, und schüttelte betrübt den Kopf. Doch wurde er, weil Lissow ein andres Gespräch anhob, bald wieder heiter.

Lissow sprach von seinen Geschäften. Der Alte fand seine Art, sie zu betreiben, nicht übel, gab ihm aber noch manchen Wink, wie er sie besser zu seinem Fortkommen nützen sollte. »Und können Sie Französisch?« fragte er auf einmal. – Nein. – »Das ist schlimm. Diese Sprache ist weit gebildeter, als die unsrige; und sie könnte Ihnen viel zu Ihrem Fortkommen helfen. Es ist überhaupt sehr wichtig, das, was man weiß, gut sagen zu können. Ich habe Menschen unglücklich werden sehen, die gut dachten, gut handelten, und nichts versahen, nur, was sie wußten und dachten, nicht ausdrücken konnten.«

Von diesem Gespräche nahm Lissow Veranlassung zu der Bitte, daß Grumbach – so hieß der Alte – ihn Französisch lehren möchte. Dieser versprach es sehr gern. Nun erhob sich zwischen Beiden ein schöner Streit der Großmuth, worin Lissow am Ende siegte. Er zählte sich von dem 220 Augenblick an zu der Familie des alten Grumbach, aß mit ihm, und gab Geld zu der gemeinschaftlichen Haushaltung. Grumbach machte Anfangs Einwendungen dagegen. »Junger Mann«, sagte er, »wir haben fast ausgelebt, und Sie fangen das Leben erst an. Es ist nicht klug gehandelt, daß Sie Ihr Geschick an zwei Menschen fesseln, die Ihnen nichts vergelten können. Ihren Überfluß sollten Sie niederlegen für Zeiten der Noth. Sie haben keine Freunde, keine Anverwandten, die Ihnen forthelfen können; nichts als Ihre Kenntnisse und Ihren Fleiß: freilich ein großes Kapital, wenn es gut angewendet wird. Aber Sie wollen eine gesunkene Familie wieder aufrichten; und, noch mehr, Sie wollen die Stütze der Familie bleiben. Lieber junger Mann, da borgen Sie ein großes Kapital. Hören Sie mich nur aus! Ich sage, Sie machen dadurch Schulden, die Sie bezahlen müssen, Sie mögen wollen und können, oder nicht. Jetzt haben Sie uns getränkt, gespeist, und wir können noch morgen, noch übermorgen von Ihrer Güte leben. Wenn Sie uns nun auch nicht wiedersehen und sich nicht weiter um uns bekümmern, so sagen wir dennoch: es war ein Engel, den uns Gott sandte; so sagen wir in jeder Stunde der Freude, in jeder Stunde der Noth: könnte er die Freude mit uns theilen! wüßte er unser Elend! und wir setzen hinzu: Gott gebe ihm jetzt eine gute Stunde! Aber ganz anders ist es, wenn Sie schlechterdings unsere Stütze bleiben wollen. Wir setzen dann unsre Hoffnungen auf Sie, die Hoffnungen der Zukunft; und Sie müssen diese erfüllen, oder wir klagen Sie an, nicht mehr unser Geschick. Denn wer hieß Sie unsere 221 Hoffnungen, vom Himmel ab, auf sich ziehen? Eine fortgesetzte Wohlthat wird Gewohnheit, Schuldigkeit. Wir werden das fordern, wofür wir jetzt mit Rührung danken. Kurz, Sie laden sich eine Last auf, die Sie forttragen müssen bis an unsern Tod; denn werfen Sie die Last einen Schritt vor unserem Grabe nieder, so sehen wir nur den Weg, den Sie noch tragen sollten, nicht, den Sie getragen haben. Erzeigen Sie uns, wenn Sie wollen, Wohlthaten; aber verbinden Sie Ihr Schicksal nicht so genau mit dem unsrigen. Glauben Sie mir, der Mensch ist von Natur undankbar; er meint, alles, alle Schulden, mit Liebe bezahlen zu können. Wir werden Sie lieben, weiter nichts; und mit unserer Liebe, die Ihnen zu nichts in der Welt helfen kann, werden wir Sie hinlänglich belohnt glauben. Wie gesagt, handeln Sie klüger!«

Lissow sah den Alten lächelnd an. Lieber Vater, sagen Sie mir nur das Einzige: ist es recht, wenn ich Ihre Stütze werde, wenn ich den Abend Ihres Lebens zu erheitern suche? Vorausgesetzt, daß ich es kann. Und zweitens: darf Undankbarkeit die Menschen abhalten, recht zu thun? – Der Alte sah vor sich nieder – Nehmen Sie mich, sagte Lissow überwallend, zu Ihrem Sohn an! Ich bedarf Liebe, und bin hinlänglich belohnt, wenn Sie mir die schenken. – »Sey mir willkommen, mein Sohn«, sagte der Alte nun auf einmal sehr ernst: »du bist ein Mensch!« Er breitete die Arme nach ihm aus; Lissow sank an sein Herz, und der Bund der Freundschaft war geschlossen.

Grumbachs Zimmer wurde nun, zwar sehr einfach, aber 222 doch reinlich, möblirt, und die kleine Haushaltung schon den nächsten Tag angefangen. Lissow sah in Kurzem, wie reichlich er für seine Güte belohnt war. Der Alte hatte, ohne gerade ein Gelehrter zu seyn, beinahe in allen Fächern sehr praktische Kenntnisse. Er sprach auch sehr gut Französisch, und Lissow lernte, da es ihm nicht an Talent, Fleiß und Übung fehlte, sehr bald sich geläufig in dieser Sprache ausdrücken. Besonders war Grumbach im Kameralfache sehr bewandert; durch ihn lernte Lissow bei einer Rechnung von dem Ertrage der Ämter, die er ausziehen mußte, in einigen Stunden mehr, als vorher in der ganzen Zeit, die er allein gelebt hatte. Auch merkte das der Rath, für den er arbeitete, sogleich. Er sprach jetzt mit dem Jünglinge länger, als sonst, und machte ihm Hoffnung, ihm zu einem Amte zu verhelfen. Kleinigkeiten ließ er nun von Andern thun; Lissow bekam die wichtigsten Sachen zu bearbeiten, und zeigte dabei immer gleiche Sorgfalt, gleichen Fleiß. Die Liebe zu Käthen spornte ihn; nun hatte er die Aussicht, sie ernähren zu können.

Alle Stunden verflossen ihm in der heitersten Zufriedenheit; aber auf einmal fand er den alten Grumbach bei dem Lesen eines Briefes finster und stumm. Lissow sah ihn nur besorgt und zärtlich an, ohne zu fragen, was ihn so finster mache. Grumbach legte den Brief vor sich auf den Tisch, betrachtete seinen jungen Freund mit zärtlicher Wehmuth, und sagte bewegt: »ich bin Vater; und das, ach! das ist der einzige Punkt, bei dem selbst der Glaube an die Vorsehung mich nicht beruhigen kann. Unter andern Umständen wäre 223 ich vielleicht der glücklichste Vater auf der ganzen Erde. Aber, was sonst meine Beruhigung, meinen Stolz ausmachte, ist jetzt meine Unruhe, mein Kummer.« – Lissow setzte sich horchend an seine Seite. – »Ich habe eine Tochter«, fuhr Grumbach fort. »Mit einem Vermögen, das zureichte, meine mäßigen Wünsche zu erfüllen, ging ich hieher, und lebte ganz für ihre Erziehung. Vielleicht wird nie wieder ein Mädchen so sorgfältig erzogen, wie meine Jakobine. Sie geht, so dachte der thörichte Vater, von mir in die Arme eines geliebten Mannes. In diesem Gedanken erhielt ich den Reitz ihrer Unschuld so rein, daß keine Ahnung, kein Traum ihn befleckte. Ach, sie wurde erzogen, erst das Glück ihrer Eltern, dann die Seligkeit eines Mannes und ihrer Kinder zu machen. Die Welt lehrte ich sie nicht kennen. Wozu, dachte ich, wäre das nöthig? Soll sie doch nie in der Welt leben. Vor einem Jahre stürzte das Gebäude meiner Glückseligkeit zusammen, dem ich ewige Dauer zutraute, weil die Glückseligkeit meiner Tochter darauf gegründet war. Ach, ich wußte, daß der Himmel Unbesonnenheiten und Irrthum eben so bestraft, wie Verbrechen; und dennoch war ich so stolz, so thöricht, zu glauben, der Himmel würde meinen seltsamen Plan begünstigen, weil ich eine gute Absicht dabei hatte. Das Vermögen, wodurch ich allein im Stande war, meine Tochter bei mir zu behalten, bis ich sie einst einem Manne abtreten könnte – mein Vermögen ging durch den Bankerott eines großen Handlungshauses verloren. Gott! durfte ich die Glückseligkeit meiner Tochter auf diesen flüchtigen Sand bauen? ... 224 Ich wurde ganz arm. Nun bat mich eine Dame um Jakobinen. Meine Frau drang in mich, sie hinzugeben; Jakobine selbst wollte es. Ich war schwach genug, es zu erlauben, nicht zu bewilligen. Dieses unschuldige, junge, fühlende Mädchen, das nur zur Liebe erzogen wurde, dessen Herz jedem freundlichen Blicke entgegen schlägt, das keine Falschheit, keine Betriegerei ahnet, weil es selbst keiner fähig ist – dies Mädchen lebt jetzt in der Welt unter Menschen, die es täglich betriegen, die es vielleicht verderben oder unglücklich machen. Glauben Sie mir, Lissow, und wenn Jakobine auch nicht meine Tochter wäre, die Tugend, die an ihr verloren geht, würde mir Thränen kosten. Lesen Sie diesen Brief, lesen Sie.«

Lissow nahm den Brief mit auf sein Zimmer, und erstaunte über die Einfalt des schönen Herzens, aus dem er geflossen war. Die feurigste Liebe für Eltern, für Ruhe und Frieden, für Selbstgenuß in der Einsamkeit, hatte ihn auf das Papier gehaucht. Nur ganz von fern, ganz leise äußerte sich eine sanfte Klage über das Geräusch, worin sie lebte, und der Wunsch, einst wieder in der Stille des väterlichen Hauses seyn zu können. So denkt Käthe! sagte Lissow; so fühlt sie! Das ist ihr Herz, ihre Seele! Er legte den Brief hin, und träumte eine Stunde von seiner Geliebten. Endlich fiel ihm der klagende Vater wieder ein. Er sah freilich in der Lage des Mädchens nichts, was dessen Besorgnisse rechtfertigte, und glaubte, daß dieselben wohl nur von Sehnsucht nach einer geliebten Tochter herrührten. Doch dachte er sogleich an Mittel, des Alten Wunsch zu erfüllen. Er 225 überlegte, daß Jakobine den Haushalt vergrößern und die Ausgaben vermehren würde. Noch Eine Person, das sah er wohl, konnte allenfalls, obgleich kaum, von seiner Einnahme leben. Aber warum nicht Käthe? rief die Liebe ihm zu. Ein Theil der zwei Jahre, die er wegbleiben wollte, war verflossen; nur noch etwas über die Hälfte, und Käthe wurde sein. Schon oft hatte er in einsamen Stunden dem Himmel gedankt, der ihm mehr als seinen Unterhalt gab. Oft mahlte er sich in seiner Phantasie die Tage, wo Käthe bei ihm seyn würde, mit glänzenden Farben aus, und überrechnete dazwischen sorgsam, was sie wohl gebrauchen möchte. Wenn er dann fand, daß er, Grumbach, dessen Frau, und seine geliebte Käthe gerade genug hatten, um ohne Sorge leben zu können, sprang er voll Freude auf; und jetzt? Er rechnete wohl zehnmal; doch immer kam dasselbe Facit: Käthe, oder Jakobine. Unaufhörlich sah er dabei den alten Grumbach wieder, der mit bebender Stimme und einer Thräne im Auge sagte: sie werden meine Tochter vielleicht verderben oder unglücklich machen! Hätte Lissow das so fest geglaubt, wie der Vater, so wäre der Streit augenblicklich entschieden gewesen; er würde dann gedacht haben: ich sollte einen Menschen böse oder unglücklich werden lassen, den ich vielleicht retten kann? Aber, fiel ihm doch immer wieder ein: wenn der Alte Recht hätte; wenn sein Kind lasterhaft würde! Gott im Himmel! die Thräne des Vaters müßte ewig auf meiner Seele brennen! Ich konnte seine Tochter retten, und wollte nicht. O Käthe! ich will die Nächte durch arbeiten. Unser sind drei junge starke 226 Menschen; und wir sollten nicht Kraft genug haben, zweien Menschen das Leben zu erhalten? Ich Thor! ich rechne Zahlen, und denke mit keinem Gedanken an die Vorsehung und an das, was der Mensch kann, wenn er will. Nein, Jakobine soll kommen; ihr Vater muß aufhören zu trauern. Wir Alle wollen glücklich seyn.

Er schlief die Nacht ruhig, und stand am Morgen heiter auf. Ich komme erst spät zu Hause, sagte er zu der Frau Grumbach, die aus ihrem Zimmer kam. Grüßen Sie den Vater. – Jakobinens Brief steckte er zu sich, miethete ein Kariol, und fuhr sogleich nach dem Gute, auf welchem sie lebte. Im Fahren sann er auf einen Vorwand, unter dem er Jakobinen holen könnte; aber, so viel er auch sinnen mochte, er konnte keinen finden. Er kam auf dem Gute an, und verlangte die Jungfer Jakobine Grumbach zu sprechen. Man führte ihn auf ein kleines Stübchen, wo er sie am Nähtische fand.

Er war Anfangs so verlegen, wie sie. Endlich zog er ihren Brief aus der Tasche, zeigte ihr den, und sagte: Ihr Vater, Mamsell Jakobine, mein Freund, ... – »Sind Sie etwa ...?« fragte Jakobine lebhaft, sah ihn zitternd an, und hob die Arme, als wenn sie ihn umfassen wollte. Ich heiße Lissow, sagte er. – Nun verbreitete sich ein himmlisches Lächeln über das Gesicht des Mädchens. Sie wollte etwas sagen, und vermochte es nicht. Ihre Brust athmete nur schneller, und ihr freundliches Gesicht übergoß sich mit sanften Thränen. Endlich redete sie. »Mein Vater hat mir geschrieben, was Sie, Sie ... O, Gott! wie freue ich mich, daß ich Sie 227 nun auch einmal sehe! Ich freue mich sehr, gewiß sehr!« Ihr Auge glänzte von unbeschreiblicher Freude und Dankbarkeit. »Hätte ich gewußt«, fuhr sie nach einer Pause fort, »in welcher Noth meine guten Eltern waren, glauben Sie mir, ich wäre vor Angst gestorben.«

Lissow konnte lange nicht vor dem Strome ihrer Dankbarkeit zu Worte kommen. Endlich erfuhr sie denn, daß sie in ihr väterliches Haus zurückkehren sollte, und war ganz außer sich. Nur auf Lissow's Verlangen ging sie zu ihrer Herrschaft, und sagte: »mein Vater will mich bei seinem Tode um sich haben.« Man meinte, er sey gefährlich krank, und hinderte sie nicht zu reisen.

Sie kam gegen Abend mit Lissow in Berlin an. Er ging mit ihr von des Fuhrmanns Hause zu ihres Vaters Wohnung, und führte sie in dessen Zimmer. Hier ist Ihre Jakobine, sagte er: unschuldig und glücklich!

»Jakobine!« – »Vater!« – »Mutter!« – Heilige Empfindungen der Natur, wie reich macht ihr den Menschen! wie genügsam! Da standen sie, umschlungen einer von des andern Armen, benetzt einer von des andern Thränen, und vergaßen alles, Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft, sich selbst, ja den Schöpfer ihrer Freude, Lissow.

Endlich war der Sturm der Empfindung vorüber. Grumbach warf einen Blick, nur Einen, auf Lissow, mit einem solchen Blicke betrachtet der Sterbliche seinen Schutzengel, der ihm in der Gefahr erscheint und ihn rettet. Seine Frau wollte Lissowen danken. »Nicht ein Wort von Dank«, sagte der Alte lächelnd; »Lissow ist es werth, daß er keinen 228 andern Dank empfängt, als den Anblick unserer Freude. Er will nichts als unsere Liebe, und die – guter, heiliger Gott! – die hat er.«

Lissow ging unbemerkt weg, und ließ die Familie allein. Er besorgte ein Bett für Jakobinen, an das die Eltern nicht dachten, und kam erst sehr spät wieder zu Hause. Bis zum Schlafengehen erzählten die Alten Jakobinen von Lissow. Der Vater sprach von seinem edlen Herzen, von seiner reinen Seele; die Mutter fiel ein, und nannte Stück für Stück, was dieser engelgleiche Mensch für sie und ihren Mann gethan hatte.

Erst am folgenden Morgen sprach man über die Schwierigkeiten, die mit Jakobinens Aufenthalte bei ihren Eltern verbunden wären. Lissow, der dazu kam, faßte lächelnd Jakobinens Arm, hob ihn den Eltern entgegen, und sagte: kann diese Hand nicht arbeiten? sollte es diesem Herzen je an Muth dazu fehlen? Wir Alle können überdies entbehren; und wir wollten zweifeln? – »O, ihr Kleinmüthigen!« sagte der Vater. »Er hat Recht. Da fällt mir sogleich ein, daß Jakobine eine schöne Hand schreibt. Lissow hat viel mehr zu thun, als er bestreiten kann; sie mag ihm helfen.«

Man setzte sich nun, und sprach mit mehr Ruhe über die Einrichtung der kleinen Wirthschaft. Die Familie Grumbach zog in Lissows Zimmer, weil es eine Kammer hatte. Die Mutter setzte sich an ihr Spinnrad, Jakobine besorgte das Mittagsessen, und um zwölf Uhr saßen Alle so vertraulich um ihre einzige Schüssel her, als ob sie schon jahrelang so gelebt hätten.

229 Nachmittags machte Jakobine unter ihres Vaters Anweisung die erste Probe mit dem Abschreiben. Am Abend, als Lissow mit seinen Papieren in der Hand herüber kam und ihre Arbeit sah, rief er voll Freude: vortrefflich! wir sind glückliche Menschen! Der Abend wurde ein fröhliches Fest, und Jakobine war dessen Königin.

So lebte die Familie höchst zufrieden fort: der Tag war der fleißigsten Arbeit, die letzten Stunden des Abends dem heitersten Vergnügen gewidmet. Alle saßen um den Tisch her: Grumbach in seinem Armstuhle, Lissow und Jakobine neben ihm, die Mutter an ihrem Spinnrade. Man scherzte, lachte oder sang. Dann erzählte der Alte ein Stück aus seinem merkwürdigen Leben, und Lissow ging nie von ihm weg, ohne besser geworden zu seyn, oder etwas Nützliches gelernt zu haben. Hatte Lissow weitläuftige Rechnungen, so bat er Jakobinen, zu ihm zu kommen, und Beide verglichen. War dann ihre Arbeit vollendet, so saßen sie einander gegenüber mit heiteren Gesichtern, und redeten eine kleine Freude für die beiden Alten ab.

Schon Morgens um sechs Uhr war Lissow bei der Familie. Jakobine schenkte den Thee ein, und strickte oder nähete dann emsig. Die Mutter besorgte die Haushaltung, und Lissow arbeitete auf seinem Zimmer, entweder allein, oder in Jakobinens Gesellschaft. Um zwölf Uhr rief die Mutter zu Tische. Man aß, arbeitete, und der Abend brachte dann die Glücklichen wieder zusammen.

Die reinste Liebe umfing sie alle vier, und das Wesen dieser Liebe war Wohlwollen ohne Anmaßung, Leidenschaft 230 in der höchsten Ruhe, tiefe Empfindung mit der höchsten Zufriedenheit verschmolzen, ein heftiges Verlangen, aber nur, glücklich und zufrieden zu machen. Seelenvolle heitre Blicke fielen hier nur auf eben so heitre Blicke, und das Herz blieb in dem ruhigsten Schlage. Lissow drückte Jakobinens Hand; und ihr Blut wallte eben so sanft wie vorher. Beide waren höchst glücklich; sie liebten einander, wie Schwester und Bruder, oder wie ein Paar Gatten, deren erste stürmische Liebe die Zeit besänftigte, und deren Herzen nun die schöneren und festeren Bande der Tugend, der Freundschaft, der Elternliebe, des häuslichen Genusses, des gemeinschaftlichen Glückes und Leidens verbinden.

Lissow vermißte indeß, so glücklich er sich auch fühlte, noch immer Käthen. Gleich Anfangs hatte er dem alten Grumbach seine Geschichte so erzählt, daß von ihr nicht ein Wort darin vorkam; und nun ließ er es dabei. Eine neue Freude, dachte er, wenn ich Käthen einst eben so unvermuthet bringe, als Jakobinen! Er konnte sich nichts Glücklicheres denken, als sein künftiges Leben zwischen diesen beiden Mädchen. Noch liebte er Käthen eben so zärtlich, wie ehemals; nur die einzige Veränderung war mit ihm vorgegangen, daß er nicht mehr, wie sonst, sein höchstes Glück in der Vorstellung fand, mit ihr von allen Menschen abgesondert zu leben, sondern jetzt in allen seinen Träumen von dem Glücke mit ihr, immer auch Jakobinen, wenigstens als Nebenperson, gebrauchte. O, wie wird sich meine Käthe freuen, dachte er, wenn ich sie zu diesem vollkommenen Mädchen führe! Wie werden Beide einander lieben!

231 Schwerlich würde indeß Käthe mit Lissow's Liebe zu Jakobinen zufrieden gewesen seyn, so rein, so sich selbst unbewußt diese Liebe auch seyn mochte. Er sprach selten von Jakobinens Schönheit; denn er würde in der That nicht mehr recht gewußt haben, ob sie schön sey, wenn er sich nicht erinnert hätte, daß sie ihm bei dem ersten Anblicke so vorgekommen war: aber er entbehrte manches Buch, das Grumbach ihm als nöthig empfahl, oder arbeitete wohl ein Paar Nächte durch, um Jakobinen ein Kleidungsstück oder etwas zum Putze zu kaufen; und dieser Putz stand ihr allemal so gut, daß der größte Kenner ihn nicht passender hätte erfinden können. Dafür saß aber auch Jakobine manche Nacht, um für Lissow ein Paar Manschetten auszunähen; und dann kam kein Schlaf in ihre Augen. Lissow machte jetzt am liebsten Rechnungen, weil Jakobine ihm dabei helfen mußte; und doch ging es dann langsam genug. Hatte Jakobine einige Stunden für sich gearbeitet, so sehnte sie sich nach Lissow. Sie ging über den Saal, steckte wenigstens den Kopf in die Thür, sah ihn freundlich an, und flüsterte: guten Morgen. Er blickte von seiner Arbeit auf, betrachtete sie eben so freundlich, bis sie die Thür wieder zumachte, und war nun wenigstens auf eine Viertelstunde gestört.

Ging er einmal aus (denn sein Kammerrath bat ihn zuweilen, wenn er keine andre Gesellschaft hatte, zu Tische), so blieb Jakobine immer am Fenster. Kam er dann wieder, so wendete sie sich hüpfend zu ihren Eltern um, und sagte in einem Tone, den ihr Vater die Sprache der Seligkeit nannte: er kommt! Sie ging ihm bis an die Treppe entgegen, 232 und trat Hand in Hand mit ihm in das Zimmer. Er blieb dann den Abend gewiß bei ihr, bis der Vater in seinem Stuhle, und die Mutter an ihrem Spinnrade einschlief. Man sprach oft nur armselige Kleinigkeiten. »Ja, wenn Jakobine ein Klavier hätte!« sagte der Vater einmal im Gespräche. »Sie spielt recht gut.« – Ja, wenn ich ein Klavier hätte! wiederholte Jakobine; und schon an demselben Abend überrechnete Lissow seine kleine Kasse. Sie reichte nicht hin; aber doch war sein einziger Gedanke: ein Klavier.

Den folgenden Tag trieb ihn Unruhe aus dem Hause. Er zog seine Uhr, ein Geschenk der Frau von Flaming, hervor, um zu sehen, wie spät es wäre. Wozu brauchst du die Uhr? rief es auf einmal in seinem Innern. Er verkaufte sie, und eilte dann wieder zu seinem Wirthe, um ein Klavier zu kaufen. Am Abend holte er dies selbst, und schlich damit auf sein Zimmer, weil er Jakobinen am Morgen, wenn sie ihn zum Thee riefe, damit überraschen wollte. Aber was trugen Sie denn vorhin? fragte Jakobine, die gerade die Thür ihres Zimmers aufgemacht hatte, als er in das seinige gegangen war. Er lächelte, nahm ihre Hand, und führte sie an das Klavier. Jakobine sagte mit freudigem Erschrecken: o mein Gott! sah ihn an, umfaßte ihn, und spielte dann mit lachendem Auge.

Der Vater kam endlich, weil sie zu lange ausblieben, und lächelte. »Hm!« dachte er: »also doch? Aber der Liebe ist ja nichts unmöglich.« – Vater, die Musik macht Ihnen Vergnügen, sagte Lissow. – »Ja, das ist wahr; aber Sie haben doch das Klavier nicht geborgt?« – O nein! Sie wissen, daß 233 ich alles Schuldenmachen hasse. Tausendmal lieber wollte ich die Freude entbehrt haben, Jakobinen ein Vergnügen zu machen. Es kostet sehr wenig. – »Aber doch mehr, als Ihre Kasse betrug!« – Lissow erröthete. Wie ich Ihnen sage, es kostet sehr wenig; und sehen Sie nur, wie vergnügt Jakobine ist!

Den folgenden Tag bemerkte der Vater (Jakobine nicht), daß ihm die Uhr fehlte. »Lieber Sohn«, sagte der Alte zärtlich, »mußt du uns denn alles opfern? Du hattest die Uhr so lieb, und giebst sie für Jakobinens Vergnügen hin!« – Kann ich genug dafür geben, mein Vater? antwortete er zärtlich. Jakobine, der ein Paar Thränen im Auge funkelten, ging hinaus, um sie zu verbergen.

Das Klavier war nun einmal da, und die Freude dadurch um vieles vergrößert. Nach und nach schaffte Lissow auch Musikalien an; und wenn Jakobine spielte, saß er ganze Stunden in der Ecke, und betrachtete sie. Sie spielte Anfangs die Noten, die vor ihr lagen; dann warf sie einen Blick auf ihn; dann verwirrte sie sich, und spielte nur, was ihr Herz ihr eingab: die zärtlichsten Melodieen. Auge hing an Auge, Seele floß in Seele, Empfindung schmolz in Empfindung über.

Der Alte sah wohl, daß die beiden jungen Leute einander zärtlich liebten; aber das war schon lange sein Wunsch gewesen. Wem konnte er seine Jakobine lieber anvertrauen, als dem edlen Jünglinge, dem er alles, vielleicht gar das Glück seiner Jakobine, zu danken hatte! Wenn er sah, wie Beide einander zärtlich betrachteten, sich am Tone der 234 Stimme, an den leisesten Bewegungen verstanden; oder wie Jakobine ganz früh das Bett verließ, in einigen Minuten angekleidet war, um noch, ehe sie das Frühstück bereitete, eine kurze Zeit für Lissow allein zu haben; oder mit welcher List das unschuldige Mädchen, wenn früh Morgens zu thun war, den günstigen Augenblick, ihn auch nur zu sehen, von weitem vorbereitete, erlauerte, und, sobald sie diesen Augenblick hatte, wie ein Pfeil dahin flog, heiter wie der Morgen, der durch das Fenster leuchtete – wenn der Alte das sah, so falteten sich unbemerkt seine Hände, und er segnete die liebenden Herzen seiner Kinder. Er that, als merkte er nichts, und hatte sich auch von seiner Frau versprechen lassen, daß sie weder in Scherz, noch in Ernst, mit den jungen Leuten über den Zustand ihres Herzens reden, oder auch nur darauf hindeuten wollte.

Aus der Ungezwungenheit, der Freimüthigkeit, womit Beide einander in seiner Gegenwart liebkosten, sah er wohl, daß es unter ihnen noch zu keiner Erklärung gekommen war, ja, daß sie selbst die Art ihrer Gefühle noch nicht kannten. Das freute ihn, weil er wünschte, Lissow möchte vorher eine feste Lage haben, ehe er Jakobinens Gatte würde. Er suchte auf alle Weise zu verhindern, daß seine Tochter durch nichts zu der Bekanntschaft mit ihren Gefühlen käme. Nie hatte er etwas dagegen, sie mochte so oft und so lange bei Lissow seyn, als sie wollte. Alle Einfälle, auf welche die Liebe das unschuldige Mädchen brachte, billigte er, nannte die zärtlichsten Äußerungen ihrer Leidenschaft für den Jüngling: Freundschaft, Dankbarkeit, Vertrauen; 235 sah nichts, hörte nichts, und wußte dann wieder die beiden Liebenden so fein zu beschäftigen, oder ihre Liebe selbst so zur Quelle ihrer Beschäftigungen zu machen, daß auch Müßiggang sie nicht über ihren Zustand belehren konnte. Auf die Frage seiner Frau: aber, was soll daraus werden? antwortete er immer: »Sey unbekümmert! Die Natur wird nicht schweigen. Laß sie, und die Herzen der beiden jungen Leute sorgen.«

Lissow kannte die Liebe; aber, seltsam genug, wußte er dennoch nicht, daß er sie für Jakobinen fühlte. Seine Empfindungen für sie schienen ihm, wenn er ja zuweilen darüber nachdachte, mehr Empfindungen des Wohlthuns, der Menschlichkeit, als der Liebe zu seyn. Er bemerkte noch immer einen Unterschied zwischen seiner Liebe zu Käthen und zu Jakobinen; und dieser Unterschied machte ihn sicher. Im Grunde war das, worauf er sich verließ, nichts weiter als die Achtung für Käthens Rang, die man ihm von Jugend auf beigebracht, und das Sinnliche, das die Schwierigkeiten bei seiner Liebe zu ihr bewirkt hatten. Seine Achtung für Jakobinen war nicht geringer, aber so mit dem Vertrauen zu ihr, mit der Empfindung des Schutzes, den er ihr gab, verschmolzen, daß er sich der Achtung nicht besonders bewußt seyn konnte. Die Liebe zu Jakobinen war in seinem Herzen so leise, so nach und nach entstanden, fand so gänzlich kein Hinderniß, verlor sich so in dem Vertrauen zu ihren Eltern, in den Beschäftigungen, in der Ruhe ihres Lebens, in der Sicherheit, mit der er sich ihres Besitzes bewußt war, in der Zufriedenheit, der 236 unbesorgten, arglosen Unschuld Jakobinens, und besonders in ihrem gemeinschaftlichen Glücke der Gegenwart – daß kein Gedanke an die Zukunft seine Sinnlichkeit rege machen konnte, und daß also auch sein Herz über seine Gefühle unwissend bleiben mußte.

Jakobine liebte Lissowen über alle Beschreibung, und war über alle Beschreibung unschuldig. Sie folgte dem Triebe ihres Herzens, ohne irgend etwas dabei zu denken; und dachte sie ja daran, so glaubte sie, Lissowen für alles Gute, das er ihr und ihren Eltern erzeige, noch immer nicht genug zu lieben. Ihre ganze Seele war voll von ihm; alle ihre Gedanken gingen von ihm aus, und kehrten wieder zu ihm zurück. Konnte sie dabei je auf den Gedanken fallen, daß sie Lissowen ausschließend liebe? Dachte sie an ihn, so mußte sie nothwendig auch an ihren Vater, an ihre Mutter denken. Sie sah ja überall sein Bild mit den freundlichen Bildern ihrer Eltern vereinigt; und die Farben des Bildes wurden durch diese Verbindung strahlender, lebendiger. Was konnte sie Arges daraus haben? Sie dachte so unschuldig an Lissow, wie an ihre Geschäfte.

Man wird sich nun nicht wundern, daß ich bei Lissows und Jakobinens Liebe nichts von Unruhen, von zärtlichen Zänkereien, Versöhnungen, Eifersucht, wollüstigen Versuchungen und unwahrscheinlichen Siegen über das Herz zu erzählen weiß. Es war die ungekünstelte Liebe zwei schöner Herzen, die keinen Widerstand findet; und die ist immer ruhig. Lissow und Jakobine waren wie zwei Bäume, die nahe an einander aus einem fruchtbaren Boden 237 hervorgesproßt sind: sie haben sich vereinigt; Eine Rinde umschließt sie. Man kann nicht einmal sagen, ihre Zweige sind durcheinander geschlungen; nein, es sind die Zweige Eines Baumes. Ihre Liebe war ein Bach, der zwischen Blumen und Grase auf einer sanften Ebne dahin fließt: kein Steinchen hemmt seinen Lauf; kein Blinken einer hüpfenden Welle verräth sein Daseyn; ohne Geräusch fließt er sanft und ungehört dahin.

Kein Schmerz, auch nicht der leichteste, störte die Zufriedenheit ihrer Herzen; nicht Eine heftige Begierde, nicht Eine stürmische Empfindung bewegte ihre Seelen. Was sollten sie begehren? was wünschen? Sie hatten ja alles, was unschuldige Herzen glücklich macht.

Die zwei Jahre, welche Käthens Prüfungszeit seyn sollten, waren beinahe verflossen. Der Tag, an welchem Lissow, nach seinem Versprechen, wieder auf das Gut der Frau von Flaming zurückkehren mußte, kam näher. Nun wurde er tiefsinnig, und zuweilen zerstreuet. Alle Möglichkeiten, alles, was während der Zeit mit Käthen vorgefallen seyn könnte, beschäftigte ihn. »Wie?« dachte er; »wenn der Baron unterdessen gestorben wäre! wenn Käthe dein würde, du aber da bleiben solltest!« Er erschrak vor dem Gedanken, Jakobinen zu verlassen, und erklärte das schlechterdings für eine Unmöglichkeit. »Nein, Käthe muß mit nach Berlin! Wie aber, wenn sie nicht will?« Seine Miene wurde finster. »Sie wird wollen, wenn ich ihr sage, wie glücklich wir hier leben, wenn ich ihr von Jakobinen erzähle, von diesem reitzenden, liebenswürdigen Mädchen. O, sie wird wollen! 238 Jakobine wäre ja unglücklich, wenn sie mich nicht mehr hätte; und ich? Nein, Käthe muß mit mir, und wir werden glücklich seyn.«

In dem fortgesetzten Laufe dieser und ähnlicher Gedanken mußte er nothwendig einsehen lernen, wie werth ihm Jakobine geworden war, wie innig und wie unzertrennlich fest sein ganzes Herz an ihr hing. Ja, einige Male überraschte ihn sogar die Vorstellung sehr lebhaft, er würde, wenn er zwischen Käthen und Jakobinen zu wählen hätte – Käthen wählen, sagte er laut. Aber da stand, wie hingezaubert, Jakobinens Bild, die edle, schlanke, zarte Figur, vor seiner Seele. Er zitterte vor Scham über das Unrecht, das er Käthen that, und suchte ihr Bild mit Gewalt herbei zu rufen. Sein Herz war zerrissen, als er zu seinem Erstaunen merkte, daß es zwischen Käthen und Jakobinen schwankte; zu gleicher Zeit fühlte er indeß wohl, wie er zu entschuldigen war. »Ich wußte es nicht, daß ich Jakobinen eben so heiß liebe, wie dich, meine Käthe.« Jetzt wußte er es freilich zu seinem tiefen Schmerze. Aber er hielt es nicht für unmöglich, dies Leiden zu ertragen und – treu zu seyn. Ach, nicht seine, nur Jakobinens Wunde schmerzte ihn. »Jakobine!« rief er weinend. »Und dennoch« – er sprang auf – »ich muß fort! Dein Schicksal machte dich unglücklich, Jakobine; nicht ich. O Himmel!« – seine Gedanken wendeten sich auf den Vater –: »sie werden mein Kind unglücklich machen, sagte der redliche Alte. Und ich, gerade ich muß der seyn, der es thut, ich, der ich ihn, der ich sie über alles liebe!«

239 So stürmten tausend Gedanken in seiner Seele. Jetzt, gerade in eben dem Augenblicke, da er Jakobinen verlieren sollte, fühlte er auf einmal seine unbegränzte Liebe zu ihr. Er entschloß sich, sie zu verlieren, oder vielmehr, er verlor sie nur: denn er konnte nicht anders als Käthen treu seyn, weil es recht war. Doch zuweilen hörte er auch die leise Stimme der Hoffnung. »Wenn Käthe«, dachte er, »mich vergessen, wenn Frau von Flaming Recht gehabt hätte!« Aber es schien ihm sogar schon Unrecht, diese Hoffnung auch nur zu denken. Alles, was er konnte, that er: er suchte sein Herz gegen Jakobinens Leiden zu verhärten; er verstopfte sein Ohr gegen ihre Klage. Ich muß! sagte er laut: ich muß! Nun warf er sich gegen vier Uhr ganz angekleidet auf sein Bett, doch ohne nur eine Minute schlafen zu können, weil er Jakobinens Leiden sah, und ihre Klagen hörte. Sein Herz war zerrissen; aber sein Entschluß, recht zu thun, blieb unerschüttert.

Am Morgen erschrak Jakobine, als sie ihn bleich und entstellt sah. Er wollte lächeln, und konnte sein Auge nicht auf ihr fest halten. Sie näherte sich langsam, ohne zu fragen, und schien nur mit ihren Blicken in sein Inneres zu dringen. Dann nahm sie seine zitternde Hand, die sich sanft der ihrigen zu entziehen suchte. Sind Sie krank? fragte sie mit zärtlicher, unruhiger Besorgniß, und beugte sich vor ihm nieder, um sein Auge zu sehen, das er nicht aufhob. »Ich bin nicht krank, Jakobine«, hob er langsam an; »aber ... ich muß Sie auf einige Zeit verlassen.« Nun wurde auch Jakobine bleich, und schauerte zusammen; in ihrem Herzen 240 loderte diesen Augenblick die Flamme der Leidenschaft verzehrend auf. Verlassen? sagte sie langsam, mit bebender Stimme. Sie schlang ihren Arm um seinen Hals, und drückte sein Gesicht an ihr Herz. Verlassen? sagte sie noch einmal, aber nun in dem Tone des bittern Vorwurfs. O was thaten wir Ihnen? rief sie, und ließ ihn los.

»Ich muß, Jakobine!« sagte er sanft. »Dies Herz wird davon zerreißen, das fühl' ich; aber ich muß! Meinen Sie, ich würde nur einen Augenblick Sie und mein theuerstes Glück verlassen, wenn ich nicht müßte?« Dabei stiegen Thränen in seine düster flammenden Augen. – Aber wer zwingt Sie? fragte Jakobine furchtsam und mit gebrochener Stimme: wer zwingt Sie? – »Meine Pflicht!« antwortete Lissow mit einem Seufzer. – Pflicht? wiederholte sie zweimal, wendete sich von ihm ab, und fing an laut zu weinen. Auf einmal wendete sie sich heftig wieder zu ihm; ihr Gesicht glühete, ihre Brust flog, ihre Arme zitterten. Lissow! Lissow, ich liebe Sie! jetzt fühl' ich es! Ich liebe Sie mehr als alles auf der Welt. Bedenken Sie, daß ich nicht ohne Sie leben kann! – Sie riß sich gewaltsam aus seinen Armen, die sie umfaßten. Bedenken Sie das! rief sie noch einmal, und ging.

»Was ist dir, Jakobine?« fragte der Vater, als sie in das Zimmer trat. Sie zeigte mit wilden Blicken auf die Thür hin, und rief: er will uns verlassen! Aber sagen Sie ihm, o sagen Sie ihm, Vater, daß es mein Tod ist! Gewiß mein Tod, das fühl' ich! – »Wie? verlassen? Lissow? Unmöglich! Dann, dann ...« – Das sagte der Greis mit ungewöhnlicher 241 Heftigkeit und zitternden Lippen. Er beruhigte sieh wieder, ließ sich erzählen, lächelte, und sagte: »sey ruhig, Jakobine; du hast ihn mißverstanden. Gewiß. Ich will zu ihm gehen. Halb und halb weiß ich schon, was es ist: nichts so Schlimmes, als du denkst. Sey ruhig.« Jetzt konnte sich der Vater kaum aus den Armen des wehmüthig frohen Mädchens los machen.

Er ging zu Lissow hinüber, der noch, mit einer heimlichen Verzweiflung im Gesichte, auf derselben Stelle saß. Nach und nach drang sich der Vater mit Behutsamkeit in sein Herz, und erfuhr seine Geschichte. Er hatte noch tausend Fragen zu thun, die Lissow aufrichtig beantwortete. »Ja«, sagte er nun; »es ist deine Pflicht, lieber Sohn, uns zu verlassen. Du mußt gehen, und sollte ich auch durch deinen Abschied ein unglücklicher Vater werden. Lieber Sohn, du hast nicht unrecht gehandelt. Aber sieh nun, daß die Natur den Irrthum eben so bestraft, wie das Verbrechen, und oft den Irrthum eines reinen Herzens noch unerbittlicher, als das Verbrechen des Bösewichtes. Du lebtest mit Käthen; und es war natürlich, daß du sie liebtest. Deine Liebe zu ihr schien dir rechtmäßig. Du irrtest; denn die Umstände hatten ein ungeheures Hinderniß zwischen eure Herzen geworfen. Die edle Frau von Flaming belehrte dich über deinen Irrthum, und du folgtest, trotz deiner Leidenschaft, der Pflicht. Du hattest nichts verbrochen, mein Sohn; vielmehr sogar edel gehandelt. Aber dennoch wurdest du unglücklich, und Käthe mit dir. Siehst du, mein Sohn, wenn das einzige Gesetz der Natur Tugend war, so mußte sie nur 242 das Verbrechen mit Strafen belegen, und nicht auch den unwillkürlichen Irrthum. Aber das ewige Gesetz der Natur für den Menschen ist: Wahrheit und Tugend. Wer dieses Gesetz nur im mindesten übertritt, den bestraft die Natur unerbittlich, und sie muß es zum Wohl der Menschheit thun. Du hattest geliebt, Lissow; ein Irrthum in der Liebe hatte dich unglücklich gemacht. Warum dachtest du jetzt nicht über diese Leidenschaft nach? warum fragtest du nicht? So unschuldig bist du jetzt an Jakobinens Thränen nicht, als du an Käthens Thränen warst. Du wußtest nicht, daß du sie liebtest, daß sie dich liebte, sagst du? Ich glaube es, mein Sohn. Aber hättest du die Natur der Liebe untersucht, wie es jetzt deine Pflicht geworden war, so würdest du wenigstens begriffen haben, daß aus Jakobinens vertrautem Umgange mit dir Liebe werden mußte. Du irrtest zum zweiten Male; und nun müssen deine bittersten Thränen, und, ich fürchte, Jakobinens gebrochenes Herz, deinen Irrthum bezahlen. Auch ich, mein Sohn, kannte eure Liebe; allein ich glaubte, du wärest frei, weil du mir nichts von Käthen gesagt hattest. Das hätte ich nicht so fest glauben sollen! Wußte ich nicht, daß tausend Ursachen dich hindern konnten, ganz offen gegen mich zu seyn? Ich irrte, gleich dir, gab Eure Liebe zu, beförderte sie; und jetzt sind Jakobinens Thränen, ihr Unglück, und was daraus Trauriges entstehen kann, die Strafe meines Irrthums, meiner Nachlässigkeit. Lieber Sohn, der Schlag ist geschehen, das Unglück nicht mehr zu ändern. Aber lerne an diesem Beispiele, daß auch der Irrthum dem Gewissen Wunden schlägt. Der 243 Unterschied zwischen Bosheit und Irrthum ist nur der: jene schlägt Wunden, welche selbst die Ewigkeit nicht gänzlich heilen wird; dieser schlägt eben so schmerzende, welche aber ein glücklicher Zufall heilen kann, oder doch gewiß der Tod heilt. Denke dir nun den Fall, daß du Käthen treu findest. Jakobine wird von ihrer Leidenschaft überwältigt (es ist vielleicht die einzige in ihrem Herzen, und darum desto allmächtiger); sie verzehrt sich in Kummer, welkt hin, und stirbt vor Gram! Sage mir, mein Sohn, würde diese Wunde je wieder heilen, so lange du lebtest? Gewiß nicht. Nur erst in den Gefilden der Ewigkeit, wo dir Jakobine glücklich, heiter, entgegen käme, könnten die Folgen schwinden.

Lissow rief in schmerzlichem Tone: o Gott!

»Aber schon die Zeit kann die Folgen des Irrthums heben. Sieh, du kommst zu Käthen. Ihr ist es eben so gegangen wie dir. Sie hat dich so weit vergessen, daß sie dich aufopfern kann. Du kehrst zurück, und Jakobine wird deine Gattin.«

Lissow sprang auf. O Gott! Vater, so wird es seyn! ... Ach, und wenn es nicht so wäre! sagte er still vor sich.

»Nun denn, auch wenn es nicht so wäre; du mußt gehen, und deine Pflicht thun, so viel es dir auch kostet. Geh jetzt. Erspare dir und Jakobinen den Schmerz des Abschiedes.«

Lissow schluchzte und ließ sich wie ein Opfer von dem Alten führen. Er streckte auf dem Saale noch einmal die Arme gegen die Thür des Zimmers aus, worin Jakobine wohnte. An der ersten Stufe der Treppe schloß ihn der 244 Alte in seine Arme. »Vergiß uns nicht, mein Sohn!« Lissow schwankte die Treppe hinunter, und der Alte ging zu Jakobinen.

Grumbach war wirklich nicht so unruhig, wie er in diesem Gespräche scheinen mag. Aus Lissows Erzählung von der Art seines Liebeshandels mit Käthen, und aus dessen Unterredung mit der Frau von Flaming vor seiner Flucht, schloß er sehr richtig, daß Käthens Liebe zu dem Jünglinge wahrscheinlich schon vergangen wäre. Das hätte er Lissowen selbst sagen, und dadurch dem Jüngling einige sehr kummervolle Tage ersparen können: allein er wußte durch Erfahrung, welche Stärke das Herz und die Vernunft aus schweren Opfern, die der Mensch der Tugend bringt, gewinnen kann; und überdies wollte er den Jüngling die bittern Folgen seines Irrthums einige Tage fühlen lassen: darum ließ er ihn ohne Trost und ohne Hoffnung.

Grumbach war ein seltsamer Mann. Mit keinem Grundsatze hielt er öfter und hitziger gegen jeden, der mit ihm darüber streiten wollte, auf dem Plane, als mit dem: Irrthum und Aberglaube, Unwissenheit und Unbedachtsamkeit sind eben so arge Ungeheuer und Menschenquäler, als Bosheit und Laster. Er war völlig überzeugt, daß die Vorsehung den Irrthum eben so schwer, und oft noch schwerer bestrafe, als das Laster. Daher nannte er Vernunft die einzige Tugend des Menschen, und alle guten Eigenschaften ohne Vernunft gebrechliches Stückwerk. Das: lerne dich selbst kennen! galt ihm über alles. Er meinte, diese Überschrift habe nothwendig an den Tempel des weisesten aller 245 Götter, der in die Zukunft sehen konnte, gehört; und dabei hielt der seltsame Alte es dennoch für eine Thorheit, wenn man den jungen Leuten in einer schulmäßigen Ordnung die Leidenschaften des Herzens zerlegte, die Tugenden, die Verstandeskräfte zergliederte. Das wäre, meinte er, als wollte ich einen in der Gartenkunst unterrichten, nähme ihn auf mein enges Stübchen, von wo er nicht einen Grashalm sehen könnte, und lehrte ihn nun, wo er Wälder, wo er Wiese, wo er Wasserfälle anlegen müßte, damit ein schönes Ganze entstände. Nein, sagte er, an Ort und Stelle muß ich das zeigen. Da nehme ich den Schüler mit in eine reitzende Gegend, lasse ihn selbst die Winke der Natur aufsuchen, die sie überall giebt, lasse ihn seine eigene Empfindung zu Rathe ziehen, die noch einmal so deutlich spricht, als die besten Gartenbücher. Und eben der Fall ist es mit der Menschenkenntniß.

So war seine Jakobine erzogen. Von der Liebe hatte er nie mit ihr geredet; denn er meinte, sie bedürfe das noch nicht, da er ja bei ihr sey. Jetzt aber benutzte er die Gelegenheit, seine Tochter mit ihrem Herzen bekannt zu machen. Er gab ihr mit einem ziemlich beruhigenden Gesichte den Schlüssel zu Lissows Zimmer, und sagte: »Jakobine, du sollst diesen Schlüssel aufheben, bis Lissow wieder kommt. Er muß uns auf einige Tage verlassen. Ich soll dich von ihm grüßen. Abschied wollte er nicht von dir nehmen, um sich und dir den Schmerz zu ersparen.« Jakobine wurde bleich, und fing dann an zu jammern. Aber warum? warum, lieber Vater? Das fragte sie unaufhörlich. – »So bald du ruhiger bist«, 246 antwortete er, »werde ich es dir sagen. Jetzt, liebe Jakobine, ist dein Schmerz zu groß, als daß du mir zuhören und nachdenken könntest.« – Liebster Vater, ich bin ruhig. – »So? Nun, das beweise mir. Da liegen ja Lissows Rechnungen noch unvollendet. Geh, mache sie fertig. Auch läßt er dich bitten, Jakobine: wenn du ihn lieb hättest, so möchtest du die Paar Tage, die er abwesend wäre, für ihn arbeiten; er wollte dann sein Lebelang für dich arbeiten.« – Aber warum, lieber Vater, mußte er fort? – »Wie ich sage, mach die Rechnungen fertig, so seh' ich, daß du ruhig genug bist, mich zu verstehen.«

Wenigstens heute konnte sie unmöglich rechnen; aber doch war der Vater nicht anders zu bewegen. Jakobine setzte sich zu der Arbeit; und, so schwer es ihr auch wurde – sie vollendete die Rechnungen, und brachte sie dem Vater. »Ist es möglich, Jakobine? du hast die Stärke gehabt?« Er blätterte die Rechnungen durch; dann küßte er Jakobinen, und sagte heiter: »ich habe eine Tochter, die den Schmerz zu überwinden weiß.«

Aber nun, mein Vater: warum ...?

»Sogleich, mein Kind. Zuvor etwas, das mich und dich näher angeht. Die Rechnungen sind fertig; und doch war dein Herz von allen Seiten bestürmt. Du hast Liebe, Kummer, Verzweiflung überwunden; denn das mußtest du, um so etwas rechnen zu können. Sage mir, Jakobine, wie fingst du das an? wie war dir das möglich? Hast du wohl auf deinen inneren Zustand Acht gehabt? Wie wurdest du so ruhig, das zu können?«

247 Ach, lieber Vater, ich konnte es: das ist alles, was ich weiß; ich konnte es, um endlich zu erfahren, warum Lissow ... –

»Nun, so erinnere dich wenigstens an alles, was du noch wissen kannst. Ich will versuchen, dir deinen Zustand deutlich zu machen. Du ...«

Ach, bester Vater, reißen Sie mich nur erst aus der quälenden Ungewißheit, warum Lissow ... –

»Liebes Kind, war nicht immer, was ich that, dein Bestes? Eben mein Gespräch mit dir soll deine fürchterliche Ungewißheit endigen und dir die schönsten Hoffnungen geben. Nimm alle deine Besinnungskraft zusammen. Deine Empfindung war der tiefste Schmerz, der, wenn er fortdauerte, dir schlechterdings nicht erlaubte, die Rechnungen zu machen. Sie sind gemacht; der Schmerz hat also aufgehört. Weshalb? Du wünschtest zu wissen, warum Lissow uns verlassen habe. Wenn du es erfahren wolltest, so mußtest du nothwendig die Rechnungen vollenden, und also ruhig werden. Das überlegtest du. Dann nahmst du dir fest vor, deinen Schmerz so lange zu überwinden, bis die Arbeit gethan wäre: nicht wahr? Nun, antworte mir, liebe Jakobine. Hast du jetzt nicht die Erfahrung gemacht, daß der Mensch, wenn er gehörig überlegt, nachdenkt, und dann sich fest entschließt, jede, auch noch so gewaltige, Empfindung besiegen kann? Antworte mir! Aber ruhig!«

Jakobinens Herz schlug ungestüm; allein sie faßte sich. Ihr Vater wiederholte, was er gesagt hatte; und sie antwortete: ja, ich glaube, es ist auf diese Art möglich.

248 »Und was machte es möglich? Denke nach, mein Kind. Ein bloßer Wunsch, etwas zu wissen. Wie? wenn nun die Tugend, die Pflicht, die Vernunft von dir gefordert hätten, deinen Schmerz zu mäßigen? Was meinst du? hättest du es auch dann gekonnt? Setze den Fall, Lissow wäre weggereist, weil er gemerkt hätte, daß er dich mehr liebte, als er durfte; setze den Fall, er hätte seine Liebe einem andern Mädchen versprochen, ehe er dich kennen lernte. Jetzt fühlte er, daß er dich liebte, und dich fliehen müßte, um seinem Worte und seiner Pflicht treu zu bleiben. Nun stände er hier vor dir, wollte gehen, und könnte nicht; denn er sähe deinen Schmerz, deine Verzweiflung. Er entschlösse sich, lieber die Tugend, die Pflicht, das Recht zu verlassen, als dich. Jakobine, setze den Fall. Du hast nun die Erfahrung gemacht, daß Schmerz und Verzweiflung sich überwinden lassen, wenn man muß und will. Jakobine, würdest du auch in diesem Falle deinen Schmerz überwinden, und zu Lissow, wenn er hier wäre, sagen können: geh! thue, was recht ist; ich werde ruhig seyn?«

Jakobine wurde bleich, und bebte. Der Vater wiederholte die Frage. Sie antwortete leise: ich würde es sagen, und sterben! –

»Sterben!« sagte der Vater ernst: »sterben, und mit deinem Tode dem Jünglinge, der dich über alles liebte, nur nicht mehr als die Tugend, einen siebenfachen Dolch in die Seele drücken, ihn für seine Liebe mit Gram, für seine Tugend mit dem Tode lohnen, da es doch in deiner Gewalt stand, den Kummer, die Verzweiflung zu besiegen, und der 249 wohlthätigen Zeit die völlige Heilung der Wunde anzuvertrauen! ... Ich will nicht erst von deinen Eltern reden; denn wer aus Bequemlichkeit nicht einmal des Geliebten schont, der wird noch weniger der Eltern schonen. – Jakobine, wie würdest du handeln?«

Sie warf sich in seine Arme. O, sagen Sie es nur heraus: er hat mich auf immer verlassen; er floh mich, weil er ein anderes Mädchen liebt; er ist für mich verloren. O Gott! und ich soll nicht eine Thräne um ihn vergießen? ich soll mich freuen, daß er weg ist, daß ich unglücklich bin? O, was soll ich noch hören, ohne klagen zu dürfen!«

Der Vater sah ihr schweigend und ernst ins Gesicht. »Jakobine, hab' ich das gesagt? Weißt du auch, was du sprichst? Klagen ist das geheiligte Vorrecht des Unglücklichen. Wie sollte die schönste Tugend, das Mitleiden, entstehen, wenn wir nicht klagen dürften? Klage, mein Kind, vergieß Thränen; aber stoß nicht muthwillig Hülfe, Trost und Hoffnung zurück, welche die Vernunft dir beut. Besiege den stillen Kummer nicht, nicht die sanfte Wehmuth: sie sind die Zeichen des fühlenden Menschen; aber besiege die Verzweiflung; denn die ist Strafe des Verbrechens, oder das Zeichen der Thorheit. Sage mir: worüber jammerst du jetzt? warum ringst du die Hände?«

Ach, soll ich nicht klagen, daß ich ihn auf immer verloren habe?

»Jakobine, ich sagte: setze den Fall. Woher weißt du denn, daß Lissow für dich verloren ist?«

Sie sah ihn an, als ob sie die Bestätigung der Worte in 250 seinen Augen lesen wollte. Er lächelte ruhig. »Ich sage dir ja, es ist wahrscheinlich, daß er in einigen Tagen wieder hier seyn wird. Mit diesen Worten gab ich dir den Schlüssel zu seinem Zimmer.«

Aber warum mußte er uns verlassen, mein Vater? warum ...?

»Das sollst du erfahren, sobald du ruhig bist. Ich mag nicht gern eine edle That jemanden erzählen, der nur halb zuhört.«

Jetzt sammelte Jakobine ihre Kräfte. Der Vater fing aufs neue an zu untersuchen, in wie fern und auf welche Art der Mensch seine Leidenschaften unterdrücken könne und müsse. Das Alles wendete er auf den vorliegenden Fall an. Dann untersuchte er mit Jakobinen das Wesen der Liebe; zeigte ihr, wie diese Leidenschaft bei ihr entstanden sey, auf wie mancherlei Weise sie entstehen könne; lehrte sie den Unterschied der Liebe, die aus Eitelkeit, Sinnlichkeit, Selbstsucht, langer Weile, Gewohnheit, oder aus Tugend und Schönheit entspringt; und sagte ihr dann, wie Liebe vergeht, wodurch sie stockt, und durch welche Mittel sie, wenn sie auch noch so heiß ist, sich mäßigen läßt.

»Hat dir«, fing er dann auf einmal an, »Lissow niemals etwas von seiner ersten Liebe zu einem sehr hübschen Mädchen gesagt?« Er erzählte nun Jakobinen, wie Lissows Liebe zu Käthen entstanden wäre; und dann setzte er lächelnd hinzu: diese Liebe, die Lissow für ewig gehalten habe, sey, ohne daß er es gemerkt, durch den Umgang mit einer Andern nach und nach verschwunden. Zum zweiten 251 Male machte er nun seine Tochter aufmerksam darauf, daß der Mensch, wenn er die rechten Mittel gebrauche, Herr über seine Leidenschaften werde. Jakobine brach, so bald sie konnte, von diesem Gespräche ab, und fragte nach den näheren Umständen von Lissows Liebe zu Käthen. Sie erfuhr alles, doch nur als eine längst vergangene Geschichte, und zuletzt auch, daß Lissow Käthen verlassen habe, um seine Pflicht zu thun. –

Und hat er sie denn nachher nie wieder gesehen? fragte Jakobinen nun.

»Er hatte der Frau von Flaming versprochen, nach zwei Jahren wiederzukommen, um zu hören, ob ihm Käthe noch treu sey.«

Nun? ging er denn nach zwei Jahren?

»Kannst du so fragen, Jakobine, wenn davon die Rede ist, ob Lissow ein heilig gegebenes Versprechen halten wird, oder nicht! Es ließ sich vermuthen, Käthe würde ihn in den zwei Jahren gänzlich, oder doch so weit vergessen haben, daß sie keine Ansprüche mehr auf die Verbindung mit ihm machte, die ihren Verwandten so zuwider war, und die Lissowen ohne Zweifel der Rache des Barons ausgesetzt hätte. Allein das war nur Vermuthung, und Lissow hatte versprochen zu kommen, um zu erfahren, ob Käthe noch Ansprüche auf seine Hand mache, oder nicht.«

Er ging also, lieber Vater? fragte Jakobine. (Sie dachte noch gar nicht, daß von der jetzigen Zeit die Rede war.)

»Ja, meine Tochter, er ging, weil er mußte, und ging, – ohne Abschied von dir zu nehmen, weil er Standhaftigkeit zu 252 dieser Reise brauchte, und die Standhaftigkeit wünschte.« Bei diesen Worten stand Grumbach auf, küßte seine Tochter, und ließ sie allein.

Vater, sagte Jakobine nach einer Stunde furchtsam, ist es unrecht, wenn ich wünsche, daß Käthe dem Verlangen ihrer Verwandten Gehör gegeben habe? – »Unrecht? Jakobine, du wünschest ja nur, daß Käthe vernünftig gewesen seyn möchte. Freilich thust du es aus einer Nebenabsicht; aber laß das. Glaubst du, daß Käthe das thun müßte, und thun könnte?« – O gewiß, sagte Jakobine. – Der Vater lächelte. »Nun, du glaubst weiter nichts, als daß man vernünftig seyn muß und kann. Wie aber, wenn Käthe nun die Forderung der Vernunft nicht erfüllt hätte? ... Dann würde ich von dir fordern, zu thun, was sie nicht thun wollte; und du, Jakobine?«

Sie warf sich ihrem Vater in die Arme. Ich, sagte sie mit sanftem Weinen, ich würde klagen, weil ich unglücklich wäre; aber meines Vaters Rath würde mich vor Verzweiflung bewahren. »Nein, mein Kind«, sagte der Alte freudig; »du bedarfst jetzt deines Vaters nicht mehr. Du hast gezeigt, daß du deinen Kummer besiegen kannst, und würdest es wieder zeigen, wenn es nöthig wäre. Jetzt, liebe Jakobine, hast du meine Vatersorgen belohnt; ich nenne dich mit Stolz meine Tochter. Komm, mein Kind! Lissow thut seine Pflicht; laß uns die unsrige thun. Wir wollen für ihn arbeiten; arbeitete er doch so lange für uns!« Er setzte sich mit Jakobinen an den Schreibtisch, und diktirte ihr. Während des Schreibens rollte noch manche Thräne über ihre Wange; 253 aber endlich wurde ihr Auge trocken. Die Abende saß ihr Vater bei ihr, und hörte sie klagen, oder erzählte von Lissow und seiner Güte. Ihr Herz zerschmolz dann in Thränen, aber in Thränen einer süßen Wehmuth und der befriedigten Tugend.

Lissow hatte unterdessen mit eben so wundem Herzen Berlin verlassen, und wanderte nun den Weg nach dem Gute des Barons. In dem Dorfe gab er sich einen andern Nahmen, und konnte das ganz sicher thun, da der Kummer ihn hinlänglich verstellt hatte. Er zitterte in dem Hause, wo er abgetreten war, so oft der Nahme Flaming genannt wurde. Schon den ersten Tag öffnete er wohl hundertmal die Lippen, um nach Käthen zu fragen, und immer verschloß er sie wieder. Er fürchtete zu hören, daß sie jammere und sich in Kummer verzehre. Endlich am dritten Tage, als er gegen Abend ein wenig um das Dorf gegangen war, sagte er zu seiner Wirthin zitternd: da begegnete mir heute Abend eine junge schöne Dame (er beschrieb Käthen sehr deutlich); war das etwa die Frau von Flaming, die sie immer so lobt? »Nein«, antwortete die Bäuerin; »das war Fräulein Käthe:« – er erblaßte – »eine Verwandte der gnädigen Frau. Ach, die hat ein Engelherz. Gott gebe ihr Glück! Sie ist jetzt Braut.«

Braut? rief Lissow, und stellte sich mit glühendem Gesichte vor die Frau hin: Braut? war denn das ihr Bräutigam, der mit ihr ging? – »Ja wohl! Ein junger bildschöner Mann, ein Herr von Graßheim. O, sie sind immer zusammen. Das ist eine Liebe, ein Schönthun, eine Herzlichkeit unter den Beiden! Ja, sie war recht herunter, vor zwei Jahren, das 254 arme Kind. Blaß wie Papier, und krank, und mager, und sie konnte keinen Menschen ansehen ohne Thränen. Da war so eine Geschichte mit unserm jungen Herrn Quinctius, eine wunderliche Geschichte. Man kann nicht recht klug daraus werden. Sie wollte erst den jungen Herrn heirathen, und dann wieder nicht, als der Pastor schon da war, sie zu trauen. Man sagt, er soll es ihr angethan haben, mit einem Zopf Haare, den er ihr des Nachts vom Kopfe geschnitten hat, und mit einem kleinen Zauberbuche, worin das steht. Die Kammerjungfern haben lange nach dem Buche getrachtet; aber der Herr Informator hat es verbrannt. Und wie der Herr Pastor nun sagt: im Nahmen des dreieinigen Gottes; da ist auf einmal der Zauber vorbei, und sie will den jungen Herrn nicht. Und darum hat sich auch der junge Herr nicht wollen trauen lassen, sondern ist den Tag vor der Trauung mit ihr davon gelaufen. Aber der alte Herr Baron haschte sie auf. Wie ich sage, da war sie recht herunter. Sie weinte und jammerte, daß es einen Stein hätte erbarmen mögen. Zwar hieß es einmal, sie hielte es mit des seligen Pastors Sohn. Aber der lief davon in die Welt, und hat sich nicht wieder sehen lassen. Nehmlich sie hatten einmal eine Prozession an des Herrn Barons Geburtstage, und Fräulein Käthe war die Jungfer Maria, und saß auf einem Wagen mit vier weißen Pferden. Da gingen die Pferde mit ihr durch, und der junge Mensch hat sie gerettet. Seitdem soll sie ihn so lieb gehabt haben. Genug, man kann nicht recht dahinter kommen. Jetzt ist sie nun Braut, und alles ist vergessen.«

255 So erzählte die Bäuerin fort. Als dann der Mann und noch einige Nachbarinnen dazu kamen, hörte Lissow auch von ihnen, daß Käthe ihren Bräutigam von Herzen lieb habe, daß die Hochzeit in ein Paar Tagen seyn werde, und so weiter. Er schrieb nun den Abend seinen Brief an die Frau von Flaming. Mittags brachte er ihn selbst dem Gärtnerburschen. Auf der Stelle, wo er Käthen an jenem Geburtstage in seinen Armen gehalten hatte, setzte er sich einen Augenblick, und sagte mit Kopfschütteln: o, wie ist doch alles so vergänglich! Hätte ich es je glauben sollen, daß wir, Käthe und ich, aufhören könnten, einander zu lieben? Was ist denn auf der Erde unvergänglich, wenn es die Liebe nicht ist? Und, Jakobine! sagte er, die Augen gen Himmel gerichtet: bist auch du veränderlich? ist auch deine Liebe vergänglich?

Was würde Lissow gesagt haben, wenn er gewußt hätte, daß beinahe in eben dem Augenblicke, da er auf der Rasenbank im Garten saß, und über die Vergänglichkeit dachte, Käthe neben Graßheim vor dem Prediger stand und getrauet wurde! Er sprang auf, und eilte rasch fort, seiner Liebe, seiner Jakobine entgegen.

Während Lissow mit Seufzern der Sehnsucht den Weg nach Berlin zurück ging, war das Haus des Barons voll lauter Freude. Die jungen Eheleute machten dann ihre Besuche bei dem umliegenden Adel, und endlich verließen sie das Gut des Barons, um nach Berlin zu reisen.

Der Baron studierte jetzt sehr fleißig die Geschichte der Kreuzzüge. Er würde noch in seinem Alter das Latein 256 gelernt haben, wenn er gewußt hätte, daß unter Beyers alten Folianten die Gesta Dei per Francos befindlich waren. Aber, er kannte den Schatz nicht, der in den Ringmauern seines Hauses lag, und mußte sich überwinden, Joinville's Leben des heiligen Ludwig kommen zu lassen, welches ihm Graßheim als das einzige Buch über die Kreuzzüge, und über die adeligen Familien, die sie mitgemacht haben, zu empfehlen wußte.

»Da muß ich doch«, sagte er vor sich, »den Ärger haben, ein Französisches Buch in meinem Hause zu wissen! Was soll ich armer Mann aber machen!« Er brachte es, sobald es angekommen war, mit einem höchst beschämten Gesichte seiner Frau, und riegelte vorsichtig die Thür hinter sich zu. »Höre, Ronichen«, fing er traurig an: »die Welt ist voll von Unglücksfällen; aber, was nicht zu ändern steht, da hilft kein Klagen und Jammern.« – Mein Gott! rief die Frau von Flaming: was ist denn vorgefallen? Ich bitte dich, sprich! – »Da hast du's!« sagte er, und reichte ihr das Buch hin. »Du weißt, ich kann das verwünschte Französische nicht leiden; und nun sehe ich mich doch endlich durch die Noth gezwungen, ein Französisches Buch ins Haus zu bringen. Ich bitte dich aber, Ronichen, sag es keinem Menschen! Du sollst mir das Buch hier ein wenig vorlesen; und habe ich die Familien erst heraus, dann wollen wir es verbrennen. Du kannst ja Französisch. Die Thür ist verriegelt.«

Frau von Flaming sah nun ganz ohne ihr Zuthun einen schon lange von ihr genährten Wunsch erfüllt. Sie hatte alle mögliche List angewendet, ihren Mann zu bewegen, daß er 257 Quinctius Französisch lernen ließe; allein in diesem Punkte war er immer unerschütterlich gewesen. Jetzt nahm sie das Buch lächelnd, und las einige Zeilen, konnte aber nichts Verständliches hervorbringen. Theils machte ihr das Altfranzösische in der That zu viele Mühe; Theils wollte sie absichtlich nichts verstehen. Sie erklärte ihrem Manne, daß sie das Buch nicht verstände. Das half Anfangs nicht. Sie mußte übersetzen, was sie konnte, und der Baron suchte dann mit großer Geduld Sinn hinein zu rathen. Aber bald sah man, daß es nicht ging. Der Baron schüttelte traurig den Kopf. »Ja, es ist ein Unglück!« Er sah betrübt in das Buch. »Und Graßheim sagte, es gebe kein anderes Buch in der Welt, das von den Kreuzzügen handle.«

Nun spielte die Frau von Flaming leise darauf an, daß Quinctius ja mit geringer Mühe Französisch lernen könnte; aber dazu hatte der Baron keine Ohren. »Das ist nichts, Ronichen! Hat denn der Junge nicht so schon den Kopf voll dummes Zeuges? Nun denke einmal, wenn er noch obendrein Französisch wüßte! Die Französischen Bücher stecken voll von dummen Dingen. Nichts, nichts! Er soll es nicht lernen, und wenn ich hieraus niemals einen Buchstaben erfahren sollte, so gern ich es auch möchte!« – Aber, lieber Mann, fragte die Frau von Flaming, die während dessen im Joinville geblättert hatte: sage mir doch, was ist denn die Oriflamme? – »Das will ich dir sagen, Ronichen. Es war das Panier der Könige von Frankreich, das sie in der Schlacht trugen. Steht etwas davon im Buche?« – O ja, antwortete sie treuherzig (sie wußte, wie sehr ihn nach 258 einem Buche verlangte, worin der Ritteranzug genau beschrieben war); o ja, hier steht ein ganzer Ritteranzug vom Kopf bis auf die Füße. – »Wo denn, Ronichen? wo denn? Lies doch einmal!« – Ja, davon versteh' ich nichts, lieber Mann. – »Sollte man sich nicht ärgern, Ronichen? Sieh, die Gelehrten, da lassen sie Bücher drucken von allem Plunder in der Welt, und Kupfer dabei, daß einem das Auge im Kopfe lacht. Aber was ist es? Schmetterlinge, oder Bilder von Hirschen und Elephanten und Papageien, und wie die Wilden in Amerika aussehen. Das wissen sie; aber was doch Kaiser und Reich angeht (du weißt, die Ritterschaft ist unter dem Reiche mit verstanden), von der Kleidung der alten Ritter, davon nicht ein Wort. Sieh, da frag' ich Beyern neulich, was denn ein Morgenstern gewesen wäre. Ich wußte es nun wohl so ungefähr. Die alten Ritter schlugen sich damit in den Schlachten die Köpfe zu Schande. Nun will ich es aber gern genau wissen, und frage Beyern darum. Der steht da, und spricht von der Venus und solchem Zeuge mehr, und sagt: des Morgens hieße so ein Ding Lucifer, das ist der leidige Teufel. Er will mir schlechterdings nicht glauben, daß der Morgenstern ein ander Ding gewesen ist, als der Gott sey bei uns. Sieh, da lassen sie in die Kalender hinein setzen von dem Schafdünger, von der Witterung, und so weiter. Gehört das dahin? O, wenn doch einmal ein Mann käme, und ließe so von alten Rittergeschichten in die Kalender setzen, zum Exempel, was ein Morgenstern für ein Ding gewesen ist, oder, was mir Graßheim sagte, woher das Wort Seigneur kommt. Das wäre so 259 recht für die Zeit! ... Also da steht es, Ronichen, was die Ritter getragen haben? ... Höre, Quinctius soll doch Französisch lernen. Aber lesen soll er weiter nichts, als dieses Buch; das sag' ich dir voraus.«

Sogleich wurde an Graßheim geschrieben: er möchte aus Berlin einen Französischen Sprachmeister schicken. Der Sprachmeister kam an, und erhielt eine doppelte Instruktion, von dem Baron und seiner Gattin. Der Joinville lag zwar immer auf dem Tische; man las aber auch andere Bücher.

Quinctius trieb die neue Sprache mit eisernem Fleiße. Sein Gedächtniß half ihm bald vorwärts, und er machte dem Vater in Kurzem die Freude, ihm ganze Stellen aus dem Joinville Deutsch vorzulesen. Der Sprachmeister las mit ihm Übersetzungen der Alten; heimlich aber, ohne Wissen der Mutter, welche Romane gänzlich untersagt hatte, gab er seinem Schüler dennoch dergleichen in die Hände. Quinctius' reitzbare Phantasie fand Geschmack an dieser Lektüre, und er las jede Stunde, die er allein seyn konnte, alle Romane, die sein Sprachmeister ihm zu verschaffen wußte. Kein Buch gefiel ihm aber mehr, als das glückliche Gärtnermädchen. Es zog alle seine Aufmerksamkeit auf sich, weil er sich in dem Buche so ganz wieder fand. Ein junger Marquis, ein Jüngling von großen Talenten, will alles sich selbst verdanken, nichts von Andern, nichts von dem Glücke nehmen, und schlägt die größten Stellen aus, die ihm der Hof und das Ansehen seines Vaters versprechen. Er liebt die reitzende Tochter des Gärtners in seines Vaters 260 Hause; und das Mädchen liebt ihn. Aber, als er um ihre Hand bittet, sagt sie: nicht eher, als bis Sie nichts mehr von dem Glücke besitzen, das Ihnen Ihre Geburt gegeben hat. Der junge Mensch ist von dem stolzen Gedanken seiner Geliebten bezaubert, nimmt unter einem fremden Nahmen Dienste als gemeiner Soldat, schwingt sich in die Höhe, wird von dem Könige geadelt, und heirathet, trotz allen Hindernissen seiner Familie, endlich seine schöne Therese. Er behält seinen erworbnen Adel, weil er den ererbten verachtet, giebt die Familiengüter seiner Schwester, und erwirbt sich neue. Endlich, als er Vater und Schwester, Schwager und Familie rettet, und sie mit sich aussöhnt, schlägt er stolz an seine Brust, und sagt: seht! alles was ich habe, ist mein, von mir erworben! Nichts danke ich der Geburt, dem Glücke, irgend einem Menschen. Ich habe mich und mein Weib geadelt, mich reich gemacht; ich bin das, was mein Ahnherr war: der Erste meines Geschlechtes; und wehe dem Manne, der weniger seyn mag!

Dieser stolze, edle Jüngling schwebte Quinctius im Wachen und Schlafen vor. Oft stand er in einer Ecke des Zimmers, und träumte von seinem Marquis. Auf einmal murmelte er: »und wehe dem Manne, der weniger seyn mag!«

Quinctius mußte bei der Erziehung, die er bekam, nothwendig einen übermäßigen Werth auf den Adel legen. Auch sprach er beinahe ebenso oft von seinen Ahnen, wie sein Vater; nur mit dem Unterschiede: dieser nannte die Nahmen seiner Ahnen her, Quinctius aber ihre Thaten, und 261 wollte sie an denen übertreffen. Bei dem allen brüstete sich Quinctius aber nicht selten damit, daß er von dem großen Cincinnatus abstamme. Durch seinen Lieblingsroman erlitt indeß seine Denkungsart eine gänzliche Veränderung. Er antwortete seinem Vater nicht mehr, wenn der ihn an die Menge und das Alter seiner Ahnen erinnerte; ja, er warf wohl die Nase dabei auf. Einmal, als sein Vater von dem Glücke sprach, einen solchen Stammbaum zu besitzen, sagte er sogar: hm! ich möchte doch lieber der Erste eines Stammbaumes seyn, als der Hundertste. – »Wie? was schwatzt der Bursche einmal wieder?« rief der Baron verdrießlich. – Lieber Vater, sagte Quinctius mit Stolz, es ist doch mehr Verdienst dabei, einen Stammbaum anzufangen, als ihn zu erben. Ein Flaming ist mein Vater: das ist Ihr Verdienst, und nicht das meinige. Der Stammbaum jagt mir, wenn ich ihn ansehe, allemal eine Schamröthe ab, daß ich noch so wenig gethan habe, um meinen Nahmen mit Ehren hinein schreiben zu können.

»Nun, wer hindert dich denn? Aber, Quinctius, sey kein Narr, und werde nicht etwa Soldat! Wir haben den Adel nun einmal, und das Blut der alten Quinctier fließt in unsern Adern. Das Blut, mein Sohn, das ist es; das ehrt man in uns.«

Und nicht meinen Geist, nicht meine Thaten? O pfui! So wollte ich lieber, ein Besenbinder wäre mein Stammvater gewesen; so –

»Hölle und Teufel!« rief der Baron wüthend, und warf mit Ungestüm dem Philosophen Rüxners Turnierbuch nach dem Kopfe. »Ein Besenbinder, du elender Bube? Was wärst 262 du denn, du ungerathener Mensch? Nichts mehr als auch ein Besenbinder, der seine Besen so närrisch bände, daß er nicht Einen verkaufte: das wärst du! Was hast du denn gethan? sprich! Was sind denn deine Thaten? Ein Haarzopf, den du einem Mädchen abgeschnitten hast; ein Buch weißes Papier, mit einem närrischen Titel, in das du schriebst: ich bin a dato meinen Eltern weggelaufen; und deine tolle Liebe zu Graßheim – meinst du, dafür gäbe man Adelsbriefe? – Das konnte der Baron ihm lange nicht vergeben.

Quinctius dachte: du sollst wohl noch sehen, daß ich der Erste eines neuen Stammes seyn werde! In der That fing er nun an, darüber nachzudenken, wie er in die Fußstapfen seines Helden treten könnte. Er machte tausend Plane, und ließ darüber einen Tag nach dem andern vergehen; doch in Einem Stücke befolgte er sehr rasch das Beispiel seines Helden.

Die Tochter des Schulmeisters im Dorfe, ein sehr hübsches, artiges und gewandtes Mädchen, war in der Stadt bei einer Verwandtin erzogen, und erst nach deren Tode wieder zu ihrem Vater auf das Land gekommen. Sie wurde zuweilen von der Frau von Flaming bei feinen Nähtereien gebraucht. Quinctius hatte sie mehrere Male gesehen, ohne Acht auf sie zu geben. Jetzt aber, da ihn der Roman so sehr beschäftigte, sagte seine Mutter einmal in seiner Gegenwart: Schulmeisters Marie ist sehr hübsch und artig. Ich habe noch nie ein Mädchen von ihrem Stande gesehen, das ein so feines Gefühl des Schicklichen und des Unschicklichen gehabt hätte. – So wie Quinctius das hörte, stand 263 sogleich Therese lebendig vor ihm da, und er ging auf das Zimmer, wo Marie saß und arbeitete. Jetzt bemerkte er zum ersten Male, daß Mariens Figur edel und schlank, ihr Fuß schön und nett, ihre Hand weiß und zart, ihr Auge feurig und sprechend, ihr Mund klein und reitzend war. Er nahm ein Buch, setzte sich, und betrachtete sie von der Seite. Sie merkte es, und erröthete.

Er ging, kam wieder, und heftete sein Auge immer auf Marien; doch hatte er nicht Dreistigkeit genug, sie anzureden. So währte es die zwei Tage fort, welche Marie im Hause blieb. Als sie ihre Arbeit vollendet hatte, kehrte sie zu ihrem Vater zurück. Schon eine Stunde nachher ging der junge Herr vor dem Fenster vorüber, an welchem sie nähete, und grüßte sehr höflich. Nicht lange, so kam er wieder, und sie hörte ihn mit ihrem Vater reden. »Wohnt Er denn gut, Schulmeister?« fragte Quinctius. – Wollen Ihr Gnaden mein Häuschen einmal ansehen? – Quinctius kam herein, und Marie erröthete. Er erkundigte sich nach des Schulmeisters Bienenzucht, und Marie mußte dem jungen Herrn Honig holen. Endlich redete er sie auch an, und sie konnte vor Erröthen kaum eine Sylbe sagen.

Der Schulmeister mußte läuten; Quinctius blieb bei seiner Tochter. Er setzte sich neben sie, und betrachtete sie immer, ohne viel zu sprechen; sie konnte die Nadel kaum halten. Er ergriff ihre Hand; sie zog sie zurück. »Schade«, sagte Quinctius, »daß diese schöne Hand bestimmt seyn soll, für Brot zu arbeiten!« – Das ist mein Loos nun einmal, erwiederte Marie, und zog ihre Hand wieder weg. – 264 »Marie, Sie fühlen einen besseren Geist in Sich, als daß Sie ihn zu den Arbeiten einer gewöhnlichen Haushaltung verdammen sollten. Man darf Sie nur sehen, um zu wissen, wie fein Sie denken und fühlen. Nein, das ist Ihr Loos nicht.« – Marie schwieg, und sah ihn bisweilen unbemerkt von der Seite an.

Der Vater kam endlich zurück. Quinctius ging nun mit der festen Überzeugung, daß er Marien über alles liebe. »O«, dachte er; »wie fein, wie zart, wie jungfräulich! So oft ich sprach, war ihr Gesicht von holder Schamröthe bedeckt. Sie fühlt gewiß, daß ich sie liebe.« Marie war wirklich ein feines, und auch ein züchtiges Mädchen. Sie merkte, daß sie Eindruck auf Quinctius gemacht hatte, war aber entschlossen, ihn abzuweisen: denn, dachte sie, was kann er wollen? Indeß schmeichelte es ihr doch, und sie lachte in sich, daß sie ihn so oft vor ihrem Hause vorüber gehen sah. Sie zog jetzt die kleine Gardine vor ihrem Fenster zu, aber, wenn er etwa allzu lange ausblieb, wieder auf, weil sie fürchtete, daß er glauben möchte, sie wäre nicht zu Hause. Sprach ihr Vater von der Gnade, die der junge Herr auf ihn geworfen hätte, so lachte sie zuweilen halb laut; und ging sie jetzt nach dem adeligen Hofe, so putzte sie sich noch einmal so gut, als ehemals. Quinctius bemerkte das sehr wohl, und Mariens Eitelkeit schien ihm der Anfang einer romantischen Liebe. Ihre Reitze fingen nun an, wenigstens eben so starken Eindruck auf seine Sinne zu machen, als sein Plan auf seine Phantasie. Er suchte Gelegenheiten, Marien zu sprechen, und entdeckte ihr sehr bald seine Leidenschaft. 265 Sie machte Scherz daraus; er drang aber in sie, und bot ihr unter solchen Betheurungen seiner Treue Herz und Hand an, daß sie wohl sah, es wäre sein voller Ernst. Nach diesem Triumphe war des Mädchens Eitelkeit lüstern gewesen. Wie können Sie mir, sagte sie, Ihre Hand anbieten, Herr Baron? Sie vergessen, wer ich bin, und daß eine ehrenvolle Verbindung unter uns unmöglich ist. – »Unmöglich?« fragte er; »wie aber, wenn sie nun doch möglich wäre? wenn ich sie möglich machen könnte?« – Das ist und wird sie nicht, Herr Baron, sagte sie sehr fest.

»Antworte mir nur auf eine einzige Frage. Wenn ich nun von deinem Stande wäre, und dir meine Hand anböte, reitzendes Mädchen; was würdest du mir dann antworten?«

Aber das sind Sie ja nicht, Herr Baron.

»Wie aber, wenn ich es wäre? Setze den Fall, Marie, ich wäre ein Prediger, ein Kaufmann, oder dergleichen: was würdest du dann sagen?«

Aber gnädiger Herr, fühlen Sie denn nicht, wie unschicklich es wäre, wenn ich darauf antwortete? Sie sind nicht von meinem Stande, das ist das Einzige, was ich Ihnen sagen kann. Es ist unmöglich, das ist alles, was ich weiß.

»Aber du sollst antworten. Ich liebe dich zärtlich, There... Marie, wollt' ich sagen, zärtlicher als du denkst. Wie? wenn es nun ein Irrthum wäre mit diesem Stande, auf den du dich immer berufst? Wie, wenn ich auf einmal ein Bürger wäre: was würde dein Herz mir dann antworten?

Marie wiederholte, was sie gesagt hatte; allein das half nicht. Er drang in sie; und um ihn los zu werden, sagte sie 266 endlich: nun, dann wäre es ein Anderes. – »Dann würdest du mich lieben?« fragte er weiter. Das wollte sie nicht gesagt haben; er wurde aber wieder dringend, und hielt sie an beiden Händen fest. Aber, sagte sie lächelnd, dann auch keine Frage weiter, Herr Baron. Das müssen Sie mir versprechen. – Er versprach es. – Wohl denn, Herr Baron; wenn Sie von meinem Stande wären, so ... würd' ich Sie lieben!

Kaum waren diese Worte über ihre Lippen, so nahm Quinctius sie in seine Arme, drückte sie an sein Herz, und küßte sie, ehe sie es hindern konnte. »Vortreffliches Mädchen!« rief er mit Entzücken; »so habe ich dein Herz, deine Liebe, und deine Hand: denn ich bin von deinem Stande. Den Rang, den du so großmüthig ausschlägst, habe ich gar nicht. Das ist dir ein Räthsel, meine Geliebte: ich sehe es an deinen Blicken. Aber es soll sich bald auflösen. Der Liebe und der Ehrbegierde sind alle Wunder möglich. Du bist mein, süßes Mädchen, und keine Gewalt soll dich mir entreißen!«

Diese Worte flossen, mit Küssen vermischt, so schnell von Quinctius' Lippen, daß die erstaunte Marie nichts antworten konnte. Er drückte sie noch einmal in seine Arme, rief: meine Geliebte! und eilte zum Hause hinaus.

Was in aller Welt wird das? fragte Marie sich selbst. Ist er toll? Er wäre kein Edelmann? Nein, Herr Baron, dann kann doch nichts daraus werden! – Marie liebte schon längst den Jäger des Barons, einen guten und schönen jungen Menschen. Sie hatte ihm Quinctius' Zudringlichkeit 267 nicht verhehlt, und mit ihm darüber gelacht. Indeß, so ganz richtig war das nun wohl nicht, was sie dem Jäger versicherte: daß die Bewerbungen des jungen Herrn ihr gar nicht gefielen. Sie fand doch ihre Eitelkeit dadurch geschmeichelt, daß sie so unterschieden ward. Aber so weit hatte sie es eben nicht treiben wollen; und als sie es nun recht überlegte, als sie sich dessen erinnerte, was Quinctius mit so vieler Zuversicht gesagt hatte, wurde ihr in der That ein wenig bange. Nein, dachte sie; mit dem jungen Herrn darf man nicht scherzen. Sie floh jetzt alle Gelegenheiten, wo Quinctius sie allein sprechen konnte. Hätte sie ihn vorher nur halb so behutsam vermieden, so wäre er noch nicht im Stande gewesen, ihr nur ein Wort von Liebe zu sagen.

Quinctius zweifelte gar nicht, daß Marie ihn liebte, und hielt ihre Zurückhaltung nur für Bescheidenheit, für Edelmuth. Nach tausend vergeblichen Versuchen, sie allein zu sprechen, schrieb er ihr, fand aber alle seine Briefe unerbrochen auf seinem Zimmer, wohin der Jäger sie heimlich brachte. Doch endlich wußte Marie schlechterdings nicht mehr, wohin sie sich retten sollte; denn Quinctius war an allen Orten. Der Jäger wurde nun eifersüchtig. Hättest du, sagte er, ihm nie weder durch Mienen noch durch Worte Hoffnung gegeben, so müßte er toll seyn, wenn er dir so nachginge. Marie entschloß sich nun, es der Frau von Flaming zu klagen.

Frau von Flaming erschrak, besonders als Marie ihr auch sagte, daß er ihr sogar seine Hand angeboten hätte. Allein sie erinnerte sich des Ovids noch zu gut, um den Muth zu 268 verlieren. Sie machte ihren Mann aufmerksam auf Quinctius' Alter, und wußte ihn mit Feinheit dahin zu bringen, daß er sich entschloß, seinen Sohn auf eine Universität zu schicken. »Er soll sogleich hin«, sagte der Baron; »denn wahrhaftig, ich will noch einen Enkel sehen, dessen Nahmen ich mit eigener Hand in den Stammbaum schreiben kann. Laß Quinctius zu mir kommen.«

Aber wie erstaunte er, als Quinctius geradezu erklärte, er würde keine Universität besuchen. Die Mutter dachte an Marien, und lächelte. Nicht wahr, Quinctius, fragte sie bedeutend, um ihn wo möglich zu schrecken: du hast geheime Ursachen, hier bei uns zu bleiben?

Hier zu bleiben? antwortete Quinctius sehr ruhig: mit nichten, liebe Mutter; ich will, ich muß von hier weg.

»Aber was willst du denn werden?« fragte der Vater.

Ein Kaufmann, antwortete Quinctius wieder sehr ruhig. Der Vater erstarrte. Die Mutter sah ihn errathend an, weil sie vermuthete, daß er einen Vorwand hier zu bleiben suche. »Ein Kaufmann?« sagte der Vater langsam. »Quinctius, du bist ein Freiherr!«

In England, Vater, handelt jeder Edelmann. Der erste Pair des Reiches hält es für eine Ehre, Theil an dem Handel zu haben, der für alle Nationen die Quelle des Reichthums und des Wohls ist. Wenn der stolze Engländische Edelmann sich nicht schämt ...

»So sollst du dich schämen, du, ein Römischer, ein Deutscher Edelmann! So sollst du dich schämen, einen deiner Vorfahren in der Erde zu beschimpfen, der das Gesetz gab, 269 daß keiner von Adel Handel treiben soll. Sieh, Ronichen, von meinem Nahmen heißt dies Gesetz das Flaminische. Der Konsul Flaminius, der über die Insubrier triumphirte, gab es; und – pfui! – sein Urenkel will ein Gesetz brechen, das alle Edelleute bis jetzt heilig gehalten haben. Sieh, Ronichen, es ist der größte Glanz meiner Familie, daß alle Edelleute, Grafen und Barone einem meiner Vorfahren gehorchen müssen bis an den jüngsten Tag. Ein Flaminius verbot dem Adel, Handel zu treiben, und der Adel gehorcht; nur der, der ausgeartete Mensch da, der Urenkel des Gesetzgebers, will das Verbot übertreten. Der Bube weiß es; er hat es mir noch vor einem Monathe vorlesen müssen.«

Aber Vater, gab denn dieses Gesetz nicht eben der Cajus Flaminius, den Sie immer Cajus Dummhut nennen? dieser Schmeichler des Volkes, den das Volk eben deswegen wieder zum Konsul wählte, weil er dem Adel das heilige Recht zu handeln raubte? dieser Tollkopf, der sich von Hannibal in den engen Pässen schlagen ließ? dieser ...

»Sieh, Ronichen! Schimpf und Schande habe ich davon, daß der Junge Latein gelernt hat. O, ich sagte es gleich! Nun stellt er sich her, und kapittelt seine Vorfahren ab, bringt seine eigene Schande unter die Leute. Sieh, Ronichen, ich wollte es dir mit Vorsatz nicht sagen, daß es Cajus war, um dich nicht damit zu ärgern. – Doch halt! warum willst du ein Kaufmann werden?«

Um mir Reichthum zu erwerben. Ich bin arm, und will arm seyn. Das Vermögen, das Sie besitzen, gehört nicht mir. Ich sehe es als ein heiliges Familien-Depot an, das 270 ich meinen Enkeln geben muß, wie ich es empfangen habe. Was ich gebrauche, will ich verdienen. Der große Quinctius, mein Ahnherr, gab das Familienvermögen hin, um die Strafe seines Sohnes zu bezahlen. Er lebte von seiner Hände Arbeit, und war der Stolz Roms, wie er der Stolz jeder Nation seyn würde.

»Ja, Ronichen, das ist richtig. Es war ein großer Mann, vor dem ganz Rom und alle die tollen Tribunen zitterten.«

Und so will auch ich leben: von meiner Arbeit. Er trieb den Pflug, und ich will handeln.

»Aber, Quinctius, bedenke doch! Ein Flaming gab das Gesetz ...«

Und ein Flaming soll es wieder aufheben, weil es tyrannisch ist.

»Lieber Gott! du verlierst ja den Adel, wenn du handelst. Bedenke doch das, mein Sohn!«

Quinctius lächelte. Das weiß ich, Vater. Ich verliere dadurch den Adel; aber ich will ja eben Kaufmann werden, um ihn zu verlieren, und mir dann durch mein Vermögen, durch meine Talente, einen neuen Adel zu erringen. Dann bin ich, was keiner von meiner Familie war: der Letzte meines Stammes, und zugleich der Erste. Dann habe ich, was ich haben will, den Adel des Verdienstes, und gebe meinen Vorfahren zurück, was ihnen gehört, ihre Verdienste. –

Jetzt fing die Frau von Flaming an, aufmerksam zu werden. Ihr Mann schien das nicht ganz zu mißbilligen, was Quinctius sagte. Ein doppelter Adel, ein Nahme in zwei Stammbäumen! Er überlegte das mit Kopfschütteln. »Aber 271 Quinctius«, warf er ein, »wenn du dir nun keinen neuen Adel erwirbst?«

So war ich des alten nicht werth. O wehe, Vater, wehe dem Manne, der weniger will!

»Was, der Teufel!« schrie der Vater jetzt; »ich wäre also meines Adels nicht werth? und du wolltest dann als Kaufmann leben und sterben, und mein Nahme Flaming sollte untergehen? Ungerathner Bube!« – Nach einer Pause fing er wehmüthig wieder an: »Quinctius, mein Sohn, ich bitte dich. O, ich will meinen Kopf zum Pfande setzen, das ist wieder so ein Stück von Plato, oder wie der Mensch sonst heißt. Seht, daran ist die verfluchte Gelehrsamkeit Schuld! Denn, Ronichen, du magst sagen, was du willst, hat er nicht alle die dummen Streiche aus den Büchern? O, ich weiß, wie das zugeht! Gerade wie der Papst. Weil der nicht turnierfähig war, so brachte er die Turniere in Mißkredit, legte einen Bann darauf, und erreichte nachgerade seinen Zweck. Sieh, so ist es auch mit den Gelehrten und ihren verwünschten Büchern. Stiftsfähig sind sie nun einmal nicht, und ihre Würde erbt nicht fort, ob sie wohl in etlichen Stücken dem Adel gleich geachtet werden; denn sie wurden vor Zeiten, wie der Adel, Ihr, und nicht Du, genannt. Wie heißt der Ausdruck, Quinctius?«

Vossitantur.

»Recht, so heißt es, Ronichen. Und sie durften adelige Kleider tragen. Damit hätten sie sollen zufrieden seyn, die Neidhardte. Aber nein. Sieh! da schreiben sie: die hohen Domstifter wären jetzt nichts mehr, als verkehrte 272 Einrichtungen, um einige Faulwänste zu mästen. Aber ich setze meinen Stammbaum da zum Pfande, mache einer einmal die Gelehrten zu Domherren: sie schweigen mäuschenstill. Und dann schreiben sie wieder in die Welt hinein: der Adel, ohne Verdienste, wäre der Vorrechte nicht werth, die seine Ahnherren durch große Thaten erworben hätten. Dummes Zeug, und kein Ende! als ob beim Adel von Verdiensten die Rede wäre! Das alte Blut, Ronichen, das alte Blut – das ist es. Und der Glanz von Kaiser und Reich, der allein vom Adel herkommt: daran denken sie mit keiner Sylbe. Und dann ist ja das ganze Reich auf den Adel gegründet, und die ganze Bibel, wie Beyer mir bewiesen hat, ebenfalls auf Schild und Helm. Da steckt es! Wenn die Feinde, die Türken, hereinbrechen, dann sitzen die Gelehrten mäuschenstill, und rufen nach dem Adel, und wir müssen dann mit Gut und Blut abwehren. Hinterher schneiden sie ihre Federn, und schelten, was sie nur können. Der Adel soll Verdienste haben. Ja, die hat er von seinen Vorfahren her um Kaiser und Reich. Und wie viele Gelehrte giebt es denn nicht, die keine Verdienste haben! Von allen sieben Künsten, die sie wissen sollten, wissen sie nicht Eine, und heißen doch Magister, Professor, und Doktor! Sieh, in so einem verdammten Buche hat der Narr das aufgegabelt, von dem Adel des Verdienstes, und so weiter. Darum will er ein Kaufmann werden! ... Du verlangst nichts von deinen Vorfahren, sagst du? Nichts? auch nicht das edle Blut, das in deinen Adern fließt? So laß es dir abzapfen, wie ein Mensch, den ein toller Hund gebissen hat; denn das Blut, 273 du ungerathener Bube, gehört deinen Vorfahren. Es ist ein heiliges Depot, das du nicht beschimpfen darfst. Das Blut! das Blut! da steckt es! Antworte darauf, wenn du kannst.«

Lieber Vater, Lucius Flaminius verlor den Adel, weil er ein Bösewicht war, ein elender niederträchtiger Bösewicht. Er hatte doch in seinen Adern das Blut der Quinctier so rein, wie Cincinnatus. Warum verlor er also den Adel? Er war an Verdiensten seinen Vorfahren nicht gleich. Bin ich es denn? was hab' ich denn gethan? Nichts, gar nichts. Ich lege meinen Adel so lange ab, bis ich ihn mit Ehren wieder aufnehmen kann. Sie schelten mich ja einen Narren, einen ungerathenen Buben. Soll ...?

»Sieh nur, Ronichen, die Spitzfindigkeiten! Nein, mein Sohn, Quinctius, ich will dich nie wieder so nennen. Du bist ein guter, edler Edelmann. Aber ich bitte dich, Quinctius, was erwähnst du es denn wieder, daß der Lucius zu unserer Familie gehört hat? Und wer weiß, ob er nicht ein Bastard gewesen ist, oder ob nicht die Gelehrten den ganzen Handel aus Neid gegen meine Familie erlogen haben. Laß doch die dummen Dinge! Und so ist die Sache abgethan. Ein Kaufmann wirst du nicht, damit holla! Und mach mich nicht ärgerlich! Und, Ronichen, das von dem Lucius – hörst du? – das muß unter uns bleiben!«

Quinctius ging, ohne ein Wort zu erwiedern. Sonst ward der Baron nach einer solchen Scene immer bald wieder heiter; aber jetzt blieb er still und finster sitzen. Er sah seine Frau an, und schüttelte den Kopf; er sah seine 274 Stammbäume an, und schüttelte den Kopf. »Ach, Ronichen! der Quinctius macht mir viele Sorge. Sieh, da hangen die prächtigsten Stammbäume, die je einer besessen hat, nur die Juden ausgenommen, die ehemals ihre Abstammung bis auf Adam beweisen konnten. Darum waren sie auch das auserwählte Volk, und es kamen weit und breit Könige und Königinnen zu ihnen, und alle Völker ehrten sie, und sie besiegten alle Völker der Erde. Ronichen, sieh! als nun meine Vorfahren Jerusalem verbrannten, da wurden die Stammbäume wahrscheinlich mit verbrannt, und seitdem hatten die Juden kein Glück und Stern mehr. Daß mit der Zerstörung Jerusalems auch ihre Geschlechtsregister aufgehört haben, das kann ich dir vorlesen aus einem Buche. Und mit ihren Geschlechtsregistern war auch ihr Muth weg, und sie hatten keinen Tropfen Ehre mehr im Leibe. Das ist auch ganz natürlich. Weiß ich, wer mein Ur-ur-Ältervater gewesen ist, so schäme ich mich doch, weniger zu seyn als er. Du siehst also, was ein Stammbaum zu bedeuten hat! Darum sind auch die Juden jetzt aller schlechten Streiche fähig, und lassen sich schimpfen und stoßen, ohne sich zu rühren ... Sieh, wollt' ich sagen, also habe ich, die ehemaligen Juden ausgenommen, die herrlichsten Stammbäume in Europa. Denn die Gemmingen und die Sickingen sind wohl eben so alt, wie die Flaminge; aber nicht Einer ihrer Vorfahren reicht unserm Cincinnatus und dem Titus das Wasser. Und von Lucius, Cäso und Cajus weiß Niemand ein Wort, als wir und Beyer; und es muß auch nicht auskommen. Sieh, dein Stammbaum ging nur bis 1600, und meiner nicht 275 einmal so weit. Nun habe ich deinen aus dem Rüxner, dem Spangenberg und andern Büchern ausgezogen. Wo ich nur einen Nothafft fand, da nahm ich ihn; und Gott Lob! es ist mir gelungen. Dein Stammbaum geht nun bis 939. Mit meinen Vorfahren hatte es keine Noth. Der Livius war wohl nur ein Heide, aber doch ein ganzer Kerl. Indeß, lieber Gott! wie es überall geht – bei jedem Glück ist auch ein Unglück. Ich muß es dir entdecken, Ronichen; aber schweig davon, und laß es nicht über deine Zunge kommen. In allen Büchern, die vom Deutschen Adel handeln, habe ich auch nicht ein einziges Mal den Namen Flaming finden können. Ach, Ronichen! das hat mir schon lange schwer auf dem Herzen gelegen. Nicht ein einziges Mal! Bei keinem Turnier war ein Flaming, bei keinem! Ein paar Flemminge waren da, und ich war schon ein Paarmal Willens, aus dem e ein a zu machen; aber ich wollte doch nicht Fremden ihre Ehre stehlen. Das konnte ich nicht, Ronichen.«

Und das wird dir Gott belohnen, liebster Mann! sagte die Frau von Flaming. Sie fühlte das wahrlich schwere Opfer, das ihr Mann hierbei der Redlichkeit und der Gerechtigkeit gebracht hatte. Aber, sagte sie, vielleicht waren die Flaminge nicht in Deutschland? – Der Baron schüttelte den Kopf. »Das dachte ich Anfangs auch, und darum ließ ich mir den Joinville kommen. Ich habe ihn ganz durchgelesen, ohne ein Wort zu verstehen, weil ich den Namen Flaming zu finden hoffte. Aber er steht nicht darin. Das Wort Flamme fand ich wohl hundertmal; und das, sagst du mir ja, heißt Feuer. Nun siehst du, wie der Quinctius ist: den Lucius, den Cäso, 276 den Cajus führt er immer im Munde. Ich habe nun so eine kleine Familiengeschichte aufgesetzt, die ihr nach meinem Tode bei meinem Testamente finden werdet. Sieh, Ronichen, der Menschen wegen, nicht wegen der eitlen Ehre, habe ich hinein geschrieben, daß 939 ein Flaming im Stechen den Preis erhalten habe von einem Fräulein Nothafft. Du weißt, wie lieb ich dich habe. Sieh, es war immer mein Wunsch, daß unsere Vorfahren sich gekannt hätten. Und nachher habe ich noch ein Paar Flaminge bei Turnieren zugegen seyn lassen. Ich thäte doch keinem Unrecht, dachte ich. Kommt nun aber Quinctius nach meinem Tode einmal über das Turnierbuch (bis jetzt habe ich es immer weggeschlossen), und findet, daß kein Flaming turniert hat: so – du kennst ihn – so spricht er von nichts, als daß seine Vorfahren nicht turniert haben, und mein ganzer Stammbaum wird dadurch ungewiß. Sieh, liebes Ronichen, deswegen bitt' ich dich, sobald ich todt bin, verbrenne den Rüxner und Spangenbergs Adelspiegel, daß der Junge sie nicht in die Hände bekommt. Darauf gieb mir die Hand, liebes Ronichen.«

Sie that es mit Rührung. – »Aber höre, Ronichen, verbrenne um des Himmels willen die Bücher nicht eher, als bis du gewiß weißt, daß ich todt bin. Manchmal liegen die Leute in Ohnmacht, und leben hernach wieder auf. Also, Ronichen, nicht eher, als an meinem Begräbnißtage.«

Frau von Flaming versicherte ihm das, und er wurde in dieser Rücksicht wieder ruhig, so sehr es ihn auch quälte, daß kein Flaming turniert hatte. – Doch bald zerstörte das Schicksal seine unschädlichen Freuden.

277 Frau von Flaming machte alle mögliche Versuche, Quinctius vom Hause zu entfernen; aber es gelang ihr nicht. Ihr Mann war jetzt eben so sehr gegen die Universität, wie Quinctius selbst. »Die verfluchte Gelehrsamkeit!« sagte er; und Quinctius blieb fest bei seinem Vorsatze, ein Kaufmann zu werden. »Dann verliere ich den Adel«, dachte er; »dann wird Marie mein. Und wie ich den Handel treiben will, kann es nicht fehlen, er muß mich bereichern. Ich will werden, was ehemals die Fuggers waren. Man wird meine Verdienste belohnen, und mein Vater soll sich freuen, wenn er seinen Sohn doppelt geadelt sieht.« Diese kleine Abweichung von der glücklichen Gärtnerin erlaubte er sich, weil es ihm an Mut fehlte, und weil er also keine Wahrscheinlichkeit hatte, als Soldat bald so in die Höhe zu steigen, wie er es wünschte.

Da seine Mutter ihn nicht entfernen konnte, so fing sie an, ihn zu beschäftigen, was ja bei Lissow geholfen hatte. Quinctius arbeitete mit unverwüstlicher Geduld: allein nach jeder Arbeit suchte er Marien eben so emsig auf, wie vorher; und wenn er ihrer habhaft werden konnte, so gab er ihr die ruhigsten Versicherungen, daß der Zeitpunkt bald da sey, wo er sich mit ihr verbinden dürfe und wolle. Marie wußte nicht aus und ein. Sie mochte dem jungen Herrn jetzt noch so viel versichern, daß er nie ihre Hand erhalten würde; er lächelte, und glaubte es nicht. »Ich weiß, Marie, wie du denkst und fühlst«, sagte er mit unerschütterlicher Zuversicht. »Die Zeit wird alles aufhellen.«

Frau von Flaming hatte Marien befohlen, ihn verächtlich 278 zu behandeln. Marie versprach es zwar; allein sie that es nicht. Denn, sagte sie zu sich selbst: er ist doch ein Baron, und vielleicht hängt meines Geliebten Glück bald von ihm ab. Sie war ehrerbietig gegen ihn, wenn er sehr in sie drang, oft verlegen, wie sie ihn überhaupt behandeln sollte. Quinctius schloß hieraus auf ihre Liebe, und nannte ihre Verlegenheit: das letzte Wanken ihres liebenden Herzens.

Seine Mutter wußte nicht, was sie von ihm denken sollte. Mariens verächtliches Betragen (denn das, sagte Marie, beobachte sie gegen ihn) schreckte ihn nicht ab; die Beschäftigungen machten ihn nicht kälter, und änderten in seinem Verhalten nichts. Er arbeitete den Tag über mit musterhafter Ruhe und Besonnenheit. Aber kaum war er fertig, so schlich er zu Marien, suchte eben so ruhig und besonnen Gelegenheit, sie zu sprechen, und redete dann zu ihr mit einem so leidenschaftlichen Feuer, daß sie seiner Mutter nicht genug davon sagen konnte. Der ganze Ovid war an ihm verloren. O, dachte seine Mutter, so giebt es doch eine Seite dieser wunderbaren Leidenschaft, welche ein solcher Kenner des menschlichen Herzens nicht kannte! Sie irrte sich sehr; denn Quinctius liebte Marien nicht. Er redete, wie sein Roman ihn lehrte; trieb seinen Liebeshandel, wie ein Geschäft, sehr ordentlich und besonnen; schlief die Nächte durch sehr ruhig, und dachte an Marien nicht anders, als an jeden Gegenstand seiner Eitelkeit. Selbst die Sinnlichkeit, die durch Mariens Reitze mit ins Spiel kam, wurde bei ihm nie überwiegend. Er konnte, wenn ein Geschäft seine Eitelkeit rege gemacht hatte, Marien sogar 279 vergessen, ob er gleich sich selbst überredete, daß er sie unendlich liebe.

Die Mutter würde nun wahrscheinlich Anstalt gemacht haben, Marien zu entfernen, wenn nicht andere Gegenstände ihre Aufmerksamkeit auf sich gezogen hätten.

Frau von Amsel lebte mit ihrem Manne und ihrer Tochter in der Nähe des Flamingischen Gutes. Sie hatte schon, als Flaming sich verheirathete, das Gift ihrer Zunge über das gute Fräulein Veronika von Nothafft ausgegossen, und ihren Adel bezweifelt, weil es ihr Plan gewesen war, daß der Baron ihre Schwester zur Frau nehmen sollte. Indeß der Umgang mit Flaming und seinem Hause ging wieder an, so sehr es sie auch ärgerte, daß sie es ihm an Aufwand nicht gleich thun konnte.

Frau von Flaming wußte das; sie kleidete sich daher, wenn sie zu Amsels fuhr, immer sehr einfach, und steckte nur ihren schlechtesten Ring an den Finger. Das verdroß die Frau von Amsel aufs neue. Ich glaube, sagte sie, die Närrin verachtet uns; sie kommt ja immer wie eine Bürgersfrau aufgezogen. Noch mehr aber verdroß es sie, daß der Baron seine und seiner Gattin Familie aus dem grauesten Alterthume herleitete. Sie wurde immer grüngelb, wenn er von den Quinctiern anhob, was er sicher in jeder Gesellschaft that; und dennoch war niemand geschäftiger, als eben sie, die kleinsten Umstände davon herauszubringen. Der Baron hatte ihr schon hundertmal im Rüxner sowohl die Katharina, als die Veronika von Nothafft zeigen müssen, ob ihr gleich all ihr Blut ins Gesicht stieg, wenn sie die Nahmen 280 erblickte. »Ja, ja!« sagte dann der Baron wohl: »alter Wein, gnädige Frau, und alter Adel, das sind die zwei edelsten Dinge in der Welt!«

Noch hatte sie nicht gefragt, ob die Amsels nicht ebenfalls auf Turnieren gewesen wären. Sie fürchtete, der Baron möchte ihr nein antworten, und wenn sie auch zehnmal im Rüxner ständen; denn sie fühlte, daß sie selbst einer solchen Unwahrheit fähig wäre. Endlich aber fragte sie doch einmal, nachdem sie dem alten Baron eine Stunde lang die größten Schmeicheleien gesagt hatte: haben denn auch Amsels turniert? Der Baron strich sich unruhig über das Gesicht. »Hm! gnädige Frau«, hob er stockend an: »der Nahme Amsel steht zwar nicht im Turnierbuche; allein es mögen doch wohl Einige von der Familie turniert haben. Man hat die Nahmen vielleicht nicht aufgeschrieben.« Der gutherzige Baron wollte die Pille versilbern; aber er schlug in die Kohlen. So? sagte die Frau von Amsel spitz. Also meines Mannes Vorfahren waren nicht so viel werth, daß man ihre Nahmen aufschrieb? Aber Ihre Vorfahren, ja, die verdienten es! O, wer weiß, welcher schlechte Kerl das Lügenbuch gemacht hat! (Sie schlug dabei auf den Rüxner.) Warum sollten denn die Amsels nicht so gut turniert haben, wie Ihre Vorfahren? Da sieht man's: Lügen sind es! Lügen!

Sie hätte dem Baron ins Gesicht sagen können: er lüge; es würde ihn nicht so aufgebracht haben, als daß sie den Rüxner des Lügens beschuldigte. »Ho! ho! meine gnädige Frau!« sagte er, und schob das Buch auf die andere Seite des Tisches: »Kerl? Nehmen Sie nicht ungnädig, Rüxner 281 hat das Buch geschrieben, nicht erfunden. Die ersten Turnierstücke sind von Meister Philips, Kaiser Heinrichs Kanzler. Und wenn Sie's denn wissen wollen, so sind die Amsels eine neue Familie, wie man es auch dem Nahmen gleich anhört. Denn kein Adeliger wählte vor Alters den Nahmen eines so kleinlichen, geschwätzigen Vogels, wie eine Amsel. Eigentlich gar keinen andern Vogelnahmen, als von Raubvögeln, z. B. Aarhorst, Falkenstein, Geiersbach. Nein, nein, dem Rüxner können Sie trauen, wie der Bibel. Ich lasse ihm kein Haar krümmen. Die Amsels sind neu, meine gnädige Frau.«

Man denke sich den Zorn der Frau von Amsel! Sie warf ihrem Manne den Abend, als sie zu Hause war, hundertmal seinen närrischen Nahmen vor. Lieber Gott! sagte der Herr von Amsel betrübt: das ist ja doch nicht meine Schuld. Ich wollte, daß ich Bachstelze hieße, oder Staar, oder wie du sonst willst. Mir wäre es recht. – Das ärgert mich gerade nicht, rief sie voll Grimm; aber ich weiß, die Amsels haben turniert, so gut wie die Flamings. Der alte neidische Kerl will es nur nicht gestehen. Sieh, Amsel, wenn du wieder einen guten Tag haben willst, so schaffe mir das verdammte Buch, mit dem der Baron so groß thut. Ich will doch wissen, ob die Amsels turniert haben oder nicht!

Der Herr von Amsel versprach, es zu schaffen, und wendete sich deshalb an den Prediger des Dorfes. Dieser bemühete sich um das Buch, und erhielt es auch schon in einigen Tagen von einem benachbarten Antiquarius, mit dem er in Verkehr stand. Nun hatte es die Frau von Amsel, 282 und, was noch mehr war, in den beiden dicken Quartbänden zwanzig andere Schriften über den Adel dazu. Sie suchte, und suchte, und konnte es nicht gebrauchen. Der Prediger mußte selbst kommen, und sich Vorwürfe machen lassen, daß er ein unbrauchbares Buch gekauft hätte. Er schlug der Frau von Amsel das Turnierbuch auf, und las ihr die Nahmen aller darin stehenden Ritter vor. Da kam Katharina Nothafft; dann Veronika Nothafft. O weiter! rief sie: suchen Sie Amsels! Amsels suchen Sie! – Da war kein Amsel; aber Nothaffts die Menge.

Sie wollte verzweifeln, setzte sich selbst vor das Buch, suchte, und fand keinen Amsel. – Aber jetzt fiel ihr ein, daß auch kein Flaming vorgekommen war. Sie las in drei Tagen das Register noch einmal durch, und fand keinen Amsel, aber zu ihrem Triumphe doch auch keinen Flaming.

Nun fuhr sie zu dem Baron. Richtig war der nach einigen Stunden wieder bei den Römern und den Turnieren. Frau von Amsel lächelte. Aber, Herr Baron, haben denn auch einige von Ihrer Familie turniert? Diese Frage hatte noch niemand an den Baron gethan. »Hm! hm! von meiner Familie? Ei nun ja! das versteht sich.« – So? Ich habe ja das Turnierbuch auch, und da will sich kein Flaming finden. – Dem Baron war, als ob ihn der Schlag rührte. Frau von Amsel hatte ihr Turnierbuch im Wagen mitgebracht, und ließ es holen. Er lebte wieder auf, als er die Quartanten sah; denn er besaß die Ausgabe in Folio. »Das ist mein Lebtage kein Turnierbuch«, rief er freudig. Aber wie sank ihm der Muth, als die Frau von Amsel es aufschlug und vorlas! 283 Leider war es das Turnierbuch. Zeigen Sie mir einmal Ihres, sagte die Frau von Amsel eifrig: ob da ein Flaming steht! – »Ach!« seufzte er laut, und der Schmerz riß an seinem Leben.

»Die Flaminge«, hob er endlich mit matter Stimme an, »waren damals, zu den Zeiten der Turniere, in Frankreich. Das steht in einem Französischen Buche, dem Joinville.« – Zeigen Sie einmal, rief die Frau von Amsel, die desto eifriger wurde, je mehr der Baron den Sieg fahren ließ: wo steht das? Mein Mann kann Französisch. – »Ach!« seufzte er wieder sehr tief, und wurde blaß: sein Gewissen schlug ihn aus diesem Winkel.

Frau von Flaming nahm nun den Faden des Gespräches auf, ob sie sich gleich sonst nie in Adelsangelegenheiten mischte. Und wenn auch meines Mannes Vorfahren damals nicht in Frankreich gewesen sind, so müssen sie doch irgendwo gewesen seyn; denn ehe noch an einen Nothafft gedacht war (und meine Familie steht doch in Ihrem Buche), hatten die Flaminge schon in Rom ganze Nationen besiegt, Triumphe gehalten, Gesetze gegeben, regiert, und so weiter.

»Das Gesetz, daß kein Adeliger Handel treiben darf, Ronichen!« sagte der Baron matt.

Das Gesetz gab Cincinnatus, und –

»Nein, ein Flaminius, Ronichen; den Vornahmen aber weiß ich nicht. Und Titus Flaminius, Ronichen ...«

Ja, Frau von Amsel. Titus Flaminius, das war ein Mann! Er that Dinge, die man noch jetzt bewundert.

284 »Besiegte den König Philipp von Macedonien, Ronichen, und machte Griechenland frei bis auf den heutigen Tag; und Cincinnatus ...«

Ja, und Quinctius und Capitolinus! Einer von ihnen that mehr, als alle Deutschen Edelleute zusammen gethan haben.

Ja, aber turniert haben sie doch nicht! sagte die Frau von Amsel ein wenig kleinlaut.

Hm! erwiederte die Frau von Flaming: das ist sehr natürlich; es war niemand da, mit dem sie es der Mühe werth finden konnten zu turnieren. Vielleicht zählten sie tausend Ahnen, und die Deutschen Edelleute, selbst die ältesten, als die Nothaffte, zählten erst vier. Die Flaminge wollten nicht turnieren, das war es.

Mit allen seinen Adelskenntnissen hätte der Baron so etwas nicht hervorgebracht, das nun die Frau von Amsel vollkommen in die Flucht schlug. So? sagte diese; so? Und sie konnte, so lange sie blieb, kein Wort mehr finden. Der Baron hatte zwar gesiegt; aber der Sieg war ihm sehr hoch zu stehen gekommen. Er betrachtete seine geliebten Stammbäume noch eine Stunde mit tiefen Seufzern, und schüttelte bei allen Trostgründen, die ihm seine Frau sagte, ungläubig den Kopf. »Sie haben den Rüxner; und Spangenbergs Adelsregister steht hinten daran im zweiten Theile. Ich habe es gesehen. Und kein Flaming ist darin! Und des Grafen Solms Register; und kein Flaming! Und das Verzeichniß aller Bischöfe! Die Turniere sind das Wenigste, Ronichen; ich könnte sagen, meine Familie wäre aus 285 Sachsen. Die Sachsen haben nicht turniert. Aber, Ronichen, das Verzeichniß aller Bischöfe in Lübeck, Halberstadt, Magdeburg, Naumburg und so weiter; und überall kein Flaming, kein Flaming an allen Orten! Ach, Ronichen, die Amsel bringt heraus, daß man nirgends einen Flaming findet. Es ist vorbei! Gott sey Dank, Ronichen, daß ich nur dich habe! Sie können mir doch nicht abläugnen, daß eine Katharina von Nothafft Anno 939 auf dem Turniere zu Magdeburg gewesen ist. Gott Lob!«

Der gute Alte tröstete sich zu früh damit. – Frau von Amsel kam wüthend zu Hause, und erzählte ihrem Manne heulend, welche Beschimpfung die Bettelprinzessin, die Flamingen, ihr angethan hätte. Ihr Mann sowohl als der Prediger, der gerade bei ihm war, suchten sie zu beruhigen; aber vergebens.

»Glauben Sie denn in Ernst, gnädige Frau«, sagte endlich der Prediger lächelnd, »daß eine Nothafft in Magdeburg auf dem Turniere gewesen ist? Das ist ja eine lächerliche Fabel, die ein Kind widerlegen kann. – Es steht ja da gedruckt. Lesen Sie doch nur! – »Es ist viel gedruckt, Ihr Gnaden; aber es fragt sich, ob es auch wahr ist.« – Herr Pastor, wenn Sie das beweisen können, so soll mein Mann Ihnen den Acker pflügen, und Sie den Prozeß gewonnen haben! – (Der Prediger führte schon seit zwei Jahren einen Prozeß mit der Frau von Amsel über das Pflugrecht des Pfarrackers: mit dem Herrn von Amsel nicht; der zuckte die Achseln, wenn von der Sache die Rede war. Nun ließ der Prozeß sich sehr leicht beendigen.) Der Prediger nahm die 286 Quartanten mit nach Hause, blätterte, und fand gleich in der Vorrede die Versicherung, daß Meister Philipsens Turnierstücke unecht wären. Er setzte etwas darüber auf, das diese Versicherung noch mehr ins Licht stellte. Beim weiteren Lesen fand er, daß Rüxner selbst in seinem Turnierbuche die Echtheit derselben bezweifelte; ja, noch mehr, daß die größere Hälfte der Turniere eine Erfindung der späteren Schriftsteller sey. Er sammelte die Zeugnisse darüber, erhob die Zweifel zur Gewißheit, und erbot sich endlich, um die Frau von Amsel vollkommen zu überzeugen, ein Responsum darüber von jeder Universität zu schaffen, wenn sie die Kosten anwenden wolle.

Am folgenden Morgen trug er seine kleine Schrift mit den beiden Quartanten zu der Frau von Amsel, und ließ sie selbst die dahin gehörigen Stellen in dem Buche lesen. Er überzeugte sie so schnell von der Wahrheit seiner Behauptung, und sie hatte eine so große Freude darüber, daß sie ihr Wort nicht wieder zurücknahm, was er befürchtet hatte. Aber jetzt mußte der Prediger sie recht gründlich unterrichten; und nach drei Tagen war sie im Stande, den Beweis so gut zu führen, wie er selbst. Herr von Amsel mußte sich noch andre drei Tage mit dieser Auseinandersetzung quälen lassen. Die Frau von Amsel ging im ganzen Hause umher, schlug Knipschen, und rief: Meister Philips hat gelogen! Die Domestiken im Hause wünschten nichts mehr, als daß Meister Philips, den sie übrigens nicht kannten, alle Tage lügen möchte; denn es regnete jetzt keine Ohrfeigen.

287 Nach vier Wochen – die Frau konnte wirklich ihren Triumph so lange aufschieben, um ihn desto vollendeter zu haben – war ihr Geburtstag. Auch Flamings wurden zu der großen Gesellschaft eingeladen, die das Fest bei ihr feiern sollte. Der Baron trat mit einem ahnenden Schauder in das Haus, und wurde von der Frau von Amsel äußerst freundlich empfangen. Zum ersten Male sprach er heute bei Tische nicht von Rom und den Turnieren; und kam man von ungefähr darauf, so lenkte er das Gespräch geflissentlich ab. »Nein, nein«, hatte er zu seiner Frau schon im Hinfahren gesagt: »ich will mich hüten. Die Amsel ist ein Hannibal. Ich werde klüger seyn, als Cajus Dummhut, und nicht Front gegen sie machen. Ronichen, du mußt niemals den Vornahmen mit nennen, wenn du etwa von dem Flaminischen Gesetze sprichst. Sie soll mich nicht wieder in die Enge bringen, wie damals. Es liegt mir noch in den Knochen. Aber wer konnte auch denken, daß der Drache den Rüxner hatte! Ein wahrer Volkstribun ist die Amsel. Gott behüte jeden Menschen vor dieser Frau! Ich fürchte mich gerade nicht vor ihr: denn mit dem Übrigen hat es seine Richtigkeit; und Lügen, Ronichen, hat all mein Tage nicht gut gethan. Das hab' ich empfunden!«

Nach Tische, als die Gesellschaft bei dem Kaffee saß, konnte Frau von Amsel nicht länger schweigen. Sie lobte des Barons große Kenntniß in Adelssachen; und die ganze Gesellschaft stimmte mit ein. Aber doch Eins, Herr Baron, fuhr sie freundlich fort: wir haben uns nun seit der Geburt Ihres Sohnes – ach, lieber Gott! warum haben Sie denn 288 aber den jungen Herrn nicht mitgebracht? – ja, seit Ihres Herrn Sohnes Geburt haben wir uns nun Alle auf das Turnierbuch verlassen, und den Junkern und Fräulein Nahmen daraus gegeben. Und nun denken Sie einmal, Herr Baron, an dem ganzen Buche ist nicht ein wahres Wort. So kann man sich irren! – Der Baron lächelte. »Ei! Sie haben das Buch ja selbst. Warum sollt' es denn nicht wahr seyn!« – Ja das Buch, lieber Herr Baron, ist wohl da; aber es steht nichts darin als Lügen.

Der Baron fing Feuer. Seine Frau wollte das Gewitter ableiten; aber er sagte: »Ronichen, laß nur! Hier bin ich auf freiem Felde. Hier kann man mit Gott und Ehren Front machen. Was? Lügen ständen in dem Buche?«

Ja, zu Magdeburg ist ja niemals ein Turnier gewesen.

»Ha! ha! ha! Die Stammmutter meiner Frau, Katharina von Nothafft, hat ja die Helme mit beschaut. Geben Sie doch her!« Er schlug das Turnier auf, las mit lauter Stimme, hielt den Finger unter den Namen Nothafft, ging rund herum, und zeigte ihn jedem in der Gesellschaft. »Sehen Sie doch nur. Konnte denn wohl der Kanzler eines Kaisers so unverschämt seyn? Da würde ja der Kaiser gesagt haben: Meister Philips, Ihr lügt! (Denn die Bürgerlichen in Amt und Würden hießen alle Ihr, wie der Adel.) Ihr lügt ja ganz abscheulich. Was? ich hätte zu Magdeburg turniert? Es ist ja nicht wahr!«

Die Gesellschaft nickte ihm Beifall zu. Nun aber schlug die Frau von Amsel ihm eine andere Stelle auf. Lesen Sie doch dies, Herr Baron. Flaming fing an, die Stelle zu lesen, 289 worin die Artikel des Meister Philips für eine Fabel erklärt werden; und das Buch sank ihm aus der Hand, ehe er noch zu Ende war. Frau von Amsel las die Stelle ganz aus. Man stritt nun dafür und dawider. Der Baron saß wie ein Geist da, und hörte stillschweigend zu; seine Frau allein kämpfte noch ritterlich. Aber die Frau von Amsel war ihrer Sache zu gewiß. Sie las nun Rüxners Behauptung: das alte Turnierbuch sey erdichtet. Da stand der Baron noch einmal auf, und las die Stelle selbst. Ein tiefer Seufzer entfuhr seiner Brust; seine Arme sanken schwach und matt an ihm nieder. Er setzte sich langsam zu seiner Frau, und flisterte ihr zu: »das ist mein Tod, Ronichen! Rüxner sagt es selbst!«

Während dessen überzeugte die Frau von Amsel die Gesellschaft vollkommen, und rief triumphirend: Meister Philips hat gelogen! – Ja, ja! Meister Philips hat gelogen! sagte die ganze Gesellschaft nach. – Sie sehen, liebster, bester Herr Baron, fing die Frau von Amsel wieder an: mit den Turnieren der Nothaffte ist es eben so weit her, wie mit den Turnieren der Flaminge.

»Nun denn, so hol es der Teufel!« rief der Baron auf einmal heftig. »Laß anspannen, Ronichen!« Er schwankte in ein anderes Zimmer, und es wurde eine Unruhe in der Gesellschaft. Frau von Flaming sagte, als sie von der Amsel Abschied nahm: ich wünsche ihnen in der That, wohl zu leben. In der That! Und das ist, wie Sie wohl einsehen werden, jetzt sehr viel von mir.

Wie so, meine gnädige Frau? Kann ich denn dafür, daß 290 kein Nothafft turniert hat? Und dann bleiben ja Ihrem Herrn Gemahl noch immer seine Römischen Vorfahren!

Ja, die bleiben ihm; und, was noch mehr ist, als alle Vorfahren bis zu Adam, auch das Gefühl bleibt ihm, daß er immer Leute zu Tische bat, um ihnen Vergnügen zu machen, und nicht, um sie zu ärgern. Sie verbeugte sich und ging. – Die Närrin! rief Frau von Amsel hinter ihr her: es ist ja Christenpflicht, dem Hochmüthigen seinen Hochmuth zu benehmen.

Der Baron fuhr schweigend nach Hause, und antwortete auf Alles, was seine Frau ihn fragte, nur mit Seufzern. Dann ging er tiefsinnig im Saale auf und nieder, und schien den Anblick seiner Stammbäume zu vermeiden. »Ach«, sagte er endlich: »hätte ich sie nicht so sehr geliebt! ... O, so ist denn alles vergänglich! auch sogar die Stammbäume! Ach, worauf ist nun noch in der Welt zu bauen, da Meister Philips oder Rüxner mich betrogen hat! Gleich viel, wer. Nun will ich auch keinem Buche mehr trauen! Ach, Katharina, Veronika, Heymeran, Adolph, und ihr andern zwei und dreißig Nothaffte, ach! ihr wäret mein Stolz, der Glanz meiner Familie; und nun es um und um kommt, seid ihr nicht einmal da gewesen! Wie hat ein Kanzler so lügen können! Was soll man von den andern Büchern sagen, wenn Meister Philips gelogen hat! Kein Flaming nach Christi Geburt, als ich, mein Vater, mein Großvater, und Quinctius! Denn ob sie meine heidnischen Vorfahren in den Stiftern gelten lassen, das weiß ich nicht. Ach, war das nicht Elends genug? Und nun, die zwei und dreißig Nothaffte dazu! Ich armer 291 Mann!« So klagte der Baron in lauter Absätzen den ganzen Abend durch.

Das Alter und eine anhaltende Schwäche hatten schon lange an seinem Leben genagt, und es bedurfte nur noch eines kleinen Schlages, um den Faden abzureißen. Er befand sich die Nacht durch sehr übel; aber doch war er am Morgen nicht im Bette zu halten. Man mußte ihn vor seine Stammbäume hinsetzen; und nun berechnete er mit wachsendem Schmerze die großen Lücken, welche die Frau von Amsel hinein gearbeitet hatte. Der Stammbaum seiner Veronika mußte bis auf den Ältervater gestrichen werden; alles Übrige war von dem Baron, Theils aus dem Rüxner, Theils aus Sagen seiner Frau, Theils aus eigener Erfindung gezogen und aufgeschrieben. Es blieb ihm nichts übrig als sein Römischer Stammbaum. Wenn er lange seinen schweren Blick auf die Lücken gerichtet hatte, so wendete er ihn wieder auf die Heiden, um seinen Schmerz zu lindern. »So hab' ich«, sagte er, und hielt beide Hände schützend gegen den Römischen Stammbaum: »so hab' ich doch euch noch, und besonders dich, Cincinnatus! Wie oft hast du triumphirt! unzählige Male! Wie oft hast du Rom gerettet! unzählige Male! Sechsmal bist du Konsul gewesen, dreimal Diktator, das letztemal im achtzigsten Jahre; und das alles 452 Jahre vor Christi Geburt! In allen Kriegen haben deine Kinder, deine Nachkommen gedient, und gesiegt, den Cajus ausgenommen. Je nun! ward doch auch der große Eugen geschlagen, und bleibt immer der große Eugen! Schlug doch Cajus die Insubrier am Po, und triumphirte! Nun Gott 292 Lob und Dank, daß ihr mir bleibt!« So triumphirte der Baron wieder mit seinen Ahnen; aber es war der Triumph der Hoffnungslosigkeit.

Quinctius kam zu ihm. Sogleich wendete der Baron seine Blicke von den Stammbäumen ab, und sah zu Boden. Ihm grauete davor, seinem Sohne, diesem Feinde des ererbten Adels, sein Unglück zu erzählen. Man sprach von anderen Dingen. Quinctius hatte schon zehnmal im Gespräche gefragt: ja, Vater, was ist denn wahr? Mit dieser Frage quälte er Beyern seit drei Tagen. Er hatte einen kleinen Französischen Traktat voll witziger Spötteleien über die Wahrheit gelesen, worin alles, was der Mensch ist, weiß und fühlt, lächerlich gemacht wurde. »Der Dummkopf«, hieß es in einer Stelle, »glaubt alles; das Genie zweifelt an allem, weil alles zweifelhaft ist. Die einzige Wahrheit auf der Erde ist die, daß wir nichts zuverlässig wissen.« Diese Sätze, und die Beweise dafür, hatten sich tief in Quinctius' Seele gedrückt. Erst quälte er Beyern; dann fing er mit seiner Mutter an. Die aber fragte: in welchem Buche hast du das wieder gelesen? Er schämte sich, daß sie ihm sogleich auf die Spur kam, und ging zu seinem Vater. Als dieser nicht auf seine Frage merkte, rückte Quinctius näher. Was ist wahr? Glauben Sie mir, mein Vater, die Philosophie ist so schwankend, wie alles in der Welt. Der Eine bildet sich Wirbel ein, und beweist sie; der Andere Atomen, und beweist sie so gut wie jener; und keiner kann recht angeben, was er will. Der ist ein Materialist, jener ein Spiritualist; und Beide wissen nicht, was Materie, was Geist ist. »Gott Lob und Dank«, 293 sagte der Baron, »daß du endlich auf die rechten Sprünge kommst! Es ist freilich das dümmste Zeug. Ich verstehe nichts davon, so oft du mir auch von den Dingen, Atomen und Monaden, und wie sie alle heißen, vorerzählt hast. Sagte ich nicht immer: das ist ja rasendes Zeug? Aber da sollt' ich nicht Recht haben. Und siehst du? nun kommst du selbst dahin. Das ist gut, mein Sohn!«

Ja, Vater, ich komme dahin; aber auf einem ganz anderen Wege, als Sie.

»Das ist einerlei, wenn wir nur da sind. Die ganze Philosophie geb' ich für einen Vorfahren mehr.«

Nein, ich frage: was ist wahr? Und die Antwort ist: nichts; nichts in der Welt. Alles ist zweifelhaft.

Der Baron seufzte tief auf. »Auch sogar Rüxners Turnierbuch. Das ist eben das Unglück!«

Rüxners Turnierbuch? Das ist nun gar Geschichte. In der sieht es noch windiger aus, als in der Philosophie. Da frag' ich: was ist in der Geschichte wahr? Nichts; alles darin ist zweifelhaft, oder ein Gott hätte sie schreiben müssen. Der Mensch? O, da lobt er einen Bösewicht, weil er ihn fürchtet, und tadelt einen Tugendhaften, weil er ihn beneidet. Er schiebt den handelnden Personen seinen Geist, seine Empfindungen unter, setzt Umstände hinzu, weil sie ihm zu einer schönen Tirade Anlaß geben, läßt eine wichtige Begebenheit weg, weil er auf die Festung käme, wenn er sie schriebe, wie er sie weiß. Lesen Sie die Geschichte eines Krieges, von den beiden Partheien aufgesetzt. Sie würden nicht glauben, daß es Eine Begebenheit seyn solle, 294 wenn nicht Nahmen und Jahrzahlen übereinstimmten. Jede Parthei schreibt die Vortheile der andern dem Glücke zu, beschuldigt sie der größten Grausamkeit, der Feigherzigkeit, und behält alle Tugenden für sich. Jedes Glück ist ein Plan gewesen, und jedes Unglück ein Zufall. Was soll man also glauben? Nichts; denn alles ist zweifelhaft. So räsonnire ich.

»Das ist wahr. So ging es im Kriege mit den Zeitungen; man wußte mein Tage nicht, wer gesiegt hatte. Aber was ist auch an dem ganzen Kram gelegen? Wenn nur die Nahmen wahr sind! Denn darauf kommt es doch am Ende nur an, ob man weiß, daß mein Vorfahr in dem und dem Kriege kommandirender General gewesen ist, und so oder so geheißen hat; dann bleibt doch der Stammbaum gewiß.«

Auch bei den Nahmen frage ich: was ist wahr? Nichts; denn alles ist zweifelhaft. In der Geschichte kommen Personen vor, die gar nicht gelebt haben. (Er dachte an die Mythologie der Alten.) So zum Beispiel ... – Der Baron wurde bleich; er glaubte, Quinctius wisse sein Unglück schon. Mit einem tiefen Seufzer sagte er: »ach ja; das ist mein größtes Unglück! Alle zwei und dreißig Nothaffte, und darunter auch dein Pathe, Heymeran von Nothafft zu Wernberg! Leider, ich weiß es schon, Quinctius.« Quinctius erstaunte, und bat seinen Vater um Erklärung. – Sehen Sie wohl? fuhr er dann fort. Es freuet mich, daß Sie selbst ein so auffallendes Beispiel ... –

»Je, du Rabensohn! das freuet dich? das freuet dich? Ach, Gott! welches Elend! Es freuet dich, daß ich und du 295 den besten Theil unserer Ahnen verloren haben? Höre doch einer den Menschen! Das will mein Sohn seyn!«

Nein, Vater, das freuet mich nicht; ich sage bloß: da es nun doch einmal ist, so kann es dazu dienen, Sie zu überzeugen, wie zweifelhaft selbst die Nahmen in der Geschichte sind. Was werden nun die Begebenheiten nicht seyn!

»Den Teufel auch! Hat einer aufgeschrieben, wann ich geboren und gestorben bin: wie kann das noch zweifelhaft seyn? Man darf ja nur das Kirchenbuch nachschlagen; da muß es doch gewiß werden!«

Wie aber? wenn nun das Kirchenbuch verbrannt ist; alle Urkunden von Ihnen mit verbrannt sind: wie soll man da ...?

»Du bist ein Narr! Müssen denn nun eben alle Kirchenbücher verbrennen? Ich spreche nur von Nahmen und Stammbäumen; nicht von Begebenheiten. Was geht es mich an, ob unser Vorfahr Cincinnatus durch dumme oder kluge Streiche gesiegt hat, wenn ich nur sagen kann, in dem und dem Jahre hat Cincinnatus triumphirt! Sieh, davon rede ich.«

Ich aber, Vater, ich frage: was ist wahr? und antworte: nichts; am wenigsten die Geschichte. Ich frage: hat Cincinnatus gelebt? hat er triumphirt? und antworte: ich weiß es nicht, ich glaube es nicht.

»Wie? was?« schrie der Baron, und sprang auf: »was sagst du? Alle Höllenteufel! du glaubst nicht, daß Cincinnatus, dein großer Ahnherr, gelebt hat? Du Narr! du Bube! Ich will dir beweisen, daß er gelebt hat. Es steht in hundert Büchern, und alle Menschen sagen, daß es wahr ist.«

296 Hören Sie mich doch nur. Livius selbst erzählt, daß, als Rom von den Galliern erobert wurde, alle öffentlichen Dokumente, alle öffentlichen Verhandlungen, alle schriftlichen Nachrichten mit verbrannt sind. Er selbst sagt, daß die Römische Geschichte erst nach dieser Zeit anfange, gewiß zu werden. Cincinnatus hat vor der Eroberung Roms gelebt. Die Geschichte von ihm ist also nur Volkssage, Tradition. Woher soll nun die Gewißheit kommen? Quinctier haben vor jener Periode gelebt, das ist ausgemacht; denn sie waren zu der Zeit, als die Geschichte anfängt, gewisser zu werden, da, und beriefen sich auf ihr altes Geschlecht.

Der Baron, der blaß und zitternd da gesessen hatte, erholte sich. »Gott Lob!« sagte er, »daß du wieder einlenkst! Also Quinctier, das hast du selbst gesagt, waren da. Nun, es soll weiter nichts thun, daß sie nicht alle triumphirt haben, wenn sie nur da gewesen sind. Ja, ja; nur da gewesen, mein Sohn! Laß sie gethan haben, was sie wollen. Ob es der Hasenfuß, der Livius, aufgeschrieben hat oder nicht! Laß das. So viel ist denn doch wahr, daß die Quinctier und die Flaminier gelebt haben, und meine Vorfahren gewesen sind.«

Lieber Vater, Sie behaupten, die Flaminier wären Ihre Vorfahren gewesen. Woher wissen Sie das? wo sind die Dokumente, die es beweisen? Sie sagen: die Flaminier wären mit Cäsar und Drusus an den Rhein gezogen. Die Geschichte schweigt davon. In der Römischen finde ich keinen solchen Flaminius, in der Deutschen keinen Flaming. Die Flaminge müßten am Rhein Güter gehabt haben; und 297 davon weiß ich nichts. Sagen Sie mir, was Ihnen davon bekannt ist; und Sie sollen sehen, wie ungewiß es wird.

Mit matter Stimme, mit starren Augen, hob der Baron leise an: »Mein Vater hat es mir gesagt. Quinctius, ich bitte dich, mache deinen Großvater nicht in der Erde zum Lügner.«

Zum Lügner nicht, Vater; behüte Gott! Sie erzählten einmal, mein Großvater habe Gemmingens Traktat von dem Alter seiner Familie fleißig gelesen, und dann gesagt: gerade so, wie die Gemmingen von Geminius, stammen wir von dem Flaminius ab. Mein Großvater hat das gewünscht, weil er ein altes Geschlecht für einen Vorzug hielt. Was man wünscht, glaubt man leicht: (eine neue Quelle des Unwahren.) Es ging dem Großvater mit dem Flaminius, wie Ihnen mit den Nothaffts. Gemmingen selbst giebt ja seine Stammherleitung nur für eine Vermuthung, nicht für Wahrheit aus; und er hat doch den Grund für sich, daß seine Familie am Rhein große Güter besitzt, und daß er seinen Nahmen in den ältesten Urkunden findet. Von dem Allen können Sie nichts für Ihre Behauptung anführen. Noch mehr, lieber Vater – hob er auf einmal triumphirend an; denn in diesem Augenblicke fiel ihm sein Plan mit Marien ein, und er vergaß seinen Traktat von der Wahrheit – Noch mehr, lieber Vater! Sie sehen nun, wie durchdacht es ist, wenn ich mir alle Mühe gebe, das zu erfüllen, was ich Ihnen neulich sagte, wenn ich mit dem von Ihnen ererbten Adel den neuen Adel des Verdienstes verbinden will. Der Adel der Flaminge ist ungewiß; allein der neue, den ich mir erwerben will, ist 298 gewiß, weil ich ihn mit dem Adelsbriefe werde beweisen können. Meinen Sie nicht, daß ich Recht habe? –

Der Baron antwortete mit einem Seufzer, und reichte seinem Sohne die kalte Hand. Sein Stolz war gebrochen, und mit dem hatte sich auch seine Hitze gelegt. Er lächelte; aber – es war das Lächeln des geheimsten, verschwiegensten Schmerzes, der das Leben zerreißt. Quinctius merkte das nicht; er glaubte vielmehr, seinen Vater überzeugt zu haben. Auf dieses zufällige Gespräch bauete er in seiner Phantasie einen neuen romantischen Plan: den, seinen Vater zu bereden, daß er gänzlich auf den Adel Verzicht thun, und sich einen neuen erwerben sollte. Was wird Marie sagen, dachte er, wenn sie auf einmal erfährt, daß wir Bürgerliche sind! – Er wollte von neuem anheben; aber sein Vater winkte ihm, daß er weggehen möchte.

Der Baron wußte seinem Sohne auf dessen Grunde nichts zu antworten; denn so, wie Quinctius gesagt hatte, verhielt es sich. Gemmingens Abhandlung vom Alter seines Geschlechtes hatte den Vater des Barons verleitet, eine ähnliche Ableitung seiner Familie erst zu vermuthen, dann zu behaupten. Daran erinnerte sich der Baron noch sehr wohl. So war nun sein ganzer Stolz dahin: die zwei und dreißig Nothaffte, und alle Quinctier, mit ihren Thaten! Er ließ sich in sein Schlafzimmer bringen, legte sich auf das Bett, fühlte sich sehr matt, und seufzte unaufhörlich. Alle seine Kraft war gebrochen, seine Stärke vertrocknet. Immer tönte es schrecklich in seine Ohren: der Adel der Flaminge ist ungewiß! und jedesmal fuhr er zusammen, ohne daß er es 299 wagte, sich gegen diesen ihm so schrecklichen Gedanken aufzulehnen. Er glaubte, man würde seinen Adel gar nicht mehr anerkennen. So lag er einige Stunden allein, und fühlte sich immer tiefer in sein Elend versunken.

Endlich klingelte er mit matten Händen. Mariens Bräutigam, der Jäger, kam. Der Baron sagte ihm, er sollte die Stammbäume in das Schlafzimmer bringen; und sein Ton war dabei so sanft, so gütig, daß der Jäger Muth faßte, heraus zu sagen, was ihm seit einer Stunde schwer auf dem Herzen lag.

Quinctius war von seinem Vater sogleich zu Marien gelaufen, die ihn Morgens, weil er da beschäftigt war, nicht erwartete. Er fand sie allein, und in einem reinlichen, sehr netten Morgenhabite. Sie hatte nehmlich von der Frau von Flaming einen ihrer Anzüge erhalten, um etwas daran zu nähen. Als er fertig war, zog sie aus einem Zuge von Eitelkeit die Kleidung der gnädigen Frau an, stellte sich vor ihren kleinen Spiegel, nahm ihre Haube ab, und wollte gerade ihrem Haar eine Form geben, die zu der Kleidung paßte, als Quinctius zu ihrem Schrecken die Thür aufriß und hereinflog. Sie war in diesem Anzüge wirklich äußerst reitzend. Ihre Locken, die sie eben aufnehmen wollte, fielen auf die weißen Schultern, und über den schönen Busen. Quinctius' schon vorher glühendes Auge brannte bei diesem Anblicke noch mehr. Er nahm Marien in seine Arme, und es regnete Küsse auf ihre Lippen, ohne daß sie sich von dem ungestümen Menschen losmachen konnte. »O, wie schön, Marie«, sagte er, »wie schön bist du! Wie hast du es 300 errathen können, liebes Mädchen, daß ich dir eine so frohe Nachricht zu bringen habe! Jetzt wird dein bescheidnes Herz nicht länger sich mir verschließen, und mir endlich die Liebe gestehen, die ich schon so lange verdiene. Höre, Marie, der Adel, den du an mir so hassest, ist abgelegt; ich habe meinen Vater überzeugt, daß unser Adel eine Thorheit, eine Fabel ist. Jetzt bin ich dir gleich, Marie: nicht mehr gnädiger Herr, sondern Herr Flaming. Das Wunder, das du für unmöglich hieltest, ist geschehen. Ich bin von deinem Stande, und der glücklichste Mensch auf Erden. Wenn du willst, so führe ich dich den Augenblick zu meinem Vater. Er wird dich segnen; denn was könnte ihn jetzt noch abhalten, dich seine Tochter zu nennen, da er einsieht, daß ich nicht mehr bin als du?«

Marie blieb bei seinen Worten noch starrer und überraschter stehen, als bei seinen Liebkosungen. Es wurde Ernst, das sah sie wohl, ob sie gleich nicht begriff, wie. Sie blickte ihn an, fürchtete sich, etwas zu sagen, und konnte auch nichts hervorbringen, so erschrocken war sie. In dem Augenblicke sah sie den Jäger über den Kirchhof auf ihr Haus zukommen. Mein Vater! rief sie; gehen Sie durch den Garten! – »Nein«, sagte Quinctius; »er soll alles wissen!« – Aber mein Gott! rief Marie ängstlich; wenn er mich so antrifft! Sie bedeckte mit der linken Hand die schöne Brust, und drängte mit der rechten Quinctius gegen die Thür. Gehen Sie, wenn Sie mich lieben! sagte sie. – Quinctius eilte durch den Garten, und Marie ging ihrem Geliebten entgegen.

301 Länger durfte Marie nicht schweigen. Sie erzählte dem Jäger Alles; und Beide wurden eins, daß er es, da die gnädige Frau nicht helfen wollte oder könnte, bei der ersten Gelegenheit dem alten Baron sagen sollte. Die Gelegenheit fand sich schon zwei Stunden nachher, als der Jäger dem Baron die Stammbäume in das Schlafzimmer bringen mußte.

Ihr Gnaden, Herr Baron, fing der Jäger an, nehmen es nicht ungnädig. Ich habe Ihnen etwas zu sagen. Der junge Herr Baron ist jetzt immer hinter Schulmeisters Marien her. Das arme Mädchen wehrt sich, so gut sie kann; aber es hilft nichts. Heute nun hat der junge Herr Marien gesagt: er wäre kein Adeliger, er wäre ein Bürgerlicher; und sie soll ihn mit Gewalt heirathen; und Ihr Gnaden wären auch nicht von Adel, und die gnädige Frau auch nicht.

»Gott! meine Stammbäume!« rief der Baron, faßte sie mit bebenden Händen, drückte sie auf sein brechendes Herz, zuckte ein Paarmal, und sein Geist verließ den durch einen Schlagfluß getödteten Körper. Der Jäger schrie laut um Hülfe; und das ganze Haus kam zusammen. Die Frau von Amsel! jammerte die Wittwe. Quinctius warf sich mit schlagendem Herzen bei dem Leichnam seines Vaters nieder, versöhnte dessen Schatten mit aufrichtigen Thränen, und verbrannte gleich nachher den Traktat von der Wahrheit. Der Jäger bereuete seine Unvorsichtigkeit; denn nun war sein Nebenbuhler sogar sein gebietender Herr geworden.

Marie wurde tiefsinnig, als sie den Tod des alten Barons erfuhr. Sie saß ein Paar Stunden schweigend da, und 302 kämpfte mit sich selbst. Noch diesen Abend sagte sie dem Jäger sehr freundlich, daß er jetzt mit seinen Besuchen ja vorsichtig seyn möchte, weil er sonst sich und sie in das größte Unglück bringen könnte. Als der Leichenzug nach der Kirche ging, stand sie sehr reitzend gekleidet in der Thür, und betrachtete den jungen Baron wenigstens eben so freundlich als den Jäger. Ihr Vater mußte sich auf ihren Rath den folgenden Tag eine Vermehrung seines Gehaltes von dem jungen Baron ausbitten. Geh Er nur, lieber Vater, sagte sie lächelnd, und fordere Er; der gnädige Herr schlägt es Ihm nicht ab. Der Schulmeister bekam wirklich sogleich eine Zulage. Marie erkundigte sich, ob der Baron ihm sonst nichts gesagt hätte. – Nun, was sollte er mir denn sonst noch sagen? fragte der Vater. Marie erröthete lächelnd.

Schlich der Jäger sich jetzt auf den Kirchhof, so sprang sie den Augenblick in ihre Kammer, zog den Schlüssel ab, und der Jäger suchte sie im ganzen Dorfe vergebens. Acht Tage hatte das so gedauert, und der Baron kam noch immer nicht zu Marien. Sie war schon Willens, für den Jäger wieder zu Hause zu seyn, und sich nicht mehr so sorgsam anzukleiden. Aber eines Abends, als sie allein war, ging die Thür auf, und der junge Baron trat herein. »Marie!« sagte er, und reichte ihr die Hand. Sie glühete, legte ihre zitternde Hand in die seinige, und schlug die Augen nieder. Er zog sie zu sich, schlang seinen Arm um ihren Leib, und drückte seine Lippen auf ihren Mund. Nun wurde die Statue belebt: sie gab ihm seine Küsse wieder, und umarmte ihn innig.

303 Marie war wirklich eine schöne, edle, volle Figur, und hatte sich jetzt nach ihren besten Kräften reitzend gekleidet. Sie gab sich erst schweigend dem Jünglinge ganz hin, und riß ihn dann durch ihre Liebkosungen noch weiter fort. Was er jetzt fühlte, hatte er noch nie gefühlt: ein süßes Entzücken, ein sehnliches Verlangen. Er wußte nicht, wie er dem reitzenden Mädchen seine Leidenschaft deutlich genug sagen sollte. »Meine Marie! meine theure Marie!« rief er. »Bald mein Weib, mein geliebtes Weib! Nicht wahr Marie? Bald! O sag es, sag es mir! laß endlich deine Lippen bekennen, daß du mich liebst! Liebst du mich, Marie?«

Sie seufzte: ja! und küßte ihn noch heißer. Aber, gnädiger Herr, hob sie an, werden ...

»Gnädiger Herr? Marie! wie nennst du mich! Hast du vergessen, daß ich von deinem Stande bin? Nenne mich Geliebter, nenne mich Quinctius, oder Flaming; nur gieb mir nicht den elenden Titel, den ich bald ablegen werde.«

Warum denn ablegen? dachte Marie. Sie sagte es nicht, und schien zu vergessen, was sie hatte fragen wollen. Nach einigen Versuchen nannte sie ihn: Geliebter, Quinctius, Theurer; und besiegelte jeden dieser Nahmen mit heißen Küssen. Er verließ endlich seine Geliebte, als ihr Vater kam; und sie warf sich in dem stolzen Traume, bald gnädige Frau zu seyn, in ihr kleines Bett.

Quinctius liebte Marien in der That nicht; er fühlte nur Sinnlichkeit. Da er aber noch für kein Mädchen eigentliche Liebe empfunden hatte, so konnte er diese Leidenschaft nicht mit der Sinnlichkeit vergleichen; und diese wurde 304 bei ihm um so heftiger, da sie das einzige Gefühl seines Herzens war und sich mit seiner Eitelkeit vereinigte. Noch nie hatte er auch die Freude, geliebt zu seyn, so wahr, so entzückend gefühlt, als diesen Abend in Mariens Armen. Er kam wonnetrunken zu Hause, und verschloß sich in sein Zimmer. Wohl hundertmal stand er schon auf dem Punkte, wieder zu Marien hin zu gehen, so spät es auch war, er schämte sich nur vor Marien selbst. Erst spät schloß er das Auge, und schlief dann in unruhigen, und dennoch süßen Träumen.

Am folgenden Morgen war er früh bei seiner Geliebten, die ihn aus ihrem feinen Instinkte erwartet hatte. Ihr Vater war abwesend, und sie – der Instinkt leitete sie auch hier sehr richtig – sehr reinlich, aber gar nicht so gekleidet, daß sie schicklich Besuch von einem Manne annehmen konnte. Sie trug ein sehr enges Mieder ohne Ärmel, und ihr Hemde reichte nicht einmal bis an den Elbogen. Sie hatte sich ja so eben erst die Hände gewaschen, und es war noch so früh. Was konnte sie also dafür, daß ihr das schöne Haar noch frei um den Nacken und um die Schultern schwamm? was dafür, daß ein weißes kurzes Röckchen den schönsten Fuß zeigte? was dafür, daß nur ein leichtes Tuch den Busen kaum verhüllte? So sollte Quinctius denken, meinte sie; und sie irrte sich nicht. Freilich hatte sie diesen Anzug mit Vorbedacht gewählt, weil sie den verliebten Baron ganz in ihr Netz ziehen wollte.

Man tadle mich nicht, daß ich Marien oben ein züchtiges Mädchen genannt habe. Sie war das wirklich; und wenn 305 Quinctius sie hätte verführen wollen, so würde er ein böses Spiel mit ihr gehabt haben. Allerdings brauchte sie jetzt Buhlerkünste; aber nur, weil sie den Baron, dessen Frau sie zu werden Lust hatte, nicht liebte. Hätte sie ihn geliebt, so wäre sie auf sein Herz losgegangen; aber sie wollte sich nur durch seine Hand glücklich machen. Der Eigennutz will nichts als die Sinne bestricken, oder es muß eine ausgelernte Buhlerin im Spiele seyn; und dennoch wird diese eben so starke Angriffe auf die Sinne machen, als auf das Herz. Die unschuldige Liebe allein schmückt sich, um zu gefallen; sie ist ihres Sieges gewiß. Der Eigennutz schmückt sich, um zu reitzen; er fürchtet, den Raub zu verlieren.

Als Quinctius die Thür öffnete, schrie Marie ein wenig auf, und wollte entfliehen; aber er hielt sie. »Wie?« rief er, und küßte die runden, weißen Arme mit Entzücken: »entfliehen willst du? O Marie, weißt du nicht, daß du so am schönsten bist? So! so!« Er betrachtete sie mit verschlingenden Blicken, und verlor sich im Anschauen, in Liebkosungen. Ihr Sieg war ungezweifelt; denn wenn sie es verlangt hätte, er würde sich auf der Stelle mit ihr haben trauen lassen. Sie erhielt jetzt, was sie wünschte: ein sehr bestimmtes Versprechen, daß er sie heirathen wollte. – Aber, mein Geliebter, was wird Ihre Mutter dazu sagen! – »Was sie will, Marie; und ich glaube, nicht viel. Schweig nur noch einige Tage, bis ich für mündig erklärt bin; dann kann Niemand in der Welt etwas dagegen einwenden, daß ich das schönste aller Mädchen liebe, daß du mein Weib wirst.« 306 Marie verabredete jetzt mit ihm einen so überlegten Plan, wie sie einander, ohne bemerkt zu werden, sehen könnten, daß Quinctius hätte überzeugt werden müssen, sie wolle nur seine Hand, wenn er nicht von seiner Sinnlichkeit verblendet gewesen wäre. Diese war bei ihm so heftig aufgereizt, daß Beide jetzt gefallen seyn würden, wenn Marie ihn geliebt hätte, oder wenn sie nicht so züchtig gewesen wäre. Sie blieben einige Stunden beisammen, und Marie erhielt eine Summe Geld von ihm, um sich bessere Kleider dafür anzuschaffen. Mariens Plan, wie sie einander unbemerkt sehen wollten, schien ihm wohl gut; es war ihm aber nicht möglich, ihn auszuführen. Er fühlte in den Stunden, wo er seine Marie gar nicht, oder doch nicht allein sah, ein unerträgliches Mißbehagen. Marie wollte gern der Frau von Flaming ihre Absicht verbergen, bis Quinctius für mündig erklärt wäre; seine Besuche bei ihr wurden aber so häufig, daß sie nicht verborgen bleiben konnten. Schon längst hatte der Jäger Unrath gemerkt; denn seit des alten Barons Tode war Marie niemals für ihn zu Hause. Er schüttelte bedenklich den Kopf, wenn er die Thür wieder verlassen mußte, die ihm sonst zu allen Zeiten offen gestanden hatte. Jetzt fing er an, Zweifel in Mariens Treue zu setzen, und sagte der Mutter des jungen Barons seine Meinung darüber.

Frau von Flaming hielt den Liebeshandel ihres Sohnes mit Marien für gänzlich geendigt, weil diese davon schwieg. Sie erfuhr nun, welchen Antheil der Jäger an der Sache nahm. Ohne ihm etwas anders als: es ist gut! geantwortet zu haben, überlegte sie die Sache, und traf die Wahrheit 307 ziemlich richtig. Das beunruhigte sie sehr; denn sie sah jetzt wohl, daß die reitzende Marie alle Mittel anwenden würde, ihren Sohn fest zu halten. Sie ließ Marien zu einer Arbeit rufen, wies ihr ein abgelegenes Zimmer an, und sagte freundlich: ich werde mit meinem Sohne eine kleine Fahrt machen, und dann zusehen, mein Kind, ob du fleißig gewesen bist. Marie hörte den Wagen vorfahren, sah ihren Geliebten mit seiner Mutter einsteigen, und das Herz klopfte ihr vor Freude, wenn sie daran dachte, daß sie selbst bald in eben dem Wagen sitzen würde. Kaum waren sie vom Hofe herunter, so fing die Frau von Flaming ruhig an: Höre, lieber Quinctius, der Jäger hat mich gebeten, bei dir ein gutes Wort für ihn einzulegen. Er will heirathen. Der Bursche ist gut; ich dächte, lieber Quinctius ... – »Mit Freuden, liebe Mutter. Wen will er denn heirathen?« – Schulmeisters Marien, sagte sie ohne alle Schärfe. Ein hübsches Paar! – »Wie? Marien? Das ist nicht möglich. Der Kerl ist ein Narr! Ich soll für ihn anhalten?« – O nein, lieber Sohn; ein so hübscher Bursche spricht in solchen Fällen beredter für sich, als sein Herr. Mit Marien ist er richtig. Er will von dir nur ein Versprechen auf die Försterstelle. – »Liebe Mutter, Marie nimmt ihn nicht.« – Er versicherte aber, daß sie ihn liebt.

Quinctius hieß den Jäger einmal über das andere einen Narren, und läugnete Mariens Liebe zu ihm. Ganz ruhig sagte die Frau von Flaming: den Beweis, glaube ich, müßte ich dir sogleich geben können. Der Jäger sollte mitfahren; er gab aber mit einer so verlegenen Miene Geschäfte vor, 308 daß ich wohl sah, er hatte nicht Lust dazu. Dann schlich er schon vorhin um das Zimmer her, worin Marie arbeitet. Ich wollte darauf wetten, daß er bei ihr ist. Laß uns durch den Garten zurückgehen, und – sie ließ halten, und stieg mit ihrem Sohne aus. Beide gingen durch den Garten, die Treppe hinauf, in ein Zimmer, das von dem, worin Marie nähete, nur durch eine Bretterwand getrennt war. Im Gehen aber bat die Mutter ihren Sohn, seine Anwesenheit durch nichts zu verrathen. Der Jäger, sagte sie, ist unser Domestik, und wir behorchen ihn; ich möchte nicht gern, daß er es erführe.

Sie waren im Zimmer, und Marie sang bei ihrer Arbeit. Nach einigen Minuten kam auch der Jäger, und ging auf Marien zu, die äußerst verlegen wurde. »Marie«, sagte er mit zärtlichem Tone: »was habe ich dir gethan? Sag! ist das die Liebe, die Treue, die du mir versprochen hast?« – Quinctius horchte hoch auf.

Marie sah ängstlich umher. Es war, als ob ihr ahnete, daß man sie behorche. Der Jäger wiederholte seine Vorwürfe. Marie sagte endlich: Aber wenn ich nun auch einmal mit Ihm scherzte, muß denn das sogleich Ernst seyn? – Quinctius sah seine Mutter triumphirend an.

»O Marie, wie oft hast du mich geküßt, und mir ewige Treue geschworen! Und jetzt soll das Scherz gewesen seyn? Glaubst du, ich wüßte nicht, warum du dich so geändert hast? Hochmuth ist es! Du willst gnädige Frau werden. O, ich weiß sehr wohl, daß der junge Herr Morgens früh und Abends spät bei dir ist.« – Die Mutter sah 309 ihren Sohn mit Erstaunen an, und er schlug die Augen nieder.

Gut! rief Marie; wenn Er's denn weiß, so weiß Er's, und so laß Er mich in Ruhe!

»In Ruhe? O Marie, daß du mich liebst, weiß ich; daß du mich nur aus Hochmuth verlässest, weiß ich auch.« (Die Thränen standen dem armen Menschen in den Augen.) »Sieh, Marie, ich kann ohne dich nicht leben. Ach, wenn du wüßtest, wie herzlich ich dich liebe, du würdest mich nicht um den Baron vertauschen, das würdest du nicht. Ist es recht, Marie? ist es recht? Du hast oft Gott angerufen, er sollte Zeuge seyn, daß du mir treu wärest und mich mehr liebtest, als alle Könige und Kaiser; und jetzt lachst du über mich, daß ich der unglücklichste Mensch auf der Welt bin! Sieh, Marie, ich bitte dich hier zum letzten Male: bleib mir treu. Was hab' ich dir denn gethan? Ich habe dich geliebt, ich liebe dich noch, mehr als mich selbst; und du?« – Man hörte Marien schluchzen.

»Weinst du, Marie?« fuhr der Jäger fort. »O nein, weine nicht! Ach, bleib mir treu, ich bitte dich; denn ich liebe dich gar zu sehr. Sieh, ich will dich auf meinen Händen tragen; ich will dich ehren, wie den lieben Gott! Marie! liebe Marie!«

Ich kann nicht, schluchzte sie; ich darf nicht, Karl! Es ist vorbei! Nein, ich kann nicht. Gott mag es mir vergeben!

»Du kannst nicht? Nun, so ist das meine letzte Stunde. Meine Flinte hab' ich geladen. Ohne dich leben mag ich nicht. Sieh, du bist Schuld an meinem Tode. Marie, gieb mir 310 nur noch einen Kuß; dann will ich mir eine Kugel durch das Herz schießen, und dich vor Gottes Gericht verklagen, daß du mich so weit brachtest. Mich hast du betrogen; den Baron betriegst du auch: denn wer Einem nicht treu ist, der ist Keinem treu. O, ich will bald von der falschen Welt kommen!«

Karl! rief Marie: willst du denn meinem Glücke im Wege stehen? Ich will dich glücklich machen. Habe nur Geduld!

»Glücklich kann ich nicht seyn ohne dich. Gott mag es dir vergeben! Adieu! Mich siehst du nicht wieder!«

Er eilte davon, und Marie ihm nach. Sie umfaßte ihn; er riß sich aber aus ihren Armen, und Beide verließen das Zimmer. Schweigend stand die Frau von Flaming auf. Mit Thränen in den Augen ging sie auf ihren Sohn zu, und schloß ihn in ihre Arme. Wir haben, sagte sie gerührt, Beide hier mehr gehört, als wir wollten. Aber jetzt weiß ich, was mein Sohn thun wird; denn er ist ein edler Mann. Eine Leidenschaft konnte ihn verblenden; doch nimmermehr kann sie ihn von dem Wege des Edelmuthes ableiten, den er immer gegangen ist. Marie – das weiß ich, mein Sohn – wird meine Tochter nicht. Ich will ausfahren, und Quinctius wird, wenn ich zu Hause komme, die Sache geendigt haben. Er ist so groß wie Scipio, der einem Feinde die von ihm selbst angebetete Geliebte wiedergab. – Sie führte ihn auf Mariens Zimmer, zog die Thür hinter ihm zu, ging in den Garten, stieg in den Wagen und fuhr ganz ruhig spazieren.

Quinctius stand wie betäubt in dem Zimmer da. Er sah wohl, daß Marie in einen Liebeshandel mit dem Jäger 311 verwickelt gewesen war, aber dennoch beredete ihn seine Sinnlichkeit, daß die Sache geendigt wäre. Sein Herz wurde hin und her gerissen: jetzt von der Begierde nach Marien; dann von der Eitelkeit, einem Helden wie Scipio zu gleichen. Das Vertrauen, welches seine Mutter auf ihn, auf seinen Edelmuth setzte, rührte ihn. »Wie würde sie erstaunen«, dachte er, »wenn ich, während sie spazieren fährt, Marien an den Jäger verheirathete!« So stand er, und seine Brust hob sich von Stolz; aber jetzt riß ihn wieder die Begierde mächtig fort.

Auf einmal öffnete sich die Thür, und Marie trat mit nassen Augen und klopfender Brust herein. Der Stolz schwieg bei Quinctius, und nur die Sinnlichkeit redete. Zugleich erwachte auch die Eifersucht, wie von einem Zauberschlage erweckt, in seiner Brust. Marie erschrak, als sie den Baron sah, und suchte ihre Thränen zu verbergen. »Was weinst du, Marie?« fragte er jetzt. – Ich komme aus der Küche, antwortete sie stockend; und die ist voll Rauch. Als sie das sagte, betrachtete er sie mit brennenden Augen. Sie sah ihn, weil sie gleich Anfangs den Ernst in seinen Blicken bemerkt hatte, mit einem zauberischen, liebevollen Lächeln an, dem auch ein Andrer wohl nicht leicht widerstanden hätte. Er breitete seine Arme aus; sie sank hinein, und legte sich zärtlich an seine Brust. So zauberisch waren ihre Liebkosungen noch nie gewesen!

Frau von Flaming rechnete doch zu viel auf Quinctius' Eitelkeit; sie wußte nicht, daß Sinnlichkeit der stärkste von allen Trieben ist. Ohne an seine Mutter zu denken, hielt 312 Quinctius die Geliebte in seinen Armen, und vergaß selbst den Jäger. Marie hätte vollkommen gesiegt, wenn sie eine Buhlerin gewesen wäre. Sie beruhigte mit großer Innigkeit jeden Zweifel in seiner Seele; und schon regte sich in seinem Kopfe der Gedanke, sich auf der Stelle mit ihr trauen zu lassen. Er betrachtete sie mit brennenden, entzückten Blicken. Sie unterbrach den Lauf seiner Gedanken nicht, weil sie fühlte, daß sie nichts so Fesselndes sagen konnte, als er selbst dachte und empfand. Er drückte sie an seine klopfende Brust; und sie lag in seinen Armen, wie schlummernd: ihr Auge allein, das sie mit zärtlicher Liebe zu dem seinigen erhob, war belebt.

Jetzt hörte Marie des Jägers Fußtritte auf der Treppe. Sie hatte ihn erst so eben, als sie hinter ihm her lief, durch ein Paar freundliche Worte beruhigt. Hätte sie in diesem Augenblick etwas gesagt, um ihn zu belehren, daß der Baron bei ihr sey: er wäre weggeblieben, und sie hätte gesiegt. Allein sie wurde ängstlich, wand sich aus den Armen des Barons, und machte mit einer verlegenen Miene ein Paar Versuche, ihn zu entfernen. Noch immer war der Baron nicht aufmerksam; aber trennen konnte er sich von dem schönen Mädchen nicht. Es kommt Jemand, sagte sie jetzt, und machte sich aus seinen Armen los. »Wer? wer kommt?« fragte der Baron, und horchte. (Er hörte den Fußtritt.) Gewiß die Jungfer der gnädigen Frau, sagte Marie erröthend. – »So?« erwiederte Quinctius mit gerunzelter Stirn: »wenn es nicht der Jäger ist!«

Eine Todtenblässe zog sich über ihr Gesicht, und verrieth 313 nur allzu deutlich die innere Schuld ihres Herzens. Hätte sie die Kunst verstanden, welche die große Welt lehrt, nur dann zu erblassen und zu erröthen, wenn man es nöthig hat, so wäre alles gut gegangen. Aber sie war wie vernichtet, und wagte es nicht, ihr Auge zu erheben. »Du hast den Jäger geliebt?« fragte der Baron. Sie fühlte sich schuldig, und schwieg. Aber in dieser demüthigen Stellung lag so viel Reitzendes, und das blasse Gesicht, über welches langsam Thränen herabrollten, war so schön, daß die Eifersucht des Barons zur Hälfte wieder gelöscht wurde. Sie hätte das an dem Tone hören können, womit er sagte: »Marie, du bist falsch!« Jetzt mußte sie sich in seine Arme werfen, und rufen: nein, ich liebte den Jäger nicht; aber ich wollte ihm meine Hand geben, um durch die Pflicht meine Liebe zu dem edelsten aller Menschen, dem Baron von Flaming, zu unterdrücken. Hätte sie das gesagt, so wäre sie in einer Stunde des Barons Frau gewesen. Aber sie schwieg erst, und dann sagte sie das Unschicklichste, was sie sagen konnte: ich habe den Jäger, seitdem Sie mir die Ehe versprachen, nie wieder allein gesehen, außer nur heute. Und diese Worte sagte sie so zitternd, daß man die Schuld sogar in ihrer Stimme hörte. Noch war nicht alles verloren. »Und du liebst ihn noch heimlich?« fragte der Baron. »Ich habe dein ganzes Gespräch mit ihm gehört!« Nun verlor Marie alle Besinnung. Aus des Barons Betragen hätte sie schließen können, daß sie noch nicht zu viel gesagt hatte; aber sie war zu unschuldig dazu, und ihr Herz erinnerte sie, daß sie den Jäger noch liebte. Ach, gnädiger Herr, sagte sie und 314 hob die Hände bittend zu ihm auf: ich war Ihnen doch auch gut, gewiß, das war ich, eben so gut wie Karin. Der Baron runzelte die Stirn, ging an die Thür, und öffnete sie. – »Komm herein!« rief er dem Jäger zu, der unentschlossen auf dem Saale stand. – Ach, vergeben Sie mir nur, fing Marie schluchzend an, und machen Sie mich nicht unglücklich!

Noch sann der Baron auf eine Ausflucht; noch einmal sprach sein Herz für das geliebte Mädchen. Er fragte bitter: »willst du den Jäger heirathen?« Sie antwortete mit verschämten Blicken: ja! – Nun ging der Baron verdrießlich an die Thür, wendete sich noch einmal um, und sagte zu dem Jäger: »hole den Herrn Pastor; er soll die Agende mitbringen.« Dann ging er in sein Zimmer, und dort erwachte bei ihm die Eitelkeit wieder. Seine Eifersucht, sein Verdruß wurde schwächer, als er daran dachte, wie seine Mutter ihn bewundern würde, wenn sie Marien und den Jäger schon getrauet fände. »Ja, ich will Scipio seyn!« sagte er laut, und ging stolz lächelnd im Zimmer auf und nieder.

Quinctius führte den Prediger zu Marien, und in einer Viertelstunde war sie des Jägers Frau. Jetzt warf er noch einen finstern Blick auf das reitzende Mädchen, das an des Jägers Seite so verschämt erröthend da stand. Sein Herz empörte sich aufs neue; sein Zorn gegen das junge Ehepaar erwachte. Nun hörte er den Wagen seiner Mutter auf den Hof rollen, und erheiterte sein Gesicht gewaltsam. »Du bist Förster auf dem Vorwerke!« sagte er zu dem Jäger; »führe dich gut auf, und ich will für dein Glück sorgen. Hier, zum 315 Anfange eurer Wirthschaft!« (Er gab dem jungen Paare einige Goldstücke.) »Sey deinem Manne treu!« sagte er zu Marien. – O gewiß, antwortete sie; gewiß! denn ich liebe ihn über alles.

Er verließ schnell das Zimmer, und führte seine Mutter, die ihm auf der Treppe begegnete, zu dem jungen Paare. »Wollen Sie nicht Marien Glück wünschen?« fragte er. »Sie hat den Förster auf dem Vorwerke geheirathet.« Frau von Flaming drückte ihrem Sohne die Hand. Er ging nun auf sein Zimmer. Den ganzen Tag über mischte sich unaufhörlich Schmerz in den Triumph seiner Eitelkeit; ja, es gab Minuten, worin er das Opfer, das er gebracht hatte, stark bereuete. Er sah Marien als junge Frau wieder, und sie schien ihm so reitzend, daß er sein Auge abwenden mußte. Weil er sich nicht die Stärke zutrauete, lange in der Nähe der reitzenden jungen Frau zu seyn und zu schweigen, so gab er dem Förster bestimmten Befehl, je eher je lieber nach dem Vorwerke abzugehen, das eine Stunde weit von dem Dorfe lag, und bei dem eine sehr beträchtliche Forst war.

Frau von Flaming befürchtete, daß aufs neue die Idee, Kaufmann zu werden, bei ihm erwachen würde; allein mit Mariens Liebe war auch sein ganzer romanhafter Plan verschwunden, und seine Mutter konnte ihn nun desto leichter bereden, eine Universität zu besuchen. Beyer bekam gerade damals eine Predigerstelle. Quinctius nahm mit Thränen von seinem alten Lehrer Abschied. Sie haben ein gutes Herz, sagte Beyer: Gott erhalte es Ihnen, Herr Baron! 316 Suchen Sie sich besonders noch Menschenkenntniß zu erwerben; die fehlt Ihnen. Auch müssen Sie nicht das Neue immer für das Beste halten. – »Menschenkenntniß, lieber Beyer«, antwortete Quinctius, »soll mir nicht fehlen. Campanella's Methode ist untrüglich. Ich bin nur Einmal in meinem Leben von einem Menschen betrogen worden (er dachte an Marien); und eben bei diesem einzigen wendete ich Campanella's Methode nicht an, weil mir das Herz zu voll war.«

Ich kenne diese Methode nicht, erwiederte Beyer; aber ist sie untrüglich, so vergessen Sie nicht, sie bei jedem Menschen zu gebrauchen, wenn Ihnen das Herz auch noch so voll seyn sollte. Trauen Sie nie dem ersten Eindrucke, lieber Herr Baron; überlegen Sie alles, was Sie thun, reiflich. Folgen Sie lieber den betretenen Wegen, als den ungebahnten. Ihr Geist lockt Sie ohnehin zu viel von den ebenen Straßen ab.

Die letzten Worte verloren sich in ein doppeltes Schluchzen. Noch gerührter aber war Beyer, als er sein Pfarrhaus sehr artig möblirt, seine Böden, seine Keller, seine Vorrathskammern gefüllt fand, und als ihm, so wie er sein Schreibpult öffnete, eine Schrift in die Augen fiel, wodurch ihm eine jährliche Pension von vierhundert Thalern versichert wurde. Beyer dankte der gnädigen Frau, weil er glaubte, das alles käme von ihr; aber sie wußte nichts davon. Als sie es ihrem Sohne mit Freudenthränen sagte, antwortete er: »von meinem Vater erhielt ich das Leben; von Beyern mehr als das: den Geist, das Leben zu nützen.« 317 Die Rührung der Mutter verschwand, als er das sagte; sie meinte, er habe so gehandelt, um Alexanders Worte anbringen zu können. Damit that sie ihm Unrecht; er hatte, als er für Beyern sorgte, gar nicht an Alexander gedacht, und war nur dem Drange seines Herzens gefolgt. Aber er konnte keine Gelegenheit vorübergehen lassen, etwas anzubringen, das einmal ein berühmter Mann gesagt hat.

Bei seiner Abreise auf die Universität bat ihn seine Mutter, in dem Umgange mit dem weiblichen Geschlechte vorsichtig zu seyn. Er lächelte. »Man hat mich zweimal betrogen, liebe Mutter: Käthe und Marie. Ich weiß, was ich von den Weibern zu denken habe.«

Und was denkst du denn von ihnen, mein Sohn?

»Daß Sie eine Ausnahme von Ihrem Geschlechte sind.«

Was denkst du denn aber von den andern? Ich bitte dich, sag es mir.

»Wenn Sie es mir nicht übel nehmen wollen? ... Sie, theure Mutter, nehme ich gänzlich aus. Schon alte Weisen sagen, daß die Weiber falsch und treulos sind. Bei dieser Überzeugung, denke ich, wird mir das weibliche Geschlecht nicht gefährlich seyn.«

Lieber Sohn, wer schlecht von dem weiblichen Geschlechte denkt, ist der Raub jeder feilen Kreatur, die dreist genug ist, sich ihm aufzudringen, und klug genug, sich zu verstellen. Wer die Weiber für Betriegerinnen hält, wird gewiß betrogen, und verdient das auch! ...Wann, mein Sohn, wirst du doch einmal für dich selbst denken, und nicht immer wie deine Bücher? – »Ist es denn eine Schande«, 318 antwortete er, »zu denken, wie die Weisesten dachten?« – Er reiste nach der Universität, welche damals die berühmteste in Deutschland war.

 
Ende des ersten Theils.

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