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Querköpfe

Ilse Frapan: Querköpfe - Kapitel 4
Quellenangabe
typenarrative
booktitleQuerköpfe
authorIlse Frapan-Akunian
year1926
firstpub1895
publisherGebrüder Paetel
addressBerlin / Leipzig
titleQuerköpfe
pages234
created20141203
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Usche Queren macht es anders

Eine kleine Bucht ist da in der Elbe, gleich unterhalb Blankenese, flach und sandig zur Ebbezeit, mit einzelnen Büscheln langhalmigen graublauen Grases. Weiter landeinwärts zerstreute Weidenbäume, zehn oder zwölf, mit ewig bewegten hängenden Rutenzweigen, halb hohl und übergeneigt, mit leisen, murrenden Flüsterstimmen, die niemals schweigen, nie sich zum Rauschen erheben. Auch nicht, wenn die Springflut kommt und die Wellen um ihre Füße wallen wie in einem kochenden Kessel, gelb und undurchsichtig und mit Schaum an ihrer Oberfläche, der bis in die blaßgrauen Blätter hinaufspritzt und droben hängen bleibt wie verflogene Seifenblasen.

Wie Schildwachen stehen die Weiden. Und dann, noch weiter landein, wölben sie sich zu einem Tor über den kleinen Werftplatz von Tiete Eggers, mit den umgekehrten und vom Sand überspülten Jollen, den Haufen von feuchten, zusammengeflatterten, blonden Hobelspanlocken und dem hohen Holzgerüst mit dem sonnenbraunen harzduftenden Ewergerippe, das seinen kräftigen Farbenton in das feine Grau seiner Umgebung fast zu unvermittelt wirft, lustig und korbartig wie es ist mit den noch plankenlosen Seiten. Es ist ein traulicher Platz, offen und doch wie ein eingehegter 110 Garten. Auf den aufgeschichteten Baumstämmen, die längelang unter den Weiden liegen, aber weiter oben, wo die Flut nicht mehr dazu kann, läßt sich gut »klöhnen«. Tiete Eggers Arbeitsschuppen, der so merkwürdig übereck steht, deckt die Stelle im Rücken gegen das Eggersche Wohnhaus, wo Usche Queren am Fenster sitzt, Sommers und Winters, Abend und Morgen, und ein scharfes Auge hat auf den Strandweg und alles, was sich darauf bewegt. Der Schuppen hat keine Fenster, nichts als eine große, weit offene Tür, aber die blickt auf Usche Queren, hinten ist er arglos und vertrauensselig, wie man es ihm nach seinen schwarzgeteerten Wänden kaum zumuten möchte. Auch ein Lärm ist da drinnen, ein Hämmern und Klopfen, daß man das Nachbars Stimme kaum hören kann, wieviel weniger die Stimmen derer da draußen. Was hätten die auch zu schreien! Tiete Eggers Jüngste, die kleine dicke Elsabe, wird sich wohl hüten, und Leferenz Olf, der bei ihr sitzt, der »lange Leferenz« hat das Schweigen nicht erst von den Fischen zu lernen gebraucht, die seinen gewöhnlichen Umgang bilden. Außerdem weiß er, daß er kein Recht hat, dazusitzen und der kleinen Elsabe zuzulachen, morgens um sieben in Nebel und Tau, unter dem leise fallenden Regen, in den blasse, unsichere Sonnenlichter zucken, während das Wasser steigt und die Ewer sich drehen und der erste lebhaftere Hauch die schlaff hängenden Segel durchfährt.

Sie könnte sich hier erkälten; ganz gewiß, die kleine Eggers! Oder Tiete Eggers könnte mit der Säge in 111 der Hand um den Schuppen herumkommen und sich ganz ungeniert erkundigen, was er da mit seiner Tochter vorhabe. Oder Onkel Mull könnte von seinem Spaziergange um die Kartoffelschute herum auf dem Sande dahertappen, Hände auf dem Rücken, Hut im Nacken, und plötzlich vor ihnen stehen bleiben, ein Fragezeichen in jeder Runzel seines weißbärtigen Gesichts.

Leferenz Olf dachte an so viele Möglichkeiten, daß er druckste und druckste und vor lauter Nachdenken sitzen blieb, als wäre er da neben der kleinen Eggers angepicht. Ein Fischerewer nach dem andern hißte die Segel und fuhr elbabwärts, nur einer blieb, wo er war, und der gehörte Leferenz Olf.

Und die kleine Eggers saß auch ganz still, es war, als wenn er sie ansteckte. Und dann guckte sie vor sich nieder auf ihre blau und weiß karrierte Schürze, und Leferenz guckte aufs Wasser, gerade hinaus, mit seinen Augen hell wie Wasser.

Vorüber kam keiner, wäre aber einer gekommen, so hätte er trotz alledem gewußt, daß sie es wunderschön fanden, so hier zusammenzusitzen, morgens um sieben, im fallenden Nebel und der kämpfenden Sonne.

Es hatte angefangen, wie es oftmals anfängt, – obgleich der eigentliche Anfang dann noch viel früher gewesen ist, – mit einem Geschenk. Übrigens war es auch danach gewesen, hatte dem langarmigen Olf ganz ähnlich gesehen. So etwas Unnützes ins Haus zu bringen, hätte doch gewiß niemand einfallen können als »Olf Tranblut«, wie ihn Usche Queren getauft hatte. Dem das fahlblonde Haar bis in die runden, weit 112 auseinanderstehenden Augen hing, ohne daß er's wegwischte, und der den Mund nur aufmachte, wenn es etwas zu essen gab, oder wenn ihm Tiete Eggers Jüngste über den Weg lief. Nicht, daß er dann gesagt hätte: »Süh so, Fräulein Elsabe!« wie irgendein andrer manierlicher Mensch in Blankenese. Er lachte sie nur an, lachte ihr gerade in das runde Apfelgesicht, und dann wurden ihre Backen noch röter, so als ob plötzlich die Sonne darauf schiene, und sie lachte ihm wieder zu. Ein einziges Mal nur hatte Usche Queren, die Großtante der Eggersfamilie, diesen Vorgang beobachtet, und sofort hatte sie daraus geschlossen, daß es zwischen den beiden nicht richtig sei. Und das war gewiß eine Probe von großem Scharfsinn; denn Usche Queren war stark harthörig, und gehen konnte sie schon lange nicht mehr.

»Das ist noch ein Trost!« sagten einige Leute. Aber sie waren vorschnell in ihrer Zufriedenheit; denn Usche hatte Augen wie eine Katze im Dunkeln und ein stark entwickeltes Gefühl für Passendes und Unpassendes, das mit den gichtischen Beinen gar nichts zu tun hatte. Und sofort hatte sie mit ihrem Krückstock, den sie statt einer Klingel gebrauchte, auf den Boden geklopft, dreimal, und es allen erklärt, die es hören mochten, das wolle sie auch nicht haben, daß Leferenz Olf hinginge und sich was einbildete. Er sollte nur ruhig unter den Fischerstöchtern bleiben, wo er hingehörte. Und als die jüngste Nichte auf diese Worte heimlich vor sich hin gelacht hatte, wie es ihre Gewohnheit war, hatte Usche in ihrem kattungepolsterten Lehnstuhl zu zittern und 113 beben angefangen, vor Wut, und da sie nicht mehr sprechen können, hat sie wenigstens gestammelt: »denn mak ick dat anners! denn mak ick dat anners!« Und das war die schrecklichste Drohung für die ganze Familie. Durch diese paar Worte hatte sich Usche Queren seit zwei Jahrzehnten schon zum regierenden Oberhaupt aller Eggersleute hinaufgedroht. Denn sie war die Person danach, ihren Willen durchzusetzen und es wirklich »anders zu machen«, nämlich das Testament, in dem sie ihr Vermögen an Tiete Eggers verschrieben hatte. Zweimal hatte sie es schon geändert; fünftausend Mark waren abgeknappt und frommen Stiftungen zugeteilt worden, weil Eggers es sich hatte einfallen lassen, ein Haus zu kaufen, das gerade billig zu bekommen war, und weil er dazu die Bürgschaft der Tante hatte in Anspruch nehmen wollen. Aber da hatte ihm Usche Queren einen dicken Querstrich durch seine Spekulation gemacht, hatte die fünftausend Mark, auf die er zur Anzahlung gerechnet, ritsch ratsch von seiner Erbschaft abgezogen und weggeschenkt.

Doch trotz aller der scheeläugigen Aufmerksamkeit am vorderen Fenster war Leferenz Olf eines Tages mit einem Geschenk angerückt gekommen, aber hinten herum, über den Süllberg herunter und gleich in die Küche. Angeklopft hatte er nicht erst, dazu war er zu vorsichtig, und dann hatte er auch hinter den kleinen Küchenfenstern, die fast ganz von großen Kürbisblättern zugedeckt waren, etwas Rundes, Rosiges bemerkt, was ihm Mut machte.

Und richtig, als er die Tür aufgeklinkt, waren 114 da drinnen sämtliche Frauensleute gewesen, Madam Eggers und ihre drei Töchter, und wenn das nun auch mehr waren, als er eigentlich nötig gehabt, so war er doch entschlossen vorwärts gegangen; denn obgleich er Olf Tranblut hieß, wußte er ganz gut, daß ihm kein Frauenzimmer böse war, außer Usche Queren, und die hielt er eigentlich für einen Kerl. Und die Wahrheit ist, daß sie auch danach aussah mit ihrem großen haarlosen Kopf, den gelben wulstigen Backen und den dicken Tränensäcken.

Ohne ein Wort zu sagen, mit mühsam verbissenem Lachen war er mit seinen langen Wasserstiefeln an den Küchentisch gestolpert und hatte eine alte Weinflasche ohne Hals darauf niedergesetzt.

»Na, nu ward good, Herr Olf!« hatte die älteste Tochter, die Witwe, geschrien und war zurückgesprungen, als sie in die Flasche geguckt und da ein Gekrabbel gesehen hatte.

Und Wische, die Schneiderin, die nur hochdeutsch sprach, hatte die dünnen Händchen erhoben: »Achhott, achhott, nein, das sieht mal komisch und eklig aus! Kann es auch klei'n?« und schnell hatte sie sich die Finger vor die Augen gehalten.

Die jüngste aber hatte schützend die Arme um das Glas gelegt. »Ji brukt dat je nich antokieken, nich, Mutter? Mutter mag dat lieden un ick ook. Un wenn dat in min Stuw steiht, denn geiht dat Ji gor nichs an.«

115 Aber da wollten sie es natürlich alle sehen. Voran Madam Eggers mit ihrer spitzen Nase und dem ängstlichen Zug, den sie gekriegt hatte, seit Usche Queren mit ihr unter einem Dache hauste. Sie klammerte sich an ihre Jüngste und bog sich so vorwärts.

»Achhott nee, wat dat ook allens in de Welt geben deiht!«

Auch die Witwe und Wische zogen die Augenbrauen in die Höhe und wunderten sich. Es sah aber auch zum Wundern aus, was sich da in dem trübgrünen Glase langsam bewegte. Ein Fisch war es gewiß nicht, obwohl es im Wasser saß, auch keine Muschel.

Sie fragten Leferenz Olf, und der zeigte alle Zähne und sagte, es wäre »so'n Seediert«. Aber das wollten sie auch kaum glauben; denn es sah aus wie eine Sternblume, halb durchsichtig, milchweiß und rosa, mit einem kurzen, dicken Stiel. Und der Stiel saß auf einem Stein; so hatte Leferenz Olf das Ding gefunden und mitgebracht.

Das war ja nun ganz gut so weit, wenn es nur stillgehalten hätte. Aber jedesmal, wenn es langsam eines seiner schmalen, glitzernden Blätter zusammenzog oder ausdehnte, fuhr Wische in die Höhe und schrie: »I gitt, i gitt!« und es sah auch wirklich merkwürdig aus, wie fortwährend ein Zittern und Fliegen über die zarte Haut hinlief. Ein nettes Geschenk!

»Ick mug dat nich in't Hus hebben! Wat deit een mit so'n Kram?« fragte die Witwe, die Achseln zuckend. 116 »Kannst dat je mit to Bett nehmen,« neckte sie ihre Schwester, »kumm, Wische, wi möt wat dohn.«

Die älteren Schwestern waren verschwunden, ein paar Minuten später hatte man das Rasseln ihrer Nähmaschinen über der Küche gehört. Und dann hatte Madam Eggers einen Kochtopf zum Feuer gerückt und Herrn Olf gebeten, noch »en kleinen Augenblick zu töben, sie habe noch so schön Butt und Kartoffeln von Mittag«. Leferenz Olf, die Hände in den Hosentaschen, hatte am Tellerbord gelehnt, bis das Essen gewärmt war, und nachher hatte die Frau ihm mehr aufgekellt, als er bezwingen konnte. Es war die einzige Art, wie die schüchterne, kleine Frau ihr Wohlwollen ausdrücken konnte.

Elsabe aber hatte unermüdlich die Seerose beobachtet, und wenn sie doch einmal zu dem langen Gast hinübergeblinzelt, so war sie jedesmal nachher rot geworden, und sie hatte die Nase gerümpft, daß er sich so gründlich mit den Butten abgebe, gerade, als wenn er nur dazu hereingekommen wäre.

Aber zuletzt war es doch noch anders gegangen. Ob Usche Queren wirklich, wie einige Leute behaupteten, mit ihren kleinen, gierigen Augen durch drei eiserne Türen sehen konnte, oder ob es nur ein stark entwickeltes Ahnungsvermögen war, was sie leitete, genug, ihr Krückstock brachte plötzlich einen lauten Trommelwirbel hervor, und Madam Eggers fragte, blaß vor Schrecken, ob Herr Olf jetzt nicht lieber weggehen möchte, »Tanten wäre nämlich – und wenn Tanten mal bös wäre, denn wäre sie bös, und sie hätte da all 117 genug unter gelitten, und das sage sie vor Gott, daß sie lieber von dem ganzen Geld nichts haben möchte, aber 'raussetzen könnten sie ihr doch auch nich grade.«

»Lieber, als daß die Leute denken, wir sind Erbschleicher«, hatte dazwischen hinein Elsabe mit zorniger Stimme gerufen, daß Leferenz Olf ordentlich verwundert gewesen war, zu verwundert, um selbst eine Antwort zu finden.

Die Mutter hatte darauf etwas gemurmelt von »Kiekindewelt« und hatte dann kläglich gefragt: »Na, kann ick denn woll 'n Oogenblick weggahn?«

Da hatte Leferenz ernsthaft in seinen Teller hineingesagt: »Dat könt Se sachts«, und die Mutter hatte im Weggehen noch getröstet: »Ick kam ook gliek wedder.«

Als aber die Küchentür hinter ihr zugefallen, hatte Olf diese noch einen Augenblick angeguckt, ob sie auch nicht wieder aufgehe, und dann die kleine Elsabe, die ohne alle Ursache rot und röter geworden. Bis mit einemmal Olf Tranblut seinen Teller leise hingesetzt hatte, auf das kleine Mädchen zugestakt war und ihr einen Kuß auf den Mund versetzt hatte. Erst hatte sie ihn groß angucken wollen, als aber Olf gesagt, er täte es nun, wie er es meinte, und er hätte geglaubt, sie meinte es ebenso wie er, gab sie sich zufrieden und lachte und küßte ihn wieder und sagte, Olf Tranblut wäre gewiß kein rechter Name für ihn, Usche Queren könnte wohl schone Namen ausdenken, aber sie paßten 118 nur nicht für die Leute; sie möchte ihr wohl erzählen, daß er kein bißchen tranig wäre. Hier mußten sie beide lachen, daß ihr die Tränen in die Augen kamen, und seine weißen Zähne blitzten.

Und seit diesem Tage, einem Tag im Juli, trafen sich die beiden ganz zufällig jeden Tag, da Leferenz Olf nach Blankenese kam von seinen wochenlangen Fischzügen auf Hochsee, trafen sich am liebsten und häufigsten auf dem Werftplatz, hinter dem Arbeitsschuppen, unter den Weiden, bei Regen und Sturm und Sonnenschein, am längsten im Nebel, der sie so sicher machte, als säßen sie hinter einem grauen, undurchdringlichen Vorhang.

Als sie zum erstenmal sich dort fanden, – das Mädchen wollte gerade Sand holen, denn es war ja Sonnabend, und einmal die Woche mußten doch die großen Grapen so blank geklärt werden, wie es das Kupfer nur hergeben wollte, – kam Leferenz Olf mit einem schweren Korbe von seinem Ewer herunter, der eben, als letzter in der Reihe, schwerfällig und unansehnlich vor Anker gegangen war. Die Laternen waren schon angezündet, aber sie leuchteten noch nicht; leise schaukelten die blaßlila Flämmchen wie ein Kranz von Herbstzeitlosen auf der dunklen Wiese.

»Je, wat ick nu woll hier heff!« sagte Leferenz und lüftete das grobe, erdgraue Stück Segeltuch über dem Korbe.

»Steenbutt?« rief Elsabe mit neugierig glänzenden Augen.

119 »Nee, dat nich, aber ook wat Goods«, lachte Olf.

»Zander?«

»Nee, keen Zander, de us nu man selten mit –«

Sie riet hinunter bis zu Schollen und Rochen.

»Schüllen heff ick ook hatt, de heff ick in Cuxhaven verköfft.« Er ließ sie endlich in den Korb sehen.

»Och, bloß Knurrhahn!« machte sie enttäuscht.

»Knurrhahn is ook Fisch! Kiek, düsse lewt noch, faat em mal an, denn knurrt he.« Der kleine, dickköpfige Fisch schlug die Flossen auseinander; plötzlich sperrte er ein weites Froschmaul auf. Elsabe ließ ihn in den Korb zurückfallen.

»Ick heff ook noch Stint, und denn Taschen

Das Mädchen ließ die volle Unterlippe hängen.

»Dat gellt je all nichs.«

»Och, en beten gellt dat ümmer.« Leferenz Olf stand mit gespreizten Beinen, lachte und sah zufrieden auf Elsabes blankes, blondes Haar, über dem ein weißer Schmetterling flatterte, als wolle er sich darauf niedersetzen. Er wunderte sich, als das Mädchen zu seufzen begann und sich mit gesenkter Stirn auf einem Baumstamm niederließ, die Hände in die Schürze gewickelt.

»Ick wull di 'n Stieg afgeben«, sagte er mit sanfter Stimme.

»En Stieg Stint?«

»Stint oder Knurrhahn, wat du hebben wullt«, sagte er bereitwillig.

120 Elsabe lächelte ihm freundlich zu, aber ein Zug von Sorge lag um ihren roten Mund.

»Ick weet woll, du meenst dat good, man – du hest dat je groot nödig; verkoop din Fisch man lewer –«

»Dat Stieg gellt nu twintig Penn, von de lütten, dat kann ick missen«, sagte Olf treuherzig.

Das Mädchen musterte ihn heimlich; er schien so gar keine Ahnung zu haben – –

»Ochhott, Leferenz Olf, wat sall dar denn ut warden, wenn du nichs as Stint und Knurrhahn fangen deist!« platzte sie endlich wider Willen heraus.

Der Fischer blickte sie eine Weile an, als verstände er nicht, sie war so rot geworden, voll Scham und Verwirrung; er wußte nichts Besseres, als den Fischkorb wegzuschieben und sich neben die Kleine zu setzen.

»Een hett Glück un de anner nich«, sagte er leise.

Elsabe legte ihm die Hand auf die Schulter; als es nicht half, beugte sie sich gegen den Versunkenen und umfaßte seinen Hals.

»Ja?« machte Olf und sah sie mit seinen hellen Augen an, die jetzt ganz abwesend schienen.

Da küßte ihn das Mädchen.

»Olf, Olf Tranblut.«

Er schien es nicht zu hören.

»Min Unkel Mull seggt, din Ewer döggt nichs, he sleppt sick as Blei.«

Olf nickte wie im Traum. »Dat is dat man.«

»De is all vun din Vadder, nich?«

»Ja, min Vadder hett em mal vor old kofft, das' de Richtigkeit.«

121 »Kunnst du denn nich –«, begann Elsabe, aber es kam ihr gleich dumm vor, was sie sagen wollte, und sie brach ab. Sie wußte ja, daß er arm war.

»Dat mut nu gahn, as dat geiht«, sagte Olf und rückte näher an die Kleine.

»Dat du ümmer vun alle Fischer dat Slechtste kriegst«, meinte sie nachdenklich.

»Wokein seggt dat?« Olf drückte das Mädchen an sich. »Ick heff mi noch lang nich dat Slechste utsöcht«, lachte er.

»Ach, wenn du dat so meenen deist –« Geschmeichelt und errötend ließ sie sich von neuem küssen. Dazwischen erkundigte er sich, was »das Seediert sage.«

»Dat seggt gor nichs mehr, rögt sick ook nich, ick glöw, dat is all dod.«

»Dat heff ick mi dacht!« Olf schlug sich aufs Knie. »Ick heff di all 'n por annere mitbrocht.«

»Kiek, dor hett he an dacht«, sagte Elsabe liebkosend.

»Hest dat woll dodhungern laten? dat will ook eeten.«

»Eeten?« schrie das Mädchen mit zusammengeschlagenen Händen.

»Morgen fröh kam ick in de Kök' und wies' di, wo dat Dings eeten kann.«

Elsabe wurde sehr verlegen. »Och, Leferenz Olf, wenn di dat recht is, denn wull ick lewer hier op di töben.«

»Na ja,« machte der Fischer, »ook good.«

»Denn kiek mal, Leferenz, wat geiht dat min 122 Swester Berta un min Swester Wische an, nich? Un Usche Queren hett seggt –«

Sie sagte nichts weiter; aber diesmal merkte Leferenz ganz gut, daß es nur aus Rücksicht für ihn geschah.

»Hest din Tanten all seggt, dat du di nu övertügt harst –«

Elsabe hatte keinen rechten Genuß jetzt von seinem schelmischen Lächeln. Es kam ihr vielleicht so vor, als ob niemand ganz ohne Grund zu einem Spitznamen käme. »Bün ick di noch nich quick nog?« brummelte Olf und drückte sie, daß sie schreien mußte. Da wollte sie denn auch nichts weiter sagen. Den andern Morgen dann in aller Sonntagsstille und Herrgottsfrühe kamen sie wieder an der kleinen Bucht zusammen. Die Elbe lag heut so leer wie ein glatt gefegter Tanzsaal; nur die Fischerewer hielten im Halbkreis Wacht; die Steine des Stacks waren nicht bloß trocken, sie waren warm vor Sonne, obgleich es noch so früh war. Der Fischer war schon auf dem Wasser gewesen, er zog sein kleines Ruderboot auf den Strand, als er das Mädchen, die Hand vor den Augen, unter den Weiden heraustreten sah. Sie war so groß, wie sie auf dem Sande stand und ihr schwarzes Sonntagskleid glatt strich.

»Kennst mi noch?« rief Olf sie an, während er heraussprang.

»Bist all zu fischen gewesen?«

Elsabe sprach gern hochdeutsch, wenn sie fein angezogen war.

123 »Och, nichs von Bedüden, 'n Hand vull Butt, das is die Netzen nicht wert.«

»Du sprekst je as Unkel Mull«, sagte das Mädchen geringschätzig.

»Un mit Unkel Mull bün ick west«, nickte Olf, das nasse Netzbündel entfaltend.

Elsabe wurde rot, ihre Stirn furchte sich.

»Achhott, nu hett he sick noch mit min Unkel Mull intolaten! De is ook sin Lebenlang achter Butt un Stint herwest.«

»Unkel Mull is gor nich dumm,« fiel Olf ein, »ick segg di, lütt Deern, de hett Snurren in 'n Sack.«

»Dat is dat je grade!« Olfs Lachen ärgerte die Kleine, »he hett sin Kopp ümmer wo anners hatt, bloß nich bi sin Geschäft.«

Olf streifte mit einem verwunderten Blick über sie hin.

»Kiek, wat se schellen kann!«

»Ick schell' je nich, ick segg man, wat recht is.«

»Nee, du seggst, wat Usche Queren seggt«, bemerkte der Fischer gemütlich.

Die Kleine stieß zornig mit der Schuhspitze in den Sand.

»Nee, dat will ick nich wahr hebben; teinmal lewer noch Unkel Mull as Usche Queren.«

»Se is je mal sin Brut west«, sagte Olf in mutwilligem Ton.

Elsabe mußte lachen. »Hett he di dat vertellt?« Und als er nickte:

124 »Hett he ook vertellt, dat se em afseggt hett, as Kaptein Queren daherkam?«

»Kaptein Queren mit den grooten Geldbüdel«, sagte Leferenz; er schielte sie von der Seite an.

»En Schandewert!« rief Elsabe, stark errötend.

»Och, dat kummt woll 'mal so mit, wenn een nichs as Stint un Bütt fangt«, murmelte Olf, während er sie heimlich beobachtete, sah, wie sie zusammenzuckte und den Kopf hängen ließ.

Aber nur einen Augenblick, dann hob sie ihn wieder, spähte schnell nach allen Seiten, wie ein scheuer Vogel und faßte dann nach dem andren Ende der Netzwand; es war eine Bewegung, die mehr als bloße Hilfsbereitschaft ausdrückte; Leferenz nahm ein paar kleine Fische, die in den Maschen hängen geblieben waren und noch mit mattem Kiemenschlag atmeten, heraus und warf sie mit weitem Schwunge in die Elbe.

»Du mußt noch wassen, un du ook.«

»Ick wull, Usche Queren wör weg«, sagte das Mädchen mit einem tiefen Seufzer.

»Un Ji harrt dat Geld«, murmelte der Fischer.

»Dat Geld? päh! ick will keen Schilling davon afhebben!« Elsabes braune Augen funkelten.

»Je, ick weet nich«, machte Leferenz. Da trat sie dicht auf ihn zu, ihre Lippen bebten.

»Segg dat noch 'mal, hörst du, segg noch een Woort, denn is düt dat letzte Mal west!« drohte sie, herausfordernd.

125 »Na na, is all good, ick will die dat je geern to glöben, –« lenkte Olf ein. Vom Hause her ward Elsabes Name gerufen. Die Gesichter der beiden, eben noch verstimmt gegeneinander, sahen sich plötzlich voll Bedauern an über die Trennung.

»Nu heff ick die de Seeros' nich wies't«, sagte Olf verdutzt.

Aber es half nicht, das Rufen kam näher. »Dat is min Wische, adjüs.«

»Adjüs lütt Deern. Na, segg 'mal, en beten quicker bün ick all, nich du?« Er wollte sie zum Abschied umfassen, aber sie gab ihm einen leichten Schlag auf den Hut, daß er über die Augen rutschte. Dann fuhr sie ihm mit der Hand über die bärtigen Lippen.

»Dat hest du hüt nich an mi verdeent, braun un blau hest mi argert«, sagte sie im Weglaufen.

»Da freu' ick mi recht to! bald wedder so!« rief er ihr nach.

Als sie aber fort war, warf er sich längelang in den Sand, den Hut neben sich und starrte mit hellen Blicken den weißen Möwen nach, die von Zeit zu Zeit aus dem sanften Himmelsgrau auf die leise ziehenden Wellen niederschossen. Er sah langsam die Flut kommen; als die heraufspritzenden Wellen seine Stiefel benetzten, stand er gemächlich auf und legte sich weiter landein unter die Weiden. Ein Trupp Ausflügler zog auf dem Strandweg über ihm dahin. Ein weißer Sommerhut bog sich neugierig zwischen das Gebüsch, 126 fuhr plötzlich zurück, und eine ängstliche Mädchenstimme rief: »O Gott, Mama, da unten liegt ein Mensch.«

»Wo? wo?« Im Augenblick war Leferenz Olf umringt von jungen Mädchen und Knaben mit Schmetterlingsnetzen und Botanisierdosen, die ihm in die Augen starrten. Ein kleiner Kurzsichtiger setzte sich einen Kneifer auf und schrie dann voll Enttäuschung: »Er ist ja gar nicht tot.«

»Gott sei dank, nee«, antwortete Leferenz Olf mit derber Stimme und sprang so plötzlich auf, daß alle auseinanderstoben. Er hob das Netz vom Boden, das er noch immer nicht ausgebreitet hatte und stieg langsamen Schrittes die steilen Sträßchen und Stufen hinauf nach dem Süllberg, wo er mit seinem Bruder Georg zwei Stuben in einer kleinen Kate inne hatte.

»Is dat din bestes Sünndagsgesicht?« fragte ihn eine Nachbarsfrau, die ihn schon als kleinen Jungen gekannt hatte. Und als er ohne Antwort weiter stieg, rief sie noch: »Unkel Mull is ook bi di west, he kunn di nich finnen, he is nu an 'n Strandweg gahn.« »Is good«, erwiderte Leferenz, hängte das Netz zum Trocknen zwischen die Holzpfähle auf dem schmalen Rasenfleck vor seinen Fenstern und steckte sich Brot und Speck in die Tasche. Dann ging er auf die Waldhöhe über Falkental, legte sich in blühendes Heidekraut unter die Kiefern, – er war noch lange nicht mit Träumen und Nachdenken fertig. –

Die kleine Elsabe hatte es derweil nicht halb so gut. Wische empfing sie mit Entrüstung; sie finde es 127 doch »'n büschen komisch« von ihr, daß sie, Wische, habe Kaffee machen müssen, wo sie doch zur Kirche nach Nienstätten wolle, und Tante Usche (Wische war immer voll Respekt für die Alte, auch hinter ihrem Rücken) habe schon einen furchtbaren Spektakel gemacht, weil sie einen unfrankierten Brief aus Altona von ihrem Schwager bekommen habe. Berta habe ihn angenommen, was ja auch eine große Unvorsichtigkeit von ihr sei, das heißt eigentlich habe die kleine Mietje es getan, und das Kind wisse es ja nicht besser. Aber das komme natürlich alles von Elsabes Weglaufen, wenn sie dagewesen wäre – – Die Gescholtene blieb ihr die Antwort nicht schuldig, die Mutter, kleiner und schmächtiger als ihre Töchter, stand hilflos dazwischen und begütigte nach rechts und links: »Nee, mußt nich, Elsabe, mußt nich, Wische, se is je nu wedder ruhig, se hett sick je nu dat Gesangbook geben laten, lütt Mietje is all binnen un holt ehr dat unner de Näs.«

Aber Elsabe ließ sich damit nicht begütigen; es war wohl das Gespräch mit Leferenz Olf, was sie so aufgeregt hatte. Bis jetzt hatte sie nichts Besonderes daran gefunden, daß ihrer Schwester Kind stundenlang mit dem Gesangbuch auf dem Kopf auf einem niedrigen Holzschemel vor der Urgroßmutter sitzen mußte. Heute zum erstenmal taten ihr die dünnen fünfjährigen Ärmchen, die das Buch festhielten, so leid, daß ihr zornige Tränen in die Augen schossen.

»Dat arme Gör! en schönes Sündagsvergnögen! ick hal' se rut ut de Stuw; se sall mit mi an 'n Strand un baden.«

128 Aber sogleich streckten sich vier Arme nach Elsabe aus, um sie zurückzuhalten.

»Um Gotteswillen, Deern, wat wurr ook Tanten seggen!« Und Madam Eggers setzte überzeugend hinzu: »Dat deit Mietje nich, se deit dat ganz geern, se weet woll, dat ick se naher fief Penn' forn Zuckerstang' geben doh.«

Elsabe war in der Laune, auch das sehr unrecht zu finden; wie ein großer schwarzer Fleck, von dem nichts als Schatten und Kälte und Unheil ausgeht, saß Usche Querens unförmliche Gestalt in ihrer Vorstellung.

»De hett oook groot nödig, in 'n Gesangbook to lesen«, sagte sie empört.

»Ochhott, se kann je nicht in' Kirch,« erwiderte die Mutter und streichelte ihren ärgerlich erhobenen Arm, »dat mußt du ook bedenken.«

»Aber helpen deit' je doch nich«, rief das Mädchen.

Madam Eggers hielt inne, als ob ihr solch ein Gedanke nie gekommen sei, nachdenklich ließ sie die Unterlippe hängen.

»Nee, Kind, da hest du recht, – wenn ehr dat wat helpen däh, denn wör se woll anners.«

»Lang holl ick dat nu nich mehr ut«, sagte Elsabe und stellte klirrend das Kaffeegeschirr ineinander.

Wische war fortgegangen, Madam Eggers setzte sich mit kummervoll gebeugtem Kopf in die dunkelste Ecke neben dem Herd.

»Min Will' is dat nich west; ick bruk nich veel, ick bünn mit allens tofreeden, bloß Ruh' in't Hus! Ruh' 129 un Freeden.« Sie seufzte tief. Die Tochter strich ihr über das Haar, wie einem weinenden Kinde.

»Si man still, Mutter, eenmal ward wie ehr je woll los warrn.«

Die Mutter seufzte noch stärker: »Vadder sitt baben in de Gebelstuw, rekent und rekent.«

»Aha!« Elsabe drehte den Hahn der Wasserleitung zu, es plätscherte so laut.

»'t will wedder nich stimmen«, fuhr Madam Eggers ängstlich fort.

»Aha.«

»Hüt' nacht hett he mi opwackt, he seggt, he mutt noch een Etage op dat Hus setten.«

»'t steiht je so all leddig!« rief das Mädchen erschrocken.

»Je, dat segg ick ook! Un denn will he ünnen twee Ladens maken mit groote Speegelscheiben.«

»Wokein sall denn dar intrecken«, staunte Elsabe.

»Je, dat segg ick ook, aber he hett sick dat nu so fast in 'n Kopp sett, un denn seggt he, een harr he all in Utsicht, de harr nämlich en Sargmagazin.«

Die Frauen tauschten unwillige, besorgte Blicke.

»En Sargmagazin? De ward hier ook nich fett, so veel Lüd starwt je gor nich in Blank'nes.«

»Je, dat segg ick ook, aber helpen deit' nich.«

»Denn geiht dat wedder as mit den Fischdünger.«

»Un mit de Steenkahlen.«

»Un mit de Badeanstalt.«

»Ja, aber ick glöw, düt mit dat Spekalieren, dat 130 is dat dullste; he slöppt nich in de Nacht, ümmer reken, ümmer reken, un denn sett he dor doch bi to! Unkel Mull hett recht; de seggt, to so watt, dar hört en Spitzbow her, un dat kann din Vadder nich, de sitt ümmer vor'n Rest. Weet Goot, wo dat noch mit uns gahn deit!«

Usche Querens Klopfen unterbrach das sorgenvolle Gespräch. Sie mußte ihren Eiergrog haben, den sie jeden Morgen pünktlich auf die Minute verlangte. Als Elsabe ihr das heiße, dampfende Glas in die Stube tragen sollte, überfiel sie wieder der Zorn, aber ihrer Mutter angstvoller Miene war schwer zu widerstehen. »Se hett all seggt, du harrst di noch den ganzen Morgen nich bei ihr sehn laten, ick wurr di dat geern afnehmen, min Kind, aber –«

»Na, du hest di je noch gor nich bi mi sehn laten!« empfing Usches quäkende Stimme das Mädchen, während Mietje wie eine Feder aufsprang und ihre jüngste Tante in der Gegend der Knie etwa umarmte, denn höher hinauf reichte sie nicht. Elsabe strich mit der freien Hand den kurzgeschorenen Kopf des Kindes: »Nu geht Mietje mit mir, nu soll sie baden!«

»Na, du giwst da woll nichs um, bi mi to sitten,« murrte unzufrieden die Alte, »min Swager seggt dat woll, nichs as lachende Erben!« Hastig schluckte sie das starke Getränk, ihre kleinen Augen röteten sich, sie sandte über den Rand des Glases hinweg böse Blicke auf das Mädchen, das verächtlich mit den Lippen zuckte.

»Ho, watt'n Hitt!« sagte Elsabe, sich zwingend, »ick 131 kunn hier nich uthollen, Tanten mutt mi dat man nich vor öbel nehmen.«

Usche Queren hatte die Eigentümlichkeit, daß sie nie ein Fenster in der Tag und Nacht bewohnten Stube aufmachte und Wutanfälle bekam, wenn einer von der Familie es versuchte. Gleichwohl sollte beständig jemand um sie sein, vor allem Mietje.

»Bi mi sitten will se nich fief Minuten, all' luurt se op min Enn, aber Ji könt luuren,« sie drohte mit der zitternden Faust, »min Vadder is söbenuneegentig worrn, un söbenuneegentig warr ick ook, ick bin nach nicht mal söbentig, ick bün 'sund un munter, ick eet dat noch all op, din Vadder rekent und rekent, und ick warr söbenuneegentig.«

»Mintwegen hunnert, is mi gans egal, ick will nichs vun Tanten ehr Geld!« schrie Elsabe, blaß vor unterdrücktem Zorn, riß das Kind auf ihren Arm und rannte ohne weiteres Wort aus der niederen, mit dumpfer Stickluft gefüllten Stube.

Mietje blickte sie mit runden blauen Augen an: »Laß mich man erst nach Großmutter, ich krieg' nu erst 'n Zuckerstange.«

»Sollst nich immer was kriegen! Fängst auch all an?« sie puffte das Kind, das vorwurfsvoll sein Köpfchen senkte und leise an zu weinen fing. Da wollte sie es gern wieder gut machen und plauderte ihm sanft und freundlich vor von dem schönen, warmen, weißen Sand draußen und dem schönen Wasser, worauf die Sonne 132 scheint, und worin Mietje baden soll, mit einem langen Hemdchen an und einem langen Gürtelband, woran Elsabe sie festhält, und dann steigt sie vorsichtig weiter und sieht die Fische um ihre Füße schwimmen, und all die kleinen Dampfer mit Musik kommen da vorbei, und dann taucht sie unter, einmal, zweimal; – die Kleine lachte und hüpfte auf ihrem Arm und vergaß die Zuckerstange, und dann wurde es alles so, wie die kleine Tante es vorausgesagt hatte, und Mietje wußte nicht, auf was sie am meisten gucken sollte, auf die Vögel oben oder auf die Fische unten, auf die Boote alle, oder auf ihre unsicheren Füße, die ganz andre Schritte machten, als sie eigentlich wollte, oder ob sie nicht dahin gehen sollte, eine kleine Strecke weiter nur, wo all die Jungens badeten! Nein, den Spektakel, den diese Jungens machen konnten! Dünn und rotbraun und ganz ohne solche lange Hemden, wie Mietje eines angekriegt hatte, sprangen und schrien sie da herum, hielten ihren blanken Rücken in die Sonne und warfen sich plötzlich mit einem Gekreisch ins Wasser, daß auch Mietje an zu strampeln und die Wellen, so schnell sie konnte, mit ihren kleinen Händen zu peitschen anfing. Und dann hopsten diese Jungens auf einmal alle in ein leeres Boot, das da angebunden war, einige hängten sich an den Rand, andre stellten sich auf die Sitzbänke, alle so nackt, wie Mietjes kleine Badepuppe, die ihre Mama ihr neulich 'mal aus Hamburg mitgebracht hatte, und dann, ganz ohne sich abzutrocknen, zogen sie sich weiße, reine Hemden über'n Kopf, so weiß, wie die Segel auf den Booten, die eben vorbeifuhren, und 133 einige konnten gar nicht durch mit dem Kopf und saßen da wie Mehlsäcke, und prusteten und lachten, aber einige, die nicht genug bekommen konnten, kleideten sich noch nicht wieder an, sondern sprangen von neuem über Bord und schwammen weg, so schnell, nur ihre Gesichter sah man, rot wie Schwimmbojen. Mietje konnte sich nicht satt sehen und saß, in ihr Badetuch gewickelt, auf den warmen Steinen des Stacks, und neben ihr saß Elsabe und freute sich, daß sie draußen war, und heftete lange Blicke auf den Fischerewer, den letzten äußersten im Halbkreise, der so rostig und verräuchert, so ausgedient und schwerfällig aussah, recht wie das Besitztum eines armen Mannes. Nichts regte sich dort zwischen den Masten, nicht einmal die aufgehängten Netze, die übrigens kaum erkennbar waren vor all dem untergehefteten Lumpenwerk, alten Resten aus Mutter Olfs Garderobe, Barchentröcken von längst durch Seewasser und Schlick und Sonnenbrand torfbraun gewordener Farbe. Sie sollten die auf dem Meeresgrund hinschleifenden Schleppnetze, mit denen man Seezungen und Schollen fängt, vor dem zu schnellen Zerrissenwerden schützen. Elsabe wußte es wohl, aber es kleidete dem elenden Fahrzeug wie ein richtiges Bettelkleid. Und wie ausgestorben an Bord: kein bläulicher Rauch kräuselte sich häuslich und heimelig empor, wie von einigen andren Ewern, wo zu Mittag gekocht wurde; kein Hund bellte, keine Harmonika tönte dort. Wo er nur wohl sein möchte? und wo fand er zu essen? wer kümmerte sich um ihn, wenn er an Land war? Sie wußte, er wohnte da oben am Süllberg, bei seinem 134 Bruder, der Segelmacher war. Die Eltern waren früh verstorben, arme Fischersleute, die immer am Ende des Dorfes gewohnt hatten, »bi dat annere Pack«, sagte Usche Queren. Pah! Usche Queren! Jedermann wußte, daß sie nur einen schmutzigen Schilling dort sitzen hatte, wo andre Menschen das Herz haben, und daß sie auch bei den andren nur an die schmutzigen Schillinge und an kein Herz glaubte. Aber wiederum, so ganz arm sein, so arm wie Leferenz Olf, und es noch nicht einmal recht merken, das ist doch auch – – Wie kann man denn da zusammenkommen?

Das Mädchen seufzte in den schönen Sommertag hinein, der blau und leuchtend über der Elbe lag. Dazwischen äugelte sie nach dem langen Olf, – er hatte ihr doch die Seerosen bringen wollen, ob er sie denn gar nicht bemerkte, hier auf dem flachen Strand? Ach, er war wirklich Olf Tranblut, ausgenommen beim Küssen und Übelnehmen, aber was konnte das viel helfen!

»Na, Mietje, nu müssen wir aber endlich wieder 'rein,« sagte sie, sich aufraffend, »Großmutter hat uns große Bohnen mit Speck gekocht, mach, daß deine Strümpfe ankriegst.«

Es war eine stille Mahlzeit, denn Tiete Eggers, der Hausherr, hatte ein Notizbuch neben seinem Teller und schrieb dann und wann mit Bleistift hinein. Er war ein hagerer, rotbärtiger Mann mit unruhigen Augen und einem plötzlichen argwöhnischen Auffahren und Umblicken. Aber Elsabe erinnerte sich noch deutlich, daß er das früher nicht gehabt hatte, daß er bei 135 Tisch allerlei Späße und Witze erzählt und selbst am lautesten darüber gelacht hatte. Damals war es in jeder Beziehung anders im Haus gewesen, zwei oder drei Lehrlinge oder Gesellen mit am Tisch und der Vater ebenso wie sie im blauen leinenen Hemd und Schurzfell. Die Tuchröcke und Hosen, die er jetzt immer trug, hatte er damals nur am Sonntag angezogen. Aber das war alles, eh Usche Queren bei ihnen wohnte; seitdem hatte sich Tiete Eggers aus einem Bootbauer allmählich in einen Projektenmacher und Spekulanten umgewandelt; seine älteste Tochter Berta, die Witwe geworden und mit ihrer einzigen Kleinen in das elterliche Haus zurückgekehrt war, eine derbe, lustige, gedankenlose Fünfundzwanzigerin, war die einzige im Hause, die Freude und Glauben hatte. Die Freude, daß ihr Vater jetzt ein Geschäftsmann war, wie ihr Mann, der Weinhändler Harms, auch gewesen, und den Glauben, daß er bald reich werden und ihr die unangenehme Notwendigkeit abnehmen werde, für Geld zu nähen, um sich und Mietje zu unterhalten, denn der Weinhändler war leider mit Tode abgegangen, als gerade alle Fässer und Flaschen leer, die »Passivkonten« aber um so voller dastanden.

Auch Schwester Wische war nicht heiter von ihrem Kirchgang zurückgekehrt. Sie hatte die Frau Küstern Sanftleben getroffen, und sie hatten beide ihren Ärger gehabt über das Baden »von diesen Jungens«. »Man mag je nich mehr an'n Strand längs gehn, das is kein anständigen Anblick nich! Mich tun bloß die Fremden dauern, was die Hamburger un die annern 136 sünd, die werden woll bald nich mehr rausziehn, denn sie müssen je rein denken, wir leben hier als Sodom un Gomorrah.«

Die kleine Schneiderin zog den Mund »in die Pünt«, und ihre spitze Nase wurde rot. »Frau Küstern sagt das selbst, man sollt da rein en Kollekte für machen, als für die wilden Negers, daß sie doch wenigstens en klein Kostüm ankriegen! Das läßt sich je billig herstellen, daß man doch so was nich immer vor Augen hat, ich hab all gesagt, für dreißig Pfennig das Stück wollt ich das woll übernehmen.«

»Aha, Wische will all 'n Geschäft machen!« Berta stieß ihre Mutter an, die müde und mit herabhängenden Mundwinkeln ihren Mann beobachtete, der halblaut Zahlen vor sich hinmurmelte.

»Dar hefft wi as Kinner ook nichs von wußt«, sagte Elsabe. Wische sah sie tiefgekränkt an, sie war nie ins kalte Wasser gegangen, »das war höchstens für die Jungens«.

Sie wollte mal Tante Usche fragen, die weiß doch auch was anständig ist und was nicht – –

»Je, gah du man, de warr't woll weeten«, murmelte Elsabe mit einem schrägen Blick nach der Eifrigen; als wenn man nichts weiter im Kopf hätte, als solche weitabliegende Dinge! Aber es ging nun schon einmal so, jeder von der Familie hatte seine Wege und Gedanken, die mit denen der andren nichts zu tun hatten. Erst in dem letzten Jahre hatte die Mutter angefangen, gerade ihrer Jüngsten ängstliche vertrauliche 137 Andeutungen zu machen. Es war gewesen, als Elsabe bei ihrer Putzmacherin oben an der Ecke der Grube, die den feinsten Laden besaß, – ordentlich mit zwei Spiegelscheiben, – ausgelernt hatte. »Daß sie doch unsre Hüte und was so in der Familie mit vorfällt, ausputzen kann«, hatte Berta geprahlt.

Es war Bertas Stolz, daß niemand in Blankenese von ihrer eigenen Lohnnäherei wußte; lieber lief sie nach Altona, nach Hamburg in die Geschäfte, ehe sie sich hier draußen »so klein« gemacht hätte. Schwester Wische machte sich, ihrer Meinung nach, viel »zu klein« vor den Leuten, und doch war auch sie keine gewöhnliche Schneiderin wie Trina Meier, die mit ihrer Anhängeschere, ihrem Fingerhut und einem überquellenden Säckchen voll Dorfklatsch von einem Hause zum andern zog und die ganze Woche bei fremden Leuten zu Mittag aß. Wenige auserwählte Blankeneserinnen nur konnten sich rühmen, ein Kleid von Wische Eggers' Hand zu besitzen, sie ging höchstens zu Kapitänsfrauen »auf den Tag« aus und tat sehr geheimnisvoll und wichtig, wenn eine neue Kundin sich meldete. Nie schmeckte es ihr bei andren Leuten, auch war sie eher säuerlich als redselig und saß den ganzen Tag mit eingekniffenem Munde, »prim« und steif in den auserwählten Familien, eine stille Beängstigung für die Kinder, ein Alp für den Hausherrn, voll herablassender Würde gegen die Hausfrau, immer bemüht, ihr einzuprägen, daß sie, Wische Eggers, ihr eine Gnade erweise und »es durchaus nicht nötig habe«.

Und nun der Schreck der beiden Schwestern, als 138 Elsabe ihre Absicht aussprach, jeden Hut, der sich darbieten würde, zu garnieren! Es ward ein wahrer Sturm, als sogar einmal eine Fabrikarbeiterin aus Mühlenberg daherkam. Aber Wische meinte kopfschüttelnd, sie hätte immer gefürchtet, daß Elsabe nichts auf sich halte, jetzt würde es bald in ganz Blankenese herumgehen, daß die Eggerstöchter »so« daständen. Und am Abend nach diesem Streit war es gewesen, wo die Mutter Elsabe in der Küche, im Halbdunkeln, bei der Hand gefaßt und mit ihrer schüchternen Stimme gesagt hatte: »Ick freu mi dar recht to, dat du nu utlehrt hest un din Saak versteihst. Berta un Wische meent dat ja good, aber se heft en beten en Nagel in'n Kopp, ick weet nich, wo se dat her hefft, in unse Familie is dat nich. Un ick will di wat seggen, min Elsabe, Nahrungssorgen, dat sünd de slimmsten, un wenn ick mi vor wat ängstigen doh, denn sünd dat Nahrungssorgen, un de ollen Nahrungssorgen –«

Und plötzlich hatte sie zu schluchzen angefangen und des Mädchens Arm gedrückt: »Ick heff ümmer Angst, aber wenn nu dat Slimmste kummt, denn kannst du di doch helpen –« und dann tropfenweis, allmählich hatte sie ihr von »Vadder sin Projekten« und ihrem Scheitern, hatte ihr von der gräßlichen Abhängigkeit erzählt, in die Tiete Eggers geraten war – in die Abhängigkeit von dem Gelde, das diese Usche Queren ihm hinterlassen würde. Die tote Usche! Dem Mädchen war ein Schauder über den Rücken gelaufen, als sie das gehört hatte. Gewiß, die alte Tante war zänkisch und anspruchsvoll und wollte von ihrem Armstuhl aus 139 die ganze Familie regieren, aber lieber noch ganz Blankenese, aber daß sie nun mit Gewalt gleich tot sein sollte, damit man ihr Geld bekäme, daß man mit ihrem Gelde fortwährend schon rechnete und spekulierte, als sei sie bereits im Sterben, und daß die ganze, dem arglosen Mädchen bis dahin unerklärliche Achtung und Sorgfalt, die Vater, Mutter und Schwestern der boshaften Alten bewiesen, nur ihrem Vermögen galt, all das erschien der halbkindlichen Elsabe so schrecklich und widerwärtig, daß sie das Grauen tagelang nicht wieder los wurde. »Wat ward se seggen, wenn se nu dot is un allens to weeten kriegt,« sagte sie schaudernd zu der Mutter, »mi drömt hüt Nacht davun, ganz gewiß, ick seh se all dot darliggen, un mit eens macht se ehr Ogen wedder op un ritt dat Vadder ut de Tasch mit ehre Knakenfinger

»Och, mußt nich, Kind,« stöhnte die Mutter und hielt sich die Augen zu, »de leewe Gott ward uns je woll gnädig sin!«

»Gnädig? Warum sall de Herrgott uns gnädig sin, Mutter, wenn wi so'n Ungerechtigkeit utäuwt? Dat is ehr Geld un bliewt ehr, dot oder lebennig.«

»Aber, Elsabe, se kann't doch nich mitnehmen.«

»Mutter, Usche Queren sitt in ehren Stohl un itt un drinkt noch mak so veel as du, de denkt je noch an keen Dod!«

»Aber se is doch 'n ole Fru, un wat hett se denn groot vun ehr Leben?«

140 »Nee, Mutter, dat is ganz egal, dat geiht uns nichs an; lat ehr dat um Gotteswillen behollen.«

»Nee, Kind, eenmal kriegt wi dat je doch, se hett' je in ehr Testament sett.«

»De kann sick noch teinmal besinnen, Mutter.«

Madam Eggers unterdrückte einen Aufschrei. »Och, dat is je grad unse Angst, Vadder sin un min ook –«

»Un wenn se dat will, denn is se in ehr Recht, Mutter.«

»Denn smitt Vadder rum! Nee; wi möt ehr allens to'n Gefallen dohn, Elsabe, dat se nich op so'n Gedanken kummt, du ook, Kind, du ook, se seggt dat nich, aber ick glöw, se hollt wat vun di, se will ümmer, dat du ehr wat vertelln sallst –«

Das Mädchen schüttelte kräftig den blonden Kopf: »Ick doh't nich, un ick kann't ook gor nich! Wat mi nich vun Hatten kummt, dat kummt nich öber de Tung. Un nu, wo ick düt to weeten kreegen heff, is mi Tanten Usche noch teinmal duller towedder

»Harr ick man gor nichs seggt,« jammerte die Mutter, »ick dach', du büst nu all so'n groote vernünftige Deern, weetst, wo dat in de Welt togeiht –«

»Nee!« rief Elsabe verächtlich, »vun so'n Hinterlistigkeiten heff ick nichs vun aff wußt, un will ook nichs weeten.«

»Bün ick nich west as du?« klagte die Frau, »warr man erst so old, dat Leben is swar, dat giwt nich veel Lüd, de op graden Wegen hendör kamt.«

141 Seitdem hatten sie oft über die Angelegenheit gesprochen, und mehr und mehr neigte sich die schwache Mutter auf die Seite der Jüngsten.

Das Mädchen hatte freilich sonderbare Einfälle: »Mutter, wenn ick nu so'n Königin wär',« sagte sie eines Tages mit glänzenden Augen, »denn wur ick dat öberhaupt afschaffen.«

»Wat denn, Kind?«

»Och, dat ol' Erben! Wenn ick nu min Tanten Usche gern lieden much, denn wur ick mi dat doch to Hatten nehmen, wenn se sterben däh, nich Mutter? Na, un denn wurr mi dat ook to trurig sin, dat ick ehr Saken un ehr Geld un allens hebben schull, nich?«

Frau Eggers begriff nicht recht warum, aber sie sagte ja.

»Un wenn ick ehr nich lieden mag, wat for'n Recht heff ick denn, ehr Geld to kriegen?« fuhr das Mädchen nachdenklich fort, »denn wurr mi dat je in de Hand brennen – is nich wahr? Nee, dat mutt afschafft warrn, dat Erben deit keen Good«, sagte sie ernsthaft.

»Och, Kind, wat redst du ook! Wokein schull dat Geld denn kriegen, wenn rieke Lüd starwt, wenn nich ehr Verwandten?«

Elsabe, die gerade ein paar Hutschleifen zusammensteckte, besann sich. »Nee, keen Verwandten, frömde Lüd, de ehr gor nich kennt hefft«, sagte sie zuletzt.

Das wollte Frau Eggers durchaus nicht einleuchten. Das Mädchen spann an ihren Gedanken und ihrem Hutputz weiter.

142 »Ick weet noch wat, Mutter. Dat Geld mutt allens in 'ne grote allmächtige Kist' kamen, dat ganse Joahr, vun alle rieke Lüd, de starwt, un denn, alle Wihnachten, ward dat rutkriegt un tellt, un soveel Paketen makt, als dor nu Lüd in Dorp oder in de Stadt sünd, alle gliek, un Wihnachtenobend ward all de Paketen utdragen, un denn is een Freuen in jedes Hus.«

»Ach, dat wör schön!« rief Frau Eggers unwillkürlich.

Mutter und Tochter sahen sich einen Augenblick heiter lächelnd an. Dann senkte Elsabe die Augen wieder auf die Arbeit, ihre runden Backen färbten sich tiefer.

»Denn kreeg Herr Leferenz Olf ook mal wat to Wihnachten,« sagte sie halbleise, »he hett nie wat to Wihnachten kreegen, Mutter.«

Frau Eggers räusperte sich bedauernd. Dann bemerkte sie, daß allerdings bei so armen Leuten zu Weihnacht nicht viel aushänge.«

»Hett he di so wat vertellt?« fragte sie zum Schluß.

»Ick weet' noch vun fröher her; un gistern hett he mi seggt, ick harr em mal Wihnachtenmorgen en poar rode Appeln geben, – dat harr ick all lang vergeeten.«

»He sett' di doch nichs in'n Kopp?« machte die Mutter und bog sich vor, um in der Tochter Gesicht zu spähen.

»Wat schull dat woll sin?« Elsabe zog die Brauen zusammen, »dat giwt je ok Fischerslüd', de gans good leben könt.«

143 »Du denkst doch nich daran?« rief Frau Eggers erschrocken. »Ick bitt' di, Kind, lat bloß Vadder un Tanten nich so wat hören, – wat is he, un wat hett he?«

»Ick weet all, ick weet allens!« das Mädchen raffte ihre Bänder und Tüllstreifen zusammen, »du brukst em nich slecht to maken, dat lied ick nich. He hett den allergrötsten Fehler, de 'n Minsch hebben kann – he hett keen Geld.«

Ihr Ton war herb und traurig, sie wollte mit ihrer Arbeit hinausflüchten.

»Nee, mußt nich, Deern,« bat die Mutter, »kiek, wenn he nich den ollen harbökenen Ewer harr, un wenn he man 'n eegen Hus harr, un wenn he nich so'n Olf Tranblut wär' – –«

»Denn much ick em wohrschienlich nich lieden,« sagte Elsabe mit trotzigem Erröten und blickte der Mutter gerade in die Augen, »em is dat ümmer slecht gahn, vun Kind op an; – wenn de annern Gör'n an'n Strand Füer makt hefft un hefft sick dar 'n Putt op sett mit Botter un Eier un Kantüffeln, denn hett he mit de Hann' in de Tasch dabi stahn, dat em dat Water in'n Mund tosam leep, aber kriegen –«

Eine mitleidige Träne verschleierte ihre Augen, sie lief schnell hinaus, um in der kleinen, zugigen Giebelstube oben, die ihr gehörte, Arbeit und Träumerei fortzusetzen. Es war wohl das Bild aus der Kinderzeit wieder in ihr lebendig geworden, weil auch heut auf dem Strande Gruppen von Jungen um ihre kleinen 144 Holzkohlenfeuer kauerten, und der bläuliche, scharfduftende Rauch, der die Gesichter umhüllte, zwischen den Kronen der Weiden empor und bis in die Fenster herein kräuselte. Als sie vorhin draußen gewesen, Wäsche von der Strandbleiche zu holen, hatte sie auch einen so langen mageren Jungen abseits stehen sehen, wie er mit gierigen Augen dem Vorgang folgte. Das Einbetten der Kartoffeln in die heiße Asche, das Wiederherausholen der braunschwarz gerösteten mit der hakigen Astgabel, das Teilen, Schälen und Verspeisen, zusammen mit dem leckeren Duft der gebratenen Eier, – es war alles so verlockend und lustig, aber der arme Junge hatte sich nicht herangetraut.

»Na, Hannes, wat geihst du denn nich nöger?« hatte Elsabe ihm zugerufen.

Da hatte er mit einer Fratze den Kopf geschüttelt. »De hefft Geld in de Tasch, dat sünd rike Lüd, de dar.«

»Se gewt di woll wat aff, Hannes.«

Darüber hatte der Junge erst laut aufgelacht, dann hatte er den Mund schief gezogen, die Backen aufgeblasen und ein paar Schritte gegen die nächste Gruppe getan. Und sogleich hatten sich einige Köpfe gewendet, argwöhnische Blicke hatten ihn gemustert: »Na, wat wullt du hier? Kiek Hannes Meier an, wat de for'n smeeriges Grintje kett! Heft du ook Kantüffeln, Hannes? Ick bin de Kökenmaster, ick mutt dat hier öberwachen.«

Elsabe war dann schnell ins Haus gelaufen, um Hannes Meier eine Handvoll Kartoffeln zu geben, – 145 er war aber schon weg, als sie wieder hinauskam. Sie wollte die Jungen, die da lachten und schmausten und ihm nichts abgegeben hatten, schelten, aber sie antworteten einstimmig und mit dem treuherzigsten Ton von der Welt, Hannes Meier gebe ihnen auch nie was ab.

»He hett je nichs, sin Vadder is dod, un sin Mutter geiht in de Fabrik«, hatte das Mädchen gesagt.

»Dat stimmt! he kann sick dat nich leisten. Hal' noch 'n beten Holt, August.« Und gemütsruhig hatten sie weiter gewirtschaftet. Sie machten es schon genau so wie die Erwachsenen.

Wie all diese Kleinigkeiten jetzt Sinn und Bedeutung für das Mädchen bekamen! Das ist nicht recht und kann nie und nimmer recht sein, daß der eine an reicher Tafel sitzt und sich's schmecken läßt, und der andre muß abseits stehen und hat doch ebensolchen Appetit, hat rote Lippen zum Lachen und weiße Zähne zum Beißen, und muß sich das Lachen und das Beißen vergehen lassen! Ganz traurig und empört aber wurde sie, als ihr einfiel, daß der Arme zu all seinen Entbehrungen auch noch verachtet wurde. Wem konnte nur zuerst etwas so Widersinniges und Häßliches in den Sinn gekommen sein, daß er das aufbrachte und Nachahmer fand? Und jetzt tat das nicht nur Tante Usche, der sie es allenfalls am ersten zugetraut hätte, sondern alle Leute in ihrer Familie, ja eigentlich, wenn sie sich recht besann, jeder Mensch in Blankenese!

Sie grübelte lange, ob es wohl auch anderswo so zugehen könne, und es kam ihr ganz unmöglich vor. Sie 146 hatte so eine Ahnung, daß es irgendwo draußen in der Welt noch einen andern Maßstab, noch eine andre Wertschätzung geben müßte, – vielleicht war es darum, daß so viele Leute nach Amerika auswanderten? Wenn sie nur jemand hätte fragen können! Aber wer blieb ihr, jung und unwissend wie sie war, als die Mutter, und wie wenig Auskunft fand sie da. Nein, dann war es noch besser, über ihren Hüten und Haubenschleifen zu sitzen und sich hinein zu denken, und – ja, das nächste Mal, wo sie ihn sah, wollte sie doch Leferenz Olf fragen, vielleicht wußte der von diesen Sachen Bescheid.

Und sie fragte ihn wirklich, aber der hatte keinen Glauben an Amerika. Er hatte schon Leute gesprochen, die ihm gesagt hatten, drüben wäre es ganz wie hier, eher noch schlimmer. Aber dann fügte er mit großen wundernden Augen hinzu, immer würde es nicht so bleiben, das hätte er auch schon gehört, – es gäbe noch mehr Leute, als Elsabe, denen das aufgefallen wäre, und wenn die mal alle Mann mit anfaßten, denn würde der Kurs wohl anders. Das schien dem Mädchen dunkel, aber er wollte nicht mehr darüber sagen.

»Dat deit keen Good, dat mutt sick in'n stillen utwassen, sunst ward dat doddrückt.« Sein Ton war geheimnisvoll, auf seinem Gesicht prägte sich ein feierlicher Ernst aus. Er hatte keine Ähnlichkeit mit dem gewöhnlichen Olf Tranblut. Richtig hatte er wieder Seerosen gefischt, und zwar große violettrote; mit einem kleinen Regenwurm streichelte er die ausgestreckten, fleischigen Fangarme, bis die kreisrunde Öffnung zwischen ihnen weiter wurde, die Fangarme sich wölbten, über dem 147 Wurm zusammenkrümmten und ihn sanft aber unwiderstehlich in die Schlundöffnung hineinwirbelten.

Elsabe konnte kaum glauben, was sie doch selbst mit angesehen hatte.

»De weet sick to helpen«, sagte sie voll anerkennendem Staunen.

Leferenz Olf blickte gerade aus. »So wahr as de sick to helpen weet, so wahr ward wi uns helpen«, murmelte er für sich. Das Mädchen schüttelte den Kopf über sein sonderbares Wesen; er gefiel ihr so gut, sie hätte ihn auf dem offenen Strand, im vollen Sonnenschein, in den Arm nehmen mögen. Aber das ging erstens so nicht, und zweitens um Onkel Mull nicht, der wenige Schritte von ihnen in seinen großen Wasserstiefeln mit der Pfeife im Munde um seine aufgehängten Netze herumstakte und sie mit aller Vorsicht von Tang und Blättern befreite, die sich in die Maschen festgesetzt hatten.

»Da is all wedder 'n Slubben«, brummte er hinter ihnen, so laut, daß sie sich beide umsahen. Ein listiges Lächeln zuckte um seinen faltigen Mund, als er es bemerkte; er hob die Blicke über ihre Köpfe weg, als ob er in die Ferne sähe, und sagte laut und ruhig: »Dat is all' 'n dooven Dunst

Elsabe glaubte nicht, daß er ihrem Gespräch gefolgt sein könne. »Wat denn, Unkel?« fragte sie kühl.

»Arm un riek, dat is vun Gott bestimmt; dat steiht all in de Bibel, dat de rieke Mann alle Dag herrlich 148 un in Freuden lewt hett, un denn is dar wedder de arme Mann west, wat de arme Lazarus wör', de hett vor sin Dör in'n Dreck legen, un eeten het he, wat de Hunn 'n öbrig laten hefft. Un so is dat bet op'n hütigen Dag.« Er spie aus und stapfte mit eigensinnigem Gesicht weiter.

Leferenz nickte. »Aber dar kummt woll mal 'n Dag –«

Onkel Mull schüttelte störrisch den weißen Kopf. »Dat glöwt wi woll all, wenn wi jung sünd, – aber ward man nichs ut.« Murmelnd ging er weiter an seinen Netzwänden hin.

»Unkel Mull is nich for dat Niemodsche«, sagte das Mädchen geringschätzig.

Olf stieß sie an: »He is dat je grade west, de mi in de Versammlungen inföhrt hett.«

Der alte Fischer musterte seine Nichte, die hier mit einem armen Burschen solche Gespräche führte.

»Dat is all vun Gott,« sagte er für sich, aber doch verständlich für die andren, »keen Minsch hett sin Gedanken ut sick sülwer. De lewe Gott is dar baben, un giwt di dat in'n Kopp, un denn sittst du dar un kannst tokieken, wo du dat utbreuest. Dat's een swar Stück – je, je, je, je!« Er nickte und spuckte vor sich hin, die Sonne machte seinen weißen Bart weiß wie Seide, die Haut schimmerte rötlich hindurch. Er hielt sich ganz unverantwortlich, war immer selbst erstaunt über die wunderlichen Gedanken, die ihm Zeit seines Lebens 149 gekommen waren, seit er über Usche Querens Treulosigkeit für drei Jahre den Verstand verloren und in der Irrenzelle gesessen hatte. Ein alter Mann, harmlos von Gesicht, wie eine weiße Maus, klein und dürr vor Alter, aber sauber und hurtig – die vernünftigen Leute von Blankenese hielten ihn noch heutigen Tages für verrückt; er hatte es ja auch »nie zu etwas gebracht«, hatte nur Spielereien im Kopfe und verliebte sich in jede hübsche junge Frau, die er zu Gesicht bekam. Es gab ja natürlich immer eine ganze Anzahl Strohwitwen in Blankenese. Zu solchen ging David Mull ganz freundlich und gemütlich hin und knüpfte ein allgemeines Gespräch an – über die neuen Anlagen bei Falkental oder den neuen Laden da oben, beim Bahnhof. Das war nämlich ein kleiner Drogist, und so was war nie und nimmer in Blankenese vorgekommen, sagte der Apotheker, und er wußte nicht, ob er es zu leiden brauchte. David Mull erzählte mit vielem Blinzeln und Nicken, wie der Apotheker jedesmal ausspuckte, wenn er dem kleinen Drogisten begegnete; aber weiter könne er ihm nichts tun, die Zeiten seien vorbei, wo einer einfach kein Patent kriegte, wenn die übrigen Meister nicht wollten. Und dann, mit einem kühnen Schwung kam er auf die alleinstehenden Frauen zu sprechen, die er noch »viel schlechter daran« fand, als die armseligsten Drogisten dem dicknasigsten Apotheker gegenüber.

»En Mannsperson, de kann sick ümmer helpen, aber mit so Froenslüd, dar is dat trurig. Dat is, as wenn se verraten un verkofft sünd in de Welt. As de lütten 150 Kinner. Se möten all 'n Anholt hebben, sünst sackt se üm. En Fro ohne Mann, dat is, as 'n Minsch, de keen Kopp hett.« Und dann, voll teilnehmenden Eifers, erzählte er, wie ihm »ihr« Schicksal (nämlich das Schicksal der Frau, mit der er gerade sprach,) nahe gehe und bot sich an, ihr den fehlenden »Kopf« in der Wirtschaft zu ersetzen. Der regelmäßige Verlauf der Dinge brachte es dann mit sich, daß David Mull sich einige Minuten später vor der Haustür der »hilflosen Frau« befand, unter Kichern oder Schelten war er ganz sachte hinausgedrängt worden. Stellte ihn aber jemand zur Rede, wollte ihm Vorwürfe machen, so setzte sich David Mull sofort auf die Hinterbeine und behauptete, diese Gedanken kämen von Gott, so gut wie alle andren Gedanken auch, er allein wäre sein Lebelang nicht auf so was verfallen, und darüber dürfte ihm kein Mensch böse sein. Manchmal weinte er auch und sagte, er wäre zu verlassen, aber das ging immer schnell vorüber, sobald er eine neue Aussicht hatte.

Daß Leferenz Olf mit diesem Alten hielt, mit ihm auf Aale ausfuhr und Versammlungen besuchte, erschien Elsabe wie eine Herabsetzung des jungen Mannes. Für sie hatte Onkel Mull nicht das geringste Ansehen, und es war ihr fast unangenehm, wenn er sie anredete. Und nun, in der letzten Zeit, versuchte gerade dieser Onkel sich in ihr Gespräch zu drängen, blinzelte ihr verständnisvoll zu mit seinen kleinen rötlichen Mäuseaugen und verdarb ihr das Vergnügen des Alleinseins mit Olf. Der schien es nicht eher zu merken, als bis sie eines 151 Tages kurze Antworten gab und mit aufglühendem Ärger auf den vollen Backen beide stehen ließ, Onkel Mull seine Netze »auspulend« und den langen Leferenz auf den Steinen sitzend, beide Ellbogen auf die spitzen Knie gestützt und mit weit aufgerissenen Augen nach seiner Gewohnheit hinausträumend über das Wasser. Es war schon tiefe Dämmerung, langsam schob sich der Mond aus den schwarzen Wolken und warf eine Lichtbrücke über die Elbe. Olfs Rücken war ganz silbrig weiß, als Elsabe sich noch einmal unter die Weiden nach ihm zurückbog. Es war so schön draußen, mild, obwohl schon Oktober, und drinnen im Haus – sie hörte sie schon im Vorgarten – schalt Usche Queren, und Mietje schrie. Elsabe blieb stehen, unschlüssig, zitternd. Sie wußte wohl, was sie wollte. Leferenz Olf am Arm nehmen und mit ihm gehen, einerlei wohin, in ein Boot, in den Wald, über Feld – wohin er wollte, aber – es kamen ihr Tränen in die Augen – er war ja Olf Tranblut, Olf Traumbuch, er wollte ja nichts. Das war es gerade. Sitzen bleiben, mit wem er gerade saß – es war ordentlich, als wenn seine langen Glieder knarrten, wenn er sie bewegte. Für nichts wußte er Rat, lachte nur und sagte, sie wären ja noch jung und wollte immer küssen. Das war das einzige, was ihn munter machte. Und jetzt, wo der Onkel Mull immer da war, hatte man nicht einmal das von ihm. Drömklaas! Oben in der kleinen Giebelstube war schon lange Licht, da saß Vater und rechnete wieder, daß er nachher kein Abendbrot mochte. Und in der Küche am Herd saß Mutter und hielt die Hände im Schoß und den Kopf 152 auf der Brust. Ein ganzes Haus voll Leute, und doch jeder für sich, jeder in seiner eigenen Tonne, über die er nicht hinausgucken, nicht den Nachbar sehen konnte, der doch so verlangende Augen nach ihm machte. Elsabe lehnte sich an den Pfosten der Buchenlaube und weinte mit unterdrücktem Schluchzen. Als sie damit fertig war, hatte sie beschlossen, daß es aus sein sollte. Das hilft nicht, dachte sie, das hat keinen Schick. Und was seinen richtigen Schick nicht hat, das braucht man nicht so groß zu ziehen. Darauf ging sie hinein und sah nach Mietje, die allein zu Bett gehen sollte, weil ihre Mutter keine Zeit hatte, und die sich vor der dunklen Kammer fürchtete. Als das Kind mit getrösteten Augen eingeschlafen war, lief das Mädchen in die Küche, zündete Licht an, machte Feuer zum Abendbrot. Die Mutter stand sogleich auf und half ihr, wortlos aber eifrig. Einmal horchte sie: »Se schellt all wedder«, machte sie ängstlich. »Lat ehr doch schellen, Mutter«, sagte gleichmütig Elsabe. »Wische is bi ehr, se schellt doch sünst nich mit Wische«, kopfschüttelte die eingeschüchterte Frau. »Se is hüt so recht veninsch, hett ook all wedder seggt, se wull un wurr noch twintig Johr leben.«

»Lat ehr doch leben!« rief Elsabe.

»Vadder hett mi hüt Nacht seggt, he kunn sick höchstens noch en half Johr hollen. Wenn denn nich Hilp kummt – –«

»Hilp vun den Dod, Hilp ut'n Sark!« rief das 153 Mädchen. Frau Eggers drückte ihr die Hand auf den Mund.

»Ick mutt mal mit Vadder reden«, sagte Elsabe, sowie ihre Lippen wieder frei waren.

»Och Kind, vertörn em nich, he is all in so'n Opregung!« – Die Mutter mußte sich erholen, ehe sie weiter sprechen konnte, – »he hett Mietje dörchhaut, denk di bloß wat an!«

»Mietje?« wiederholte das Mädchen mechanisch, »lütt Mietje?«

Frau Eggers weinte ein bißchen. »Se hett den Kantüffelnkorw op de Trepp stahn laten, un Vadder is binah fullen. So dull heff ick em noch gor nich kennt; he hett op dat Kind loshaut –«

Elsabe wurde dunkelrot, sie kehrte sich ab und sagte nichts weiter. »Ick kann mi nich besinnen, dat Vadder Jug jemal wat dahn härr«, murmelte die Mutter. – Das Mädchen schlich hinauf, horchte an Mietjes Kammer; es kam ihr vor, als ob das Kind leise weine. Unten saßen sie beim Abendbrot in der Küche. Sie holte sich ein Licht und ließ den Schein von der Tür aus auf die Kleine fallen. Sie weinte nicht, aber sie hatte ein glühend heißes Gesichtchen, die Decke war fortgeworfen, sie schlug mit den Händen nach den Kissen. Plötzlich fing sie an zu zittern und zu schreien »hu! hu! hu!« und dann richtete sie sich steif im Bett auf und hielt die Hände vor die Augen. »Mietje, ick bün hier, komm Mietje!« Aber es half nicht, daß Elsabe sie in die Arme nehmen wollte, sie bog aus nach der andren Seite, 154 schlug um sich, zitternd und hu! hu! schreiend, daß es schauerlich durch das Haus gellte. »Wat is dar los?« rief es von unten. »Ick weet nich, Mietje is nich recht –« antwortete Elsabe übers Geländer, sie wollte dem Kinde Wasser zu trinken geben, aber es wehrte alles ab, hatte die Augen weit offen und schien sie doch nicht zu kennen. Frau Eggers, Berta mit einem Butterbrot in der Hand, zuletzt Tiete Eggers selbst mit einem langen ernsten Gesicht kamen in die Kammer. »Wische is bi Tanten, Tanten weet gor nich, wat dar los is«, bemerkte Frau Eggers, während sie fortwährend ängstliche Blicke auf ihren Mann warf. Berta hatte ihr Butterbrot weggelegt und kam mit einem nassen Handtuch, aber die Kleine fuhr heftig zusammen, sowie das Kalte ihre fiebernde Stirn berührte und stieß von neuem ihr Angstgeschrei aus.

»Kumm Vadder, wullt du se nich mal nehmen? Du weetst so good mit ehr umtogahn«, sagte Elsabe und sah dabei keinen an.

Der Mann errötete wie ein ertappter Schulknabe. Verlegen kam er an das Kinderbettchen, nahm die Kleine heraus und flach auf die Arme – dann begann er mit ihr auf- und abzugehen, auf und ab, während die Frauen gegen das Fenster und die Treppe zurückwichen, denn die Kammer war eng. Mietje hatte weder gezuckt noch geschrien, seit er sie aufgenommen – ruhig ließ sie sich den Umschlag auf den Kopf legen, trank das Zuckerwasser, das Elsabe ihr hinhielt. Als sie dabei in ihres Vaters Gesicht blickte, sah er so kummervoll und gealtert aus, daß sie erschrak.

155 »'t is all beter, de hett woll bloß wat Häßliches drömt«, damit strich sie über Mietjes Ärmchen und zugleich über ihres Vaters Hand. Er wollte das Kind nicht hergeben, bis es in seinem Arm fest eingeschlafen wäre. Fast eine Stunde trug er es hin und her; dann legte er das ruhig atmende Kind auf seine Kissen zurück. Er guckte es lange an, blieb darüber gebeugt und seufzte mit angehaltenem Atem, als es nun wieder stille lag. Kopfschüttelnd ging er endlich hinaus.

»Dar hett man wat mit to plagalen, bet so'n Kind groot is,« sagte er zu den Frauen, oder eigentlich mehr zu sich, »un naher? Wat hett een naher?«

»Kummt Vadder nu nich mit dal? In de Kök is dat warm un good«, bat die älteste Tochter.

Unschlüssig stand er einen Augenblick auf dem Treppenabsatz. »Nee, ick heff noch wat to dohn.«

»Maak Fierabend, Vadder!« bat Elsabe herzhaft.

Da lachte er bitter auf. »Fierabend? weet Gott, wanneer ick mal Fierabend krieg, – de Tieden sünd vorbi, dat hefft wi hatt –« Er stieg schwerfällig weiter, von oben rief er noch einmal halblaut herunter: »Elsabe, slöppt se nu?«

»Se slöppt, Vadder.«

Er ging in die Giebelstube.

Usche Queren schimpfte noch eine halbe Stunde über die Unruhe im Hause. Sie wolle ausziehen, habe das jetzt lange genug ausgestanden. Kindergeschrei auf ihre alten Tage, dafür bedanke sie sich. Und wenigstens 156 sollten jetzt alle zu ihr hereinkommen, um ihr Bett sitzen – sie ging schon um sieben zu Bett – und ihr erzählen, was da los gewesen war. Aber haarklein. Berta kam und aß da ihr Butterbrot fertig. Frau Eggers gehorchte auch und erzählte, so gut sie konnte. Wische wurde dadurch abgelöst, braute der Tante sogleich einen Eiergrog, um sie zu besänftigen. Elsabe gab keine Antwort, als sie aufgefordert wurde, Tante Usche mit zu besuchen. Sie holte sich noch Arbeit zusammen, aber dann tat sie nicht viel daran, sondern schnitt eine kleine Kappe von feuerrotem Flanell für Mietje zurecht. Erst gegen Mitternacht wurden Mutter und Schwestern aus Tantens enger Stubenhaft entlassen. Sie brachten die Nachricht mit, daß Tante trotz Eiergrog und Unterhaltung nicht besserer Laune geworden, sondern alle Augenblick voll Wut gesagt hatte: »Wie wölt dat doch mal afluern, wat de Deern nich herscheren deit.« Tante war wütend, aber das rote Käppchen war fertig, und am andern Morgen kriegte Mietje es auf, als sie nur erst ein Hemd an hatte. Sie war ein bißchen blaß, die Kleine, wußte aber nichts von der Angst des Abends und freute sich so über das Käppchen, daß sie es den ganzen Tag auf dem Kopf haben wollte. Sogar über Tiete Eggers' versorgtes Gesicht glitt ein Lächeln, als er Mietje ganz steil und stolz mit der roten Kappe herumgehen sah. Er rief sie heran und ließ sie zwischen seinen Knien stehen. Sie schien die harte Bestrafung von gestern ganz verschlafen zu haben, aber plötzlich, während der Großvater sie streichelte, lehnte sie sich in 157 seinen Arm hinein und sagte: »Ich will es auch nie und nie wieder tun.« Dabei fing sie leise an zu zittern.

»Kruup in, Mietje, kruup dar ganz in!« murmelte der Großvater und riß sich den Rock auf, um ihn um die kleine leichte Puppe zu schlagen. Elsabe fand die beiden so sitzen, als sie mit Leferenz Olfs neuem Geschenk hereinkam. Und das war etwas so Besonderes, daß Mietje mit hellem Jubelschrei aus ihrem warmen Versteck heraussprang, und Tiete Eggers selber mit ungesprochener Frage im Gesicht aus seinem Brüten auffuhr. Freilich hatte Elsabe sich vorgenommen, daß es mit Olf Tranblut, wie sie ihn selbst vor sich nannte, wenn sie mit ihm nicht zufrieden war, ein für allemal aus sein solle, aber gerade heute brachte nun Olf den Papagei daher. Ans Küchenfenster, um das der halberfrorene Kürbis seine großen vollsaftigen Blätter schon schwärzlich und lappig, wie einen verbrauchten Wischlumpen, hängen ließ, ans Küchenfenster hatte es geklopft, und dann war Leferenz Olf herein gekommen, eine kleine rohe Holzkiste, mit einer Stange dran, in der Hand, hatte, ohne Worte, nur mit geheimnisvollem Lache, unter seine Jacke gegriffen und vorsichtig, beinahe zärtlich, etwas darunter hervorgeholt. Und plötzlich saß es auf dem Querholz der Stange, zartgrau wie eine Taube, drehte einen hellen geschmeidigen Hals, rührte die Flügel, schüttelte sich und, indem sich der kurze breite Schwanz zu einem roten Halbrad aufschlug, sagte eine dicke drollige Kehlstimme laut und deutlich: »Na, wat seggst nu?« Das Mädchen fing laut an zu lachen, Überraschung und Freude hatten sie 158 zuerst stumm gemacht. Nun platzte auch Olf heraus, und als dritter fiel der Vogel ein, krähend und flügelschlagend und so herzlich, mit hintenüber geworfenem Kopf; und dann schrie er: »Jakob ist da! Jakob ist da!« und dann lachte er wieder, um immer, dazwischen hinein, nach einem Maiskorn zu picken oder in das Holz der Kiste zu hacken.

»Das 'n richtigen Afrikaner,« bemerkte Olf, »magst em woll lieden?«

Elsabe strahlte. »Sall ick em hebben, Leferenz, sall ick em hebben?«

»Versteiht sick!« Olf, die Hände in den Taschen, weidete sich. »Dat heff ick je noch gor nich wußt, dat du ook so for de Popegeien büst.«

»He is woll – he is woll – he kost' woll 'n groot Stück Geld?« sagte sie mit plötzlichem Bedenken.

Der Fischer wehrte ab. »Ick heff em schenkt kreegen, dat geiht di nichs an.«

»Na, krieg ick nu 'n Süßen?« rief der Papagei, den Kopf schmachtend aus eine Seite gelegt. Elsabe wurde so rot, als ob Leferenz das gefragt hätte. Und dann küßten sie sich schon, keiner von beiden wußte, wer angefangen hatte, aber Elsabe hörte jedenfalls zuerst auf, denn der Papagei ahmte den Laut zu natürlich nach, und dabei klang es doch fast wie das Aufziehen eines Pfropfens.

Der unbeachtete Augenblick war auch schon vorbei, Frau Eggers kam herein, und Olf ging, wollte sich 159 durchaus nicht halten lassen. Er pfiff den ganzen Strandweg hinunter, so daß sich die Leute verwundert nach ihm umsahen. »Kiek mal, Olf Tranblut as Musche Nüdlich, hat jewoll das große Los gewonnen.« Die ganze Familie lief drinnen um den Papagei zusammen. Da er mehrmals bemerkte: »Jakob ist da«, so nannten sie ihn Jakob und nahmen ihn trotz ihrer verschiedenfarbigen Sorgen und Kümmernisse einmütig als Adoptivkind an. Mietje war ganz außer sich: »Ich freu' mich da so recht zu«, wiederholte sie den ganzen Tag. Frau Eggers beteuerte, gerade solchen habe sie ihr Lebelang haben wollen, und Wische sprach sich anerkennend darüber aus, wie anständig doch solchen Vogel sei. »So nett rundum mit Federn zugewachsen. Nee, das muß ich selber sagen, die Papageien sind Hunde und Katzen über.« Gefährlich wurde es mit Usche Queren. Die Erwachsenen nahmen sie in acht, erzählten nichts von dem Ankömmling, aber Mietje in der Freude ihres Herzens, lief zur Großtante und plapperte so viel von dem grauen Jakob und seinen Künsten, daß Usche in ein Fieber der Neugier geriet; nicht böse war sie, wider alles Erwarten, aber so brennend ungeduldig, daß sie ihren Krückstock anstemmte und aufzustehen versuchte, ächzend und wimmernd, daß niemand von der Familie sich um sie kümmere. Aber sie kam nicht weit. Auf dem nächsten Stuhle sank sie so schwer nieder, daß die Fugen krachten, und dann schleuderte sie ihren Stock von sich und gegen die Tür, daß es noch lauter polterte. Nun kamen sie natürlich, erschraken, wollten Tante Usche in ihren Armstuhl zurückführen. »Ick will dat ook sehn!« 160 schrie sie ihnen entgegen und klopfte mit der Faust auf den Tisch. »He sall in min Stuw stahn, so'n Vagel mutt sick mit beschäftigt warrn, denn heff ick Unnerhollung. Mietje seggt, he kann all spreeken, ick will em ook wat lehren, sett em man hier op'n Disch, denn bruuk ick Ju all nich mehr, wenn ick so'n Gesellschaft bi mi heff.«

Berta und Frau Eggers blickten sich mit langen Gesichtern an. »Ick will dat mal Elsabe seggen.«

»De Vogel is nämlich – he hört Elsabe to.«

»Wat?« schrie die Alte, »wat schall so'n dumme Deern mit'n Popegei? Het Tiete dat Geld so wegtosmieten? Geiht wohl wedder von dat Mienige, un ick sitt hier, kann nich Arm un Been rögen, kann – –«

»Elsabe hett dat Diert schenkt kreegen«, sagte Berta zögernd, Frau Eggers war hinaus gelaufen; Usche fuhr mit dem Oberkörper auf, drohte mit dem zitternden Zeigefinger. »Dar sticht wat achter! Dat hett wat to bedüden! Dat is nich von ungefähr. De smitt mit de Wust na'n Schinken, de ehr so wat schenken deit. Den much ick kennen. De rekent natürlich op min Geld, all rekent se op min Geld. Un ick heff je doch nichs to dohn, un ick harr doch 'n Unnerhollung, un in min Stum is dat warm, un so'n fremdlännischen Vagel mutt warm sitten, das 'n Schändlichkeit, dat vergeet ick ehr nich, se ward dar noch mal an denken –«

»Tanten, se kummt all!« fiel Berta erfreut ein. Frau Eggers hatte eben die Tür geöffnet und war dann zurückgetreten, um Elsabe vorzuschieben, die den 161 Holzkasten mit der Stange und dem Jakob in den Händen trug. Sie sah widerwillig, fast mürrisch aus, Mietje hatte sich an ihre Schürze geklammert; Wische folgte mit einem Ärmel in der Hand, an dem sie mechanisch im Gehen stichelte. »Na, dat ward ook Tied,« begrüßte Usche die Prozession, »ick bün ümmer de letzte, de weet, wat in' Huus los is! Sett em hier vor mi op'n Disch, Elsabe, hier is dat warm un good – Mietje, wullt du mal in'n Oogenblick de Döhr tomaken, dumme Trine, ick schall mi woll verkäulen, nich?« Sie rutschte vor Eifer auf dem Stuhl hin und her, bis der Vogel vor ihr stand. »Na, Elsabe, wat makst du denn vor'n schulsches Gesicht. Lat em mal wat seggen, Jakob, segg mal wat.« Der Papagei saß mit angedrückten Flügeln stumm und hölzern auf seiner Stange. Die harte Stimme schien ihn einzuschüchtern. »He kann je nichs«, sagte Usche ärgerlich. »Een, twee, dree, hurra!« ermunterte Berta. Jakob gab kein Lebenszeichen, nur seine Augen glänzten, wie die Westsonne hereinleuchtete. »He is möd«, es war das erste, was Elsabe sagte. »Dumm' Tüg!« brummte die Tante, »he is faul, giw mi mal 'n lütten Stock her.« Sie suchte zwischen den Blumentöpfen mit den Augen. Elsabe trat heftig näher. »Nee, Tante, nich mit'n Stock, denn ward he bang, denn seggt he erst recht nichs.« »Mamsell Klooksnuut! Ick heff fiew, soß hatt, ick weet, wat sick hört, Hau' möt se hebben.« Elsabe streckte die Hand nach der Kiste aus, es war eine fast unwillkürliche Bewegung.

»Wullt du stahn laten!« Ein langer blutiger Kratz 162 flammte über die Hand des Mädchens, Usche Queren hatte scharfe Nägel. Elsabe blickte auf ihre Hand, dann sah sie ihre Mutter, ihre Schwestern an, plötzlich fing sie an zu lachen. »Lat din spitsches Lachen!« schrie Usche, »du schullst man min Dochter sin, di wull ick wat wiesen.« Elsabe hielt der Wütenden ihre verkratzte Hand unter die Augen. »Un ick will di wat wiesen. Kiek, dat hett min Tanten Usche dahn.« Jetzt lachte sie, aber ohne Spott, und die Alte stimmte halbgezwungen ein. »I du, ick bün doch keen Katt un keen Kater, wo kunn ick dat woll dahn hebben?« Sie war augenscheinlich bereit zur Versöhnung, ihre eigensinnigen blutunterlaufenen Augen wichen nicht von dem Vogel, der nur zuweilen mit den Federn knisterte und den Hals eingezogen hatte. »Lat em man ruhig hier stahn,« sagte Usche leutselig, »he mutt sick erst togeben, denn fangt he woll an to plappern. Wische, giw mi mal 'n Brunkoken dar ut de Schuwlad.«

»Brunkoken mutt he nich hebben«, fiel Elsabe ängstlich ein.

»Nee, wat du nich seggst! Min hefft ümmer Brunkoken kreegen. Wenn ick Brunkoken eeten kann, denn kann jewoll so'n Diert dat ook eeten.«

»Din sünd je ook ümmer storben, Tante.«

»Och wat, starwen möt wie all! Düsse ward woll ook nich ewig leben.«

Wische brachte ein Stück Zucker, sie hielt das für zuträglicher. Usche riß es ihr aus den Fingern und 163 hielt es triumphierend dem Grauen hin. »Hier, Jakob, kriegst wat.« Hastig fuhr der Vogel empor, sträubte die Kopffedern und schnarrte: »Geh ab, du Untier!« dabei drehte er sich auf dem Stock herum und kehrte Usche Queren seine Rückseite zu. Je lauter die andern diesen plötzlichen Ausruf belachten, um so wütender saß die Großtante da. »Maak, dat du rut kummst, du –« schrie sie Elsabe zu, und ein Strom von Schimpfwörtern floß über ihre breiten Lippen, »en por Stün'n is he erst in't Huus, un nu hett de Deern em all so wat intrichtert! Je, kiek du man, as kunnst' nich fiew tellen, ick weet nu doch, wat for Namens ick hier krieg, ick warr di dat gedenken, und ick segg ju, ick maak dat anners! Ick maak dat anners!« Unter ihrem Schelten nahm das Mädchen, das nicht zu lachen aufhören konnte, die Kiste mit dem Vogel vom Tisch und schob sich der Tür zu. Vergebens bemühten sich Frau Eggers und Wische, die Alte zu überzeugen, daß der Lora die ehrenrührigen Worte jedenfalls schon früher gekonnt habe, wie könnte sie nur Elsabe so etwas »anmuten sein«, kein noch so gelehriger Papagei würde so schnell etwas nachsprechen! Usche Queren hörte auf nichts, sondern schrie Elsabe nach, im Augenblick solle sie wieder hereinkommen und ihr sagen, wo das Tier herkäme. »Dar much ich doch mehr vun weeten«, sprudelte sie.

Elsabe steckte ein heißes, trotziges Gesicht zur Tür herein; den Jakob hatte sie sicher geborgen.

»Herr Leferenz Olf hett mi den Papagei schenkt,« sagte sie herausfordernd, »so, nu weetst du dat, Tante 164 Usche.« Dann zog sie Mietje, die sich ängstlich unterm Bett verkrochen hatte, als der Streit anfing, hervor, um sie auf dem Arm mit fortzunehmen. Elsabe war nicht ganz ohne Geschmack an den häuslichen Reibereien, die andern hatten sie angesteckt; aber das Kind tat ihr immer leid mit seinem kleinen erschrocken flatternden Herzen. Es war übrigens gut, daß sie ging, denn Usches Zorn stieg nach ihrer trotzigen Erklärung aufs höchste. Zwei Gläser Eiergrog wurden ohne Erfolg in den tobenden Abgrund gegossen, Frau Eggers rang die Hände, denn immer wiederholte sich die Drohung, daß »Tanten« es »anners« machen wolle. Sie belegte Elsabe wie Leferenz mit einer Reihe saftiger Ehrentitel; es war nicht ganz klar, weshalb sie diese Verachtung für den armen Burschen hatte, aber vorhanden war sie und ohne Grenzen. Sie behauptete, der lauere am ersten auf ihr Geld, ebenso wie David Mull, David Mull habe auch nie etwas andres getan. Als sie die zwei Gläser Grog hinunter hatte, warf sie die beiden Namen und Personen durcheinander, nannte Olf Mull und Mull Olf und schrie endlich allerlei Sinnloses und Widerwärtiges heraus, aber ihr Geld, das war der Kehrreim. Ihre violettgeäderten, runzeligen Backen waren gedunsen, die Augen tränten, sie wiegte den unförmlichen Oberkörper hin und her, als habe sie unerträgliche Schmerzen, aber der zahnlose Mund floß über von Bosheit und Galle.

»Gott bewoahr' uns in Gnaden, dat uns dat nich mal geiht, as Tanten«, flüsterte Frau Eggers, als sie die Tobende endlich zu Bett gebracht hatten, »ick glöw, 165 de kunn de ganse Welt vergeben.« Aber, sie wandte sich zu Elsabe, »Herr Olf harr sin Vagel man lewer behollen schullt; du schallst dat erleben, Kind, he sett' di wat in' Kopp, un dat dar nichs ut warden kann, das' nu doch seker un gewiß –«

Ihr kläglicher Ton schwächte die Bedeutung ihrer Worte, die so ungewöhnlich bestimmt waren.

»Wie hefft Tied, wie könnt täuwen«, sagte Elsabe ruhig.

»Vadder ward' ook nich lieden,« fuhr die Mutter betroffen fort, »dat giwt Unfreeden nah alle Sieden.« Sie blickte ihre Tochter mißbilligend an, dann warf sie sich die Schürze vors Gesicht. »Wenn ick man eenmal dar rut wör', wenn ick man eenmal dod wör'«, jammerte sie nach ihrer gewöhnlichen Weise.

Elsabe wußte sie nicht zu trösten, aber am nächsten Tage – es war wieder einmal Sonntag, und ein schwerer gleichmäßiger Landregen hüllte Strand und Fluß in graue Trauer – sagte sie Olf, daß sie wenig Zutrauen für die Zukunft habe und daß sie wohl niemals zusammenkommen würden. Der Fischer behielt lange guten Mut, lachte sie aus und wollte nicht an Usche Querens Macht glauben. Allmählich aber ging ihre Niedergeschlagenheit auf ihn über, und er sagte gar nichts mehr. Sie hatten sich ein gutes Versteck ausgesucht, der Regen hatte sie unter Dach getrieben. In einem Borkenhäuschen unter hohen Bäumen im Bauerschen Park war es. Eine schmale lange Holzbank lief rundum, es gab keine Tür, aber in den Ecken lag graue 166 Dunkelheit, und niemand ging vorüber, niemand bemerkte das dicht aneinander geschmiegte Paar. Gelbe und braune, nasse Blätter waren hereingeflogen und hatten den lohebestreuten Boden am Eingang bedeckt. Andre wirbelten herunter mit dem Regen, der laut und platschend auf die breiten Ahornbäume draußen aufschlug. Man sah von innen nach außen kaum einige Schritt weit, so regengefüllt und nebelig war die Luft. Die Dampfpfeife erscholl von Zeit zu Zeit auf der Elbe, auch einmal der dumpfe brüllende Ton einer Nebelsirene, aber sie schwebten vorüber wie Geisterschiffe da draußen, wie ziehende Schatten. Und das unaufhörliche gleichmäßige Klatschen der nahen, das Sausen der fernen Regentropfen machte dumm und müde. Die Bank, auf der sie saßen, war überdeckt mit Namen und Inschriften, die mit Bleistift oder Taschenmesser dort eingekratzt waren. Nachdem Leferenz Olf die Sprache verloren hatte, schien es ihm an der Zeit, auch so etwas auf die Bank zu kritzeln. Elsabe sah zu, wie er sein starkes Messer mit feststehendem Griff aus der Scheide zog und bedächtig einen Bogen einschnitt. Und dann machte er einen geraden Stiel dazu, und endlich wurde es ein schöner Anker. Ein flüchtiges Lächeln der Befriedigung erhellte die Gesichter des stummen Paares, aber sie blickten sich nicht an, nur daß das Mädchen erwartungsvoll ein bißchen näher rückte. Nun setzte Olf die Spitze seines Messers an und ritzte vorsichtig eine feine Kette, hell stand sie auf dem braunen Holz, und deutlich griffen die Ringe ineinander. Und die Kette schlang sich und bog sich von dem Anker, an dem sie 167 befestigt war, aufwärts, und dann zog er längere Streifen mit seinem Messer, und obwohl es erst etwas undeutlich schien, erkannte Elsabe doch bald, daß es ein Boot sein sollte, ein Boot mit Segeln, das im Wasser ging. Da hinauf reichte die Ankerkette, als er aber so weit war, warf er einen kurzen, schnellen Blick in Elsabes Gesicht, als ob er es befragen müsse. Und dann, ganz eilig und lächelnd, setzte er in den Anker ein kleines E; in das Boot vorn ein L.

Zu dem L. hatte das Mädchen genickt, sowie nur der erste Schwung gezogen war. Olf hatte das Ganze nett und sauber geschnitten, die Buchstaben ganz einfach, aber gut kenntlich. Rechts und links von der Zeichnung saßen sie auf der Bank, aber plötzlich, als sie fertig war, rückten sie darüber weg und dicht aneinander und hatten nun viel zu sagen. Sollten sie doch voneinander scheiden, so wollten sie noch einmal zusammen zum Tanz gehen, es mußte nur nicht in Blankenese oder Nienstedten sein, wo die Leute sie kannten. Vielleicht in St. Pauli; Hamburg ist groß, da guckt niemand hin. Sie lachten und freuten sich im voraus, fingen an, sich zu necken, als ob sie wohl gar nicht tanzen könnten.

»Hä, so'n langen Ricks, de is je veel to dünn, breekt je dör in de Mitt', wenn ick em umfaat'.«

»Versök doch mal!« erwiderte Olf und hielt beide Arme vom Leibe ab, »so'n lütt Gaaspeerd as du büst! 'k glöw nich, dat ick di spannen kann.

Das mußte nun doch auf beiden Seiten widerlegt werden, und so gerieten sie sich spielend in die Arme.

168 »Lütt Krüselding

»Un du langes Liew vull Argernis.«

»Wullt mi woll nich wegloopen, du Rappelkopp?«

»Wullt mi woll nich kniepen, du Undögt

Sie lachten, kamen in Hitze, vergaßen immer mehr, daß sie eigentlich Abschied nahmen. Oder war es ihnen niemals Ernst damit gewesen? – Elsabe erschrak heftig, als es plötzlich draußen durchs Laub daher raschelte und mit lautem Gebell am Eingang des Häuschens stehen blieb. Die Augen des großen, gelbweiß gefleckten Hundes waren mit einem echten Polizeiblick auf sie geheftet.

»Dat is den Gärtner sin Bello,« rief sie und schob Olfs Arme zurück, »man good, dat he nichs seggen kann.« Dunkle Röte überzog ihr Gesicht, sie stand auf und reckte sich.

Olf starrte sie traurig an, wie sie ihren Anzug zurecht schob und ihren Regenschirm aufspannte. Er zeigte mit dem großen braunen Finger auf die eingeschnittenen Zeichen: »Un dat sall nich gellen

»Oach, Leferenz, dat kummt je op die an.« »Begreifst du das denn nicht?« schien ihr fragender Blick zu sagen. Verstört trat sie in den rauschenden Regen hinaus; Leferenz Olf hörte ihre Schritte verklingen, dann legte er sich der Länge nach auf die Bank, die Hände unterm Kopf verschränkt, und dachte nach, bis er duselig war und vor lauter Mutlosigkeit einschlief. So ging es ihm immer.

169 Elsabe aber wurde ängstlicher, je näher sie ihrem Elternhause an der Bucht kam; es war doch gar zu unglaubwürdig, daß die Frau Doktorin, für die sie eine Haube garniert hatte, sie so lange sollte aufgehalten haben. Und dann der große gelbweiße Bello, der ihr den ganzen nassen, öden Strandweg nachgelaufen war, tap, tap, klitsch, klitsch! Er ließ sich nicht verjagen, sondern ging mit bis ans Haus, und nun stand er still vor der Küchentür, mit aufgereckten Ohren und klugen, wissenden Augensternen, und tat, als ob er sprechen wolle. Elsabe schüttelte ihren Regenschirm drohend gegen ihn, aber er duckte sich nur ein bißchen, wich aus und trabte von der andern Seite aufs neue heran. Was war dem Vieh nur eingefallen? Zum Glück sah sie niemand; gerade wollte sie sich die Treppe hinauf in ihre Stube schleichen, um die nassen Kleider los zu werden, als ihr Vater mit ungewöhnlich aufgeregter Miene aus Usches Tür auf den Vorplatz trat. Er hatte einen etwas vergilbten Zettel in der Hand: »Na, wullt du dat Rezept in de Apothek dreegen?« sagte er zerstreut. Sie trug ja noch Hut und Jacke, und er bemerkte nicht, daß sie erst eben ins Haus getreten war. »Du sallst dat erleben, dat is dat Water, denn is dat so good as vorbi.«

Elsabe mochte ihren Vater nicht ansehen, – gleich, als er mit so verändertem Gesicht herausgekommen war, hatte sie gedacht, daß etwas mit Usche Queren sein müßte. Er hatte sich gestreckt und gestrafft, und seine Augen blickten mit unruhigem, aber fast heiterem 170 Ausdruck, er bewegte lebhaft die Hände, schien ein ganz andrer.

»Is de Doktor darwest?« fragte Elsabe, die mit unbeschreiblichen Gefühlen diese Veränderung wahrnahm.

»Wo käm' din Tanten woll to'm Doktor? düt hett se noch vun ehren seligen Mann«, lächelte Tiete Eggers. Er lächelte. Es sah etwas überquer, etwas unecht aus, aber es war doch ein Lächeln. Usche hatte keinen Glauben an die Ärzte, glaubte nur an die Frau in Sülldorf, die alles mit Speck kurierte. Wische war schon zu ihr gelaufen, als die Beklemmungen und das plötzliche Aufschwellen der Glieder eingetreten war, etwa vor einer Stunde. Aber Sülldorf war nicht so nah, und wer wußte, ob die Frau mit dem Speck gerade zu Hause war. Sie wurde stark begehrt in der ganzen Gegend, – jedermann sah ein, daß Speck etwas Nahrhaftes und Gesundes war und natürlich besser als die Geschichten in den Medizinflaschen, die aus Gott weiß was für »Aaskram« zusammengekocht werden.

Elsabe nahm den Zettel, der in den Brüchen schon auseinanderfiel, und machte sich gleich wieder auf den Weg. Sie war froh, fortzukommen, es lag eine Angst auf ihr, wie in der Schulzeit, wenn sie etwas ausgeübt hatte und nicht wußte, hat der Lehrer es gesehen oder nicht? Sie hatte weit bis zur Apotheke, es goß noch immer. In den Weiden am Strande wühlte der Wind, daß die gelben Blätter flogen. Grau lag die Elbe dahinter mit schaukelnden Jollen. Die Badeanstalt, die für diesen Sommer schon geschlossen worden, bebte wie 171 ein Schiff in den Wellen, die Brückenpfähle knarrten und ächzten. Auf den Treppenstufen der »Grube«, wo es schon dämmerig wurde vom dicht zusammenrückenden Gebüsch aus den anstoßenden Gärten, hörte sie Schritte hinter sich. Als sie sich umwandte, war es wieder der gelbe Hund aus dem Gärtnerhause im Park; er hatte die Zunge weit heraushängen und jappte ganz dicht hinter ihr. Sie wußte selbst nicht, warum ihr das scharfe, spähende Hundegesicht so unangenehm heute war. »Gah to Hus!« rief sie drohend. Bello zog die Zunge ein und die Lippen breit, so daß seine weißen Zähne blinkten, es sah aus wie Lachen. Was wollte das Tier? Oben auf der Landstraße gingen ein paar Leute, auch eine Tanzmusik schallte über den Weg, unterbrochen von Sturm und Rauschen. Das Mädchen dachte, wie sie Leferenz Olf versprochen hatte, mit ihm zum Tanz zu gehen. Das war alles schon so lange her, wer weiß, ob es jemals dazu kommen würde! – In der Apotheke wurde sie einfach ausgelacht. Der Apotheker kam noch selbst dazu auf den Ruf des Gehilfen, um über den Zettel den großen Kahlkopf zu schütteln. »Das is je für 'n kranke Kuh, sehn Sie, da unten steht es sogar ganz deutlich, und Sie wollen das für Ihre Tante haben? Nee, das kann jewoll gar nich angehn! Das muß ich meiner Frau erzählen.« Danach setzte er eine erhabene Miene auf, während der Gehilfe noch fortlachte. »Weiß Gott, wenn Sie da nu zu 'n Dummen kommen, – wir wolln mal sagen, zu so'n Kruutkramer, als der da drüben,« er zeigte mit dem Daumen über die Schulter und spuckte aus vor der bloßen 172 Phantasiefigur des Drogisten, »der hätte sie möglicherweise gar nicht gefragt, macht, was dasteht, und damit hop und holla.« Elsabes verdutztes Gesicht mit dem halboffenen Munde bestärkte ihn immer mehr in seiner Erhabenheit, und er hielt noch eine längere Rede, ehe er ihr den bekritzelten Fetzen, in ein neues blaues Kuvert gesteckt, wieder einhändigte.

Zu Hause roch es nach Kaffee, die Frau aus Sülldorf war da und hatte sich zuerst stärken müssen. Danach hatte sie die Kranke besichtigt und erklärt, Speck helfe hier nicht, ein Ausspruch, der Usche Queren ins Bewußtsein zurückrief und ihr ungeheure Angst einflößte. Sie lag noch in ihrem großblumigen Kattunpolster im Armstuhl; ein andres niederes Binsenstühlchen war ihr unter die Füße geschoben. Ins Bett hatte sie durchaus nicht wollen, »das sähe ja gleich aus, als ob sie krank wäre«. Sie hielt die Arme links und rechts weit ausgestreckt und ließ die Hände über die Lehnen hängen, denn die beengte Brust kämpfte mühsam um jeden Atemzug. So schrecklich sah sie aus mit dem gedunsenen bläulichen Gesicht, daß Elsabe an der Tür zurückfuhr. Berta winkte ihr ärgerlich, hereinzukommen, während Wische mit einem rotweißen Staublappen an dem Sekretär der Tante rieb und ihn dabei betrachtete, als sei das solide alte Mahagonimöbel etwas Funkelnagelneues hier in der Stube. Frau Eggers saß mit ihrer gewöhnlichen Sorgenmiene auf einer Stuhlkante, ratlos horchte sie auf die Frau aus Sülldorf, eine verwachsene, magere Person mit scharfer Nase und schmalem Munde, die an Usches Stuhl stand 173 und sich sehr wichtig ausnahm. Jetzt redete sie der Leidenden zu, während sie sich geschäftsmäßig über sie beugte. »Nu sein Sie man still, und gehen Sie man lieber zu Bett!« schrie sie ihr ins Ohr.

Usche starrte sie mit verdrehten Augen an: »'t is doch nich gefährlich?« die Zunge zitterte ihr bei der Frage, man konnte sie kaum verstehen, kläglich wie ein Winseln klang es.

Die weise Frau schüttelte den Kopf. »Morgen nehm ich Ihnen das Wasser ab, hören Sie woll?«

»Dat – dat – dat – Water?« stammelte Usche, »heff ick denn dat Water?« Sie drehte die Augen, ließ den Blick rundum auf alle Anwesenden fallen, so weit er reichte, ihr Gesicht war schrecklich verzerrt, – plötzlich kam eine Art Geheul aus ihrem Munde: »Nich starben! nich starben! ick will dat nich! oach, Madam – seggen Se nichs mehr vun Water – maken Se mi 'sund! hören Se woll? 'sund! nich starben!«

Der Anblick der erhobenen Hände, der Ton der schluchzenden Stimme war entsetzlich; Frau Eggers wurde totenblaß, ihr Mann senkte den Kopf wie schuldbewußt, die Mädchen standen scheu; plötzlich kam Elsabe durch die Stube auf die Kranke zu und strich ihr über die matte, geschwollene Hand. »Tanten is je so stark un ward woll wedder beter! Tanten lewt noch länger as wi alltosam! Wes' man nich bang, Tanten!«

Freundlich und kräftig fielen die Worte in die Verstörung. Die Kranke aber war zusammengeschreckt und 174 hatte ihre Hand an sich gezogen. »Wokein is dar?« stammelte sie, »kummst du nu? willst mi dat Geld afnehmen? Kamt se nu all? Nehmt mi dat aff?« Sie erhob mühsam die Hand und zeigte geradeaus: »Un de? bliewt all lebennig? Un ick sall – starben? Water seggt se? is je nich – is je nich – woahr – Madam! ick will nich! dat sall nich!«

»Tanten Usche, denk an unsen Herrgott!« mahnte die kleine Schneiderin mit feierlicher Stimme. Aber Usche hörte auf nichts. Sie begann plötzlich zu weinen: »So'n Schändlichkeit! So'n Schande wert! 'n ole Fro! Un de mutt dat Water hebben! Dat hefft se mi anwünscht, ick weet dat woll! Aber du – aber du –« ihr Auge flog voll Haß auf Frau Eggers und Berta, die eben vor ihr standen, »du kummst mi bald nah, un du ook! du büst all ebenso gel as ick, un du – din Hann' – dick as min – Berta – Berta – gah du vorut, hörst du – ick will nich – will nich –«

Sie hatte sich im Toben erschöpft, die letzten Worte waren nur mehr ein Lallen, dabei schloß sie die Augen und schien bewußtlos oder im Schlaf. Frau Eggers hatte ihr kleines Gesicht ins Taschentuch gesteckt, ihre Schultern zitterten von dem Schauder, der sie durchbebte; sie legte nicht mit Hand an, als die Kranke nun in ihr Bett geschafft wurde. Eggers und seine älteste Tochter besorgten das schwere Werk, die Medizinfrau ordnete nur an, und sie tat es mit Umsicht und Festigkeit. Einmal erwachte die Kranke aus ihrer Betäubung, gerade wie die Frau Abschied nehmen wollte; sie 175 erkannte sie sogleich und lallte: »Speck – mutt ick – hebben!« dann war sie wieder weg. Die Sülldorferin schüttelte Tiete Eggers und Berta und Wische umständlich die Hände, als sie mit Hut und Regenmantel, eine geheimnisvolle Tasche von Wachsleinen am Arm, noch einmal ins Krankenzimmer kam. »Und nu wollen wir man zu Gott hoffen und wünschen, daß das nich zu lange mehr dauert,« sagte sie eifrig, »das zieht sich manchmal noch lange hin, und sie scheint 'n starke Natur zu haben – na, wir woll'n das Beste hoffen, vielleicht is das eher vorbei, als wir denken.« Sie lächelte ermutigend, versicherte, daß sie morgen wiederkäme und trank noch auf der Schwelle ein Glas Portwein – Berta hatte gerade noch eine angebrochene Flasche, und es war ja so schlechtes nasses Wetter draußen. »Das wundert mich aber, daß Sie sich nich wieder verheiraten!« mit diesen erstaunten Worten sprach die Medizinfrau ihren Dank an die Witwe aus.

»Wir sprechen da noch morgen über, ich glaube, ich wüßte 'n ganz nette Partie für Ihnen.«

Berta kam in gehobener Stimmung wieder ins Haus, wo ihre Mutter noch immer, ohne zu sprechen, im Winkel saß. Elsabe hatte das Abendbrot bereitet, sie mußte sich etwas zu tun machen, um nur nicht immer die gräßlichen Bilder von vorhin im Auge zu haben. Sie zog ihre Mutter mit Gewalt in die Küche an den warmen Herd und setzte ihr Mietje, die wie ein herrenloses Hündchen herumlief, auf den Schoß. Der Papagei, der auch in der Küche seinen Platz erhalten, den ganzen traurigen dunkeln Tag aber verschlafen 176 hatte, dehnte sich, spreizte die Flügel und bemerkte in zärtlich glucksendem Ton, daß Jakob da sei. Wische wollte bei der Kranken bleiben, die übrigens jetzt laut schnarchte, die andren setzten sich an den Tisch und verzehrten die gebratenen Kartoffeln und Klöße, die Elsabe auftrug, ohne andre Unterhaltung, als die mit dem Vogel. Er sprach nicht so laut wie am Tage, aber er machte sie ein paarmal lachen, sogar Frau Eggers. Nur der Vater verzog keine Miene, aber seine fieberhaft glänzenden Augen bewiesen, daß er innerlich sehr beschäftigt war. Von Trauer war bei niemandem zu reden, dennoch lag ein dumpfes beklemmendes Gefühl auf der Familie, die Nähe des Todes, der innerhalb ihrer vier Wände die Hand nach jemand ausstreckte. Am andren Tage hatte es sich schon in Blankenese verbreitet, daß Usche Queren »schlecht liege«, und Nachbarn und Verwandte kamen erwartungsvoll und neugierig an die Tür.

Berta »hatte es hild«; mit jedem mußte der Fall durchgesprochen werden, und als niemand mehr zur Erkundigung kam, ging sie auf »Nachbarn« und stand den ganzen Tag vor Gartenpforten und Haustüren in eifriger Unterhaltung. Mietje lief überall mit hin und hielt sich an ihrer Mutter Rockfalten.

»Tiete Eggers hett Glück! Nu kiek den Kerl an! Je, op so'n Oart much ick ook woll Geld verdeenen, dar kriegt een keen Quesen bi. Dat is beter as Bootbauen! Na, wat he damit verdeent, dat fegt ook de Katt mit'n Steert weg; in sin Schauer dar pipen de 177 Rotten, un de Ewer, de verrott' op de Warft', eh dat he mal farig ward. He hett je nu nich mehr nödig! He hett je nu 'n gollne Henn' in't Hus, de em gollne Eier leggt. So much ick dat ook hebben!«

Das meiste davon bekam die Witwe ins Gesicht zu hören, und sie nahm es mit ihrem gewohnten hellen leichtsinnigen Gelächter auf. Es galt ihr als lauter Schmeichelei, und was konnte schmeichelhafter sein, als die Leute recht neidisch zu sehen?

Wische war den ganzen Tag um die Kranke, aufmerksam und unermüdlich. Sie schüttelte ihr das Bett aus, denn unaufhörlich wollte Usche die Lage ändern, und da, unter dem dritten Kopfkissen, fühlte Wische plötzlich das Schlüsselbund, an dem natürlich auch die Sekretärschlüssel hingen. Es war kein Wunder, daß sie nicht hatte liegen können – ein ganzes Schlüsselbund! Es galt nun, die kantigen Dinger rücksichtsvoll und geräuschlos hervorzuziehen. Usche mußte nicht erschreckt oder aufgeregt werden, und diese Schlüssel klirren so leicht. Wische zitterten die Hände, aber sie vollbrachte es ohne das geringste Aufsehen. Als sie das Bund in ihrem Taschentuch fühlte, kam etwas wie Schwindel über sie – was wohl alles in dem Sekretär sein mochte? Anfangs wollte sie es Elsabe erzählen, aber dann besann sie sich; nein, das Mädchen war noch zu kindisch, hatte nichts als Liebesgeschichten im Kopf, war ganz aus der Art geschlagen, artete beinah nach Onkel Mull. Der Alte hatte richtig auch schon gefragt, 178 wie es mit der Tante sei. Er hatte in der Tür der Krankenstube gestanden und mit gespitztem Munde nach dem entstellten stöhnenden Geschöpf geblickt, das ohne Teilnahme dalag. Dann war er mit langem Kopfschütteln gegangen, nachdem er seiner Nichte Elsabe die Hand gedrückt. »Dat heff ick ook nich dacht, dat ick ehr den Vörtritt laten wurr',« sagte er ein bißchen schadenfroh, »je, je, je, je, uns' Herrgott weet de Tied, wi weet vun nichs, wi sünd as de Blinnen. Oh leege Welt, wo wanderst du in'n Düstern!« Er machte sich so steif und gerade wie er konnte, um zu zeigen, wie jung er noch sei.

Elsabe hatte noch keinen Menschen sterben sehen, mehr denn je war ihr die Tante jetzt ein Gegenstand des Grauens. Es ging ihr nicht viel besser darin als Mietje, die in ein angstvolles Geschrei ausbrach, wenn sie in das Krankenzimmer gehen sollte. Das Kind war von zarter Gesundheit, nach jeder besonderen Aufregung hatte es nachts Fieberanfälle, und Elsabe setzte es durch, daß Mietje nicht mehr mit »Gutenmorgen- und Gutenachtsagen« bei Usche gequält wurde. Die Kleine mußte sogar bei Elsabe schlafen, sie trug ihre Kissen mit glückseligem Lächeln in Elsabes Kammer; dort fühlte sie sich geborgen, und weit, weit von der schrecklichen Tante Usche; warm und dicht in Elsabes Arm gedrückt, schlief sie die ganze Nacht traumlos und wachte auf um sechs Uhr morgens wie die Vögel. Schlief dann Elsabe noch oder stellte sich schlafend, so versuchte die Kleine 179 ihr kichernd die Augenlider aufzuklappen. »Tante, ich hab heut 'n Berg zu tun! Ich wuß gleich dem Schmetterling sein Grab zurecht machen, und denn muß ich Jakob sein Rundstück einweichen, und denn muß ich die Hühner füttern. Wir müssen heute früh zu Gange, Tante!« Und lachend und sich küssend begannen die zwei Jüngsten der Familie ihren Tag, hoch oben in der Giebelstube, während unten im Erdgeschoß der Tod auf der Brust der Alten saß und ihr Schreie der Qual und endlose Verwünschungen entlockte. Elsabe hätte am liebsten auch ihre Mutter mit nach oben genommen, denn Frau Eggers sah kümmerlich aus, mochte auch nicht essen, wenn sie bei Usche gewesen war. »Dat versleit mi den Aftit, ick kann dar nich gegen.«

Als am fünften Tage nach dem ersten Anfall Elsabe hinunter kam, war große Beratung in der Küche; Vater, Mutter, Berta und Wische standen mit langen Gesichtern, wendeten sich nach ihr um und sagten einstimmig: »Nu denk di mal düt an, nu geiht dat wedder beter!«

»Mir is das unbegreiflich!« fiel die Medizinfrau ein, die in Hut und Mantel eine Kumme Kaffe trank, »nu is das am Ende doch besser, Sie schicken mal nach'n Doktor?«

Elsabe wurde es sonderbar ums Herz. »Heff ick 't nich seggt? De lewt noch länger as wi alltosam!« rief sie heftig, »dat freut mi man, denn will ick man glik ringahn!«

180 »Bliew hier, se hett uns all rutschuchtert!« riefen sie ihr nach, aber Elsabe hörte nicht hin. Sie hatte die Küchentür hinter sich kaum zugemacht, als Berta auf den Zehenspitzen hinging und sie geräuschlos wieder öffnete. »Scht!« machte sie. »Scht!« wiederholte Wische.

Sie horchten alle. Es war aber nur ein Schelten und Schreien, kein einzelnes Wort verständlich. Plötzlich klappte Usches Stubentür, und Elsabe kam in die Küche mit zusammengenommenen Kleidern, als ob sie durch eine Lache gewatet sei. Ihr Gesicht war blaß und ungewöhnlich ernsthaft. »Se will de Slötel hebben! Woneem sünd ehre Slötel?« Wische und Berta verständigten sich mit einem kurzen schnellen Blick, dann zuckten sie die Achseln. »Wat vor Slötel?« rief Tiete Eggers, indem er wie gestochen in die Höhe sprang. »Ick weet vun nichs«, murmelte die Mutter; sie errötete aber, wurde verlegen: »Wische, weetst du dat nich? Dar kann doch nichs wegkamen?« Elsabe maß ihre Schwestern zornig, drohend beinah. »Se seggt, dar is en Deef int't Hus, mutt en Deef sin.«

»Dat süht ehr ähnlich«, brummte Berta, und Wische ging plötzlich zum Angriff über: »Ick weet nich, wat di infallt, du kümmerst dich ja sonst nich um ihr, für deintwegen könnt sie je all das Zeitliche gesegent haben.«

»Se will ehre Slötel hebben!« schrie Elsabe mit blitzenden Augen, »schall ick mi sagen laten, dat in min Öllernhus en Deef is?«

181 »Na hören Sie 'mal, Fräulein, werden Sie man nich anzüglich,« sagte die Frau aus Sülldorf, nach ihrem Schirm greifend, wie nach einer Waffe, »wir sind hier all' ehrliche Leute, so viel als ich weiß, und das muß ich mir verbitten, daß Sie hier mit solchen Redensarten auftreten, noch dazu, wo Ihre Tante gar nich mal bei sich is.«

»Sie is woll bei sich, und sie will ihren Sekretär auf haben – wenn sick de Slötel nich anfinnen deit, denn weet ick ook mit'n Schrubentrecker umtogahn!« rief das Mädchen.

»Oho! gans wat Neetes! Wat hest du di dar mang to steeken? Hier bliewst du! Wat geiht di Usche Queren an?« So rief es durcheinander.

»Mutter, Mutter! segg du, wat ick dohn sall! Sall hier Unrecht vor Recht gahn?«

Heiße Empörung lag in Elsabes Ton, Frau Eggers blickte ratlos ihren Mann an. »Vadder, segg du, spreek en Machtwoort!«

»Ick heff keen Slötel, doh, wat du wullt, Deern!« Er ging mit steifen Schritten aus der Tür, die er hart hinter sich zuschlug, als schneide er damit jede Verantwortlichkeit hinter sich ab; man hörte ihn die Treppe hinaufsteigen.

»Ick kann je villicht mal tokieken – 't kann je sin –« begann Wische. Aber die Frau aus Sülldorf war ganz empört über Elsabe: »Familie is doch immer Familie, so'n junges Mädchen habe ich auch noch nich gesehn!«

182 »Oh, ick find woll 'n Stemmisen.« Elsabe war hinaus, Usche Queren schrie auch gar zu gellend, daß jemand kommen solle. »Luter Röwers un Deefsvolk! Ick mak dat anners! Se hefft min Slötel stahlen, min Sekertär opbraken. Dat mutt noch anners makt warden! Min Testamenten sünd all null un nichtig! Ick will dat opsetten! Ick will Papier hebben! Se kriegt nich en Dreeling! 'n arme ole Fro un ward so schändlich mißbehandelt! Min Recht will ick hebben! En Afkaat mutt dor her!« So ging es ununterbrochen fort, ihre Stimme klang schrill und kläglich, ihr gelbes Gesicht zuckte in ohnmächtiger Wut. Sie hatte die Bettdecke fortgeschleudert und hockte in dem verwüsteten Bette wie ihr eigenes Gespenst.

»Und wenn allens in Grund un Boden geiht, ick lied nich, dat hier Unrecht utäuwt ward!« schrie Elsabe ihren Schwestern noch zu, dann stand sie, nach Atem ringend, vor der lärmenden Kranken. »Wat wullt du hebben, Tante Usche! Din Slötels sind nich bi de Hand, aber din Recht sallst du hebben.«

Usches Augen funkelten auf: »Ick mak dat anners, ick will dat opsetten«, keuchte sie.

Elsabe besann sich einen Augenblick, dann lief sie hinauf in ihre Giebelstube. Es war ein weiter Weg über alle Treppen, aber sie hatte nur droben einige Bogen Papier, Feder und Tinte. Ja, – ach die Tinte war eingetrocknet, wie sie das Gläschen schüttelte, zusammengeronnen zu einem dickflüssigen Bodensatz. Ein paar Tropfen Wasser mußten den Schaden wieder 183 gut machen, aber es nahm doch Zeit weg, und dem Mädchen klopfte das Herz vor Ungeduld, als verliere sie unwiederbringliche Minuten. Sie kannte sich selber kaum; der Zorn, die Überzeugung, daß sie eingreifen und Recht schaffen müsse, ihrer ganzen Familie zum Trotz, machten sie stark und sicher. Sie fürchtete nicht, daß ihr Vater ihr begegnen könne, mit festem Schritt ging sie an seiner Tür vorbei. Unwillkürlich horchte sie auf der Treppe nach Usches Stimme, aber es war alles still geworden, unheimlich still, als sei die Alte für immer verstummt. »Ich werde doch nicht zu spät kommen?« fragte sich Elsabe und stieß sachte die nicht fest eingeklinkte Tür der Krankenstube auf. Ihr erster Blick flog nach dem Bette und zeigte ihr Usche mit geschlossenen Augen daliegend. Schnarchende Atemzüge, die nichts besonderes Krankhaftes hatten, kamen von dort her; aus der Ecke aber hinter der Tür scholl ein halblautes Geflüster gieriger Stimmen, die Elsabe fremd und erschreckend ans Ohr drangen: »Kiek, twee siedne Halsdöker! de kriek ick! Herrjes, en sülberne Piep! De kann ick je an min Brögam schenken! Weetst all? ick krieg den Segelmacher Timm ut Sülldorp, Mietje lat ick denn hier, de giwt Moder un Vadder doch nich her.« – I du, ick bün ook noch dar! Een, twee, dree Blankeneser Mützen, twee gollne und een sülberne, de mutt se mi schenken!« – Oach, wat schall dat dumme Reden, se weet je nichs mehr davun aff; de Mützen sünd wat wert, un de echten Spitzen un de siedenen Platen. Woneem hett se denn ehr 184 Goldsaken? Kiek mal in dat Fak dar baben! Dar hett sick orrentlich wat ansammelt. Naher ward dat allens tosiegelt. Aha, dar is ook noch Linnentüg – mak mal utenanner –« Mit einem Ruck stieß Elsabe die Tür auf und stand mit flammenden Backen vor ihren Schwestern, die da vor den herausgezogenen Schiebladen des Sekretärs auf dem Boden kauerten. »Schamt ji ju nich?!« rief sie, außer sich und lauter, als sie gewollt, »ehr Saken! Tante Usche ehr Saken! Leg hen, Wische! in'n Oogenblick segg ick di, – schall ick Vadder ropen? schall ick?« Wie aus bösem Traum geweckt, scheu und verstört, die eben noch von Habsucht brennenden Augen zu Boden geschlagen, richteten sich die Überraschten auf. Berta stieß eine der Schiebladen wieder hinein, Wische hielt das weiße Leinenstück weit von sich in der Hand. Elsabe blickte von einer zur andren. Waren das dieselben Menschen, die mit ihr aufgewachsen waren? Ihre Schwestern? Wie ein Wahnsinn mußte die Habsucht über sie gekommen sein; ihr wurde so ängstlich vor den beiden. »Gaht weg!« wiederholte sie mit beklemmter Stimme. Plötzlich schrie Usche Queren gellend auf, daß alle drei zusammenfuhren: »Min Dodenhemp! Wische hett min Dodenhemp stahlen!« Sie war über dem Wortwechsel erwacht und hatte die Augen weit offen. Die kleine Schneiderin wurde weiß wie das Linnen, das sie in der Hand hielt. Mit einem unbeschreiblichen Blick riß Elsabe es ihr weg, legte es der Alten aufs Bett, die es mit 185 unsteten, streichelnden Fingern unter ihre Decke zog. Die Schwestern sahen einen Augenblick aus, als wollten sie sich's nicht gefallen lassen, so behandelt zu werden.

»Wat wullt du eegentlich?« murrte Wische, aber es klang kleinlaut, ihre Sicherheit hatte sie verlassen. »Kumm«, flüsterte Berta, – sie krümmten die Schultern und schlichen an die Tür. Draußen aber nahm der Ärger wieder überhand.

»Kick, wat se sick groot makt! wat se sick inbild't. Dumme Deern, willst di woll noch bi ehr anögeln? Schad', dat dat en beten too laat is!« Berta zog Wische weiter auf den Vorplatz hinaus; sie verstummten. Elsabe ging an die Tür, machte eine Bewegung, als ob sie den Riegel von innen vorlegen wolle. Aber das litt nun wieder Usche Queren nicht. Der Argwohn in ihren Augen wurde zum Entsetzen. »Wat will se? Se ward mi je woll nich dodslagen? De annern hefft min Slötel stahln, un se? will se mi an 'n Hals?«

Elsabe riß sogleich die Stubentür wieder auf. »Se weet nich, wat se seggt, se is too dumm«, sagte sie mit einem Versuch zu lächeln, während sie doch eine Gänsehaut bekam, sobald sie Usche nur anblickte.

Wische und Berta, die hinter dem Schlüsselloch gestanden, stoben mit unterdrücktem Aufkreisch von dannen.

»Nu segg man all, wat du hebben wullt«, Elsabe setzte sich an den kleinen Nähtisch am Fenster, ziemlich weit vom Bette. »Sall ick dat schrieben?«

186 Usche hatte die Augen wieder geschlossen, sie traute der ehrlichen zitternden Stimme nicht. »Ick heff ehr ümmer nich utstahn könen«, murmelte sie.

»Das 'all egal, Tante, aber daför dat du din Recht kriegst, kann ick doch opkamen, segg man allens.« Usche seufzte schwer und bange. »Ick mutt dat anners maken, so gefallt mi dat nich«, ihr Wimmern paßte sonderbar zu dem Sinn ihrer Worte. Elsabe mußte unwillkürlich lächeln. »Dat glöw ick woll, – sall ick dat opsetten?«

»Ja. Ich, Usche Queren, habe mich eines besseren besonnen und erkläre alle meine andren Testamenter für null und nichtig. Ich will mein Hab und Gut nicht an Tiete Eggers vermachen« – –

»Sondern?« unterbrach Elsabe mit zusammengezogener Stirn und heißen Backen, denn ihres Vaters Enttäuschung, sein möglicher Ruin standen wie ein Berg vor ihren Blicken, der über ihnen allen zusammenzustürzen drohte. Und dennoch!

»Ich will mein Hab und Gut an keinen Menschen vermachen, indem daß ich mir überzeugt habe, daß sie doch nichts taugen tun und man keinen Dank davon hat, bloß lachende Erben«, diktierte Usche mit geschäftsmäßiger Sicherheit und winselnder Stimme in breitem groben Hochdeutsch. Sie hatte nicht umsonst in der Abwesenheit ihres Mannes und nach seinem Tode ihr Vermögen immer gegen einen regiersüchtigen Kurator zu verteidigen gehabt, dabei lernt man was.

Elsabe saß da, schrieb nach in ungelenker kindlicher, deutlicher Schrift, sie besann sich nicht mehr, Usche hatte einen Menschen nötig, um zu ihrem Recht zu kommen, 187 und dieser Mensch war sie. Dazwischen fühlte sie den alten heftigen Abscheu; es war ihr unmöglich, in die grünlich glitzernden Augen zu sehen, wenn sie doch bis zu Ende bleiben wollte. »Ick heff dar nie wat vun weeten wullt, vun din Geld«, sagte sie halb zu sich selber, während sie Punkt setzte. »Is de Möglichkeit!« machte Usche argwöhnisch.

»Good, und wokeen sall dat also hebben?«

»Ick will dat behollen!« platzte die Kranke heraus, »schriew, Elsabe, schriew dat op. Ich habe mir besonnen, daß ich das Geld auch nach meinem möglichen Todesfalle nicht von mich tun will, sondern will das behalten, weil es mein ist und mein bleiben soll. Und weil ich es niemand gönnen tue, soll es mich in meinen Sarg gelegt werden, unter dem Kopfkissen, daß ich eine gute Ruhe habe. Amen.«

Das Mädchen hatte die vorsichtig nacheinander herausgestoßenen Worte niedergesetzt. »Amen« wiederholte sie.

Usche unterbrach sie angstvoll: »Schriew noch! schriew noch! Ich hoffe aber zu Gott dem Allmächtigen und Barmherzigen, daß er mich noch ein langes Leben schenken wird. Amen.«

»Is nu all?« fragte Elsabe.

»Nu is all. Nu will ick min Nam' darunner setten! Wenn dat man geiht.« Sie erhob die kraftlose Hand und ließ sie mit dem Federhalter, den ihr Elsabe zwischen die Finger gedrückt, auf die Bettdecke zurückfallen.

188 »'t geiht nich!« Ihre Augen wurden feucht, Usche Queren weinte. »Sall ick di de Hand föhren?« fragte das Mädchen, ihren Widerwillen niederzwingend. Die Alte nickte. So legte denn die Kleine ihre braune warme Hand auf die eiskalte verrunzelte, machte sie stet, und die Unterschrift gelang erträglich: »Trina Ulrika Queren, geborene Eggers«; die zollangen steilen Buchstaben füllten den vierten Teil einer Seite, das Papier war mehrmals von der Federspitze durchstoßen, aber leserlich war der Name.

»Nu mutt ick noch twee Tügen hebben,« sagte Usche beruhigter, »du kannst je man 'n paar Nabers rinhalen.«

Eben ging David Mull draußen am Fenster vorbei. Elsabe riß die Klappe auf. »Unkel Mull, ach wölt Se nich mal gau rinkamen?«

»Hallo, Deern, wat is mit di los, dat du din olen Unkel sietzen deist?« Dann schien ihm das Mädchen auch im Aussehen ganz sonderbar, etwas so Hartes, Entschlossenes um den roten Mund, eine unnatürliche Aufregung in den tiefliegenden Augen. »Ick kam all!« rief er ihr eilig und neugierig zu und stelzte mit den steifen Beinen ins Haus. In der Küche saßen noch Frau Eggers und die Sülldorferin. Es war Frau Eggers schlecht geworden, und die kleine Verwachsene gab ihr eben ein paar Tropfen ein, die ganze Küche roch nach Äther und Baldrian. »Go'n Dag«, sagte Mull an die Mütze greifend, ungehindert ging er 189 weiter. Aber vor der Tür der Krankenstube hockten ein paar Figuren am Schlüsselloch, die wie schwerfällige Hühner aufflatterten und auf ihn zufuhren, sobald sie ihn erkannten. »Süh so, Unkel Mull, go'n Dag, wat wullt du denn?«

Berta packte seinen rechten, Wische seinen linken Arm. »Ach, Unkel, wat wi all utstahn hefft!«

»Se ward immer duller; wenn se man endlich mal dod wor'.« »Scham dit wat«, sagte David Mull und gab Wische einen Puff, halb im Scherz. »Na, wat hett denn Jug Swester mit ehr to dohn? se hett mi ut'n Finster anropen.« »Kick de Deern an!« riefen beide verwundert, »i, dat mutt ick doch ook weeten, wat se vorhett.« Sie faßten den Alten am Rockschoß, so folgten sie ihm in die Stube, scheue, gierige Blicke um sich werfend. Doch vermieden sie, Elsabe anzusehen, von der sie offenbar nichts Besonderes fürchteten. Die Kranke röchelte und stöhnte, doch drehten sich ihre Augen voll Mißgunst und Haß, und die fast erstorbenen Lippen formten noch Verwünschungen. David Mull schrak zurück, als er sie erblickte. Wie eine dicke gift- und wutgeschwollene Kreuzspinne kam sie ihm vor, diese Person, die einmal seine Braut gewesen war. So viel Geld und so häßlich sterben! Der Alte spuckte aus und zog die Mütze zwischen die knotigen Hände, als wolle er geschwind ein Vaterunser beten.

»Unkel Mull!« winkte Elsabe, »Tante Usche hett en Tügen nödig. Dar sett din Nam' hen.«

190 Sie schob das Blatt, das auf Usches Bettdecke lag, anders herum, reichte ihm den Federhalter und wartete.

»W–a–a–t?« stotterte David Mull außer Fassung.

Die älteren Schwestern drängten sich heran, immer noch gedeckt von dem Alten. Was sie da jetzt hörten, kam ihnen doch verdächtig vor, auch beunruhigte sie Elsabes ernstes sicheres Wesen, – das sah nicht aus wie müßige Spielerei.

»Wat is dat? lat uns ook sehn! Tügen? Wer sprekt hier vun Tügen? Büst du öbersnappt? Berta, hal' Vadder dal! Den Ogenblick sall Vadder kamen. Wi denkt, du büst'n dumme Deern, – makst du uns, makst du din Fomilie solche Saken? Täuw du man! Giw mi dat Papier! Schriew nich, Unkel Mull, dar kunnst du bös' mit ankamen, wenn Vadder dat to sehn kriegt!« Wische wollte sich des Blattes, vor dem sie plötzlich eine unerträgliche Angst empfand, bemächtigen, aber mit schneller Bewegung hatte der Alte seine Hand darauf gelegt. »Kumm, kumm, Wische, ick sall hier tügen, du nich! Wat sall ick denn tügen? Min Nam' darher setten? I warum nich! Ick kann noch 'n beten finer as du, Usche, aber dat dat din Bookstaben sünd, dat betüg' ick ook, de kenn ick noch vun School her.« Er beugte sich auf die Bettdecke und schrieb. »Aber wat steiht denn dar in? Lat mi doch mal sehn!« schrie Wische, von Argwohn gepeinigt, »Tante Usche, ick heff di hegt un plegt, segg mi doch, Tante Usche!«

»Ick maak dat nu anners! Anners maakt,« lallte die 191 Sterbende, »Ji kriegt all nichs, döcht nichs, – alleen behollen – min– min – min –«

»Hoho!« schrie Wische, »dor sünd wi ook no bi, her mit dat Papier, Onkel Mull, du hest hier nichs to ünnerschriewen, – Moder! Berta! Vadder! hier passiert 'n Unglück! Se is verrückt, und min eegen Swester hett dat opsett! In Oogenblick giwst du dat Zettel wedder her, Unkel Mull! Wat hest du dat Zettel in de Tasch to steken?« Sie rang die Hände, schäumte vor Wut.

David Mull hatte das Papier in die Brusttasche gesteckt und hielt zum Überfluß die Hand darauf. »Kumm, kumm, Wische, man nich so hitzig, allens mit Rechtlichkeit und Orentlichkeit. Das 'all vun Gott, Wische. Adjüs, lütt Elsabe, dat is nu bestimmt; ick gah gliek op't Amt, schenier di nich, Wische, du kannst ja achter mi an lopen und den Amtmann dat vertellen, de ward denn woll din Ehrentitel opdecken.« Er lachte schadenfroh. Dann berührte er noch die Schulter der Kranken. »Adjüs, Usche Queren, denk an unsen Herrgott, wi sünd all arme Sünner, ick wünsch die sanft intoslapen, adjüs.«

Elsabe ging mit dem Alten aus der Tür, denn die Kranke lag jetzt erschöpft und ohne Teilnahme. »Mi is dat Leben verleid't«, sagte sie bitter. David Mull räusperte sich, dann legte er mit schlauer Miene die Hand ans Ohr. »Leferenz Olf? Ach, de is good to Weg so wiet, he töwt op mi ünnen bi Swienssand, ick mutt maken, dat ick em nahkam

192 Das Gesicht des Mädchens hatte sich ganz verändert, sowie der Alte den Namen genannt. »Geihst du mit em dütmal?«

»He seh so suur ut, dar heff ick em dat verspraken.«

»Bliwt Ji lang ut?« Sie traten unter die Tür zurück, denn es regnete und stürmte wieder.

»Acht Dag as gewöhnlich; sall ick em wat bestellen?« Ein schelmisches breites Lächeln umspielte Onkel Mulls Gesicht, solche Aufträge waren sein Vergnügen. Aber das Mädchen mochte dies Lächeln nicht.

»Du büst en losen Gast, Unkel Mull,« sagte sie abwehrend, »kannst em gröten, wieder nichs.«

»Keen' Kuß?« scherzte der Alte und spitzte die Lippen, »keen Süßen?«

»Dat kann de Popegei ook all seggen«, machte das Mädchen und ging ins Haus. Sie hatte ihren Vater rufen gehört, ein Zittern fuhr ihr in die Knie, dann trat sie ihm entgegen:

»Wat wullt du, Vadder?«

Seine Antwort war ein Schlag ins Gesicht, der sie taumeln machte. Wie durch einen roten Nebel sah sie seine flammenden Augen, die zu neuem Schlage erhobene Hand. Sie sank an den Türpfosten zurück und schloß die Augen.

»Mietje! Mietje«, – flüsterte sie, ohne zu wissen, warum. Dann hörte sie ihrer Mutter flehende Stimme: »Mußt nich, Vadder! mußt nich«, fühlte sich weggezogen und auf einen Sitz niedergedrückt. Sie wagte noch immer nicht die Augen aufzumachen, es schrie und schalt um sie herum; »Se hett mi rungeniert! Ick kunn 193 ehr dodslagen! Wat hett se sick in so'n ernstliche Saken to steken! Weet Gott, wat op den Zettel steiht! Weet Gott, wat ut mi warden sall! Morgen könt wie op di Straat liggen!« – »Se is swimelich, giw mi mal Water her! Soltwater! Se hett dat blot ut Gooden dahn! Oach Vadder, mußt nich! Min bestes Kind! min bestes Kind!« Der Schrei dicht an ihrem Ohr weckte sie zu voller Besinnung. Ihre Mutter stand über sie gebeugt, schützte sie mit ihrem eigenen schwachen Körper, während ihr die Tränen unabgewischt über das vergrämte Gesicht liefen. Elsabes erste Bewegung war nach ihrem Tuch, um der Mutter die Augen zu trocknen. Sie versuchte sogar zu lächeln, ihre Hände zu drücken; und dann bemerkte sie, daß alle herumstanden, auch ihre Schwestern und die Frau aus Sülldorf, die sich vor Neugier nicht wegfinden konnte, sondern schon seit Stunden auf dem Sprunge war. »Wer weet, Tante Usche kann't noch allens wedder trüggnehmen,« tröstete Frau Eggers über ihre Schulter weg, »Vadder ward ook gliek so dull, – kumm, Elsabe, wi hefft dat Geld je doch so groot, groot nödig,« sie faltete die Hände, »wi wölt alltosam noch mal nach ehr ringahn, wölt ehr bitten, dat se uns nich so in Stick laten deit, kamt Ji all« –

»Lat mi sitten, ick kann nich, Mutter«, flüsterte Elsabe. Alle andern gehorchten der Aufforderung, auch die Frau aus Sülldorf ging hinterdrein, immer in Hut und Mantel, mit Regenschirm und Wachstuchtasche. Eine Weile wurde es ganz still, sie hatten die Tür hinter sich zugezogen. Dann hörte das Mädchen einen unterdrückten Schrei, ein Gemurmel, und dann kamen 194 sie zurück mit langen Gesichtern. Sie gingen an Elsabe vorüber, sprachen nur unter sich. »So snell! wer harr dat woll dacht! Und du seggst noch, se is tag vun Natur. Je, wenn 'n Unglück sin sall. Wokeen geiht? du Vadder? Edder sall ick gahn?« –

Usche Queren war während des heftigen Auftritts auf dem Vorplatz in aller Eile gestorben; ihre Augen, die gebrochen starrenden, konnte die Frau aus Sülldorf noch schließen, an dem offenen Munde aber mühte sie sich vergebens; der grinste Hohn und Menschenverachtung über den Tod hinaus. »Das ist keine hübsche Leiche, wolln ihr man zudecken.« Die Medizinfrau warf ein Bettuch über sie, dann ging sie und öffnete das Fenster. Aber sie mußte es wieder schließen, der Wind wollte es ihr aus der Hand reißen. Dann legte sie Mantel und Hut ab; denn sie sah jetzt eine einträgliche Arbeit vor sich. Sie war ja auch Leichenwäscherin. Der Doktor mußte nur erst kommen, den Totenschein ausstellen. Berta war zu ihm gegangen; er würde gewiß noch schelten, daß man ihn nicht früher geholt hatte. Tiete Eggers hatte keine Ruhe im Haus, er fuhr nach Hamburg zu seinem Advokaten, trotz des sinkenden Abends. Seine Frau wickelte ihm noch selbst einen Schal um den Hals. Doch war der Wind mehr hoch als kalt. Er schüttelte die Weiden und ließ die Ankerketten in allen Tönen knarren. Das Wasser kam in die Bucht herein, so weit, daß es aussah, als würde der Bootschuppen nun bald einstürzen. Grau und mit schmutzigweißem Schaum wie Seifenwasser spritzte es 195 um die hohlen Stämme. Elsabe saß ganz einsam und nähte. Ihre Mutter hatte sich hingelegt; denn die vergangene Nacht hatte sie wachend bei der Kranken versessen. Wische half bei dem Ankleiden der Leiche. Auch Mietje war müde geworden und von Elsabe in ihr eigenes Bett gelegt worden. Ihre zarten Atemzüge blieben unhörbar vor der Stimme des Windes. Er heulte im Schornstein und sang um das Haus. Das Mädchen arbeitete wie im Traum. Ihr Herz war nie so schwer gewesen. Sie fühlte sich von den Ihrigen ausgestoßen, obgleich die Mutter sich ihrer angenommen hatte. Sie fühlte sich traurig und zu Boden gedrückt, als ob sie das Allerschlimmste begangen hätte. Aber ihr Vater hatte doch auch nicht recht und Berta und Wische gewiß nicht, und Usche Queren, die jetzt unten tot lag, – oh, die konnte doch erst recht nicht recht gehabt haben. So lange die Aufregung dauerte, hatte sie gemeint, es sei ihre Pflicht, sich des Rechts im Hause anzunehmen, und nun, wo alles totenstill war bis auf den Sturm draußen und kalt und zu Ende, nun wußte sie kein Recht mehr herauszufinden, auf keiner Seite. Was hatte doch neulich Onkel Mull gesagt? »Niemand hett recht, wi möt man unser Leben fristen.« Sie wußte es ganz gut, es war ihr damals dumm vorgekommen, aber heute – ist es denn so furchtbar schwer, zu wissen, was recht ist? Nun lief ihr Vater in Hamburg herum und suchte Geld aufzutreiben und war ganz verzweifelt, daß seine Hoffnung fehlgeschlagen war. Sie hatte gemeint, sie wolle sie alle von Usche Queren erlösen, und dabei wollten sie nicht erlöst sein; 196 denn sie brauchten Usche Querens Geld viel notwendiger als irgend etwas andres, und wenn sie selbst jetzt da unten, neben Usche, tot gelegen hätte, sie hätten nicht viel verloren, und ihr Vater wäre wahrscheinlich ebenso in Sorgen wie jetzt in Hamburg herumgelaufen. Er hatte einen Bekannten dort und wollte über Nacht wegbleiben. Es war heute so unheimlich im Hause; alle sahen sie mit vorwurfsvollen, verurteilenden Blicken an, auch Wische. Ihre eigene Tat, die Sache mit dem Sterbehemd, schien sie rein wieder vergessen zu haben. Elsabe mochte keinen Augenblick unter ihnen sein. Und oben das Sturmgeheul ums Dach und das Wühlen in den Bäumen war auch so ängstlich. Leferenz Olf war ja unterwegs, er und so viele andre Fischer. Leferenz Olf! Wenn das wahr werden und sie von ihm scheiden sollte, dann konnte sie sich nur gleich hinlegen und sterben. »Meinetwegen will ich Salz und Brot essen; wenn er dabei ist, wird es mir wohl schmecken, das ist doch das wenigste. Und ich bin jung und gesund und hab mein Teil gelernt und kann vielleicht mehr verdienen, als er mit seinen drittehalb Schollen, aber dafür kann er ja nicht, möchte gern mehr fangen, gern die schönsten Steinbutt und Stör und Lachs nach Hause bringen. Ach, Olf Tranblut, und wenn du auch nicht so schnell von Begriff und nicht so flink mit den Netzen bist wie die andren, – keinen andren als dich nehm' ich mein Lebelang, und wenn man nur Frieden im Haus und keine Usche Queren in der Vorderstube hat, dann muß ja auch alles von selbst gehen.« So waren ihre Gedanken und ihr Trost. Vor dem Zubettgehen öffnete 197 sie noch leise die Schlafstubentür ihrer Mutter. Frau Eggers war wach, sie drehte eben ihre dünnen Zöpfchen für die Nacht zusammen; das Wasserglas mit dem Ölschwimmer und dem Nachtlicht darauf erinnerte an die Krankenstube, es hatte immer bei Usche unten gestanden. In dem trübgelben Schein sah die Mutter elend genug aus. »Go'n Nacht«, sagte das Mädchen und machte sich am Waschtisch zu schaffen. »Slap woll, wenn du slapen kannst«, erwiderte Frau Eggers bekümmert. Plötzlich richtete sie sich kerzengerade im Bett auf und sagte mit feierlicher, aber zitternder Stimme: »Ehre Vater und Mutter, auf daß es dir wohlgehe und du lange lebest auf Erden.« Dann blies sie das Nachtlicht aus und zog sich die Decke über den Kopf. Elsabe stand regungslos an der Tür, die Gardinen vor den Fenstern wehten hin und her wie huschende Schatten, der Aufruhr draußen nahm fortwährend zu.

»Go'n Nacht, Mutter«, wiederholte sie weich und traurig und schlich in ihre Kammer hinauf. Das Krachen und Heulen da drunten, der Regen, der wie prasselnde Erbsen die Hauswand traf, hielt sie noch wach, lange, lange Zeit.

Die Aufregung des Tages, der Wirrwarr der Gefühle setzte sich auch noch in den Traum hinein fort, als sie endlich eingeschlafen war. Sie hörte fortwährend Lärm und Streiten, dann wieder Hilfegeschrei, sah gelbe und rote Feuerflammen emporlodern und erwachte endlich, in Schweiß gebadet, mit wüstem Kopf und zitternden Gliedern. Noch immer raste der 198 Nordwest; ein blinkender Mondstrahl, scharf wie ein Messer, schnitt über ihr Kopfkissen. Noch lange nicht Tag! Und wie sie die Augen zumachte, kam Usche Queren in die Tür, nicht lebendig, sondern wie sie jetzt unten auf dem Bett lag. Sie mußte aufstehen und Wasser trinken. Dann aber kam Leferenz und nahm sie in seinen Arm, und sie fühlte deutlich die Wärme seines Körpers in den ihren hinüberrieseln und sein Herz schlagen nah dem ihren, wie in dem Gartenhäuschen. Aber sie waren nicht dort, in der Bucht draußen unter den Weiden saßen sie, deutlich erkannte sie jeden Baum, auch den ganz hohlen, an dem immer im Sommer einige von den großen blanken, blaugrün schillernden Moschusböcken auf und ab krochen. »Wat kloppt denn dar?« fragte Leferenz auf einmal. »Vadder makt di 'n schönen Ewer, weetst du dat noch nich, du Drömklaas?« Das antwortete sie und wunderte sich selbst darüber; denn sie wußte ja recht gut, daß dort unten nur ganz selten noch gearbeitet wurde. Leferenz erwiderte denn auch pünktlich: »Wenn't wahr is.« Und dann lachten sie beide; aber mitten darin legte es sich schwer wie ein Stein auf ihre Brust, und jemand sprach ihr ins Ohr: »In'n Truerhus, in'n Dodenhus! pfui!« Es klang so nah, so deutlich jedes Wort, daß sie davon erwachte und sich erschrocken umsah. Es war Morgen; fahlgelb, mit zerrissenen Wolken stand der Himmel vor ihrem kleinen Dachfenster, es stürmte immer noch, und die Kammer war so kalt, so durchlüftet, als wären die Wände von Papier. »Ein warmer Kaffee könnte uns allen gut tun, Mutter hat gestern so wenig gegessen, 199 nicht das Nennen wert«, dachte sie. Mietje schlief noch fest, nur die Augen guckten heraus und das blonde, feuchte Stirnhaar; es mußte noch früh sein. Sie zog sich notdürftig an, schlich die knarrenden Stufen hinunter und zündete das Küchenfeuer an. Als sie an die Stubentür der Verstorbenen streifte, so daß der Messingdrücker ihren nackten Vorderarm berührte, schauderte sie zusammen und warf unruhige Blicke um sich. Es war so öde und still im Hause, als sei nicht bloß Usche Queren gestorben. Was sie wohl gestern Abend mit ihr gemacht haben, Wische und die fremde Frau? dachte sie; und dann ergriff sie eine widerwillige Neugier, in die Stube zu blicken. Sie horchte erst vor der Tür, dann drückte sie auf die Messingklinke und stellte sich mit klopfendem Herzen auf die Schwelle. Es sah aus, wie bei einem Umzuge, alles von den Wänden gerückt, weiße Tücher hingen umher, das Bett war ausgeräumt bis auf den Sprungfederrahmen, auf den Tante Usche immer so stolz gewesen war. Sie hatte ihn schon besessen, als noch alles in Blankenese auf Strohsäcken geschlafen hatte. Das lange, weiß verhüllte, starre Etwas, das dort auf dem grau und rot gestreiften Drell lag, war – sie. Elsabe ging zaghaft näher und lüftete das Leintuch. Mit einem sonderbaren Zucken im Herzen ließ sie es sogleich wieder fallen. Es war nichts Schönes gewesen, was sie gesehen hatte, aber auch nichts Schauriges, nur ein Paar nackte Menschenfüße, – die Tote war umgebettet worden, nicht Usche Querens Füße, Menschenfüße, die nie wieder den Erdboden berühren würden, – hilflos und tot. Ein 200 Gefühl von Erbarmen schmolz ihr Herz. Und während sie sachte die Tür hinter sich schloß, den Kaffee mahlte und in dem breiten Messingkessel kochte, mußte sie denken, wie die Tote die Nacht dort gelegen, allein und nackt, und von niemand betrauert. Und ein fast verwischtes Bild aus früher Kindheit trat vor ihre Seele, – da war ihre kleine Schwester gestorben, noch nicht so alt wie Mietje, ein zartes, blasses Kind, hatte den Keuchhusten bekommen und war gestorben. Tagelang hatten sie, die Geschwister, die Kranke nicht mehr zu sehen bekommen; aber wie war ihre Mutter herumgegangen, immer mit roten, geschwollenen Augen, immer mit dem Taschentuch. Und als es hieß, »unsre Anna ist eingeschlafen«; da hatten sich Vater und Mutter laut gezankt; denn jedes wollte bei der kleinen Leiche wachen. »Du büst je ook man Haut un Knaken«, hatte ihr Vater gesagt, aber immer hatte die Mutter gebeten und geweint: so lange das Kind noch über der Erde sei, könne sie es nicht verlassen. Und dann waren sie gerufen worden und hatten Klein-Anna noch einmal gesehen; ein langes blankes, weißes Kittelchen hatte sie angehabt und um den Kopf einen bunten Blumenkranz und in den gefalteten Händen zwei schöne weiße Rosen. Und rundum hatten Lichter gebrannt, obgleich es heller Tag war, und immer neue Besucher waren gekommen und hatten mit Schluchzen und Seufzen Kränze und Blumen hingelegt. So fremd und schön, nicht wie ihre kleine Schwester, die immer so leicht weinte, wie Schneewittchen in ihrem gläsernen Sarg sähe sie aus, sagte die Doktorsfrau, aber es hatte ihre 201 Mutter nicht getröstet; noch viele Wochen hatte sie geweint, und sie weinte noch heute, wenn jemand von dem Kinde sprach, und erzählte von ihm an seinem Geburts- und an seinem Sterbetage.

Elsabe weckte ihre Mutter mit dem frischen Kaffee; sie merkte aber wiederum, wie verlegen, unzufrieden, unwillig sie die Mutter behandelte. Sie sprach kein Wort über den vergangenen Tag, aber sie seufzte: »Was wird uns der heutige bringen?« Früh schon erschien der Tischler, um das Maß für den Sarg zu nehmen. Der Papagei schrie: »Eins, zwei, drei, hurra!« es war aber nur Hunger, er war gestern vernachlässigt worden. Ganz verstört brachte ihn Elsabe zum Schweigen.

Um die Mittagszeit kam ein Mann, der hatte ein ganzes Buch voll Photographien zum Aussuchen, lauter Särge, »vom Einfachsten bis zum Elegantesten«, wie er sagte. Er war verdutzt, daß er schon zu spät gekommen sei, endlich ließ er doch »für vorkommende Fälle« seine Karte da, es waren Palmzweige und Sargschilder auf der Rückseite abgebildet.

»Je, dieser Sturm,« sagte er, als ihm beim Hinaustreten der Hut abflog, »weiter oben zu liegen drei Jollen mitten auf'n Strandweg, und bei Cuxhaven oder Neuwerk oder ich weiß nich 'mal, is je heut Nacht en Blankeneser Fischer gestrandet – na, das wissen Sie woll all, nich? so was spricht sich je flink rum.« Zufällig blickte er mit seinen etwas zudringlichen Augen gerade Elsabe an, als er das erzählte.

Sie fühlte einen Stich im Herzen, das Blut schoß 202 ihr ins Gesicht. »Wi weet vun nichs. En Fischerewer ut Blanknese?«

»Ja, dat's keen Wunner,« bemerkte Frau Eggers, »ick dach hüt Nacht, dar würr' Himmel un Erde vergahn.«

»Un de Fischer is borgen?« fragte Elsabe ängstlich.

Der Reisende aus Särge zuckte die Achseln. »Steht noch nichts Genaueres in'n Blatt, na, das hören wir je früh genug.«

Elsabe ließ ihn stehen und lief ohne Jacke und Kopftuch von einem Nachbarn zum andren. Es wußte aber keiner Näheres, nur immer dasselbe sagten sie: ein Fischerewer auf Neuwerk, – manche waren selbst in großer Angst und hofften, von Elsabe Näheres zu erfahren. Es waren die meisten Hochseefischer draußen. Einige meinten, über Neuwerk sollten sie übrigens längst hinaus sein, der Zeit nach; am Ende käme es noch so, daß es gar kein Blankeneser, sondern ein Finkenwärder Ewer sei. Das sagten die Unbeteiligten. Elsabe war so unruhig, daß sie kaum beim Essen aushalten konnte. Wische schalt sie die ganze Zeit, das heißt, sie machte spitzige, boshafte Bemerkungen über Mädchen, die kein Herz für ihre Familie hätten, aber mit Fremden hielten sie es desto mehr, sollten sich doch schämen, ihre schöne Schweinskarbonade halb stehen zu lassen »wegen solchen Menschen, der nichts hat und nichts is.«

Plötzlich kam Tiete Eggers nach Hause. Er sah rot und lustig aus, schwang seinen Hut mit lebhafter Bewegung vom Kopfe und brachte einen entschiedenen 203 Weingeruch mit in die Stube. Gegessen hatte er schon, auch setzte er sich nicht, sondern lief aufgeregt um sie herum, lachte Mietje zu und rollte zwölf schöne dunkle Apfelsinen über den Küchentisch. Kurz, seine Frau blieb mit offenem Munde sitzen und starrte ihn an. Dann erzählte er, laut, prahlend, zuversichtlich. Der Advokat hatte ihn vollständig beruhigt. Und er schlug sich jetzt selbst mit der flachen Hand vor die Stirn und lachte sich aus. Wie hatte er sich nur so ins Bockshorn jagen lassen! Ein Zettel, ein Wisch, ohne ordentliche Zeugen, ohne Notar, von seiner Mamsell Tochter aufgesetzt auf Anhalten einer höchst wahrscheinlich schon unzurechnungsfähigen Kranken, anderthalb Stunden vor ihrem Tode. Is ja Blech! Blödsinn! Ganz unbegreiflich, wie vernagelt der Mensch zu Zeiten sein kann. Nee, wenn's weiter nichts is, denn können wir lachen. Gut, die Pfanne damit zu scheuern. Er warf, während er so sprach, geringschätzige und erboste Blicke auf seine jüngste Tochter; als er aber geendet hatte, wurde er so froh, daß er seinen Ärger über sie vergaß und sie zuletzt, hinter ihr stehen bleibend, auf den Kopf klopfte. »Je du groote Deern, hast 'n schönen dummen Streich gemacht. Aber das wird all nich so heiß aufgegessen!«

»Na, un wat dar nu insteiht –« begann Frau Eggers, eifrig zurückend.

»Wat dar insteiht, is uns Pudding!« rief der Vater und lachte klingend, »›die Sache ist ohne die geringste juristische Bedeutung‹, hett he seggt –«

»Na, Gott sei Low un Dank!« seufzte die Frau.

Allen war nun die Zunge gelöst, alle sprachen und 204 wunderten sich durcheinander, und als sie endlich mit einer gewissen Scheu Usche Queren ruhen ließen, fingen sie mit dem Papier und mit Mietje zu spaßen an. Sowie die Dämmerung einbrach, wurde Licht gemacht. Vater Eggers setzte eine Flasche Wein auf den Tisch: »Kinners, düt es 'n Gelegenheit, wi kamt nich so jung wedder tosam.«

»Wölt man de Ladens tomaken«, murmelte die Mutter, sie blickte Elsabe dabei an. »Je, ick meen' man wegen de Naberslüd.« Tiete Eggers und seine ältesten Töchter stießen mit den Gläsern an, Elsabe war aufgestanden, um die Läden zu schließen. Fast hätten sie gesungen. Sie erschraken ordentlich, als es an die Küchentür klopfte, und eine neugierige Nachbarin fragte, ob sie nicht mal die Leiche sehen dürfte.

»Morgen, wenn se antroken is«, erwiderte Berta schlagfertig. Wische hatte die Weinflasche blitzschnell beiseite getan, aber die Frau bemerkte mit einem lauernden Lächeln: »Na, hier ward woll de Gräfniswien utprobeert. Je, denn kam ick ook, ick heff de Queren ja all de Joahren kennt.« Als sie keine oder doch nur halbverständlich gemurmelte Antwort bekam, ließ sie sich mit gespreizten Röcken auf einen Stuhl an der Tür nieder. »Man 'n lütten Oogenblick, mit Erlaubnis; aber min Likdörn, de hefft düt Wedder all dree Dag vorut föhlt. Das 'n Pien.«

Der Papagei krähte auf seinem Stock. Die Nachbarin wendete den Kopf nach ihm. »Na, de is noch vun Leferenz Olf, nich? Je, Leferenz Olf is nu ook verunglückt, dat weten Se woll all?«

205 An der Wirkung ihrer Worte, dem Rufen und Durcheinanderfragen merkte sie, daß ihre Mitteilung etwas Neues hier war. Sie suchte nach Elsabe, die wie ein entsetztes Kind die Hände vor sich streckte, ein starres versteinertes Lächeln um den offenen Mund.

»Dod sall he nich sin«, fügte die Frau beschwichtigend hinzu.

Das Mädchen sank rücklings an die Wand, daß die Teller klirrten. Aber wie zur Besinnung gebracht durch das Geräusch und plötzlich ihrer Umgebung sich bewußt werdend, raffte sie sich auf und stürzte aus der Tür.

»Elsabe, wo wullt du hen?« rief die Mutter ihr nach, dann genierte sie sich vor der Nachbarin und sagte, es müsse ihrer Tochter wohl miteins in den Kopf gekommen sein, daß ihre Zeugleine bei all dem Wetter noch draußen hinge.

»Dat glöw ick ook,« war die schlaue Antwort, »wenn se ehr man bloß sehn kann, 't is je stickendüster.«

Als auch sie fort war, blickten sich die Familienglieder eine Weile schweigend an. Tiete Eggers' Gesicht wurde immer röter. »Sie tut rein, als wenn sie so für sich auf die Welt wär'. Na, sie soll man zusehn –«

»Dat is je schrecklich mit den Leferenz Olf«, murmelte die Frau kopfschüttelnd.

Aber der Vater war tief gekränkt oder noch nicht versöhnt von gestern. »Wenn sie so anfangen will –« er stellte sich plötzlich mit gespreizten Beinen, die Hände in den Hosentaschen, vor dem Tische auf. »Wat 206 hefft de twee mit enanner? He weet woll gor nich, wo he hen hört, nich?«

»Je, ick kann't nich seggen –« Frau Eggers duckte sich.

»So'n Fischer vun'n Süllbarg! Je, dat much he woll – na, täuw man Deern, ick will di 'n Sticken steken

»Junge Lüd –« begann die Frau, während sich die Schwestern heimlich unterhielten.

»Junge Lüd möt dohn, wat ehr Öllern seggt!« rief der Mann und trank hastig sein Glas aus. Es gab eine Stille.

»Ick wull man, dat se erst wedder dar wör«, machte die Mutter, die fortwährend nach der Tür sah. Berta begann von dem Sargagenten mit den Photographien zu erzählen; sofort war das Interesse des Vaters abgelenkt. Er ließ sich die Karte zeigen und bedauerte lebhaft, den Mann nicht in Nahrung gesetzt zu haben. Es war ja derselbe, der in seinem Neubau oben mieten wollte, – wenn er nun gleich bei dem ersten Versuch so ankam, gab er am Ende den Plan mit Blankenese ganz auf.

»Mutt mal ut de Döhr kieken, wat de ol' Kellerluk' ook orrentlich to is«, Frau Eggers schlüpfte mit einer ihr sonst fremden Gelenkigkeit hinaus. Nicht sehr lange danach kam sie wieder; sie zog Elsabe hinter sich her, die verwirrt und mit zerzaustem Haar die Augen vor dem Lampenlicht zukniff.

207 »Na, wat is los?« rief Berta ihnen entgegen. »Se sünd vun dat Tollboot opnahmen un nah Cuxhaven brocht worrn«, rief Frau Eggers aufgeregt. Elsabe brach in lautes Weinen aus, sie konnte sich nicht länger bezwingen.

»Wat fallt di in? Wat hest du?« fragten sie, Elsabe hatte so selten nasse Augen, nie hatten sie die Schwester schluchzen hören, seit sie kein Kind mehr war. Aber jetzt hatte sie alle Fassung verloren. Nicht einmal antworten konnte sie. »Lat ehr in Ruh!« bat die Mutter. Plötzlich nahm Tiete mit bärbeißiger Miene sein Glas auf und hielt es dem Mädchen vor den Mund. »Wi sünd ook dar – na, nu drink mal, dat du anners to Mood warst.«

Sie trank einen Schluck, lachte und wischte sich die Augen.

»Dat segg ick ju – denn wör ick ook –« begann sie in entschiedenem munteren Ton – dann mit tiefem Erröten brach sie ab, murmelte noch etwas und sagte gute Nacht.

»De hett wise Wörd an' Kopp«, begann Wische, hinter ihr hernickend.

»Ach, Kinners, se is en unbedragen Minsch, is Elsabe«, bat die Mutter.

»Dat sünd wi all tosam, aber so'n Steenkopp! De ward noch Lehrgeld gewen möten.« Ja, darin waren sie alle einig.

Am andern Tage gab es allerlei Rederei in Blankenese. Leferenz Olf hatte Usche Queren abgelöst.

208 »Nu kiek mal düssen Olf an, wat dat forn droogen Gast is! Nu is he sin olen Ewer richtig los worr'n. Nu hett he em wegsett! Na, dat wör' ook Tied, dat ol' Kastendings hung je bloß noch in de Gräten tosam. Aber Glück hett he hatt, keen een kann em wat bewiesen. Woveel kriegt he vun de Verseekerung? Twolfdusend? Gotts en Dunner! Je, de ol' Leferenz Olf, du seegst ümmer, Vadder, dat is en Dröhmkloot, ick segg Vadder, segg ick, paß mal op, segg ick, de Leferenz Olf dat is en Grisen, de is dörtrappt, segg ick, de halt sick den riken Eggers sin jüngst Deern, segg ick, de ward noch dannig, segg ick. Un nu? Wat heff ick seggt, Vadder?« Und der Sprecher lachte vergnügt und klatschte sich auf die Knie. »Kann ook sin, dat David Mull em dat ingewen hett,« hieß es dagegen, »David Mull! Du hest recht! Dar steekt David Mull achter! Das 'n richtigen Drögenist, de hett dat achter de Ohren, brukst em bloß antokieken! Un so natürlich hefft se dat makt, alle beide sind se verklamt, un half beswiemt an dat Wrack hangt, se hefft ehr de heele Nacht mit Grog un Glühwein börnt op dat Tollboot.«

Leferenz Olf war plötzlich in der Meinung der Leute gestiegen, weil er Hand angelegt habe, um in die Höhe zu kommen. Seinen baufälligen, seeuntüchtigen Ewer war er los, ertrunken war er nicht bei dem Wagestück, ihn im Sturm auflaufen zu lassen, für die 209 Versicherungssumme bekam er ein ordentliches neues Fahrzeug, kurz, Leferenz war auf einmal ein fixer Kerl, der sich sehen lassen und an mehr als eine Tür klopfen konnte.

Es versteht sich eigentlich von selbst, daß diese Gespräche nur mit halblauter Stimme geführt wurden, und daß man, als der Held des Tages von Cuxhaven eintraf, ihn zwar mit einem verständnisvollen, glückwünschenden Grinsen begrüßte, der Vermutungen aber, die jeder hegte, mit keiner Silbe gegen ihn Erwähnung tat. So unzart war man nicht; und da Leferenz Olf völlig unbefangen auftrat und, wenn er befragt wurde, immer nur von der Gefahr berichtete, nie aber den Gewinn berührte, der ihm erwachsen war, so befestigte sich die Achtung der Leute immer mehr, und sie fanden es sehr begreiflich, daß »der reiche Eggers« sich zugänglicher zeigte, als man erst geglaubt hatte, und mit seiner Tochter nicht kostbarer tat, als sie es wert war.

Und dann kam Usche Querens Begräbnistag, und da hörten die Leute Wunderdinge. Der Hamburger Advokat hatte nämlich »spaßeshalber« den gänzlich ungesetzlichen »letzten Willen« sich angesehen, den die Verstorbene hatte aufsetzen lassen; das Amt in Blankenese hatte keine Schwierigkeiten gemacht. Und nun, an ihrem Grabe auf dem Nienstädtner Kirchhof flocht der Pastor die Kritik dieses Testaments zur Erbauung der Gemeinde in seine Trauerrede ein. Er rügte mit väterlichem Ton den selbstsüchtigen Irrtum dieser Toten, als könne der Mensch sein Hab und Gut mit sich nehmen, in den Sarg, unters Kopfkissen, während es doch nur 210 ihm geliehen sei auf Lebenszeit, damit er es zu seinem und seiner Nächsten Nutz und Frommen anwende und mehre. »Wer wollte es leugnen, meine Freunde, daß es ein gefährlich Ding ist um die Macht des Geldes, gefährlich eben durch seine Unzerstörbarkeit! Wie die Krankheit und die Sünde erbt es sich fort von Geschlecht zu Geschlecht, und wehe dem Menschen, der vergißt, daß es nur ein Darlehn ist und kein Eigentum.«

Mancher ging verdutzt heut nach Hause, – hatte er doch seiner Lebtag gedacht, daß Geld etwas außerordentlich Gutes sei, und nun verglich es der Pastor mit Krankheit und Sünde? Ja, der Pastor hatte gut reden! Wenn man »solch'n feines Bahntje« hat wie der und sagen kann, was man will, ohne eine Antwort darauf anzunehmen!

Als das Gefolge den Kirchhof verließ, schloß sich Leferenz Olf mit einem kleinen Diener den Eggersleuten an. Sie waren alle munter, Wische wischte sich noch einige Rührtränen von den Backen; Mietje riß Schneebeeren von den Büschen und zerknallte sie mit ihrem kleinen Stiefelabsatz, – ein kalter blauer Tag mit Reis auf den Rasen und Hecken umfing die Heimkehrenden. Man stampfte beim Gehen, um sich zu erwärmen, aber es gab trotzdem blaue Nasen und rote Ohren.

»Nu will ick din Vadder fragen, wat he mi den Ewer boen will«, sagte Olf, als er sich glücklich bis zu Elsabe durchgeschlängelt hatte.

211 »Dat hett mi je drömt!« fiel ihm das Mädchen ins Wort.

»Fangst du ook an to drömen?« lächelte Olf, »je du, wat harrst du woll seggt, wenn ick weg bleeben wör?« Und als sie nur abwehrte, daß er schweigen solle: »Weetst, wat ick dahn heff, Elsabe? In de letzte Minut? Ick heff di'n Breef schreeben. Weet Gott, wokein den Buddel mal finnen deit.« – Ein Schauer ging über des Mädchens Körper.

Dann ermannte sie sich und blickte Leferenz schüchtern an: »Wat stunn denn in den Breef?«

Er zog ein einfältiges Gesicht: »Wat dor in stunn? in den Breef, seggst du? Je du, dat weet'k nich mehr! dat kann'k di nich seggen.« Er beobachtete sie; als er merkte, daß sie seine Schelmerei nicht übelnahm, räusperte er sich und sagte wie beiläufig: »Na, sallt denn gellen?«

Sie sah ihn an, verstand die Anspielung auf ihre letzte Zusammenkunft und nickte errötend: »Och, Olf Tranblut!«

»Aber nu nich mehr!« rief er lachend.

»Nu nich mehr?«

»Nu boet din Vadder mi 'n annern Kasten.«

»Gah un frag em«, drängte Elsabe.

Sowie die Bekannten, die mit ungemeiner Kürze ihre Kondolation abgemacht hatten, um auf »die Hauptsache« überzugehen, etwas von ihm abließen, brachte Olf seine Frage an, ward aber mit der von oben herunter gegebenen Erklärung abgefertigt, daß Tiete Eggers »in 212 der nächsten Zeit« zu stark von seinen Geschäften in Anspruch genommen sei.

Und dann – Wunder über Wunder – kam es doch noch dazu, daß Tiete Eggers ihm den Ewer baute!

Das geschah so. Es fand sich in Hamburg ein vollkommen rechtskräftiges späteres Testament von Usche Queren, welches nicht Tiete Eggers, sondern jenen Schwager, der ihr den unfrankierten Brief geschickt hatte, zum Haupterben einsetzte. Usche war während der fünf Jahre, wo sie die Eggersleute beglückte, dreimal auf einen Tag in Hamburg gewesen; am zweiten dieser Tage war das Unglück geschehen. Alle Leute wunderten sich erst satt, und dann sagten sie, das sähe Usche Queren vollkommen ähnlich, und sie hätten sich kein bißchen gewundert; Tiete Eggers aber setzte in Bewegung, was sich irgend nicht wehrte, und es half alles nichts. Er bekam ein jämmerliches Fetzchen von dem Gelde, der Schwager zeigte sich großmütiger, als es zu erwarten stand. Auf irgendeine Weise ward der öffentliche Bankrott vermieden, ein Vergleich gefunden, der die schlimmsten Gläubiger beruhigte, und eines schönen Tages fand sich Tiete Eggers in der alten blauen, teerfleckigen Arbeitskleidung und mit dem Hammer in der Hand vor seinem Bootsgerippe wieder. Er merkte nach einigen Monaten, daß es nicht das Schlechteste war, was ihm geblieben, und dann war der Wirbelwind, der in die Familie gefahren, auch an den Lücken zu spüren, die er gerissen hatte. Es gab nicht mehr so viele zu versorgen. Berta hatte ihren Sülldorfer geheiratet, so lange ihre Aussichten noch blank 213 waren. Als dann der Umschwung kam, und der Mann sie diesen Fehlschlag nicht entgelten ließ, sondern gar noch darüber trösten wollte, faßte sie eine halb ungläubige, halb gerührte Zärtlichkeit zu ihm, die sich allmählich auch auf ihre übrigen Angehörigen ausdehnte. Nie kam sie nach Blankenese ohne ein Geschenk für Mietje, die richtig bei den Großeltern geblieben war und in ihren Kindergedanken nie ganz darüber ins Reine kommen konnte, was eigentlich eine Tante und was eine Mama sei. Von Usche Queren mochte Berta nicht gern sprechen, ebensowenig wie Wische, die einen Laden mit »Woll- und Holländischen Waren« übernommen hatte und, dank ihrer Greiffinger, gut vorwärts kam. Nach Jahr und Tag freilich hatten sie auch über Usche Queren ihren Sinn geändert und überraschten eines Tages Elsabe durch die wehmütig mit Kopfschütteln vorgebrachte Bemerkung, daß es doch so traurig sei, kein einziges Andenken an Tante Usche zu haben. »Wenn mein Mann noch die silberne Pfeife gekriegt hätte, das hätte mich nu so gefreut!« setzte Berta unbefangen hinzu. »Es is doch immer Familie!« seufzte Wische und wickelte sich fester in ihren braunen Seelenwärmer, »aber sie mocht sich je nich photographieren lassen, hatte da 'n Greuel gegen – ach hott ja, wi hefft je all unse Eegenheeten.« Elsabe saß verwundert, horchte nur, hütete sich aber wohl, etwas zu sagen. Es ging ihr ja so gut, sie konnte lachen.

Seit ein paar Monaten war sie mit Leferenz in die oberen Räume des Elternhauses an der Bucht eingezogen, gerade als die ersten Bienen um die ersten 214 Weidenkätzchen schwärmten. Sie brauchten nicht viel Raum, die zufriedenen jungen Seelen, und die Alten hatten nun gerade diese beiden am liebsten um sich. Und danach Mietje und Jakob, der sie alle bei Namen rief und ganz zur Familie gehörte. Die Badeanstalt, das Sargmagazin, die Spiegelscheiben, die Projekte alle miteinander waren aus den Gesprächen verschwunden, und an Usche Querens Stelle saß die kleine Frau Eggers in der Vorderstube am Fenster und grüßte alle Leute, und alle Leute grüßten sie, sogar die Sonntagsbummler.

Sie hatte ein so friedliches, freundliches, gutes Gesicht bekommen, seit sie die Sorgen los war. Onkel Mull ließ sich oft sehen, und er durfte allerlei Witze reißen, Elsabe machte taube Ohren. Nur eins erlaubte sie nicht: eine Anspielung auf die Sturmnacht, wo der Ewer verloren ging. Onkel Mull hatte dann ein Gesicht – und überdies – und kurz und gut, sie wollte darüber ein für allemal nichts hören.

 


 

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