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Puckis junge Ehe

Magda Trott: Puckis junge Ehe - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorMagda Trott
titlePuckis junge Ehe
publisherVerlag A. Anton & Co.
printrun15.-29. Tausend
year1937
firstpub1937
illustratorG. Kirchbach
correctorreuters@abc.de
secondcorrector´Regine Kreutz
senderwww.gaga.net
created20151216
modified20160607
projectide1d6b028
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Pucki bewährt sich

Eine rote Nelke im Knopfloch, ein pfiffiges Lachen in den Augen, so stand Herr Wallner vor Frau Doktor Gregor.

»So – kleine Frau, morgen geht es zurück nach Eisenach. Vier volle Monate bin ich in Rahnsburg gewesen, nun sollen Sie mir bestätigen, daß aus dem Manne, den Sie einstmals nicht leiden konnten, ein netter, forscher alter Herr geworden ist. Bei Einsendung der Liquidation bitte ich um dieses Zeugnis, denn ich brauche es.«

»Sie sehen wirklich geradezu jung und unternehmungslustig aus, Herr Wallner. – Wozu brauchen Sie dieses Zeugnis?«

»Es soll meiner Braut bestätigen, daß ich tatsächlich ein netter Kerl geworden bin, mit dem man eine Ehe wagen kann.«

»Ihrer Braut –?« fragte Pucki zweifelnd.

Der alte Herr zwinkerte lustig mit den Augen und wies auf die rote Nelke im Knopfloch seiner Jacke. »Sie ist schuld daran.«

»Wer ist schuld?«

»Erst lassen Sie uns einmal, wie schon so oft, eine gute Tasse Kaffee trinken, vorläufig die letzte. Aber es dauert nicht lange, dann trinken Sie in meinem Heim mit mir den Kaffee.«

»Zunächst sprechen Sie in Rätseln, Herr Wallner. – Braut, rote Nelke? Ach nein, nach Eisenach komme ich nicht so bald.«

»Ist gar nicht nötig! Ich kaufe mich hier an, ich baue mir hier ein Eigenheim, und hier – wird geheiratet.«

»Sie wollen noch einmal heiraten?«

»Ist das verwunderlich? Ich bin fünfundsechzig Jahre alt und fühle mich wieder frisch und gesund. Daheim bin ich überflüssig, mein Sohn hat seine gutgehende Möbeltischlerei, außerdem habe ich dort oft Streit gehabt.«

Als Pucki nichts darauf antwortete, tippte er mit dem Finger auf ihre Wange. »Mal ehrlich, liebe, kleine Frau, der alte Großpapa hat Ihnen auch nicht gefallen.«

»Gar nicht! – Aber der Herr Wallner von heute mit der roten Nelke im Knopfloch gefällt mir ganz gut.«

»Ihr Mann trägt die Schuld, daß ich wieder ans Heiraten denke. Ich habe keine Lust, weiterhin allein zu sein. Ich habe die passende Frau gefunden.«

»Vielleicht Fräulein Caspary?«

»Ja.« –

»O du meine Güte! Meine einstige Lehrerin heiratet den Großpapa Wallner!«

»Das habe ich zuerst auch gedacht. Ich wußte wahrhaftig nicht, ob es die Meta oder die Rosalinde werden sollte. Beide sind sehr nett zu mir. Sie sorgten liebevoll für mich, genau so, wie man für einen Mann sorgen muß. So dachte ich mir, es wäre das beste, wenn ich wieder heiratete. Da ich aber die beiden Schwestern nicht trennen will und auch von meinem Arzt nicht fort mag, so kaufe ich mich hier in Rahnsburg an und bleibe für immer hier. – Holla, das paßt Ihnen wohl nicht?«

»O doch, lieber Herr Wallner!«

»Na, na, Fräulein Sandler – es sieht so aus – –«

»Großpapa!« Pucki drohte ihm mit dem Finger. »Wir wollen doch Frieden halten. – Zunächst will ich Ihnen also gratulieren. Fräulein Caspary wird vortrefflich für Sie sorgen. Hat sie denn gleich eingewilligt?«

»Ich glaube, alle beide hätten mich genommen. Ich habe lange Zeit geschwankt. Da kam mir der Zufall zu Hilfe. Heute früh kaufte die Rosalinde beim Gärtner einen Nelkenstrauß. Rote Nelken. Vielleicht wollte sie mir die Blumen mit auf die Reise geben, vielleicht auch etwas anderes damit sagen. Da stehen nun die beiden Schwestern im Zimmer, nebeneinander. Ich sehe die roten Nelken und sage: Mädchen, welche Nelken tragen, darf man küssen, ohne sie zu fragen. Mit ausgebreiteten Armen gehe ich auf die Schwestern zu. Die Meta reißt aus, die Rosalinde steht da und sieht mich an. Da habe ich sie in die Arme genommen und ihr ruhig und vernünftig gesagt, daß es mir lieb wäre, wenn ich wieder eine Frau hätte. Was soll solch alter Mann allein auf der Welt? Der Schwiegertochter will es auch nicht gefallen, den griesgrämlichen Großpapa zu pflegen. – Nun heirate ich.«

»Herr Wallner, da wünsche ich Ihnen von ganzem Herzen Glück. Die Schwester meiner einstigen Lehrerin ist ein prächtiges altes Fräulein –«

»Alt?«

»Nein, nein, Herr Wallner, sie paßt zu Ihnen: Frisch, fröhlich und gesund.«

Da lachte er und zeigte sich im Verlauf der weiteren Unterhaltung zugänglich und vergnügt.

Noch saßen die beiden beim Kaffee, als es klingelte. Der Rollkutscher brachte ein großes Frachtstück. Es war an Frau Doktor Gregor, geborene Sandler, adressiert. Pucki hielt es für richtig, das Frachtstück nicht sogleich näher zu untersuchen, solange Herr Wallner als Gast bei ihr weilte. Der hatte aber auch durchs Fenster den Rollwagen gesehen und forschte sogleich, was der Kutscher gebracht hätte.

»Die Neugier muß Ihnen mein Mann noch abgewöhnen, Herr Wallner, oder noch besser, Ihre künftige Frau, sonst gibt es ehelichen Zwist. Neugier ist eine schlimme Untugend.«

»Ich habe meine Gründe, kleine Frau, ich will sehen, ob Sie sich über das Frachtstück freuen oder nicht.«

»Ich habe keine Ahnung, was es sein könnte. Vielleicht schicken mir die Eltern etwas.«

»Wollen Sie sich nicht wenigstens den Frachtbrief ansehen?«

Pucki tat es. Aus Eisenach kam der Lattenverschlag, als Teetisch war das Frachtstück bezeichnet.

»An mich?«

»Ja, aus unserer Tischlerei. Eine kleine Freude wollte ich Ihnen doch machen. Erinnern Sie sich, daß Sie einmal in der Wohnung meines Sohnes den fahrbaren Teetisch bewunderten?«

»Ja, und damals hatten Sie mich mächtig ausgescholten.«

»Das ist das Zeichen unserer dauernden Versöhnung, liebe kleine Frau. Der Tisch ist der Dank von mir an Sie. Ich habe es nicht vergessen, jenes Mittagessen, zu dem Sie mich einluden. Vor allen Dingen aber jenes Gedicht, das mir Ihr gutes Herz offenbarte. Ich trage es heute noch mit mir herum.«

»Ach – das Gedicht – –«

»Ja, Pucki Sandler, das war hübsch von Ihnen. ›Hab' ich dich gekränkt, vergib, du weißt es ja, ich hab' dich lieb.‹ – So etwas ist mir nicht oft gesagt worden. Ich kann mir denken, daß keiner den nörgelnden Alten leiden mochte. Ich habe Ihnen viel Leid zugefügt, das sehe ich heute ein, aber Sie haben sich bewährt. Ihr guter Charakter zeigt sich in dem Vers. Von da ab bin ich in mich gegangen. Wenn mich der Unmut packte, habe ich mir das Gedicht vorgeholt, und so bin ich, so glaube ich wenigstens, langsam ein anderer Mensch geworden.«

»Das Gedicht und das Schlafpulver –, ach, Herr Wallner!« Pucki schwankte, sollte sie dem alten Herrn ein Geständnis machen und ihm sagen, daß das Gedicht für ihren Claus bestimmt war, und daß das Schlafpulver aus Zucker und Salz mit etwas Kaffee vermischt gewesen sei? – Noch glaubte sie nicht ernsthaft an die völlige Genesung des alten Herrn. Vielleicht richtete ihre ehrliche Beichte nur neuen Schaden an. Es war wohl besser, wenn sie noch schwieg.

Der Teetisch wurde ausgepackt. Pucki klatschte erfreut in die Hände. »Solch einen Teetisch wollte ich schon lange haben! Nun steht er vor mir!« Stürmisch ergriff sie beide Hände des alten Herrn und sprudelte Worte herzlichen Dankes hervor. Und Großpapa Wallner freute sich mit der jungen Frau und meinte:

»Es ist mein Dank für alles, was Sie für mich taten.«

Nach der Sprechstunde kam Doktor Gregor ins Wohnzimmer. Seine größte Freude galt Herrn Wallner, der wirklich in den vier Monaten seines Aufenthaltes in Rahnsburg ein anderer geworden war, dessen Nerven mehr und mehr zur Ruhe kamen. Im Laufe der Unterhaltung erfuhr Claus von den weiteren Plänen seines Patienten. Er konnte dem alten Herrn nicht unrecht geben. Wenn es ihm in Rahnsburg gut gefiele, wenn er sich daheim überflüssig fühlte, warum sollte er sich nicht noch einen friedlichen Lebensabend schaffen, umsorgt von einer treuen Kameradin?

Beim Scheiden äußerte Herr Wallner, er freue sich auf die Zukunft, er freue sich ganz besonders darauf, daß er auch weiterhin Pucki sehen könne, diese prächtige kleine Frau, die sich in ihrer jungen Ehe so vortrefflich bewähre.

»Bewährt –?« sagte Pucki gedehnt. »Ich gebe mir wohl Mühe, doch leider klappt es nicht immer. – Nicht wahr, Claus, ich habe dir schon manche Unannehmlichkeit bereitet.«

»In den letzten beiden Monaten nicht, Pucki. – Im Januar freilich. Die Sache mit dem Auto war dein letzter unbedachter Streich. Seit dieser Zeit habe ich nichts an dir auszusetzen.«

Die blauen Augen strahlten: »Ich wollte, es bliebe immer so, aber – ein Arzt muß auf Überraschungen gefaßt sein.« –

In Rahnsburg war längst die Stimmung zugunsten der jungen Frau Doktor Gregor umgeschlagen. Nur wenige behaupteten nach wie vor, daß sie nie eine tüchtige Arztfrau abgeben würde. Die Sache mit dem Auto war natürlich auch in aller Munde gewesen, und böse Zungen behaupteten, mit ihren unnützen Fingern mache die junge Frau alles entzwei. Aber Pucki nahm ihr Versprechen, das sie damals dem Gatten gegeben hatte, sehr ernst. Sie war mit ihren Äußerungen nicht mehr so vorwitzig und handelte nach dem Rate der Mutter: Erst überlegen, dann reden und handeln. Sie hatte sich sogar so weit überwunden, dem Gatten im Sprechzimmer zur Hand zu gehen. Es war ihr nicht leicht geworden, aber ihr fester Wille half ihr, darüber hinwegzukommen. Nun war Ostern gekommen, das erste Osterfest im eigenen Heim. Claus hatte ihr ein prachtvolles Osterei geschenkt, das die Aufschrift trug: »Meiner tüchtigen Frau.«

Obwohl Frau Doktor Gregor im eigenen Haushalt ausreichend zu tun hatte, war sie immer gern bereit, hier und da helfend einzuspringen und ihr Können und ihre Fähigkeiten in den Dienst der guten Sache zu stellen.

Besonders bei Veranstaltungen, die für Kinder stattfanden, holte man die junge Frau des Arztes herbei. Es war doch allgemein bekannt, daß sie zwei Jahre lang ein Kindergärtnerinnen-Seminar mit Erfolg besucht hatte. Fast täglich konnte man erkennen, wie kinderlieb Frau Doktor Gregor war. Immer traf sie den rechten Ton den Kleinen gegenüber, und oftmals kamen Mütter zu ihr und baten um freundliche Hilfe.

Zum Osterfest hatte es in Puckis Garten ein gar fröhliches Ostereiersuchen gegeben. Sie hatte stets eine offene Hand für die Armen und Bedürftigen, sie schränkte sich mitunter selbst ein, um anderen eine Freude bereiten zu können. Claus hinderte sie nicht daran, denn auch er war der Meinung, daß jeder seinem Mitmenschen nach Kräften beistehen müsse. Noch heute sprachen die Kleinen von dem schönen Ostertag, an dem sie die süßen Eier im Gregorschen Garten gesucht hatten. Die Eltern drückten erfreut der jungen Frau die Hand und sagten, es sei ein Glück, daß solch eine gute Arztfrau nach Rahnsburg gekommen sei.

Nun plante man in der Kreisstadt ein Frühlingsfest. Es war für die ersten Maitage angesetzt. Kinder, die sich zu dieser Zeit in den dortigen Erholungsheimen befanden, sollten eine schöne Erinnerung von ihrer Reise mit in die Heimat nehmen. Der Landrat und der Bürgermeister wandten sich auch an Frau Gregor mit der Bitte, die freundlichen Helferinnen zu unterstützen. Sie möge mit einer Anzahl Rahnsburger Kinder herüberkommen und zum Gelingen des Festes beitragen.

Pucki sagte freudig zu. Es war nicht schwer, nach der Kreisstadt hinüberzufahren. Sie hatte inzwischen ihre Prüfung in der Fahrschule bestanden. Nun lenkte sie selbst mit sicherer Hand den Wagen.

»Ich werde es so einrichten, lieber Claus, daß weder du noch mein Haushalt vernachlässigt werden. Hier gilt es, vielen Kindern eine Freude zu bereiten, und dabei möchte ich nicht fehlen.«

So fuhr Pucki an den nächsten Tagen mehrfach nach der Kreisstadt und stand mit Rat und Tat der Veranstaltung zur Seite. Gern hörte man auf ihre Vorschläge. Man erkannte sogleich, daß die junge Frau es verstand, mit einer großen Kinderschar umzugehen. Außerdem entsprangen in Puckis Kopf viele wertvolle Gedanken, die sich leicht verwirklichen ließen.

»Die Hauptsache ist, daß wir Sonnenschein haben«, sagte sie, »damit wir draußen auf dem Spielplatz Spiele veranstalten können. Um fünf Uhr ziehe ich mit meiner Kinderschar hinein in den Saal, helfe rasch hinten auf der Bühne den Erwachsenen beim Ankleiden, und dann kann das Theaterstück beginnen.«

Der Saal, in dem die Vorstellung stattfinden sollte, mißfiel Pucki. Es war ein alter Bau mit wenig Türen und engen Sitzreihen, auch die Bühne war reichlich unpraktisch eingerichtet. Um dem Saal ein freundliches Aussehen zu geben, wurde er von den jungen Helferinnen mit Fähnchen und Papiergirlanden reich geschmückt. Diese Ausstattung fand Puckis Beifall ganz und gar nicht, denn sie liebte Papiergirlanden nicht. Trotzdem wollte sie die Ausschmückung nicht bemängeln.

Endlich war der große Tag herangekommen. Claus fuhr mit seiner jungen Frau und den beiden Schwägerinnen Waltraut und Agnes im Auto hinüber nach der Kreisstadt.

»Diesmal spiele ich nicht mit dir: ›Fuchs, du hast die Gans gestohlen‹, liebe Frau. Ich will die Gelegenheit benutzen, meine Bekannten aufzusuchen.«

»Aber die Theatervorstellung siehst du dir an, Claus. Sie beginnt pünktlich um fünf Uhr.«

»Wird denn Platz für mich sein? Ich denke, es kommen einige hundert Kinder?«

»Du kommst gewiß noch in den Saal, es wird sehr hübsch sein. Die Bühne ist mit hellgrünem Tarlatan dekoriert, aus Kreppapier sind Rasenbänke gemacht, kurzum, es sieht furchtbar duftig aus, genau wie im Frühling.«

»Das wird ja herrlich sein!« lachte er.

»Aus Watte und Seidenpapier sind blühende Kirschbäume vorgetäuscht. Wenn dann die Frühlingsgöttinnen zum Tanz kommen, wird es ein einziger Duft sein. Sie tragen weite, zarte Gewänder und Reifen, mit Blumen geschmückt, in den Händen.«

Man hatte tatsächlich keine Mühe gescheut, den Kindern etwas Schönes und Eindrucksvolles zu bieten.

Aus den Kinderheimen waren alle Kinder vollzählig erschienen. Die junge Schar war mit ganzer Seele beim Spielen. Ein frohes Lachen und Scherzen herrschte draußen auf dem weiten Platz. Mancher Kinderfinger wies hinüber nach dem langgestreckten Holzbau.

»Dort wird nachher Theater gespielt. Um fünf Uhr dürfen wir hinein.«

Pucki glühte vor Eifer. Sie war heute so recht in ihrem Element und fühlte sich vollkommen glücklich. Sie hatte die schönsten Spiele ausgedacht und die Helferinnen genau unterrichtet. So klappte alles vortrefflich. Manches anerkennende Wort klang an ihr Ohr.

»Aufstellen zur Schlange«, klang jetzt ihre helle Stimme über den Spielplatz. »Nun paßt recht gut auf. Immer zwanzig Kinder fassen sich an der Hand, so ziehen wir im Laufschritt hinein in den Saal. Ihr tretet in vierzehn Reihen an. Das sind die Kinder, die drüben von jenem Eingang dort in den Saal spazieren, die andere Hälfte, wieder vierzehn Reihen zu je zwanzig Kindern, kommen von dieser Seite in den Saal. Es wird so gemacht: Die erste Schlange, die von links hereinkommt, besetzt Reihe eins, gleichzeitig zieht durch die gegenüberliegende Tür, von unserer Seite her, Schlange zwei. Dann folgt Reihe drei wieder von drüben, Reihe vier von uns aus. Und so fort, bis der Saal besetzt ist. Also gut aufgepaßt. Ihr habt in jeder Reihe eine Helferin, die euch anführt. Ist es allen klar?«

»Ja«, klang es vielstimmig zurück.

Auch Waltraut zählte zu den Helferinnen. Sie hatte die neunte Reihe anzuführen.

Nochmals mahnte Pucki zur Ordnung, und schon bildeten sich die Reihen. Eine Kindergärtnerin aus der Kreisstadt führte ihre vierzehn Reihen nach links herum, zum jenseitigen Eingang des Saales. Dann wurden nochmals die Kinder überzählt, und jede Schlange bekam als Kopf eine Helferin.

»Ich verlasse euch«, sagte Pucki, »denn ich muß hinter die Bühne gehen. In zehn Minuten beginnt die Vorstellung. Und nun zeigt, daß ihr folgsame und aufgeweckte Kinder seid und den Saal schnell aber ohne Lärmen füllen könnt. Die drei Reihen, die es am besten machen, bekommen eine Belohnung.«

Ein Kommandoruf ertönte, Pucki blieb noch einige Augenblicke stehen, um zu sehen, wie ihre Anordnung klappte. Trotz der schmalen Türen ging alles prachtvoll. Die Kinder bemühten sich, leise und rasch ihre Stuhlreihen zu finden, und schon nach wenigen Minuten war der Saal bis auf den letzten Platz gefüllt.

Pucki stand hinter der Bühne. Wie schön alles gemacht war! Obwohl alles nur aus Stoff und Papier war, schien es wirklich nach Frühling zu riechen. Die Frühlingsgöttinnen in ihren duftigen Gewändern kicherten. Zwischen ihnen stand ein junger Mann, der als Lenz angezogen war. Pucki rückte gerade eine Rasenbank zurecht, da sah sie, wie sich der junge Mann eine Zigarette anzündete.

»Sie werden hier doch nicht rauchen«, rief sie, »rasch, fort von der Bühne und die Zigarette ausgemacht.«

Wie das Entsetzliche geschah, wußte später keiner. Wahrscheinlich war ein Funke an das Papier oder an den leichten Stoff gekommen. In dem kleinen Raum, der sich an die Kulissen anschloß, entstand plötzlich Feuer. Pucki sah nur, wie eine der Frühlingsgöttinnen die Tür, die hinaus ins Freie führte, aufriß und gellend schrie. Die geöffnete Tür ließ einen Luftzug hereinkommen, die Zweige der Kirschbäume auf der Bühne bewegten sich, und plötzlich sah Pucki, wie eine Flamme danach züngelte.

Die Mitwirkenden und der junge Mann hatten bereits die Flucht ergriffen. Pucki stand noch auf der Bühne. Ihr erster Gedanke war, nach Hilfe zu rufen, damit das Feuer, das im Nebenraum ausgebrochen war, erstickt wurde. Der Raum stand in engster Verbindung mit der Bühne, keine Tür war vorhanden. Sollte sie die züngelnden Flammen ersticken? Aber womit? Nur leicht brennbarer Stoff hing umher.

Der Holzbau – die vielen Kinder draußen im Zuschauerraum, die engen Türen! Wenn das Feuer den Papierkram erfaßte – und es mußte ihn erfassen –, wenn die Flammen bis zu den Papiergirlanden züngelten, die den Saal schmückten, brach eine furchtbare Panik aus, der unzweifelhaft Kinder zum Opfer fallen mußten. Drei Damen, die sich in der anderen Garderobe aufhielten, eilten herbei. Eine von ihnen weinte, eine zweite rief nach Wasser. Die dritte klammerte sich an Frau Doktor Gregor.

»Feuer – Feuer, was beginnen wir?«

Im Saal herrschte lautes Stimmengewirr. Die ahnungslosen Kinder waren voll Erwartung. Sie hörten die Rufe hinter der Bühne nicht.

»Wasser! – Nein, kein Wasser! Sand oder Decken! – Die Feuerwehr muß gerufen werden!« Während Pucki diese Worte rief, überlegte sie, was sie weiter beginnen sollte. Jede Sekunde war kostbar. Sie sah zwei Männer, Herren vom Festausschuß, die von den Wänden die Dekorationen rissen. Sie hörte Worte, die ihr das Blut schier erstarren ließen:

»Es gibt ein furchtbares Unglück!«

Beim Löschen helfen? Aber auch ihr Kleid war dünn und würde rasch Feuer fangen. Vor ihr hing der große, schwere Vorhang, der die Bühne vom Zuschauerraume trennte. – Wenn man ihn herunterreißen könnte, wenn man den schweren Stoff auf die züngelnden Flammen warf? Doch das beanspruchte Zeit. Inzwischen brannte die Bühne lichterloh.

Die Kinder sind in Gefahr! Dreihundert Kinder oder mehr! Pucki wußte nicht, wieviel Zeit seit Ausbruch des Feuers vergangen war. Es konnten nur Sekunden sein. Sie sah Männer und hörte Rufe. Da eilte sie kurz entschlossen vor den Vorhang, schloß sorgfältig die breiten Falten hinter sich zu und klatschte in die Hände. Sofort verstummte das erregte Summen und Schwatzen der Kinder.

Jetzt half nur eines: Ruhe und Überlegung. Sie fühlte ihre Knie zittern, sie glaubte hinter sich das Feuer auflodern zu sehen.

»Wir spielen noch einmal Schlange«, rief sie durchdringend in den Saal. »Aufstehen, die Vorstellung findet erst in einer Stunde statt. Rasch, die Schlangenreihen bilden! Hinaus! – Hinaus! – Schnell, ich will sehen – – ob ihr es gut macht – –!«

»Feuer!« schrie hinten eine Stimme.

Da rief Pucki noch lauter, so laut, daß sie glaubte, die Kehle müsse ihr platzen: »Die Schlange eins geht hinaus – schnell, hinaus – Schlange zwei folgt nach links, Schlange drei geht nach rechts. – Etwas schneller!«

»Wir schaffen es nicht mehr!« Es war eine Männerstimme hinter dem Vorhang. »Wir müssen es brennen lassen.«

Die ersten Reihen waren geräumt. Puckis Augen gingen über die Kinderschar. Sie merkte wohl, wie einige der Helferinnen die Luft einzogen. Manche stutzten. Eine lief plötzlich hinaus, drängte sich zwischen den Kindern hindurch.

Puckis Angst wuchs ins Uferlose. Wenn jetzt nur eine der Helferinnen den Ruf »Feuer!« ausstieß, war alles verloren.

»Reihe sechs«, scholl es laut aus ihrem Munde. Sie glaubte schon ins helle Feuer zu sehen, so wirbelten die Kreise vor ihren Augen. Doch unbeweglich stand sie vor dem Vorhang. »Reihe acht – Reihe neun nach links!«

Draußen wurde es unruhig. Sie hörte das Schreien der Kinder. Vielleicht sahen sie den Rauch hervordringen.

»Die Schlange singt ein Lied«, klang es wieder. Pucki stimmte ein Marschlied an. Die Kinder stimmten ein, und so war die Gefahr beseitigt, daß die Kleinen das aufgeregte Rufen von draußen vernahmen.

»Feuer – Feuer!« klang es. Der Gesang der Kinder ließ nach. Aber nur noch sechs Reihen waren im Theater. Pucki stand noch immer vor dem Vorhang. Bald sang sie, bald rief sie ihre Befehle. Unerträgliche Hitze verbreitete sich um sie her. Sie hörte eine Stimme.

»Frau Doktor Gregor, retten Sie sich! Die Bühne brennt lichterloh.«

Noch vier Reihen! – Der Gesang war verstummt, die Kinder voller Unruhe. Eine Helferin begann jetzt zu schreien:

»Feuer, Feuer, der Saal brennt.«

Pucki sprang hinab in den Zuschauerraum. Sie eilte den Kindern nach, derer sich plötzlich wildes Entsetzen bemächtigte.

»Unsinn, nichts brennt. Wir machen nur – eine Probe!« Schon hatte sie einen Knaben erfaßt. Ihr war zumute, als könnte sie die Füße nicht mehr vom Boden heben. Die Kinder faßten sich nicht mehr an den Händen, sie begannen zu schreien und drängten nach dem Ausgang. Diejenigen, die erregt hin und her liefen und den Ausgang nicht fanden, wurden von Frau Doktor Gregor ergriffen und hinausgejagt.

Warum ging sie nicht hinaus? Sie sah die leeren Stuhlreihen, sie sah jetzt sogar das Feuer, das an dem Vorhang emporzüngelte. Sie stand und beobachtete das Werk der Vernichtung. Dicker Qualm wälzte sich ihr entgegen.

»Pucki – Pucki!« Das war die Stimme ihres Claus. Sie sah ihn in der Tür erscheinen, er lief auf sie zu und hielt sie fest. Sie war müde, sterbensmüde. Erst jetzt machte sich die Aufregung bemerkbar.

»Kein Kind ist mehr im Saal. – Claus, die Schlange – die Schlange!«

»Pucki – –«

Er hob sie vom Boden auf. Auf seinen starken Armen trug er seine tapfere Frau hinaus ins Freie. Pucki sah die Feuerwehr, die gerade vom Wagen sprang, sah die hellen Flammen aus dem Dache schlagen.

»Claus«, sagte sie mit einem süßen Lächeln, »kein Kind ist mehr im Saal. Sie sind als Schlangen brav hinausgegangen. – Claus, ich bin sehr müde.«

Sie schloß die Augen und legte den Kopf an seine Schulter.

»Pucki, liebe prachtvolle Frau! – Pucki, mehrere hundert Mütter danken dir das Leben ihrer Kinder. – Pucki – wer gab dir die Kraft?«

Sie schlug die blauen Augen zu ihm auf. »Claus«, sagte sie leise und innig, »ich will auch einmal Mutter werden! – Für unsere Kinder müssen wir alles wagen. An unser Kindchen dachte ich, als ich vor dem Vorhang stand. Ich dachte an die vielen Mütter, die uns ihre Kinder heute anvertrauten. – Claus, bist du nun mit mir zufrieden? – Claus, kannst du dich nun auf deine Frau verlassen?«

»Pucki, meine prächtige, heißgeliebte Frau!«

Sie sah beglückt zu ihm auf. Viele Menschen umringten sie später, doch immer wieder suchten ihre Augen die des Gatten. Mit welchem Stolz er sie heute ansah!

Das machte sie unaussprechlich glücklich.

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