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Puckis erstes Schuljahr

Magda Trott: Puckis erstes Schuljahr - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorMagda Trott
titlePuckis erstes Schuljahr
publisherVerlag A. Anton & Co.
printrunZweite Auflage 6.-10. Tausend
yearo.J.
firstpub1935
illustratorArtur Scheiner
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorRegine Kreutz
senderwww.gaga.net
created20150921
modified20150928
projectide31856f9
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Heinzelmännchen an der Arbeit

»Au!«

Pucki steckte den Finger in den Mund, aus dem ein großer Blutstropfen hervorquoll. Seit Tagen bestickte sie einen Lampenteller. Es war eine ganz leichte Handarbeit, aber Pucki machte sie große Mühe, und oftmals wurde das Genähte wieder aufgetrennt, weil sie die Nadel nicht in die richtigen Löcher gesteckt hatte. – Nun ging das Geburtstagsgeschenk für den Vater seiner Vollendung entgegen. Es waren nur noch am Rande einige Stiche auszuführen, und am Donnerstag würde der fertige Lampenteller auf dem Geburtstagstisch des Vaters liegen.

Zu Puckis Füßen spielte die zweijährige Waltraut mit Bauklötzen. Auch sie schien schwere Arbeit zu haben, denn der Turm, der errichtet werden sollte, purzelte immer wieder zusammen. Schließlich fing Waldi an zu weinen und schleuderte einige der Bauklötzchen zornig gegen die Tür.

»Bist du artig!« herrschte Pucki die kleine Schwester an, »sonst steche ich dich mit der Nadel!«

»Waldi will einen Turm!«

»Waldi ist ein kleines, dummes Mädchen.«

»Waldi will einen Turm!«

»Dann baue ihn dir.«

»Kann nicht!« Die Kleine schlug zornig mit einem Klotz auf den Fußboden.

»So ein unartiges Kind«, sagte Pucki seufzend.

»Waldi will einen Turm!«

»Husch – ruhig bist du!« Pucki schlug mit dem gestickten Lampenteller nach der kleinen Schwester, die erschrocken zurückwich und zu schreien begann.

»Waldi will doch einen Turm!«

Da sprang Pucki auf, aber Waldi ahnte, daß ihr etwas Unangenehmes blühte; sie lief davon, stolperte über den Teppich und fiel der Länge nach auf den Fußboden.

»Siehst du«, sagte Pucki, »das kommt davon, wenn man unartig ist.«

Waltraut schrie nun so laut, daß die Mutter herbeigeeilt kam. Sie mußte ihre Jüngste trösten.

»O weh, das gibt eine ordentliche Beule am Kopfe«, sagte die Mutter bedauernd. »Unser Kleinchen wird ein Horn bekommen. – Weine nicht, Waltraut, Mutti reibt es gut ein, dann tut es nicht mehr weh.«

»Ein Horn kriegt sie?« rief Pucki neugierig. »Genau so ein Horn, wie unsere Kuh hat?«

»Nein, aber was habt ihr denn wieder gemacht?«

»Sie wollte einen Turm, und ich wollte nicht. Dann habe ich sie auszanken wollen, da ist sie hingepurzelt, weil sie so unartig ist.«

»Du mußt nett zu deinem kleinen Schwesterchen sein, Pucki, wie sich das für ein artiges Mädchen gehört. Aber auch Waltraut darf keine Mucken haben.«

»O Mutti, Mutti!« jubelte Pucki, »jetzt weiß ich es, der Waldi wächst ein Muckenhorn! Vati hat mir erzählt, daß Mucki auch ein Muckenhorn auf der Stirn hat. – Mutti, jetzt hast du nicht nur eine Pucki, nu hast du auch noch 'ne Mucki mit 'nem Horn!«

Frau Sandler mußte lachen. Sie erinnerte sich noch ganz genau daran, daß ihr Mann vor längerer Zeit einmal seiner Ältesten die Geschichte von der Waldfrau und deren Tochter Mucki mit dem Horn erzählt hatte. Das war der Kleinen anscheinend nicht wieder aus dem Gedächtnis gekommen.

Pucki freute sich unbändig. Sie erzählte es sofort Minna, daß Waldi nun nicht mehr Waldi, sondern Mucki hieße.

»Und ein Horn wächst ihr, soooo lang!« Das Kind breitete beide Arme weit aus.

»Geh lieber zurück an deine Arbeit, sonst kommt Vaters Geburtstag heran, und der Lampenteller ist noch nicht fertig.«

»Immerfort soll ich arbeiten – früh in der Schule und nachmittags an dem Teller. – Aber nun ist er bald fertig.«

Waltraut beruhigte sich rasch wieder. Trotzdem hielt die Mutter es für angebracht, sich zu den Kindern zu setzen, um sie ein wenig zu beaufsichtigen. Pucki hatte außerdem Fehler in ihrer Stickerei gemacht. Die letzten Stiche mußten aufgetrennt werden.

»Nun gib aber acht«, tadelte Frau Sandler. »Du hast noch viel zu tun, und die Heinzelmännchen werden nicht kommen, um den Lampenteller fertig zu machen.«

»Warum kommen die Heinzelmännchen nicht zu mir, Mutti?«

»Weil du nicht immer artig bist. Sie haben gesehen, wie du vorhin dein kleines Schwesterchen geärgert hast. Da bleiben sie fern.«

»Mutti, wären sie gekommen, wenn ich Mucki nicht geärgert hätte?«

»Vielleicht.«

»Ach, Mutti, dann will ich die Heinzelmännchen bitten, daß sie kommen. Ich werde auch die Mucki nicht mehr ärgern. Vatis Geburtstag ist ja bald. Bis dahin werde ich artig sein.«

»Wo Heinzelmännchen?« forschte Waldtraut.

Die Kleine versuchte auf den Schoß der Mutter zu klettern. Pucki beobachtete das Schwesterchen mit mißgünstigen Blicken. Und als Waltraut von der Mutter emporgehoben wurde, legte auch sie die Handarbeit zur Seite, zog den kleinen Stuhl dicht an die Mutter und bat:

»Mutti, ich möchte so furchtbar gern noch mal die Geschichte von dem Schneider und den Heinzelmännchen hören.«

»Und dabei wird gearbeitet, Pucki.«

»Ja – –«

Die Kleine holte den Lampenteller wieder herbei und begann zu sticheln, während Frau Sandler den lauschenden Kindern die Geschichte von dem fleißigen Schneider erzählte, der soviel Arbeit hatte, daß er immer bis Mitternacht in seiner Schneiderstube saß.

»Eines Nachts«, so fuhr die Mutter fort, »hörte er ein feines Stimmchen und sah an der Tür ein winziges Männchen stehen, das bittend sagte:

›Lieber Schneider, hilf uns! Die bösen Leute haben einen dicken Baumstamm gerade vor den Eingang meiner Wohnung gelegt, ich kann diesen Baumstamm aber allein nicht fortschieben. Komm mit mir hinaus in den Wald und hilf mir.‹

›Du kleines, liebes Kerlchen‹, sagte der Schneider, ›ich habe allerdings sehr viel Arbeit, die bis morgen früh fertig sein muß, aber ich will dir trotzdem gern helfen. – Führe mich.‹

Das Männchen führte den Schneider tief in den Wald hinein. Endlich machte es halt und wies auf einen am Boden liegenden Baumstamm.

›Nimm ihn fort‹, bat das Männlein, ›damit ich wieder in meine unterirdische Wohnung kann.‹

Der Schneider packte wacker zu, doch der Baum war so schwer, daß ihm die Schweißtropfen über das Gesicht liefen. Der Baum rührte sich nicht.«

»Oh, Mutti«, sagte Pucki, »so einen dicken Baum, wie er im Walde liegt, bekommt ein dünner Schneider überhaupt nicht weg. Das hätte er gar nicht erst zu versuchen brauchen. Das kann nicht mal der Vati.«

»Hast recht, Pucki, doch das Heinzelmännchen bat den Schneider mit Tränen in den Augen. So quälte er sich eine Stunde nach der anderen –«

»Er kriegt ihn doch nicht weg, Mutti. – Ich habe mal zugesehen, wie sich zwei Leute mit so was abquälten.«

»Der liebe Gott hat dem Schneider, weil er so tapfer helfen wollte, ganz plötzlich viel Kraft gegeben; und als der Morgen graute, gelang es ihm, den Baumstamm von der Stelle zu rücken.«

»Dann muß der liebe Gott wohl ein bißchen mitgerückt haben. Der Schneider allein hätte das wohl nicht fertig gebracht. Ich will mal den Vati fragen, der wird auch wohl sagen, daß ein Schneider allein sowas nicht schaffen kann.«

»Es ist dem Schneider aber doch gelungen. Das Männchen bedankte sich herzlich und sagte: ›Nun warte noch zehn Minuten und ruhe dich aus, denn du bist sehr müde.‹ Dann zog es eine winzig kleine Pfeife hervor. Da huschten aus dem Loch etwa fünfzig kleine Heinzelmännchen heraus, die tuschelten mit dem Kerlchen, das den Schneider in den Wald geführt hatte und liefen eiligst davon. Der Schneider wollte durchaus heimgehen, weil noch sehr viel bis morgen fertig werden sollte, doch das Männchen sagte wieder: ›Warte noch ein Weilchen.‹

Endlich war der Schneider ein wenig ausgeruht und ging eilig zurück in seine Schneiderstube. – Aber, o Wunder – alles war genäht, die Anzüge fix und fertig, denn die guten Heinzelmännchen, denen der brave Schneider geholfen hatte, waren nach der Werkstatt gelaufen und hatten die Arbeit beendet.«

»Können die Heinzelmännchen denn so nähen wie ein Schneider?«

»Die Heinzelmännchen können alles.«

Puckis Augen wurden groß. »Können sie auch einen Lampenteller sticken?«

»Ja, Pucki, aber dem Vati würde es keine Freude machen, wenn seine Tochter ihm nicht selbst das Geschenk gearbeitet hätte. Du brauchst die Heinzelmännchen nicht.«

»Kommen die Heinzelmännchen immer, wenn man sie ruft, Mutti?«

»O nein – nur wenn Menschen in großer Not sind, und wenn sie immer gut waren.«

»Na, dann will ich den Teller nur allein fertig sticken. – Ist es jetzt so richtig, Mutti?«

»Ja, Pucki. – Sieh, nun hast du nur noch vier Sternchen zu arbeiten, dann ist er fertig, und das wirst du bis zum Donnerstag schaffen.«

Die Heinzelmännchen gingen Pucki nicht aus dem Sinn. Gar zu gern hätte sie auch einmal solch ein kleines Kerlchen gesehen. So bat sie den Vater, er möge sie wieder einmal mit in den Wald nehmen, dorthin, wo die großen Baumstämme liegen. Der Vati hatte gleichfalls gemeint, wenn der liebe Gott dem Schneider nicht besondere Kräfte verliehen hätte, würde der es wohl kaum fertig gebracht haben, den Baumstamm fortzuschieben.

Nun schaute das Kind aufmerksam an den Stämmen entlang, ob nicht irgendwo ein Loch zu sehen wäre. Doch der Vater lachte es aus, und unverrichtetersache kehrte Pucki wieder heim.

Mittwoch nachmittag war der Lampenteller fertig. Pucki strahlte vor Freude. Die Pappe war allerdings ein wenig verbogen, aber Minna meinte, sie würde sie schon wieder gerade bekommen, sie wolle den Teller ein wenig pressen.

»Jetzt lege ich dem Vati auf den Teller noch einen Zettel, darauf schreibe ich meinen Namen.«

»Du kannst ja noch nicht schreiben, Pucki.«

»Doch – meinen Namen schreibe ich. – Paß mal auf.«

Pucki ging hinüber in des Vaters Arbeitszimmer. Die Eltern waren nicht daheim, Minna war mit den Kindern allein im Hause. Pucki nahm den Federhalter und ein Stück Papier und machte darauf die verschiedensten Striche, an die sie zum Schluß das gelernte »i« hing. Zum Schluß kam noch ein dicker Punkt über das i. Dazu tauchte sie die Feder tief in die Tinte. Da fiel ein dicker, schwarzer Tropfen auf den schön gestickten Lampenteller.

Das Kind erschrak. Im ersten Augenblick dachte die Kleine, die Schiefertafel vor sich zu haben. Sie legte drei Finger an die Zunge und fuhr mit ihnen hastig über den Tintenfleck hinweg.

»Oh – oh –!« Die Tinte verwischte sich über den Teller, über die mühevolle Stickerei und machte das Geschenk unbrauchbar. »Minna! – Minna!«

Pucki stürmte in die Küche, hielt der treuen Hausgenossin den Lampenteller hin, und während ihr Tränen aus den blauen Augen tropften, rief sie schluchzend:

»Mein schöner Teller. – Minna, was wird Vati sagen?«

»Du Schmierfink, was hast du denn da wieder gemacht? Das ganze Geschenk ist verdorben, so etwas kannst du unmöglich dem guten Vater schenken. – Aber Pucki!«

»Ich wasch' ihn schnell ab.«

Schon hatte das Kind die Bürste genommen und fuhr damit über den Lampenteller hinweg, ehe Minna es verhindern konnte.

»Aber Pucki!«

Das kleine Mädchen rieb aus Leibeskräften. Das Wasser begann die bestickte Pappe zu erweichen, und plötzlich zerfiel der Teller in zwei Stücke.

»Minna – Minna – –«. Fassungslos stand Pucki mit den beiden Hälften vor dem Mädchen und weinte so heftig, daß der kleine Körper zitterte. »Immerfort habe ich daran gestickt, der Finger ist dabei kaputt gegangen, und nun ist alles futsch!«

Der Jammer des Kindes griff Minna ans Herz, doch es gelang ihr nicht, das Kind zu trösten.

»Du mußt dem Vati morgen etwas anderes schenken. Dann freut er sich gewiß auch.«

»Ach, der schöne Teller! Minna, sticke mir einen neuen Teller.«

»Das geht nicht, Pucki, ich habe auch keinen Lampenteller. Weine doch nicht so, wir werden alles der Mutti erzählen, vielleicht weiß sie Rat.«

Kummervoll erwartete das Kind die Heimkehr der Mutter. Noch immer weinend, eilte sie ihr entgegen und hielt ihr den zerstörten Lampenteller hin.

»Da hast du wieder durch deine Unvorsichtigkeit etwas Schönes angerichtet, Pucki. Der Vater hätte sich sehr über deine erste Handarbeit gefreut. – Nun kannst du ihm morgen nichts schenken.«

»Ich möchte aber dem Vati was schenken! Ach, Mutti, hilf mir doch!«

»Es ist dir verboten worden, an das Tintenfaß zu gehen, Pucki, du bist also wieder einmal unfolgsam gewesen, und das ist nun die Strafe.«

Über alle Maßen betrübt, ging Pucki in das Kinderzimmer, sie hielt noch immer die beiden Hälften des Lampentellers in den Händen. Sie dachte daran, daß jeder dem Vati morgen etwas schenken durfte, nur sie würde mit leeren Händen dastehen. Da tropfte Träne auf Träne aus den blauen Augen.

»Wenn ich die ganze Nacht durch sitze und immerzu nähe, kann ich dem Vati vielleicht noch so einen Lampenteller machen.«

Wieder lief sie zur Mutter, um ihr diesen Vorschlag zu machen.

»Ach, Mutti, Pucki ist traurig, wenn sie dem Vati nichts schenken kann.«

»Das ist deine Schuld, mein Kind, ich kann es nicht ändern.«

Beim Abendessen vermochte das Kind nur mit Mühe zu essen, und als der Vater fragte, was ihm fehle, hätte Pucki am liebsten wieder geweint.

»Ich – wollte dir was schenken – nun ist es nicht mehr da.«

»Das ist freilich schlimm. Wo ist es denn hin?«

»Kaputt.«

»Hast du es kaputt gemacht, Pucki? Nun, vielleicht können die Heinzelmännchen es wieder ganz machen.«

»Oh – – die Heinzelmännchen!« Puckis Gesichtchen strahlte vor Freude. Die guten Heinzelmännchen hatten einstmals dem Schneider geholfen, die Heinzelmännchen konnten gewiß auch einen Lampenteller sticken oder den zerbrochenen zusammenleimen und die Tintenflecke fortwischen. – Die Heinzelmännchen waren die einzige Rettung.

Gleich nach dem Abendessen lief das Kind hinaus in den Garten. Fromm faltete es die Hände.

»Lieber Gott, ich bin so furchtbar traurig, weil ich morgen dem Vati nichts schenken kann. Laß alle deine Heinzelmännchen zu mir kommen, die im Walde wohnen. Sieh mal, lieber Gott, hier ist der Lampenteller, den ich dem Vati schenken wollte. Bitte, bitte, schicke mir die Heinzelmännchen, damit der Vati eine Freude hat.«

Pucki wartete ein Weilchen. Es rauschte gar seltsam in den Bäumen. – Ob das Englein waren, die zu den Heinzelmännchen hinflogen?

»Paß gut auf, lieber Gott, ich lege jetzt den kaputten Teller auf die Bank in die Laube. Wenn's Nacht ist, dann, bitte, bitte, schicke die Heinzelmännchen. Ich will auch zu meinem Schwesterchen lieb sein und bau' ihr immerfort einen Turm. Und morgen werde ich in der Schule gut aufpassen und nicht so viel plappern. – Lieber Gott, du hast doch kleine Mädchen furchtbar gern – schick mir die Heinzelmännchen.«

Sehr behutsam wurden die beiden Tellerhälften auf die Bank gelegt. So inbrünstig wie heute hatte Pucki noch niemals eine Bitte an den lieben Gott gerichtet.

»Du hast doch auch meinen Vati gern, der immer so lieb ist. Nun hat er keine Freude, wenn er den kaputten Teller bekommt. – Lieber Gott, die Mutti sagt, daß du gut bist, ach – sei doch heute recht lieb zu Pucki, sag es schnell den Heinzelmännchen und den lieben Englein und sage ihnen auch noch, daß sie nicht falsch nähen sollen, sonst muß die Mutti alles wieder auftrennen. – Lieber, lieber Gott, bitte, schick die Heinzelmännchen her.«

Ganz leise verließ die Kleine die Laube und stellte sich abwartend hinter einen Baum. Wohl rauschte es in dessen Krone, aber über den Kiesweg huschten keine kleinen Männchen. – Ganz plötzlich glaubte Pucki leise Schritte zu vernehmen.

»Ich glaub', lieber Gott, nu kommen sie! Oh, ich hab' so große Freude! Nicht wahr, du sagst ihnen, daß sie den Teller bis morgen früh fertig haben. Ich komm' aber ganz früh her und hole ihn.«

In der Veranda des Forsthauses stand Frau Sandler, die jedes Wort ihrer kleinen Tochter vernommen hatte. Sie hatte damals zwei ganz gleiche Lampenteller gekauft. Den einen hatte Pucki bestickt und durch ihre Unvorsichtigkeit wieder verdorben. Der andere sollte im Sommer für die Großmutter fertig gemacht werden.

»Pucki, wo bist du, du mußt nun schlafen gehen!«

Die Kleine hörte die Mutter rufen. Noch einmal schaute sie zum Himmel empor und bog winkend den Zeigefinger um.

»Komm rasch runter, lieber Gott, und sage es den Heinzelmännchen. Nicht wahr, du hilfst mir heute?«

Seltsam getröstet kehrte das Kind zur Mutter zurück und schaute sie mit schalkhaftem Lächeln an.

»Ob sich der Vater sehr freut, wenn ich ihm morgen doch den Lampenteller schenke?«

»Den hast du doch verdorben, Pucki.«

»Vielleicht wird alles noch gut, Mutti, warte mal ab.«

»So? – –«

»Mutti, ich habe ein schönes Geheimnis vor dir. – Aber morgen sage ich es dir. – Hab nur keine Angst, wenn es heute Nacht immerzu trippelt. Du brauchst dich nicht zu fürchten. Der liebe Gott paßt auf uns alle auf und auch auf – – die kleinen Heinzelmännchen.«

»Was sollen denn die Heinzelmännchen?«

»Mutti – vielleicht kommen sie doch zu Pucki! – Ach, ich habe heute den lieben Gott so schön gebeten. – Mutti, ist der liebe Gott wirklich so gut, wie du immer sagst?«

»Ja, mein Kleines, er ist sehr gut.«

»Na, dann wird er's schon machen. Da will ich mal ruhig schlafengehen. – Morgen ist Vatis Geburtstag – nun bin ich wieder ganz froh. Mutti, nu wollen wir aber mal wirklich sehen, ob der liebe Gott so gut ist, wie du sagst.«

Als Pucki im Bettchen lag, faltete sie erneut die Hände und sagte leise: »Du vergißt es doch nicht, lieber Gott? Auf der Bank in der Fliederlaube – da liegt er.«

Pucki war gerade eingeschlafen, als Frau Sandler leise zur Fliederlaube schlich und den zerbrochenen Lampenteller fand. Und dann brannte im Wohnzimmer noch eine ganze Weile die Lampe. Muttis Hände zogen Faden auf Faden durch die Löcher des Tellers, fertigten genau solche Sterne an, wie Pucki sie gestickt hatte, damit der Lampenteller dem anderen zum Verwechseln ähnlich sei.

Förster Sandler saß daneben und blickte gerührt auf seine liebe Frau, die das Flehen des Kindes gehört hatte und ihm helfen wollte.

Sie erzählte ihrem Mann den Vorfall und wiederholte die gläubigen Worte der Kleinen.

»Unsere Pucki hat zwar viele Fehler und ist mitunter sehr eigenwillig, sie hat aber ein gutes und weiches Herz und ist auch ein frommes Kind, das wird ihr im Leben viel nützen und weiterhelfen.«

»Und du, meine liebe Frau, bist nun das erbetene Heinzelmännchen und mußt mein Geburtstagsgeschenk arbeiten.«

»Ich tue es ja so gern.«

»Das weiß ich.«

Förster Sandler zog seine Frau an sich und küßte sie herzlich.

Als gegen Mitternacht der Lampenteller fertiggestellt war, schlichen die Eltern an die Betten der schlafenden Kinder. Pucki lag mit geöffnetem Munde da, sie schien zu lächeln. Und es war auch so. Sie sah im Traume viele hundert Heinzelmännchen, die alle an dem Lampenteller nähten, die ihn neu preßten, zusammenflickten und dann mit schöner brauner Farbe anstrichen.

Trotz dieses herrlichen Traumes war Pucki am anderen Morgen sehr zeitig wach. Der erste Gedanke galt dem Geschenk für den Vater. Ganz leise stieg das Kind aus dem Bett, streifte hastig Schuhe und Strümpfe über, schlüpfte ins Kleidchen und lief hinaus in den Garten.

Ein Freudenschrei entfuhr seinem Munde. – Dort lag der Lampenteller schön gestickt und ganz heil auf der Bank.

»Ihr guten Heinzelmännchen! Ich streue euch heute auch viele Kuchenkrümel von Vatis Geburtstagskuchen hierher. – Ach, lieber Gott, das hast du aber gut gemacht!«

Den Teller in den Händen stürmte Pucki in das Forsthaus zurück. Noch lagen die Eltern in den Betten.

»Vati – Vati – ich gratuliere dir zum Geburtstag! Hier, siehst du – da hast du dein Geschenk!«

Und der Vati freute sich über die schöne Stickerei; er meinte, einen so schönen Geburtstagsmorgen hätte er lange nicht mehr gehabt.

»Soll ich dir mal was erzählen?«

»Freilich!«

Der Wahrheit gemäß berichtete die Kleine, was sich alles ereignet hatte.

»Vati, nu gehe ich wirklich nicht mehr an die Tinte, ich bin von heute an eine ganz artige Pucki, weil mir der liebe Gott so geholfen hat. Und nachher schenkst du mir auch ein Stück Kuchen für die Heinzelmännchen.«

Pucki erhielt das Stück Kuchen und trug es gewissenhaft hinaus in die Fliederlaube. Dort legte sie es nieder. Bei ihrer Rückkehr aus der Schule stellte Pucki fest, daß die Heinzelmännchen auch am Tage umgingen, denn das Kuchenstück war aus der Fliederlaube verschwunden. Daß es dem Harras vorzüglich geschmeckt hatte, ahnte Pucki nicht. Der Hund mit seinem feinen Geruch hatte den Kuchen gar bald gefunden und verzehrt. Nun stand er wieder vor der Laube und schnupperte herum.

»Riechst du die Heinzelmännchen?« fragte die Kleine.

Doch Harras wartete auf Kuchen, nicht auf die kleinen, helfenden Waldgeister.

Des Vaters Geburtstag verlief sehr lustig. Es kamen viele Leute, die ihm gratulierten. Es gab Kuchen, Pucki bekam sogar Limonade, und lustig plauderte sie mit allen. Plötzlich mahnte die Mutter daran, daß Pucki noch für die Schule zu arbeiten hätte.

Die Kleine zog die Nase kraus, ging in das Zimmer zu der kleinen Schwester, spielte ein wenig mit Mucki, und nahm dann die Tafel zur Hand. Doch draußen im Garten wurde so lustig gelacht, daß Pucki lieber zuhören wollte. Endlich war es Abend geworden, die Mutter rief zum Essen, und Pucki stellte erschrocken fest, daß die Aufgaben noch immer nicht gemacht waren.

Oh, tröstete sie sich, die Heinzelmännchen haben ein so großes Stück Kuchen bekommen, ich will ihnen sagen, daß sie die Tafel vollschreiben sollen.

Das Kind ergriff die Tafel, trug sie hinaus in die Fliederlaube und sagte:

»Heda, ihr Heinzelmännchen, heute nacht müßt ihr wiederkommen und eine Eins und eine Vier immerfort hier drauf schreiben – die ganze Tafel voll. – Habt ihr es gehört? Morgen früh hole ich die Tafel.«

Beim Abendessen fragte die Mutter, ob Hedi die Schularbeiten gemacht habe.

»Laß nur«, sagte sie, »das machen mir jetzt immer die Heinzelmännchen. Ich habe die Tafel in die Laube getragen.«

Weder der Förster noch seine Frau sagten dazu ein Wort. Beruhigt ging Hedi schlafen. Am nächsten Morgen eilte sie zur Laube, um die Tafel zu holen.

Aber wie erschrak sie! Da war weder eine Eins noch eine Vier. Auf der Tafel stand etwas ganz anderes, das sie jedoch nicht lesen konnte. Sie ging mit der Tafel zu Minna und sagte:

»Kannst du lesen, was hier steht?«

»O ja!«

»Was steht denn da?«

Minna las: »Schäme dich, Pucki! Ein faules Kind mag keiner leiden, ein faules Kind betrübt Vater und Mutter, und die Heinzelmännchen helfen in Zukunft auch nicht mehr.«

Puckis Gesicht färbte sich dunkelrot. – Das konnten nur die Heinzelmännchen geschrieben haben.

»Wisch das schnell weg, Minna!«

»Na, Pucki, was bedeutet denn das?«

Mit gesenktem Haupt schlich das Kind davon. – Jetzt war es zu spät, um die Schularbeiten zu machen. Doch Pucki nahm sich fest vor, von heute an fleißiger und aufmerksamer zu werden. Auch die Eltern hätten sonst keine Freude an ihr und würden traurig sein. Schuldbewußt blickte Pucki zum blauen Himmel empor.

Am Nachmittage gab es ein Gewitter, das erste in diesem Jahre. Da war Pucki recht niedergedrückt und vertraute der Mutter an, daß der liebe Gott heute gar so toll donnere, weil er mit Pucki böse wäre.

»Von heute an werde ich ganz bestimmt artig, Mutti! Ich habe in der Schule gut aufgepaßt und will immer schreiben und lesen, damit der liebe Gott wieder gut wird.«

Eine Stunde später schien die Sonne wieder hell und warm. Das nahm Pucki als Zeichen, daß nun alles wieder in Ordnung sei.

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