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Querköpfe

Ilse Frapan: Querköpfe - Kapitel 2
Quellenangabe
typenarrative
booktitleQuerköpfe
authorIlse Frapan-Akunian
year1926
firstpub1895
publisherGebrüder Paetel
addressBerlin / Leipzig
titleQuerköpfe
pages234
created20141203
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Arme Kinder

Sturm und Schnee, Sturm und Schnee seit vierundzwanzig Stunden.

Der einzige geschützte Platz auf dem Zeughausmarkt ist hinter der englischen Kirche, das heißt, wenn man sich fest an die Mauer drückt. Aber das geht wieder nicht wegen der Tannenbäume, die da in Reihen hingestreckt liegen, leise zuckend mit den Ästen im Nordsturm, der niedrig am Boden hinfährt. Ihr Hüter und Besitzer ist's müd geworden, sie immer wieder aufzurichten, er hat sich davon geschlichen in eine der Kellerwirtschaften mit roter Laterne, wo man »Lütt und Lütt« verschenkt; vielleicht schnarcht er auch schon auf einem schmutzigen Strohsack in einer der Pennen aus dem Platz beim grünen Sood, wo die Lumpensammler und Kesselflicker, die slowakischen »Ratzimausifalli«, die italienischen Gipswarenhändler ihre lichtscheuen Schlupfwinkel haben.

Kein Geschäft mehr heute Abend. Mit dem Weihnachtsverkauf ist's so gut wie vorbei. Was liegen sie noch da, die krausen grünen Bäumchen – vergebene Liebesmüh, schlechtes Brennholz! Vor dem Altjahrsabend muß es von allen Plätzen geräumt und aus der Stadt geschaffen werden.

Dem Konstabler, der heut Abend hier die Runde hat, liegen sie hart im Weg, versperren ihm die 10 windfreie Stille. Kein Wunder, daß er mit dem schweren Stiefel danach stößt, – der Kerl, der Verkäufer, hat ja doch den Kohlentopf mitgenommen! Man konnte davor stehen bleiben, die Hände über die blaue, qualmende Flamme halten, die spukhaft im Winde tanzte, und Visionen haben von Feuerherd, warmer Küche, singendem Teekessel, steifem Grog. Verdammt ungemütlich heute, dieser sechsstündige Spaziergang im Schnee.

Trotz seiner stämmigen, schmerbäuchigen Standhaftigkeit kostet's ihm jedesmal eine Überwindung, von der englischen Kirche weg und hinaus sich zu wagen, hinaus in die Sturmschlacht, die am Eingang der breiten, offenen Mühlenstraße tobt, ihm die Augen mit Schneewirbel blendet, mit spitzen Messern ihm ins Gesicht schneidet, durch den aufgeschlagenen Mantelkragen ihn kalt an der Gurgel packt und ihm hohnlachend beweist, daß sein dicker Uniformrock nichts ist, als ein lächerliches Spinngewebe.

Ein müdemachendes Wetter. Man muß noch acht geben, daß man nicht gegen einen der schwerfälligen, blauen Omnibusse geschleudert wird, die fast leer, mit Vorspann, gleitend und wackelnd, ihre viertelstündigen Fahrten machen. Auf dem schmalen Trottoir gibt's dafür Gelegenheit, in die Kellerlöcher zu rutschen, – manchmal dringt ein Lichtschein herauf, eine dicke braune Kaffeekanne, rotbäckige schlaftrunkene Kindergesichter schimmern hinter vergitterten Fenstern. Die sitzen warm. Aber im Stehenbleiben ist der unverschämte Wind noch unverschämter, also weiter gestapft; unwillig – das sagt jeder wuchtige Tritt der dicken 11 Kniestiefel im weichen Schnee, der hier zu Bergen zusammengeweht liegt, an andren Stellen nur wie ein dünnes Glatteis die runden Straßensteine überzieht. Das sagt jeder Blick, der argwöhnisch und düster unter der Dienstmütze hervor auf die Vorübergehenden schießt. Um so argwöhnischer, je verödeter die Straßen werden.

Die Läden sind noch offen, pah! wozu! als ob's noch ein Geschäft gäbe heut Abend! Es ist ja auch kaum etwas zu erkennen hinter den befrorenen und schneebereiften Fenstern. Sind es Schinken oder Unterjacken, die dort hängen? Braunkuchenmänner oder Bruchbänder? Und da sitzen sie nun trotzdem in ihren kalten, zugigen Läden und Buden und warten noch immer auf Kunden! Wer etwas zu kaufen hatte, ist längst versorgt. Wie schwarze Tore in die Unterwelt gähnen die niederen, kaum manneshohen Eingänge zu den elenden Höfen in der Jakobstraße.

Manchmal sieht der Konstabler einem nach, der sich mit gebogenem Hals und gekrümmten Rücken, einen Packen im Arm in die dunkle Höhle hineintastet. Allmählich paßt sich das Auge der Finsternis an, dann schimmert weit drinnen ein weißliches, ungewisses Schneelicht und trübe gelbe Petroleumflammen hinter blinden Scheiben. Aber jetzt kommt das Beste von der ganzen Tour; so helles Licht fällt aus Fenstern und Glastüren breit übern Fahrweg, daß es sich ordentlich warm anfühlt. Die Schneeflocken tanzen wie dicke Papierschnitzel in dem rötlichen, auffallenden Streif, mit jedem Öffnen und Schließen der Tür kommt eine Wolke dicken Dunstes heraus, Grog und Tabak, – 12 es lohnt sich, stehen zu bleiben und den Geruch einzusaugen, – Musik – Geschrei – betrunkenes Gelächter – der Schutzmann schmunzelt und streicht sich den nassen Schnurrbart: der Kollege hat's gut, der jetzt da drinnen bei Mutter Rabe die Aufsicht führt. Interessante Gesellschaft da, meist gute Bekannte von der Wache oder vom Detentionshaus, fidele Jungens, – natürlich, ein scharfes Auge muß man auf sie haben, aber sie sind noch besser im Respekt zu halten, als die Ewerführer und meist nicht so handgreiflich. Ja, der Dienst da drinnen, das ist schon fast 'n Vergnügen, – sie sind groß in komischen Vorträgen, diese Herren Spitzbuben, und produzieren tun sie sich alle gern.

»Je, wat helpt dat all! Das is je doch nu nich heut Abend.« Unwillig stapft er vorbei, um die Ecke, dem steilen Venusberg zu. Fatale Ecke. Der ganze alte Scharmarkt mit seinen hohen, schmalen, spitzgiebligen Häusern kommt ihm ja wohl durch die Luft entgegengeflogen, um ihn zurückzudrängen. Und dazu dies Geklapper und Gesause hinter ihm! Sind sie schon wieder da, die verdrehten Straßenjungens, die ihm so gern mit ihren ganz kleinen, niederen Kreken zwischen die Beine fahren? Nein, es sind nur wacklige Ladenschilder, losgerissene Dachrinnen.

Die Jungens sind wohl zu Bett. Ein Glück für die Schlingel! Wenn er heut Abend noch einen unter die Finger kriegte – – Gott gnade ihm! Tanzt ihm doch ohnehin fortwährend so ein blasses, rotäugiges Jungensgesicht übern Weg, demütig und kindlich, so wie er's fixiert, grinsend und höhnische Fratzen schneidend, 13 wenn er wegsieht. Er ballt die Hand im groben Waschlederhandschuh: »Kumm du mi man noch mal wedder, du hest noch mehr as een Schinken bi mi in Solt.«

Schon wieder eine Ecke, schwer zu nehmen. Der Fuß findet kaum einen Halt auf den abschüssigen, eisglatten Randsteinen. Aber nur entgegengestemmt, das Kinn in den Mantelkragen, die Augen halbgeschlossen, – wozu braucht man zu sehen? Aber so stumpf und fast unempfindlich er schon ist, er schielt doch seitwärts mit dem richtigen Polizeiblick, dem nicht leicht etwas entgeht. Was fliegt denn da für eine Figur heran, auf ihn los, lang und schmal wie eine Eins? Sie wird doch hoffentlich nichts von ihm wollen? Tiefer kriecht er in den Mantelkragen, mit gesenktem Kopf will er vorbeistapfen, aber nein, – es ist richtig, sie hat es auf ihn abgesehen, rührt seinen Ärmel an und sagt mit tiefer klagender Stimme:

»Oach, wölt Se nich mal mitkamen?«

Der Schutzmann steht wie angenagelt; er versucht, seinen erstarrten Gliedern eine soldatische Straffheit zu geben. Dann sieht er, daß er nur eine kummervoll und abgezehrt dreinschauende Frau vor sich hat, und er wird wieder gemütlich.

»Na, Olsch, wat is denn los? Wonem sall ick denn hen kamen?«

In dem weißen, knochigen Gesicht der Frau, das wie versteint aus dem dunklen Kopftuch hervorsieht, bewegt sich kein Muskel.

14 »Oach, kamt Se doch man mit«, murmelt sie mechanisch.

Der Konstabler bläst seine Hängebacken auf und macht sich straff.

»Dat hefft Se mi nu all eenmal seggt, Fro, abers ick mutt doch weeten, wat dat forn Sweck hett. So rapide geht das nich.«

Ein paarmal öffnet die Frau ihre trockenen Lippen.

»Na, ward dat nu bald?« brummt der Schutzmann und trampelt von einem Fuß auf den andern.

»Ick – ick weet mi nu nich anners mehr to helpen. – He mißbehandelt mi to dull – ick kann't nu nich mehr uthollen.«

Der Konstabel tritt noch immer von einem Fuß auf den andern. Sein Gesicht ist mehr vorsichtig, als bereitwillig.

»Is Ehr Mann en grooten, forschen Kerl?«

»Jo! kennt Se em villicht. He is de Kutscher Holt, Platz bi'n grönen Sood, Nummer fief, Uennerhus.«

Der Schutzmann schnäuzt sich, daß es schallt.

»Is he duhn?«

Aber nun zieht ihn die geduldige Frau am Ärmel.

»Oach, kamt Se doch man mit! Ick bün jewoll all'n Stünn' von Hus weg. Ick kunn keen Kunstabler fin'n. Een heff ick drapen, op den Johannisbollwark, de wull aber nich mitkamen, de hett seggt, so lang as he mi noch Geld giwt un nich allens hendörch bringt, kann man dar nix bi maken.«

Der Konstabel schüttelt stark mißbilligend den Kopf.

»Na, das wolln wir nu woll so sukzessive kriegen,« 15 sagt er in ermutigendem Ton, »denn Madam, denn kommen Sie man mit, denn wölt wi em mal wiesen, wat 'n Hark' is.«

So gehen sie endlich. Die Frau, die ganz unempfindlich gegen das Wetter scheint, mit großen eiligen Schritten, aber der Konstabel, der das Spazierengehen besser gewohnt ist, weiß, daß man mit Bedächtigkeit auch ans Ziel kommt, und so muß sie sich ihm anbequemen. Um so mehr, da er heilfroh ist, jemand gefunden zu haben, der ihm zuhört; so lange hat er schweigen müssen, nun geht's wie ein Strom, er schreit gegen den Wind an, bewegt energisch die Arme und bleibt sogar von Zeit zu Zeit stehen, wenn seine Erzählung besonders interessant wird.

»Je, je, Madam, da fällt woll so manches bei vor! Hör'n Sie mal, daß heute Weihnachenabend is, das hab ich beinah auch nich gemerkt. Man kommt da so mechanisch über weg mit die Jahren, wissen Sie, und denn der verdammte Jung – –

»Madam, die Verderbnis von der Jugend, das is was Großes! Ich fass' den Jung heut Morgen an, weil er 'n alte Madam anbettelt. Soll je nich sein, wissen Sie woll. ›Jung,‹ sag ich zu ihm, ›verdammte Slüngel,‹ sag ich so zu ihm, ›worum bettelst du?‹ – ›Ick heff Hunger,‹ seggt de Jung. – ›Dat kann angahn,‹ segg ick, ›hest du noch Öllern?‹ – ›Jao,‹ seggt he. – ›Na, denn man mit op de Wach,‹ segg ick.

»Also ich nehm' den Jung mit, und da wird er je nu ausgefragt. ›Schickt di din Öllern op Straat?‹ – ›Jao.‹ – ›Wonem wahnt se denn?‹ – ›In Billwarder.‹ 16 – ›So, also Heinerich Möller, dat bün ick nämlich, Konstabler Möller, nehmen Sie mal düssen Jung und führn Sie ihn seine Eltern wieder zu.‹ Is good.

»Weeten Se villicht, wo Billwarder is, Madam? Un denn noch gans buten bi de Waterkunst, bi Rothenburgsort. Un denn lopen, denn mit 'n Arrestat dorff ick je nich fohr'n! Zwei Stunn' laufen wir all, da auf'n Röhrendamm wird der Bengel mit 'n Mal so kleinlaut. ›Slüngel,‹ segg ick, ›wat fehlt di?‹ Da seggt he, dat kummt em so vor, as wenn sin Öllern villicht doch nich in Billwarder wahnen dähn, he wüß dat ook nich, aber kunn sin, se wären nu all in Barmbeck.

»Nu seh ich je also, daß der verdrehte Slüngel gelogen hat. ›Verdammte Spitzbow,‹ segg ick, ›ick will di wat seggen,‹ segg ick, ›dar kummt 'n Wirtschaft,‹ segg ick, ›da gahn wi rin, un ick lat di en Tass' Koffe un en Käsbotterbrot geben, un denn seggst mi de Wohrheit.‹ Der Jung knickte förmlich zusammen, und zittern und bebern tät er wie 'n Espenlaub in all dem Schneewetter, und Arme hatte er, wie 'n paar Schwefelhölzer. Er kriegt sein Tass' Koffe, er kriegt sein schönes Butterbrot, – ›Jung,‹ sag ich zu ihm, ›nu segg mi, wo din Öllern wahnt. Wahnt se nu in Billwarder, oder wahnt se in Barmbeck?‹ Da fangt de Bengel an to jaulen und seggt: ›Se wahnt up de Hogelucht, Terrasse 13, Haus 4.‹

»Also ich mit den Jung los nach die Hoheluft; is je grade das Konträrige von Billwärder! Wie ich mit ihm auf die Hoheluft bin: ›Jung,‹ sag ich, ›wonem is deine Terrasse? Da is je gar keine Terrasse 13! Jung,‹ 17 segg ick, ›verdammte Spitzbow, du hest mi all wedder to 'n Narren makt, aber nu täuw!‹ Und ich mit den Jung hintern Knick und schneid' mir da so 'n orrentlichen Knüppel ab und tagel ihn fix durch! Es is je nich erlaubt, aber da konnte ich nu nichs für, das is mehr, als die menschliche Natur vertragen kann. Und wie der Jung nu die Tagels weg hat, da wird er ganz zahm und windelweich und sagt je nu, nu will er auch ganz gewiß die Wahrheit sagen, und er wohnt in die große Elbstraße in Altona!

»Nu denken Sie sich so 'n Bengel an. Ich will all wieder den Knüppel herkriegen, da legt er sich platt auf die Erde hin, – na, was sollt ich nu mit ihm anfangen? Ich krieg ihn also hoch und sag: ›Na, denn nu man los! denn man nach Alt'na.‹ Und nu denken Sie sich, wie ich da nu mit den Jung nach Alt'na komm, muß ich mir ja erst melden, auf der Wache, un denn krieg ich 'n Altna'er Kollegen mit; allein darf ich da je keinen Arrestanten durchführ'n; nee, das wär' Grenzverletzung. Na, ich geh also mit mein' Kollegen längs, der Jung geht zwischen uns, und wir erzählen uns en büschen, wat he drapen hett und wat ick drapen heff! Indem kommt da 'n Onnibus auf uns los, denn wir gehn grade auf 'n Fahrweg, weil das Trottoir für uns drei zu schmal is. Unwillkürlich lass' ich den Jung von der Hand los, denn das Vorderpferd hätt mich all beinah getreten. Mein Kollege geht je auf die andre Seite von den Jung, denk ich noch so mechanisch bei mir!

18 »Als der Onnibus weg is, kuck ich rüber: ›Donnerwetter, wo is denn der Jung?‹ ruf ich, denn mein Kollege geht ganz allein auf 'n Trottoir. ›Heben Se em denn nich?‹ seggt he, ›ick denk, Se hebben em an de Hand‹, seggt he. ›Und ick denk, Se hebben em an de Hand!‹ segg ick. Ick kiek mi na rechs un links um, ›denn is he uns weglopen,‹ segg ick. ›Jao,‹ seggt he, ›denn ward he uns nu woll weglopen sin.‹«

Heinrich Möller stößt mit dem Absatz auf den Schnee:

»Sehn Sie, wenn einen so was passiert, wenn die Jugend all so korrumperiert is, – denn is man all an allerlei gewöhnt.«

»Hier is dat Hus«, sagt die Frau, die wahrscheinlich kein Wort von seinen Abenteuern gehört hat. »Kamen Se man gliek rin.«

Sie löst die Hände, die sie unter dem abgetragenen Tuch fest ineinander verflochten gehalten, reißt mit hastiger Bewegung die halboffene Haustür vollends auf und tritt zuerst hinein.

Dunkelheit empfängt sie auf dem engen Vorplatz und Dunst nach Petroleum und kaltem Tabak. Die Frau horcht einen Augenblick nach einer Stubentür, Kinderweinen dringt dahinter hervor, – dann greift sie nach der Klinke und macht auf.

Der Schutzmann, dicht hinter ihr, überfliegt mit einem Inspektionsblick die kleine zweifenstrige Stube, – hier herrscht wüste Zerstörung! Eine Lampe mit zersprungenem Zylinder – die Milchglaskuppel in Splittern am Boden – steht auf der Kommode, dicht 19 unter den Fenstern, deren schneeweiße, offenbar ganz frisch aufgesteckte Gardinen davon reden, daß dieser unordentliche Zustand hier nicht täglich herrscht.

Der runde Tisch ist umgefallen, wie von einem rohen Fußtritt zu Boden gestürzt, samt dem kleinen Tannenbaum, der darauf gestanden, und der die Stube mit schon zertretenem weißlichen Zuckerwerk und grünen Nadeln bestreut hat. Im Fallen hat sich das Stämmchen aus dem rohen viereckigen Brette gelöst, über das zerknüllte weiße Tischtuch, das noch darunter liegt, rinnt der rote Inhalt einer Weinflasche, die mit abgeschlagenem Halse auf dem Tannenbaumbrett liegt und langsam aus einer klaffenden Wunde zu verbluten scheint.

Die Frau sieht all das mit zusammengeschlagenen Händen; dann, langsam den Baum mit dem Fuß fortschiebend, geht sie auf das kleine schwarze Sofa zu, vor dem ein blondköpfiger Knabe auf dem Boden sitzt, das Gesicht in das Kleid eines Säuglings gedrückt. Wie eine Puppe lehnt das hilflose Geschöpf in einem rotkarrierten Kopfkissen; mit starren, wässerigen Augen und verzerrtem Munde schreit es mühsam vor sich hin.

Wie die Mutter den Kopf des älteren Knaben berührt, hebt er sein Gesicht zu ihr auf und sagt im Tone bittrer Kränkung:

»Mutter, min Pietsch hett he ook wegsmeeten.«

Dann, da er den Fremden bemerkt, steckt er verlegen den Kopf wieder ein und weint.

Die Frau nimmt den Säugling auf, schaukelt ihn 20 in ihren Armen. Dann winkt sie dem Konstabel mit einer kurzen Bewegung nach der anstoßenden Kammer.

Vorsichtig tritt Heinrich Möller hinein. Auch dort alles zerrauft und zerschlagen, die Bettkissen am Boden, die Laken halb herausgerissen über die Bettladen, leere Schnapsflaschen auf dem Waschtisch, eine schmutzige Lache spiegelt im Licht der Petroleumlampe. Aber kein Mensch zu sehen.

Der Schutzmann leuchtet in jeden Winkel hinein, selbst unter die Betten. Mit feierlicher Amtsmiene kommt er zu der Frau zurück, die auf einen Stuhl gesunken ist und ihr hungerndes Kind an die Brust gelegt hat.

»Das kommt mich beinah so vor, als wenn er nich mehr hier is«, sagt er mit wichtigem Flüstern.

Die Frau richtet das lange magere Gesicht empor.

»Wölt Se nich noch mal in de Kok tokieken? un achter de Kök is ook noch 'n lüttje Stuw, wo ick mal denn un wenn een in Slapstell' hatt heff; Hannes, gah mit un wies' mal, wonem de Kök is, kummst mi aber gliek wedder t'rügg.«

Gehorsam steht der Junge auf; sein Gesicht ist rot und verschwollen vom Weinen und von der unnatürlichen Beugung. Er stolpert, halb geblendet, über den Baum, aber die Mutter hält ihn mit ausgestreckter Hand, wieder ermahnt sie ihn, sofort zurückzukommen. Und da ist er auch schon wieder und hört die Mutter in der dunkeln verstörten Stube schwer und lange seufzen.

21 »Har' ick man min Pietsch noch!« sagt er mit seiner Kinderstimme, die doch schon einen tiefern Klang hat. »Mutter, har' ick man min Pietsch noch.«

Die Mutter seufzt nur.

»Har' ick man wenigstens en fixen Knüppel, Mutter«, wiederholt der Junge mit der zähen Eindringlichkeit bittender Kinder.

»Ick heff keen Knüppel, Jung,« brummt die Frau, »dar, legg di'n beten in de Sofaeck' un slap«, und sie greift nach ihm mit der linken Hand, während die Rechte den Kopf des Säuglings an ihre Brust drückt.

Aber der Junge ist hartnäckig; er läßt sich nicht fassen; er hat sich ans Fensterkreuz angeklammert und wiederholt von dort seinen Gesang von der Peitsche und dem Knüppel, den er so gern haben möchte; das gepreßte Atmen, das oft in leises Stöhnen übergeht, begleitet ihn; dazwischen schmatzt das Kleine, und der Schneesturm schlägt an die zitternden Scheiben.

Endlich ist er wieder da, der Konstabel, und ein gut Teil Helligkeit und Beruhigung bringt er mit herein. Freilich, das Licht geht nur aus von der schlechten Lampe, die des zerbrochenen Zylinders wegen noch immer qualmt, und die Beruhigung liegt einzig in seinem jovialen Gesicht mit den Hängebacken und den schlauen Äuglein.

»Bis jetzt hab ich nichts gesehen, Madam, augenblicklich is er nich anwesend, und wenn er wiederkommen sollte,« – seine Äuglein zwinkern bedeutungsvoll, – »denn, Madam, rufen Sie mir man wieder.«

22 Die Frau reißt die verweinten hoffnungslosen Augen auf.

»Mutt ick em opnehmen, wenn he wedderkummt?« fragt sie tonlos.

Vorsichtiges Achselzucken.

»Je, Madam, das wird nu woll nich anners, er is je nu mal Ihr Ehemann.«

Sie läßt den Kopf auf die abgemagerte halbentblößte Brust niedersinken.

Heinrich Möller mag das nicht gern sehen.

»Haben Sie denn Mittel, daß Sie ihm nich nötig haben?« meint er teilnehmend.

»Ick heff nich 'n Schilling in't Hus. He hett mi denn mal 'n Mark, un denn mal acht Schilling geben, ick heff keen mal mehr in de Hand kreegen! Un denn mit veer Kinner! Twee lüttje Deerns heff ick bi de Naberslüd henbrocht, – de Jung wull je nich weg.«

Langsam schleicht sich der Junge heran, er faßt einen Zipfel ihres Kleides.

»He is min Öllst' – min einzigste Trost op düsse Welt«, schüchtern streicht die Frau ihm übern Ärmel. »He geiht all in School un kann lesen un schrieben. Hannes, gah rum un hal de Lütten röber, – se ward woll all lang slapen! – na, kiek man mal to, gah man.«

Der Junge sucht mit müden Augen nach dem Nagel über der Tür.

»Mutter, min Mütz is ook weg!« sagt er zornig und wirft ihr einen vorwurfsvollen Blick zu, unter dem die Frau errötet, wie schuldbewußt.

23 »Ick sök se Di nahsten wedder; gah man, min Jung.« –

Heinrich Möller hat einen unbeschädigten Stuhl gefunden und sich breit und behaglich darauf niedergelassen. Warum soll man nicht im Sitzen abmachen, was sich so abmachen läßt? Er reibt sich die Knie und sieht zu, wie die Frau das Kind umlegt und hat so seine Gedanken.

»Sie haben aber auch keinen schönen Weihnachtabend, Madam; is er, was Er is, all lang so?«

»Ick mutt wat versetten,« murmelt die Frau und sieht sich um, »verkäupen un versetten, wat ick nich nödig heff.«

»Na, he ward woll wedder kamen.«

Heinrich Möller meint es ja nur gut, aber die Frau fährt zusammen:

»Lewer betteln gahn! lewer dot sin, as mit em leben.«

Der Schutzmann bedenkt sich.

»Je, was ich sagen wollte, dann gehn Sie man auf'n Lombard, wenn Sie was versetzen müssen, das is ja städtisch, da kann jeder anstännige Mensch mit Ruhe hingehn, daß er da nich in Wuchererhände fällt; was die Wucherers sind, wissen Sie woll, die Ihnen den Hals abschneiden, eh Sie das selbst gewahr werden. Hier op 'n grönen Sood wahnt ook so 'n Versettersch, die sich man eben noch so mechanisch über Wasser hält. Kudeleitz heet Se. Wir haben 'n Auge auf ihr, aber das is 'n ganze helle, da gehn Sie man nich hin.«

24 »Ick gah na 'n Lombard; dank ook veelmal, dat Se mi dat seggt hefft.«

»Je, aber da fallt mi mit eens in, – dar is an 'n Enn' morgen allens to! Is je Fierdag!«

Und er fängt an, in der Hosentasche zu suchen.

»Ick will Se wat seggen, veer Schilling heff ick grad noch bi mi, de will ick Se hier op de Kommod' legen, Se könt se mi je mal wedder geben.«

Noch keine Träne hat die Frau geweint. Als sie auf die vier schmutzigen Schillinge blickt, die der Konstabler neben der Lampe in einem schönen Quadrat aufgezählt hat, da werden ihre Augen naß. Sagen kann sie nichts, schluchzend reicht sie dem Helfer ihre große verarbeitete Hand.

Auf dem Vorplatz ertönen trippelnde Schritte.

»Bün ick!« ruft eine helle Knabenstimme. Ein leiser Freudenschein überfliegt die gefurchten Züge der Mutter.

»Dar kummt Hannes mit de Deerns. He is man noch 'n lütten Gast, – aber« –

Dann, eh die Kinder hereintreten, wendet sie sich eindringlich an Heinrich Möller.

»Oach, seggen Se mal, – ick kunn je villicht wedder as Krankenwohrersch gahn – wenn He nu wedder kummt – kann ick denn nich scheidt warrn?«

»Je, so rapide geht das nich«, murmelt achselzuckend der Konstabler, wie er im dunkeln Vorplatz verschwindet.

* * *

25 Vor einem kleinen, niedrig eingehenden Trödelladen auf dem grünen Sood, halb in der heißen Augustsonne draußen, halb im modrigen Schatten drinnen sitzen und kauern die Kinder um einen weißen Drachen, einen Drachen mit roten Augen und roter, weit ausgestreckter Zunge.

»Dat Bott is noch nich lang nog.« Der Größte, ein magerer Junge mit Kellerfarbe auf den Backen und einer rötlichen Nase trotz der Sommerwärme, sieht, die Hände in den Taschen, geringschätzig auf die Arbeit der andern. »Dar mutt noch mehr anknüppt warrn; du, Holt, hest nich noch 'n beten Segelgarn in Tasch?«

»Mutter giwt mi wat, Mutter hett veel, 'n ganse Tünn' voll Knauels!« ruft das kleine Mädchen mit dem wirren rotblonden Haar, das zwar nicht Hand anlegen darf, aber es doch so gern möchte.

Wie ein flinkes Eichhorn springt Mile Kudeleitz ins Dunkel des Ladens.

»Wonem first du den Draken op, du, Holt?«

Der weißblonde stämmige Bursch, der mit gewandten Fingern an dem Drachenschwanz arbeitet, ist viel zu eifrig, um gleich Antwort zu geben.

»Seg mal, Holt?«

»Op de Steernschanz.«

»Warum nich op't Hilligengeistfeld?« Der zweite Frager ist noch zudringlicher, er will Hannes' Finger festhalten. Ein Klaps macht ihn schreiend zurückfahren.

Der lange Emil gibt Auskunft.

26 »Dor sünd ümmer Botträubers, weetst dat noch nich mal?«

Louis Kramm läßt den Kopf hängen und steckt die geschlagenen Finger in den Mund, das kann noch lange dauern, bis er so erfahren ist wie Emil Bach und Hannes Holt.

»Dorff ick ook mit op de Steernschanz?« bettelt das Mädchen, das den Bindfaden gebracht hat und sich mit ausgespreizten Fingern das üppige Haar aus den Augen streicht.

»Sühst je ut, as so 'n Wilde!«

Hannes, der in seinem blauen Leinwandkittel, mit den kurzen Hosen am ordentlichsten von allen gekleidet ist, wirft einen kurzen, prüfenden Blick auf die Kleine. Die kocht auf wie ein Milchtöpfchen.

»Du, Holt, dumme Jung, holl din Muul, ick gah mit Emil Bach, mit di gah ick noch lange nich.«

»Du un din Emil!« Louis lacht.

»Brut un Brögam!« schreit gleichzeitig eine kleine, etwa Siebenjährige, händeklatschend und aufhüpfend, daß ihr verwaschenes lila Röckchen wie ein Rad um sie herumfliegt. »Mile Kudeleitz un Emil Bach is Brut un Brögam!«

Mile will ihr einen Stoß versetzen, aber die kleine Henny ist auch gewandt, schnell ist sie weggewitscht, und unter dem Gelächter der übrigen prallen Mile und Emil gegeneinander.

Nun singen die Schadenfrohen um sie herum alles, was ihnen in den Kopf kommt. »Eva mit die Schlangenlocken pett den Adam auf die Socken!« – »Brut und 27 Brögam küßt sick mal, hulterdepulter de Trepp hendal!« Sogar Holt ist etwas eingefallen.

»Mile, krup in 't Kellerlock un flick din Krinolinenrock!« singt er mit lachenden spöttischen Augen.

Aber nun ist Mile auch noch da. Sie schießt auf Hannes los, stellt sich hinter ihn und bearbeitet mit ihren gelenkigen braunen Fäustchen seinen weißblonden Schädel.

»Düsset Swien hett Trichin', Gott wo kann dat möglich sin« – ihr Triumphgesang bringt die Lacher wieder auf ihre Seite. Die ganze Straße hinab schallt ihre volle reine Stimme, ja Mile Kudeleitz kann singen.

Holt hat sie freilich leicht abgeschüttelt. Nun, da er sie packen und strafen will, springt sie rückwärts und reckt in ihrem ohnmächtigen Ärger lang die Zunge gegen ihn aus.

Da lacht der Junge übers ganze Gesicht.

»Dübel! Dübel! kumm herut, spee din Gift un Gallen ut«, summt er zur Freude der übrigen. Die kleine Henny hängt sich wie eine Klette an seinen Arm und singt mit.

Immer weiter zurück weicht Mile, immer wütender reckt sie die Zunge und schüttelt ihr Haar, die kleinen Hände krümmen sich zum Kratzen, aber sie wagt keinen anzugreifen, sie steht wie ein hübsches feiges Raubtier von weitem und droht nur.

Bis sie endlich selber der Fechterstellung müde wird. Sie läßt die nackten Arme sinken, zieht das tief 28 ausgeschnittene Kleid über die Schultern herauf und kehrt ihnen den Rücken. Und da kommt ja auch Musche, die große schwarze Katze mit dem schleppenden Schweif aus dem dunkeln Laden zu ihr herübergestrichen, mit leisem Miauen und blinzelt mit den grünen zusammengezogenen Augen zu ihr empor. Musche, vor der Henny so bange ist!

»Komm, Musche!« Mile nimmt sie auf den Arm und drückt ihr Gesicht gegen das seidige Fell. Weiß und hell hebt sich der Kopf des Mädchens mit seinen kupferroten Zotteln von dem dunkeln Hintergrunde ab.

»Wärst en ganse hübsche Deern, wenn dir bloß manchmal kämmen tätst«, sagt eine vorübergehende Frau. Ja, die ist freilich schön frisiert, aber ihr breiter Körper steckt in Unterrock und Nachtjacke, und unter der Jacke guckt der Hals einer Schnapsflasche heraus.

Sie dreht sich noch einmal um.

»Komm rein, Mile, kriegst 'n kleinen Pfeffermünz, weißt woll, wie neulichs.«

Das Kind schüttelt den Kopf.

»Nee, will ich nich, das alte Gör is mich zu schwer.«

»Sallst em je nich rumdregen, – blot 'n beten begöschen«, lockt die Frau.

»Denn fangt he doch gliek an to brüllen, oll dicke Pluck!« Mile ist mürrisch.

Die schwere Frau stemmt die Arme in die Seiten.

»I, dat wölt wi doch woll kriegen! Bün ick nich din Mutter-Swester? Du büst je 'n aasige Deern! 29 Rin mit di! Tein Joahr is se all, un denn 'n gansen Dag op de Straat liggen! Täuw, ick will di!«

Mile läßt die Katze zu Boden gleiten.

»Krieg mi doch!« höhnt sie, bereit, davonzulaufen, »min Moder hett Snaps nog – wat hest du mi to seggen? Krieg mi doch! etsch, kannst man nich so fix lopen as ick! Na, krieg mi doch!«

Wie ein frecher Spatz gaukelt Mile vor der erbosten Frau hin und her, nah zum Greifen und doch im Augenblick wieder davon.

Als sich die Tante verleiten läßt, ihr nachzulaufen, erhebt sich unter den Kindern ein großes Spottgeschrei. Sie lassen das wilde Ding zwischen ihre Reihen und verschließen sie vor der Verfolgerin, die mit dunkelrotem Gesicht, schwerfällig und schnatternd wie eine fette Ente hinter Mile herwatschelt.

Unter einem Strom von Schelt- und Schimpfreden gibt sie es endlich auf und verschwindet fäusteballend in einem der lichtscheuen häßlichen Höfe.

Wieder still und friedlich ist's auf der wenig begangenen engen Straße mit den niederen dorfartigen Häusern.

Plötzlich springen die Kinder begeistert auf die Füße. Das sommernachmittägliche »Kamerad komm! Kamerad komm!« des Trommlers vom Bürgermilitär tönt deutlich und munter aus der Mühlenstraße herüber. Wie der »Steert« nun ist, muß er lang genug sein, wer denkt an Mützen oder Hüte? Mile Kudeleitz gewiß nicht, atemlos rennt sie hinter dem Tambour 30 her, die andern ihr nach, um endlich, da sie ihn erreicht haben, ehrbar und fest im Takt seiner Trommelmusik hinter ihm drein zu marschieren; Hannes läßt seinen Drachen nur so hoch steigen, daß er eben über seinem Kopf wie ein lustiges Banner schwankt.

Andre Kinder, halbwüchsige Lehrlinge, Ammen und Kindermädchen, die Pfleglinge im Arm, oder sie im Wägelchen vor sich herschiebend, stoßen zu dem Haufen; die einzeln aus ihren Häusern eilenden Bürgersoldaten, behäbige Schlachter, steifgesessene Handwerker nesteln unbefangen noch an der blauen Uniform oder dem weißen Lederzeug, während sie sich anschließen.

Am Dammtor erst stellt sich alles in Reih und Glied, und die drallen Landmädchen mit ihren goldnen Ammenhäubchen und breiten Seidenbändern, die frischen »Lüttmaids« in ihren gelben, lila oder rosa Kattunkleidern werden sacht an den Rand geschoben; so geht's hinaus auf die Gänseweide, wo es nach heißen Knackwürsten und Punsch duftet, trotz der Augustwärme.

Einen Augenblick noch starrt das Kinderhäuflein nach dem Kommandanten, der zu Pferde inmitten des kurzen grünen Rasens umhersprengt, dann schwenken sie ab nach links, wo eine Welt von Wiesen, Strauchwerk und Teichen still und verlockend vor ihnen liegt. Sie springen hoch vor Freude, rollen und wälzen sich im sonnendürren bräunlichen Grase, das fein wie Pferdehaar den sandigen Boden überzieht und nur die zarten blauen Glockenblumen zwischen sich duldet.

Wie herrlich hier der Drachen steigt, umflattert 31 von Spatzen und Staren, – stolz und in gemächlichen Wellenlinien zieht er den Schweif wie eine Schleppe durch den klaren weißblauen Himmel.

»Kiek, Hannes, wat is dat?« Der kleine Louis Kramm, dessen Gesichtchen aussieht wie eine einzige unregelmäßige Sommersprosse, pinselt dem Spielgefährten mit einer weichen grauen Ähre über die Nase.

»Dat? dat is Chollerakrut. Kennst dat nich mal? Welke seggen da Katzenpöten to, aber min Moder seggt, dat 's nich richtig, dat is Chollerakrut.«

Mile Kudeleitz verzieht das Gesicht. »I gitt, Chollera! Davon kann man starwen.«

Hannes lacht hell auf.

»Dat glöw ick ook! Natürlich starwt man davon.«

Mile wird ängstlich. »Jedwerein?«

Louis drängt sie beiseite. »Päh! wat weetst du davon aff! Wenn man de Chollera kriegen deiht, dann ward man erst swatt un blau.«

»Huh!« Mile zieht sich schaudernd zurück.

»Wer kenn Angst hett, de kriegt se nich, min Moder hett all mal tein Chollerakranke pflegt.«

»Na, is se denn nich storben?« fragt Louis eifrig.

Ruhig gibt ihm Hannes eine Ohrfeige.

»Min Moder is so gesund – gesünner as din.«

Mile hat inzwischen einen großen Büschel gepflückt. »Dat nehm' ick mit to Hus. Wenn ick de ol' Chollera denn mal krieg, denn kaak' ick mi da 'n Supp' ut!«

»'n Supp? En Tee, willst woll seggen!«

»Kiek, dar is de Pestbarg.« Emil stößt Mile an.

32 »Wo?« schreit sie entsetzt und deckt sich ihr Kleid übern Kopf.

Emils dünner knotiger Finger zeigt auf einen bewachsenen Hügel vor ihnen.

»De ward nu opgraben, dar kummt en Goahrn her mit wilde Tieren in, – aber ick weet man soveel, wenn de Pestbarg apen makt ward, denn kriegt we all de Pest.«

Hannes nickt bedächtig.

Wie die andern das sehen, drängen sie sich mit aufgerissenen Augen zusammen. Also dort, wo die braunen Blüten der Schmiele ausgefallen und federartig im Winde zittern, wo die vielen Glockenblumen blühen, da wohnt die Pest?

»Dat is dat dullste von allen, de Pest is noch teinmal so dull as de Chollera«, sagt Hannes feierlich.

Mile erhebt ihr neugieriges Näschen.

»Büst du vor de Pest bang, Hannes?«

»Nee! Min Moder hett seggt, wer vor nix Angst hett, de kann de ganse Welt ünnerkriegen.«

Nachdenklich und achtungsvoll betrachten ihn die andern.

»Vor een Deel hest du aber doch Angst, ick segg blot nich vor wat!« schreit plötzlich Mile Kudeleitz und springt gleichzeitig beiseit, um sich in Sicherheit zu bringen.

»Vor din Vadder«, sagt Emil Bach spöttisch und macht gleichfalls eine Bewegung nach rückwärts.

Hannes steigt es rot in die Stirn.

33 »Min Vadder is je gar nich dor!« macht er beschämt, halbleise.

»Wenn he wedderkummt!« lacht Louis.

»Ha, denn – –«

Hannes runzelt die Brauen, er hat einen so festen entschlossenen Ausdruck mit seinen neun Jahren. Aber er weiß nichts zu sagen, – er schämt sich, daß ihn die andern so schadenfroh mustern.

»Beten Water petten!« Er bückt sich, zieht Stiefel und Strümpfe aus, alle ahmen ihm nach, das gefährliche Gespräch ist vergessen.

Wie sie auf dem grasigen Rande des Teiches sitzen, die Füße ins Wasser hängen, schimmert ein blanker Mützenrand durchs Gebüsch, und große Stiefel rauschen durch das Kraut.

»De Wallmann kummt! de Wallmann kummt!«

Henny schreit gellend auf, sie zieht die mageren Beinchen an sich.

»De Wallmann? de hett hier nichts to seggen, hier is je gor keen Wall«, sagt Hannes unverfroren.

Einer aber ist bei dem ersten Alarmruf in langen Sätzen davongesprungen, der Größte von allen, Emil Bach, dessen kleine Spitzbubenaugen sich vor Schrecken verdreht haben, da Henny so aufschrie.

Wie die Kinder lachen! Und wer ist's denn, der da herumstreicht? Ein harmloser Briefträger, der auf dies unbebaute einsame Stück Land abgeschwenkt hat, wohl um seine wundgelaufenen Sohlen zu kühlen. In 34 einem kleinen, rings umbuschten Tümpel plätschert er, – langsam kommt der lange Emil wieder angeschlichen.

»He süht ut – ick heff dacht – mi hett drömt, mi harr mal 'n Uhl bi'n Kanthaken kregen un harr mi dörchnei't, mi deiht noch hüt de Puckel davon weih.«

Mit drollig pfiffiger Miene reibt er sich den Rücken, dann krempelt er umständlich die zerlumpten Hosen auf und watet ins Wasser, das träg und grün, unter einer Decke von Wasserlinsen daliegt.

Aber gleich fängt er an zu schreien:

»Dammi, ick heff keen Grund! dat Water hett hier keen Bodden!«

»Wi möt erst loten!« ruft Hannes eifrig, »hier is 'n langen Segelgarn, dar mutt en Steen anbun'n warrn, denn weet wie gliek, wo deep dat de Pohl is.«

Der Teich erweist sich tiefer als das Tau, die Kinder sind sehr befriedigt.

»Ick glöw, de geiht so deep, so deep as de Welt!« sagt Mile, die braunen Augen aufreißend.

»Ick glöw, wenn ick hier wat rin smieten doh, denn kummt dat in Amerika wedder rut!« Louis grabbelt in der Tasche. »Sall ick dar mal en Marrl rinsmieten?«

»Ach du!« Hannes lacht ihn aus, »dat helpt di je nich, wenn du nich in Amerika tokieken kannst, wat din Marrl dar wedder rut kummt.«

Er nimmt eine weise Miene an. »Bet nach 35 Amerika fallt he nich, he fallt höchstens bet in dat groote Füer, wat inwennig in de Eer is.«

»In de Höll?« fragt Henny ahnungsvoll, und Louis schiebt kopfschüttelnd seinen Marmel wieder in die Tasche:

»Ne, denn nich! in de Höll sall min Marrl nich kamen, he is je keen Sünner un keen Schinner.«

»Ick glöw dat nich, dat dor Füer ünner is,« sagt Emil wegwerfend, »wo kunn dat angahn? Füer un Water – dat sleiht sick je dod.«

Er taucht die Hand hinein. »En beten warm is dat woll« – – nachdenklich legt er den Kopf auf die Seite.

»Un de Dübel? wonem is de Dübel? Sitt de Dübel mitten in de Höll?« Mile drängt sich dicht heran mit ihrer dringenden Frage.

Hannes kratzt sich hinterm Ohr.

»Ick weet sülwst nich, is dat Füer, wat in min Moder ehr Les'book steiht, un dat Höllenfüer dat sülbige? Dat Les'book hat se mal von 'n Doktor kreegen, dor steiht allens in, Sünn un Mand, un ook von de Steenkahlen un de Krokodillen un de Popegeien.«

»Aber de Dübel! Steiht de Dübel dor nich in?« ruft Mile begierig; dann, als Hannes den Kopf schüttelt, fängt sie an zu prahlen.

»Ick weet, wo de Dübel utsüht! Gans swatt is he, mit witte Oogen, he hett 'n füerrode Mütz op, mit 'n swatten Fedderbusch. Un denn hett he 'n Klunkfoot, damit pett' he de Hexen op 'n Tohn, denn möten se woll Tipp hollen, un denn wiest he mit de Fuust: 36 ›dor sall 'n Lock sin!‹ un denn smitt he de Hex' in de Kuhl un seggt: ›düt is de Weg in de Höll,‹ seggt he, ›so lang de Wind weiht un de Hahn kreiht, büst du verdammt‹.« Mit blitzenden Augen dreht sich Mile nach allen Seiten, die Kinder sind verstummt. Dann bricht Hannes in ein lautes Lachen aus:

»Na, Mile Kudeleitz, wenn he denn man din Moder nich kriegt, dat is ook 'n Hex' en Halsaffsniedersch!«

Wie eine Wilde fliegt das Mädchen auf ihn zu, faßt seinen Arm und beißt mit aller Macht hinein, daß er aufschreit und mit dem Arm herumschlenkert, bis er los ist. Nun gibt's eine allgemeine Balgerei, vor der nur Henny Elfers schreiend flüchtet, – der Briefträger schilt und droht von weitem, da stehen sie mit roten Köpfen und zerrauftem Haar wieder auf, – ziehen Strümpfe und Holzpantoffeln an und besinnen sich, daß sie ja haben nach der Sternschanze und ihren herrlichen Sandgruben wandern wollen, dort wird der Drachen gewiß noch besser steigen. Weit ist's auch nicht, und das Waten im tiefen Sand, wo bei jedem Schritt die Schuhe einsinken, erhöht den Spaß.

»Kiek, dar kummt all Adam un Eva.« Zwei große einsame Lindenbäume tauchen auf, darunter ein Flecken grünen Grases, sonst rings gelber Sand. Der Drachen steigt hier auf dem kahlen windigen Raum, daß es eine Lust ist, aber die tiefen Sandbrüche sind ja soviel anziehender noch. Haustiefe Gruben, einige mit steilen Wänden, die ganz hell sonnengebleicht aussehen, mit Wasserlachen auf dem Grunde, über die Insekten hinwegtanzen, und an deren Rande der schattenhafte graue 37 Ackerklee wächst. Dann sind da schräge, treppenartige Abhänge, mit den breiten Blättern des Huflattichs wie mit grünen Samtpolstern belegt.

Aber am verlockendsten sind die grottenartig überwölbten Brüche, fast dunkel sind die, und an den unzugänglichsten Stellen die runden Löcher, was mögen die bedeuten? Die Mädchen haben gleich Sonnenschirme und Fächer aus Huflattichblättern gemacht, die Jungen rutschen die steilen Hänge hinab, schreiend vor Lachen, wenn der gelockerte Sand in Wolken auf sie herunterstäubt und wie ein Wirbelsturm hinter ihnen drein poltert. Bald aber suchen sie nach kühnerem Zeitvertreib. Sie nähern sich dem Grottenbau, gaffen hinunter.

»Wat hest du to kieken? in is dar nichs, blot Sand«, Louis stößt Hannes fast über den Abhang hinunter.

Der pflanzt sich fest und lacht geringschätzig.

»Na du Kloksnut, denn will ick di man seggen, dat dar Swälken in sünd. Kiek, dar flüggt en! de hett ehr Nest dar binnen in de Kuhl, dat is dat Nestlock.« Aufgeregt blicken sie dem Vogel nach, der mit einer Fliege im kurzen Schnabel schmal und schlank dahergeflogen kommt und vor dem Loch an der senkrechten Wand in der Luft stillzustehen oder zu hängen scheint.

»De hett Junge!« ruft Emil, »geihst du mit?« Und er mißt mit seinen schrägen zwinkernden Augen die Entfernung bis zu dem Nistloch.

38 Hannes und Louis haben sich sogleich auf die Knie niedergelassen; der stämmige Flachsblonde beginnt rückwärts über den Rand hinabzukriechen; sein Gesicht rötet sich von der Anstrengung beim Einschlagen der Hände und Fußspitzen, aber mit zusammengebissenen Zähnen kriecht er langsam, stetig abwärts. Louis folgt, nachdem er ihm seine Handgriffe abgesehen; schreit aber fortwährend »Ha!« und »Hoh!« teils aus Furcht, hinunterzufallen, teils um Hannes aus seiner Ruhe zu schrecken und den Obenstehenden einen höheren Begriff von der Gefahr beizubringen. Hannes hat das Schwalbennest erreicht, da gerät er ins Rutschen und langt mit großer Eilfertigkeit auf dem Boden der Grube an. Die oben lachen, er besieht seine Hände, seine Hosen, dann blickt er um sich und läuft schnell nach den überhangenden Wölbungen.

»Du, Louis, kiek, hier sünd bannig veel.« Aber Louis schwebt halb lachend, halb weinend zwischen Himmel und Erde, er hat krampfhaft einen Ast gepackt, der aus dem Sande hervorragt, – aber der Ast gibt nach, senkt sich, will ihn nicht länger tragen.

»Emil! Emil!« schreit er verzweiflungsvoll hinauf. Denn Emil steht oben, die Hände in den Hosentaschen, sieht zu und gerät in einen Freudentaumel, als er den Kleinen so rufen hört.

»Du büst en Bangbüx, en Feigling büst du! lat di doch los, du dumme Schrökel

»Ick will mi woll häuden! Dar kunn ick je Arm un Been bi breken.« Louis' Stimme klingt weinerlich.

39 »Ick segg, lat di los!« Emil stößt mit dem Holzpantoffel Brocken auf Brocken hinunter, sein schadenfrohes Gelächter tönt zu den spielenden Mädchen, die auf dem Boden kauern und den warmen weißen Sand schläfrig durch die braunen Finger gleiten lassen.

Da plötzlich bebt der Grund neben ihnen, ein kurzes donnerndes Geräusch scheucht sie auf die Füße. Etwas Schreckliches ist geschehen, das sehen sie gleich! Die Stelle, wo der lange Emil eben gestanden und auf den Sand gestampft hat, ist verschwunden, ein großes frisches Loch, ein neuer Absturz ist da, gelber feuchter Sand zeigt die Stelle an, die drei Jungen müssen darunter liegen, ganz darunter. Die Mädchen klammern sich aneinander. Die kleine Henny schreit gellend auf: »Louis! mein Louis! kumm wedder rut! Wie wölt to Hus gahn!« sie zieht die Wörter aus in langes Weinen. Mile schlägt sie auf die Hand.

»Heul doch nich gleich, dumme Deern! Wie möt se wedder rut kriegen! Emil! Hannes! Emil kumm rut! Hannes, büst du all dod? Hilfe! Hilfe!« Sie schreit und trampelt auf den Boden, während sie gespannt hinabblickt, ob sich nicht drunten etwas regt.

»Hilfe! Hilfe!« Ja, die ist weit auf der einsamen häuserlosen Sternschanze. Die kargen jungen Silberpappeln, von denen jüngst eine kurze gerade Reihe quer hinüber zur Kampstraße gepflanzt worden, bewegen flüsternd die Blätter im Nachmittagswind, weiß aufschimmernd, dann wieder dunkel, wie Wellenspiel. Sonst ist es lautlos still.

»Min Louis!« weint Henny Elfers: »Louis sall 40 wedder rut kamen!« Plötzlich setzt sie die Hände zum Flöten gerundet an den Mund. »Tüht! tüht! tüht! Füer! Füer! Füer!« schreit sie in den langgezogenen jammervollen Tönen der Nachtwächter.

»Füer! Füer! Füer!« stimmt Mile ein, bis ihr Gesicht blaurot ist vom Schreien. Dann ärgerlich: »Ach, dat helpt nich! Wölt man to Hus gahn!« Sie zerrt Henny am Kleide, die mit hängender Unterlippe fortwährend in die Grube hinabstarrt. »Emil, Louis, kummst du rut? Mile kiek mal, dar kummt en Kopp to Höcht, ick glöw, dat is min Louis!«

Etwas Helles, Rundes arbeitet sich unten aus dem erstickenden blindmachenden Grabe hervor.

»Emil! Emil! schreit Mile Kudeleitz.

»Louis!« ruft die Kleine, und dann wieder schreien sie ihren Feuerruf in die klare stille Sommerluft, – während sich etwas im Sandloch zu regen scheint; ist es nicht, als ob ein paar blaue Schultern sich jetzt da herauswühlten?

»Dat is Hannes Holt!« ruft Mile vergnügt, »kumm doch rut, Hannes!«

Da kommt es schwach, aber verständlich herauf: »Je, wenn ick man nich fast sitten däh, denn wör ick all baben

Lachend springt Mile in die Höhe.

»Wo is Louis?« jammert die Kleine.

»Hallo, is de ook hier?« sagt Hannes, er bringt eben mit großer Anstrengung die linke Hand herauf und versucht, sich den Sand von den Augenlidern zu 41 wischen. Aber wie langsam er das tut, als sei er noch betäubt und könne den Kopf nicht drehen! Nun macht er verzweifelte Versuche, den rechten Arm zu erheben. Es liegt etwas darauf, ein bleischweres Gewicht, das ihm auch den Leib beengt. Endlich gewinnt die Hand etwas Spielraum, es glückt ihm, sie nach vorn und oben zu bewegen; da rückt er mit Anspannung aller Kräfte den Ellbogen empor und bringt etwas mit ans Tageslicht, einen starren kleinen Fuß in einem zerrissenen Strumpf: »Kiek, kiek, wat hefft wi hier? Wokeen meld' sick to düt Been?« ruft Hannes erschrocken.

Aber es meldet sich keiner, der Kopf des Verschütteten muß tief im Sande stecken. Henny kreischt auf:

»Dat is Louis' sin Foot! Louis, kumm doch rut! ick segg dat an din Vadder na, dat du gor nich wedder rut kamen büst.« Ihr kleines Gesicht ist kreidebleich, so tief beugt sie sich über die Grube, daß sie hinuntergerutscht wäre, wenn nicht plötzlich ein starker Arm sie gehalten hätte.

»Na, wat is denn hier los, lütt Deern? wonem is dat Füer?« eine lustige Stimme hat es gerufen, und ein lustiges breites Gesicht mit roten Hängebacken schiebt sich zwischen die beiden Kinder, die das Ankommen der Männer über ihrem eignen Lärmen und Schreien nicht bemerkt haben. Henny fährt zusammen, als sie sich so am Arm gepackt fühlt, denn über dem freundlichen Gesicht hat es ihr deutlich nach einer Uniformmütze geschimmert.

»De Kunstabler!« flüstert sie, und auch Mile weicht scheu zurück.

42 »He deiht jug nichs«, sagt beruhigend der Zweite, ein wohlgenährter kleiner Mann mit bleicher Stubenfarbe. »Wat hefft ji denn utfreeten? Büst du dat west, de so schreet hett?«

Henny weist furchtsam aus Mile.

»De hett dat dahn.«

Mile fängt an zu stottern: »Dor ünnen sind dree Jungens, in 'n Sand dor.«

»Halloh, verdreihte Slüngels, wölt ji mal rut!« in dem Konstabler beginnt sich der Amtseifer zu regen.

»Se könt man nich,« macht Henny kläglich, »se sünd gans dor ünner.«

»Sünd se dor runner follen?« Der bleiche Mann wird aufmerksam.

»Ja!« schreien schnell die Mädchen.

»Nee!« kommt es vom Boden der Grube, »wi sünd hier dal klemmert, Louis un ick, un nu is de Sand jewoll losgahn, un nu sünd wi verschütt't.«

Der Konstabler lacht.

»Na du, wenn du all verschütt büst, denn bruk ick di nich mehr to verschüttenWortspiel, da verschütten auch arretieren heißt.

Der andre hat seinen Rock ausgezogen und ihn dem ältesten Mädchen übern Arm geworfen. Rückwärts gehend, wie ein Semann, erreicht er den Boden der Grube und watet auf die Stimme zu, die ihm beklommen aus dem dunkelsten Teil entgegenschallt:

»Ick bin binah gans rut, blot Louis nich, he liggt mi op de Fäut as so'n Klotz.«

43 Wühlend wie ein Maulwurf gelangt der Mann zu dem Jungen.

»Je, lüttje Deerns, wenn wi nu nich kamen wörn,« sagt oben der Konstabler leutselig, als rede er zu der Abendsonne, für die er der glänzendste Gegenstand ist weit und breit, »denn harrn de Jungens hüt Nacht hier biwaken könen, bis daß so sukzessive mal der Sandwagen hierher gekommen wär, un hätt ihnen rausgebuttelt. Das hätt so'n acht Tage dauern können.«

»Herr Möller!« ruft der Mann drunten.

»Herr Hirsekorn?« erwidert Möller höflich und biegt das Ohr mit der Hand darum auf die Seite.

»Ach kamen Sie mal gau hier dal, ick krieg de Jungens alleen nich rut, de een is beswiemt, den mutt ick rutdreegen.«

Heinrich Möller wird mißtrauisch.

»Verstellt sick woll! Diese Jungenspakasche is nichs auf zu geben, in so fern, will ich man sagen. Ich hab da Erfahrungen in, ich bin da so gans unwillkürlich hinter gekommen.«

Aber der Hilferuf wird stärker.

»Wenn Se mi nich helpen dohn, denn bliwt mi de Jung hier ünner de Hann' weg, de Bost is em indrückt, ick bün je doch 'n Krankenwärter, ick weet, wat dat to bedüden hett.«

Dann dauert's immer noch eine Weile, bis der wohlbeleibte Mann der Polizei den Marsch kopfunter antreten kann. Er zieht den Rock aus, nimmt die Mütze 44 ab, bestellt die zwei Mädchen mit Donnerstimme und drohendem Zeigefinger zu Wachen und beginnt dann endlich, stöhnend und seufzend, die ungewohnte Übung. Übrigens gerät er bald ins Rollen und kugelt mit kirschrotem Gesicht und zusammenschlagenden Hacken in den weichen Abgrund.

Lachend folgen ihm die Kinder mit den Blicken, sehen, wie sie nun zuerst den regungslosen Louis vollends aus dem Sande graben, wie ihn der Krankenwärter klopft und behorcht und den Kopf über ihn schüttelt. Und dann wird der Junge, den Kopf nach oben, an der wenigst steilen Stelle des Abhanges heraufgeschoben. Sehr langsam geht's, es muß große Mühe kosten. Hannes, der nun auch befreit ist, kriecht auf eigene Hand aufwärts. Nun nähert er sich den andren, schiebt sogar noch einen Arm unter Louis' Hals. Aber der Krankenwärter findet das unpraktisch, und er muß den Arm zurückziehen. Hannes nimmt die letzte Kraft zusammen, oben ist er jetzt, aber er bleibt am Rande hängen, muß sich erst erholen.

»Wo is dat Swälkennest?« ruft Mile Kudeleitz neugierig.

Da öffnet der Junge die linke Hand, die er bis daher mühselig fest geschlossen gehalten. Ein paar Sandbrocken und Eierschälchen, dünn wie zerbrochenes Glas, liegen darin.

Verächtlich blickt er es an, die Tränen stehen ihm in den trotzigen Angen, er wirft es heftig von sich. Mile und Henny lachen ihn aus, und gerade da 45 kommen sie mit dem verunglückten Gefährten und legen ihn langausgestreckt auf den weißen Sand neben ihnen.

»Fat em nich an, lütt Deern,« sagt der Krankenwärter ernsthaft, »de hett mehr as 'nog kreegen.«

»Is he dod?« ruft Mile neugierig. Henny hockt neben ihm nieder und streicht scheu mit der Hand über das gedunsene verzerrte kleine Gesicht: »Louis, slöppst du?«

Sie ist beruhigt, seit sie ihn wieder gesehen hat, sie hat die größte Lust, ihm ins Gesicht zu lachen, wenn er die Augen aufmacht. Ob es wohl noch lange dauert bis dahin?

Hannes sieht sich um:

»Wo is denn Emil Bach?«

»Oach, de is noch ünnen!« schreit Mile gerade, als der Konstabler nach der Wache gehen und einen Tragkorb bestellen will.

»Wat? noch Een?« ruft er zornig sich den Schweiß wischend. Aber der Anblick des Kleinen, der da so reglos liegt, ist ihm doch zu Herzen gegangen. Freilich wird wohl auch der zweite Verschüttete längst erstickt sein, – aber man könnte doch sehen! Nur, so ohne Werkzeug – –

Da bringt Hannes sie auf einen guten Gedanken: in der kleinen rohzusammengeschlagenen Arbeitsbude, kaum zehn Schritte weit entfernt, wird vielleicht ein Spaten sein.

Möller betrachtet den Jungen, der ihn hinführt, der kommt ihm bekannt vor.

»Büst du nich de lütt Holt?«

46 »Ja.«

»Is din Vadder t'rügg kamen?«

»Nee.« Die Antwort klingt noch bereitwilliger.

»Kann din Moder sick dörchhelpen?«

Der Junge schweigt beschämt.

»Moder kann gar nich up Arbeit gahn, de Lütt is ümmer krank.«

»Wat deiht se denn nu?«

»Flickt un neiht in 'n Hus'. Uns' Anna is ook meist krank.

»Is dat din Swester?«

»Ja, – blot Guschen un ick, wi sünd ümmer gesund.«

Hannes geht allein zur Wache, die zwei Männer machen sich an die Auffindung des dritten Jungen.

Er hat nicht so tief drinnen gesteckt, doch ist auch er leblos. Wie ihn aber der Krankenwärter eine Weile künstlich hat atmen lassen, schlägt er mit einem Seufzer die Augen auf.

Da springt Heinrich Möller wie besessen in die Höhe:

»Na, aber in so fern! da will ich nu man mal sagen – dat is doch to dull! Düsse Jung is je de verdammte Spitzbow, de mi Wiehnachenabend an de Näs' föhrt hett! Nacker du!« Und er schüttelte ihn ungestüm. »In 'n Oogenblick seggst mi, wo du wahnst, un gnad' di Gott – –«

Verstört starrt der immer noch halb Bewußtlose den Scheltenden an.

»Nu bün ick gans dod«, seufzt er, und die Augen 47 schließend, läßt er den Kopf schwer in des Krankenwärters Arm zurückfallen.

»Louis Kramm wahnt bi uns in 't Hus«, berichtet Hannes, während er nach seinem Drachen greift.

»Ick kam' mit längs, villicht kann ick noch wat maken«, sagt Hirsekorn.

Da kommen die Tragkörbe.

* * *

Hamburger November, Tage der Trostlosigkeit, wo der Mensch sein Heimatgefühl auf der Erde verliert. Denn sie ist die festgegründete Erde nicht mehr, die seinen grünen Acker, seinen blühenden Fruchtbaum trägt, auf der sein Haus steht und über der sich rund und klar der Himmel wölbt. Alles ist unbestimmt, verschwommen, alle Grenzen aufgelöst, Wasser unkennbar vom stumpfschwarzen Erdboden, Feld gleich dem Himmel, die Stadt wie ein Wald, der Wald wie eine Stadt, der Mensch wie ein Baumstamm, der Laternenpfahl wie ein Mensch; alles freudlos, lautlos, trostlos, körperlos, traumhaft, Gefühl ertötend, Gedanken dämpfend, Bewußtsein des eignen Ichs zerstörend, dumpf und stumpf machend, ohne Zweck, ohne Ziel, ohne Hoffnung und Wunsch, ja sogar ohne Schmerz und ohne Neugier.

Auf der Elbhöhe, am Stintfang geht unter den kahlen schwarzen Bäumen eine große hagere Frau, die in ihr braunkarriertes Tuch mit eingewickelt einen kränklich aussehenden Säugling trägt. Langsam geht sie dort auf und nieder, die Füße im Schlamm, im 48 Moder der vorjährigen Blätter, den die noch fallenden mit einer braungelben Decke überziehen. Es rieselt sacht, aber stetig vom Himmel, von den Zweigen, den Dächern, als wolle sich alles Feste in Tropfen auflösen. Mit kummervollen Augen und fragendem Munde starrt die Frau nach dem verhüllten Wasser unten, über dem der Kohlendunst von den Dampfschloten in schwarzen Wellen gegen die Stadt treibt; Vorübergehende hören sie wohl hie und da ein plattdeutsches Wort vor sich hinmurmeln.

Ohne Übergang wird aus dem trüben Tage graue Nacht, da und dort zwischen den tropfenden Bäumen glimmt schon ein schüchternes gelbes Flämmchen auf. Der Laternenanzünder ist schon zweimal an der Frau vorübergegangen, nun stößt er sie absichtlich ein bißchen mit seiner Leiter.

»Oah! man jo nich stöten!« Er lacht schelmisch zu seinen Worten. »Je Madam, wat ick seggen wull, täuwen Se hier villicht op jemand? täuwen Sie villicht op mi?« Die Frau weicht zurück vor seinem vertraulichen Grinsen. Sie schüttelt stumm den Kopf.

»Na, wenn du doch nichs von mi weeten willst, denn gah man to Hus, min Deern,« brummt der Lichtanstecker, »du büst woll nich ganz ungesund?« Er lacht ihr zudringlich in das bleiche Gesicht und deutet auf die Stirn, seine freie Hand hat scherzend einen Zipfel ihres Tuchs gepackt. Da reißt sich die Frau wie plötzlich erwachend los.

49 »Laten Se mi gahn! Könt Se mi dat nich ansehn, dat ick nich so Eeen bün, as Se meent?« Ihr Ton ist ernst und furchtlos, wie ihre dunkeln tiefliegenden Augen. Dem Mann ist der Spaß vergangen.

»Is all good, is all good«, murmelt er verdutzt.

Sie hört es nicht mehr, sie ist fortgegangen, mit müden, schwerfälligen Schritten unter die Bäume getreten, langsam schleppt sie sich vorwärts, durch die sich erhellenden Straßen bis auf ein kleines Haus, das neben vielen gleichartigen Häuschen auf dem Platz am grünen Sood steht. Die braune Tür ist geschlossen, hinter den zwei kleinscheibigen Fenstern flackert ein Licht auf, ein Streichholz wird wie ein rotes Glühpünktchen durch die Luft geschwungen, nun brennt die Lampe drinnen. Die Frau klinkt die Tür auf und blickt gleichzeitig ins Fenster. Ein flüchtiger froher Schein huscht über ihr Gesicht.

Da vor der Lampe steht ein untersetzter Mann, er rückt eben die Kuppel zurecht; an seinen Rockschößen hängt rechts und links ein Mädchen, die beide mit derselben zutraulichen Haltung den Kopf zu ihm emporstrecken. Er spricht mit ihnen, streicht dem kleineren blassen Ding über das dünne Haar.

»Gun' Abend«, sagt die Frau und tritt in die Stube.

Die Kinder laufen ihr entgegen, der Mann macht einen kleinen höflichen Diener.

»Na, gun' Abend, Madam Holt! Sünd Se bi 'n Doktor mit em west? Setten Se sick! Kinners, gaht en beten na buten op de Dehl, – ick heff allens warm stellt, Madam Holt.«

50 »Oach, Herr Hirsekorn!«

Sie wirft ihm einen tief dankbaren Blick zu, setzt sich mit sichtlicher Erleichterung. »Sünd Se all free kamen, Herr Hirsekorn?«

»Dat bün ick, Madam Holt, min Patschent hett dat nu öberstahn.«

Er macht eine entsprechende Bewegung. »Klock dree hüt Nahmiddag is he sacht inslapen.«

Und nach einer Pause setzt er hinzu:

»Dat Geld hal' ick mi erst morgen oder übermorgen. De Olsch, wat sin Fro is, weet dor woll nich veel von, dat de Mann dod is, aber mi schaniert dat, Madam Holt, ick kann nich so sin.«

Die Frau nickt bereitwillig Billigung. Sie wickelt den Säugling aus dem karrierten Tuch und nimmt ihn besser in den Arm. Der Krankenwärter hängt das nasse Zeug über die Stange am Kochofen.

»Wat hett de Doktor seggt?«

Die Frau antwortet mit bekümmertem Achselzucken.

»Wat hett he seggt? Ick sall em afwen'n, ick heff keen gooden Sog«, seufzt sie schwer. »Nu sall ick em utdohn, sünst mutt he mit'n Buddel groot makt warrn, – aber de Melk is düer!« ›Sie sind selbst man Haut und Knochen,‹ seggt he, ›wo können Sie woll 'n anner Menschenleben von sich mit ernähren. Sie sollten selbst 'n Zusatz haben.‹ ›Herr Doktor,‹ segg ick, ›as de Tehrung, so is de Nährung. Wenn ick mit min veer 51 Kinner man ümmer Brot in't Hus harr, denn wull ick geern tofreeden sin.‹

»Eeten Se wat, Madam Holt!« ermahnt Hirsekorn. »Geben Se mi den Lütten.«

Sie reicht ihm das Bündel mit dem Säugling, vorsichtig und linkisch hält er es zwischen den ausgespreizten Fingern. Sie nimmt die schwarze Pfanne vom Feuer und verzehrt stehend mit einem hölzernen Löffel die aufgewärmten Kartoffeln. Bekümmert ruht ihr Blick auf dem schwächlichen Kinde, das sein mattes Köpfchen auf die Seite hängen läßt.

»He hett den Pipp all weg, und dabi kiekt he all so vernimm, – dat is rein, as wenn he dat weeten däh, wo trurig« – –

Sie schluckt den Rest mit den Kartoffeln hinunter und beugt den Kopf tief über das Geschirr, das sie aus der Hand stellt.

»Madam Holt, dat ward noch all wedder beter, Se sünd noch 'n ganse nette Fro, in de besten Joahren« –

»Fiefunddortig bün ick«, sie blickt auf, »ick denk, ick bün all olt.«

»Un ick bün fiefundveertig, – und denn heff ick noch den Knaken in't Been, weeten Se woll.«

Die Frau lächelt flüchtig, wie sie ihm nun dankend das Kind wieder abnimmt.

Den Kopf auf der Achsel, mit freundlichem Blinzeln sieht der Krankenwärter sie an:

52 »Se sünd en reken Wiev und sachtmödig, und wat sachtmödig bün ick ook.«

»Se weeten, wo mi dat gahn is, Hirsekorn«, sagt die Frau nach einer Weile in schwerem Ton.

»Se sünd woll 'n sniggere Deern west; wenn Se'n beten vülliger wörn, Madam Holt, un ook mal lachen un de Tähn wiesen dähn, denn wörn Se noch gans nüdlich, sowiet.«

Nun muß sie wirklich lachen.

»Jewoll, as Melk un Keenrook, Herr Hirsekorn.«

Der Mann lacht mit, leise und angenehm, Frau Holt bückt sich zu dem kränklichen Kinde, um ihr Gesicht zu verstecken.

»Na, hefft Se dar nu an dacht?« sagt Hirsekorn, auf seinem Stuhl hin und herrückend.

»Ja, ick heff daran dacht, aber – – wo kunn ick dar woll an denken!«

Leise steht der Krankenwärter auf und stellt sich neben sie.

»Mutt ick denn trecken?«, murmelt er in vorwurfsvollem Ton.

Sie wendet ihr Gesicht ab.

»Ick kunn Se bistahn, un ick würr Se bistahn«, sagt Hirsekorn zärtlich.

»Ick glöw dat! ick glöw dat geern«, ist die leise Antwort.

»Sall ick uttrecken? oder sall ick intrecken? in düsse Stuw?«

53 Er versucht ihre Hand zu fassen.

Die Frau läßt sie ihm, eine Weile sitzt sie selbstvergessen.

»Ick heff mi't hüt öberleggt, un dat geiht ook nich anners, wat sin mutt, mutt sin. Wenn Se ook noch uttrecken, un dat lüttje Logis steiht man en Dag leddig, denn verlier' ick all wedder 'n por Schilling, un ick kann keen Schilling missen. Se sünd nu op mi verstüert, un ick much Se ook nich missen un mutt mi da in gewen, – blot« – – ihre Lippen zittern, – »wat sall ick nu eenmal anfangen, wenn He wedderkummt!«

»He ward sick höden!« ruft Hirsekorn eifrig dazwischen.

»Un denn – denn is da noch wat« – Frau Holt blickt ihn ängstlich und eindringlich an, »ick heff den gansen Dag dar an denken mußt; wenn nu en Unglück sin sall, dat ick noch mehr Kinner krieg, un wi könt nich mal düsse ernähren – – is dat nu nich 'n Versünnigung gegen Gott un Minschen?«

Sie weint mühsam, mit tiefgerötetem Gesicht.

»Ick heff dacht un dacht, bet mi rein spiemelich worrn is. Ne, heff ick dacht, den Leckertähn will ick mi utslahn, dat bün ick min annere Kinner schullig.«

»Oach, min gode Seel!« ruft Hirsekorn, die Frau samt dem Kind umarmend, »dat sünd je all noch unleggte Eier, und wenn ook, so'n lüttjen Naschrapels wölt wie woll ook noch mit dörhollen.«

54 Die Tür springt auf.

»Dag, Moder!« schreit Hannes, der aus der Schule nach Haus kommt.

»Un Vadder!« sagt Hirsekorn lachend, indem er von der Frau hinwegtritt, die ihn hastig losgelassen hat.

Hannes, der dem guten Freund und Einlogierer die Hand hat geben wollen, weicht zurück und sieht sich mit runden Augen rechts und links um.

»Nee, achter de Döhr steiht he nich,« lacht der Krankenwärter, »kumm, Hannes, hier hest du veer Schilling, gah mal na Kröger Puhlsen und hal veer grote Eiermahns, Stück 'n Soßling un twee Buddel Beer, – denn sall Moder uns hüt Abend Warmbeer kaken.«

»Denn möt wi ook noch Eier hebben,« sagt Frau Holt, »un ick, – ick heff hüt keen Schilling, – blot 'n beten Pudersucker heff ick noch buten.«

»Hier, Hannes, hier 's noch 'n Schilling, laten Se doch, Madam Holt,« – mit einer ermunternden Gebärde winkt er der Beschämten zu; »un wenn du denn t'rügg kummst, min Jung, denn will ick di din Vadder wisen.«

Hirsekorn will Frau Holt bei der Hand nehmen.

Aber der Junge, der stumm und verbissen dagestanden und vom einen zum andern geblickt hat, zieht seine Mutter heftig am Rock zurück.

In seinen lebhaften blauen Augen beginnt es zu sprühen.

55 »Moder, wat hett de Mann seggt?« murmelt er argwöhnisch.

Verlegen schiebt ihn die Mutter nach vorn.

»Weetst noch, Hannes, wo Herr Hirsekorn di ut den Sand buddelt hett, dat di dat nich so gahn is, as Louis Kramm? hest all wedder vergeten, wo Louis in't Sark kamen is un buten op'n Kirchhoff?« ermahnt sie.

Aber der Junge schüttelt trotzig den Kopf.

»Louis un Emil hefft se rutbuddelt, mi nich, ick bün alleen rutkrabbelt.«

Hirsekorn rückt näher.

»Gah na'n Kröger und hal de Eiermahns, du sallst een ganz alleen hebben!«

Hannes versteckt sein Gesicht im Ärmel der Mutter.

»Ick mag keen Eiermahns.«

»Du dagst keen? ook good, denn rop mal din Swester rin, denn kriegt de em.«

Mürrisch öffnet der Junge die Hand und läßt die Schillinge herausgleiten, daß sie hoch aufspringen auf dem Fußboden.

»Ick heff keen Vadder, un ick will keen Vadder!« murrt er, das Weinen bezwingend, aber die Unterlippe zuckt verräterisch.

Der Mann und die Frau tauschen Blicke voll Unschlüssigkeit.

Hannes hat einen plötzlichen Einfall. Mit ängstlicher Stirn, aber strammen Schritts geht er an die Kammertür, reißt sie auf und guckt in die Schlafstube.

Da legt ihm der Krankenwärter die Hand auf den Kopf.

56 »Min Jung, muchst du denn nich'n Papa hebben?«

Hannes hebt die Schultern, schüttelt den Kopf.

»Wat is denn dat vor 'n Dings?« sagt er verächtlich. »Paaapaah!« er lacht über das langgezogene Wort, wiederholt es und lacht noch einmal.

Ein Klaps auf den Mund beendet diesen Spaß. Das war die Mutter.

»Nu is 'nog,« sagt sie in barschem Ton, »nu geihst du hen un halst in, wat di seggt is. Un wenn du wedder kummst, drinkst du mit – Vadder un Moder« – sie hat bei dem Wort Vadder errötend gezögert – – »drinkst du mit uns Warmbeer. Düsse Mann hett die nix wie Goods dahn, hier warrn keen Putzen bedreemen, – und nu mak, dat du rut kummst.«

»Nee, nee, nich so!« bittet Hirsekorn, die aufgeregte Frau begütigend, »Hannes, wenn du di schicken deihst, denn schenk ick di ook wat, – denn schenk ick di« – er besinnt sich einen Augenblick und spielt dann den großen Trumpf aus: »denn schenk ick di 'n Bloodil

Da wendet sich der Junge voll Leben nach dem Sprecher um:

»En labennige, de supen kann?«

Sein Gesicht hat sich erheitert, er sieht wieder kindlich aus.

»Ja, kumm man mit, in min Stuw, in 'n lüttje Kruk sünd se –.«

Gutwillig folgt der Kleine dem Krankenwärter, die Frau begleitet sie mit erleichterten Blicken. So freundlich ist Hirsekorn! – –

57 Später dann, da die Kinder schlafen, holt sich Frau Holt ihre Nähereien zusammen. Sie flickt für alle Nachbarn, – da ist ein Rock der Trödlerin Kudeleitz, den sie einfassen soll.

»Se deiht nix, ehr Hann' sünd to beberig, seggt se. »Ick weet woll, wovon, aber wat sall ick doröber spreken, – mi kummt dat je to Paß, dat se nich neiht un deiht.«

Hirsekorn ist bei ihr, er sucht am erloschenen Feuer nach ein bißchen Wärme. Der hört geduldig zu.

»Un nu kieken Se mal Hannes sin Strump an – dat is en Riet und Spliet, de Jung! En Lock in 'n Strump, dat dar 'n Koh ut supen kunn, – ick heff noch vor'n por Stünn' Arbeit.«

»Nu heet dat aber ›du‹«, bittet Hirsekorn zutraulich.

»Min Nam' is Jürgine, und wo heeten Se? wo heetst du?«

Sie rückt sich das trübe Lämpchen näher auf die Hand.

»Ick bün op den schönen Namen Klaas döfft.«

Da muß sie doch lachen.

»Na, dat paßt ook! 'n lüttjen dicken Klaas, dat büst du ook.«

Er streckt sich soviel er kann.

»Ick bün doch nich lütt? Fro, ick heff 'n Infall, du hest woll ook kolle Fäut, ick mak di min Füerkiek t'recht.«

»Oh,« sagt die Frau gerührt und verwundert, »dat ward mi good dohn! So heff ick dat nich hatt, – ick 58 weet de Johren nich mehr«, sie seufzt, schließt die Augen und läßt den Kopf müde hintenüber sinken.

Erst als Hirsekorn ihr vorsichtig die warme Kieke unter die Füße zu schieben versucht, erwacht sie wieder und greift hastig nach ihrer Arbeit.

»Nu rück 'n beten to,« sagt er, sich dicht neben sie setzend, »lat mi ook 'n beten mit opsetten.«

Es dauerte nicht lange, so überließ die Frau ihm die ganze Kieke.

»Ick bün all gans warm, un du pettst mi doch man op die Töhn, Klaas.«

Nun faltet er die Hände ineinander und sieht freundlich dem Stopfen zu, erteilt hie und da einen guten Rat über die Länge oder Kürze des Fadens und macht die Knoten daran, – er hat ja auch schon manche Binde genäht.

»Klaas,« sagt Frau Holt, »krieg di mal den lütten veereckten Kasten rünner, de op't Schapp steiht, un sett em mal hier op 'n Disch.«

Als der Kasten steht, wo sie ihn haben wollte, zieht sie ein schwarzes Band aus dem Halsausschnitt ihrer dürftigen Jacke.

»Un hier is de Slötel! Nu kiek mal to, wat dor in is.«

Erwartungsvoll hebt Hirsekorn den Deckel, – es ist eigentlich ein kleiner Nähkasten mit einem erblindeten Spiegel. Und darin liegen zusammengefaltete Papiere, gelblich vom Alter.

»Dat rükt na de Apthek«, sagt Hirsekorn.

59 »Dat sünd min Tügnissen ut de Kriegstieden«, versetzt die Frau mit Nachdruck. Und als er eins der Blätter entfaltet und holperig vorzulesen beginnt, nimmt es die Frau ihm aus der Hand und liest es feierlich herunter.

Das heißt, sie weiß es auswendig. Jedes Wort kennt sie genau, das da steht über Jürgine Jürgensen aus Lurup und ihre Umsicht und Unerschrockenheit in der Baracke der Blatternkranken.

Hirsekorn sperrt den Mund auf, sagt aber nichts als:

»Oh!«

Mit spitzen Fingern ergreift und entfaltet er die andern Blätter, die Wörter »Zuverlässigkeit«, »Aufopferung« wiederholen sich.

»Dat harr ick gor nich dacht«, sagt Hirsekorn kleinlaut.

Die Frau lächelt trübe.

»Se hebben recht, wat bün ick nu! Kranke wohren, dat wär min Leben, un wo good, wo dankbar sünd se west. Wi harren eenmal söbenuntwintig Kranke, all Pocken. Wi schulln egentlich afwesseln, wi wärn mit dree Mann. Een harr Angst, dat se all vorher rein Krämpfen kreeg. ›Nein,‹ seggt unse Herr Doktor, ›gehn Sie man nach Hause und melken die Kühe,‹ seggt he, ›Sie sind hier nicht brauchbar.‹ De Tweete kreeg dat in de Fäut mit Rheumatismus von all dat Liggen up de natte Eer. Nu warr ick se all alleen. Wi schulln Ersatz hebben, aber dor käm' keen Ersatz. Dat wär 'n suure Tied. Aber de all 'n beten beter wärn, hefft mi 60 hulpen, hefft utsegt un d' annern mit wat to drinken geben, – wo harr ick dat sünst woll good maken kunt.«

Wie über sich selbst verwundert, hat sie das alles erzählt. Sie starrt ins Licht.

»Ick segg di, Hirsekorn, wenn ick drömen doh, denn dröm ick, dat ick an'n Krankenbett sitt, un uns' Herr Doktor kummt und seggt: ›Jürgine, wie steht es hier?‹ Un ick heff doch Kinner hatt, un min Mann hett mi unner de Fäut kreegen, und vun all dat dröm ick niemals, nie!«

»Wie sind Sie denn zum Heiraten gekommen Madam Holt?« fragt der Krankenwärter – er nennt sie wieder »Sie«, so anders kommt sie ihm jetzt vor.

»Ja,« sagt sie und schüttelt den Kopf, »ick weet sülwst nich! Ick harr ümmer seggt, ick will nich friegen, un nu mit eens kummt de Fuhrmann Holt daher, en hübschen schieren Mann mit en krusen Bort, un so helle Muermannslocken rund um'n Kopp. He harr uns ümmer dat Stroh brocht vor unse Kranken. En beten groff wär he, aber he wäre je ook gesund, un ick harr so lang keen gesunnen Minschen in de Ogen sehn. Un denn – ick wull weg – ick harr mi doch woll to dull afreeten bi all de Kranken. Un denn – nu lachen Se mi man wat ut – ick harr mi unsen Doktor in'n Kopp sett!«

Sie lacht vor sich hin und zieht noch eifriger den Faden auf. »›Wat?‹ säd de Doktor, as ick weg wull, ›Sie wollen den rohen Menschen, den Fuhrknecht heiraten? Tun Sie es doch nicht, Jürgine!‹ ›Herr Doktor,‹ 61 säd ick, ›so Een, as Se sünd, kann ick doch nich kriegen, dat weeten Se woll.‹ Dar muß he lachen. ›Soll ich meiner Frau erzählen, was Sie gesagt haben, Jürgine?‹ ›Dat dohn Se man, Herr Doktor,‹ säd ick, ›Ehr Fro, de is good ankamen, de hett 'n goode Städt kreegen.‹ Un dar muß ick weenen.«

Hirsekorn rückt unruhig und unbehaglich auf seinem wackligen Holzstuhl hin und her.

»Nu lat man, Jürgine, nu ward dat all noch good«, er tut, als wolle er ihr die Arbeit wegnehmen.

»Och, wo kunn dat woll good warrn,« sagt sie im Ton der Verzweiflung, »ick bün jo nich scheidt un nix! Ick freu mi man, dat min Vadder dot is. De hett mi ook afradt, dat ick Holt nehmen süll. Min Vadder is 'n Wundarzt west, he harr sin eegen Hus in Lurup. Dat wär man lütt, abers eegen.

Hit 'n blanken Schild an de Doer, un in dat een Finster harr he 'n lüttje Apthek. Johren un Johren heff ick dar nich an dacht, un hüt Abend denk ick an allens. Dat Hus wurr verköfft, dat Geld wurr dehlt, min Broder is to See gahn, ick weet nich, wat he noch leben deiht. Wat ick hatt heff, dat is in alle Winde gahn, – von den Oogenblick an, dat Holt dat Geld in de Tasch harr, gung dat Elend an. He harr Snapsbröder, he harr keen Lust mehr to sin Arbeit. Ick kreeg 'n Gräsen vor em un kunn em doch nich loswarrn.«

Sie zittert und schaudert.

Hirsekorns gutmütiges bartloses Gesicht hat sich in mitfühlende Falten gelegt.

62 »Setzen Sie wieder auf, Madam Holt!« ruft er und schiebt ihr die Feuerkieke nun ganz allein hin.

Da lächelt sie ihm zu.

»Di heff ick gliek lieden mucht, as du datomal mit Hannes un den lütten Louis ankamen büst.«

»Dat heft du, dat kunn ick di an de Oogen ansehn. Und min Verdeenst is ook nich gans slecht«, macht er zuversichtlich.

»Aber, – scheidt mutt ick warrn!«

Er kratzt sich hinterm Ohr.

»Dat gifft Schrieberi un Schickeri un denn de Kosten. Un denn mutt dat töben, bet he herkummt! He is jo weglopen! Und wenn de Polezei erst mal ehr Näs' da in steken deiht, – nee, wi möt' töben. Mit dat Scheiden, meen ick«, setzt er hastig hinzu. »En Minsch, de nich dor is, kann doch nicht scheidt warrn.«

»Je, Hirsekorn, dat is nu so, – aber die Kunstabler Möller seggt, wenn ich villicht klagen däh, wegen böswillige Verlassung« – –

»Dat kunn angahn.«

Hirsekorn zieht nachdenklich an den Worten. »Denn ward he von Polezei wegen opropen, un wenn he denn nich kamen deiht« – –

Frau Holt ist während der letzten Worte immer blasser und ängstlicher geworden, ihre Blicke gehn gradaus, als sähe sie etwas Unabwendbares, Schreckliches.

Die Hand mit der Nähnadel sinkt auf den Tisch:

»Wenn he nu aber doch kummt? Un wenn de Polezei nu seggt, – ick sall em behollen?«

Plötzlich überzieht fiebrische Röte ihr Gesicht.

63 »Denn gah ick mit min Kinner to Water an«, keucht sie, wild um sich blickend.

Hirsekorn klopft ihr beruhigend den Rücken.

»Kumm, kumm! He is je gor nich dar! He mutt blot nich ropen warrn, segg ick! Un de Polezei, dat is so 'n rechten ollen Röhrum.« – –

»Verlat mi nich!«

Die Frau stammelt es; zusammengebrochen wie sie ist, hält sie sich an seinem Arm fest. »Ick kann nich anners, ick kann min eenzigsten Fründ nich vor de Dör setten.«

»Dat segg ick ook!«

Hirsekorn nickt feierlich. »Wanneer sall ick intrecken, hüt oder morgen, Jürgine?«

»Morgen, in Gotts Namen!« Und seufzend nimmt sie ihre Näharbeit wieder auf.

* * *

Heute, vierzehn Tage vor Weihnachten, hat der Dom angefangen, der lustige Hamburger Dom.

Ist das ein Leben auf den Straßen, die nach St. Pauli hinausführen, den ganzen Nachmittag schon. Alles krabbelt und wimmelt von Kindern; Kinder, die noch auf den Armen getragen werden, – Kinder, die sittig an der Hand von Papa oder Mama gehen und nur die Hälschen erbärmlich verdrehen, weil es auch gar zu viel zu sehen gibt, – Kinder allein, in kleinen Trupps, frei und ledig, überallhin zu laufen, wo ein kettenrasselnder Wilder, ein trommelnder Affe, eine 64 bunte Schießbude sie von fern lockt und zu gaffen, zu gaffen, bis ihnen die lustigen wundernden, lachenden Augen übergehen, – Kinder als Verkäufer, mit Hampelmännern und Weihnachtslichtern, kleine, ärmliche, schüchterne Anfänger, die nur leise vor sich hinwinseln, und unternehmungslustige, keck und sicher blickende Geschäftsleute von zehn bis vierzehn Jahren, die zu jedem Kauf noch einen Witz mit dreingeben und die weder der beißende Ostwind noch der dörrende Staub anficht.

Eigentlich gar kein Domwetter, überhaupt kein Winter heute, ein heller, windiger Tag mit weißen Wolkenstreifen an einem lichtblauen Himmel, mit spöttischen Sonnenblicken über die letzten braunen Blätter hin, die nur noch aus Gewohnheit, ohne Leben und Saft, kopfunter an dürren Stielen von den Zweigen baumeln. Die Omnibusse wirbeln graue Wolken hinter sich her, die Spaziergänger jagen den Staub auf, als wäre es März.

Auf dem Spielbudenplatz, zwischen den klappernden, flatternden Leinwandbuden steht die Menge Kopf an Kopf, alle dem Winde entgegen, der in ganze Alleen von Nasenlöchern hineinbläst, die gen Himmel gerichtet sind.

Es schwebt etwas da droben, ist's ein Vogel oder ein Luftballon? Nein, ein Luftballon. Steigt er auf, oder läßt er sich herunter? Das muß man doch herauskriegen!

Derweil geht hinter ihnen in ungewöhnlich feuriger Pracht die Sonne unter, blutrot zwischen den tief 65 violetten Wolkenstreifen. Pah, die Sonne! Alltäglicher Anblick, keiner wendet den Kopf danach um.

Schnell verbleichen die Farben; ein tiefes und durchsichtiges Schwarzblau, wo eben noch alles von Gold und Purpur flammte. Aber die Gaslaternen der Buden und Läden, die bunten Lämpchen der Weihnachtsbazare und Biergärten, die offenen Fackeln, die den Eingang zu so mancher Sehenswürdigkeit weisen, gewinnen plötzlich Kraft. Und das künstliche Licht bringt ein ganz neues Leben in die Stimmen der Ausschreier und Verkäufer, die Tambourins klappern stärker, die Musikorgeln übertönen einander, die Laute aus dem Affentheater werden immer dringender, immer auffordernder, das Trommeln, Klingeln und Kettenrasseln macht gewöhnliche Rede unverständlich.

Frau Holt muß sich immer zu Herrn Hirsekorns Mund bücken, wenn er ihr mit seiner halbleisen Stimme etwas mitzuteilen hat, und da er noch obendrein den Jüngsten trägt, so geht ein gut Teil Lungenkraft in dessen rotkarriertem Mäntelchen verloren. Und Hirsekorn möchte doch gern, daß sie alles sähen, seine Frau Holt und die zwei kleinen Mädchen, die an ihren Kleidern hängen, – alle Augenblick gibt es einen kleinen Stillstand, ein Verständigen durch Zuwinken und Lachen, ein vertrauliches Zueinanderbeugen, wobei die Mutter jedesmal auch dem kleinen Armkind mit liebkosender Hand über das Bäckchen fährt.

»Nee, si man still, Jürgine, he is gans warm, ick holl em ümmer gegen den Wind. O, lütt Broder, kiek mal, lütt Broder, wat dar nu wedder los is! Kinners, 66 wölt wi mal Wust köpen? Guschen, hest Apptit? Na, denn mal ran mit alle Mann!«

Der fliegende Wursthändler in seiner weißen Jacke und Mütze entfaltet aber auch eine poetisch-musikalische Beredsamkeit, die man weithin hört:

»Die Wust, die smeckt so fein, das is was für uns' Hein!«

»Aber für uns' Anna auch«, sagt Hirsekorn und sieht erwartungsvoll zu, wie in dem dampfenden Kessel für seine kleine Schar gefischt wird.

»Die Wust is schön un warm, die is gemacht für Reich un Arm.«

»Nu man her damit!« sagt Hirsekorn.

»Sie is für Jung un Alt, kommt her, sonst wird sie kalt.«

»Je, ick stah hier je all 'n Viertelstünn!«

Hirsekorn macht mit seinen Bemerkungen alle Leute ringsum lachen.

»De Wust kann jeder eeten, de smeckt so Hans as Greten.«

»Un uns' lütt Broder ook.«

Hirsekorn steckt dem Armkind den warmen Wurstzipfel in das zahnlose Mäulchen; mit ahnungsvoll aufgerissenen Augen beginnt es daran zu saugen.

»Wenn doch nu Hannes ook bi uns wör.« Frau Holt unterbricht sich im Essen, um suchende, sehnsüchtige Blicke nach rechts und links zu werfen.

Hirsekorns munteres Gesicht überzieht ein Schatten, eine Verlegenheit.

67 »Wenn he doch nu lewer mit sin Kameraden tosam geiht, Jürgine –«

»He is to wehlig, un de ol Emil Bach is mi gor nich recht, gor nich – –«

Hirsekorn sieht immer noch verlegen drein.

»Ick heff em seggt, Hannes, du geihst mit uns –« – Frau Holt schüttelt den Kopf.

»Den Eegensinn mutt man keen Opwater geben; – so 'n halfwassen Jung un seggt ›ick will nich‹.«

Hirsekorn blickt die Frau besänftigend an.

»Arger' di nich, Jürgine, – ick segg – allens in'n Gooden – –«

»Kuddelmuddel, Kuddelmuddel un nichs in' Buddel!« schreit es so dicht an seiner Schulter aus dem Munde eines Karrenmannes, daß er kopfschüttelnd abbrechen muß.

Vor dem Affentheater steht ja ohnedies alles still; das kleine Mädchen im kurzen roten, goldflittrigen Röckchen und Turban, das so gewandt grüßt und knickst und nach allen Seiten Kußhändchen wirft, bald mit goldenen Kugeln und bald mit brennenden Fächern Fangball spielt, übt eine große Anziehungskraft auf die Kinder.

Frau Holt blickt sie zuerst bewundernd, bald aber erschreckend an:

»Nu kiek mal, Klaas, dat is doch too dull, hier is Mile Kudeleitz, un ehr Olsch sitt an de Kaß', mang de Apen.«

68 »Wölt wi rin gahn?«

Hirsekorn klimpert vergnügt mit den losen Schillingen, die er für den Dom beigesteckt hat. Er steht schon auf der obersten der drei rohen klapprigen Holzstufen, erwartungsvoll dreht ihm die Frau am Eingang den mit vielen Rosen gezierten Hut entgegen.

Aber Frau Holt greift nach seinem Rockschoß:

»Nee Hirsekorn, kam du man, wo de Olsch vor de Dör sitt, dar kriegst du mi nich rin.«

Die Kudeleitz wirft ihr einen bitterbösen Blick zu, sie hat, wenn nicht die Worte, doch die Bewegung verstanden. Plötzlich springt sie auf, beugt sich über die Latte, die das Geländer vorstellt und schreit mit ihrer kreischenden Stimme hinunter, während sie auf Hirsekorn deutet:

»Sie, Madam, gehört der kleine Mann Ihnen zu? Ich mein', Sie hatten vorigs Jahr 'n andern Kerl?«

Niemand versteht, was das heißen soll, niemand als die Getroffene. Die andern lachen, sie meinen, es handle sich um einen harmlosen, aufs geradewohl ins Publikum geworfenen Witz, wie sie in dieser Zeit nichts Ungewöhnliches sind.

Frau Holt aber hat den Kopf tief gesenkt und die Zähne zusammengebissen. So stürmt sie vorwärts durchs Gedränge, wo alle sie spottend, neugierig, zudringlich zu betrachten scheinen.

Hirsekorn kann ihr kaum folgen mit dem Kinde auf dem Arm.

»Jürgine! Herrjes, loop doch nich so!«

Er hat natürlich nichts gehört. Oder doch?

69 »Ach, Klaas, so und so hett se seggt.«

»Kiek! kiek! na, arger' di man nich, min goode Deern!«

»Ach du lewer Gott, op de apenbare Straat! Wat bün ick denn für een, dat se sick dat ünnersteiht«, jammert die Frau in der leeren Seilerstraße, in die sie instinktmäßig eingebogen ist. »Nee, Klaas, nu is mi allens verleid't, nu lat uns to Hus gahn.«

»Un ick segg, nu erst recht nich, Jürgine!«

Hirsekorn stellt sich breitbeinig auf. »Is dat nich de Versettersch, de Kehlstekersch? Un vor so'n Minsch wullst du di verkrupen

»Ach, Klaas, wenn ick noch wör', as ick west bün!«

Hirsekorn wird kleinlaut, wie immer, wenn die Frau auf dies Thema gerät.

»Je, wenn du denn nich wullt« – seufzt er.

»Ick will woll, aber ick kann nich. Ick mag mi nich vor Minschen sehn laten. Mi is dat rein, as gung ick hier in' blanken Hemd.«

Sie hat Tränen in der Stimme.

»Na, denn wolt wi bloß noch Hannes mit to Hus nehmen, und denn in Gottes Namen.«

»Ach ja, Hannes! Du denkst ümmer an allens, Klaas, beter as ick. Giw mi nu den Lütten, und lat din Oogen rum gahn – ick bün all in de Angst, bet wi em in all den Trubel to faten kriegt.«

Ja, das ist nun wirklich nicht so leicht. Das Gedränge nimmt zu, je weiter der Abend vorrückt.

70 Häßliche Gesichter tauchen auf, bartlose blasse oder gedunsene rote Köpfe mit frechen Augen und rohen Worten auf den Lippen, die in Banden daherziehen, rücksichtslos nach rechts und links mit den Ellbogen arbeiten, am liebsten gegen den Strom, künstliche Stauungen verursachen, indem sie sich mit gespreizten Beinen mitten im Weg aufpflanzen, den Mädchen in die Ohren kreischen oder sie roh belästigen, den Kindern Fratzen schneiden oder ihnen gar das Spielzeug aus der Hand schlagen, um sie ins Schreien zu bringen.

Immer mehr verschwinden die lustigen Kindergesichter von der Straße, St. Pauli gehört dem »Hamburger Buttje«, den Straßenjungen beiderlei Geschlechts, dem Matrosen, der betrunken von einer Kneipe zur andern wankt.

In der Kasparbude ist die letzte Vorstellung beendet, die Frau geht mit dem Zinnteller sammelnd umher, der Mann packt zusammen. Das Wachsfigurenkabinett könnte auch schließen, wenn es nicht die beiden geköpften Mörder in der Separatausstellung hätte, die ziehen noch immer. Selten, daß noch einer an den »Kraftmesser« tritt, um seine Stärke zu zeigen, – gefüllt sind die Trinkhallen und Singhallen mit ihrem internationalen Fahnenschmuck und den Kränzen von Papierblumen und gefärbtem Moos, die in Kopfhöhe die nackten Bretterhütten durchziehen, – auch die zweifelhaften Schönen der zahlreichen Schießbuden erfreuen sich einer regen Aufmerksamkeit.

»Wo is Hannes!«

Wo mag der Junge stecken? Frau Holt schwört 71 sich's zu: nie und nimmer läßt sie den kleinen Bengel wieder allein in dies gefährliche Gewühl. Er ist doch erst zehn Jahr, und wenn er auch stark und vernünftig ist –

»Klaas, Klaas! harr ick em doch nich gahn laten!«

Die kleine ängstliche, kränkliche Anna, die eingewickelt wie ein Paketchen an Hirsekorns Arm hängt, streckt plötzlich das magere Zeigefingerchen aus:

»Da is Emil Bach.«

Und richtig, dort von der Ecke her tönt eine schlingelhafte, hohe, überschnappende Stimme:

»Stück vor Stück vor'n Soßling, de Ziehgarn – de Spitz' heff ick all afbeten

In einem Kreis von Lungerern und Käufern an seiner Karre steht der dünne rotnasige Schelm und beißt noch immer Spitzen ab mit den sehr gesunden scharfen Vorderzähnen, die weiß blinken wie bei einem jungen Hunde. Und Anna hat ihn zuerst gesehen.

»Hannes, Hannes, wo büst du?«

Eine neue Angst packt die Frau, – Hannes ist nicht zu sehen. Aber doch, – ja, – nun!

»Gott Lob und Dank! he krupt ünner de Karr rut!«

»Go'n Dag, Mutter, – go'n Dag, Herr – Hirsekorn!«

Hannes schluckt an dem Namen, als wäre er ellenlang. In seinem halb trotzigen, halb verschämten Gesicht steht es ganz deutlich geschrieben, daß er weiß: sie erwarten eine andre Anrede von ihm.

72 Aber Hirsekorn ist so freundlich und geduldig. Er legt ihm die Hand auf den Kopf.

»Nu kumm, min Söhn, wi hefft all Angst und Bang hatt, nu kumm to Hus!«

Hannes läßt die Unterlippe hängen.

»To Hus? nu all? wi hefft je noch lang nich utverköfft.«

Er wendet die Augen nach der Karre.

»Kumm, kumm! keen Sperenzen, Hannes.«

Frau Holt faßt ihren Jungen fest am Ärmel.

Hirsekorn möchte so gern vermitteln.

»Wokeen hört de War to?« fragt er zu Bach hinüber.

»Wokeen? De? ick – verkoop de Ziehgarn« – der Junge zwinkert etwas mit den Augen. »Pröben Se mal, allens pükfeine Havannas, de Spitz' heff ick all« – –

Er vollendet den Satz nicht, er wirft plötzlich die Zigarren, die er in der Hand hält, auf die Karre, als ob sie ihm die Haut verbrennten, seine Augen werden rund, verdrehen sich nach oben, mit offnem Mund starrt er noch einen Augenblick.

Dann tut er einen Satz rückwärts und durchbricht den Ring der Umstehenden.

»Jung? wat fallt di in?«

Hirsekorn will ihn halten; mit einem Ruck entreißt der Schlingel ihm den Jackenzipfel.

»Laten Se mi gahn, – ick, – ick – bün nich gans unwohl – mi – mi – mi is nich good woorn« – –

Er springt hoch auf, duckt sich und ist in der Menge verschwunden.

73 Im gleichen Augenblick legt sich von der andern Seite herüber eine schwere große Hand auf die Schultern von Hannes Holt, ein Stock mit goldnem Knopf fuchtelt umher.

»Platz da!«

Ein dicker rotbärtiger Konstabler drängt die Leute beiseite, um einem zweiten Manne Raum zu machen, der in Spannung und Aufregung seine Schirmmütze auf dem Kopf hin- und herschiebt, mit zappelnden Bewegungen an der Karre auf und nieder guckt und mit Händeschlagen und beschwörenden Redensarten sein Eigentumsrecht geltend zu machen sucht.

Frau Holt zittert an Händen und Füßen.

»'s is meine Ware! Herr Polizeiherr, wie ich Ihnen sage! Ich werd doch kennen meine Karre, wo ich bin mit gefahren über fufzehn Jahr! Fragen Sie, wen Sie wollen in der zweiten Elbstraße, ob sie nich kennen den kleinen Nathan, mein Nam' is Nathan, mit de billigen Zigarren.«

Die schnellen, dunklen, rotgeränderten Augen fahren umher:

»Herr Polizeiherr, was haben Sie mit 'n Jung? lassen Sie den Jung los«, sagt Nathan, den angstvollen Blick der Frau beantwortend, die sich zu Hannes durchgearbeitet hat und beinahe schon hinter ihm steht.

Der Konstabler wendet kaum den Kopf nach dem Sprecher.

»Wo kummst du to düsse Karr? und dat du mi de Wohrheit seggst, Slüngel!« brüllt er Hannes an über die Karre hinüber, – er hält ihn fest an der Schulter.

74 Aber der Junge, obwohl rot vor Überraschung und Unwillen, sieht nicht aus, als ob er weglaufen wolle; nur daß er nach rechts und links späht, um Emil Bach zu entdecken.

Immer mehr Leute stehen herum und horchen.

»De Karr' hört en Annern to«, sagt Hannes unsicher und verwirrt, weil er Emil gar nicht finden kann. Und dann wundert er sich sehr über das laute Gelächter von allen Leuten, besonders der Konstabler hat so höhnisch gelacht.

»Hannes, min Hannes! ach Hirsekorn!« jammert die Mutter hinter ihm.

»Dat magst noch seggen?« donnerte der Schutzmann, »hier steiht de Mann, de se tohört, und den du se stahlen hest!«

»Stahlen?«

Hannes ruft es mit gerunzelter Stirn, seine Mutter mit verzweifelndem Aufschrei.

»Herr Polizeiherr, lassen Se den Jung los, es is vielleicht nich der rechte!« bittet Nathan, der sich bemüht, in die durcheinander geworfenen Zigarren etwas Ordnung zu bringen.

»Hest du die War' hier verköfft?« fragt der Konstabler den Kleinen.

Hannes sieht ihn groß an.

»Ja.«

»Hest du de Karr' von die tweete Elbstraat hierher föhrt?«

»Nee.«

75 »Na, wenn du lüggst, denn man gliek op de Wach mit di.« Der Schutzmann wird ungeduldig.

»Hannes, segg de Wohrheit!« ermahnt ihn die schluchzende Mutter.

»Ick segg de Wohrheit.«

»Du hest de Karr' hier funnen?«

»Nee, Emil Bach säd erst, ick schull na'n Tüghusmarkt kamen, he stun op de Hütten, und as wi dor keen Köpers kreegen, hefft wie de Karr' hierher trocken

Der Konstabler und der Eigentümer sehen sich kopfschüttelnd an.

»Er soll's Geld hergeben, was er hat eingenommen für meine Zigarren, und nachher soll man ihn laufen lassen«, murmelt Nathan, der mit trüben Blicken die vielen abgebissenen Spitzen betrachtet und einen Überschlag über den Schaden macht.

»Wo is dat Geld? krempel' mal de Tasch üm!« wiederholt der Konstabler.

»Das Geld? dat heff ick Emil geben.«

Hannes sieht immer verwirrter und verwunderter aus, aber so aufrichtig!

»Aha! so is die Geschicht. Na, denn will ick di man seggen, dat Emil utrückt is, as so'n Gaudew tohört!«

Hirsekorn sucht sich dem Konstabler verständlich zu machen, aber der hört ja gar nicht.

»Dat is nich wahr!«

Dem kleinen Burschen steigen Zorntränen auf. 76 »Wat weetst du davon?« und er macht ein bitterböses Gesicht gegen den Pflegevater.

»Soll ich kommen um mein gutes Geld von wegen so zwei Schnösels? Herr Polizeiherr, ich bitt' Se in Gottes Namen, führen Se den Jung auf de Wach', wird er sagen, wo er is geblieben mit mein Geld und meine Zigarren!«

»Hannes; besinn di doch! vertell de Geschicht orrentlich! Segg den Herrn, de de Karr' tohört, dat de Slüngel von Emil Bach di do düt Stück anstift' hett!« ruft die Mutter ihrem Jungen in die Ohren.

Aber es hilft nicht, Hannes will nichts sagen; er wartet immer noch auf Emil.

»Emil Bach hett seggt, düt sind sin Zigarr'n, he hett se to verköpen, und ick heff hulpen.«

Dabei bleibt er.

»Ach Hannes, Hannes! nu kummst du op de Wach! Nu mußt du sitten. Wat ward din Lehrer seggen, Hannes, und wat sall ick woll anfangen, wenn du so wat utäuwen deihst!«

Ja, was nützt das Weinen! Unter immer wachsendem Zulauf nimmt der Konstabler den Jungen an die Hand, Nathan mit der Karre muß hinterdrein, und Hannes' Familie folgt freiwillig bis zur Wache auf dem Zeughausmarkt.

Hannes ist ruhig und zuversichtlich: Emil wird wohl wiederkommen, und dann wird es sich zeigen, daß er nicht gelogen hat.

»Ick gah mit rin, Jürgine, ick warr doch den dummen Jungen nich in de Patsch sitten laten.«

77 Hirsekorn drängt sich hinter Nathan drein, händereibend steht er zuerst vor dem Polizisten.

»Je, sehn Sie mal, wi en Mensch ungerechter Weise in Verdacht kommen kann. Dieser Jung hier, dieser kleine Hannes Holt is bei eine Karre gefunden worden, die diesen Herrn Nathan hier zuhört und ihm so zu sagen, abwendig gemacht worden is, – der Dieb, der sie wirklich gestohlen hat, is ausgekniffen, – ich hab ihn mit meine eignen Hände festhalten wollen, aber er hat sich losgerissen.«

»Wer sünd Sie?« fragt der Polizist von oben herunter.

»Ich bin – ich kenn' den Jung hier sehr gut – der Jung tut nichts Unrechtes – ich wohn' bei seine Mutter – ich bin so zu sagen – –«

»Was sind Sie, so zu sagen?« herrscht ihn der Polizeimann an.

»– Krankenwärter, mein Name is Hirsekorn.«

Der furchtsame kleine Mann tritt unwillkürlich in den Schatten zurück. Wenn man ihm so kommt – –

Hannes wird untersucht. Kein Schilling in seinen Taschen, nichts als ein Messer mit abgebrochener Klinge, einige Bindfäden und zwei Ochsenzähne.

Nathan lamentiert. Der wirkliche Dieb scheint also entkommen zu sein.

»Emil ist kein Dieb«, ruft Hannes trotzig.

Aber er ist so klein und hat sich so einfältig gezeigt, daß niemand mehr von seinen Worten Notiz nimmt.

Hirsekorn gibt das Signalement des langen Emils, 78 und er scheint hier Bekannte zu haben. Der Konstabler lacht den andern Polizisten so bedeutungsvoll an:

»Is das nich derselbe Name – – Kehrhahn, Se weeten woll? – –

Hirsekorn rückt wieder näher. Darf er »den Lütten« denn nun mit nach Haus nehmen? Seine Mutter steht draußen, seine Mutter ist so in der Angst.

»Erst müssen wir ihn wenigstens aufschreiben, haben Sie man Geduld.«

So wird denn Hannes genau »aufgeschrieben«, und Hirsekorn nützt alles Hinter-den-Ohren-kratzen nicht, auch er hat Namen und Adresse zu hinterlassen. Weiß Gott, was für ein Unglück noch daraus entstehen kann.

»Und wenn Sie mit dem Jungen hier vorgeladen werden, ich will mal sagen morgen oder übermorgen, denn kommen Sie man ja und ja, sonst kost' das Strafe.«

Mit diesem Trost auf den Weg darf er ziehen. Ach ja, Frau Holt hat recht, sie sind nicht wie andre Leute. Niemand hat gern mit der Polizei zu tun, aber sie, die immer fürchten müssen – –

Mit einem Seufzer winkt er dem Unglücksjungen:

»Na, Hannes, denn kumm man.«

Aber der beachtet nicht einmal die ihm dargereichte Hand, es wäre doch auch zu albern, wenn er, Hannes Holt, noch an der Hand geführt werden müßte. Während sie das Wachlokal verlassen dürfen, deponiert noch der kleine Nathan mit großem Geschrei, die ihm abwendig gemachte Summe. »Es ist keine Kleinigkeit.«

Wie sie durchfroren sind, Mutter und die Kleinen, die ihnen da draußen von der Ecke her entgegenstürzen! 79 Wie Frau Holt ihrem trotzigen und in aller Hartnäckigkeit fast lachenden Hannes in die blauen Augen sieht! Nicht daß es ihm danach zu Mut wäre, aber wenn er nicht grinste, wüßte er nicht, wie er das Kribbeln in den Augen und der Nase verbergen sollte, das ihm dahineingestiegen ist, seit er seine Mutter wiedergesehn hat.

»Wenn ick nich dar west wör, denn harr dat slimm warden kunnt!« Hirsekorn ist wieder mutig hier draußen.

»Ha!« macht der Junge. Es ist, als hätte er dem Pflegevater grade heute zeigen wollen, wie wenig er auf ihn hört.

Die Mutter faßt es so auf, ihr Gesicht ist voll Besorgnis und heimlichem Kummer: wird der Junge seinen Starrkopf wohl jemals beugen? Ja, wenn Hirsekorn ein andrer Mann wäre, wenn er ihm nur einmal den Meister zeigte. Aber der! ist es nicht, um unwillig, ja wütend zu werden, daß der kleine Mensch nie aus dem sanften Ton herauskommt? Der sanfte Ton, mit dem er jetzt vorschlägt, statt nach Haus in den schönen Weihnachtsbazar zu gehen »mit alle Mann hoch«, um ein Glas Glühwein zu trinken und sich tüchtig durchzuwärmen, während der große himmelhohe Tannenbaum brennt und die schwedische Sängergesellschaft in rotem Wams und Mieder die traurigsten Lieder singt.

»Ick find' nich, dat Hannes so'n Vergnäugen verdeent hett, hüt Abend«, meint die Frau zögernd.

Der Kleine, dessen wundernde Augen über den prachtvollen lichterfüllten Eingang der Halle in 80 Sehnsucht und Freude übergehen wollen, wird plötzlich wieder ernst und verbissen:

»Emil Bach is kein Dieb!« ruft er, »das hett er mir all lang gesagt, wenn er die Zigarren gestohlen hett.«

»Un so unartig bist den ganzen Abend gewesen,« die Frau spricht der größeren Feierlichkeit wegen Hochdeutsch, »gib wenigstens Herr Hirsekorn die Hand, und bitt' um Verzeihung.«

»Denn kann ick je man to Hus gahn, wenn ick dat nich verdeent heff«, murmelt der Junge sich abwendend.

»He is möd' und kolt und hungrig, wenn he wat in'n Magen kriegt, besinnt he sick woll.«

Und freundlich schiebt der kleine Krankenwärter seine frierende Herde in den strahlenden Korridor, wo es singt und klingt und die vielen, vielen Gläser klappern.

Nein, Hirsekorn ist zu gut. Ganz übernommen davon beugt sich Frau Holt zu Hannes nieder und flüstert ihm mit Grabesstimme ins Ohr:

»Paß op, Hannes, na so'n Trotzigkeit ward noch wat kamen; denk an din Moder, de du hüt Schann' makt hest.«

Nun läßt er doch den Kopf hängen, nun hört er nicht auf das Jubeln der Schwestern, noch auf die Stimmen der bunten Schwedinnen.

Es ist ihm so sonderbar zu Mut, – forschend sieht er nach der Mutter, wie sie nun alle einen Platz gefunden haben, gar nicht weit von dem großmächtigen Tannenbaum. Er meint, sie sei recht böse mit ihm, ganz 81 ungerecht. Er kann sich gar nicht besinnen, wieso er unartig gewesen ist. Ruhig und vergnügt hat er mit Emil an der Karre gestanden, zusammen haben sie Spitzen abgebissen und ausgeschrien und verkauft, – plötzlich sind sie über ihn hergefallen, haben ihn gezerrt und gestoßen, angeschrien und geschimpft – soll man da nicht trotzig werden? Und Emil ist doch kein Dieb, und wenn sie es doch immer wieder sagen, so will ich auch ihren Glühwein nicht!

Ha, da wird er schon gebracht, zwei große hohe Gläser voll, und wie durchsichtig rot das schimmert und so merkwürdig gut riecht! Glühwein muß sehr herrlich schmecken. Er weiß erst seit einer halben Viertelstunde, daß es so etwas Hübsches, Rotes, Duftendes auf der Welt gibt. Und wie warm mag das inwendig machen.

Eben will er aus dem Glase trinken, das ihm Hirsekorn zugeschoben hat, da sagt seine Mutter:

»Je, willst di denn ook schicken Hannes? Hest di ook all bedankt bi din Papa?«

»Ick will gor nichs,« sagt Hannes, »ick will keen Glühwein.«

Er schiebt das Glas weiter, seine Lippen zucken, – er ist ihnen so böse, so böse, wenn sie noch ein Wort sagen, kann er sich nicht mehr halten, es kribbelt ihm schon wieder so die Nase, wie auf der Polizeiwache.

Und wirklich, sie tut es, die Mutter nimmt ihm mit einem Seufzer das Glas fort und läßt Guschen trinken! Er soll also nichts bekommen.

82 Die Schwester gluckst und schluckt, – keinen Tropfen wird sie ihm übrig lassen. Natürlich nicht, er hat ja gesagt, er möchte nicht.

O wie böse er ist auf sie alle. Er möchte weglaufen und nie wiederkommen, zu Emil Bach, ja zu dem, auf den sie alle loshacken, – man kann weglaufen, und nachher auf ein Schiff steigen und nach Amerika. Emil hat schon zweimal davon gesprochen, Mile Kudeleitz war auch dabei und hat gesagt, sie wollte mit, sie könnte schon Kartoffeln kochen.

Wenn er nur erst draußen wäre, – Emil muß wohl zu finden sein. Da, auch das zweite Glas ist schon halb leer, und seine Mutter, die mit ihm so böse und ungerecht ist, diesem Herrn Hirsekorn lächelt sie eben ganz freundlich zu und läßt das Armkind die Händchen nach ihm ausstrecken. Hirsekorn läßt nämlich einen Hampelmann auf dem Tisch tanzen; ha, so'n dummen Hampelmann könnte Hannes ja selbst machen, wenn er nur Pappe und Farbe hätte, er weiß ganz genau, wo die Bindfäden befestigt werden müssen.

Die Wut übermannt ihn: auf einmal schlägt er mit dem Handrücken gegen das Spielzeug, es fliegt weit übern Tisch weg, der Pflegevater sieht ihm nach, er weiß wohl gar nicht, woher der Schlag gekommen ist, die kleine Anna hat sich schon gebückt und es aufgehoben.

Aber die Mutter mustert ihn erschrocken und kummervoll:

»Hannes, ick weet gornich, wat ick von di denken sall, – hest du dat mit Willen dahn?«

»Wat?«

83 Er versucht seine ärgerlichen Augen gradeaus zu richten, aber er fängt an zu blinzeln, es gibt nichts Schwereres als lügen.

»Ja«, sagt er frech und lacht so höhnisch, wie Emil Bach, wenigstens soll es so aussehen; er will ihnen zeigen, daß er sie alle nicht mehr leiden mag, kein bißchen mehr, komme danach was wolle.

Da, ganz plötzlich, sieht er grade hinter seiner Mutter, an der Estrade, auf der die schwedischen Musikanten sitzen, einen Mann angelehnt, und der lacht auch. Starrt herüber und lacht mit einem bösen heimtückischen Grinsen von einem Ohr zum andern.

Der Junge reißt die Augen auf, dann kneift er sie zusammen, er hat ein Gefühl, als ob ihn jemand da vorn an der Kehle gepackt habe und sie ihm langsam zudrücke. Ein Schrecken, vor dem er eiskalt und so schwer in allen Gliedern wird, daß seine Fußsohlen wie angenagelt auf dem Boden stehen, seine Hände sich nicht vom Tisch erheben können. Er möchte sie sich vor die Augen halten, um das schreckliche böse Gesicht nicht zu sehen, es hat eine rote flammende Narbe über der Stirn und große weiße Zähne, von denen der verwilderte blonde Bart ganz zurückgezogen ist. Und jetzt winkt er ihm mit den funkelnden Blicken, und jetzt hebt der Mann die Hand, um zu winken.

Hannes meint, das sei das Schlimmste! es friert ihn über und über, Auge in Auge hält er sich mit dem Mann dahinten, dessen Gesicht ganz blutrot wird. Weil er nicht kommt, sich nicht rührt. O, der kann lange winken.

84 Aber auf einmal fällt ihm ein, daß es noch viel, viel schlimmer werden kann, und das kommt daher, weil Mutter, die wieder mit dem Kleinen und mit Hirsekorn sich beschäftigt hat, zufällig ein bißchen den Kopf umwendet. Wenn sie sich vollends umdreht, dann sehen sie sich, und dann – – –

Es scheint sehr schwer, aber es glückt ihm doch, – Hannes ist aufgestanden. Er schiebt sich langsam an seine Mutter heran, er stellt sich hinter ihren Stuhl; wär ich noch mal so breit wie ich bin! denkt er ängstlich.

So, jetzt schneidet er ihr die Aussicht nach rückwärts ab, er hat seinen rechten Arm auf ihren Stuhl gelegt, er fühlt sich so mutig, so stark, – wenn er sich nicht schämte, möchte er sich um ihren Hals hängen, wie die Kleinen.

»Na, Hannes, wullt di wedder schicken? dat hett ook lang genog duert.«

Ihre Stimme wird sanft, sie fährt ihm übers Gesicht. »Büst je gans kolt, min Jung, wullt du nu mal drinken?«

»Ja«, machte Hannes ganz leise und beschämt, seine Zähne schlagen an das Glas, wie er die Neige Glühwein austrinkt.

* * *

Aber dann, im Bett, kann er nicht einschlafen, und das ist das erstemal in seinem Leben.

Er ist doch den ganzen Tag auf den Füßen gewesen, und als sie nach Hause kamen, waren seine Glieder so müde und sein Hals ganz schmerzhaft; er hat nämlich 85 alle zwei Schritte den Kopf umgedreht, immer kam es ihm so vor, als wären große Stiefel hinter ihnen: klick! klick! klick! auf den staubtrocknen Straßensteinen. Und an der Wand, von einem Haus zum andern glitt ein Schatten mit, der ihm mit Kopf und Hand Zeichen machte.

»Hannes hett noch ümmer nich nog von'n Dom«, neckt ihn Hirsekorn.

»Ick? doch!« ruft Hannes unwillkürlich, dann verstummt er schnell und drückt sich dichter an die übrigen. Die kleinen Mädchen sind so müde, sie lassen sich ziehen wie ein paar Sandsäcke. Der Jüngste schläft auf des Pflegevaters Arm, den Kopf auf seiner Achsel. Hannes muß zu allerallerletzt gehen, – einmal, als die großen Stiefel so nahe kommen, als wollten sie über ihn wegsteigen, fängt er aus Leibeskräften zu pfeifen an. Der Weg wird kürzer davon, und man hört die Fußtritte nicht so. Am ärgsten ist dann noch der dunkle Vorplatz gewesen, weil kein Mensch gesprochen hat; Hannes hat gedacht, nun sei Er mit zur Tür hereingekommen, nun würd Er über seine Mutter herfallen und sie bei den Haaren packen, wie er das schon einmal gesehen hat.

An demselben Abend, da Er weggegangen und nicht wiedergekommen ist. Und nun, nun wird Er wiederkommen?

Hannes zittert in seinem Bett, – es ist still drinnen, nur nebenan in der Kammer atmet seine Mutter ganz tief und langsam, und draußen an den Fenstern und Dächern raschelt und fingert der Wind. Als ob er durch die Wand sehen könnte, sieht er seiner Mutter Gesicht 86 auf dem Kissen liegen, ganz weiß, mit starren Augen und zusammengebissenen Lippen. So hat sie damals in der Ecke gestanden, steif aufrecht an die Wand gedrückt, und Er hat an ihrem Rock gezerrt und sie da auch weg haben wollen. Keine Stelle konnte sie finden, wo Er sie in Ruhe ließ. Hannes kommt es so vor, als habe er selbst hinter der Mutter gestanden und geweint. Er schämt sich nachträglich, denn die Mutter hat nicht geweint und nicht geschrien, – er freut sich, daß seine Mutter soviel aushalten kann.

Ja, aber wenn sie heute gesehen hätte, was er gesehen hat, dann –

»Ick heff keen Vadder, un ick will keen Vadder«, murmelt Hannes und beißt seine starken jungen Zähne zusammen, daß sie knirschen.

Da geht ganz lautlos die Stubentür auf, und das Gesicht von heute Abend guckt herein, mit dem roten Streifen über der Stirn und den kleinen, bösen, blutunterlaufenen Augen.

Hannes kriecht rückwärts gegen die Wand, zieht die Decke an sich und macht sich klein. Sein Herz klopft so laut, daß die Kammer ordentlich davon widerhallt, es ist wie lauter Lärm und Geschrei um ihn herum. Und der Mann kommt von der Tür her gerade auf ihn zu, er wird so furchtbar groß und breit, und Hannes wird immer kleiner, immer, immer kleiner.

Ein Glück ist es, daß er wenigstens aus dem Bett heraus ist, so kann er doch weiter rückwärts gehen, wie der andre näher kommt. Hannes hat noch nie etwas so Großes gesehen, wie diese Hände, die sich nach ihm 87 ausstrecken. Eine davon deckt die ganze Stube zu, – er ist schon so groß wie ein Elefant, und immer kommt er auf ihn zu, fortwährend dieses langsame Näherrücken, während er selbst nicht größer ist als ein Punkt.

Und dabei blitzt es ganz schrecklich, und er muß immer rückwärts gehen, immer rückwärts, so schwindlig ist ihm schon, und wenn sie ihm doch wenigstens nicht so in die Ohren schreien möchten.

Da kommt die große Hand ganz nahe, gleich hat sie ihn, gleich! gleich!

Er duckt sich, er summt an der Decke wie eine Fliege, – die Hand ist da, die schwere große Hand.

»Nein! nein! nein!

Hannes liegt schweratmend und glühend in seinem Bett! Seine Mutter, fröstelnd in der dünnen Nachtjacke, beugt sich mit dem Licht über sein verstörtes, verzerrtes Gesicht.

»Herrjes, Hannes, wat schriggst du denn, hett di wat drömt?«

Der Junge blickt sie verwundert an.

»Nee,« sagt er verwirrt, – »ick warr doch nich schreen, Mutter?«

»Hest du denn nich slapen, Jung?«

»Nee, ick bün gans wack.«

Die Frau befühlt ihm Hände und Stirn. »Ick heff mi verschraken und din Papa ook, so hest du dahn, – ach Hannes, is dat dat böse Gewissen, wat di nich slapen lett?«

88 Sie streichelt ihn leise.

»Min Hannes, büst min öllsten Jung, min beste Hoffnung, ick bitt' di, doh nich wedder so'n Stücken utäuwen, dat du naher nich slapen kannst. Hest du Angst vor de Polezei, morgen fröh? Ick glöw woll. Na Hannes, denn si man still: Herr Hirsekorn, wat nu din Papa is, will mit di gahn, he hett all seggt, – wenn de Citatschon kummt. He meent dat würklich good mit di. 't ward woll all wedder beter warrn, – spreek' din Vadderunser, min Jung, und denn slap ruhig.«

Sie tat, was sich Hannes gar nicht mehr erinnern konnte, daß sie ihm getan: sie küßte ihn heftig auf Stirn und Augen.

»Un segg ook mal Papa to em, hörst du?« –

Sie wartete keine Antwort ab, sondern verschwand mit ihrem Licht und ihrem beruhigenden mütterlichen Lächeln.

Hannes kam sich sehr groß und alt vor, als er nun da allein lag, sehr groß und vernünftig und wie einer, der alles für einen andern ausfechten muß. Ein starker Atemzug ging durch seine Brust; er drückte sie heraus, unwillkürlich, bis der ganze Brustkasten straff und angespannt voll Luft stand. Er freute sich seiner Stärke und war stolz darauf.

Jetzt hatte er keine Furcht mehr, daß Er wieder hereinkommen möchte. Er hatte nicht nötig, das Vaterunser zu beten, und was die Polizei betraf, – ach seine Mutter wußte nicht, wie sie auf dem Holzweg war, als sie meinte, die Angst lasse ihn nicht schlafen. Sich besinnend und wieder und wieder wundernd und 89 besinnend, wie die großen Leute so wenig wissen und nichts sehen, weil sie immer miteinander zu schwatzen haben – und was sie doch wohl schwatzen? – vergaß Hannes die dunkle Stube und die Tür, die so häßlich aussah, als gähnte sie beständig, vergaß sich und alles, und als er aufwachte, war es Morgen.

Er ging zur Schule wie gewöhnlich.

Frau Holt aber hatte einen ganz besondern Gang vor, über den sie schon lang und breit mit Hirsekorn beraten.

Ein guter Gang, ein Glücksgang – die versetzte Wäsche und die sechs silbernen Löffel will sie vom Lombard zurückholen, – es ist wie ein Festtag; ja wenn man Frieden und Arbeit im Hause hat, da kann man sich erholen.

Den Kleinen nimmt sie mit; Hirsekorn hat zu tun, allerlei Bandagen und Kompressen fertigt er für die Apotheken, der Mann ist geschickt und findet immer neue kleine Erwerbszweige. Die Mädchen sind in der Warteschule, »unter den Füßen weg«, wie ruhig und leicht kann sie jetzt einmal vom Hause abkommen.

Kurz nach elf Uhr biegt sie mit dem Bündel und den Löffeln in den Platz beim grünen Sood ein. Ihr hat der Boden unter den Füßen gebrannt; es sind auch gar zu viele Leute dagewesen.

Nun kommt sie spät zum Kochen.

Ob wohl Hirsekorn den Reis aufgesetzt hat? Wie sie ihre Haustür aufmacht, scheint es irgendwo zu rufen, zu schreien, zu stöhnen. Ach, prügeln sich die Kramms da oben schon wieder? Wenn es so weiter gut geht, 90 ziehen wir in eine bessere Gegend, fliegt es ihr durch den Kopf, während sie über den Vorplatz läuft.

Allmächtiger, was schreit da? und wo? ist das nicht in ihrer Stube?

Sie ist an der Klinke, hat sie niedergedrückt und sieht – sieht einen Knaben, der ein Messer schwingt, ihr Brotmesser mit dem braunen Griff. Sie hat noch Zeit zu schreien: »Hannes! Hannes! de Mann is din Vadder«, – nicht mehr Zeit, das Messer aufzuhalten, das dem Blonden, der in einem Knäuel mit Hirsekorn über dem Tisch liegt, in den Nacken gefahren ist.

Der Knabe lehnt an der Wand, matt hebt er die Hand auf und deutet nach dem nun Röchelnden, Blutenden.

»He hett em wat dohn wullt, Mutter, aber ick bün dor west,« sagt er mit einer Stimme, in der Triumph und Schrecken streitet, »kennt heff ick em all gistern Abend.«

Er sieht die Mutter an, als erwarte er etwas ganz andres, als diese verzweifelte Miene von ihr.

Er weiß noch nicht, daß er etwas Furchtbares getan hat.

 


 

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