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Puckis junge Ehe

Magda Trott: Puckis junge Ehe - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorMagda Trott
titlePuckis junge Ehe
publisherVerlag A. Anton & Co.
printrun15.-29. Tausend
year1937
firstpub1937
illustratorG. Kirchbach
correctorreuters@abc.de
secondcorrector´Regine Kreutz
senderwww.gaga.net
created20151216
modified20160607
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Auto 31477

Von Zeit zu Zeit zwickte Pucki den Schwiegervater, der neben ihr im Wagen saß, in den Arm. Man fuhr zur Automobil-Ausstellung, um einen Wagen zu kaufen. Heute saß sie noch im Auto des Schwiegervaters, heute steuerte Claus ein Fahrzeug, das ihm nicht gehörte. Aber schon in wenigen Tagen – –

»Haben wir's!« Pucki schrie es förmlich heraus.

»Mädel, du kannst einem ordentlich 'nen Schreck einjagen!«

»Ach, ich bin so glücklich! Immer wieder kommt neues Glück zu mir, ich könnte fast fürchten, daß der Glückstopf des Lebens bald überläuft. Du schenkst uns die größte Hälfte des Autos! Vater, Goldschwiegervater – Pappilein – –!«

»Genug, übergenug! Wir sind gleich an Ort und Stelle.«

Eine halbe Stunde später schritt Pucki zwischen den beiden Herren durch die Halle. Sie hastete an den großen Wagen vorüber, auch die Lastautos interessierten sie nicht. Die kleinen Viersitzer wollte sie sehen, blaue Viersitzer mit zwei Türen, abgeschrägtem Dach, hinten einen Behälter für den Koffer, denn man wollte in diesem Auto nicht nur Krankenbesuche machen, sondern auch die weite Welt sehen.

Bald schwirrte ihr der Kopf. Immer unglücklicher wurde ihr Gesicht. Niemals würde sie zu einem Entschluß kommen, denn ein Wagen war schöner als der andere.

Manchmal erschreckte sie der Preis. Und wenn trotzdem der Oberförster den Wagen eingehender besichtigte, zupfte sie ihren Mann am Ärmel:

»Claus, das können wir nicht bezahlen.«

»Warum nicht? Du willst doch zusteuern. Hast du den Beutel mitgebracht mit dem Geld für Theater und Fahrrad, kleiner Finanzminister?«

Da ging Pucki davon und betrachtete einen anderen Wagen. Sehr bald stand der Schwiegervater wieder an ihrer Seite.

»Gerade weil du so gut verkaufen kannst, mein liebes Töchterchen, gerade darum kauft dir der alte Oberförster einen schönen Wagen. Deine Eltern steuern auch etwas bei, und ihr habt ebenfalls Ersparnisse gemacht.«

»Ich habe einen guten Gedanken, Vater. Claus könnte sein Motorrad verkaufen. Dafür bekommt er viel Geld. Wenn wir erst das Auto haben, braucht er das Rad nicht mehr.«

Übereifrig eilte sie zu dem Gatten, um auch ihm den Vorschlag zu machen. »Es würde uns nicht so schwer, uns für ein besseres Auto zu entscheiden. – Meinst du nicht auch? – Wollen wir eine Anzeige einsetzen lassen?«

»Ich beschwöre dich, Pucki, halte auf mit deinen Verkäufen! Wenn ich mein Motorrad verkaufen will, tue ich es allein.«

Sie seufzte leise und sagte nichts mehr. Wieder betrachtete sie aufmerksam einen Wagen. Und als einer der Vertreter zu ihr kam, lief sie zurück zu Claus.

Der stand schon längere Zeit mit seinem Vater vor einem grauen Wagen. Sie winkten einen der Herren heran, dann wurde verhandelt.

»Grau –« sagte Pucki. »Ich träumte von einem blauen Wagen. Blau ist doch so schön. Oder grün? Grün ist die Hoffnung.«

»Grau, teurer Freund, ist alle Theorie«, lachte der Oberförster. Man ging noch weiter, betrachtete noch manchen Wagen, doch immer wieder zog es Claus zu dem grauen Wagen.

»Wenn ich euch nun die Hälfte dieses grauen Wagens schenkte, Pucki, nimmst du ihn oder nimmst du ihn nicht?«

Das Herz schlug der jungen Frau so stürmisch in der Brust, daß sie kaum sprechen konnte. Endlich sagte sie: »Grau ist auch sehr schön, auf einem grauen Wagen sieht man den Staub der Landstraße nicht so sehr, und wir werden, wenn wir mal eine weite Reise machen, nicht Zeit zum Putzen haben. Lieber Vater, schenkst du der kleinen Pucki, die deinen Sohn so gut behütet, diesen grauen Wagen?«

»Den ganzen Wagen?«

»Nein, ich bin auch mit der Hälfte zufrieden. Du schenkst mir meine Hälfte, und Claus muß zusehen, wie er die andere Hälfte zusammenbekommt.«

Eine Stunde später war Puckis Wunschtraum wirklich in Erfüllung gegangen. Sie war Besitzerin des grauen Wagens. Vergeblich wurde sie von Claus aufgefordert, im Restaurant etwas zu essen. Sie trank nur ein Glas Bier. Essen konnte sie nichts.

»Dir sitzt anscheinend das graue Auto in der Kehle«, lachte Oberförster Gregor.

»Ach, ich könnte euch abwechselnd vor Freude erdrücken. Niemals hätte ich gedacht, daß wir einmal einen eigenen Wagen haben werden. – Claus, ich lerne auch fahren. Dann sitzen wir abwechselnd am Steuer und fahren durch die Welt.«

»Ich denke, der Wagen soll in der Hauptsache für Krankenbesuche sein?«

»Natürlich – aber auch für eine Reise.«

Der große Stall, der sich auf dem Hofe des Rahnsburger Grundstücks befand, war inzwischen vorschriftsmäßig ausgebaut worden. Er sollte von nun an das Auto aufnehmen. Pucki hatte die Garage mit Tannengrün geschmückt, als der Wagen, kurz nach Weihnachten, zum ersten Male dort hineinfuhr. Immer wieder mußte Claus seine junge Frau aus der Garage holen.

»Ich kann mich nicht sattsehen, lieber Claus.«

»Aber ich möchte mich sattessen, kleine Frau, es ist gleich Mittag. Außerdem wirst du dich erkälten. Oder soll ich einen Ofen aufstellen lassen, damit du deine Freistunden im Betrachten des Wagens verbringen kannst?«

»Claus, du verstehst mich doch sonst so gut. Kannst du nicht begreifen, daß ich mir den herrlichen Wagen immer wieder ansehen muß?«

»Gewiß, Pucki, und morgen, Sonntag, machen wir eine Ausfahrt. Die erste im eigenen Wagen.«

Das war nun schon wieder ein Freudentag! Das Auto hatte seine Nummer bekommen. Wohl schon zum zwanzigsten Male murmelte Pucki: »31477«. Sie hielt dem Gatten einen Vortrag darüber, daß diese Nummer eine Glücksnummer sei. Die Sieben sei eine heilige Zahl, die Drei habe von jeher Glück bedeutet, und die Eins wäre schon bei den alten Römern geschätzt worden. Es sei also wieder ein Beweis, daß man durch diesen Wagen weiterhin Glück und Freuden haben würde.

Vom Fahren verstand die junge Frau nichts. Sie hatte keine Ahnung, wozu die verschiedenen Hebel waren. Sie setzte sich neben den Gatten und bestürmte ihn mit Fragen.

»Du wirst auch Fahren lernen, kleine Frau. Es ist gut, wenn auch du den Wagen steuern kannst. Sieh her, dieser kleine Schlüssel ist die Seele des Wagens. Ohne ihn läuft das graue Pferd nicht.«

Pucki wollte näher an den Gatten heranrücken. Sie bat darum, nur für Sekunden das Steuerrad halten zu dürfen. Claus lehnte aber ab.

»Durch den geringsten Vorwitz ist schon manches Unglück geschehen.«

»Wodurch kommen die meisten Unglücksfälle?«

»Dadurch, daß die Fahrer Ruhe und Geistesgegenwart verlieren.«

»Ich weiß, einer wollte einmal bremsen und gab statt dessen Gas. Da ist das Auto wie wahnsinnig losgesaust. Das erzählte mir Carmen einmal. Wenn man aus Versehen den falschen Fuß nimmt – ich glaube so war es – kann Schlimmes geschehen. Du mußt mir alles genau erklären, Claus.«

»Gewiß, Pucki.«

Bei der ersten Ausfahrt kam es nicht dazu. Es gab zu viele schöne Weihnachtserinnerungen, außerdem hatte Pucki Freude an der herrlichen Winterlandschaft. Sie wollte den Gatten von nun an häufig auf seinen Besuchen über Land begleiten. Dann lernte sie das Fahren spielend, und wenn sie vom ersten April ab eine Fahrschule besuchte, war sie bereits vorgebildet und würde bald die Prüfung machen können. Dann ging es hinaus in die weite Welt.

Hausfrauenpflichten aller Art durchkreuzten Puckis Pläne oftmals. Obwohl sie gar zu gern Claus auf den Fahrten begleitet hätte, war sie viel zu gewissenhaft, um ihr eigentliches Arbeitsgebiet zu vernachlässigen. Mit schwerem Herzen ließ sie den Gatten dann allein fahren. Aber wenn sie wirklich einmal eine freie Stunde hatte, wenn das Auto in der Garage stand, schlich sie oft hinein und betrachtete den schönen Wagen mit zärtlichen Blicken. Voller Stolz wurden alle Besuche in die Garage geführt. Besonders die beiden Schwestern, Waltraut und Agnes, konnten ein leises Neidgefühl nicht unterdrücken.

»Fahre uns doch mal ein Stück spazieren«, sagte Agnes. »Der Wagen braucht nicht hier zu stehen.«

»Ich kann noch nicht fahren.«

»Pah, wenn es weiter nichts ist! Du hast eben keinen Mut, Pucki. So ein bißchen steuern kann doch jeder. Das guckt man sich rasch ab.«

»Laß den Wagen hübsch in Ruhe«; sagte Waltraut. »Es wäre schade, wenn er in Klump gefahren würde.«

»Die wichtigsten Handgriffe kenne ich schon«, sagte Pucki. »Claus muß uns in den nächsten Tagen mal spazierenfahren.«

Kaum hatte die Schule wieder begonnen, da drängte Agnes erneut, mit dem Auto auszufahren. »Wenn du das Fahren schon gelernt hättest, Pucki, könntest du uns bei schlechtem Wetter nach Birkenhain fahren. Lieber Himmel, das ist doch nicht schwierig, 'ne gerade Straße durch den Wald, fünf Minuten Fahrt! – Pah, ich hätte das längst schon versucht.«

»Ich habe den Schlüssel zum Wagen nicht, und ohne diesen Schlüssel läuft das Pferd nicht.«

»Nun, so fragst du Claus, wo der Schlüssel ist.«

Die Worte der jüngsten Schwester fraßen Pucki ans Herz. Eigentlich hatte Agnes recht. Die wichtigsten Handgriffe hätte sie längst wissen müssen. Oh, sie wußte schon einiges. Nur schwirrte das in ihrem Kopf ungeordnet durcheinander. Schlüssel einstecken, so daß das rote Licht brennt. Die Kuppelung niedertreten und den ersten Gang einschalten. Das andere war ihr nicht klar. Vom Gasgeben sprach Claus, vom Schalten des zweiten und dritten Ganges und anderes. Gar zu gern hätte sie alles einmal allein versucht. Wenn Claus erst merkte, daß sie alles genau verstanden hatte, konnte er ihr einmal erlauben, ein Stück auf gerader Landstraße zu fahren.

Da war es eines Nachmittags, daß Claus über Land fahren mußte. Da man am Forsthaus Birkenhain vorüberkam, hielt Claus an und fragte, ob beide Schwestern mitfahren wollten. Waltraut und Agnes stimmten begeistert zu. Zunächst entstand ein Streit darüber, wer neben Claus sitzen sollte. Pucki wollte diesen Platz nicht räumen.

»Ich klemme mich dazwischen«, sagte Agnes.

»Ausgeschlossen«, erwiderte Claus. »Entweder du sitzt neben Waltraut, oder du bleibst zu Hause.«

»Sei vernünftig«, mahnte Pucki. »Wenn wir vorn zu eng sitzen, ist Claus mit der Steuerung des Wagens behindert. Außerdem stellst du deinen Fuß vorwitzig auf einen Knopf und – ein Unglück ist da.«

»Aber auf dem Rückweg sitze ich neben Claus.«

Man fuhr los. Pucki verfolgte jede Bewegung des Gatten. Sie fing sogar an, ihm anzusagen, was er zu tun hätte.

»Hast du den Startknopf schon gedrückt?«

»Woher kommt dir denn diese Wissenschaft, kleine Frau?«

Pucki lächelte verschmitzt. »Als gestern nachmittag der Reisende der Firma Walser bei uns war, habe ich mich neben ihn in den Wagen gesetzt und manches gelernt.«

»Kleine liebe Ungeduld, ich habe wirklich nichts dagegen, daß du fahren lernst, nur möchte ich nicht, daß es jetzt bei der kalten Jahreszeit geschieht. Sobald die Sonne wärmer scheint, sollst du es lernen.«

»Kuppelung austreten – langsam Gas geben. – Nun, Claus, was sagst du nun?«

»Ich staune.«

»Fahre doch recht schnell, hundert Kilometer mindestens«, rief Agnes. »Wir wollen durch den Wald sausen.« Und als ihr Claus den Gefallen nicht tat, sagte sie spöttisch: »Ach, bist du ein Angstmeier!«

Weitendorf war erreicht. Vor einem Gehöft hielt der Wagen.

»Lauft ein wenig durch den Wald, doch nicht zu weit. Ich bin in zehn Minuten wieder zurück. Dann fahren wir noch zu dem Hof dort hinten, zum Bauer Zigant. Und dann geht es wieder heim. Ich habe noch Krankenbesuche in Rahnsburg zu machen.«

»Schade«, sagte Waltraut, »ich würde gern noch etwas weiter gefahren sein. Wie weit sind wir von Rahnsburg entfernt?«

»Etwa achtzehn Kilometer.«

»Das ist ja für die Katze«, meinte Agnes. »An achtzehn Kilometern hättest du nicht so lange zu fahren brauchen, Claus, zumal wir eine ziemlich gerade Straße fuhren.«

Weitendorf war ein kleines Dorf, das aus wenigen Höfen bestand. Sie lagen weit verstreut, mitunter nicht an der Straße, so daß man mit dem Auto nicht vorfahren konnte.

Doch gerade das erweckte in Agnes neue Hoffnungen. Claus konnte von dem Hause des Erkrankten aus nicht sehen, ob man ein wenig mit dem Wagen weiterfuhr. Das wollte sie gern einmal versuchen. Nur ein bescheidenes Stückchen. Aber einmal wollte sie auch am Steuer sitzen.

Claus war nicht mehr zu sehen. Da trat Agnes mit ihrem Wunsch hervor.

»Gelacht«, sagte Pucki, »ein zwölfjähriges Mädel werde ich an unseren neuen Wagen lassen. Fällt mir gar nicht ein.«

Agnes schmollte. Waltraut meinte, ein kleines Stückchen könnte Pucki doch auf der breiten Straße fahren.

Die Straße ist gut, Wagen kommen auch nicht und Kurven sind nicht da. Wir könnten doch mal ein Stückchen fahren. Es brannte Pucki förmlich in den Händen, einmal das Steuer zu ergreifen.

»Ich denke, du kannst nicht fahren«, sagte Waltraut.

»Oh, ein bißchen kann ich schon.«

»Dann mal los«, sagte Agnes. Sie setzte sich vorn neben die Schwester, die am Führersitz Platz genommen hatte. Waltraut mußte sich hinten mit einem Platz begnügen. Puckis Gesicht strahlte. Zärtlich glitten ihre Augen über die Hebel, über die ganze Maschinerie.

»Los doch«, drängte Agnes und faßte nach dem Schalthebel.

»Laß das Ding in Ruhe«, rief Pucki. »Erst muß ich auf den Startknopf drücken. – So, nun hört ihr den Motor schon brummen.«

»Fahre nicht zu rasch«, mahnte Waltraut, »sonst kommt eine Kurve. Du kannst noch nicht richtig lenken, und wir fahren in den Graben.«

»Claus wird Augen machen, wenn er kommt und wir warten beim Bauer Zigant auf ihn.«

»Nein«, sagte Pucki, »wir fahren nur ein Stück vorwärts, dann kommen wir wieder zurück. Ich weiß schon, wie man das macht.«

»Ich habe ein wenig Angst«, sagte Waltraut mahnend.

»Unsinn«, rief Agnes. »Nu fahre endlich los, Pucki!«

Nochmals legte die junge Frau den Finger nachdenklich an die Stirn. Jetzt galt es die Gedanken zusammenzunehmen, um dem Gatten zu zeigen, daß sie eine Ahnung vom Fahren hatte. Und leise wiederholte sie:

»Startknopf drücken – Handbremse losmachen, Kuppelung austreten, langsam Gas geben.«

»Na, mach doch, es geht ja immer noch nicht los.«

»Erst den Schalthebel einschalten – erster Gang.«

Der Motor brummte, aber stand. Pucki zog die Stirn kraus. »Graues Pferd, warum läufst du nicht? Ich habe es genau gemacht wie Claus. – Fangen wir noch einmal von vorne an.« Sie nahm den Fuß von der Kuppelung.

Im nächsten Augenblick machte der Wagen einen Sprung und rasselte wohl zwei Meter vorwärts. Aus dem Munde der Schwestern kam ein Schrei. Agnes war mit dem Kopf gegen die vordere Autowand geschlagen, glücklicherweise nicht gegen die Glasscheibe. Aber auch Pucki wurde von heftigem Schreck erfaßt, zumal Waltraut rief:

»Pucki, anhalten, rasch anhalten!«

Agnes griff, Halt suchend, nach etwas. Der Wagen stand zwar wieder still, aber sie hatte den Ruck noch nicht überwunden und glaubte vielmehr, daß das graue Ungeheuer abermals einen Sprung machen würde. Hinzu kam das ständige Rufen Waltrauts, das Pucki vorn noch mehr erregte.

Und nun geschah das Schlimmste, was Agnes tun konnte. Sie lehnte sich unbewußt gegen den Schalthebel und drückte ihn nach vorn. – Noch einmal sprang der Wagen, diesmal aber nicht vorwärts, sondern nach rückwärts. Jetzt war es Waltrauts Kopf, der eine Beule bekam. Wieder stand der Wagen. – Pucki saß bis an die Lippen erblaßt am Steuer und umklammerte mit beiden Händen das Rad, als könne ihr von ihm allein Hilfe kommen.

Agnes hielt sich den Kopf, Waltraut weinte vor Angst. Hastig riß Pucki die Tür auf und stieg aus. Die beiden Schwestern taten ein gleiches. Mit mißtrauischen Blicken betrachtete Pucki das graue Auto, das unvorschriftsmäßige Sprünge gemacht hatte. – Warum nur? Sie hatte doch nichts versäumt, hatte alles getan, was Claus tat.

Der Wagen stand ein wenig schief. Aber er stand wenigstens still. Ob Claus merkte, daß etwas nicht in Ordnung war? Sorgsam schloß Pucki die Türen.

»Claus sagte uns, wir sollten in den Wald gehen. Wir gehen voran zu Zigant.«

Die drei Schwestern faßten sich an den Händen, dann gingen sie schweigend weiter. Schließlich tobte Agnes los:

»Wenn du nicht fahren kannst, Pucki, so laß es sein. Ich habe bestimmt eine Beule.«

»Dir tut nur der Kopf weh«, beruhigte sie Pucki, »aber mir hat es einen Stich ins Herz gegeben. Heute sage ich Claus noch nichts, aber morgen will ich ihm alles beichten. Ich rühre bestimmt den Wagen nicht mehr an, ehe ich nicht fahren kann.«

Die drei Schwestern standen schon längere Zeit wartend vor dem Hofe des Bauern Zigant, als Doktor Gregor das Haus seines Patienten Helm verließ. Er sah seinen Wagen auf der Straße stehen; von den Insassen war nirgends etwas zu entdecken. Sofort bemerkte er, daß der Wagen schräg auf der Straße stand. Hatte Pucki seinem Befehl zuwider gehandelt und war doch ein wenig gefahren? Ganz gewiß. Das rote Licht brannte, auch der rechte Winker war sichtbar.

Er setzte sich ans Steuer. Natürlich, hier waren unnütze Hände am Werk gewesen. Claus gab Gas, versuchte den Wagen in Gang zu bringen, es ging nicht. Die beiden Sprünge hatten genügt, irgend etwas an dem neuen Wagen in Unordnung zu bringen. Der Wagen war durch Puckis Übermut zu Schaden gekommen.

Heftiger Ärger stieg in Claus empor. Zunächst versuchte er, den Schaden zu beheben. Es nützte nichts. Noch immer war von den drei Schwestern nichts zu sehen. Das schlechte Gewissen hielt sie fern.

Nach viertelstündiger Arbeit sah Doktor Gregor ein, daß seine Bemühungen vergeblich waren. – Das konnte gut werden! Schon war es dunkel geworden, er mußte noch bei Zigant einen Besuch machen und zurück nach Rahnsburg.

Als die drei Schwestern Claus zu Fuß zum Bauern Zigant gehen sahen, ahnten sie, daß der Wagen in Unordnung geraten war.

»Waltraut«, sagte Pucki, »geh zu Claus! Du hast die wenigste Schuld. Sage ihm, was geschehen ist.«

»Nein, Pucki, das tue ich nicht! Du hast am Steuer gesessen.«

Auch Agnes war nicht dazu zu bewegen, zu Claus zu gehen. Sie wußte, daß der Schwager mitunter eine sehr deutliche Sprache reden konnte.

»Ich weiß, daß er mächtigen Krach machen kann«, sagte Agnes, »aber ich war ja gar nicht schuld. Nur du, Pucki.«

»Ich habe dich gewarnt«, pflichtete Waltraut altklug bei.

Pucki sagte nichts. Noch hoffte sie, daß dem schönen neuen Auto nichts Schlimmes geschehen sei und daß Claus aus irgendeinem Grunde den Weg vom einen zum anderen Gehöft zu Fuß zurückgelegt hätte. Sie begriff sich selbst nicht. Sie war doch nicht mehr das dumme, übermütige Mädel von vierzehn Jahren, sie war seit Monaten eine verheiratete Frau, die Gattin eines Arztes, die sich vorgenommen hatte, dem Manne helfend zur Seite zu stehen. Am liebsten hätte sie über ihr törichtes Benehmen geweint. Aber das nützte ja auch nichts. – Ob Claus sehr erzürnt war?

Da sah sie, daß Claus das Gehöft verließ. Pucki hoffte, daß er nach ihr rufen würde. Nun ging er zurück nach dem Auto. Da es schon dunkel war, konnten ihm die drei Sandlerschen Schwestern in einiger Entfernung folgen. Nochmals bemühte sich Doktor Gregor um seinen Wagen. Er kroch schließlich darunter, schon das stach Pucki ins Herz. Näher und immer näher kamen die drei. Pucki machte sich durch lautes Räuspern bemerkbar. Claus warf nur einen flüchtigen Blick auf die jungen Sünder, hämmerte dann weiter an seinem Wagen und sagte endlich kurz:

»Da du im Getriebe etwas zerbrochen hast, werden wir nach Hause laufen müssen.« Er schloß den Wagen ab. »Komm!«

»Claus – –«

Schweigend ging er neben seiner Frau und den Schwestern her. Pucki merkte sofort, daß er sehr erregt war. Sie waren wohl eine halbe Stunde gegangen, da bog Claus nach links ab.

»Claus – wir müssen geradeaus gehen.«

»Willst du die achtzehn Kilometer bis Rahnsburg laufen? Meine Patienten warten.«

»O weh, der ist böse«, flüsterte Agnes ihrer ältesten Schwester zu.

Wieder eine Viertelstunde Weg, dann waren sie in Rumburg vor dem Gasthof. Claus ging hinein und ließ die drei draußen warten. Endlich kam er wieder heraus. Er hatte einen Kastenwagen bekommen, der sie alle nach Rahnsburg bringen sollte. Der Gastwirt legte auf die Holzsitze zwei Decken.

»Es wird den Fräuleins nicht gefallen.«

Sie schwiegen. Niemand wagte eine Antwort zu geben, denn das Gesicht des Arztes zeigte noch immer großen Unmut. Er nahm vorne neben dem Kutscher Platz, die Schwestern schmiegten sich hinten eng aneinander und tuschelten leise.

»Was macht ihr nur, wenn jemand das Auto stiehlt?« fragte Agnes.

»Das neue Auto und schon entzwei – –«

»Seid doch still«, schalt Pucki. Sie überlegte immer wieder, auf welche Weise sie ihren zürnenden Claus versöhnen könnte. – Ach, warum ließ sie sich verleiten, den Wagen zu fahren! – Wie fröhlich hätte man die Heimfahrt machen können, und wie traurig war sie jetzt.

Endlich war das Forsthaus Birkenhain erreicht. Claus half wohl den beiden Schwägerinnen beim Aussteigen, reichte ihnen auch die Hand, aber viele Worte wurden nicht gewechselt. Pucki hoffte, er würde nun zu ihr steigen, aber Claus setzte sich auch jetzt wieder vorne neben den Kutscher.

In Rahnsburg lohnte er den Mann ab. Es war eine ziemlich teure Fahrt. Schweigend ließ er seine junge Frau ins Haus eintreten, dann machte er sich fertig, um noch einen Krankenbesuch zu machen.

»Willst du nicht noch schnell etwas essen, Claus? Ich habe allerlei Gutes im Hause.«

»Danke.«

Wie kurz das klang. So hatte er noch nie zu ihr gesprochen.

»Darf ich dir ein Butterbrot mitgeben?«

»Danke.«

Pucki sagte nichts mehr. Sie ließ das Abendessen auftragen, rührte jedoch nichts an. Einmal mochte sie nichts essen, dann aber wollte sie auf Claus warten. Und sollte es Mitternacht werden, sie würde so lange warten und ihn dann nochmals herzlich empfangen. – Ob sie etwas wegen des Autos veranlassen sollte? – Ach nein, das würde Claus selbst erledigen.

Vom Küchenfenster aus konnte sie die Garage sehen. Kein graues Auto stand darin. Noch keine vier Wochen war der Wagen in ihrem Besitz und schon entzwei.

»Ich bin – – ich bin – – wie die Niepelschen Jungen, als sie klein waren. Wenn sie zum Weihnachtsfest Spielzeug geschenkt bekamen, war es zu Neujahr kaputt. – Was wird der Vater sagen, wenn er es erfährt –?«

Eine Stunde banger Sorge verging. Noch eine zweite. – Es war fast elf Uhr, als Claus endlich zurückkam. Er wußte, daß Pucki ihn erwarten würde. Er hätte schon eher heimkommen können, aber er hatte erst noch einen längeren Spaziergang unternommen, um ein wenig ruhiger zu werden. Er ärgerte sich nicht so sehr darüber, daß der neue Wagen Reparaturen kostete, er ärgerte sich über seine Frau, über deren Unfolgsamkeit und kindisches Betragen. Mit zwanzig Jahren brauchte sie nicht mehr so unüberlegt zu sein. Er sah ihr gern mancherlei nach, freute sich an ihrer Frische, aber das heutige Verhalten ging zu weit. Trotzdem wollte er ihr keine harten Worte sagen, da er wußte, wie tief sie jeder Vorwurf von seiner Seite traf.

Pucki kam sogleich in den Flur geeilt und wollte ihm beim Ausziehen des Mantels helfen. Er wehrte ab.

»Der Tisch ist noch gedeckt, Clauschen. Ich brühe dir schnell noch etwas Tee auf, denn du wirst durchfroren sein.«

Sie eilte in die Küche und freute sich, daß Claus tatsächlich im Eßzimmer am Tisch Platz nahm. Sehr rasch kam sie zurück, machte ihr freundlichstes Gesicht und schenkte ihm Tee ein.

»Erst jetzt kann ich essen. Du hast mir furchtbar leid getan, daß du noch einen Besuch machen mußtest. – Bist du sehr hungrig, Clauschen?«

»Was hast du eigentlich mit dem Auto gemacht?«

»Ich war unfolgsam, Claus, das gebe ich zu. Aber ich werde es nie wieder sein, wirklich nicht. Ehe ich nicht die Fahrprüfung gemacht habe, rühre ich den Wagen nicht an. Ich weiß, du bist ein wenig ärgerlich auf mich – aber nun ist doch alles wieder gut.«

»Nein, Hedwig, es ist nicht alles gut.«

Aus Puckis Wangen wich alle Farbe. Er nannte sie nicht Pucki, auch nicht Hedi, sondern kalt und kurz Hedwig. Das tat er sonst nie.

»Ich möchte wissen, was du mit dem Wagen angestellt hast? Ich habe dir untersagt, einen Fahrversuch zu machen, habe dir auch die Gefahren geschildert. Du hast gesehen, daß ich den Wagen nicht wieder in Gang bringen konnte. – Bitte, willst du dich nun nicht endlich äußern?«

Ihr war die Kehle wie zusammengedrückt. Wie streng seine Worte klangen! Sie konnte jetzt nicht sprechen.

»Ich erbitte eine Antwort!« sagte Claus kurz und bestimmt.

Pucki faßte sich an den Hals. Das wurde ja immer schlimmer. Es würgte und preßte sie, sie sah nur noch die tiefe Falte auf der Stirn ihres Mannes, die immer drohender wurde.

»Claus«, stammelte sie, »sei mir nicht böse – –«

»Sei mir nicht böse, das ist furchtbar einfach!« entgegnete er grollend. »Ich habe nicht geglaubt, daß du mit deinen zwanzig Jahren noch so unüberlegt, geradezu leichtsinnig handeln kannst. Kam es dir nicht zum Bewußtsein, daß du nicht nur dein, sondern auch das Leben deiner beiden Schwestern in Gefahr bringen mußtest? Besitzt du so wenig Verantwortungsgefühl? Außerdem hält man ein Geschenk in Ehren, Hedwig. Der Wagen muß repariert werden, alles durch deine Schuld. Und nun gute Nacht.«

»Claus – –«

»Laß, Hedwig, ich bin recht böse auf dich. Du sagtest mir oft, daß du mir treu zur Seite stehen wolltest. Wie kann ich mich auf dich verlassen, wenn du bei jeder Gelegenheit versagst?«

Pucki erhob sich wortlos. Mit abgewandtem Gesicht reichte sie dem Gatten die Hand. Er nahm sie.

»Gute Nacht.«

Sie ging ins Schlafzimmer. Da läutete der Fernsprecher. Pucki hörte die Stimme ihres Mannes, der sagte, daß er sofort käme.

Auch das noch! – Jetzt, mitten in der Nacht mußte er hinaus, und draußen begann es heftig zu schneien. Wohin ging er wohl? Fünf Minuten später hörte sie, wie er das alte Motorrad fertig machte. Aufschluchzend warf sie sich aufs Bett. Man rief ihn über Land. Jetzt, mitten in der Nacht, bei Schneetreiben, mußte der arme Mann über Land. – Dafür war das Auto gekauft worden, das aber stand unbrauchbar auf der Landstraße bei Weitendorf.

»Er wird wieder eine Lungenentzündung bekommen wie damals in meiner Brautzeit«, dachte Pucki, »alles durch meine Schuld! – Ach ja, ich bin leichtsinnig, Claus kann sich nicht mehr auf mich verlassen. Er sagte, ich hätte kein Verantwortungsgefühl. Ich versage – –. Ach, Claus, ich weiß, du hast recht, wenn du mich schiltst.«

Das Rattern des fortfahrenden Motorrades war ihr geradezu eine Qual. Vielleicht stieß ihm ein Unglück zu. Er war verärgert, hatte sich über sie aufgeregt. – Ganz gewiß, in dieser schrecklichen Winternacht geschah ihm ein Unglück. Noch nie hatte Pucki so viel innere Qualen durchmachen müssen wie in dieser Nacht. Sie mußte das Kopfkissen zweimal umwenden, weil es naß von vergossenen Tränen war, und noch immer flossen sie. – – –

Da – sie hob den Kopf. Das war er! Er kam zurück. War er gesund oder nicht? Sollte sie, wenn er das Schlafzimmer betrat, noch einmal bitten: Verzeihe mir? Nein, es war wohl besser, sie stellte sich schlafend. Sie wollte gewaltsam das Schluchzen unterdrücken. Claus sollte wenigstens seine Ruhe haben.

Pucki stellte sich schlafend, als er leise das Zimmer betrat. Aufs neue tat ihr das Herz weh, denn sie erkannte, mit welcher Rücksicht Claus zu Bett ging. Er wollte sie nicht wecken. Ein anderer Mann hätte, gerade weil er zornig war, vielleicht keine Rücksicht auf ihren Schlaf genommen. Ihr war der beste Mann geworden, den es auf Erden gab, und sie enttäuschte ihn.

Lange überlegte Pucki, ob sie morgen Claus abermals bitten sollte, er möge ihr verzeihen. Schließlich kam sie zu dem Entschluß, daß sie abwarten müsse, ob er mit ihr sprach. Vielleicht war er so böse, daß er sie für Tage nicht sehen wollte. Vielleicht gab es morgen noch eine Strafpredigt. Sie wollte alles hinnehmen, denn sie war ja die Schuldige.

Am anderen Morgen betrachtete sie ihren Mann verstohlen. Er sah ein wenig blaß aus. Ruhig und ernst begrüßte er sie, nahm die Zeitung zur Hand und las ihr auch einen Artikel daraus vor. Dann ging er hinüber ins Sprechzimmer, wo bereits Patienten auf ihn warteten.

Sein Schweigen ertrug Pucki nicht. Sie mußte einen Menschen haben, dem sie ihr Leid klagen konnte, den sie fragen sollte, was weiter geschehen würde. – Rose Teck, die auf der Schmanz verheiratete Freundin? Ach nein. – Rose Teck machte keine solchen Dummheiten, sie war dem Gatten in allen Lebenslagen eine wackere Gefährtin, eine zuverlässige Frau. Es mußte jemand sein, der Pucki durch und durch kannte, der Verstehen für ihre Wesensart besaß. So blieb nur die Mutter.

»Leb wohl, Claus«, flüsterte sie im Flur, »ach, daß ich dich bald wiedersehen dürfte. Vielleicht ist es ein Abschied für immer. Wenn Mutter mir heute sagt, daß ich nicht zu dir passe? – Ich weiß ja nicht, ob andere Männer auch so streng zu ihren Frauen reden. – Ach, unser großes Glück ist nun dahin.«

Pucki gab Emilie die nötigen Anordnungen, sagte ihr jedoch nicht, wann sie heimkehren würde. Sie machte nur eine dunkle Andeutung, daß es heute vielleicht länger dauern würde. Dann eilte sie davon.

»Dich werde ich nicht mehr küssen dürfen, du lieber, liebster Claus. Leb wohl – leb wohl – –« dachte sie.

Frau Sandler war von den Vorfällen in Weitendorf bereits durch ihre beiden Töchter genau unterrichtet. Pucki empfand es als Glück, daß Waltraut und Agnes in der Schule waren. So konnte sie ohne Zeugen mit der Mutter reden. Auch der Vater war nicht daheim.

Unter heftigem Weinen erzählte sie von dem Vorfall. Sie erzählte auch ohne ein Wort der Beschönigung, was ihr Claus gesagt hatte, daß er ihr zürne und ihr wahrscheinlich niemals vergeben würde.

»Ich habe ihm nicht nur Kosten gemacht, denn er muß das Auto ausbessern lassen und die Heimfahrt bezahlen. – Ich habe auch seine Gesundheit in Frage gestellt, da er jetzt, im kalten Winter, wieder mit dem Motorrad über Land fahren muß. – Das schlimmste aber ist, ich habe sein Vertrauen verloren. Er wird mich nicht mehr brauchen können. Er wird sich eine Hilfe nehmen, weil seine eigene Frau unzuverlässig ist. – Mutti, verzeiht er mir nie?«

Obwohl Frau Sandler das Verhalten ihrer Tochter tadelte, tat sie ihr doch herzlich leid. Ein erster Streit in der Ehe gilt den Beteiligten als etwas Furchtbares. Darin sind sich wohl alle jungen Frauen gleich. Sie glauben stets, daß nun das Glück zerbrochen ist. Was träumt man nicht alles, wenn man am Altar steht. Wenn aber die ersten dunklen Wolken heraufziehen, ist alles aus. So ging es heute auch Pucki. So war es Frau Sandler ergangen, so würde es noch vielen tausend anderen jungen Frauen ergehen, die die Zukunft nur in rosenrotem Lichte sehen.

»Er wird froh sein, Mutti, daß ich fortging. Er wird sagen: Nun bin ich sie los, auf die ich mich nicht verlassen kann.«

In diesem Augenblick war es Frau Sandler schwer, das Lachen zu unterdrücken. Aber sie mußte ernst bleiben, galt es doch, Pucki erneut ernsthaft zu ermahnen, ihren Übermut zu zügeln.

»Pucki, wie kannst du so von Claus reden? Ich denke, du weißt, daß er dich liebt?«

»Mutti, ich habe ihn schwer enttäuscht, und über eine Enttäuschung kommt ein Mann sehr schwer hinweg.«

Frau Sandler sprach lange und sehr ernsthaft mit ihrer Tochter. Es war schwer, die unglückliche junge Frau zu trösten.

»Ich ertrage es kaum, Mutti, ihm gegenüberzusitzen, wenn er ein so ernstes Gesicht macht. Ich weiß, er zürnt mir, und wenn er reden könnte, wie er wollte, würde er schön losdonnern. Aber er ist eben ein Ehrenmann. Und doch frißt es innerlich an ihm.«

»Die Hauptsache ist, mein liebes Kind, daß du endlich einsiehst, daß eine Frau von zwanzig Jahren derartige Kindereien nicht mehr anstellen darf.«

»Mutti, soll ich ihm das sagen?«

»Durch die Tat beweisen, Pucki.«

»Wenn ich nun keine Gelegenheit zur Tat habe? – Wie lange wird er warten müssen, bis ich ihm einen Beweis erbringen kann? – Ach, Mutti, auch in Rahnsburg halten mich gar viele noch für ein ganz dummes Ding, für eine kindische Frau. Wenn doch ein Wunder geschähe, durch das ich zeigen kann, daß ich eine tüchtige Doktorsfrau sein will, die den Mitmenschen beisteht, ihnen hilft und die ihrem Manne wirklich eine rechte Hand wird.«

Die Zeit verging, und immer noch machte Pucki sich nicht auf den Heimweg.

»Pucki, willst du nicht heimgehen?« mahnte Frau Sandler. »Es ist bald zwölf Uhr.«

Aufs neue füllten sich die blauen Augen mit Tränen. »Von neun bis elf hat er Sprechstunden, dann macht er seine Besuche – vielleicht auf dem Motorrad, vielleicht auch zu Fuß. Vielleicht geht er auch zur Autoreparatur, denn der Wagen muß doch abgeschleppt werden. Und zwischendurch ärgert er sich über mich. Ich bleibe lieber noch ein wenig hier.«

»Willst du schon wieder, nur aus Angst, deine übernommenen Pflichten vernachlässigen, mein Kind?«

»Ja, ja, hast recht, Mutter, ich gehe schon.«

»Mein liebes Kind, gewöhne es dir in Zukunft an, erst alles gründlich zu bedenken und dann zu reden oder zu handeln.«

»Ja, Mutti.«

Als Pucki eine halbe Stunde später in ihrer Wohnung eintraf, war der Gatte schon daheim. Er hatte heute keine Krankenbesuche gemacht, denn auch in ihm war eine leise Unruhe erwacht. Er wußte, daß Pucki unter seinen Vorwürfen schwer litt. Sie war fortgegangen und hatte Emilie einen unklaren Bescheid hinterlassen. Nun atmete er erleichtert auf, als sie heimkam.

»Wo warst du, Pucki?«

Ihr Gesicht hellte sich auf. Er gab ihr wieder den süßen Kosenamen und nannte sie nicht mehr Hedwig.

Sie ergriff seine Hand. »Bei der Mutter. Ich bitte dich noch einmal, Claus, vergib mir und versuche es wieder mit mir. Gewiß, ich habe dich enttäuscht, aber ich kann mich heute selbst nicht recht begreifen. – Ach, Claus, ich ertrüge es nicht, wenn ich wüßte, daß du mir dein Vertrauen nimmst. Deine Liebe ist mir nicht genug. Ich möchte dir doch so gern helfen. – Claus, was ich dir heute sage, kommt aus einem Herzen, das noch sehr weh tut. Du brauchst mir noch nicht zu vergeben, du kannst noch hart zu mir sein, bis ich dir durch die Tat bewiesen habe, daß deine Frau kein schlimmer Puck mehr ist. Aber versuche es noch einmal mit mir.«

Am liebsten hätte er sie an sich gezogen und herzlich geküßt. So reuig stand keine Sünderin jemals vor ihrem Richter, so kläglich klang wohl nie die Stimme einer Bittenden, wie jetzt die seiner jungen Frau. Er wußte, daß diese Stunde Pucki reifen ließ, er wußte auch, daß in ihrem Herzen wertvoller Samen aufging.

»Soll ich es wirklich nochmals versuchen?«

Pucki hörte trotz ihres Kummers den Schalk aus seinen Worten. Aber diesmal schlang sie nicht mit lautem Jubel ihre Arme um seinen Hals, sie sagte nur leise: »Du sollst es nicht bereuen, Claus. Ich danke dir.«

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