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Puckis junge Ehe

Magda Trott: Puckis junge Ehe - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorMagda Trott
titlePuckis junge Ehe
publisherVerlag A. Anton & Co.
printrun15.-29. Tausend
year1937
firstpub1937
illustratorG. Kirchbach
correctorreuters@abc.de
secondcorrector´Regine Kreutz
senderwww.gaga.net
created20151216
modified20160607
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»Hi hi, Fräulein Sandler!«

Für Pucki gab es wieder viel Neues zu bestaunen. Aßmannshausen und Rüdesheim waren besucht worden, am Niederwalddenkmal hatten sie gestanden, und dann waren sie weiter nach dem goldenen Mainz gefahren und hatten, als Abschluß der Hochzeitsreise, in Wiesbaden Wohnung in einem Hotel genommen. Was gab es hier für herrliche Spaziergänge und Ausflüge! Auf einem dieser Ausflüge in den Taunus traf Claus einen Studienfreund, den jungen Doktor Behl, der in einem Wiesbadener Sanatorium angestellt war. Die beiden Freunde hatten sich viel zu erzählen. Es interessierte Claus stark, das Tätigkeitsfeld des Studienkollegen kennenzulernen, und man verabredete, daß Claus an einem der nächsten Tage einen Besuch im Sanatorium machen sollte.

Am Vormittag rief Doktor Behl im Hotel an und fragte Claus, ob er zu ihm kommen könne. Claus wandte sich fragend an seine junge Frau. »Darf ich dich auf der Hochzeitsreise ein paar Stunden allein lassen, oder wird das nicht erlaubt?«

»Wie kannst du fragen, Claus! Ich habe einen Arzt geheiratet und weiß, daß ich öfters allein sein werde.«

»Aber auf der Hochzeitsreise? – Darf ich dich auch heute ein paar Stunden verlassen?«

»Du darfst es«, sagte Pucki, »das ist doch selbstverständlich.«

»Bist du nicht ein wenig verstimmt, wenn ich hier in Wiesbaden einige Stunden dem Freunde widme?«

»Ich habe dir geschworen, daß ich mir durch nichts die gute Laune verderben lasse, Claus. Ich habe den festen Vorsatz gefaßt, auf unserer Hochzeitsreise nur froh und glücklich zu sein. Nichts kann mich darin beirren.«

»Ich habe wirklich eine prächtige Frau!«

»Das soll auch dein Freund, Herr Doktor Behl, erkennen. Welche Frau läßt ihren jungen Ehemann auf der Hochzeitsreise drei Stunden lang fortgehen? Nur ich, nur Pucki Gregor, geborene Sandler.«

»Zum Dank für deine Großmütigkeit essen wir dafür auch heute im Kurhaus zu Mittag. Um ein Uhr treffen wir uns im Weinrestaurant. Ich werde pünktlich zur Stelle sein. Auf das Wohl meiner vernünftigen und großmütigen Frau trinken wir dann eine Flasche Rüdesheimer.«

Pucki klopfte sich mit der Hand auf den Magen. »Herrlich schmeckt mir der Wein! Wenn wir erst in Rahnsburg sind, hört das natürlich wieder auf, denn dann müssen wir sparen. So viele Patienten hast du noch nicht, daß wir uns von den Honoraren einen Weinkeller anlegen könnten.«

»Das wird freilich noch eine Weile dauern, kleine Frau.«

»Aber auf unserer Hochzeitsreise dürfen wir einmal verschwenderisch sein.«

»Wir genießen, Pucki! Aber Essen und Trinken ist es ja nicht allein.«

»Nein, es ist das Zusammensein mit dir, lieber guter Claus, und all die Freude und das Glück, das aus uns herausstrahlt. – Doch nun mache dich fertig und lasse den Freund nicht warten. Wenn die Rede auf mich kommt, kannst du ihm ja zu verstehen geben, daß ich nichts dagegen hätte, daß du auf unserer Hochzeitsreise drei Stunden von mir fort bist.«

»Was wirst du in der Zeit meines Fernseins beginnen?«

»Ich bummele durch die Stadt. Es gibt hier viel zu sehen. Vielleicht gehe ich auch zum Frühkonzert in die Brunnenhalle.«

So trennten sich die jungen Eheleute zum ersten Male für einige Stunden. Pucki stand in der Halle des Hotels und nahm von Claus so herzlichen Abschied, als habe er eine Reise in einen fernen Erdteil anzutreten. Diskret lächelte der Pförtner. Er hatte längst herausbekommen, daß es sich hier um ein ganz junges Ehepaar handelte, das die erste gemeinsame Reise machte.

Pucki unternahm nun einen Spaziergang durch die Stadt. Dabei lockten sie die fröhlichen Weisen, die aus der Kochbrunnenhalle herausklangen. Sie ging in die Halle hinein, ließ sich ein Glas geben und wanderte nun, umschmeichelt von den Klängen der Musik, in der Wandelhalle auf und ab. Alle ihre Gedanken waren bei Claus, dem lieben, guten, der jetzt mit Doktor Behl gelehrte Gespräche führte. Diese gelehrten Gespräche waren für sie fürchterlich! Jede Krankheit, von der Claus sprach, hatte einen lateinischen Namen, den sie nicht kannte. Wenn er von einem Fall sprach, bemühte er sich zwar, ihr gegenüber recht klar zu reden, aber hin und wieder rutschte ihm doch ein lateinischer Ausdruck heraus.

»Nun muß ich auf meine alten Tage noch Latein lernen, damit ich meinen Mann verstehe«, meinte Pucki. »Es könnte doch sein, daß ein Patient kommt, der eine gefährliche Krankheit hat. Wenn ich dann helfen soll, muß ich wissen, was ihm fehlt. Das kann mir Claus in Gegenwart des Schwerkranken nur lateinisch sagen. – Ach, was werde ich noch alles lernen müssen!«

Ein Kichern schlug plötzlich an ihr Ohr. Die junge Frau hatte auf die Tische, die rechts und links in der Wandelhalle standen, keinen Blick geworfen. Die Kurgäste, die hier ihren Brunnen tranken, beachtete sie nicht, sie dachte nur an ihren Claus.

»Hihihi, das ist doch Fräulein Sandler!«

Jäh blieb Pucki stehen und wandte den Kopf nach rechts hinüber. Da sah sie an einem der Tische einen weißhaarigen Herrn sitzen und neben ihm ein junges Mädchen mit weißem Häubchen.

Pucki erkannte den alten Herrn sofort. Das zerknitterte Gesicht mit den dunklen Vogelaugen würde sie nie vergessen, und wenn sie hundert Jahre alt werden sollte. Das war kein anderer als Herr Wallner, jener unangenehme alte Herr, der dafür gesorgt hatte, daß ihr die erste Stellung, die sie in Eisenach bei drei Kindern angenommen hatte, zur Hölle wurde. Großpapa Wallner, der alte Griesgram, hatte ihr in der Zeit ihres Dortseins ewig zugesetzt und dafür gesorgt, daß sie sehr bald eine Kündigung erhielt.

»He – Fräulein Sandler!«

Pucki zögerte. Sollte sie weitergehen und den abscheulichen Mann mit Verachtung strafen? Er würde ihr gewiß keine freundlichen Worte sagen und sie nur an die schreckliche Zeit in Eisenach erinnern. Doch schon im nächsten Augenblick besann sie sich. Sie war ja nicht mehr das Fräulein Sandler, nicht mehr die Angestellte des Wallnerschen Hauses, sie war jetzt eine junge Doktorfrau, die ihren eigenen Hausstand hatte.

Langsam trat sie an den Tisch heran. »Welch seltsames Zusammentreffen, Herr Wallner. Sind Sie hier zur Kur?« Pucki bemühte sich, recht sicher aufzutreten. Absichtlich sprach sie sehr langsam und ein wenig geziert.

»Ich wundere mich sehr, Sie hier zu treffen. Sind Sie hier wieder in Stellung? Und vergessen Sie, daß Sie Pflichten gegen Ihre Herrschaft haben?«

Pucki lächelte herablassend. »Ihre Laune hat sich scheinbar noch immer nicht sehr gebessert, Herr Wallner.«

»Was heißt das, Fräulein Sandler?« brauste er auf.

»Zunächst möchte ich mich Ihnen als Frau Doktor Gregor vorstellen. Ich bin seit einiger Zeit verheiratet. Mein Mann und ich haben Wiesbaden aufgesucht, nachdem eine wunderschöne Rheinreise hinter uns liegt.«

»So sehen Sie aus«, polterte Herr Wallner heraus. »Den Mann möchte ich kennenlernen, der Sie geheiratet hat. Oh, ich kenne Sie!« Dann wandte er sich an die Krankenschwester, die schweigend neben ihm saß. »Das ist das junge Mädchen, von dem ich Ihnen erzählt habe, das meine Enkelkinder allein auf der Wartburg ließ, meine Zigarrenkiste ausraubte und dann in einem Brief schrieb, sie möchte den alten Großvater am liebsten erwürgen.«

Pucki neigte herablassend den Kopf, dann schickte sie sich an, wieder weiterzugehen. Da sprang der alte Herr mit jugendlichem Feuer auf und hielt seinen Spazierstock derart vor Pucki hin, daß sie ohne Zweifel darüber hätte stolpern müssen, wenn sie weitergegangen wäre.

»Hihi, verheiratet!« kicherte der alte Herr.

Puckis Gesicht färbte sich dunkelrot. Herr Wallner sprach nicht gerade leise. So war der Nebentisch bereits aufmerksam auf sie geworden.

»Also verheiratet sind Sie? Das soll ich Ihnen glauben? Freilich, Sie hatten ja schon damals allerhand Freunde. Den Hans Rogaten, mit dem Sie stundenlang durch den Fernsprecher verhandelten. Dann war noch einer –«

»Und dieser andere ist jetzt mein Mann. Im übrigen verstehe ich nicht, daß Sie sich mit mir in eine Unterhaltung einlassen, da ich Ihnen so unsympathisch bin, Herr Wallner. Ich bitte Sie dringend, lassen Sie mich gehen.«

»Wo wohnen Sie denn?«

»Das kann Ihnen einerlei sein.«

»Nun freilich, Sie werden Ihre guten Gründe haben, mir Ihre Wohnung zu verschweigen. Verheiratet? – Hihihi – für mich sind und bleiben Sie das Fräulein Sandler.«

»Und dieses Fräulein Sandler geht nun ihres Weges. – Bitte, lassen Sie mich gehen oder – ich rufe meinen Mann.«

»So rufen Sie ihn doch!«

Pucki kochte innerlich. Sie hatte längst bemerkt, daß man sie von allen Seiten beobachtete und der Unterredung, die sie mit dem alten Herrn führte, lauschte. Außerdem schallte es in der hochgewölbten Halle so sehr, daß auch weiter entfernt Stehende jedes Wort deutlich vernahmen.

»Na?« kicherte der alte Herr, »wo bleibt denn der Ehemann? Gehen Sie lieber zu den Kindern Ihrer Herrschaft! Nun, wir werden uns hier noch öfters treffen.«

Jetzt war es Pucki gelungen, sich freizumachen. Mit raschen Schritten eilte sie durch die Halle, hinaus in den Garten und atmete erst erleichtert auf, als sie die Taunusstraße erreicht hatte.

»Muß mir gerade dieses Ekel in den Weg laufen! Aber ich werde es Claus sagen. Morgen werde ich mit ihm wieder in die Halle gehen. Vielleicht ist das Scheusal auch wieder dort. Dann soll er mich an der Seite meines Mannes sehen. Ich will ihm das Fräulein Sandler schon anstreichen! Er soll merken, daß sich Fräulein Sandler manches gefallen lassen mußte, aber Frau Doktor Gregor hat das nicht mehr nötig!«

Mit finsterem Gesicht wanderte Pucki weiter. Vor einem Schaufenster machte sie halt und betrachtete die Auslagen. Als sie sich umwandte, sah sie plötzlich das junge Mädchen mit der weißen Haube, das vorhin neben Herrn Wallner gesessen hatte, in allernächster Nähe stehen. Pucki ging weiter, wandte sich jedoch bald wieder um. Die Pflegeschwester folgte ihr in einiger Entfernung. Wieder blieb die junge Frau vor einem Schaufenster stehen, und auch die Schwester verhielt den Schritt.

Zornig steuerte Pucki auf sie zu: »Warum verfolgen Sie mich?«

»Entschuldigen Sie, aber Herr Wallner gab mir den Auftrag, Ihnen nachzugehen. Er will wissen, wo Sie wohnen. Ach, ich kann wirklich nichts dafür, denn ich bin in seinen Diensten.«

»Das ist ja unerhört«, brauste Pucki auf. »Was geht es Herrn Wallner an, wo ich wohne.«

»Ich kann wirklich nichts dafür.«

Wieder wollte Pucki aufbrausen, da sah sie, daß sich die Augen des jungen Mädchens mit Tränen füllten. Und nun dachte sie plötzlich an ihre eigene Stellung im Hause Wallners, daß auch sie damals so manche Träne vergossen hatte, weil der alte Herr gar zu abscheulich war. Vielleicht stand dieses junge Mädchen ebenfalls unter der Knute dieses häßlichen Mannes und mußte in ihrer Stellung ausharren, wie Pucki seinerzeit ausharren wollte, weil es die Verhältnisse verlangten.

»Sie sind bei Herrn Wallner angestellt?«

»Ja, sein Sohn in Eisenach wünschte, daß er von einer Krankenschwester begleitet würde. Er läßt sich häufig im Wagen fahren, dabei kann er noch ganz gut laufen. Mitunter macht er weite Ausfahrten, dann muß ich ihn stundenlang schieben.«

»Das sieht ihm ähnlich. Ich kann mir denken, daß Sie es schwer haben. Bitte, verzeihen Sie, daß ich Sie vorhin böse anredete.«

»Es ist gewiß nicht leicht, bei Herrn Wallner in Stellung zu sein, aber ich muß aushalten. Ich habe noch vier jüngere Geschwister und einen kranken Vater zu versorgen.«

»Können Sie keine bessere Stellung finden?«

»Ich bemühe mich schon um einen anderen Posten, aber leider fand ich noch nichts Geeignetes.«

Pucki ließ sich einiges aus dem Leben des jungen Mädchens erzählen.

»Wollen Sie mir nicht sagen, wo Sie wohnen, Frau – Frau – –«

»Doktor Gregor«, ergänzte Pucki.

»Ich heiße Faupe, aber Herr Wallner nennt mich stets Fräulein Faulpelz. Ich bat ihn mehrfach, davon abzulassen, weil es mir im Hotel peinlich ist, wenn er mich vor den Fremden Fräulein Faulpelz ruft. Seit er weiß, daß ich mich darüber ärgere, tut er es um so öfter.«

»Natürlich, das sieht ihm ähnlich«, sagte Pucki. »Aber ich glaube, ich kann Ihnen helfen, Fräulein Faupe. Ich finde es schrecklich, daß Sie in dieser Stellung bleiben müssen. Kündigen Sie, und wir suchen etwas anderes. Mein Mann wird Ihnen sicher gern dabei behilflich sein!«

»Es ist nicht so einfach.«

»Mein Mann ist Arzt. Ärzte können immer eine Hilfe brauchen. Mein Mann ist zwar noch ein ganz junger Arzt und zunächst helfe ich ihm bei der Arbeit, aber mein Mann hat in Ärztekreisen viele Bekannte. Ich spreche noch heute mit ihm darüber, und er verschafft Ihnen sicherlich etwas Passendes.«

»Ach, Frau Doktor Gregor, ich wäre Ihnen von Herzen dankbar, wenn Sie sich meiner ein wenig annehmen wollten. Ich gebe mir die größte Mühe, Herrn Wallner zufriedenzustellen, aber –«

»Ich weiß, daß das ganz unmöglich ist, er ärgert einen bis zum Platzen! Der Mann ist krankhaft veranlagt, sonst wäre sein Benehmen ja nicht zu erklären. Ich spreche noch heute mit meinem Manne. Er muß Ihnen helfen, er weiß gewiß Rat. Kündigen Sie dem Herrn Wallner, alles andere nehme ich in die Hand.«

Nochmals bedankte sich die Schwester, dann wurde sie unruhig, da sie meinte, Herr Wallner erwarte ihre Rückkehr.

Pucki lachte auf. »Da er Sie beauftragt hat, mir zu folgen, damit Sie mein Hotel ausfindig machen, muß er sich sagen, daß das recht lange Zeit in Anspruch nehmen kann. – Sagen Sie ihm, ich wäre hinauf zum Neroberg gegangen. – Wie wäre es, Fräulein Faupe, wenn Sie den Auftrag dieses unangenehmen Menschen zu einem Spaziergange mit mir benutzten?«

»Wie gerne würde ich das tun, aber – es geht nicht. Herr Wallner schilt ohnehin den ganzen Tag mit mir.«

»Ich rede noch heute mit meinem Mann; vielleicht weiß er sofort etwas. Morgen kündigen Sie und sagen dem alten Herrn gründlich Ihre Meinung. Oh, ich hätte wirklich Lust, dabei zu sein.«

»Liebe Frau Doktor Gregor, Sie mögen vielleicht den Mut dazu haben, aber ich wage Herrn Wallner gegenüber nicht den Mund zu öffnen.«

Die Erinnerung stieg in Pucki auf. War es ihr nicht genau so ergangen? Stumm hatte sie die unberechtigten Vorwürfe des alten Herrn entgegengenommen, und erst, als es gar zu viel wurde, öffneten sich ihre Lippen. Wenn aber die arme Krankenschwester darauf angewiesen war, Geld zu verdienen, so mußte sie gar vieles einstecken. Zu traurig, daß sie gerade an diesen häßlichen Menschen gekommen war.

»Vielleicht wäre es doch gut«, überlegte Pucki, »wenn ich Herrn Wallner einmal meine Meinung sagte. Nicht Sie, Fräulein Faupe, sondern ich! Ich habe ohnehin noch eine Rechnung mit ihm zu begleichen. Die gestohlene Zigarre habe ich ihm noch nicht vergessen. Vielleicht kommt er endlich zur Vernunft, wenn ich ihm vorhalte, welch gemeiner Mensch er ist. Nur möchte ich ihn ohne Zeugen sprechen. Es war vorhin sehr peinlich für mich, daß so viele zuhörten.«

»Ich habe längst gewünscht, Frau Doktor Gregor, daß jemand Herrn Wallner einmal ins Gewissen redet. Er sieht in seinen Angestellten kaum noch Menschen, er weiß nichts von Nächstenliebe und von Barmherzigkeit.«

»Sitzt er jeden Morgen in der Kochbrunnen-Halle?«

»Ja, aber am Nachmittag machen wir Spaziergänge. Für heute nachmittag kündigte er mir an, daß er im Rollstuhl nach dem Neroberge wollte. Ich soll ihn oben umherfahren. Es ist nicht leicht, den Rollstuhl die steile Kapellenstraße hinaufzuschieben.«

»Heute nachmittag?« sagte Pucki nachdenklich. »Das wäre eine prachtvolle Gelegenheit. Er kann dabei meinen Mann kennenlernen. Na, der läßt sich die Butter nicht vom Brot nehmen, der duldet nicht, daß man seine junge Frau so unhöflich behandelt. Der wird es ihm schon zeigen! Um welche Zeit sind Sie auf dem Neroberge?«

»Von zwei bis vier Uhr schläft Herr Wallner, dann trinkt er Kaffee, und dann werden wir fahren.«

»So sind Sie täglich von zwei bis vier Uhr frei? Da könnten Sie mit meinem Manne über eine neue Stellung reden?«

»O nein, ich habe in dieser Zeit zu arbeiten.«

»Vielleicht Strümpfe stopfen?« klang es bitter aus Puckis Munde. Sie erinnerte sich mit Entsetzen an den riesigen Flickkorb, den sie, als sie ins Wallnersche Haus gekommen war, vorgefunden hatte.

»Das nicht. Stopfen brauche ich nur selten. Aber ich muß Umschläge kleben.«

»Was müssen Sie?«

»Ach, es ist geradezu lächerlich, Frau Doktor Gregor. Aber da Sie auch bei Wallners waren, wissen Sie ja, wie genau der alte Herr ist. So sammelt er die eingehenden Briefumschläge, ebenso alle einseitig bedruckten Prospekte. Daraus muß ich Briefumschläge schneiden oder die benutzten Briefumschläge wenden.«

»In ein Narrenhaus gehört dieser Mann, aber nicht unter normale Menschen! Ich hoffe, Fräulein Faupe, daß Ihre Leidenszeit bald ein Ende hat. Ich will meinen Mann so lange bitten, bis er Sie irgendwo untergebracht hat. Gerade heute besucht er ein Sanatorium. Vielleicht ist dort eine Stelle frei. Es wird schon klappen. Nur nicht den Mut verlieren!«

Die Krankenschwester war zwar nicht so zuversichtlich wie Pucki, aber deren gütige Worte taten ihr wohl. Auch die Unterhaltung mit einem jungen, fröhlichen Menschen erquickte sie. Die Stellung, die sie seit wenigen Monaten inne hatte, war unsagbar schwer. Selbst hier in Wiesbaden war sie vielen Kränkungen ausgesetzt. Pucki erfuhr, daß Wallner sogar bei der Verpflegung sparte. Er ließ für seine Pflegerin täglich nur eine halbe Mittags- und Abendportion bringen. Oft mußte sich das junge Mädchen noch einige Semmeln kaufen, um satt zu werden.

In Puckis Augen flackerte es drohend auf. »Dem sage ich heute noch meine Meinung. Aber der soll die Sprache verlieren.«

Die Schwester schaute bedrückt zu Boden. »Ich weiß nicht«, sagte sie endlich zögernd, »ob ich Ihnen das alles hätte sagen dürfen. Wenn mein Dienst auch schwer ist, so darf ich doch nie vergessen, daß Herr Wallner ein kranker Mann ist.«

»Er ist ein scheußlicher Nörgler und ein Egoist. Dem werde ich meine Meinung schon sagen.«

»Ich glaube, Sie wissen zu wenig von seinem Leiden. Er ist oft schon in Anstalten und Sanatorien gewesen, aber sein Zustand bessert sich nicht. Er hat oft sein qualvolles Nervenzucken. Gehen Sie mit ihm nicht zu streng ins Gericht! Es war nicht recht von mir, daß ich klagte. Aber mitunter wird es doch zu schwer.«

»Wenn man noch so krank ist, so darf man doch seine Mitmenschen nicht quälen. Wenn er keine Rücksichten nimmt, so brauche ich das auch nicht zu tun.«

»Ich weiß nicht, ob Sie mir damit einen Dienst leisten, Frau Doktor Gregor. Sie meinen es gewiß gut, aber Herr Wallner wird nur noch zorniger werden, wenn er erfährt, daß ich Ihnen mein Leid geklagt habe.«

»Sie werden die Stellung kündigen. Mein Mann hilft Ihnen bestimmt. Diesem Griesgram aber kann es nicht schaden, wenn man ihm einen Spiegel vor das Gesicht hält.«

»Trotzdem möchte ich Sie bitten, zu bedenken, daß er krank ist. Ich vergesse es leider mitunter auch. Aber ich glaube, ich muß nun umkehren. Herr Wallner wird mich bereits vermissen.«

»Da haben wir es wieder! Nicht einmal einen kurzen Spaziergang gönnt er Ihnen. Ich glaube, er ist noch schlimmer geworden als vor drei Jahren.«

»Wollen Sie mir sagen, wo Sie wohnen?«

»Ja, aber nur Ihnen. Sie müssen es wissen, damit Sie sich an uns wenden können. Wir bleiben allerdings nur noch acht Tage hier. Aber bis dahin hat sich für Sie sicher eine Stellung gefunden.«

Pucki nannte das Hotel, und auch die Krankenschwester schrieb ihre Anschrift auf. Noch einmal erklärte Pucki mit größter Bestimmtheit, daß eine Stellung gefunden werden würde.

Mit herzlichen Dankesworten verabschiedete sich die Schwester von der jungen Frau, und wenn sie auch nicht daran glaubte, daß ihr Doktor Gregor eine andere Stellung verschaffen könnte, so fühlte sie sich doch schon dadurch beglückt, daß jemand Teilnahme an ihrem Schicksal zeigte.

Pucki überlegte unterdessen, ob sie Claus von ihrem Zusammentreffen mit Herrn Wallner erzählen oder ob sie damit bis heute nachmittag warten solle. Sie würde sich, wenn sie von Herrn Wallner sprach, wieder unnötig in Zorn und Grimm reden, und sie wollte Claus doch keine Falte auf der Stirn zeigen.

»Noch vor einer Stunde sagte ich, ich lasse mir durch nichts die gute Laune verderben. Nun kommt dieser Griesgram, und mein Inneres kocht und siedet. Ich werde jetzt lieber doch schweigen. Aber heute nachmittag gehen wir hinauf zum Neroberg. Hihihi, du alter Großpapa, Fräulein Sandler rechnet mit dir ab!« –

Pünktlich um ein Uhr betrat Pucki das Weinrestaurant des Kurhauses. Claus war bereits anwesend. Er studierte gerade eingehend die Weinkarte. Pucki empfing ihn mit einem freudigen Ruf. Sie hatte das Gefühl, als hätte sie ihren Mann monatelang nicht gesehen. Die Wolken waren von ihrer Stirn verschwunden, nur ein spitzbübisches Leuchten stand in ihren Augen.

Claus bemerkte das sofort: »Nun, kleine Pucki, was hast du erlebt?«

»Ich brauche eine Stelle für eine Krankenschwester, Claus, möglichst sofort. – Du mußt mir eine verschaffen. Das wünsche ich mir noch als Hochzeitsgeschenk.«

»Kleine Frau, du hast dir schon hundertmal etwas als Hochzeitsgeschenk gewünscht. Achtzig Prozent wurden dir bereits erfüllt. Wo aber soll ich eine Stelle für eine Krankenschwester sogleich hernehmen?«

»Im Sanatorium bei Doktor Behl wird gewiß etwas frei sein. – Claus, du mußt unbedingt eine Stelle schaffen, denn es steht sehr viel auf dem Spiel. – Ich habe einem jungen Mädchen ziemlich fest versprochen, daß es durch dich eine Stellung bekommt.«

»Aber Pucki –!«

»Lieber, goldener Claus, fange nicht wieder mit dem Aber an. Es muß sein! Du hast mir einst gesagt, wenn man will, kann man alles. Du hast gesagt, wenn es im Leben nicht recht vorangehen will, so schlägt man mit der Faust auf den Tisch – –« Pucki ließ die Faust niederfallen, daß die Gläser leise klangen.

»Pucki, du bist nicht im Forsthause!«

»O weh!« rief sie, über sich selbst erschrocken. »Aber das kommt davon, wenn man Sorgen hat. – Claus, mein einziger Claus, ich will mir heute den ganzen Tag nichts anderes wünschen als eine Stellung für Fräulein Faupe.«

»Von dieser Dame hast du mir noch nie etwas erzählt. Ich kenne doch deine Bekanntschaften alle, wenigstens dem Namen nach.«

Pucki legte die Hand auf den Mund. Wenn sie jetzt von ihrer Begegnung mit der Krankenschwester mehr erzählte, konnte Herr Wallner nicht ausgelassen werden. Schon runzelte sich wieder ihre Stirn, wenn sie an den Großpapa dachte.

»Claus«, bat sie zärtlich, »überlege einmal! Du hast so viele Studienfreunde, einer wird sicherlich eine Krankenschwester brauchen. Aber nun will ich erst einmal aussuchen, was ich essen möchte, und inzwischen erzählst du mir, wie es im Sanatorium war.«

Claus erzählte. Nachdem er geendet hatte, fragte er noch einmal nach der Krankenschwester.

»Erst heute nachmittag erfährst du alles«, sagte Pucki geheimnisvoll.

»Heute nachmittag werden wir eine Autofahrt nach Schlangenbad machen, denn du mußt auch diesen schönen Ort kennenlernen.«

»Unmöglich – heute nachmittag habe ich eine Verabredung.«

Claus erhob lächelnd den Finger. »Du – auf der Hochzeitsreise läßt man den Ehemann nicht allein, man hat auch keine Verabredungen.«

»Wir gehen gemeinsam hinauf zum Neroberg.«

»Da waren wir doch schon, kleine Frau.«

»Aber heute gehen wir zum letzten Male hinauf. Ach, Claus, mein lieber, lieber Claus, diesen Spaziergang wünsche ich mir als letztes Hochzeitsgeschenk.«

Lachend gab Claus nach. Er ahnte bereits, daß Pucki etwas Besonderes vorhatte, er brauchte ihr ja nur in die blitzenden Augen zu sehen. So wurde die Fahrt nach Schlangenbad auf den nächsten Tag verschoben.

Nach dem Essen wollte Claus sogleich aufbrechen.

»O nein«, lachte Pucki, »erst um vier Uhr, denn jetzt – klebt sie noch Umschläge.«

»Kleine liebe Frau, was sind das für geheimnisvolle Andeutungen? Was ist mit der Krankenschwester los?«

»Frage jetzt nicht, Claus! Ich wünsche mir als allerletztes Hochzeitsgeschenk, daß du nach dieser Richtung hin keine Frage mehr an mich stellst, bis die Stunde gekommen ist.«

»Wie schwer hat es ein Ehemann«, seufzte er komisch. »Aber dein ewiges Wünschen hört auf, Pucki, wenn wir daheim sind. Dann bin ich der Herr im Hause.«

»Ja, Claus, bis dahin wird die Krankenschwester gewiß eine Stellung gefunden haben.«

»Um eines möchte ich dich bitten, Pucki. Versprich in Zukunft nicht jedem, der sich an dich wendet, Beistand und Hilfe. Es ist gewiß gut, wenn du dich bemühst, das Leid und die Not anderer zu lindern und nach Kräften zu helfen, aber deswegen darf dein gutes Herz nicht mit dir durchgehen, sonst machst du deinen armen Mann bankerott.«

»Habe keine Angst, lieber, lieber Claus! Wenn ich erst deine Mitarbeiterin bin, wenn die Rahnsburger wissen, welch tüchtiger Arzt du bist, verdienen wir viel mehr als wir brauchen.« – –

Am Nachmittag gingen beide hinauf zur griechischen Kapelle und zum Neroberg. Claus glaubte, daß Pucki im Turmrestaurant den Kaffee einnehmen wollte, sie lehnte jedoch ab. Sie schaute die vielen Wege entlang, die hier einmündeten, sie lief hin und her, so daß Claus schließlich fragte, ob sie etwas suche.

»Rache will ich nehmen!«

»Brrr, das klingt ja schauerlich! Hier oben auf dem Neroberg? Deswegen durften wir nicht nach Schlangenbad?«

»Sag mal, Claus: Wenn du einen Menschen wüßtest, der alle Mitmenschen ärgert und quält, was würdest du mit solch einem Menschen machen?«

»Es ist gefährlich, meiner kleinen Pucki diese Frage zu beantworten.«

»Claus, da unten kommen sie!«

»Wer?«

»Der Großpapa, dieser schreckliche Mensch. Der Herr Wallner! Ich habe ihn heute morgen getroffen. Er war furchtbar unverschämt. Nun soll er die Quittung haben. Für heute morgen und für Eisenach!«

»Du willst den alten Herrn zur Rede stellen? Einen Mann, der im Rollstuhl gefahren wird?«

»Ja, er braucht gar nicht gefahren zu werden. Er ist ganz gesund. Nur weil er seine Pflegerin quälen will, deswegen läßt er sich hier heraufschieben. Nun, jetzt sollst du mal was erleben, Claus. Du hast mich noch nie in Wut gesehen. Heute wirst du mich sehen!«

»Hoffentlich nicht, Pucki. Eine junge Frau, die in Wut gerät, ist kein schöner Anblick.«

»Ich rechne mit ihm ab!«

Er nahm sie am Kinn, drehte ihren Kopf herum und sah ihr in die Augen: »Abrechnen? Du? Mit diesem alten Herrn?«

»Ja«, sagte sie kleinlaut. »Gleich geht es los. Ich bin in der richtigen Laune.«

Der Krankenwagen hielt in einiger Entfernung. Die Schwester nahm die Decke ab, und Herr Wallner stieg heraus. Claus beobachtete aus der Entfernung den weißhaarigen Herrn. Er hielt Pucki an seiner Seite fest, da sie die größte Lust zu haben schien, auf die Ankommenden zuzueilen.

»Pucki, ist das der Großvater aus Eisenach, der dich so ärgerte?«

»Ja! Wenn ich ihn sehe, steigt mir das Blut in den Kopf. Jetzt sollst du mal hören, wie ich mit ihm abrechne. Sieh nur, wie erschöpft seine Begleiterin ist.«

»Pucki, der alte Herr dort drüben ist ein Kranker!«

»Nein!«

»Er ist ein unglücklicher Mensch, der vielleicht durch sein Nervenleiden den Mitmenschen das Dasein schwer macht, der sich vielleicht nicht genügend beherrschen kann. – Pucki, du bleibst hier!«

»Nein, Claus! Ich halte es für meine Pflicht, dem Manne die Meinung zu sagen.«

»Deine Meinung, Pucki?«

Sie schaute ihren jungen Gatten betroffen an. Wie seltsam klangen seine Worte in ihrem Ohr!

»Der Mann ist ein Kranker, Pucki, ich wiederhole es dir. Danke deinem Schöpfer, daß du dieses Leiden nicht kennst, du junges, gesundes Blut. Und nun, glaube ich, habe ich dir genug gesagt. Nun magst du zu deinem Bekannten gehen, wenn du es durchaus willst. Aber richtiger wäre es vielleicht, wir schritten mit stummem Gruß vorüber.«

»Das ist – das ist – doch aber die Krankenschwester, der ich eine Stellung versprach, weil ich nicht wollte, daß sie noch länger von diesem gräßlichen Menschen geplagt wird.«

Nun ging Claus gerade auf die beiden Neuangekommenen zu.

»Von meiner Frau erfahre ich soeben, daß Sie Herr Wallner aus Eisenach sind. Da möchte ich nicht vorübergehen, ohne Sie zu begrüßen.«

Pucki war sprachlos. Wie konnte Claus so liebenswürdig zu diesem Menschen sprechen, der seine angetraute Frau so furchtbar beleidigt hatte.

Herr Wallner knurrte etwas Unverständliches.

Claus ließ sich dadurch nicht beirren. In ruhiger, aber freundlicher Weise sprach er weiter auf Herrn Wallner ein. Er erwähnte auch Puckis Aufenthalt in Eisenach und ließ durchblicken, daß es ihr erster Schritt ins Leben gewesen sei, an den sie heute zwar nur noch mit Unbehagen zurückdächte.

Währenddessen nagte Pucki an der Unterlippe. Sie wälzte noch immer die Worte im Kopfe herum, die sie diesem gräßlichen Manne sagen wollte. Aber erneut ergriff Claus das Wort. Er wandte sich dann auch an die Krankenschwester und riet ihr, sich ein wenig auszuruhen von der Anstrengung. Als aber Claus den alten Herrn dann aufforderte, gemeinsam hinein ins Restaurant zu gehen und den Kaffee einzunehmen, trat wieder das zornige Aufflammen in Puckis Augen.

»Ich mache lieber mit Fräulein Faupe einen Spaziergang.«

»Weiß schon«, brummte der alte Herr. »Sie wollen nicht mit mir zusammen sein.«

»Nein, das will ich nicht! Sie können sich inzwischen von meinem Mann erzählen lassen, wann und wo wir heirateten.«

Da geschah etwas ganz Unglaubliches. Der griesgrämliche alte Herr lachte auf: »Es scheint mir, daß ich Sie heute früh an Ihrer empfindlichsten Stelle getroffen habe, junge Frau.«

»Oh«, erwiderte Pucki rasch, »Sie haben mich schon manches Mal an einer empfindlichen Stelle getroffen, und die Zigarre hatte ich auch nicht genommen.«

Wieder war es Doktor Gregor, der dem Gespräch einen humoristischen Anstrich gab. Er erreichte zwar nicht, daß seine junge Frau mit ins Restaurant kam, aber Herr Wallner hatte wenigstens nichts dagegen, daß seine Pflegerin mit Pucki spazierenging.

»In einer halben Stunde sind Sie wieder bei mir, Fräulein Faulpelz«, sagte er zu ihr.

Im Fortgehen hörte Pucki die Worte ihres Mannes, der voller Erstaunen sagte: »Faulpelz heißt die junge Dame? Wie peinlich für das nette junge Mädchen. Wie mag es unter diesem Namen leiden. Ich glaube, es gibt genug taktlose Menschen, die sie mit diesem Namen verhöhnen. Vielleicht erspart man dem jungen Mädchen das Peinliche, indem man es in Zukunft nur mit ›Schwester‹ anredet.«

Da konnte es Pucki nicht unterlassen, noch aus der Entfernung ein spöttisches Lachen anzustimmen. Sie hatte dem alten Herrn in Gegenwart ihres geliebten Claus die Meinung nicht sagen können, aber er würde sicherlich alle die Schändlichkeiten rächen, die sich Herr Wallner seiner jungen Frau gegenüber hatte zuschulden kommen lassen.

Als Pucki und die Pflegeschwester nach fast fünfzig Minuten langsam zurückkehrten – mit Absicht hatte Pucki dafür gesorgt, daß die bewilligte Urlaubszeit überschritten wurde – fand sie die beiden Herren in lebhafter Unterhaltung. Herr Wallner begrüßte sie sogar ziemlich freundlich. Pucki konnte darüber nicht genug staunen. Wie war es möglich, den alten Griesgram derart zu verändern?

»Sie haben einen prächtigen Mann bekommen, junge Frau«, sagte Herr Wallner. »Ich hätte nicht gedacht, daß das Fräulein Sandler einen so guten Mann bekommen würde. – Na, Sie scheinen in guter Schule zu sein. Der Herr Gemahl wird die Kandare schon fest anziehen.«

»Ist gar nicht nötig«, lachte Claus, »Kandare und Zwang gibt es in meiner Ehe nicht und wird es niemals geben, Herr Wallner. Bei uns wird alles mit lieben Worten gemacht.«

»Was sagen Sie zu meinem Vorschlag, Herr Doktor? Sie haben mir darauf noch nicht geantwortet?«

»Das will überlegt sein, Herr Wallner, denn ich bin weder Nervenarzt, noch habe ich ein Sanatorium.«

»Sie haben mir Ihre Gegend in den herrlichsten Farben geschildert. Der prachtvolle Wald bei Rahnsburg, die gute Luft. – Na, und Ihre Behandlung ist auch nicht zu verachten.«

»Was wollen Sie?« fragte Pucki mit weit geöffneten Augen.

»Mich als Patient in Ihr Haus begeben.«

»Sie – –?« Mehr konnte Pucki vor Entsetzen nicht hervorbringen. Sie sandte einen hilfesuchenden Blick zu ihrem Gatten hinüber. »In unser Haus?« klang es matt.

»Nein«, beruhigte Claus seine vor Schreck schier erstarrte junge Frau. »Das Haus in Rahnsburg ist nicht geeignet, um Gäste oder Patienten aufzunehmen. Außerdem weiß ich nicht, ob Ihnen auf die Dauer der Aufenthalt in dem kleinen Städtchen zusagt. Sie haben in Thüringen die beste Luft, Waldluft – –«

»Aber Sie gefallen mir«, erwiderte der alte Herr eigenwillig, »Sie sind der Arzt nach meinem Geschmack. Zu Ihnen hätte ich Vertrauen. Ich habe es sofort gemerkt, daß Sie in mir einen Kranken sehen. Also gebe ich mich in Ihre Behandlung. Vielleicht ist in Rahnsburg ein Forsthaus, in dem ich wohnen könnte und das nicht gar zu weit abliegt.«

»Himmel – –« sagte Pucki unterdrückt.

»Was gibt es denn zu stöhnen?« fuhr Herr Wallner erregt fort. »Also abgemacht, Herr Doktor Gregor, ich werde möglichst bald die Übersiedlung vornehmen. Machen Sie aus mir wieder einen gesunden Menschen. Übernehmen Sie es auch, mir in Rahnsburg oder dicht dabei eine passende Unterkunft zu suchen. Am liebsten ginge ich in ein Forsthaus.«

»Vielleicht überlegen Sie sich die Sache noch einmal, Herr Wallner, denn wir gehen auf den Winter zu.«

»Nein, ich will nach Rahnsburg, und Fräulein Faulpelz, äh – Fräulein Faupe – kommt mit mir.«

Herr Wallner verstummte. Er verstand nicht recht, warum Claus plötzlich herzlich zu lachen anfing. Aber er mußte lachen, wenn er in das Gesicht seiner Frau sah. Geradezu Entsetzen schien ihr der Gedanke einzuflößen, daß der Großpapa in Behandlung ihres Mannes kommen wollte. Nun war es aus mit dem Frieden in Rahnsburg! Der Griesgram würde auch weiterhin dafür sorgen, daß sie gepeinigt wurde, sie, die Hilfe des jungen Arztes. Aber das wußte Pucki schon jetzt: Wenn der Großpapa wirklich nach Rahnsburg kam, floh sie aus dem Sprechzimmer, sobald er sich darin zeigte.

»Wann kann ich Sie morgen sprechen, Herr Doktor?«

»Ich mache morgen mit meiner Frau einen Ausflug nach Schlangenbad.«

»Ich komme mit.«

»Gewiß, Herr Wallner, fahren wir zu viert. Vielleicht können wir uns ein Auto nehmen. Wir brauchen uns dann nicht nach den Abfahrtszeiten der Züge zu richten.«

»Zu viert? – Wen wollen Sie noch mitnehmen?«

»Fräulein Faupe. – Ich glaube kaum, daß Sie ohne Ihre treue Pflegerin diese Ausfahrt machen können.«

Auch jetzt wieder brummte Herr Wallner etwas Unverständliches. Doch Doktor Gregor sagte rasch: »Es ist so am besten. Wir beide können uns dann ungestört über Ihre Zukunftspläne unterhalten, während sich die beiden Damen über anderes unterhalten.«

»Die Umschläge werden doch wohl Zeit haben«, warf Pucki spitz ein.

»Eine Kratzbürste sind Sie bis heute geblieben«, sagte Herr Wallner.

»Also auf morgen«, sagte Claus rasch. »Um zehn Uhr am Kurhaus. Ist es Ihnen recht? Wir werden den ganzen Tag fortbleiben.«

»Sie scheinen gute Einnahmen zu haben, Herr Doktor. Junge Ärzte verdienen im allgemeinen noch nicht viel.«

»Wir sind auf unserer Hochzeitsreise, Herr Wallner. Später wird gespart.«

»Daß Sie mir aber keine zu große Rechnung machen, wenn ich mich von Ihnen behandeln lasse. Ich kenne die Sätze, Herr Doktor.«

Wieder lachte Claus belustigt und tätschelte dem alten Herrn die Hand.

Zu Fuß ging man zurück nach Wiesbaden. Der alte Herr konnte prachtvoll laufen, und Pucki machte eine ärgerliche Bemerkung darüber. Da winkte Claus mit den Augen ab. Er sah wohl, daß seine junge Frau übler Laune war, denn bei jeder Gelegenheit versetzte sie dem alten Herrn einen Nadelstich.

Schließlich trennte man sich.

»Wir fahren doch morgen nicht nach Schlangenbad, Claus? Der heutige Nachmittag ist mir gründlich verdorben, und ich würde morgen, wenn ich dem alten Nörgler gegenübersäße, aus der bösen Stimmung nicht herauskommen. Den ganzen Aufenthalt in Wiesbaden verdirbt er mir! Nichts habe ich von der schönen Hochzeitsreise, solange der alte Großpapa in der Nähe ist.«

Mit zwei Fingern strich Claus über die tiefe Falte, die sich auf Puckis Stirn zeigte. Dann sagte er dramatisch: »Ich lasse mir die gute Laune nicht verderben. Das habe ich mir geschworen.«

»Ach, Claus«, sagte Pucki weinerlich.

Er zog sie in die Arme und küßte sie innig. »Kleiner Liebling, wäre es nicht herrlich, wenn wir aus dem alten kranken Griesgram einen einigermaßen leidlichen Menschen machten?«

»Das wirst du niemals fertigbringen!«

»Na, Pucki, das wollen wir ruhig abwarten. Aber ich glaube, der morgige Ausflug kann trotzdem nett werden. Fräulein Faupe freut sich sicherlich darauf – und ich auch. Willst du uns die Freude verderben?«

»Claus – ich glaube, ich verstehe dich! Ein junger Arzt interessiert sich für jeden Kranken, er darf keinen Patienten laufen lassen. Das wird dich bestimmen, dich dieses Mannes anzunehmen. So werde ich als deine treue Mitarbeiterin in den sauren Apfel beißen, denn auf Überraschungen muß ich ja gefaßt sein, so sagtest du. – Ach, daß der alte Mann doch nie nach Rahnsburg käme!«

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