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Puckis junge Ehe

Magda Trott: Puckis junge Ehe - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorMagda Trott
titlePuckis junge Ehe
publisherVerlag A. Anton & Co.
printrun15.-29. Tausend
year1937
firstpub1937
illustratorG. Kirchbach
correctorreuters@abc.de
secondcorrector´Regine Kreutz
senderwww.gaga.net
created20151216
modified20160607
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Pucki weiß sich zu helfen

Unschlüssig hielt Pucki die Türklinke in der Hand. Sollte sie ins Sprechzimmer hineingehen? Sie wußte, er liebte es nicht, gestört zu werden, falls nicht gerade dringende Dinge vorlagen.

Zornig ballte Pucki die Hand zur Faust. Mit dem alten Großpapa war zeitweilig wirklich nichts anzufangen! Mitunter konnte er recht nett sein; besonders ihr gegenüber bemühte er sich seit einiger Zeit, höflich und freundlich zu sein. Um so unangenehmer zeigte er sich in den Sprechstunden. Er kam in jeder Woche viermal, hielt Claus über Gebühr lange auf, und wenn Pucki ihrem Manne darüber sanfte Vorwürfe machte, sagte er begütigend, die Rechnung für Herrn Wallner würde dementsprechend ausfallen.

»Alles das, was wir von Wallner bekommen, bleibt für das blaue Auto, das du so gern haben willst.«

»Ich will es in erster Linie für dich, Claus. Es strengt dich zu sehr an, auf dem Motorrad sitzen zu müssen. Wenn wir erst ein Auto haben, können wir uns vielleicht bald einen Chauffeur halten – –«

»Soooooo? – Dann muß Herr Wallner von nun an täglich zweimal kommen.«

Pucki wehrte entsetzt ab. »Nein, nein, ich weiß einen anderen Ausweg. Ich lerne fahren und bringe dich zu den Patienten, während du in den Polstern sitzt und überlegst, was du den Kranken verschreiben mußt.«

Im Sprechzimmer ging es wirklich recht laut zu. Herr Wallner tadelte wieder einmal die verschriebenen Medikamente.

»Ich lese so oft, daß nervöse Menschen von ihrem Leiden geheilt werden. Ihre Mittel taugen nichts, Herr Doktor!«

»Ich glaube, daran sind Sie schuld, Herr Wallner«, erwiderte der Arzt ruhig. »Sie verlangen alle drei Tage ein anderes Mittel. Sobald Sie eine Anzeige lesen, nehmen Sie das Mittel ein und erwarten, daß es innerhalb vierundzwanzig Stunden helfen soll. Solange Sie auf eigene Faust nebenher kurieren, bin ich machtlos.«

»So reden alle Ärzte, wenn sie nicht weiter wissen. Verschreiben Sie mir etwas, was Erfolg hat. – Wie ist es denn mit Nervosin oder Talodin?«

»Sie schlucken genug Gifte, lieber Herr Wallner.«

»Ich wünsche aber, daß Sie mir etwas Neues verschreiben.«

Pucki, die der Unterredung Wort für Wort folgen konnte, schüttelte ärgerlich den Kopf. Wenn Herr Wallner alle die Medikamente eingenommen hätte, die er verlangte, wäre er heute schon vergiftet. Immer wieder mußte Claus den aufgeregten Mann beschwichtigen, abwehren und ihm gut zureden. Er wußte genau, daß die schweren Medikamente den ohnehin geschwächten Nerven Wallners schädlich waren. So nahm sich die junge Frau vor, wenn der alte Griesgram wieder einmal zum Nachmittagskaffee kam, ihn ruhig und freundlich zu ermahnen, von diesen Giften abzulassen.

Der arme Claus! Er hatte es nicht leicht. Es gab viele ungeduldige Patienten, viele häßliche Menschen, die ihm den ohnehin schweren Beruf noch schwerer machten. Patienten hatte Claus nicht verloren durch jene Worte, die sie Frau Anger gesagt hatte. Sie aber wurde seit dieser Zeit von manchen scheel angesehen. Trotz größter Freundlichkeit war es ihr nicht gelungen, die Gunst der Rahnsburger wieder zu erringen. Dafür sorgten unablässig Frau Bohrmann und ihre drei Töchter.

Pucki wollte jetzt nicht daran denken. Morgen kamen die Schwiegereltern zu Besuch. Leider hatte Tante Grete, die Schwester des Oberförsters, abgesagt. Pucki hätte sich herzlich gefreut, die alte Dame im eigenen Heim begrüßen zu können, bei der sie sechs Jahre lang als Schülerin in Pension gewesen war. Wie treulich hatte Tante Grete für ihre Schutzbefohlenen gesorgt, wieviel Freude wurde ihnen durch sie bereitet. Tante Grete war freilich mitunter eine strenge Aufsicht gewesen, und mancher Tadel war über ihre Lippen gekommen, wenn die heranwachsenden jungen Mädchen gar zu tolle Streiche verübten.

Puckis Wohnung war blitzsauber, die Einkäufe waren erledigt. Claus meinte scherzend, Pucki möge morgen zur Feier des Tages Filet braten. Sie lehnte es aber ab. Eine kleine, rundliche Gans wartete darauf, gebraten und verspeist zu werden. –

Sekundenlang zitterte das Haus. Da wußte Pucki, daß Großvater Wallner das Sprechzimmer verlassen hatte. Wenn er unbefriedigt fortging, knallte er die Türen kräftig hinter sich zu. Claus versuchte zwar nach Möglichkeit dieses Manöver zu verhindern, heute aber war es ihm wieder einmal nicht gelungen. Von der Straße her hörte Pucki Herrn Wallner sogar noch laut schelten, dann trollte er sich davon.

Endlich war die Nachmittags-Sprechstunde vorüber.

Liebevoll nahm die junge Frau den Gatten in die Arme: »Du bedauernswerter Mensch, wie schwer ist doch ein Auto zu verdienen!«

Er lachte. »Ja ja, unser guter Großpapa war heute wieder einmal sehr unzugänglich.«

»Hast du ihm eine neue Medizin verschrieben?«

»Wo werde ich denn, Pucki! Ich habe nicht die Absicht, Herrn Wallner die Nerven völlig zu ruinieren.«

»Da ist er gewiß sehr böse gewesen.«

»Nun, ich habe ihm zwei Pulver mitgegeben.«

»Also doch, Claus.«

»Diese Pulver werden seinen Nerven nichts schaden.«

»Du weißt, Claus, ich bin sehr lernbegierig. Es könnte doch einmal sein, daß in deiner Abwesenheit ein Patient auch etwas verlangt.«

»Pucki, du weißt, daß du den Patienten kein Medikament verabreichen darfst.«

Am Abend gab es für die junge Hausfrau noch allerlei zu tun. Aufgeregt lief sie, nachdem der Abendbrottisch abgeräumt war, durch alle Zimmer und prüfte nochmals, ob jedes Stück am rechten Fleck stand. Beim Schlafengehen bat sie den Gatten, schnell noch einmal auf die Waage zu steigen. »Ich muß wissen, ob du die zwei Pfund behalten hast.«

»Morgen früh«, sagte Claus, denn er hatte die Gewichte nicht zur Hand.

»Nun gut. – Wenn die zwei Pfund wieder heruntergewirtschaftet sind, beginne ich wieder mit der Mehlsuppe.«

Am anderen Morgen, dem ersten Adventssonntag, erhob sich Pucki früher als sonst. Sie konnte nicht mehr schlafen, sie war viel zu erregt, ob heute alles klappen würde. Als Claus sich eine Viertelstunde später erhob, zog sie ihn ins Sprechzimmer.

»Ich muß dich wiegen.«

»Warte noch einen Augenblick«, sagte er und trat an einen Schrank.

»Nein, Claus, rasch hinauf auf die Waage.«

»Pucki, gute, goldene Pucki, geh und hole mir rasch ein Taschentuch aus dem Schlafzimmer.«

Pucki blickte zwar ein wenig erstaunt darein, eilte aber sogleich davon und kam mit Windeseile wieder zurück. Sie sah gerade noch, wie Claus einen Schrank zuschlug.

»Ach, Pucki, wir wollen das dumme Wiegen lassen.«

Er hatte aus Versehen zwei zu große Gewichte ergriffen und mußte eines davon, ehe er auf die Waage stieg, beseitigen. Aber Pucki stand wie ein Polizist neben ihm. Nicht einmal das Taschentuch gab sie ihm, da sie behauptete, jedes Gramm sei von Wichtigkeit. Sie müsse genau erkunden, was er wiege.

Da stieg Claus auf die Waage.

»Claus – hundertachtundvierzig Pfund! – Claus!« Pucki umschlang ihren Mann. Da fühlte sie an ihrer Hüfte etwas Hartes. Sie ließ los, blickte auf den Schlafanzug, auf die sich bauschende Tasche und griff hinein. »Claus – was ist das? – Gewichte?«

»Ach«, sagte er lachend, »wie mögen die nur in die Tasche des Schlafanzuges gekommen sein?«

»Claus, du bist ein Betrüger! – Jetzt bist du ertappt.« Pucki nahm die Gewichte aus der Tasche, untersuchte die anderen und schob ihn erneut auf die Waage. »Claus«, klang es nochmals, »für so einen Schwindler hätte ich dich nicht gehalten.«

Pucki sagte gar nichts, als die Waage hundertsechsunddreißig Pfund zeigte. Sie ging wortlos hinaus in die Küche und bereitete eine Mehlsuppe. Claus ging ihr lachend nach.

»Mein geliebtes Puckilein, dein armer Mann bittet dich herzlich, ihm die Mehlsuppe zu erlassen. Er fühlt sich durchaus wohl, kräftig und gesund.«

»Es gibt Mehlsuppe.«

»Pucki, kleine, garstige Frau, dein Mann verlangt von dir, daß die Mehlsuppe fortbleibt.«

»Nein, Claus, du bekommst Mehlsuppe!«

»Pucki, kleiner, lieber Eigensinn, dein Mann tobt und wettert, wenn er wieder Mehlsuppe essen muß. Ich werde rasend, ich mache Skandal wie der Großpapa. – Hüte dich, mir die Mehlsuppe zu bringen.«

»Die Mehlsuppe dient deiner Gesundheit.«

»Nichts nützt sie, das mußt du doch einsehen. – Pucki!« Claus rollte furchtbar mit den Augen. »Ich verklage dich bei den Eltern, ich erzähle ihnen, daß du ein Haustyrann bist. Willst du das auf dich nehmen?«

Pucki wurde kleinlaut. »Wenn sie dich fragen, wieviel du wiegst, wenn sie sagen, du siehst elend aus? –«

»Das sagen sie ganz bestimmt nicht. – Also, kleine süße Pucki, laß uns Frieden schließen. Wir wollen den ersten Adventssonntag in unserer jungen Ehe doch nicht mit einem Streit beginnen. Ich gieße die Mehlsuppe zum Fenster hinaus. In demselben Augenblick kommt Frau Bohrmann mit ihren drei Töchtern vorüber und ganz Rahnsburg spricht von unserer unglücklichen Ehe. – Pucki, kein Mann, keine Frau, kein Kind betritt mehr das Arzthaus, in dem ein wildgewordener Arzt praktiziert. Verhungern müssen wir, nicht einmal Mehlsuppe werden wir kochen können! Alle Wochen nehme ich fünf Pfund ab! Rechne einmal aus, in wieviel Wochen dann nichts mehr von mir da ist!«

Da mußte Pucki herzlich lachen und nahm die Suppe vom Feuer, drohte aber ihrem Claus noch mit dem Kochlöffel.

»Gut, mit hundertsechsunddreißig Pfund will ich mich zufrieden geben. Wenn es aber weiter bergab geht, Claus, dann setze ich meinen Willen durch.«

»Pucki, wenn du noch lange mit mir schiltst, dann wird die Gans nicht gar, und unten fährt das Auto mit den Eltern vor. Dabei ist in meinem Sprechzimmer noch kein Staub gewischt, Instrumente sind noch zu waschen, im Eßzimmer muß der Teppich rasch noch einmal geklopft werden, und die Fenster sind auch nicht ganz sauber. Mußt sie schnell putzen, Pucki!«

»Na, warte nur, Claus, deinen Eltern will ich erzählen, wie du mit mir umgehst!« – –

Als dann Oberförster Gregor und seine Frau in dem behaglichen Wohnzimmer saßen, gab es von keiner Seite Klagen. Wenn sich Claus einmal aus dem Zimmer entfernte, schwärmte Pucki geradezu von ihrem prächtigen Mann, und wenn Pucki von häuslichen Pflichten in Anspruch genommen war, lobte Claus seine kleine Frau und erklärte den Eltern, daß es ganz wundervoll sei, verheiratet zu sein. Jetzt erst wisse er, wie schön das Leben wäre.

Selbstverständlich neckte der Oberförster seine Schwiegertochter tüchtig. Aber Pucki strahlte über das ganze Gesicht, weil durch die Neckerei die Anerkennung über ihr Verhalten als junge Hausfrau klang. Auch Frau Gregor sagte, daß Pucki eine prächtige Hausfrau sei und sie sehr glücklich darüber wäre, ihren Claus in so guter Hut zu wissen.

»Er wird sich einbilden«, lachte Oberförster Gregor, »er sei schon im Himmel.«

»O nein, lieber Papa, er hat mit manchem Patienten gräßlichen Ärger, besonders mit dem Großpapa Wallner. Das ist eine Schinderei, das kostet Nerven. – Nur wegen des Autos ertragen wir ihn.«

»Ja, was ist denn los?«

Das junge Ehepaar erzählte von dem sonderbaren, leidenden alten Mann.

»Er arbeitet mir geradezu entgegen«, sagte Claus. »Alles, was er an Anpreisungen liest, möchte er einnehmen.«

»Nun, so bemogele ihn doch ein wenig, Claus. Mache es so wie in dem Erholungsheim, in dem Tante Grete kürzlich war. Die Kranken dort waren alles nervöse Menschen, und die Leiterin, eine sehr kluge Frau, hat den meistens nur eingebildet Kranken stets unschädliche Mittel verabreicht. Der Erfolg war glänzend. Die Erholungsuchenden bildeten sich ein, sie könnten nur mit Schlafmitteln schlafen, sie hätten nur Appetit zum Essen, wenn sie vorher etwas Anregendes bekämen und dergleichen mehr. So trug die Leiterin allen diesen Wünschen mit harmlosen Scheinmitteln Rechnung und erzielte die prächtigsten Erfolge.«

»In einem Erholungsheim mag das möglich sein«, lachte Claus.

»Du müßtest es mit dem Großpapa genau so machen, Claus. Die vielen Mittel schaden ihm nur.«

»Nun, Pucki, ich hoffe trotzdem, daß der alte Herr in Rahnsburg Besserung findet.«

»Wenn er beständig immer neue Mittel schluckt?«

»Herr Wallner ist ein kranker Mann, kleine Frau, vergiß das nicht. Nun wollen wir aber nicht länger von dem alten Herrn reden. Er kommt oft genug an die Reihe.«

Der Sonntag verlief zu aller Zufriedenheit. Das Essen war prächtig geraten, und stolz heimste Pucki das gespendete Lob ein. Wieder neckte sie Claus.

»Wenn ihr das nächstemal zu uns kommt, gibt es Filetbraten.«

Da gab es aufs neue Gelächter, als Pucki ihre Erlebnisse mit dem Filetbraten erzählte. Und wieder stellten Gregors fest, daß die junge Frau, obgleich sie noch voller Übermut steckte, die rechte Lebensgefährtin für ihren ernsten Claus sei. Gerade weil Pucki mitunter mit ihren Äußerungen etwas zu temperamentvoll war, weil sie sich manchmal zu törichten Worten hinreißen ließ, gerade deswegen wurden heitere Augenblicke geschaffen, die Claus innerlich erfrischten.

Auch von Eberhard, dem jüngeren Bruder des Arztes, wurde viel gesprochen. Mit Eberhard war Pucki einige Jahre bei Tante Grete in Pension gewesen. Er war der beste Freund von Hans Rogaten, dem jungen Apotheker, der Pucki verehrt und begehrt hatte. Von Hans Rogaten sprach Pucki ungern, obwohl sie oft an ihn dachte. Sie hatte stets ein mitleidiges Gefühl, wenn sie sich seiner erinnerte, denn sie wußte, daß er sie sehr gern zu seiner Frau gemacht hätte.

»Wo steckt denn Eberhard zur Zeit?« fragte Pucki.

»Er fährt augenblicklich nach Indien.«

»Was will er denn da? Er als Ingenieur sollte lieber auf einer Werft arbeiten.«

»Wird auch noch kommen. Vorläufig fährt er auf einem Schiff. Dort ist er als Schiffsingenieur auch nötig. Die großen schwimmenden Hotels müssen Ingenieure an Bord haben.«

»Da ist es mir doch lieber, daß ich einen Arzt zum Manne habe.«

Am späten Nachmittag wurde Claus zu einem Kranken abgerufen. Pucki bedauerte das sehr, und sie meinte ein wenig altklug: »Ja, ja, so sieht das Leben einer Arztfrau aus. Auf Überraschungen muß sie gefaßt sein.«

»Was machst du denn, Pucki, wenn jetzt ein Schwerkranker kommt?«

»Soviel ich kann, verarzte ich ihn.«

Oberförster Gregor lachte, und Pucki wurde rot. Sie mußte an ihre mangelhaften Leistungen nach dieser Richtung hin denken. Doch mit der Zeit würde auch das besser werden! Gerade vor acht Tagen hatte sie bewiesen, daß sie bereits Blut sehen konnte und daß ihr nicht schwindelig wurde, wenn es galt, einen Finger zu verbinden.

Kurz vor dem Aufbruch lud Pucki die Schwiegereltern ein, das Weihnachtsfest in Rahnsburg zu verleben. »Meine Eltern und die Geschwister müssen auch kommen. Dann wird es eine großartige Sache werden. Wir können leider nicht fort, denn gerade zu Weihnachten hoffe ich, wird es Arbeit für meinen Claus geben. Die Kinder verderben sich am Pfefferkuchen den Magen, mitunter fällt ein Weihnachtsbaum um, einer verbrennt sich die Hand – –«

»Sei still«, sagte Claus, der nach kurzer Abwesenheit wieder zurückgekommen war, »eine Arztfrau muß eine menschenfreundlichere Gesinnung zeigen, als du sie soeben an den Tag legst.«

»Alles für unser Auto, lieber Claus.«

Am Abend zehrte Pucki noch von ihren Lorbeeren, die sie geerntet hatte. Wie angenehm klangen ihr die zärtlichen Worte der Schwiegereltern in den Ohren. Auf ihre angstvolle Frage, ob Claus schlecht aussähe, wurde ihr von beiden Seiten bestätigt, daß er einen außerordentlich gut gepflegten Eindruck mache. Das beruhigte sie, und beim Schlafengehen versprach sie ihrem Mann, daß es zunächst keine Mehlsuppe mehr gäbe, aber weiterhin gut gekochtes und kräftiges Essen mit viel Vitaminen.

»Im Winter fehlen leider der menschlichen Ernährung die Vitamine C, nämlich frisches Gemüse, und die Vitamine D, der Sonnenschein. Kommen wir nun zu den Kalorien – –«

»Freilich, Pucki, darum – – gute Nacht!«

»Claus, ich möchte dir noch einen kleinen Vortrag halten.«

»Mir fehlen augenblicklich die Vitamine Z, das ist der Schlaf. – Gute Nacht, gelehrte kleine Pucki. – Du warst heute fabelhaft tüchtig. Kurzum: eine Prachtfrau!«

Darum trug Pucki am nächsten Tage den Kopf sehr hoch. »Prachtfrau«, flüsterte sie mitunter vor sich hin und nahm sich fest vor, diese Prachtfrau zu bleiben.

Um neun Uhr war Herr Wallner der erste Patient, der im Sprechzimmer saß. Dieses Mal schloß Pucki die Küchentür sorgsam zu. Sie wollte nicht hören, was der alte Herr wieder zu nörgeln hatte.

Um elf Uhr machte Claus seine Krankenbesuche, erklärte aber, Pucki brauche heute das Mittagessen nicht vor zwei Uhr anzurichten. Er müsse hinaus nach einigen Dörfern.

»Nach Weihnachten essen wir regelmäßiger, im Auto geht es schneller.«

Claus tat ihr leid. Es war heute besonders ungünstiges Wetter. Grau und schwer hingen die Wolken nieder; dazu blies ein schneidender Wind. Um ein Uhr klingelte es. Pucki, die in Abwesenheit des Gatten die Patienten gern selbst empfing oder Bestellungen entgegennahm, öffnete die Tür. Mit zorngerötetem Gesicht stand Herr Wallner vor ihr.

»Was ist das für ein Wind«, herrschte er die junge Frau an.

»Ostwind«, klang es ebenso unfreundlich zurück. Pucki ärgerte sich, daß Herr Wallner kein Wort der Begrüßung für sie hatte.

»Bleibt das im Dezember immer so?«

»Fragen Sie bei Herrn Petrus an. – Wollen Sie eintreten, Herr Wallner?«

»Natürlich will ich das! Oder meinen Sie, ich verhandle mit meinem Arzt auf dem Flur? – Wozu hat er sein Sprechzimmer.«

Pucki lächelte süßlich. Sie wußte längst, daß man mit dem Großpapa freundlich verkehren mußte. Außerdem hupte draußen gerade ein Auto. Da dachte sie an den eigenen Wagen, den sie zu Weihnachten anschaffen wollten.

»Sprechstunde ist von neun bis elf Uhr und von fünf bis sieben Uhr. Jetzt ist es erst ein Uhr. – Aber einen so lieben Gast wie Sie, Herr Wallner, empfange ich immer gern.« Sie nötigte ihn ins Wohnzimmer. Herr Wallner verlangte ins Sprechzimmer geführt zu werden, denn er käme zur Konsultation, aber nicht zum Kaffeetrinken. Obwohl Pucki sagte, daß Claus nicht zu Hause wäre, bestand Herr Wallner darauf, sein Anliegen im Sprechzimmer vorzubringen. Pucki gab nach. »Womit kann ich dienen?« fragte sie und machte ihr gelehrtes Gesicht.

Die Nerven gingen Herrn Wallner wieder durch. Er schalt von neuem auf den starken Wind, der in Rahnsburg besonders heule, auf sein Zimmer, in dem er den Wind doppelt laut höre, und daß er bei solchem Lärm nicht schlafen könnte, er sehne sich aber danach, nach Monaten wieder einmal ein Viertelstündchen die Augen zu schließen. Der teuflische Rahnsburger Wind sei sein Verderben.

»Nun«, meinte Pucki trocken, »in Eisenach wird es auch Wind geben.«

»Dumme Redensart«, brauste Herr Wallner auf.

»Danke«, lächelte Pucki, »da wir uns bisher gut vertragen haben, so soll auch heute nichts an dem Ton unserer Freundschaft geändert werden.«

»Der Wind stört mich, ich möchte schlafen. – Die Schlafpulver, die mir der Doktor gegeben hat, nützen gar nichts. Es soll Mittel geben, die viel besser wirken.«

»Ganz gewiß, Herr Wallner. Wenn mein Mann zurückkommt, werde ich es ihm sagen. Schicken Sie Fräulein Faupe her und lassen Sie das Rezept abholen.«

»Wenn ich schlafen will, mag ich nicht warten. Ich wünsche ein Schlafpulver, damit ich endlich zur Ruhe komme. Ich bin müde und möchte mich niederlegen.«

»Mein Mann ist aber nicht daheim.«

»So geben Sie mir ein Schlafpulver. In einem Arzthaushalt muß es doch verschiedene Schlafmittel geben.«

»Sobald mein Mann zurück ist, werden Sie Bescheid bekommen.«

Herr Wallner schlug mit der Faust auf den Tisch. »Ich will sofort ein Schlafpulver haben, ich will jetzt ein Schlafpulver! Ich will noch in dieser Minute ein Pulver, denn ich verspüre eine leichte Müdigkeit und will sie durch ein Pulver unterstützen. – Geben Sie mir ein Schlafmittel.«

»Ich habe keins.«

»Das ist eine dumme Ausrede! Ich gehe nicht eher von hier fort, als bis ich das Pulver bekommen habe, das merken Sie sich. Reizen Sie mich nicht, ich will das Pulver haben!«

Soviel wußte Pucki auch schon, daß sich Herr Wallner augenblicklich wieder in großer nervöser Erregung befand. Claus hatte ihr eingeschärft, Kranke in diesem Zustande nicht zu reizen, sondern nachzugeben. Er hatte ihr aber auch ebenso strenge verboten, den Patienten irgend etwas auszuhändigen. Es war auch gar nicht möglich, ihm etwas zu geben, denn Claus hielt den Schrank, in dem er Versuchsmedikamente aufbewahrte, sorgsam verschlossen.

»Mein lieber, guter Herr Wallner«, sagte sie im süßesten Tonfalle – –

»Ich bin nicht Ihr Herr Wallner, ich verlange ein Schlafmittel!« Er war aufgestanden und stand mit bösen Augen vor Pucki.

Was sollte sie beginnen? Claus war durch den Fernsprecher nicht zu erreichen. Ob sie hinauf zu Doktor Kolbe schickte? – Wie beruhigte sie solch einen nervösen Menschen? – Was hatte der Schwiegervater von dem Walderholungsheim erzählt, in dem Tante Grete gewesen war? Eingebildet Kranken verabreichte sie unschädliche Mittel?

»Wie lange muß ich noch warten?« schlug die Stimme des Großvaters an ihr Ohr.

Da kam der Übermut wieder über Pucki. Was blieb ihr auch anderes übrig? Sie mußte den erregten Großpapa loswerden. Wenn er also durchaus ein Schlafmittel haben wollte, so mußte er Zucker oder Salz schlucken, das sie ihm als Schlafmittel geben würde. Nicht mehr die überlegte Arztfrau stand vor Herrn Wallner, nein, die übermütige Pucki war es, die gern einen lustigen Streich ersann. Die blauen Augen blitzten.

»Ich hätte schon etwas«, sagte sie leise, »ich habe ein Mittel, das geradezu Wunder wirkt. Aber ich gebe es nicht gern, weil mir mein Mann verboten hat, irgendein Mittel während seiner Abwesenheit abzugeben. Das verstehen Sie doch.«

»Was ist das für ein Mittel?«

»Man nimmt es ein, und schon nach einer Viertelstunde schläft man. Es ist wie Hexerei!«

»Haben Sie das Mittel bei der Hand?«

»Ich werde es holen.«

Pucki entfernte sich. Sie ging in die Küche, schnitt ein weißes Stück Papier zurecht, faltete es sachgemäß, wie sie das bei anderen Pulvern gesehen hatte und schüttete etwas Mehl, etwas Zucker und etwas Salz hinein. Als ihr die Mischung nicht recht gefiel, wurde die Kaffeemühle zweimal gedreht und das weiße Gemengsel mit etwas Kaffee gemischt. Pucki lachte leise in sich hinein. Ihr Claus durfte davon nichts erfahren. Sie ahnte, daß er ihren Übermut nicht gutheißen würde. Aber den Großpapa mußte sie doch loswerden.

Sie hörte ihn unruhig im Zimmer auf und ab rennen. Da kam sie zurück und legte geheimnisvoll das Papier mit dem Pulver in die Hand Wallners.

»Verraten Sie mich nicht, daß ich Ihnen dieses Mittel gab. Sie schlafen danach wie tot.«

»Ich danke Ihnen, Frau Doktor. Ich wußte, daß Sie ein guter Mensch sind. Werde ich wirklich schlafen?«

»Ganz fest, der Rahnsburger Wind wird Sie nicht wecken können. Doch nun dürfen Sie nicht länger zögern. Gehen Sie rasch nach Hause, nehmen Sie das Pulver und legen Sie sich ins Bett. – Dann schlafen Sie.«

Pucki hatte Mühe, das Lachen zu verbergen. Sie ließ den Großpapa gehen und atmete auf, daß sie ihn auf so leichte Art und Weise losgeworden war. Gar zu gern hätte sie Claus davon erzählt. Aber es war doch wohl besser, wenn sie schwieg. Alles, was in seinen Beruf hineinspielte, nahm er furchtbar ernst. Hier duldete er nicht den kleinsten Übermut.

Nach kurzer Zeit machte sie sich Gewissensbisse. Wenn der Großpapa nicht schlief, kam er in einer Stunde voll Grimm zurück, und alles wurde offenbar. Da er aber Müdigkeit verspürte, half ihre List vielleicht.

Der heimkehrende Gatte erfuhr nichts von Herrn Wallners Besuch. Er meinte allerdings, Pucki zeige heute ein gar pfiffiges Gesicht.

»Ich habe viel an unser Auto gedacht«, war die Antwort auf seine Frage.

Nachmittags pochte ihr das Herz bedenklich. Wenn ein neuer Patient kam, schaute sie stets vorsichtig durch die Tür, ob es vielleicht Herr Wallner sei. Doch der Tag ging zu Ende, ohne daß er sich zeigte.

Am nächsten Vormittag, kurz vor Schluß der Sprechstunde, war er wieder da. Seine Laune war geradezu glänzend.

»Das hier ist Konfekt für Ihre Frau, die mehr von der Heilkunst versteht als Sie, bester Herr Doktor. – Und nun geben Sie mir noch sechs Schlafpulver von der Sorte, die ich gestern bekommen habe. Ich habe prachtvoll geschlafen. Ich kann mich nicht erinnern, jemals so gut geschlafen zu haben. Warten Sie nur, die besten Mittel behalten Sie für sich! – Ich will doch gesund werden.«

»Was für ein Mittel?« fragte Claus ein wenig unruhig.

»Nun, das Schlafpulver, das mir gestern Ihre Frau gab.«

»Ein Schlafpulver? Wann haben Sie das Pulver bekommen?«

»Hihi«, lachte Wallner, »es ärgert Sie wohl, daß mir Ihre Frau das gute Mittel herausgegeben hat? Wenn Sie es mir verweigern, komme ich wieder, sobald Sie fort sind. – So, Herr Doktor, und nun machen Sie keine langen Geschichten, geben Sie mir das Mittel.«

Claus überlegte. Konnte Pucki so unvorsichtig und ungehorsam gewesen sein, seine Medikamente zu verabreichen? Er hatte es ihr doch streng untersagt. Sie konnte dadurch einen ungeheuren Schaden anrichten. Doch nein, der Schrank war fest verschlossen, sie hatte ja keinen Zugriff zu den Medikamenten.

»Zunächst will ich meiner Frau das Konfekt bringen«, sagte er.

»Und bringen Sie sogleich die Schlafpulver mit, die Sie in einem anderen Raume verwahren.«

»Bitte, Herr Wallner, gedulden Sie sich einige Augenblicke.«

Er ging zu Pucki ins Wohnzimmer, die im Erker mit einer Handarbeit saß. Sein ernstes Gesicht ließ in Pucki eine leichte Unruhe aufsteigen.

»Was hast du gestern Herrn Wallner für ein Schlafpulver gegeben?«

Schuldbewußt senkte sie den blonden Kopf.

»Gib rasch Antwort, Pucki, Herr Wallner wartet drüben im Zimmer. Ich kann ihm nicht eher antworten, als bis ich weiß, was du ihm gegeben hast.«

»Claus, er war so ärgerlich und aufgeregt – ich wußte mir nicht anders zu helfen. Du sagtest doch, ich solle nervöse Menschen nicht unnötig reizen.« Dann erzählte sie ihrem Mann von dem sonderbaren Pulver, das sie bereitet hatte.

»Wir reden später weiter darüber«, sagte Claus, verließ rasch das Zimmer und ging zurück zu Herrn Wallner, der ihm erwartungsvoll entgegensah. »Ich freue mich, daß Sie heute so wohl aussehen«, begann er ruhig. »Ich bin überzeugt, daß Sie auch heute wieder gut schlafen werden. Aber das Pulver möchte ich Ihnen nicht mehr geben. Halten wir uns weiter streng an die Vorschriften. Sie werden heute genau so gut schlafen wie gestern. Sie müssen allerdings heute noch einen größeren Spaziergang unternehmen.«

Zunächst bestand der alte Herr eigenwillig darauf, die Pulver zu bekommen. Schließlich gelang es aber dem Arzt, ihn zu bewegen, vorläufig auf das Mittel zu verzichten.

»Wenn ich heute nacht nicht gut schlafe, verlange ich morgen das Pulver.«

Dann war er gegangen.

Claus kehrte zu seiner Frau zurück, die ihm schuldbewußt entgegenblickte.

»Claus, ich kann mir denken, was du jetzt sagen wirst. Aber hättest du den Großpapa gesehen, du hättest dich auch vor seinen rollenden Augen gefürchtet. Ich wußte mir wirklich nicht anders zu helfen. Ich habe es nur gut gemeint.«

Sie ließ seine wohlwollenden Ermahnungen ruhig über sich ergehen. Sie wußte ja nicht, daß Claus innerlich über seine kleine Frau lachte. Das Pulver hatte in diesem Falle tatsächlich gewirkt, weil eben die Einbildung Wallners hinzukam. Außerdem hatte Claus den Beweis dafür, daß sich der Großpapa, trotz der letzten Szene, auf dem Wege der Besserung befand.

»Pucki, Pucki«, sagte er vor sich hin, »ich glaube, du wirst noch mit weißem Haar der Puck bleiben, den ich trotzdem herzlich liebhabe.«

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