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Puckis Lebenssommer

Magda Trott: Puckis Lebenssommer - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorMagda Trott
titlePuckis Lebenssommer
publisherVerlag A. Anton & Co.
yearo.J.
firstpub1941
illustratorG. Kirchbach
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorRegine Kreutz
senderwww.gaga.net
created20151218
modified20180123
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Der rätselhafte Mann

Die Schulferien waren längst zu Ende. Pucki und Claus waren aus Bremen zurückgekommen und hatten mit schwerem Herzen den Haushalt der Verwandten aufgelöst. Vieles war verkauft worden, aber eine Menge Möbel wurden behalten, darunter das Kinderzimmer, das Kinderschlafzimmer und der Salon der Mutter. Pucki meinte, Mabel und Regine würden sich heimischer fühlen, wenn sie teilweise in der früheren Umgebung lebten. Fürs erste mußte man freilich die Möbel auf einen Speicher stellen, denn das Doktorhaus war nicht so geräumig, um den beiden angenommenen Kindern zwei Zimmer einräumen zu können. Wenn Karl zum Frühling die Schule verließ und aus dem Hause ging, konnte man allerdings ein Zimmer für die beiden Waisen herrichten. Der Herzenswunsch Puckis würde sich allerdings noch lange nicht erfüllen lassen. Es wäre nicht schwer gewesen, das obere Stockwerk auszubauen; dann hätte man die Räume, die man brauchte. Ein einziges Mal hatte Pucki eine solche Andeutung gemacht, aber da schüttelte Claus den Kopf.

»Wird nicht möglich sein, Pucki. Ich habe doch erst vor kurzem den neuen Röntgenapparat kaufen müssen, der hat viel gekostet.«

»Freilich, Claus, warten wir also noch ein Weilchen, bis uns das Geld für den Ausbau vom Himmel fällt.«

»Pucki, wir wollen zufrieden sein mit dem, was wir haben. Meine Klinik ist mit den modernsten Einrichtungen versehen, und ich finde, wir haben mancherlei geschafft.«

Für Gregors war es eine große Erleichterung, daß seit mehreren Jahren in Rahnsburg ein Gymnasium war. So brauchten sie ihre drei Söhne nicht aus dem Hause zu geben, wie das früher der Fall gewesen war. Pucki erinnerte sich noch recht genau jener Wochen, da sie zum ersten Male vom Elternhaus abwesend war, um in Rotenburg das Gymnasium zu besuchen. Zwar hatte sie bei Tante Grete liebevolle Aufnahme gefunden, aber die Sehnsucht nach dem Elternhause und nach dem geliebten Wald hielt das Kind jahrelang fest. Trotzdem verbanden Pucki viele liebe Erinnerungen mit Rotenburg. Dort waren auch Claus und sein Bruder Eberhard zur Schule gegangen, ebenso der treue Hans Rogaten, der Jugendfreund, der längst eine eigene Apotheke besaß und Pucki schon mehrmals in Rahnsburg besucht hatte.

Mabel und Regine waren in Rahnsburg eingeschult worden. Erst konnten sie sich schwer einleben, doch fanden sie bald liebe Klassengefährtinnen, an die sie sich langsam anschlossen. Pucki war glücklich, wenn Mabel bald diese, bald jene Mitschülerin mit in den Garten brachte, wenn sie dort in der Hauptsache mit der Puppenstube spielte. Regine dagegen beschäftigte sich meist mit den Tieren, die Rudolf ausgesägt und die sie dann mit der verschiedensten Wolle beklebt hatte. All ihr kostbares Spielzeug von einst war beiseitegelegt worden, es wurde kaum noch von den Kindern angesehen.

So kam der September ins Land. Für Pucki war außer der täglichen Arbeit jetzt besonders viel in der Küche zu tun. Das Obst war reif, es wollte verwertet sein. So arbeitete sie manchmal noch am späten Abend, so daß Claus, wenn er aus der Klinik kam, seiner emsigen Frau oftmals mit dem Finger drohte.

»Willst du wieder zusammenklappen, Pucki? Muß ich mich für die Kinder wieder nach einer Frau Oberin umsehen?«

»Nun, unsere drei Jungen würde sie heute nicht mehr in Schrecken jagen. Und ›Füßchen rechts, Füßchen links‹ würde sie kaum noch mit ihnen spielen.«

»Das kann man nicht wissen«, sagte Claus. »Doch nun komm hinüber ins Wohnzimmer, denn ich sehne mich nach einer gemütlichen Plauderstunde.«

»Ja, Claus, ich will dich ohnehin etwas fragen.«

»Ich dich auch!«

»In fünf Minuten bin ich zur Stelle!«

Mabel und Regine waren bereits zu Bett gebracht worden. Karl saß in seinem Zimmer und arbeitete noch. Er mußte sich für das Abitur vorbereiten und nahm alles sehr ernst und gewissenhaft. Peter saß auf der Veranda und schrieb emsig, über ein schwarzes Buch gebeugt. Rudolf hatte sich ins Schlafzimmer zurückgezogen; wahrscheinlich lag er bereits im Bett. Er liebte es, zeitig schlafen zu gehen und war glücklich, wenn ihm an Sonntagen erlaubt wurde, zwei Stunden länger als sonst im Bett zu verbleiben.

So war das Gregorsche Paar allein.

»Was wolltest du von mir, Claus?«

»Ich habe dich in der letzten Zeit mehrfach unauffällig beobachtet, liebe Frau. – Du quälst dich mit irgendeinem Gedanken herum.«

»Oh, Claus«, lächelte sie, »genau dasselbe habe ich an dir bemerkt! – Es ist mir, als hättest du einen geheimen Kummer. – Nein, Kummer ist wohl nicht das richtige Wort. Du zergrübelst dir über etwas den Kopf und kannst die Lösung nicht finden.«

»Na, na, so schlimm ist es nun gerade nicht!«

»O doch, Claus – du grübelst und kommst zu keinem Ziel. Ich kenne dich viel zu genau, um nicht zu wissen, daß dich etwas stark beschäftigt.«

»Sage mir lieber, was dir fehlt, Pucki!«

»Erst will ich dich einmal an deine Worte erinnern, die du mir nach einer Strafpredigt sagtest: Ohne Vertrauen gehe jede Ehe in die Brüche. – Also, bitte, mein lieber Mann, krame deinen innersten Herzenswinkel aus und beichte!«

»Pucki, du wirst sehr enttäuscht über meine Eröffnung sein. Es handelt sich um eine Kleinigkeit.«

»Auch eine Kleinigkeit ist mir wichtig.«

»Gut! – Mich beschäftigt ein Patient meiner Klinik sehr stark.«

Pucki schlug in komischem Entsetzen die Hände zusammen. »Vielleicht wieder so ein gräßlicher Mensch wie Herr Walzenhorn, der beständig nach seiner Brieftasche suchte. Ach, wie froh war ich, als er fortging.«

»Ich auch, Pucki, und alle Schwestern mit mir.«

»Was ist das jetzt wieder für ein Patient?«

»Er heißt Wilmington und ist Amerikaner.«

»Wilmington«, sagte Pucki seufzend, »das wäre also das dritte W: Wallner, Walzenhorn und Wilmington. – Was fehlt ihm denn?«

»Ich habe ihn zunächst zur Beobachtung da. Er ist mit dem Herzen nicht ganz in Ordnung. Ich glaube aber nicht, daß es etwas Bedenkliches ist. Der Herr scheint sehr auf seine Gesundheit bedacht zu sein. Er behauptet, er habe zeitweilig Beschwerden; nun soll ich feststellen, was es ist.«

»Wenn er Amerikaner ist, warum kommt er dann gerade in unseren kleinen Ort? Er sollte besser in die Großstadt zu einem berühmten Spezialarzt gehen.«

»Ich habe ihn bereits gefragt, warum er gerade auf Rahnsburg verfallen sei. Er meinte, er mache eine Reise durch Deutschland. Als er in unsere Gegend gekommen sei, habe er wieder einen seiner kleinen Anfälle bekommen. Er habe viel Gutes von meiner Klinik gehört, so sei er hergekommen.«

»Macht er dir viel zu schaffen?«

»Nein, gar nicht.«

»Warum bist du dann so nachdenklich, Claus?«

»Ich versuche zu ergründen, was der Mann von mir will. Er will bestimmt etwas. Es redet mir keiner ein, daß ein schwerreicher Amerikaner, der nur einen kleinen Herzfehler hat, plötzlich in dieses Nest kommt und in eine Klinik geht, um sich wochenlang dort beobachten zu lassen.«

»Claus«, sagte Pucki ein wenig ängstlich, »könnte dieser Mann ein Detektiv sein? Man liest und hört so mancherlei.«

»Der Gedanke ist doch an sich verrückt, liebe Pucki, aber ich muß dir ehrlich gestehen, daß ich auch einen kleinen Argwohn habe. Ich bin der Überzeugung, daß mir Herr Wilmington nicht die Wahrheit sagt. Auf kleinen Widersprüchen habe ich ihn schon mehrfach ertappt. Er bekommt auch niemals Briefe, er holt seine Postsachen selbst ab und verbrennt sorgsam alle Nachrichten.«

»Claus, das scheint mir ein gefährlicher Mann zu sein. – Was mag er wohl von uns wollen?«

»Da wir beide kein schlechtes Gewissen haben, Pucki, wollen wir ruhig abwarten. Wir werden ja mit der Zeit erfahren, was Herr Wilmington bei uns will.«

»Ich habe ihn noch niemals gesehen.«

»Das glaube ich gern! Er kann stundenlang am Fenster stehen und in den Garten hinaussehen. Er sitzt aber auch gern auf einer versteckten Bank im Garten und rührt sich nicht.«

»Claus, der Mann will etwas von uns. – Vielleicht beobachtet er uns. Du mußt es so einrichten, daß ich mit Herrn Wilmington einmal zusammentreffe. Es prickelt mich geradezu in den Gliedern – ich muß sein Geheimnis ergründen.«

Claus lachte. »Ich bin zwar der festen Überzeugung, daß du den Zweck seines Hierseins ebensowenig erfahren wirst wie ich, aber du bist ja ein listiges Geschöpf. Vielleicht ist es dir möglich, daß du ihn aushorchen kannst.«

»Ich brenne auf die Bekanntschaft mit dem Amerikaner. – Spricht er ein gutes Deutsch?«

»Er spricht sehr gut Deutsch.«

»Ich bin bereit, einen halben Tag lang nicht einzukochen! Ich lasse Äpfel und Birnen liegen. Der unheimliche Gast muß erst ausgehorcht werden.«

Claus lachte. »Ich werde versuchen, dir den geheimnisvollen Mann morgen nachmittag zuzuführen. Ich rufe dich an, du gehst hinaus in den Garten, und ich komme mit Herrn Wilmington in jene Laube, in der du sitzt.«

»Abgemacht!«

»Nun weißt du mein Geheimnis. – Jetzt bist du an der Reihe, zu gestehen!«

»Ja, Claus! – Ich grüble beständig darüber nach, wie wir es möglich machen können, das Haus auszubauen. Die schönen Möbel stehen auf dem Speicher, die beiden Mädchen wären froher, wenn sie ihre alte Umgebung hätten. Ich habe hinter deinem Rücken auf dem Bauhof angefragt, was es wohl kosten würde, und nun überlege ich, wie ich helfen könnte. Es ist mir, als hätten wir Mabel und Regine gegenüber die Verpflichtung, ihnen ein wenig von ihrer alten Heimat wiederzugeben. Das Geld der Kinder können wir natürlich nicht angreifen, es gehört uns nicht. Und borgen wollen wir es nicht von ihnen.«

»Nein, Pucki, das tue ich nicht. Ich habe zwar als Vormund der Kinder allerlei Rechte, die ich aber nicht zu meinem Vorteil ausnutzen will. Wenn dir die Vergrößerung des Hauses gar so sehr am Herzen liegt, müßte ich einmal mit der Bank oder der Stadtsparkasse verhandeln. Wir würden dort sicherlich Geld bekommen – –«

»Wir hätten dann freilich wieder einmal Schulden, Claus. Aber wir haben damals, als uns Marys Vater das Geld für die Einrichtung der Klinik borgte, doch auch Schulden gehabt, die wir rasch abarbeiten konnten. Claus, wollen wir es nicht einmal versuchen?«

»Wenn keine Fehlschläge eintreten, Pucki, wenn sich die Klinik weiter so entwickelt, könnten wir natürlich darangehen, unser Haus auszubauen. – Du weißt aber, ich bin immer ein Pedant gewesen. Schulden sind etwas Drückendes.«

»Das weiß ich genau«, lachte Pucki. »Ich habe auch einmal Schulden gehabt – damals, als ich Malstunden nahm und vor Frau Selenko die reiche junge Frau spielen wollte. Ach, Claus, mich haben die fünfzig Mark damals genau so gedrückt, wie unseren Peter vor zwei Monaten die neunzig Pfennige, die er sich in der Konditorei borgte.«

»Für seine Schwärmerei, die blonde Olga Haspe?«

»Sie ist abgeschafft. Peter sagte mir, sie wäre ihm zu teuer. Sie wolle immer Torte für dreißig Pfennige. Jetzt hat er eine andere, die gern Spritzkuchen ißt. Die kosten nur fünfzehn Pfennige. So hat sich die Spritzkuchenliebe in seinem Herzen mehr und mehr ausgebreitet, und er schwärmt nun für Lona!«

»Ich kannte ein junges Mädchen, das lief auch gern in die Konditorei ›Maiglöckchen‹ und schwärmte eine Zeitlang für einen Rennfahrer – –«

»Claus, sei still! – Willst du nie vergessen, was Pucki Sandler für tolle Streiche machte?«

»Nein, liebe kleine Frau! Alles ist in deinem Buche festgelegt und bleibt der Nachwelt erhalten. Du weißt ja, wie gern ich in diesem Buche lese. Meine helle Freude habe ich heute noch daran, was Pucki alles trieb und wie sie ihren Mitmenschen zu schaffen machte. – Wie anders ist die kleine Pucki geworden! Heute ruft man allerdings auch dauernd nach Pucki, aber ihre Hände sind segenspendend geworden. Sie hat gesät und darf nun ernten.«

»Ach, Claus«, wehrte Pucki ab. »Vergiß nur nicht den Mann aus Amerika, den Spion! – Was will er nur bei uns? – Morgen werde ich es dir hoffentlich sagen können.« – –

Pucki hatte in dieser Nacht schwere Träume. Der unheimliche Patient war das Oberhaupt einer bösen Bande, die in die Klinik eindrang, die anderen Patienten hinausjagte und ihren Claus gefangennahm. Sie war froh, als sie erwachte und Claus schlafend neben sich sah.

»Ich werde alles ergründen«, murmelte Pucki, legte sich auf die andere Seite und schlief bald wieder ein.

Am nächsten Tage war sie ziemlich erregt, ließ Claus zweimal an den Telephonapparat rufen und erinnerte ihn an die Abmachungen.

Heute kam Claus pünktlich zum Mittagessen herüber und berichtete Pucki lachend, daß Wilmington ganz aus sich selbst heraus den Wunsch geäußert habe, den Garten zu besichtigen.

»Ich habe ihm natürlich dringlich dazu geraten und erzählte ihm von den schönen Rosen, die noch in vollster Blüte stehen. Dort sollst du mit ihm zusammentreffen.«

»Ich werde diesen rätselhaften Mann ganz geschickt ausfragen. – Heute abend wissen wir dann alles!«

Kurz nach dem Kaffeetrinken ging Pucki in den Garten und machte sich an den Rosenstöcken zu schaffen. Sie schnitt die abgeblühten Blumen ab, schaute jedoch häufig den Weg entlang, ob der unheimliche Mann nicht käme.

Da kam er, groß, hager, mit durchdringenden Augen. Er war sehr gut gekleidet, ein Mann von etwa sechzig Jahren.

»Ein Blick wie ein Kriminalist«, stellte Pucki heimlich fest.

Er grüßte höflich und nannte seinen Namen. Dann fügte er hinzu, daß er vermute, die Gattin seines Arztes vor sich zu sehen. Pucki bestätigte das liebenswürdig. Herr Wilmington sprach von den schönen Rosen und wollte die Namen der verschiedenen Arten wissen, die Pucki bereitwilligst nannte.

»Wie fange ich es nur an«, dachte sie, »wie erkunde ich geschickt sein Geheimnis?«

Es war nicht leicht. Wohl fragte Herr Wilmington nach dem Alter der Klinik, ob sie sich gut rentiere und dergleichen mehr, als aber Pucki sich nach seinem Befinden erkundigte, wich er ihr aus.

»Sie haben drei Söhne?«

»Ja, drei prächtige Jungen!«

»Und kein Töchterchen?«

»O ja«, erwiderte Pucki, »zwei kleine Nichten, die die Eltern verloren haben. Wir nahmen sie ins Haus.«

»Ist das nicht störend?«

»Durchaus nicht«, erwiderte Pucki warm. »Die beiden Mädchen sind sehr lieb, und ich bemühe mich, den Unglücklichen eine zweite Heimat zu geben, damit sie das Schreckliche, das hinter ihnen liegt, vergessen.«

Wilmington fragte noch einiges über die Kinder, und Pucki gab ihm gern Auskunft. Immer wieder quälte sie der Gedanke, daß sie ihrem Ziele keinen Schritt näher käme. Sie hatte aber dem Gatten versprochen, zu ergründen, was der Fremde hier wollte. So stellte sie schließlich die unmittelbare Frage:

»Warum sind Sie gerade in die Klinik meines Mannes gekommen? Sie haben in Ihrem Lande sicherlich berühmte Ärzte, die Ihr Leiden feststellen können!«

»Die haben wir. Ich war jedoch in der Gegend, als ich wieder einmal einen Anfall bekam. – Warum sollte ich nicht eine Klinik aufsuchen, die mir auf das wärmste empfohlen wurde?«

»Gewiß – aber Rahnsburg ist ein kleiner Ort, und mein Mann ist außerdem kein Spezialist. Da Sie mit dem Herzen zu tun haben, wäre es doch richtiger gewesen, wenn Sie in ein Herzbad gefahren wären.«

»Ich sagte bereits, daß es der Zufall so fügte.«

Pucki gab sich mit dieser Antwort nicht zufrieden. Ihre Neugier war erwacht, sie wollte mehr erfahren.

»Wenn ein Ausländer Deutschland bereist, besichtigt er die großen Städte. Es gibt aber weder in Holzau noch in Rahnsburg etwas Sehenswertes. – Wie kamen Sie gerade nach Holzau oder gar nach Rahnsburg?«

»Die Neugier steht auf Ihrem Gesicht, Frau Doktor Gregor. Ich sagte Ihnen schon – der Zufall fügte es.«

»Und der Zufall fügte es auch, daß Sie sich in unserer Gegend ganz plötzlich unpäßlich fühlten?«

»Ich bin durchaus zufrieden, daß ich in diese Klinik kam.«

»Hörten Sie auswärts von unserer Klinik? Mein Mann wird als Arzt ja sehr gelobt.«

»Ja, das hörte ich. – Aber – – Sie entschuldigen mich jetzt.«

Eilig entfernte sich Herr Wilmington. Er bog in einen Nebenweg ein, und Pucki schaute ihm erstaunt nach. – Was hatte er schon wieder? Warum lief er mit raschen Schritten davon? Verjagte ihn der Lärm der näherkommenden Kinder? Es waren Mabel und ihre beiden Freundinnen.

»Wir spielen so schön, Tante Pucki«, rief Mabel. »Wie haben wir schon gelacht! – Sieh mal, Tante Pucki, das hier ist unser neuestes Puppenkind!«

In einen Apfel war ein Gesicht geschnitten. Die Augen bestanden aus zwei Apfelkernen, ein größerer Apfel war der Rumpf, der mit einem Handtuch umwickelt war.

»Das ist ein gar liebes Puppenkind, das hat man zum Fressen gern«, lachte Frau Gregor.

»Du bist kein Apfel, aber ich habe dich auch zum Fressen gern. Du bist doch die Aller-allerbeste!« Mabels Stimme schallte weithin durch den Garten.

Ein Weilchen sprach Pucki noch mit den Kindern, dann eilte die Schar weiter, und Frau Doktor Gregor nahm ihre Arbeit wieder auf. Sie war mit dem Ergebnis der Unterhaltung mit dem Amerikaner nicht zufrieden, denn sie hatte ja nichts erfahren. Sollte sie eine zweite Unterredung herbeiführen? Vielleicht konnte sie mit Schwester Maria reden, damit auch sie Herrn Wilmington ein wenig ausforsche, denn unheimlich war es ohne Zweifel, solch einen Patienten im Hause zu haben.

Der Fremde war in einen Seitenweg eingebogen und inzwischen immer eiliger durch den großen Garten geschritten. Als er an einer Laube vorbeikam, sah er zwei größere Knaben darin sitzen. Wie ähnlich sie der Frau des Hauses waren! Das mußten ihre Söhne sein.

Karl und Peter schauten den hageren Mann neugierig an. Sie hatten bereits erfahren, daß zur Zeit ein Amerikaner in des Vaters Klinik weile. Das mußte er sein. Es dauerte auch nicht lange, so waren beide mit Herrn Wilmington im Gespräch.

»Schwestern haben Sie nicht, meine Herren?« fragte der Amerikaner.

Peter fühlte sich höchst geschmeichelt, daß er bereits für einen Herrn angesehen wurde. So beeilte er sich mit der Antwort.

»Nein, wir sind drei Brüder, aber unsere Basen sind jetzt hier. So sind wir nun fünf Kinder.«

»Ich hörte davon, daß die Eltern der kleinen Mädchen verunglückt sind.«

»Ja – es war ein schweres Unglück.«

»Die Kinder sind darüber gewiß sehr traurig gewesen.«

»Natürlich waren sie das«, sagte Peter. »Wenn man ganz plötzlich die Eltern verliert, ist einem jede Lebensfreude genommen. – Jetzt lachen sie aber schon wieder, denn Vater und Mutter bemühen sich nach Kräften, den Waisen Freuden zu schaffen, damit sie leichter über den schweren Verlust hinwegkommen.«

»Man hätte die Kinder vielleicht in ein Waisenhaus geben können.«

»Das hätten die Eltern niemals getan«, warf Karl ein, »meine Eltern haben Mabel und Regine gern ins Haus genommen; mein Vater ist ihr Vormund, und wir alle sind glücklich, wenn die beklagenswerten Mädchen wieder froh werden.«

»Sehr schön gedacht«, gab der Fremde kühl zurück, »aber es läßt sich doch wohl nicht vermeiden, daß die eigenen Kinder mehr Liebe genießen als die angenommenen.«

Heiße Röte stieg Peter in die Wangen. Er dachte daran, wie er selber sich die dümmsten Gedanken gemacht hatte, nur um die beiden Mädchen wieder froh und glücklich zu machen. »Wir bemühen uns jedenfalls«, sagte er erregt, »den armen elternlosen Kindern Freuden zu machen. Natürlich gelingt es nicht immer. Wir halten es für unsere Pflicht, die Mädchen zu erfreuen. Vor allem aber sind meine Eltern so herzensgut zu den Mädchen, daß sie beide nicht mehr von uns fortgehen wollen. Sie sollen ja auch für immer hierbleiben. – Was nützt ihnen ihr vieles Geld, das sie von ihrer Mutter, einer reichen Amerikanerin, geerbt haben? Darnach fragen wir nicht! Mabel wäre gewiß glücklicher, wenn sie kein Geld, aber ihre Eltern behalten hätte.«

Mister Wilmington kniff die Augen zusammen und schaute forschend auf die beiden jungen Leute. »Sie sind also der Meinung, meine Herren, daß die Kinder ihren Jammer langsam vergessen können?«

»Sie werden natürlich immer an den schmerzlichen Verlust der Eltern denken, aber deswegen muß ihnen doch eine fröhliche Kinderzeit werden. Meine Eltern sorgen dafür, daß Sonne in ihr Leben kommt.«

Darauf verabschiedete sich Mister Wilmington von den Knaben. Man sah ihn später mit einer der Krankenschwestern sprechen, dann ging er wieder zurück zu dem Rosenbeet. Dort brach er eine der schönsten Blüten ab.

Pucki, die noch im Garten weilte, war von Mister Wilmington bald wiedergefunden.

»Ich habe mir erlaubt, eine Ihrer schönsten Rosen abzubrechen, Frau Doktor Gregor, und jetzt möchte ich Ihnen diese Rose geben.«

Voller Erstaunen blickte Pucki auf. Mister Wilmington schien ihr plötzlich gänzlich verändert zu sein. Seine Augen blickten nicht mehr kalt, sondern herzlich zu ihr herüber.

»Ich danke Ihnen«, sagte sie mit einem lieben Lächeln.

»Soeben lernte ich zwei Ihrer Söhne kennen; sie haben mir gefallen.«

Puckis Gesicht strahlte. »Ich habe sehr gute Kinder und bin unsagbar glücklich darüber.«

»Kein Wunder, da diese Söhne solch eine prächtige Mutter haben!«

»Ich muß nun ins Haus, Herr Wilmington, bitte, entschuldigen Sie mich.« Pucki fühlte sich plötzlich in der Nähe des Fremden unfrei.

So verabschiedete sie sich eiligst, blieb aber plötzlich wieder stehen. – Das war doch Mabels jubelnde Stimme:

»Onkel John – Onkel John!«

Pucki lauschte.

»Onkel John aus Chikago! – Wie kommst du hierher? Bleibst du bei uns?«

Pucki kehrte um, trat näher und sah die beiden Mädchen in den Armen Mister Wilmingtons. Regine erblickte Pucki zuerst.

»Tante Pucki – Onkel John aus Chikago ist angekommen. – Oh, wie wir uns freuen!«

Pucki wußte nicht, was sie dazu sagen sollte. War dieser Amerikaner ein Bekannter ihrer beiden Nichten?

»Wir waren in Amerika bei Onkel John«, fuhr Regine erregt fort, »nun ist er herübergekommen! – Ach, ist das schön!«

Mister Wilmington wandte sich nun Pucki zu. »Das Rätsel ist gelöst, Frau Doktor Gregor«, sagte er lächelnd. »Nun wissen Sie, warum ich gerade die Klinik Ihres Mannes aufsuchte.«

»Tante Pucki, wie freuen wir uns! Mary hat uns erzählt, daß sie Onkel John schon als kleines Mädchen kannte. – Unser Großvater und Onkel John sind gute Geschäftsfreunde gewesen. Als wir in Chikago waren, hat uns Onkel John die Stadt gezeigt.«

»Und nun ist Onkel John gekommen«, sagte Mister Wilmington, »Onkel John, der so spät von dem furchtbaren Unglück hörte. Er kommt, um zu sehen, was aus den beiden Kindern geworden ist.«

Pucki strich sich mehrmals mit der Hand über die Stirn. Der rätselhafte Patient war also ein Freund der Familie ihrer verunglückten Schwägerin. Sie hatte bisher nichts von ihm gewußt. Auch in den Nachlaßpapieren war sein Name nirgendwo erwähnt.

Pucki wollte sich entfernen, da sagte Mister Wilmington: »Zunächst muß ich mich freilich den beiden Kindern widmen, doch später bitte ich um eine Unterredung mit der Frau, die ihre Mutterliebe zu gleichen Teilen zwischen ihren eigenen Kindern und zwei Waisen teilt. Davon habe ich mich in den letzten Tagen selbst überzeugt.« Wieder wandte er sich an die Kinder: »Habt ihr Tante Pucki lieb?«

»Oh – sooo lieb!« Pucki mußte stürmische Liebkosungen über sich ergehen lassen.

»So, nun könnt ihr eurem Onkel erzählen, wie es euch hier gefällt«, sagte Mister Wilmington. »Später bitte ich dann um eine Unterredung mit Ihnen, Frau Doktor Gregor.«

Pucki ging davon, der Amerikaner blickte ihr lange nach. Tief erschüttert hatte er in Bremen die Kunde von dem Unglück vernommen. So war er sogleich nach Rahnsburg gefahren, um sich nach dem Ergehen der Kinder zu erkundigen. Die beiden Mädchen, die so viel im Garten spielten, waren häufig von ihm beobachtet worden. Durch zahlreiche Einwohner des Ortes, durch die Schwestern der Klinik ließ er sich vieles berichten, so daß schließlich sein Mißtrauen schwand. Die letzte Unterredung mit den Söhnen Doktor Gregors gab ihm die volle Bestätigung, daß Gregors die beiden Kinder nicht etwa um des Geldes willen, sondern aus innigstem Mitgefühl und verwandtschaftlicher Zuneigung aufgenommen hatten. Er hatte eine wertvolle, seltene Frau kennengelernt, in deren Herzen überreiche Mutterliebe wohnte.

Es dauerte geraume Zeit, bis sich Mister Wilmington von Mabel und Regine freimachen konnte. Dann saß er Frau Doktor Gregor gegenüber und enthüllte ihr sein Geheimnis. Um keinen Argwohn zu erregen, hatte er sich unter einem Vorwand in die Klinik Doktor Gregors aufnehmen lassen.

»Nehmen Sie mir mein Mißtrauen nicht übel«, sagte er herzlich. »Bei Kindern, die solch ein großes Vermögen besitzen wie Mabel und Regine, ist es leicht denkbar, daß nur des Geldes wegen Liebe geheuchelt wird. Sie haben mich jedoch eines anderen belehrt. Ich habe während meines Hierseins vieles erfahren und weiß mancherlei. Ich weiß auch, daß Sie gern die Klinik noch erweitern und Unbemittelten freien Aufenthalt in diesem Hause gewähren möchten. Leider erlauben das Ihre Mittel nicht. So will ich Ihnen zwei Freistellen schenken. Sie haben diese Freistellen nicht einmal von dem Gelde meines Freundes Eberhard angenommen, da Sie glaubten, an das Vermögen des Verstorbenen nicht rühren zu dürfen. Ich aber bin durch meinen Aufenthalt in Rahnsburg so beglückt worden, daß ich Ihnen unbedingt eine Freude bereiten muß. Nehmen Sie diese beiden Freistellen an, und damit die Sache nicht wieder zu Wasser wird, machen wir alles heute noch vor dem Notar fest. Dann kehre ich beruhigt und befriedigt wieder in meine Heimat zurück.«

»Mister Wilmington, ich – –«

»Bitte, kein Wort des Dankes, Frau Doktor Gregor. Ich selbst wurde überreich beschenkt. Wenn einer zu danken hat, bin ich es! Vierzehn Tage will ich noch hierbleiben. Ich gab vor, mich von Ihrem Gatten beobachten zu lassen; tatsächlich aber war ich der Beobachtende. Ich glaube sogar, ich habe Ihnen unruhige Stunden bereitet, denn Sie wußten mit dem rätselhaften Manne nichts anzufangen. Das hat nun ein Ende. Onkel John aus Chikago will mit den Enkelkindern seines Geschäftsfreundes noch einige fröhliche Tage verbringen.«

Kurze Zeit darauf eilte Pucki hinüber in die Klinik. Sie mußte Claus von dem Glück erzählen, das ihr widerfahren war. Claus kam soeben aus einem Krankenzimmer.

»Claus – Claus«, rief sie aufgeregt, »nun weiß ich alles über Mister Wilmington!«

»Hat es meine listige Frau wirklich geschafft?«

»Wir haben jetzt zwei Freistellen in der Klinik! Claus, wie bin ich glücklich!«

»Freistellen? – Vielleicht gar von Mister Wilmington?«

»Ja, Claus! – Er ist kein abscheulicher Patient, er ist ein sehr guter Mensch, der uns viel Freude bereitet hat. – Die Mädchen kennen ihn – –! Ach, Claus, das muß ich dir alles erzählen!«

Er zog Pucki in sein Zimmer und drückte sie aufs Sofa. »Schieß los mit deinen Neuigkeiten!«

Mit glückstrahlendem Gesicht berichtete Pucki: »Denke dir, Claus, er hat uns genau beobachtet wie ein richtiger Detektiv! Aber nun ist er zufrieden.«

Am Abend fand Onkel John in seinem Zimmer einen Rosenstrauß aus den schönsten Blüten.

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