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Puckis Lebenssommer

Magda Trott: Puckis Lebenssommer - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorMagda Trott
titlePuckis Lebenssommer
publisherVerlag A. Anton & Co.
yearo.J.
firstpub1941
illustratorG. Kirchbach
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorRegine Kreutz
senderwww.gaga.net
created20151218
modified20180123
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Leid und Freud' in Kinderherzen

Das Leid um die verstorbenen Eltern drückte so schwer auf Mabel und Regine, daß es Pucki trotz aller Bemühungen nicht recht gelingen wollte, die Mädchen fröhlicher zu machen. Wie oft sah sie Spuren von heimlich vergossenen Tränen, wie oft fand sie die beiden Kinder leise weinend im Zimmer. Nun sann Pucki darüber nach, die Kinder ein wenig von ihrem Schmerz abzulenken. Claus stand ihr treulich zur Seite. Er hatte Mabel und Regine oft aufgefordert, ihn auf seinen Fahrten über Land zu begleiten, aber wenn dann das Auto vorfuhr, liefen sie weinend davon. So opferte Pucki viel von ihrer knappen Zeit, um mit den Kindern spazierenzugehen. Karl hatte sich mehrfach erboten, ihr diese Spaziergänge abzunehmen, aber er war stets rasch wieder heimgekommen, weil die Mädchen zum Umkehren drängten. Sie konnten sich mit Karl nicht darüber unterhalten, was sie bedrückte. Nur wenn Pucki kam, waren sie sofort bereit, mit ihr zu gehen.

So hatte es Frau Doktor Gregor heute wieder eingerichtet, mit Mabel und Regine hinaus zur Schmanz zu wandern. Anfangs wollte sie auch Ottilie mitnehmen, sie unterließ es aber dann doch, weil sie genau wußte, daß die armen Kinder am liebsten mit ihr allein waren.

Nun schritten die drei durch den grünen Wald der Schmanz zu.

Regine wollte wissen, was die Schmanz sei, und Pucki erzählte den Kindern von dem stattlichen Bauernhof, der auf einer Lichtung im Walde läge. Um das Haus dehnten sich Wiesen und Felder, die alle dem Bauer Teck gehörten.

»Die Bäuerin kam einst als kleines Mädchen zu meinen Eltern ins Forsthaus Birkenhain. Rose, so hieß sie, war ein blasses Stadtkind, das gar bald unseren Wald lieben lernte. Die Großstadt gefiel Rose nicht mehr, sie wollte lieber für immer im Walde bleiben.«

»In Bremen ist es viel schöner«, sagte Mabel.

»Es wird euch auch in Rahnsburg bald gefallen. Du mußt dich erst eingewöhnen, liebe Mabel.«

»Sollen wir denn immer hierbleiben? Gar nicht mehr nach Bremen zurückfahren?«

»Vorläufig möchte euch Tante Pucki hierbehalten. – Tante Pucki hat euch sehr lieb. Ich habe doch nur drei Jungen, und ich möchte gar zu gern auch noch zwei kleine Mädchen in meinem Hause haben. Für Tante Pucki wäre es eine große Freude, wenn es euch bei ihr gefallen wollte und ihr für immer bei ihr bleiben würdet.«

Die beiden Kinder schwiegen. Pucki wußte, daß sie sehr vorsichtig mit den verwöhnten Mädchen reden mußte und daß sie nur langsam, sehr langsam, die Liebe dieser beiden Kinder erringen würde. Es vergingen gewiß noch viele Monate, bis die beiden freudiger den Gedanken erwägen würden, für immer im Doktorhause zu bleiben.

»Ist dann die Rose wirklich immer hiergeblieben?« fragte Regine.

»Ja, Rose kam mehrere Sommer hintereinander zu uns ins Forsthaus. Ich bin oftmals mit ihr hinaus zur Schmanz gegangen, weil dort sehr liebe Menschen wohnten. Als Rose dann aus der Schule kam, trat sie bei Bauer Teck als Hausmädchen ein. Später hat sie seinen Sohn geheiratet und ist auf der Schmanz geblieben. – Der alte Bauer und seine Frau sind inzwischen gestorben; nun ist die Rose die Bäuerin und freut sich an ihren vier Jungen und ihren drei Mädchen. Sie sind nicht alle daheim, einige sind schon erwachsen und in Stellung gegangen. Aber der Älteste, der Gottlieb, hilft fleißig in der Landwirtschaft mit, während die älteste Tochter Meta Kochen und Wirtschaften gelernt hat und eine schöne Stelle bekleidet.«

Während des Wanderns machte Pucki die Kinder auf die Schönheiten des Waldes aufmerksam, nannte ihnen die Namen der verschiedenen Bäume und der Blumen, und so verging die Zeit sehr rasch. Bald kam das schmucke Bauernhaus in Sicht.

Rose Teck begrüßte die Ankommenden gar herzlich. Im Sommer gab es für sie viel Arbeit, denn die Ernte mußte geborgen werden. Staunend betrachteten Mabel und Regine das Innere des Bauernhauses. Sie hatten noch nie solch ein Haus gesehen. Gleich wenn man durch die Haustür trat, befand man sich in einer großen Küche mit einem riesigen Herd, in den der Backofen mit eingebaut war. Darüber hingen blitzblanke Kessel und Töpfe.

Dann lernten die Mädchen die Kinder des Hauses kennen. Es waren frische rotwangige Buben und Mädel, die ohne Scheu die Ankommenden begrüßten. Schweigend ließen sich Mabel und Regine durch die Ställe führen, neugierig schauten sie der Arbeit auf den Feldern zu, wagten jedoch keine Fragen zu stellen. Alles, was sie hier sahen, war ja so ganz anders als in Bremen, aber auch anders als bei Tante Pucki.

Als sie ins Haus zurückkehrten, stand Regine lange vor einer großen Kiste, in der aus Streichholzschachteln, Korken und kleinen Brettchen selbstgefertigte Puppenmöbel standen. Wie niedlich sahen diese Sachen aus! Zum ersten Male seit langer Zeit lachte sie über die drollige Einrichtung.

»Das machen der Vater und die Brüder«, sagte eines der kleinen Mädchen. »Jetzt bekommt die Kiste noch eine Tapete, dann ist sie ganz fein. Dann ist die Kiste eine schöne Stube für meine Puppen.«

»Wo sind deine Puppen?«

Helene brachte eine Anzahl kleiner billiger Püppchen herbei.

»Die Kleider näht meine große Schwester, und ich helfe ihr dabei. – Das macht viel Spaß! Immer wenn ich ein Stückchen Stoff finde, mache ich meinen Puppen Schürzen daraus.«

»Ich habe auch Puppen, aber die haben viel schönere Kleider. Ich nähe sie nicht – ich kann nicht nähen. Die Puppen haben mir meine Eltern gekauft und jetzt – – sind meine Eltern tot.«

Helene warf einen traurigen Blick auf das Kind, dann reichte sie ihm eine der kleinen Puppen. »Ich schenke dir eine Puppe, weil dir deine Mutter keine mehr schenken kann. – Du darfst sie mitnehmen.«

Unschlüssig hielt die kleine Regine die billige Puppe in der Hand. Sie gefiel ihr gar nicht, ihre Puppen waren ja viel schöner, viel größer. Dennoch fühlte das Kind, daß Helene es gut mit ihr meinte und ihr eine Freude machen wollte.

»Ich danke dir, ich werde die Puppe mitnehmen. Ich möchte auch so eine Stube für die Puppe haben wie du.«

»Sag es doch dem Onkel Doktor, er macht dir eine. – Man kann so schön damit spielen!«

Auf der Schmanz gab es reichlich Obst für die Kinder, dann trat Pucki mit Mabel und Regine den Heimweg an. Unterwegs zeigte Regine die Puppe und fragte, ob Onkel Claus ihr wohl auch so eine Puppenstube machen könnte, wie sie Helene hätte.

»Onkel Claus wird kaum Zeit haben. Wir wollen aber einmal mit Karl, Peter und Rudolf sprechen. Jeder von euch soll eine solche Puppenstube haben.«

»Wir kleben dann aus Streichholzschachteln einen Stuhl und – ein Klavier.«

Pucki wurde es leichter ums Herz. Bisher hatten die Kinder stets teilnahmlos dem Spielen der anderen Kinder zugesehen. Die eigenen Spielsachen, die Doktor Gregor aus Bremen mitgebracht hatte, lagen unbeachtet in den Schubladen. Nun endlich äußerte Regine einen Wunsch; der sollte ihr möglichst bald erfüllt werden. Außerdem konnte sie sich selbst bei der Herstellung der Puppenmöbel beteiligen. Das war gut so, das lenkte ab.

Sofort begann Pucki zu erzählen, wie sie als Kind allerlei Spielzeug zusammengebastelt und wie ihr gerade dieses selbstgefertigte Spielzeug die größte Freude gemacht hätte.

»Wir machen aus Korken Männer und Frauen«, schlug sie vor, »und eine Schlange, auch aus kleinen Korken. Wir lassen uns von Rudolf aus Holz Tiere aussägen und bemalen sie. Die Lämmchen bekleben wir mit Watte. – Ich glaube, das wird euch viel Spaß machen. Wenn wir heimkommen, wollen wir uns sogleich die drei Jungen heranholen, um möglichst bald zwei Puppenstuben herzustellen.«

Sogar Mabel, die zehnjährige, fand Gefallen an diesem Plan. Tante Pucki hatte immer neue Einfälle. Die Puppenhäuser sollten sogar zwei Stuben bekommen. Die Kiste würde mitten durchgeteilt, die Möbel dazu selbst hergestellt werden. Pucki wußte ja, daß ihre drei Jungen sofort mithelfen würden, wenn es galt, den beiden Waisen eine Freude zu machen.

Gegen Abend kamen sie zu Hause an. Regine fragte sofort, ob Tante Pucki nicht schon heute mit den drei Jungen reden könnte.

»Gewiß, mein liebes Mädelchen. Beim Abendessen wird alles besprochen. Jetzt muß ich rasch hinüber zu Onkel Claus.«

Pucki eilte in die Klinik. »Hast du einen Augenblick Zeit für mich, Claus?«

»Aber freilich!«

»Ich komme soeben von der Schmanz. Rose will mir helfen. Ihre Tochter Hedwig, die achtzehnjährige, ist gerade zu Hause. Sie hilft den Eltern in der Landwirtschaft und will zum ersten September wieder in Stellung gehen. Rose will mir nun ihre Hedwig für die nächsten Wochen überlassen, damit die Kinder unter Aufsicht sind. Sie sagte, Hedwig eigne sich gut dazu, und ich wäre froh, wenn ich das liebe Mädchen bekäme.«

»Sehr nett von Rose, daß sie dir Hedwig abtreten will. Ich habe mir deinetwegen schon Sorge gemacht, Pucki. Wenn du auch unsere Berta und Anna hast, so brauchst du beide doch in der Hauptsache für den Haushalt. Du hättest Hedwig nur gleich mitbringen sollen.«

»Sie kommt morgen und holt sich Bescheid. Am Nachmittag will sie dann kommen und die Kinder unter ihre Obhut nehmen. Die drei O's machen mir allerhand zu schaffen.«

»Das merke ich, Pucki. Du hast dir doch zuviel aufgeladen. Ich glaube, der Arzt muß einmal ein Machtwort reden.«

»Ja, lieber Claus«, sagte Pucki mit einem müden Lächeln, »ich fühle selbst, daß ich überreiche Arbeit habe. Ich habe aber heute bei Rose Teck gesehen, welch eine Fülle von Arbeit der Sommer ihr bringt. Schau, Claus, ich stehe doch auch im Lebenssommer, da ist es eben nicht anders: der Sommer bringt viele schöne Blumen und Früchte, aber auch viel Arbeit. Es wird mir bestimmt nicht zuviel werden, ich schaffe schon alles.«

»Ja, Pucki, du erntest bereits in deinem Lebenssommer das, was andere erst im Herbst ernten.«

»Hast recht, Claus! Wenn ich meine drei Jungen ansehe, bin ich überglücklich.«

»Auch dann, wenn sie die drei O's behüten sollen?« fragte er lachend.

»Auch dann, Claus! Heute beim Abendessen werde ich dir den Beweis liefern, daß der gute Samen, den du in die Herzen deiner Kinder legtest, kraftvoll aufging.«

»Ich glaube, den größten Anteil hast du, Pucki.«

»Na, Claus, denke nur an meine törichten Streiche, die ich noch als junge Mutter beging.«

»Macht nichts, Pucki, es kommt im Leben viel mehr auf den Sommer und auf den Herbst an! Laß im Frühling ruhig die Stürme sausen; wenn etwas fest gepflanzt ist, wird es nicht entwurzelt.«

»Ich muß wieder fort, ich habe zu tun, mein lieber Mann. – Morgen kommt also Hedwig Teck zu uns ins Haus.«

Pucki eilte wieder hinüber, um das Abendessen anzurichten. Aus dem Wohnzimmer tönten laute Stimmen. Das war doch Regine? Faßte das kleine Mädchen endlich Vertrauen zu den anderen? Und jetzt lachte sie sogar. Da war es Pucki, als müsse sie dankerfüllt die Hände falten. Wenn die beiden Mädchen erst wieder lachen konnten, war der Weg zu ihren Herzen frei!

Beim Abendessen erzählte Pucki von den Puppenstuben auf der Schmanz und von den Wünschen der beiden Kinder.

»Ich habe auch eine Puppenstube«, rief Ottilie.

Pucki schaute ihre drei Jungen der Reihe nach an. »Ich habe mir gedacht, daß ihr in den nächsten Tagen zwei solcher Puppenstuben zusammen basteln werdet. Möbel aus Holz oder Streichholzschachteln müßt ihr erfinden; Laubsägearbeiten habt ihr alle drei ja schon gemacht. Es wird euch sicher eine Freude sein, euren kleinen Basen zwei Puppenheime herzurichten.«

Es schien, als wenn dieser Plan anfangs ohne große Begeisterung aufgenommen würde. Nur Rudolf, der sehr gern Laubsägearbeiten machte, erklärte, er hätte gerade Zeit und würde einige Möbel aussägen. – Als dann aber Pucki ihren Ältesten mit forschendem Blick anschaute, sagte Karl hastig:

»Na ja – da können wir ja gleich morgen mit dem Krempel anfangen.«

»Machst du mir eine Puppenstube?« fragte Regine und sah den Vetter ängstlich an.

Der schaute in ihre traurigen Augen und sagte dann lebhaft werdend: »Wenn es dich freut, kleine Regine, mache ich dir ein feines Puppenhaus.«

Am nächsten Tage ging die Arbeit los. Alle saßen im Kinderzimmer beisammen und blickten unentwegt auf die Arbeiten der drei Vettern.

Da wurde gesägt, genagelt, geleimt und geklebt. Die Mädchen in der Küche wurden bedrängt, leere Streichholzschachteln herzugeben. Buntes Papier wurde herausgesucht, kurzum, es herrschte ein wildes Durcheinander. Als Pucki ins Zimmer schaute, sah sie Mabel und Regine, die gerade damit beschäftigt waren, Streichholzschachteln mit braunem Glanzpapier zu überziehen. Sehr ruhig ging es natürlich nicht zu. Bald schrie Rudolf, bald brüllte Peter eines der Kinder an; dann bekam Olga einen Puff, weil sie einen neugefertigten Stuhl zerbrochen hatte. Die sechsjährige Ottilie wollte natürlich auch mit basteln, zerbrach aber alles und wurde von Peter zornig angeschrien.

»Laß das sein, wenn du nichts verstehst!«

Ottilie begann zu weinen.

»Heule nicht«, rief Peter.

»Ich – heule – ja nicht!«

»Ja, du heulst!«

»Nein, ich heule nicht«, erwiderte Ottilie krampfhaft schluckend, »es heult doch von selber!«

Da brach Mabel in lautes Lachen aus. Es war das erste Lachen seit dem furchtbaren Unglücksfall. Sie tröstete die Schluchzende, gab ihr ein ausgesägtes Lämmchen in die Hand und zeigte ihr, wie man es mit Watte bekleben mußte. Aber Ottilie hatte bald die Fingerchen voll Leim, so daß alles daran kleben blieb. Und als sie die Finger in die Schürze abwischte, stieß sie dabei noch die Leimflasche um. Rasch wischte sie den Leim mit der Schürze vom Tisch herunter und schluchzte erneut:

»Alles klebt – – brrr, es ist schrecklich!«

Karl wusch Ottilie die Hände ab, nahm ihr die Schürze fort und stiftete Ordnung.

Sehr rasch waren die beiden Kisten mit Tapete beklebt. Rudolf sägte die Fenster aus, Mabel und Regine aber standen mit strahlenden Augen daneben und schauten zu.

»Nun muß die ganze Geschichte erst trocknen«, sagte Karl. »Für heute ist es genug!«

Abermals schaute Pucki ins Kinderzimmer. Wie sah es dort aus! Aber Pucki tadelte nichts, denn jetzt galt es, die Kinder zu beschäftigen und zu erfreuen.

»Seid ihr auch alle friedlich und artig?« fragte sie nur, während sie in der Tür stehenblieb.

Waltrauts Ältester lief auf sie zu: »Der olle Peter hat Ottilie angebrüllt, Tante Pucki, sie hat so geweint, daß ihr die Tränen immerzu am Rücken 'runtergelaufen sind.«

Wieder lachte Mabel auf. »Die Tränen können doch nicht am Rücken herunterlaufen? Bist du aber dumm!«

»Peter, Peter«, drohte Pucki, »ist dir wieder dein Temperament durchgegangen? – Nun spielt weiter ruhig miteinander, damit ich keine Klagen höre. Wer nicht artig ist, bekommt heute mittag keinen Schokoladenpudding.«

»Der Peter bekommt keinen! Ich esse seinen Pudding mit auf!« rief Ottilie.

»Von jetzt an seid ihr alle friedlich und recht artig«, mahnte Pucki erneut. »Spielt nett zusammen, dann freut Tante Pucki sich. – Karl, nicht wahr, du schaffst Ordnung!«

»Freilich, Mutti!«

Pucki ging davon.

»Ich will jetzt Schule spielen«, sagte Ottilie. »Du bist das Fräulein.« Dabei wies sie auf Karl.

»Ach ja«, meinte Regine, »wir spielen Schule, das ist fein!«

»Nein, von der Schule habe ich genug«, brummte Rudolf, »jetzt sind Ferien!«

»Wir wollen Schule spielen«, beharrte Ottilie.

»Schule spielen«, echote Olga.

Es ging nicht anders, der Wunsch nach diesem Spiele wurde immer lauter. Doch als Karl den Peter als Lehrer vorschlug, ertönte lauter Widerspruch.

»Nee«, sagte Oskar mit Nachdruck, »so einen Lehrer will ich nicht, der haut mich wieder.«

Karl machte sich erneut an den Puppenstuben zu schaffen. Er hoffte, daß die Kinder ohne ihn spielen würden. Doch man bedrängte ihn immer wieder, so daß er schließlich einwilligte. Schon rückten die drei O's die Stühle zusammen, Mabel und Regine gesellten sich hinzu, und Rudolf mußte auch mittun. Nur Peter weigerte sich.

»Du bist der Lehrer«, bestimmte Oskar und wies auf Karl.

»Nein, du bist die Lehrerin«, sagte Mabel, »wir haben immer nur Lehrerinnen.«

»Das ist doch keine Lehrerin«, widersprach Oskar, »eine Lehrerin hat einen Rock an.«

»Ich hole rasch einen Rock«, rief Ottilie.

Da weigerte sich Karl ganz energisch. Aber schon kam Regine mit einer Schürze angelaufen und sagte bittend: »Ach, sei du doch unsere Lehrerin. Du bist so gut!«

Karl zögerte noch einige Augenblicke. Er, der Primaner, sollte sich eine Küchenschürze umbinden? Als sich aber Mabel mit der Schürze näherte und sie ihm umbinden wollte, ließ er es endlich ein wenig verlegen geschehen. Es war gut, daß ihn keiner seiner Klassenkameraden so sah.

Dann ging es mit dem Unterricht los.

»Fräulein – ich weiß was«, rief Ottilie und hob den Finger.

Fragen aller Art folgten.

»Du bist ein Fräulein«, sagte Ottilie, »du mußt mit der Stimme mehr piepsen. Unser Fräulein piepst auch.«

»Ach ja, du mußt piepsen«, rief Regine und klatschte in die Hände.

Da richtete Karl in höchsten Fisteltönen an Oskar die Frage: »Wieviel sind fünf und sieben?«

»Das ist zu schwer«, meinte Oskar.

»Paß mal gut auf, Oskar. Ich lege hier drei Eier her, und du legst vier Eier dazu –«

»Er kann ja gar keine Eier legen«, warf Rudolf trocken dazwischen.

Helles Gelächter folgte darauf.

»Kannst ja keine Eier legen«, riefen alle.

»Und ich kann auch keine Eier legen«, ergänzte Oskar. »Eier legt doch das Hühnchen!«

»Ruhe!« gebot die Lehrerin, aber dieses Mal nicht mit einer Piepsstimme.

»Der Karl legt Eier«, lachte Ottilie. »Hahaha, der Karl legt Eier!«

»Ruhe, oder ich hole den Stock aus der Ecke!«

»Fräulein, du mußt doch piepsen«, rief Regine.

»Wenn die Lehrerin böse ist, piepst sie nicht mehr«, erwiderte Karl. »Also Ruhe! – Aufgepaßt, Oskar! Ich hole drei Eier aus dem Hühnerstall, und du holst vier Eier aus dem Hühnerstall.«

»Nein, ich darf keine Eier aus dem Hühnerstall holen. Wir Kinder dürfen nicht in den Hühnerstall gehen.«

»Ich bin mal gestolpert«, rief Ottilie, »und bin aufs Nest gefallen. Da klebten alle Eier an mir.«

»Ich habe dich nicht gefragt«, piepste die Lehrerin, »ich verlange von Oskar die Antwort. – Also, ich hole vier Eier aus dem Hühnerstall –«

»Vorhin hast du doch nur drei geholt«, rief Regine.

»Der Karl legt Eier – – der Karl legt Eier!« lachte Ottilie, und wieder ertönte lautes Lachen durch das Zimmer.

Diesen Ausbruch der Freude hörte Doktor Gregor, der gerade aus der Klinik gekommen war, um seiner Frau zu melden, daß er wahrscheinlich nicht pünktlich zum Mittagessen kommen könne, da er über Land fahren müsse. Er stand einen Augenblick lauschend an der Tür. Was war das für eine hohe Stimme, die ständig durch den Lärm der Kinder hindurch rief:

»Ich hole vier Eier aus dem Hühnerstall – –«

Da öffnete Doktor Gregor die Tür. Noch hörte er die letzten Worte seines Ältesten, er sah ihn mit der vorgebundenen Küchenschürze und lachte ebenfalls herzlich mit.

Oskar war der erste, der Onkel Claus erblickte.

»Der Karl legt Eier – hier auf den Tisch, und ich soll auch Eier legen! Hahaha!«

Doktor Gregor war sofort von den Kindern umringt, nur Karl stand abseits. Hastig nestelte er an den Bändern der Küchenschürze, verknotete sie aber nur noch mehr und konnte sich daher der Schürze nicht so rasch entledigen. Dunkles Rot lag auf seinen Wangen. Es war dem Primaner sichtlich peinlich, vom Vater in dieser Aufmachung gesehen zu werden.

Doktor Gregor sprach freundliche Worte mit den übermütigen Kindern. Dann kam Pucki, die das laute Lärmen hörte, herbei und mußte sich gleichfalls die Geschichte von dem eierlegenden Karl erzählen lassen.

Es war Karl indessen gelungen, die Küchenschürze abzulegen. Da winkte ihm der Vater zu. »Ich möchte noch rasch ein Wort mit dir reden, Karl.«

Er folgte dem voranschreitenden Vater mit gesenktem Kopf. Er, der Primaner, hätte den Wünschen der Kleinen nicht nachgeben dürfen. Sie wären gewiß auch damit einverstanden gewesen, wenn er die Rolle des Lehrers und nicht die der Lehrerin gespielt hätte.

Im Nebenzimmer saßen bald Vater und Sohn sich einander gegenüber. »Hast du etwas für mich zu tun, Vater? Soll ich dir helfen?«

»Nein, mein Junge! Ich wollte dir nur einmal recht herzlich die Hand drücken.«

»Mir? – Warum?«

»Ich habe Mabel und Regine lachen hören, ein Kinderlachen, wie sie es früher hatten. Ich nehme an, daß ihnen die Lehrerin mit der Schürze viel Spaß gemacht hat. Ich weiß sehr wohl, mein Junge, wie einem Primaner ums Herz ist, ich war selbst einmal einer. Ich habe auch deine Verlegenheit gesehen, als ich das Zimmer betrat. Das war unnütz, mein lieber Junge. Ich glaube, du hast heute ein großes Werk der Nächstenliebe getan und dich selbst bezwungen.«

»Ach – Vater, es war doch nur ein übermütiges Spiel –«

»Mein lieber Junge, ich habe einmal deiner Mutter ein Buch geschenkt. In diesem Buche habe ich alle ihre Jugendstreiche niedergeschrieben. Ich hatte es zusammengestellt, deine Tante Agnes schrieb es ab.«

»Ja, Vater, ich weiß. – Dieses Buch haben wir Kinder dann in die Hand bekommen. Eine deiner Patientinnen las uns die kleinen Streiche vor.«

»Ich habe die Absicht, deiner Mutter in Kürze den zweiten Band dieser Erinnerungen zu schenken. Du weißt es selbst, welch prächtige Frau und Mutter sie geworden ist. Ein leuchtendes Beispiel für viele! Auch von euch ist in diesem Buche die Rede, und ihr kommt nicht gerade schlecht weg. Aber an dir, Karl, habe ich heute eine besondere Freude gehabt.«

»Vater!«

»Es fiel dir kein Stein aus deiner Primanerkrone, als du bereit warst, den kleineren Kindern eine Freude zu machen. Es wurde dir nicht leicht, aber du hast es getan. Nett von dir, mein Junge! Über dem zweiten Bande, den ich deiner Mutter schenken werde, steht ein Vers, den ich dir heute schon mit auf deinen Lebensweg geben will, denn du hast mir gezeigt, daß du das begreifst, was in diesem Gedicht steht. Deine Mutter hat in den letzten Jahren ein Leben für uns geführt. Was sie uns war, will mein Gedicht zum Ausdruck bringen.«

»Sag mir das Gedicht, Vater.«

»Freilich, mein Sohn, denn ich gebe dieses Gedicht ja auch dir auf deinen Lebensweg. Schreibe es dir tief ins Herz! Gerade weil wir die beiden unglücklichen Kinder ins Haus nahmen, sollst du dich manchmal dieser Zeilen erinnern und danach handeln.«

Gespannt blickte Karl den Vater an.

»So höre zu:

Es war nur ein sonniges Lächeln,
Es war nur ein freundliches Wort,
Doch scheuchte es lastende Wolken
Und schwere Gedanken fort.

Es war nur ein warmes Grüßen,
Es war nur der Druck einer Hand,
Doch war es die leuchtende Brücke,
Die Himmel und Erde verband.

Ein Lächeln kann Schmerzen lindern,
Ein Wort, das von Herzen kam,
Gibt Glaube und Hoffen dir wieder,
Weil es dir die Sorgen nahm.

Es kostet dich wenig zu geben:
Wort, Lächeln und helfende Hand,
Doch arm und kalt wär' dein Leben,
Wenn keiner dein Helfen empfand.«

Karl reichte dem Vater die Hand und drückte sie kräftig. Claus nickte.

»So, mein Junge, nun muß ich fort, die Pflicht ruft.«

»Und ich«, sagte Karl mit heller Stimme, »werde weiter mit den Kindern im Nebenzimmer Schule spielen.«

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