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Pucki wird eine glückliche Braut

Magda Trott: Pucki wird eine glückliche Braut - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorMagda Trott
titlePucki wird eine glückliche Braut
publisherVerlag A. Anton & Co.
printrun14.-28. Tausend
year1937
firstpub1937
illustratorG. Kirchbach
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorRegine Kreutz
senderwww.gaga.net
created20151216
modified20160425
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O rühret, rühret nicht daran

Von Hans Rogaten war auf Eberhards Brief sehr rasch eine Antwort gekommen. Sie war gar nicht nach Eberhards Wunsch ausgefallen. Rogaten spöttelte über solch törichte Frage. Zwar hatte Eberhard versucht, sein Anliegen möglichst geschickt zu verbergen, aber Hans Rogaten schrieb, er verstehe schon, was gemeint sei:

»Es handelt sich natürlich um deinen Bruder Claus. Trauriger Kerl, der nicht weiß, ob er geliebt wird oder nicht. Soll ich ihm einen Rat geben? – Das kann ich nicht. Das ist seine Angelegenheit. Er weiß sich ja sonst in allen Lebenslagen geschickt zu benehmen. Er soll sich den folgenden Spruch übers Bett hängen:

›Das Weib ist eine Pfeffernuß,
Die man schlau aufbeißen muß.
Und um den Mann ist's ewig schad'
Der dazu keine Zähne hat.‹ –

So, das ist meine Meinung! Etwas anderes kann ich dir nicht sagen.«

Diesen Brief brachte Eberhard dem Bruder. Claus hörte den Inhalt schweigend an. Hans Rogaten war auf sein Verhältnis zu Pucki mit keinem Wort eingegangen. Aus den Zeilen schien jedoch leiser Ärger zu sprechen, wahrscheinlich darüber, daß Claus es wagte, gleichfalls um Pucki zu werben. Aber wäre es ein Wunder gewesen, wenn sich Hans Rogaten auch in dieses liebreizende Mädchen verliebte? Warum nahm er gerade in Leipzig eine Stellung an? Natürlich nur, weil er in Puckis Nähe sein wollte.

»Er hat recht«, sagte Claus. »Man soll andere nicht in die eigenen Angelegenheiten hineinziehen. Ich glaube, daß mein inneres Empfinden richtig ist.«

»So frage Pucki.«

»Ja, Eberhard, bei unserem nächsten Zusammensein, das hoffentlich von längerer Dauer und ungestört sein wird, will ich sie fragen. Ich hoffe, daß Pucki dann nicht mehr mit unserem Bürgermeister über den Kindergarten zu reden braucht.«

»Und der Vater braucht die Bäume im Jagen 124 nicht abschlagen zu lassen.«

Bereits am nächsten Tage machte sich Claus auf den Weg nach dem Forsthaus Birkenhain. Die Ungewißheit, in der er lebte, war nicht nach seinem Geschmack. Er wollte Klarheit haben. Wenn er Pucki geradeheraus fragte, würde sie ihm nicht ausweichen können.

Im Forsthaus sagte man ihm, daß Pucki mit den beiden Schwestern nach dem Niepelschen Gute gegangen sei, da einer der drei Söhne als Soldat auf Urlaub gekommen wäre. Vor Abend kämen die Schwestern nicht zurück. So mußte Claus unverrichtetersache wieder heimgehen.

Eberhard empfing ihn lachend und fragte: »Na, muß Vater mit dem Holzschlag anfangen?«

Claus erzählte von seinem vergeblichen Besuch. »Ich wiederhole meinen Besuch übermorgen.«

»Hoffentlich ist sie dann nicht gerade beim Bürgermeister, Claus. Wer kann bei Pucki wissen, was sie für ihren Kindergarten noch alles gebraucht.«

»Da Pucki fest damit rechnet, den Kindergarten einmal zu übernehmen – –«

»So ist das noch lange kein Beweis, daß sie nicht heiraten will!«

Zwei Tage später unternahm Claus abermals einen Spaziergang nach dem Forsthaus. Schon von weitem hörte er helles Lachen. Wie erinnerte ihn dieses Lachen an die Schülerin Pucki Sandler. So war auch sie einst durch den Garten getollt, wie es jetzt die zwölfjährige Schwester tat. Neben ihr sprang der Hund einher, der Agnes liebster Spielgefährte war.

Claus ließ ein Pfeifen ertönen. Der Hund kam an die Gartentür gesprungen und bellte in freudigem Erkennen den jungen Arzt an.

»Ei, der Onkel Claus! Das ist aber fein, daß du kommst! Willst du zu Pucki?« fragte das Mädchen.

»Alles gesund im Hause, kleine Agnes?« fragte er ausweichend. Der neugierigen Fragerin wollte er keine direkte Antwort geben.

»Alles gesund bei uns. Aber Pucki ist nicht da. Wenn du sie sehen willst, mußt du nach Rahnsburg gehen. Sie ist bei Thusnelda Reichert, und Thusnelda Reichert arbeitet in der Plätterei König. Du kannst ja fragen, ob man dort Kragen plättet.«

»Schau, schau, du kleiner Naseweis!«

»Onkel Claus, ich weiß was Feines!«

»Was weißt du schon wieder?«

»Komm mal herein, das kann ich dir nur ganz leise sagen.«

Er betrat den Garten. Agnes faßte ihn an der Hand und zog ihn zu einem abgelegenen Gartenplätzchen.

»Ich habe ein Geheimnis erkundet.«

»So, so? – –«

»Ich habe geschnüffelt.«

»Na, Agnes, das ist aber nicht nett!«

»Doch, Onkel Claus. Pucki war in den letzten Tagen zu komisch, und einmal hat sie sogar Tränen in den Augen gehabt. Da habe ich zu ihr gesagt: ›Pucki, du bist verliebt.‹ Da wurde sie böse. Ich soll meine Nase in die Schulbücher stecken, sagte sie. Vor zwei Tagen hat sie einen Brief bekommen. Aus Leipzig –«

»Was gehen dich Puckis Briefe an? Es will mir gar nicht gefallen, Agnes, daß du hinter Pucki herschnüffelst.«

»Onkel Claus, ich wollte doch nur wissen, ob wir eine Braut im Hause haben.«

Claus, der bisher nur mit halbem Ohr zugehört hatte, wurde plötzlich aufmerksam.

»Eine Braut? – Wer denn?«

»Na, unsere Pucki!«

»Pucki? –«

»Ja, in dem Briefe steht es.«

»In dem Brief aus Leipzig?«

»Ja, Pucki hat uns nur noch nichts gesagt. – Onkel Claus, findest du das nett? Wenn ich mich mal verlobe, würde ich es jedem erzählen. Ich glaube nicht einmal, daß es die Eltern wissen. – Vielleicht ist es auch noch nicht ganz so weit.«

»Pucki – ist eine Braut? – –«

»Du darfst mich nicht verraten, Onkel Claus. Ich war furchtbar neugierig. Heute früh lag Puckis Schreibmappe in ihrem Zimmer auf dem Tisch. Da habe ich ein bißchen darin herumgesucht und auch den Brief aus Leipzig gefunden.«

»Das gefällt mir gar nicht an dir, Agnes«, erwiderte Claus. Er sprach diese Worte nur, um etwas zu sagen. In sein Herz fiel tiefe Trauer.

»Der Brief ist von einer Freundin aus Leipzig, von Lilli. Sie schrieb, sie wüßte nun ganz genau, daß Hans Rogaten mit Pucki einig sei. Der Hans Rogaten wohnt nämlich bei Bekannten von Lilli. So ist es herausgekommen. Lilli meinte, die beiden werden auch nicht lange mit der Heirat warten. Vorläufig sei aber noch alles ein tiefes Geheimnis.«

»Und diesen Brief hast du gelesen?«

»Ja, sogar zweimal. Das ist doch nicht schlimm, Onkel Claus! Jetzt weiß ich, warum Pucki manchmal so nachdenklich aussieht. Sie ist eine heimliche Braut.«

Obgleich es dem jungen Arzt widerstrebte, in das streng gehütete Geheimnis Puckis einzudringen, fragte er noch einmal: »Also Pucki hat sich mit Hans Rogaten verlobt?«

»Du darfst davon nichts sagen, es ist alles noch ganz heimlich. Lilli schrieb nur, sie hätte es jetzt ausgekundschaftet. Es sei ein Unrecht von Pucki, daß sie ihr Glück so geheim hielte. Ich denke, ehe sie von uns fortfährt, wird sie es noch sagen. Wenn wieder ein Brief von Hans Rogaten kommt, werde ich versuchen, ihn zu lesen.«

»Das wirst du nicht tun, Agnes!«

»Ich möchte doch auch mal einen Liebesbrief lesen.«

»Schäme dich, Agnes! Briefe, die nicht an dich gerichtet sind, hast du auch nicht zu lesen. Du gefällst mir gar nicht, wenn du so neugierig bist.«

»Wenn Pucki doch eine glückliche Braut ist, könnte sie es uns auch sagen.«

»Wenn sie darüber noch schweigen will, wird sie ihre guten Gründe haben. Das verstehst du noch nicht, Agnes.«

»Willst du schon wieder gehen, Onkel Claus?«

»Freilich.«

»Ach so, du willst nach Rahnsburg? Plätterei König. Du kennst sie doch. Gleich in der Hauptstraße vorn an.«

»Ich habe nicht die Absicht nach Rahnsburg zu gehen.«

»Verrate mich nicht, Onkel Claus. Wenn Pucki hört, daß ich ihre Briefe gelesen habe, wird sie sehr böse.«

»Strafe müßtest du für deine Neugier eigentlich haben, Agnes.«

»Ach, Onkel Claus, es ist doch nicht so schlimm.«

Dann war Doktor Gregor gegangen, tief in den Wald hinein. Er wählte verschwiegene Wege und schritt langsam, mit gesenktem Kopf dahin. – Pucki verlobt! Sie hatte den immer fröhlichen, übermütigen Hans Rogaten gewählt. Ihm war es gelungen, ihr Herz zu gewinnen. Seine etwas schwerfällige Art, sein ruhiges Wesen sagten Pucki wahrscheinlich nicht zu.

Auch der Plan mit dem Kindergarten erschien ihm plötzlich in einem anderen Licht. Hans Rogaten war ein junger Apotheker, der noch zwei bis drei Jahre warten mußte, bis er sich ein eigenes Heim gründen könnte. In dieser Zeit wollte Pucki sicher nicht untätig bleiben. Sie war gern in Rahnsburg, dem Vaterhaus nahe, und hier war ihr nun die Möglichkeit gegeben, etwas zu verdienen und an die Aussteuer zu denken. Vielleicht suchte sich auch Rogaten hier in der Gegend eine eigene Apotheke.

Beim Abendessen warf Eberhard hin und wieder einen forschenden Blick auf das Gesicht des älteren Bruders. Dessen Mienen schienen heute noch verschlossener zu sein als sonst.

»An dich liegt ein Brief dort«, sagte der Vater.

Claus nahm das Schreiben zur Hand und las es. »Aus Breslau. – Zwei der dortigen Ärzte sind erkrankt. Man fragt bei mir an, ob ich nicht für einige Wochen zur Vertretung kommen könnte.«

»Ich kann ordentlich stolz auf meinen Jungen sein«, sagte die Mutter. In der vorigen Woche hat man aus Hamburg geschrieben, ob du in einem Krankenhaus eine Vertretung annehmen willst. Aber dir tut die Erholung gut. Ich denke, du lehnst Breslau ab. Außerdem gibt es für dich hier noch mancherlei zu besprechen, da du zum Oktober nach Rahnsburg gehst.«

»Ich bin mit dem Kollegen dort durchaus im reinen, Mutter.«

»Die wenigen Wochen der Ruhe sind dir aber gut, Claus. – Oder willst du Breslau annehmen?«

Claus Gregor schaute erneut in den Brief. »Drei bis vier Wochen Vertretung? – Das würde gut passen.«

»Aber Claus!«

»Mitte August würde ich wieder hier sein. Zeit genug noch, um alles für meine Übersiedelung nach Rahnsburg einzuleiten.«

»Verlangt man dich in Breslau sofort?«

»Ja, Mutter.«

»Mußt nicht immer nur an die Kranken denken, Claus«, sagte der Vater, »mußt auch auf andere Rücksicht nehmen, die sich sehr freuen, wenn Ferien sind.«

»Wenn zwei Ärzte erkrankt sind, bin ich in Breslau nötig.«

»Es wird noch andere Ärzte geben als dich, Claus.«

»Ganz gewiß, Vater, doch bin ich dort gut eingearbeitet.«

»Unsere Bianka wird dich sehr vermissen, und – im Forsthaus Birkenhain wird man ein Tränlein zerdrücken, wenn du so rasch wieder abfährst.«

»In drei bis vier Wochen bin ich ja wieder hier.«

»Tja – –« sagte Oberförster Gregor, »in drei bis vier Wochen sind die Ferien beendet.«

»Ich werde Breslau noch heute benachrichtigen, daß ich in Kürze eintreffe. Vielleicht kann ich schon übermorgen fahren.«

Eberhard, der bisher geschwiegen hatte, stieß seinen Bruder in die Seite. »Du, was ist denn los? Habt ihr euch gezankt?«

»Was meinst du?« fragte Claus ruhig zurück.

»Ich dachte nur so.«

Nach dem Abendessen schrieb Claus nach Breslau, daß er bereit sei, die Vertretung anzunehmen. Währenddessen saßen die anderen Familienmitglieder auf der Terrasse. Der Oberförster blies dicke Wolken aus seiner Pfeife.

»Sag mal, Eberhard, hat er was mit Pucki gehabt?«

»Keine Ahnung, Papa. Ich weiß nur, daß er mit ihr reden wollte.«

»So, so – –« sagte der Oberförster gedehnt.

»Du meinst?« fragte Frau Gregor nachdenklich.

»Man soll sich in solche Dinge nicht hineinmengen. Man macht die Sache nur schlimmer. – ›Wo still ein Herz in Liebe glüht, o rühret, rühret nicht daran.‹ Vielleicht haben sich die beiden ein wenig gezankt. – Das tut nichts, das frischt die Liebe auf, wie ein Gewitter die Luft reinigt. Wenn Claus fortfährt, wird sie einsehen, wie sehr er ihr fehlt. Kümmern wir uns um diese Sache nicht weiter, das ist das Beste, was wir tun können.«

»Es sollte mir leid tun, wenn Pucki unter ihrer Liebe leidet.«

»Ach was, Liebesleid schmeckt süß. Die Versöhnung ist dann um so schöner. Wir haben das Mädel für die nächsten Wochen unter Augen, und was später wird, müssen wir dem Schicksal überlassen.«

So kam es, daß niemand Claus nach dem Grunde seines plötzlichen Entschlusses fragte, daß niemand ihn zu überreden suchte, hier zu bleiben. Die Mutter half ihm sogar beim Einpacken der Sachen. Claus wartete nur noch auf das Eintreffen des Telegramms, das ihm anzeigen sollte, wann er erwartet würde.

»Ich will mich heute nachmittag in Rahnsburg beim Kollegen Kolbe verabschieden, ich habe noch einiges mit ihm zu besprechen. Auf dem Rückwege gehe ich gleich ins Forsthaus, um dort Lebewohl zu sagen.«

Seine Mitteilungen wurden von der Familie schweigend entgegengenommen. – –

Pucki verwünschte ihr Schicksal, als sie von Agnes erfuhr, daß Claus Gregor am Nachmittag wieder dagewesen sei. Schon einmal hatte sie seinen Besuch verpaßt, als sie mit den beiden Schwestern das Gutshaus Niepels aufsuchte, um Fritz zu begrüßen. Claus war wiedergekommen, Claus hatte ihre Worte nicht übelgenommen. Oh, welche lieben Worte hätte sie zu ihm gesprochen! Er sollte wissen, daß sie ihm von Herzen gut war. Wozu denn Versteck spielen? War er nicht von jeher ihr Freund und Vertrauter gewesen? Wie kam sie nur dazu, diesen lieben Menschen absichtlich zu kränken? Ihr Herz hatte gejubelt, als sie in der Oberförsterei seine ersten Worte hörte: »Pucki, liebe kleine Pucki!« Allein der Ton seiner Stimme sagte ihr, daß er sie gern hatte. – Warum wollte sie ihm nicht zeigen, daß auch er ihr lieb war? Wenn sie ihn durch herbe Worte zurückschreckte, würde er schließlich irre an ihr werden, und eines Tages geschah es dann wohl, daß er sie nicht mehr aufsuchte, daß er seine Augen zu anderen jungen Mädchen schickte, die nicht so abweisend waren.

»Claus, lieber Claus, du mußt doch längst wissen, wie gut ich dir bin. Ich glaube, ich könnte es dir jetzt sagen«, jubelte Pucki still vor sich hin.

Was schrieb Lilli Rahner in ihrem Brief für dummes Zeug! Sie sollte eine geharnischte Antwort erhalten. Eigentlich war es arg, daß Lilli dem armen Hans Rogaten nachspionierte. Lilli behauptete, sie sei heimlich mit Rogaten verlobt. – So ein Unsinn! Nur weil sie öfters mit Hans spazieren ging, glaubten diese törichten Mädchen, sie liebte ihn.

»Ach, Claus, du hast auch nach ihm gefragt. Hast du nicht gemerkt, daß er nur mein Freund ist, daß aber nur dir allein mein Herz gehört?«

Wie konnte Lilli zu Rogatens Wirtin gehen, um sie auszuhorchen? Was ging die Freundin Hans Rogaten an? Vielleicht hatte er zu seiner Wirtin von ihr ein wenig geschwärmt, und nun glaubte diese Frau, er sei bereits mit ihr verlobt. – Ja, so mußte es sein, denn anders war dieses Mißverständnis nicht zu erklären.

»Was geht euch meine heimliche Liebe an«, redete Pucki zornig vor sich hin, »ihr werdet alles noch verderben! An solche Dinge rührt man nicht. Das ist ein Frühlingstraum, der voll zarter Blüten steht.«

Wenn Claus nur recht bald wiederkäme! Pucki nahm sich fest vor, in den nächsten Tagen nicht fortzugehen. Die Bekannten konnten warten. Claus würde ganz bestimmt in Kürze wieder in der Försterei vorsprechen. Er sollte sie dann finden.

Am nächsten Tage fragte der Vater, ob Pucki mit ihm nach der Schmanz gehen wolle. Er habe dort zu tun.

»Nein, Papa, ich möchte heute hierbleiben. Zu Rose gehe ich in den nächsten Tagen. Heute habe ich anderes vor.«

Sie blieb daheim. Sie nahm eine Handarbeit vor, setzte sich in den Garten, und zwar so, daß sie die Eingangspforte sehen konnte. Durch diese Tür mußte Claus kommen. Heute vielleicht noch nicht, aber morgen! Und wenn er morgen nicht kam, stellte er sich ganz bestimmt übermorgen ein. Es traf sich herrlich, daß Waltraut und Agnes heute nachmittag nach Rahnsburg gingen. So würde sich die neugierige Schwester nicht dazugesellen können, wenn sie mit Claus im Garten auf der Bank saß.

»Wovon wird er sprechen? Wird er mir Vorhaltungen machen, daß ich neulich häßlich zu ihm war? Ich werde meine Ungezogenheit wieder gutmachen. Dann wünschte ich mir, daß er mich bei den Ohren nähme und mir einen Kuß gäbe. Ganz schnell – ja, das wäre wunderschön.«

Es wurde nicht viel mit ihrer Handarbeit. Immer wieder gingen die Augen des jungen Mädchens den Waldweg entlang, auf dem der Ersehnte kommen mußte. Sie glaubte fest daran, daß er sich heute einstellen würde. All ihre Gedanken riefen ihn her zu ihr. – –

Die Besprechung mit Doktor Kolbe in Rahnsburg dauerte nicht lange. Da Claus im September wieder im Elternhaus weilen würde, so konnte in Ruhe das Notwendige später erledigt werden. Es war ja alles schon so weit geordnet, daß die Praxis vom ersten Oktober auf ihn überging. Er sollte die Zimmer im Erdgeschoß bewohnen, während Doktor Kolbe hinauf in den ersten Stock zog, um dort mit seiner leidenden Frau in Ruhe und Zurückgezogenheit zu leben.

Nun wanderte der junge Arzt von Rahnsburg aus durch den Wald, dem Forsthaus Birkenhain zu. Es wurde ihm nicht leicht, und doch mußte dieser Weg sein, denn ohne Abschied wollte und konnte er nicht von Pucki scheiden. Auch Sandlers sollten einen Abschiedsgruß haben. Ob Pucki sein Fortgehen gleichgültig aufnahm? Sie hatte ihn gern, das wußte er; sie freute sich auf gemeinsame Spaziergänge mit ihm durch den Wald, die nun unterbleiben würden. Würde sie auch weiterhin vor ihm Versteck spielen und ihm mit keiner Silbe andeuten, daß sie an Hans Rogaten bereits gebunden sei?

Vielleicht war sie auch heute nicht zu Hause, vielleicht brauchte er nur der Mutter herzliche Grüße für Pucki aufzutragen.

Schon sah er das Forsthaus, sah die leuchtende Blumenpracht, die im Garten blühte. Und inmitten der Blumen saß ein junges Mädchen – – Pucki.

»Diesmal finde ich dich daheim.« Mit diesen Worten begrüßte Claus das errötende junge Mädchen. »Zweimal war ich vergeblich hier, Pucki.«

»Ich weiß es«, sagte Pucki und verwünschte das dunkle Rot, das ihr ins Gesicht schoß. Sie verwünschte auch in diesem Augenblick ihre Schüchternheit. Viel besser wäre es gewesen, sie hätte ihrem geliebten Claus offen ins Gesicht geschaut, damit er in ihren Augen lesen konnte, was in ihrem Innern vorging.

»Ich komme, um mich zu verabschieden, Pucki. Breslau schrieb mir, daß es mich zur Vertretung für zwei erkrankte Ärzte wünscht, und ich habe zugesagt. Ich denke, daß ich schon morgen, spätestens übermorgen abreisen werde. Unser Zusammensein hat also ein Ende, Pucki.«

Pucki sah ihn mit großen Augen an.

»Da ich drei bis vier Wochen fortbleiben muß, werde ich dich bei meiner Rückkehr hier nicht mehr sehen. Du wirst wieder fleißig im Seminar lernen und wahrscheinlich Ostern die Prüfung gut bestehen.«

»Ja – ich hoffe es.«

»Auch von deinen Eltern und Schwestern will ich mich noch verabschieden.«

Pucki erhob sich hastig. »Komm, Claus, Mutti ist im Haus, komm!« – Dann eilte sie vor Claus ins Haus.

Er kam, um Abschied zu nehmen. Ihr Claus ging fort von hier. Er sagte das alles so ruhig, als ob er dabei keinen Schmerz empfände.

»Ich will mal sehen, ob – Waltraut oder Agnes – schon zurück sind. Vielleicht – sind sie – im – Garten – oder – oben in ihrem – Zimmer. Geh ins Wohnzimmer, dort ist die Mutti.«

Pucki ließ den Freund stehen. Sie brauchte Minuten des Alleinseins, um ihre innere Festigkeit zurückzugewinnen. Es tat weh, sehr weh! Pucki preßte die Lippen fest zusammen. Sie wollte nicht wie ein dummer Backfisch ihr Herz verraten und in Tränen ausbrechen.

Langsam ging sie hinauf, ging mechanisch ins Zimmer der Schwestern, verweilte einige Augenblicke darin und schritt dann die Treppe wieder hinab.

Im Wohnzimmer saß die Mutter und bei ihr Claus Gregor. Sie setzte sich zu ihnen und fragte sogar ganz ruhig, ob in Rahnsburg alles geordnet sei oder ob es Schwierigkeiten mache, die Praxis zu übernehmen. Ebenso ruhig wie ihre Frage klang die Antwort des Freundes. Niemand ahnte, daß hier zwei heiße Herzen schlugen, die gewaltsam zur Ruhe gezwungen wurden.

Der Besuch des Arztes dauerte nicht lange. Er entschuldigte sich damit, daß es für ihn noch vieles zu erledigen gäbe. Pucki zögerte. Sollte sie Claus, wie sie das immer getan hatte, noch ein Stück Weges begleiten? Wenigstens bis zur Gartenpforte? Oder sollte sie im Zimmer bleiben? Nein, das würde der Mutter auffallen.

»Ich wünsche dir, daß die Vertretung nicht zu anstrengend ist, Claus«, sagte sie.

Sie gingen zusammen durch den Vorgarten.

»Und ich wünsche dir noch schöne Ferientage, Pucki. Laß dir die Sonne tief ins Herz scheinen.«

»Wann fährst du?« Das fragte sie nun schon zum dritten Male. Aber es fiel ihr im Augenblick nichts anderes ein.

»Morgen oder übermorgen.«

»Du – gehst natürlich gern nach Breslau zurück. – Ach ja, es ist der Beruf – den du liebst. Ich liebe meinen Beruf auch. Oh, ich will eine tüchtige Kindergärtnerin werden.«

Beide standen an der Gartenpforte. Wie oft hatte er im Laufe der Jahre mit Pucki an dieser Tür gestanden, wie oft war er hier ihren leuchtenden Augen begegnet. Heute sah sie an ihm vorbei.

»Leb wohl, Pucki.«

»Leb wohl, Claus.«

Sein Händedruck schmerzte sie. So fest hatte er ihre Hand noch nie umschlossen.

»Mögest du froh, gesund und heiter zum Herbst in dieses trauliche Haus zurückkehren, Pucki.«

Wenn er doch ginge! In ihrer Kehle würgte es. »Leb wohl, Claus«, klang es erneut von ihren Lippen. Dann löste sie gewaltsam ihre Hand aus der seinen.

Da ging er. Anfangs schaute sie ihm nicht nach, sondern ging in den Garten zurück. Als sie aber meinte, er müsse längst die Wegbiegung erreicht haben, eilte sie erneut an die Gartentür. Erschrocken fuhr sie zurück. Etwa zehn Schritte entfernt stand Claus. Da lief sie wieder zurück in den Garten und verbarg sich in der hintersten Laube.

Dann weinte sie.

Frau Sandler war über das Verhalten der beiden jungen Leute recht erstaunt. Was war vorgefallen? Was stand zwischen beiden, die sich von Herzen zugetan waren? Ob Pucki ihr etwas sagte? Fragen wollte sie nicht; es war nicht gut, mit unzartem Finger an ein liebendes Herz zu pochen. Pucki würde ihr früher oder später schon von ihrem Leid sprechen. Dann ließ sich hoffentlich alles zum guten Ende führen.

Am Abend gab sich Pucki die größte Mühe, durch aufdringliche Fröhlichkeit die Anwesenden über ihre Gefühle zu täuschen. Aber die Eltern merkten den wehen Unterton. Sie fragten aber die Tochter nicht.

Am anderen Tage äußerte Pucki den Wunsch, nach der Schmanz zu gehen, um nach Rose und ihrem Bübchen zu sehen.

Wie froh war sonst ihr Herz, wenn sie zwischen den geliebten Bäumen des Waldes dahinschritt. Heute klang ihr nicht einmal der Gesang der Vögel erquickend ins Herz. Sie schlich ein wenig müde dahin und dachte immer an Claus, der von ihr gegangen war, ohne ein herzliches Wort zu sagen.

Diesmal fand sie Rose im Haus. Sie war mit ihrem Knaben beschäftigt. Wieder lag der verklärte Ausdruck inneren Glückes auf ihrem Gesicht.

»Ich will ihn rasch schlafen legen, Pucki, dann habe ich eine halbe Stunde Zeit für dich. Das heißt, du mußt mit mir hinaus in die Küche kommen, ich muß das Gemüse für morgen putzen.«

»Ich helfe dir gern, Rose.«

»Mutter ist nach Rahnsburg gegangen; die Männer sind draußen auf dem Felde. Ich kann dir meinen Michael heute nicht bringen.«

»Heute suche ich dich allein, Rose.«

»Hast du Kummer, Pucki? Du siehst traurig aus.«

Sie beschäftigte sich noch ein Weilchen mit dem Knaben, dann wurde er ins Bettchen gelegt. Fürsorglich zog Rose die Vorhänge vor die Fenster, küßte ihr Kind auf die Stirn und sagte zärtlich:

»Nun schlafe gut, mein süßer Junge.«

Wie hatte sich Rose verändert, seitdem sie ein Kind hatte. Alles Scheue war von ihr abgefallen, alle Schüchternheit verschwunden. Ihr Frauen- und Mutterglück gab ihr eine Sicherheit. Einst hatte Pucki das scheue Mädchen liebevoll bemuttert, heute war es umgekehrt. Heute suchte Pucki, die immer geglaubt hatte, sie fände allein durchs Leben, Rat und Trost bei der Jungbäuerin.

Nun saßen sie in der Küche bei der Arbeit. Rose band Pucki eine derbe Schürze um und ließ es geschehen, daß das junge Mädchen Rüben schabte.

»Ich werde es Michael sagen, daß du mir geholfen hast. Sein Leibgericht ist es, das ich ihm morgen koche. Sonst haben wir dazu wenig Zeit. Da ich aber so tatkräftige Hilfe habe, schaffen wir die Arbeit. Der Michael hat dich sehr gern, Pucki.«

Über die roten Lippen Puckis kam ein Seufzer. Rose schaute erstaunt auf. »Dein Herz ist schwer, Pucki – was hast du? Kann ich dir helfen?«

»Als ich das letztemal bei dir war, Rose, sagtest du mir, du glaubtest, daß auch ich einmal heiraten würde. – Ach, Rose, ich glaube, ich bin unglücklich.«

»Und ich bilde mir ein, daß du als Braut nach Leipzig zurückkehren wirst.«

»Ach, Rose – alles ist aus.«

»Was ist aus, Pucki?«

»Claus hat eine Vertretung in Breslau angenommen. Er fährt wieder fort. – Vielleicht ist er schon abgereist. – Er hat Abschied von mir genommen. – Es war schrecklich.«

»Er hat dir nichts gesagt?«

»Nein, Rose, gar nichts! – Im Gegenteil, seine kalten Worte haben mir unendlich weh getan. Ach, Rose«, Puckis Stimme verlor an Festigkeit, »dir kann ich's ja sagen, dir ganz allein. Zu keinem Menschen habe ich bisher darüber gesprochen, auch nicht zu den Eltern. – Wer weiß, ob Claus mir gut ist.«

»Das glaube ich bestimmt.«

»Du irrst, Rose, ich bin seine Jugendfreundin – weiter nichts. Er kennt mich von klein an. Ich war ein sechsjähriges Mädchen, da spielte er schon mit mir. Ich erinnere mich noch ganz genau daran. Viele Kinder waren ins Forsthaus gekommen, da kam er mit seinem Vater und Bruder vorüber. Schon damals gefiel er mir gut, und das ist geblieben bis auf den heutigen Tag.«

»Habt ihr Streit miteinander gehabt?«

»Nein, Rose. – Vielleicht habe ich selbst noch nicht gewußt, daß er meinem Herzen so nahe steht. Ich konnte meine Gefühle für ihn bisher nicht erklären. Ich habe mir eingebildet, daß Claus und Hans Rogaten meine besten Freunde sind, einer mir so wert wie der andere. Dann aber habe ich erkennen müssen, daß ich für Claus ganz anders empfinde als für Hans Rogaten. Und heute weiß ich es mit Bestimmtheit, daß ich Claus liebe. – Doch er erwidert meine Neigung nicht.«

»Doch, Pucki, doch!«

»Ich möchte dich etwas fragen, liebe Rose, und möchte dich bitten, mir ganz ehrlich zu antworten. Du, als meine Freundin, darfst Vertrauen zu mir haben.«

»Ich habe niemals Geheimnisse vor dir gehabt, Pucki. Und wenn du etwas wissen willst, sage ich es dir gern.«

»Wie war es, als Michael um dich warb?«

Über Roses rundes Gesicht ging ein Lachen. »Ach, Pucki, das kam alles ganz von selbst.«

»Aber wie kam es?«

»Ich war hier auf der Schmanz. Der Bauer und die Bäuerin behandelten mich stets lieb und gut. Ich bemühte mich ehrlich, meine Pflichten zu erfüllen. Dann kam Michael nach Hause, der lange zur See gefahren war. Oh, der konnte zufassen! Ich bewunderte oft seine Kraft, seinen frischen, frohen Mut. Er konnte auch so viel Schönes erzählen, daß es für uns alle eine Freude war, ihm zuzuhören.«

»Und eines Tages, als ihr allein wart, hat er dir von seiner Liebe gesprochen! Bei Carmen war es genau so.«

»Bei Carmen mag es so gewesen sein. Einmal, es war Winter, da fuhr Michael mit dem kleinen Handschlitten davon, um Holz zu holen. Kurz vor dem Hofe blieb er stecken. Der Schnee hatte ihm den Weg verlegt. Ich war mit der Mutter in der Küche. Wir sahen, wie er sich quälte. ›Er wird's schon schaffen‹, meinte seine Mutter. Als er wieder vergeblich ansetzte, lief ich hinaus, stand plötzlich neben ihm, faßte kräftig mit an, und dann zogen wir den Schlitten mit dem Holz gemeinsam durch den tiefen Schnee. Im Hof machten wir halt. Da sagte Michael ganz schlicht: ›So, Rose, ich sehe, zweispännig geht es besser! Wir holen uns unser Holz, unser Gemüse, unser Getreide und unser Heu in Zukunft immer zweispännig. Dich sperre ich für alle Zeiten ins Haus. – Willst du bei mir eingesperrt sein?‹ – Das war seine Werbung. Ich habe ihn angesehen und habe gelacht. Da sagte er: ›Los, Schimmel, zieh, damit wir unser Holz unter Dach kriegen.‹ Dann haben wir abgeladen, und ich ging zurück in die Küche. Gesagt habe ich gar nichts, nur immer über seine Worte nachgedacht. Eine halbe Stunde später stand er neben dem Herd bei der Mutter und sagte: ›Mudding, die Rose und ich sind Brautleute.‹ Das war unsere Verlobung.«

»Du hast gar nichts gesagt?«

»Was sollte ich denn noch sagen, Pucki? Ich war sehr glücklich, und ich habe gewußt, daß ich bei meinem Michael sehr gut aufgehoben bin. Ich habe auch gesehen, daß sich seine Eltern darüber freuten. So muß es auch sein. Wenn eine junge Frau ins Haus kommt, muß sie von den Schwiegereltern gern gesehen sein.«

»Ja – ja– –«

»Niemals darf sie sich zwischen den Sohn und die Eltern stellen. Immer muß sie daran denken, daß es diejenigen sind, die dem Herzallerliebsten das Leben schenkten. Das muß man ihnen immer danken.«

»Du hast recht, Rose.«

»Bei dir wäre es doch ebenso, Pucki. Der Herr Oberförster hat dich sehr gern. Wenn er zu uns kommt, spricht er oft von dir. Er würde sich sehr freuen, wenn du seine Schwiegertochter wirst.«

»Das ist alles, alles vorbei!«

»Nein, Pucki, ich glaube es nicht. Ich bin zwar lange nicht so klug wie andere Menschen, aber ich ahne, wer für einander bestimmt ist. Du und Claus, ihr paßt sehr gut zusammen.«

»Ich werde einen Kindergarten aufmachen, aber – nicht in Rahnsburg. Ich glaube, es wäre für mich zu schwer, Claus täglich zu sehen und zu hören, wenn er eine andere erwählt hat. – Rose, ich gönne ihm gewiß jedes Glück, aber – aber – –« Pucki schluckte mehrmals.

»Wenn Claus nach Breslau gefahren ist, wird die Vertretung nicht lange dauern. Er läßt sich im Oktober in Rahnsburg nieder, und zu den Herbstferien siehst du ihn wieder – –«

»Ich möchte am liebsten zu den Herbstferien nicht herkommen.«

»Ach, Pucki, liebe Pucki«, rief Rose jämmerlich, »du tust mir furchtbar leid. Dir und deinen Eltern verdanke ich mein großes Glück, verdanke ich alles, was ich heute bin. Nun muß ich zusehen, wie sehr du leidest. Ich möchte dir helfen. Erzähle mir einmal ganz genau, was du mit Claus gehabt hast, denn etwas muß doch geschehen sein.«

So gut Pucki es vermochte, berichtete sie von dem Zusammensein mit Claus in der Oberförsterei und von seinem kurzen Abschied im Elternhause.

»Vielleicht denkt er, du liebst einen anderen. – Ach, Pucki, wäre ich nur etwas klüger, dann wollte ich ganz vorsichtig mit Herrn Oberförster Gregor reden oder noch besser mit Claus. Ach, wenn ich dich doch auch so glücklich machen könnte.«

»Laß nur, Rose, es kann nicht jeder glücklich werden. Ich will versuchen, in meinem Beruf zur Ruhe und zur Zufriedenheit zu kommen.«

Ein wenig ruhiger kehrte Pucki ins Forsthaus zurück. Trotzdem lag auch während der kommenden Tage tiefe Trauer über ihr. Die Mutter hatte schon mehrfach gefragt, was ihr fehle, aber Pucki schwieg dazu.

»Es könnte schon sein«, sagte Förster Sandler eines Abends zu seiner Frau, »daß ihr das Scheiden von Claus Herzweh verursacht.«

Am anderen Tage fragte Frau Sandler ihre Tochter nochmals, ob sie sich mit Claus gezankt hätte, doch auch jetzt gab Pucki ihr Geheimnis nicht preis. Aber Frau Sandler kam doch zu der Überzeugung, daß etwas vorgefallen sein müsse, denn Pucki schob ihre Besuche in der Oberförsterei immer wieder hinaus.

Die einzige, die ein verschmitztes Gesicht zu Puckis Leid machte, war Agnes.

»Ich weiß, was sie hat«, sagte sie leise zu Waltraut. »Sie ist verliebt. Sie liebt den – Hans Rogaten. Wenn sie wieder nach Leipzig kommt, wird sie wieder fröhlich werden.«

»In Hans Rogaten ist Pucki nicht verliebt«, meinte Waltraut, »aber in Claus Gregor.«

Agnes lachte übermütig. »Hast du 'ne Ahnung! Ich weiß das besser.«

»Ach, du weißt gar nichts!«

Am Abend, als Pucki wieder allein durch den Garten schritt, gesellte sich Agnes zu ihr.

»Ich weiß, daß du verliebt bist«, flüsterte sie.

»Rede keinen Unsinn, Agnes«, sagte Pucki ein wenig barsch.

»Ich weiß es, ich weiß es genau! – Ich weiß auch, daß du den Hans Rogaten liebst.« Dann stürmte Agnes davon.

»Du bist ein – –« Pucki wollte der Schwester eine zweifelhafte Liebkosung nachrufen, hielt aber jäh inne. »Du bist ein Schaf«, wollte sie sagen, weil Agnes glaubte, daß sie Hans Rogaten liebte.

Wieder vergingen Tage, und noch immer war Puckis alte Fröhlichkeit nicht zurückgekehrt.

Während eines Mittagessens fragte die Mutter energisch: »Ich möchte nun endlich wissen, mein Kind, was dir fehlt. Wenn du es nicht sagen willst, schicke ich zum Arzt. Hast du Schmerzen?«

»Aber Mutti, was sollte mir fehlen? Ich schlafe wie ein Murmeltier, ich bin abends müde wie ein Pferd, ich laufe umher und springe wie ein Reh und esse wie ein hungriger Wolf.«

»Na, Mutti«, meinte Agnes ein wenig altklug, »dann schicke nicht zum Doktor, sondern zum Tierarzt.«

Diese Bemerkung der Schwester löste bei Pucki seit langer Zeit ein lautes Lachen aus.

»Ja, ja«, sagte Vater Sandler zu Agnes, »unsere Pucki hat immer einen großen Mund gehabt, doch deiner ist beinahe noch größer.«

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