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Puckis Lebenssommer

Magda Trott: Puckis Lebenssommer - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorMagda Trott
titlePuckis Lebenssommer
publisherVerlag A. Anton & Co.
yearo.J.
firstpub1941
illustratorG. Kirchbach
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorRegine Kreutz
senderwww.gaga.net
created20151218
modified20180123
projectid0543abd5
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Glücksmänner und Wichtelmänner

Hinter Pucki lagen schwere Tage. Immer wieder brach bei Mabel und Regine der Schmerz um die verlorenen Eltern durch, und immer wieder mußte sie tröstend bei den Kindern sitzen, um ein wenig Licht in die bekümmerten Herzen zu bringen. Aber das war es nicht allein, was die vielbeschäftigte Arztfrau quälte. Sie mußte sich auch um den Bremer Haushalt des verunglückten Schwagers kümmern; er sollte aufgelöst werden. Wenn auch nicht alles von heute auf morgen getan zu werden brauchte, so galt es doch, Anordnungen zu treffen, denn weder die Köchin, noch die beiden Hausmädchen, die in der Villa in Bremen zurückgeblieben waren, besaßen die nötige Umsicht. Es dünkte Pucki unmöglich, ihnen die Fürsorge für das Haus allein zu überlassen; zudem waren sie erst ein knappes Jahr im Haushalte tätig. So war niemand dort, auf den sich Pucki wirklich verlassen konnte.

Trotz seiner großen Arbeit und starken Inanspruchnahme war Doktor Gregor für einen Tag hinüber nach Bremen gefahren; er hatte dort Besprechungen gehabt und das Wichtigste angeordnet. Zunächst wurden die Angestellten entlassen, die Villa verschlossen und die Aufsicht einem Anwalt übergeben, der mit Oberingenieur Gregor gut bekannt gewesen war. Sobald es die Zeit erlaubte, wollte Doktor Gregor mit seiner Frau für mehrere Tage nach Bremen reisen, um den Haushalt aufzulösen. Fürs erste war das aber unmöglich, denn Pucki konnte nicht von den beiden verwaisten Kindern fort, die sie zu jeder Stunde brauchten.

Waltraut, die mit ihrem Gatten eine Sommerreise machen wollte, erklärte, als sie von dem Unglück hörte, daß sie unter diesen Umständen ihre Reise verschieben würde. Aber Pucki wußte, daß ihrem Manne eine Erholung notwendig war. So überredete sie die Schwester, ihre drei Kinder, Oskar, Ottilie und Olga, zu ihr zu geben.

Da Pucki einsah, daß sie dieser vielen Mehrarbeit nicht gewachsen war, hielt sie es für richtig, sich für die nächsten Monate nach einer Hilfe umzusehen. Es war natürlich schwer, rasch das Passende zu finden.

»Mutti«, sagte ihr Ältester eines Tages, als Pucki die wenigen eingelaufenen Antworten auf ihre Anzeige sichtete, »ich weiß einen Ausweg. Wir haben noch drei Wochen Ferien. Ich werde dir die drei Kinder von Tante Waltraut abnehmen und mich mit ihnen beschäftigen.«

»Mein guter Junge«, sagte Pucki gerührt, »du meinst es sehr gut, aber ich fürchte leider, daß der Herr Primaner nicht recht mit den kleinen Kindern fertig wird.«

»Hast recht, Mutti, ich würde sonst wirklich nicht mit kleinen Kindern spielen; nur dir zuliebe will ich es gern tun.«

»Ich kann mir denken«, lächelte die Mutter, »daß es dich viel Überwindung kosten wird, die Rolle eines Kindermädchens zu spielen.«

»Für dich tue ich es aber, Mutti!«

»Und wenn die kleine Ottilie oder die Olga mit der Puppe kommt, wenn du Puppenmutter sein mußt? – Was dann, Karl?«

»Dann denke ich, daß ich dir dadurch Arbeit abnehme. Dann werde ich eben Puppenmutter sein.«

»Mein lieber Junge, du machst mich mit deinen Worten unendlich glücklich, denn ich sehe daraus deine große Liebe zu mir. Wollen wir es einmal versuchen?«

»Ja, ich will es versuchen, es wird schon gehen! Außerdem ist ja auch der Peter da, der wird mir helfen.«

»Mir wäre es lieber, Karl, wenn du dich mehr um Mabel und Regine kümmern würdest. Mache mit den beiden unglücklichen Mädchen Spaziergänge, spiele mit ihnen, treibe mit ihnen Sport, suche sie abzulenken und werde auch nicht ungehalten, wenn beide in ihrem Schmerz nicht gleich auf deine Vorschläge eingehen. Man darf mit den Kindern jetzt nicht rechten. – Willst du das tun, Karl?«

Er nahm den Kopf der Mutter zwischen beide Hände und strich zärtlich über ihre Wangen. »Ich will lieber Puppenmutter sein, Mutti! Mit Mabel und Regine werde ich nicht fertig. Ich habe es schon mehrmals versucht. Ich weiß ihnen wirklich nichts zu sagen. Wenn ich sie tröste, klingt es dumm. Hier kannst nur du helfen! Wenn du zu ihnen sprichst, werden sie ruhiger. Nimm du die Kinder von Onkel Eberhard in deinen besonderen Schutz, ich werde mit den drei anderen besser fertig!«

»Nimm dir Peter zu Hilfe, vielleicht auch Rudolf. Ja, wenn ich drei so tüchtige Kindermädchen habe, wird es zu schaffen sein, und später werde ich gewiß eine passende Kraft finden. Mabel und Regine werden voraussichtlich in unserem Hause bleiben.«

»Immer kommt neue Arbeit auf deine Schultern, Mutti, niemals klagst du, für alle bist du da. In der Klinik bist du ein guter Geist, im Hause trägt jeder seine Sorgen zu dir, und niemals wirst du ungeduldig.«

Pucki lachte. »Ich wäre eine schlechte Hausfrau und Mutter, mein lieber Karlemann, wenn ich nicht freudig alles auf meine Schultern nehmen würde, was für andere allein zu schwer ist.«

»Mutti – wenn ich einmal heirate, nehme ich mir eine Frau, die dir ähnlich ist! Ich möchte auch so werden wie der Vater, und wenn meine Frau so ist wie du, werden wir eine glückliche Ehe haben.«

»Als Kind habe ich auch allerlei Streiche gemacht, aber wenn du werden willst wie der Vater, bin ich schon zufrieden. Den ersten Beweis hast du mir heute geliefert.«

»Wieso?«

»Es war einmal ein kleines Mädchen, das hieß Pucki und wollte durchaus Kreisspiele machen. Plötzlich stand vor ihm ein Primaner. Auf den lief die kleine Pucki zu und bat ihn, er möge mitspielen: ›Fuchs, du hast die Gans gestohlen‹. Dem Primaner war das vor den andern Kindern sichtlich peinlich. Aber schließlich spielte er mit, und später hat er dieselbe kleine Pucki geheiratet.«

»Na also, Mutti! Da werde ich mir jetzt die drei O's suchen und mit ihnen spielen. Du brauchst dich wirklich nicht um uns zu kümmern. Du wirst schon sehen, wie gut ich mit ihnen fertig werde.«

Pucki atmete erleichtert auf. »Ich weiß, ich darf mich auf dich verlassen. – Doch nun muß ich nach der Küche sehen, und dann will ich hinüber in die Klinik. Man ließ mir sagen, daß zwei Kranke nach mir verlangt hätten.«

Der achtzehnjährige Karl ging durch das Haus und wollte gerade den Garten betreten, als ihm ein dreistimmiges Geschrei entgegenschallte. Mit allen Anzeichen größten Entsetzens lief ihm die sechsjährige Ottilie in die Arme.

»Er kommt – er kommt!«

»Was ist denn los? – Wer kommt?«

»Der schwarze Mann! – Er will mich mitnehmen!«

»Welcher schwarze Mann! – Der Schornsteinfeger?«

Nun kamen auch Oskar und Olga angelaufen. Olga weinte laut. Der schwarze Mann wäre da, er hätte eine Leiter und einen Strick und ein furchtbar schwarzes Gesicht. Sie wären alle fortgelaufen.

»Ihr kleinen Lämmer«, tadelte Karl. »Der schwarze Mann ist kein böser Mann, ganz im Gegenteil! Der schwarze Mann ist ein Glücksmann! Wer ihn sieht, hat Glück am selben Tage. Er tut keinem etwas zuleide. Er ist doch nur so schwarz, weil er in den Schornstein kriechen muß.«

Weiter berichtete Karl von der Tätigkeit eines Schornsteinfegers, der wirklich ein richtiger Glücksmann sei, denn jeder Mensch freue sich, wenn ihm der schwarze Mann in den Weg laufe.

»Muß er schwarz sein?« fragte Oskar. »Ist ein weißer Mann denn kein Glücksmann?«

»Nein, er muß ein schwarzes Gesicht und schwarze Hände haben. Es muß unbedingt ein Schornsteinfeger sein.«

»Warum ist er ein Glücksmann?«

»Weil er schwarz ist.«

»Bin ich auch ein Glücksmann, wenn ich schwarz bin?« fragte Oskar voller Interesse.

»Wenn du ein Schornsteinfeger bist, sagen die Leute natürlich: Da kommt der Glücksmann!«

»Nimmt der Schornsteinfeger uns nicht mit?« fragte Ottilie.

»Nein – er denkt gar nicht daran!«

»Die Frau bei uns, die unten wohnt, die mit den Ringelhaaren, hat aber gesagt, der schwarze Mann steckt uns ein.«

»Die Frau hat dir bloß Angst machen wollen, Ottilie. Ich sage dir, der Schornsteinfeger tut keinem Menschen etwas zuleide. – Komm mit mir, wir wollen uns einmal den Schornsteinfeger ansehen. Vielleicht sitzt er schon irgendwo oben auf dem Dach.«

Ottilie faßte nach der einen Hand, Olga ergriff die andere Hand des Primaners. »Du mußt aber mitkommen. Wenn er auf uns losgeht, mußt du ihn zurückboxen.«

»Er geht nicht auf uns los, er bringt uns Glück.«

»Mit dem Besen schlägt er uns auf den Kopf«, meinte ängstlich die kleine Olga.

»Und mit der schwarzen Kugel schmeißt er nach uns.«

»Was macht er denn mit der Leiter?«

»Die braucht er, um auf das Dach zu steigen«, erklärte Karl.

»Wollen wir mal hingehen?« fragte Oskar, der im Schutze des großen Vetters alle Angst verloren hatte.

»Erst wollen wir mal schauen, ob wir den schwarzen Glücksmann auf dem Dache sehen können.«

Tatsächlich, oben auf dem flachen Dach der Klinik stand der schwarze Mann.

»Hab' ich jetzt Glück?« fragte Oskar.

»Freilich«, erwiderte Karl, »ich auch! Ich freue mich, daß ich den Schornsteinfeger gesehen habe.«

»Komm rasch, wir laufen und holen Tante Pucki, damit sie Glück hat, und Onkel Claus auch!«

»Die haben beide keine Zeit, Oskar.«

»Sie sollen doch den Glücksmann sehen. – Ich laufe ganz schnell hin und hole sie!«

»Nein, bleibe lieber hier. Wir wollen jetzt zusammen spielen.«

»Ja, Verstecken!«

»Schön«, sagte der gutherzige Primaner. Dann wurde ein Baum ausgewählt, an dem der Suchende mit geschlossenen Augen stehen und zählen mußte, bis die andern sich versteckt hatten. Kurz darauf nahm das Spiel seinen Anfang.

Wieder stand Karl am Baum und zählte geduldig. – Er wartete, daß von den Kindern der Ruf ertönen sollte: Fertig! Dieses Mal dauerte es sehr lange. Karl hatte schon bis sechzig – bis siebzig gezählt, da nahm er an, daß sich die Kinder so weit entfernt im Garten versteckt hatten, daß er ihr Rufen überhört hatte. Er machte sich also auf die Suche; er schaute in die Lauben, er suchte überall – von den drei Kindern war nichts zu sehen. Da rief er laut, aber keine Antwort erfolgte.

Die drei Kinder hatten anfangs die Absicht gehabt, ein recht schweres Versteck ausfindig zu machen. Sie waren dabei bis in den Vorgarten der Klinik gekommen und sahen dort die schwarze Kugel, das lange Seil und die Leiter des Schornsteinfegers stehen. Frohlockend griff Oskar nach dem Seil.

»Jetzt bin ich der schwarze Mann – der Glücksmann!« schrie er vor Freude.

Der Besen stäubte Ruß aus, der sich an der blauweiß gestreiften Matrosenbluse des Jungen festsetzte. Durch das Anfassen der Kugel wurden seine Hände pechschwarz, aber das beunruhigte Oskar nicht im geringsten. Im Gegenteil, er jauchzte auf: »Ich bin der schwarze Mann! Ich bin der Glücksmann!«

»Nein, ein Glücksmann hat ein schwarzes Gesicht«, erklärte die ältere Schwester.

Sofort fuhr sich Oskar mit beiden Händen ins Gesicht und wiederholte das so lange, bis Ottilie meinte, nun sähe er wirklich aus wie ein Glücksmann. Auch sie hatte das Seil mehrfach angefaßt, so daß ihre Hände und ihr Kleid ebenfalls bereits deutliche Spuren des Glücksmannes aufwiesen.

»Jetzt laufen wir zu Tante Pucki, damit sie auch den Glücksmann sieht und Glück hat.«

»Und zu den kranken Leuten, die in den Betten liegen. Wenn man gesund ist, hat man Glück, sagt die Mutter.«

»Au fein – wir gehen zu den kranken Leuten.«

Ottilie nahm mit ihren schwarzen Händen die kleine Olga bei der Hand; so zog die schmutzige Gesellschaft durch den langen Flur der Klinik. Vorsichtig öffnete Oskar eine der Türen und schaute ins Zimmer. Dort lag in einem weißen Bett ein Mann.

»Ich bin der Glücksmann«, sagte Oskar.

»Was kommt da für ein schwarzer Junge an?« fragte der Kranke erstaunt.

»Du hast einen Glücksmann gesehen, darum wirst du auch gesund. – So – wir gehen weiter!«

Auch die nächste Tür wurde geöffnet. Wieder dasselbe Spiel. Daß sich an den weißen Türen deutliche Spuren ihrer schwarzen Hände bemerkbar machten, das sahen die Kinder nicht. Sie wollten Onkel Claus suchen, damit auch er heute Glück hätte. Aber das Zimmer von Onkel Claus war, wie immer, verschlossen.

»Hier ist 'ne kleine Tür«, meinte Oskar, »da können wir durchgehen, dann kommen wir zu Tante Pucki. Wir müssen nur die Stufen 'runtersteigen. Ich weiß den Weg.«

Die drei kleinen Glücksmänner gingen weiter. Sie kamen in die Küche. Freudestrahlend lief Oskar auf die am Herd stehende Pucki zu und schmiegte sich an sie, ehe Pucki die »schwarze Gefahr« abwenden konnte.

»Au fein – jetzt hast du Glück!«

»Ihr Schmutzfinken, wie seht ihr aus!« schalt Pucki.

»Tante Pucki, wir sind doch Glücksmänner! Wir sind schon überall bei den Kranken gewesen!«

»Auch das noch«, stöhnte Frau Doktor Gregor. Sie sah im Geiste sauber bezogene Betten vor sich, auf denen schwarze Fingerabdrücke waren.

»Sofort kommt ihr mit mir! Jetzt wird gewaschen!«

»Nein, Tante Pucki, wir müssen noch weiter – wir sind die Glücksmänner!«

Aber Pucki duldete keine langen Gegenreden. Sie packte den ersten Glücksmann am Kragen, schob ihn vor sich her und ergriff Ottiliens Hand. Olga klammerte sich ohnehin an ihren weißen Kittel. So gingen alle hinüber ins Badezimmer.

»Ausziehen, aber sofort! Ich bin sogleich wieder hier. – Keiner von euch verläßt das Badezimmer!« Rasch gab sie noch in der Küche die nötigen Anweisungen, dann wurden die drei kleinen Glücksmänner gründlich gesäubert.

»Karlemann – Karlemann«, seufzte Pucki, »der Anfang deiner Erziehungskünste war nicht ermutigend!«

In der Klinik betrachtete Schwester Maria kopfschüttelnd die vielen unsauberen Türen. Das konnte doch unmöglich der Schornsteinfeger gewesen sein. Dann mußte auch in der Klinik eines der Hausmädchen mit Wasser und Seife die Arbeit beginnen. Die Patienten klärten das Rätsel gar bald auf, und Schwester Maria beklagte sich bei Herrn Doktor Gregor, der zur Mittagsstunde Aufklärung von seiner Frau erhielt.

»Was ist los?« fragte Karl aufhorchend. »Ich habe die drei Kinder immerfort gesucht.«

Als Pucki den Vorfall berichtete, wurde er recht kleinlaut. »Vielleicht ist das alles nur meine Schuld, Mutti. Ich erzählte den Kindern, daß ein Mann mit einem schwarzen Gesicht ein Glücksmann wäre. Das haben sie wohl mißverstanden. – Nun hast du statt Hilfe nur Mehrarbeit gehabt!«

»Es reichte mir zu«, erwiderte die Mutter. »Aber du hast es ja nur gut gemeint. Jedenfalls siehst du nun ein, mein lieber Karl, daß es nicht ganz leicht ist, Kinder zu beschäftigen.«

Auch die beiden Brüder Peter und Rudolf neckten Karl tüchtig.

»Hast eben keine Begabung«, sagte Peter, »ich würde die drei Kleinen ganz anders zusammenhalten. Man liest ihnen ein Märchen vor, dann sitzen sie wie die Mäuschen, und man kann dabei noch an seine eigenen Sachen denken.«

»Na, na«, meinte Pucki, »das geht auch nicht so, wie du dir das denkst, Peter! Kinder merken sehr genau, wenn man mit seinen Gedanken anderswo ist.«

»Sie haben stille zu sein, wenn ich lese.«

»Dann lies ihnen etwas vor, Peter. Es wäre mir sehr lieb, wenn du heute nachmittag die drei Kleinen beschäftigen würdest.«

»Gemacht, Mutti! – Eine Kleinigkeit! Ich liefere dir die drei O's in tadellosem Zustande wieder zurück!«

»Im Bücherschrank, der im Wohnzimmer steht, findest du im untersten Fach Bilder- und Märchenbücher. Wähle eines aus, vielleicht eins, das auch die vierjährige Olga versteht, und beschäftige dich für ein Stündchen mit den Kindern.«

»Du weißt, wie gern wir dir helfen, Mutti! Ich werde also heute den Märchenonkel machen! Ich werde die Prüfung besser bestehen als mein Bruder Karl.«

»Er hat es gut gemeint, Peter. – Nun magst du einen Versuch wagen. Es sollte mich freuen, wenn die drei O's mit ihrem Märchenonkel zufrieden wären.«

Eine halbe Stunde später rief Peter die drei Kinder zu sich.

»Hingesetzt – sitzengeblieben und zugehört!« sagte er. »Ich lese euch etwas Feines vor!«

Er hatte eine Erzählung von Wichtelmännchen ausgewählt, die er einst als sechsjähriger Knabe selber recht gern gehört und gelesen hatte. Das Buch war nicht mehr in gutem Zustand, aber es hatte viele hübsche Bilder, so daß Peter mit Sicherheit hoffte, die drei Kinder zu erfreuen. Unter jedem Bild stand ein Vierzeiler.

»Das sind die Wichtelmänner«, begann er, »die ihr hier seht.«

»Nein, Zwerge sind das«, sagte Ottilie.

»Wichtelmänner sind es«, sagte Peter bestimmt.

»Das sind keine Wichtelmänner«, beharrte Oskar, »das sind Zwerge, genau wie bei Schneewittchen. – Was sind denn Wichtelmänner?«

»Wichtelmänner sind auch Zwerge«, erklärte Peter, schon ein wenig ungeduldig. – »Jetzt hört zu.«

»Warum sind das Wichtelmänner und keine Zwerge?« fragte Ottilie wieder.

»Das sind doch Zwerge«, meinte Oskar. »Zwerge haben Mützen und graue Kittel. Sieben Zwerge, wie bei Schneewittchen.«

»Du hältst jetzt den Mund, Oskar. Ich will euch die Geschichte vorlesen.«

»Von kleinen Zwergen«, sagte Olga.

»Ja – lies von den Zwergen, aber nicht von den Wichtelmännern«, bat Ottilie.

»Nun seid endlich ruhig!« schalt Peter. Er zeigte auf ein Bild, das mehrere Zwerge darstellte. Sie zogen einen Suppenlöffel, in dem ein Wichtelmännchen saß. Dann las er laut:

»Im Suppenlöffel kreuz und quer,
Als wenn's ein kleines Schifflein wär',
Da fahren Wichtelmännchen frisch
Herum auf dem polierten Tisch.«

»Sieh mal, die Zwerge, die haben einen Löffel genommen«, rief Ottilie. »Nu' noch mal vorlesen! – Wie war das?«

Peter las die vier Zeilen noch einmal.

»Sag noch mal!« rief Olga.

»Du hast ihn ja schon zweimal gehört«, schrie Peter ungeduldig.

»Olga will noch mal hören – noch mal vom Suppenlöffel!«

Auf Peters Stirn erschien eine Falte, als er noch einmal las:

»Im Suppenlöffel kreuz und quer,
Als wenn's ein kleines Schifflein wär',
Da fahren Wichtelmännchen frisch
Herum auf dem polierten Tisch.«

»Wo fahren die kleinen Zwerge?« fragte Ottilie.

»Auf dem polierten Tisch. – Und jetzt lese ich etwas anderes vor.«

»Was ist denn das für ein Tisch?«

»Na, ein polierter Tisch ist eben – – ein polierter Tisch! Ein blanker Tisch. Aber weiter!«

»Was ist denn ein bollierter Tisch?«

Peter überhörte die Frage und rief: »Ich lese jetzt den anderen Vers!«

Olga warf sich mit dem ganzen Körper auf das Buch.

»Olga will noch mal vom Suppenlöffel hören!«

»Ihr Bande – haltet Ruhe! – Jetzt kommt was noch Schöneres!«

»Nein, vom Suppenlöffel«, rief Olga eigenwillig.

Peter schrie sie an:

»Im Suppenlöffel kreuz und quer,
Als wenn's ein kleines Schifflein wär' – –«

»Ist aber kein Schiff«, krähte Ottilie, »ist doch ein Suppenlöffel auf einem bollierten Tisch!«

»Poliert«, brüllte Peter aus Leibeskräften, »du bist ein dummes Mädchen!«

Olga erschrak und begann zu weinen.

Da besann sich Peter, daß er zu weit gegangen war. Er lenkte ein. »Brauchst doch nicht gleich zu heulen, kleiner Quark, freue dich lieber an den Wichtelmännern!«

»Das sind aber Zwerge.«

Peter fuhr mit der Hand durch sein lockiges Haar. »Paßt mal auf, jetzt kommt etwas von der Milchschüssel!«

Ottilie hinderte Peter am Umblättern. »Sind die Zwerge so klein, daß sie in einem Suppenlöffel sitzen können? Dann muß sie Schneewittchen doch manchmal getreten haben?«

»Die Zwerge können gar nicht im Suppenlöffel fahren«, belehrte Oskar. »Ich habe ein Bild von Schneewittchen gesehen, da waren die Zwerge so groß, daß sie nicht im Suppenlöffel fahren konnten.«

»Erzähle uns von Schneewittchen«, meinte Olga mit noch feuchten Augen.

»Nein, wir wollen von den Wichtelmännern lesen«, rief Oskar.

»Warum fahren sie auf einem bollierten Tisch? – Warum fahren sie nicht auf dem Wasser?« fragte Ottilie.

»Wenn ihr jetzt noch weiter fragt, schlage ich euch das Buch um die Ohren!«

»Sind das Wichtelmänner, die so klein sind? Noch kleiner als die Zwerge?«

Peter war aufgesprungen und lief verzweifelt mehrmals im Zimmer hin und her. Die drei Kinder saßen mit den Ellenbogen auf das Buch gestützt und betrachteten eingehend die grauen Männchen.

»Nein«, begann Oskar wieder, »die Männchen sind zu groß. Aber vielleicht können sie in eine Suppenkelle hinein und nicht in einen Suppenlöffel.«

»Komm her, Peter«, rief Ottilie, »lies weiter!«

»Nein, Olli will noch vom Suppenlöffel hören!«

Ottilie zerrte an dem Buch, Olga hielt es fest, und Oskar wollte ihr dabei helfen. Ein kurzes Reißen – die Seite mit dem Suppenlöffel ging heraus.

»Was macht ihr denn, ihr Rasselbande?« rief Peter, hinzukommend. Trotz heftiger Gegenwehr nahm er den Kindern das Buch aus den Händen. Dann begann er laut zu schelten.

Abermals fing Olga an zu weinen. Oskar ging mit den Fäusten auf den Vetter los. Da versetzte ihm Peter einen leichten Klaps. Da fing auch Oskar an zu weinen und lief aus dem Zimmer. Ottilie wollte hinterher, stolperte über die Schwelle und schlug sich ein Loch in den Kopf.

Pucki vernahm plötzlich lautes Schreien. Sie warf die Näharbeit zur Seite, lief dem heulenden Oskar in den Weg, sah auf der Schwelle Ottilie liegen und vernahm aus dem Zimmer Olgas Weinen.

Mit betretenem Gesicht stand Peter am Tisch; er hielt das zerrissene Bilderbuch in den Händen.

»Wenn doch die Wichtelmänner im Suppenlöffel nicht spazierenfahren können!« heulte Oskar. »Aber Peter will, daß sie im Suppenlöffel fahren sollen. – Er ist ja dumm!«

Zunächst beruhigte Pucki die weinenden Kinder, dann erfuhr sie alles Nähere. Sie sandte Peter einen schelmischen Blick zu, dann nahm sie die drei Kinder und führte sie hinüber in ihr Zimmer, in dem bereits Mabel und Regine saßen.

Eine Stunde später bot sich Peter Gelegenheit, die Mutter allein zu sprechen.

»Ich habe mich schon bei Karl entschuldigt«, sagte er, »er mag die Kinder wieder übernehmen. – Mutti, ich werde mit der Gesellschaft nicht fertig. Ich glaube, ich habe nicht genügend Geduld. Es war verteufelt schwer!«

Pucki legte den Arm um die Schultern ihres Zweiten. »Du hast es gut gemeint, mein lieber Junge. Mit Rudolf will ich es lieber gar nicht erst versuchen, obwohl er sich vorhin auch schon angeboten hat. Glücklicherweise ist Ottiliens Verletzung ganz leicht. Eine Beule am Kopf, sie wird bald wieder verschwunden sein.«

»Mutti, du bist eine tüchtige Frau, ich bewundere dich geradezu! Mit allen wirst du fertig, und alle haben dich lieb. Weißt du, Mutti, ich werde wohl niemals heiraten, die Verantwortung ist mir zu groß!«

Pucki lachte. »Du wirst später anders darüber denken, mein lieber Junge.«

»Ja – wenn ich eine Frau fände wie dich, würde ich gleich heute noch heiraten. Aber wo finde ich sie? Es gibt eben nur eine tüchtige Frau auf der Welt, und die bist du!«

Da kam Ottilie ins Zimmer gelaufen. »Tante Pucki, komm zu uns! Du hast jetzt genug mit dem dummen Jungen geredet, wir wollen dich auch haben!«

»Sie hat eigentlich recht«, sagte Peter nachdenklich, »ich habe mich wie ein dummer Junge betragen. – Von morgen ab soll es anders werden, Mutti, morgen lese ich ihnen Schneewittchen vor und habe furchtbar viel Geduld.«

»Ich schreibe heute noch an eine Kindergärtnerin; sie mag die Kinder unter ihre Aufsicht nehmen.«

»Du traust uns also nicht viel zu, Mutti?«

»Was Kindererziehung anbelangt, mein lieber Junge, habt ihr leider keine Beweise eures Könnens geliefert, aber ich bin trotzdem mit meinen drei Jungen sehr zufrieden. Ich erkenne euren guten Willen an«, sagte die Mutter mit einem glücklichen Lächeln.

Dann bekam Peter einen herzlichen Kuß.

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