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Pucki - Unser Mütterchen

Magda Trott: Pucki - Unser Mütterchen - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorMagda Trott
titlePucki - Unser Mütterchen
publisherVerlag von A. Anton & Co.
printrun11.-20. Tausend
yearo.J.
firstpub1939
illustratorG. Kirchbach
senderreuters@abc.de
second correctorRegine Kreutz
created20160718
modified20180123
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Die Briefwaage

Der Vater behielt recht. Nicht nur Karl, auch Peter und Rudi legten sich mit Masern zu Bett, und Pucki übernahm die Pflege ihrer drei Knaben. Es war unmöglich, daß ihr Waltraut helfen konnte, weil in der Klinik zur Zeit auch Kinder lagen, so daß Ansteckungsgefahr vorhanden war. Waltraut durfte daher das Privathaus nicht betreten. Pucki lehnte es ab, eine Helferin anzunehmen, denn auf ihre gute Emilie konnte sie sich verlassen. Sie versorgte den Haushalt vortrefflich allein. So ging alles seinen geordneten Gang.

Während bei Peter und Rudi die Masern leicht auftraten, zeigten sie bei Karl einen schlimmeren Verlauf. Trotzdem war Karl der geduldigste der drei Kranken. Er beobachtete beständig die Mutter, die geräuschlos zwischen den Betten hin und her ging, immer mit einem lieben Lächeln auf dem Gesicht. Für jedes Kind hatte sie zärtliche Worte. Unermüdlich beantwortete sie die vielen Fragen von Peter und Rudi. Wegen der beiden jüngeren Kinder hatte sie keine Sorge, denn die Krankheit verlief gutartig, dagegen saß die besorgte Mutter häufig an Karlchens Bett und blickte kummervoll darein.

»Du bist immer gut zu mir, Mutti«, sagte Karl einmal.

Zuweilen streichelte er zärtlich die Hand der Mutter und flüsterte matt: »Mutti, hat es der Manfred auch so gut? Ist der Manfred schon wieder gesund? Wenn du ihn siehst, sage ihm, daß er mein allerbester Freund ist.« – –

Eines Tages fand Pucki in Peterlis Bett sechs Pferde aus seinem Pferdestall.

»Wo hast du die Pferde her, Peter?«

»Sie sind zu Peter gelaufen, um ihn zu besuchen«, antwortete er.

»Peter, wo hast du die Pferde her?«

K.

»Weiß nicht, Mutti. – Auf einmal waren sie hier. Sie haben sich mächtig gefreut, daß sie in mein Bett durften.«

»Ich frage dich zum dritten Male, Peter«, sagte Pucki ernst, »wo hast du die Pferde her?«

Der Kleine sah ins Leere und sagte stockend: »Wirklich, Mutti, alle Pferde sind hergelaufen.«

»Es tut mir weh, Peter, daß du deiner Mutti die Unwahrheit sagst. Dreimal habe ich dich gefragt – dreimal hast du die Unwahrheit gesagt. – Du sollst nicht aus dem Bett steigen, wenn du krank bist. Willst du, daß deine Mutti sich noch länger um euch ängstigen muß? Du kannst schwerkrank werden, wenn du mit bloßen Füßen im Zimmer umherläufst. Ich habe es euch verboten, und ich wünsche dringend, daß ihr euch nach meinen Worten richtet. Ich werde dich nicht mehr liebhaben, Peter, wenn du deine Mutter belügst.«

Der Gescholtene wollte schmeichelnd beide Arme um den Hals der Mutter legen, aber sie wehrte ab. Da griff Peter nach den Pferdchen, warf sie ins Zimmer und sagte reumütig:

»Mutti, nun sind sie wieder weggelaufen. – Bitte, sei wieder gut!«

Aber Peter mußte den ganzen Tag über merken, daß er seine Mutti tief gekränkt hatte. Da versprach er, nie wieder eine Unwahrheit zu sagen. Auch die sanften Ermahnungen der Mutter nahm er geduldig hin und war erst wieder froh, als sie ihm verzieh. – –

Viele Erkundigungen nach dem Befinden der Kinder liefen ein. Die Großeltern schickten manches Päckchen mit Süßigkeiten; Großmutter Gregor schrieb außerdem liebevolle Briefe an ihre Enkelkinder, ebenso Onkel Eberhard, der Bruder des Vaters, der gerade von einer großen Weltreise zurückgekommen war.

»Mutti, lies doch mal den Brief vor«, bat Karl. »Onkel Eberhard schreibt immer so ulkig.«

Da las Pucki einige Stellen aus dem Brief vor. Eberhard berichtete unter anderem, daß bei seiner Überfahrt ein blinder Passagier an Bord gewesen sei. Es war ein junger Mensch von siebzehn Jahren.

»Und blind ist er schon?« fragte Peter.

»Nein, blind ist er nicht«, sagte Pucki, »er ist ohne Fahrkarte ganz heimlich auf das Schiff gekommen und hat sich dort verborgen gehalten. Der Kapitän hat ihn vor der Abreise nicht gesehen.«

»Ach so, dann war der Kapitän blind.«

»Nein, Peter, der junge Mann hat sich auf das Schiff eingeschmuggelt.«

»Na, dann war wohl der Mann, der die Fahrkarten knipste, blind?«

»In einem Augenblick, da niemand die Ein- und Ausgehenden beobachtete, ist der junge Mann heimlich auf das Schiff gegangen und hat sich dort bis zur Abfahrt versteckt.«

»Und dann hat er gesagt, er ist blind?« fragte Peter.

»Nein, mein Junge, man nennt einen Menschen, der sich ohne Fahrkarte auf ein Schiff schleicht und sich dort solange verborgen hält, bis das Schiff auf hoher See ist, einen blinden Passagier.«

»Wenn er nicht blind ist, Mutti, warum nennt man ihn nicht einen versteckten Passagier?«

»So könnte man natürlich auch sagen, Peter.«

»Warum kommt er denn aus dem Versteck, wenn er keine Fahrkarte hat?«

»Man hat ihn wohl gefunden, als man im Schiff etwas suchte.«

»Mutti, was hat man im Schiff gesucht?«

»Sei endlich still, Peter!« rief Karl. »Mutti muß immerzu auf deine vielen Fragen antworten, das macht ihr keinen Spaß. Sei still!«

»Mutti«, drängte Peter weiter, »erzähle noch mehr von dem blinden Passagier! – Warum kommt er dann vor?«

»Weil er Hunger hat.«

Peter lachte verschmitzt. »Kommt dann der Kapitän und gibt ihm was zu essen? Oder kriegt er nichts?«

»Freilich bekommt er zu essen. Man kann ihn doch nicht verhungern lassen.«

»Mutti, da können doch alle armen Leute als blinder Passagier über das große Wasser fahren?«

So folgte Frage auf Frage. Es dauerte noch lange, bis Peter sich über den blinden Passagier ein wenig beruhigt hatte. Als Pucki später wieder an sein Bett trat, hatte er die Decke über den Kopf gezogen.

»Peter, was machst du schon wieder?«

»Ich bin auch ein blinder Passagier, Mutti, das hier ist das Schiff. Du bist nu' der Kapitän, der kommt und bringt mir was zu essen.«

»Du sollst ruhig im Bett liegen und dich nicht soviel bewegen, Peter. Willst du denn nicht gesund werden?« –

Peter und Rudi waren längst auf dem Weg der Genesung, während es mit Karl nur sehr langsam bergauf ging. Wenn Pucki glaubte, daß sie endlich mit einer dauernden Besserung rechnen konnte, trat wieder erneut Fieber auf, so daß die Sorgen kein Ende nehmen wollten. Auch Claus, der täglich seine Kinder besuchte, war mit dem Zustand seines Ältesten nicht zufrieden.

»Es wird gut sein, Pucki, wenn wir die beiden anderen Jungen aus dem Zimmer nehmen, damit Karl mehr Ruhe hat.«

Da wurde an einem Vormittag ein Bote von Frau Heiwer zu Frau Doktor Gregor gesandt mit der Bitte, einmal zu ihr zu kommen. Manfred ginge es sehr schlecht, er verlange dringend nach seinem Freund Karl. Pucki wollte anfangs ablehnen, um nicht in ein anderes Haus eine Ansteckungsgefahr zu bringen. Aber schon am anderen Tag bat Frau Heiwer noch dringender und schilderte den Zustand ihres Kindes als äußerst ernst. – So machte sich Frau Doktor Gregor auf den Weg, nachdem sie sorgsam alle Kleidungsstücke gewechselt hatte. Da im Heiwerschen Hause auch Masern waren, konnte sie schon einen Besuch wagen.

Mit großem Erschrecken schaute sie Karlchens besten Freund an. Zu den Masern hatte sich eine schwere Grippe gesellt. Frau Heiwer berichtete weinend, daß der Arzt dreimal täglich käme und sehr besorgt wäre. Kaum hatte Manfred Pucki erblickt, als er fragte, ob Karl auch gekommen sei.

»Nein, mein lieber Junge, er hat noch die Masern und muß im Bett bleiben. Er läßt dich vielmals grüßen.«

»Tante Gregor«, flüsterte der Knabe matt, als seine Mutter für einen Augenblick aus dem Zimmer gegangen war, »bleibst du hier?«

»Ein Weilchen will ich gern hierbleiben, Manfred.« Pucki rückte ihm die Kissen zurecht, wischte die Schweißtropfen von seiner Stirn und sprach leise und zärtlich mit dem schwerkranken Kind.

»Ich werde noch lange nicht wieder gesund«, sagte Manfred.

»Aber lieber Junge, was sind das für Gedanken! Du wirst bald wieder gesund, wenn du die Anordnungen des Arztes und der lieben Mutti befolgst.«

»Ich will dir ganz leise was sagen, Tante Gregor.«

Tief neigte sich Pucki zu dem Kind nieder.

»Bring mir meine Briefwaage, Tante Gregor, bitte – bitte!«

»Gern, mein lieber Junge.«

»Oh – du bist gut.«

»Wo steht sie denn, Manfred?«

»Im Zimmer nebenan, in meinem Spielschrank. Ich will gern, daß die Briefwaage bei mir ist. Ich spiele so gerne mit ihr.«

Diese Briefwaage, das wußte Pucki, war für Manfred der Inbegriff alles Schönen. Sein Vater; Rechtsanwalt Heiwer, wollte einstmals das verbogene Ding wegwerfen, da sie nicht mehr genau das Gewicht anzeigte. Damals hatten gerade Karl und Manfred miteinander gespielt. Sie sahen die Briefwaage im Papierkorb liegen, und jeder wollte sie haben. Manfred hatte sie dann behalten. Es gab für die beiden Knaben nichts Schöneres, als auf dem Teller der Waage Papier, Steine, Holzstückchen, kurzum alles, was sie fanden, abzuwiegen. Dabei gingen die beiden Flügel der Waage auseinander, und es sah aus, als sperre die Waage das Maul weit auf. Dieses Aufsperren des Maules war so schön, daß die Knaben sich immer neu daran begeisterten. Die Briefwaage blieb das liebste Spielzeug für Manfred. Keiner konnte es begreifen, aber es war so.

Pucki holte die Briefwaage herbei. Manfred schaute sie glücklich mit seinen fieberheißen Augen an. »Sieh doch«, sagte er, »wie sie das Maul aufreißt! Als ob sie schreit. Tipp mal drauf.«

»Aber nur einmal, Manfred, dann stellen wir die Briefwaage hier auf deinen Nachttisch neben dein Bettchen. – Du hast ein sehr heißes Köpfchen.«

»Ich bin auch so müde, Tante Gregor.«

Während Frau Gregor die Briefwaage noch in Händen hielt, betrat Frau Heiwer wieder das Zimmer.

»Was soll das?« rief sie erregt.

»Mutti, bitte, laß mir doch mein schönstes Spielzeug!«

»Du bist krank, Manfred, du darfst nicht spielen.«

Über das eben noch frohe Kindergesicht ging eine tiefe Traurigkeit. Dann kamen ihm die Tränen in die Augen.

»Nicht weinen, Manfred«, sagte Pucki, »wenn du gut ausgeschlafen hast, gibt dir die Mutti das Spielzeug wieder ins Bett.«

»Nein«, sagte Frau Heiwer, »du sollst ganz ruhig liegen und dich schonen.«

Als Pucki gehen wollte, griff Manfred angstvoll nach ihrer Hand. »Komm doch wieder, Tante Gregor, du bist immer so lieb. – Du, Tante Gregor, Karl hat gesagt, du bist sein liebes Mütterchen. Das ist schön.« Und mit einem scheuen Blick auf die Mutter flüsterte der kranke Knabe: »Ich sage auch mal ›mein Mütterchen‹ zu dir. – Nun komm bald wieder.«

Frau Heiwer begleitete ihren Gast hinaus. Draußen entschuldigte sich Frau Gregor wegen ihres eigenmächtigen Vorgehens. »Ich wußte ja nicht, Frau Heiwer, daß ich in Ihren Augen ein Unrecht beging. Ich dachte an meine Kleinen; ich hätte ihnen gewiß diesen Wunsch erfüllt.«

»Manfred ist sehr krank, Frau Gregor.«

»Er hat sich sehr über die Briefwaage gefreut. Gerade weil er sehr krank ist, glaubte ich, ihm diese Freude machen zu müssen. Seien Sie mir nicht böse.«

»Sie meinen es gut, liebe Frau Gregor. Sie haben eine ganz andere Art, mit Ihren Kindern umzugehen; ich verstehe es wohl nicht so gut. Und doch habe ich meine Kinder über alle Maßen lieb. – Wenn Sie meinen, daß ihm das Spielzeug nichts schadet, will ich ihm die Briefwaage lassen.«

»Ich glaube, es wird Manfred sehr freuen.«

Frau Heiwer drückte Pucki herzlich die Hand. »Man weiß überall, was Sie für eine gute Mutter sind. Manfred soll sein Spielzeug haben.«

Zwei Tage später wurde Frau Doktor Gregor durch den Fernsprecher wieder zu Heiwers gerufen. Es ginge mit Manfred zu Ende, hieß es, er verlange dringend nach Pucki, er riefe im Fieber nach ihr, sie möge bald kommen.

Pucki suchte ihren Mann auf. »Geh nur hin, Pucki, das Kind wird nicht mehr lange am Leben sein. Es geht wohl mit ihm zu Ende. Da er dich noch einmal sehen will, erfülle ihm den Wunsch. Er hat dich gewiß sehr gern.«

Schweren Herzens machte sich Frau Doktor Gregor auf den Weg. Sie fand eine in Tränen aufgelöste Mutter und einen todkranken Knaben. Trotz des hohen Fiebers erkannte Manfred die geliebte Tante Gregor sofort. Sie stand an seinem Bettchen neben Frau Heiwer, die vor Aufregung kaum sprechen konnte. Als Pucki einen Schritt nach rückwärts machte, rief der Knabe ängstlich:

»Geh nicht fort, damit die bösen Tiere nicht wiederkommen. – Bleibe hier!«

Pucki hielt die kleine Kinderhand in der ihren und befühlte die heiße Stirn.

»Ich will eine neue Kompresse holen«, sagte Frau Heiwer leise und eilte davon.

»Mütterchen«, flüsterten die Kinderlippen, »ist mein bester Freund wieder gesund?«

»Noch nicht, Manfred, aber es geht ihm bedeutend besser.«

Dann lag der Knabe wieder still in den Kissen, während ihm die Mutter die kühlende Kompresse auf die Stirn legte. Schwer ging sein Atem.

»Du wirst wieder gesund werden, kleiner Mann. Tante Gregor kommt oft, um dich zu besuchen. – Soll die Briefwaage das Maul wieder einmal ganz weit aufreißen?«

»Bleiben Sie bitte noch hier«, flüsterte Frau Heiwer, »ich will den Arzt noch einmal rufen. – Ich habe furchtbare Angst, der Arzt muß sofort kommen.«

»Soll ich es lieber tun?« fragte Frau Gregor ebenso leise zurück.

»Nein, ich will selbst anrufen. Bitte, nehmen Sie für einen Augenblick meinen Platz am Bett des Kindes ein.«

Nun saß Pucki auf dem Stuhl und sprach sanft und leise mit dem Kranken. Da sagte er:

»Tante Gregor – – ich schenke meinem besten Freund – das schöne Spielzeug. – – Sage ihm das. – – Der Mutti – – habe ich es auch schon gesagt. – – Ich gebe es ihm gern. – Wenn ich – – aber wieder gesund – werde – – behalte ich – – es. – Ich bin – – so müde.«

Die letzten Worte waren wie gehaucht.

»Nicht mehr sprechen, ganz still liegen«, sagte Pucki sorgenvoll und schaute zur Tür. »Im Schlafe kommen die lieben Englein zu dir und jagen die böse Krankheit fort. Dann wirst du gesund werden und kannst wieder mit Karl spielen.«

»Mein – – allerbester – – Freund.«

Pucki atmete befreit auf, als Frau Heiwer das Zimmer wieder betrat. Sie saß am Bett ihres Jungen und betrachtete voller Angst das immer schwächer werdende Kind. Leiser und leiser ging der Atem.

Plötzlich streckte sich der kleine Körper. Da fuhr Frau Heiwer verstört auf.

»Er stirbt!« rief sie schmerzerfüllt.

»Er schlummert sanft hinüber.«

»Mein Junge, mein geliebter Junge – –« schluchzte Frau Heiwer auf.

»Still doch, still«, flehte Frau Gregor.

»Wo bleibt der Arzt?« rief Frau Heiwer ängstlich. »Mein Jungchen!«

Aber Manfred schien nichts mehr zu hören. Er lag friedlich in den Kissen, die Augen geschlossen.

»Mein Mann muß kommen – –« jammerte die arme Mutter.

Pucki ging zur Tür, gab dem Hausmädchen hastig Bescheid und kehrte dann leise ins Zimmer zurück. Frau Heiwer kniete an Manfreds Bett und hatte den Kopf in die Kissen vergraben. Mit wehem Herzen betrachtete Frau Gregor die verzweifelte Mutter. Sie mußte an ihre eigenen Kinder denken und konnte den Schmerz der Mutter nur zu gut verstehen. Ein Kind zu verlieren, ist wohl das Schwerste, was einer Mutter geschehen kann.

Als Rechtsanwalt Heiwer kam, ging Pucki leise hinaus. Traurig trat sie den Heimweg an. Schon eine Stunde später erhielt sie die Nachricht, daß Manfred ohne jeden Kampf sanft entschlafen war.

Pucki weinte bitterlich. Den Kindern durfte sie ihren Schmerz nicht zeigen. Besonders Karl würde sie sofort nach dem Freund fragen. Ihm wollte sie die traurige Nachricht zunächst noch verschweigen.

Und wirklich, kaum stand Pucki am Bett ihres Ältesten, als er sich sogleich nach dem Freund erkundigte.

»Mutti, ist Manfred wieder gesund?«

»Nein, Karlchen, Manfred ist noch krank. Ich denke aber, daß ihr beide bald wieder aufstehen könnt. Mache dir keine Sorgen um ihn, Karlchen.«

»Mutti – ich habe vorhin weinen müssen, als ich an ihn dachte. Kann er nicht mal zu mir kommen?«

»Später, Karlchen, erst muß er gesund werden.« – –

Langsam ging es mit Karl besser. Am Tag, als Manfred beerdigt wurde, meinte Doktor Gregor, das Schwerste sei nun wohl überstanden, man könne damit rechnen, daß Karl in vierzehn Tagen wiederhergestellt sei.

Pucki hielt die Briefwaage Manfreds in Händen. Frau Heiwer hatte ihr das Spielzeug gesandt. Sie wußte, daß es der todkranke Knabe für seinen liebsten Freund bestimmt hatte. Sie glaubte, Karl damit eine ganz besondere Freude zu machen, wenn sie ihm, der der Genesung entgegenging, dieses Spielzeug brachte.

»Schau her, Karlchen, dein bester Freund hat dich so lieb, daß er dir sein schönstes Spielzeug schickt. Er gibt es dir gern.«

»Ach, die schöne Briefwaage!« Karlchen drückte sie erfreut an die Brust.

»Freut sie dich?«

»Ja, Mutti – aber warum schickt er mir die Briefwaage? Er hat sie doch selber so gerne?«

»Seinem besten Freund schenkt man immer das, was man am liebsten hat«, sagte Pucki.

»Mutti, bitte, gib sie ihm wieder. Er mag sie so gut leiden. Ich lasse mich schön bei ihm bedanken, aber ich will ihm das schönste Spielzeug nicht fortnehmen. Nur heute will ich damit spielen.«

»Du sollst sie behalten, Karlchen, für immer.«

Vielleicht klang in Puckis Stimme etwas, das Karl stutzig machte. »Mutti«, sagte er angstvoll, »wird der Manfred wirklich bald gesund?«

»Du sollst auch bald wieder gesund werden, Karlchen«, umging Pucki die Frage. »Lege dich jetzt schön hin, die Mutti bringt dir eine Tasse Kakao.«

Eine merkwürdige Unruhe hatte Karl erfaßt. Schließlich hielt es Pucki für ratsam, die Briefwaage wieder wegzustellen.

»Wenn ihr beide wieder gesund seid, könnt ihr untereinander ausmachen, wer sie haben soll.«

Peter und Rudi durften schon wieder draußen spielen, als sich Karl zum ersten Male vom Krankenlager erhob. Am Arm der Mutter ging er in der Stube umher, durfte zum Fenster hinaussehen und begrüßte die im Garten arbeitende Frau Mahler. Pucki erlaubte es ihm sogar, am geöffneten Fenster zu bleiben, damit er den Garten mit den schönen Blumen sehen konnte.

Da saß der Knabe nun, und das schmalgewordene Gesicht färbte sich vor Freude rot, wenn er unten bald diesen, bald jenen vorübergehen sah. Wenn nur erst Manfred zu ihm käme, damit er mit ihm spielen konnte! – –

Eines Nachmittags, als Karl wieder am geöffneten Fenster saß, erlauschte er unten ein Gespräch zwischen Frau Mahler und Emilie. Karl beugte sich weit hinaus.

»Einen Kranz muß ich noch winden«, sagte Frau Mahler. »Frau Doktor Gregor will heute zum Grab des kleinen Manfred gehen. Es soll ein Kranz von Blumen aus unserem Garten sein.«

»Was haben Sie gesagt?« fragte von oben her erschreckt die Knabenstimme.

Die Gärtnersfrau, die nicht ahnte, daß man Karl bisher den Tod seines Freundes verschwiegen hatte, sagte ahnungslos:

»Für deinen lieben Freund winde ich einen schönen Kranz.«

»Manfred – – Manfred ist tot?«

Nun erst merkte Frau Mahler, was sie angerichtet hatte. Sie versuchte sich herauszureden, aber schreckensbleich forschte Karl nochmals:

»Manfred ist tot?«

»Mußt nicht traurig sein, Karlchen, der liebe Gott hat ihn zu sich genommen.«

Karl verschwand vom Fenster. Es war ihm plötzlich glühheiß geworden. Er wußte kaum noch, was er tat, er begriff nur das eine, daß sein Freund Manfred nie mehr zu ihm kommen würde. Er lag ja im Grab. Wenn jemand erst dort unten lag, kam er nie wieder.

»Mutti!« rief er mit zitternden Lippen, »Mutti!« Als die Gerufene nicht kam, weil sie in der Küche war und sein Rufen nicht hörte, taumelte Karl aus dem Zimmer. Wieder klang es im höchsten Schmerz: »Mutti!«

Da hörte Pucki das Rufen. Sie eilte hinaus auf den Flur und sah das blasse Gesicht ihres Kindes, das sich in ihre Arme flüchtete.

»Mutti – ist der Manfred tot?«

Wortlos drückte die Mutter den Knaben an sich. Sie fühlte das Beben, das durch den Körper ihres Kindes lief.

»Karlchen, liebes Karlchen – –«

»Manfred ist tot«, wiederholte der Knabe erschauernd.

Die Mutter führte ihn ins Zimmer zurück und legte ihn auf das Bett. Dann setzte sie sich zu ihm, faßte seine Hände und sprach beruhigend auf ihn ein. Sie erzählte Karl, wie ruhig und friedlich Manfred von der Erde gegangen sei, daß er in seiner letzten Stunde an seinen besten Freund gedacht und ihm zum Andenken sein liebstes Spielzeug geschenkt hätte.

Ergriffen weinte Karlchen auf. Dann verlangte er nach der Briefwaage. Als er sie in den Händen hielt, flossen seine Tränen noch reicher.

»Mutti, ach, Mutti, Manfred kommt nicht wieder!« Zärtlich nahm er die Briefwaage in die Hände, und sein Schmerz wollte nicht linder werden.

»Nicht so sehr weinen, Karlchen«, sagte Pucki und dachte daran, wie einst Karl sie in ihrem heißen Schmerz ebenso getröstet hatte. Der Knabe konnte sie damals nicht weinen sehen, wie auch ihr nun der kindlich Schmerz um den Freund tief ins Herz schnitt. »Mein Junge, mein geliebter Junge, du hast deine Mutti einmal gar so lieb getröstet, als sie weinte. Heute muß dich nun deine Mutti trösten. Manfred ist von allem Schmerz, von allem Leid erlöst, er schläft sanft und friedlich. Nun ist er schon oben im Himmel und schaut auf dich herab. Er wird auch dort oben seinen besten Freund nicht vergessen.«

Am Abend dieses Tages nahm Karl die Briefwaage mit ins Bett. Als ihm die Eltern gute Nacht sagten, waren seine Wangen wieder naß.

»Ich denke immerfort an meinen besten Freund. Ich werde auch für ihn beten, Mutti, damit er mich im Himmel nicht vergißt.«

»Ja, Karlchen, tue das!«

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