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Pucki - Unser Mütterchen

Magda Trott: Pucki - Unser Mütterchen - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorMagda Trott
titlePucki - Unser Mütterchen
publisherVerlag von A. Anton & Co.
printrun11.-20. Tausend
yearo.J.
firstpub1939
illustratorG. Kirchbach
senderreuters@abc.de
second correctorRegine Kreutz
created20160718
modified20180123
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Onkel Doktor

»Ach, Mutti – bist du fein glatt!« sagte Rudi, und seine Hände strichen über das dunkelblaue Seidenkleid, das Pucki angezogen hatte, denn Doktor Gregor war mit seiner Gattin zur Einweihung eines neuerrichteten Waisenhauses in Rahnsburg gebeten worden. Verschiedene Unglücksfälle hatten in letzter Zeit mehreren Kindern die Eltern genommen, und so erschien es der Stadtverwaltung immer dringender notwendig, ein neues Waisenhaus zu errichten, zumal Herr Wallner im vorigen Jahre einen größeren Geldbetrag der Stadt für wohltätige Zwecke gespendet hatte. Seine Frau, die schwer erkrankt war, hatte in der Klinik von Doktor Gregor gelegen, aber der Arzt gab wenig Hoffnung, die Kranke am Leben zu erhalten. Da versicherte Herr Wallner, er werde Herrn Doktor Gregor aus Freude einen größeren Betrag schenken, wenn er seine Frau wieder gesund machte. Und das gelang tatsächlich dem Arzt, aber Claus lehnte den Geldbetrag dankend ab und veranlaßte Herrn Wallner, das Geld der Stadt zu übermitteln, da man sich mit dem Plane trug, ein Waisenhaus zu errichten.

Nun stand der Bau fertig da. Sechzehn elternlose Kinder waren bereits angemeldet und eine Leiterin bestellt. Nun sollte heute die Einweihung erfolgen.

»Werdet ihr auch artig sein und der guten Emilie folgen, während wir fort sind? In einer Stunde sind wir zurück, dann gibt es Mittagessen. Verderbt den Eltern den Sonntag nicht. Wenn ich keine Klagen höre, machen wir heute nachmittag einen schönen Spaziergang.«

»Wenn du nur ein bißchen klagen hörst, Mutti – gehen wir dann auch spazieren?« fragte Peter.

»Nein, kleiner Mann, ich will ganz artige Kinder haben.«

»Wenn wir aber – –«

Karl stieß den Bruder in die Seite und flüsterte ihm zu: »Sei still! Ich habe noch ein Bonbon, das schenke ich der Emilie, dann sagt sie nichts.«

So machten sich Pucki und Doktor Gregor auf den Weg. Noch einmal ermahnte die Mutter die Kinder, auch in der Klinik keine Unarten zu treiben und, falls sie hingingen, recht leise zu sein, weil zwei Schwerkranke eingeliefert worden waren. Claus konnte die Klinik ruhig für Stunden verlassen, denn dort war seit mehr als zwei Jahren Doktor Eck mit ihm tätig, ein Arzt, der sein volles Vertrauen genoß und auf den er sich verlassen konnte.

Doktor Eck wurde von den Knaben sehr geliebt. Sie konnten mit ihm manchen Spaß machen, und er wußte immer etwas Drolliges zu erzählen. So beschlossen die drei, ihn auch heute wieder aufzusuchen, um ihm den üblichen Sonntagsgruß zu bringen.

Erst gingen sie in die Küche zu Emilie. Die war mit dem Kochen beschäftigt.

»Du kannst uns jetzt nicht brauchen«, sagte Karl wichtig. »Da wir heute artig sein sollen, gehen wir hinüber zum Onkel Doktor und zu Tante Waltraut.«

»Aber nicht lärmen! – Noch eins, Karlchen, laufe mal schnell in den Garten und pflücke ein Sträußchen Petersilie ab. Nicht viel! Das bringst du mir her.«

Freudig stürmten die drei Knaben davon, denn in den Garten gingen sie gar zu gern. Aber noch viel schöner war es, wenn Herr Mahler nicht anwesend war, denn der paßte genau auf, daß nichts zertreten wurde. Herr Mahler hatte die Eltern soeben mit dem Auto fortgefahren.

Seit Doktor Gregor das Mahlersche Ehepaar angestellt hatte, war auch der Gemüsegarten erheblich vergrößert worden. Pucki hielt das für dringend notwendig, da man oftmals in der Klinik bestimmtes Gemüse und auch Obst brauchte. Nun sorgte Herr Mahler dafür, daß alles gut instand war. Ein Teil jener Wiese, die einstmals dem Nachbar Dreffensteg gehört hatte, war als Gemüsegarten hergerichtet worden. Ein Bach, der ihn durchfloß, grenzte den Garten ab. Ein Drahtzaun war darum errichtet, damit die Mitschüler, die sich oft bei den Gregorschen Kindern einstellten, nicht ohne weiteres im Gemüsegarten umhertollen konnten. Auf der Wiese waren Obstbäume gepflanzt worden, dort durften die Kinder spielen.

K.

Karlchen ging sogleich hin zu dem Beet mit der Petersilie, um sie zu pflücken. Rudi half ihm dabei. Peter dagegen schlich weiter: dort drüben lockten die Erdbeerbeete. Es war ihm zwar streng verboten worden, die Früchte abzupflücken. Nur die Pflanzen, die an den Beetecken standen, waren den Kindern freigegeben worden. Da aber diese Pflanzen längst abgeerntet waren, pflückte Peter rasch einige großen Beeren von anderen Stauden ab und ließ sie im Munde verschwinden. Scheu blickte er sich nach dem älteren Bruder um, denn er wußte ganz genau, daß Karl ihn ausschimpfen würde.

Die Erdbeeren schmeckten prächtig! Für Peter gab es kein Halten mehr. Da hörte er Karls Stimme: »Peter, wo bist du? – Nimmst du schon wieder Erdbeeren fort?«

In wenigen Minuten würde Karl herkommen, das wußte Peter. Da grub er hastig mit beiden Händen eine reichtragende Staude in der Mitte des Beetes aus, riß die Pflanze, die an der Beetecke stand, aus der Erde und pflanzte dafür rasch die andere ein. Mit dem unschuldigsten Gesicht empfing er die herankommenden Brüder.

»Du sollst doch keine Erdbeeren nehmen!« schalt ihn Karl aus.

»Immer nur von der Ecke! – Es hängt noch viel dran.« Peter riß eine Beere ab. Doch da kam die ganze Pflanze mit aus dem Erdreich.

»Peter, du bist ein unartiger Junge«, rief Karl, »du hast eine Pflanze ausgerissen. Da haste eins!« Damit versetzte er dem jüngeren Bruder einen kräftigen Schlag auf die Wange. »Mutti hat es verboten, schäme dich! Pfui, schäme dich! – Das ist gestohlen! – Jetzt kommst du mit! – Ach, die arme Pflanze!«

Sorgfältig versuchte Karl, die herausgerissene Pflanze wieder einzusetzen. Dabei schalt er weiter: »Nein, so ein dummer Junge! Warte nur! Oder meinst du, Herr Mahler sieht das nicht? Der hat die Erdbeeren gezählt! Na, dir wird es heute noch schlecht gehen!«

Peter fühlte sich schuldig. Außerdem schmerzte das Gesicht. Tapfer verbiß er sich die hervorquellenden Tränen, denn er sah ein, daß er wieder einmal unfolgsam gewesen war. – Die Erdbeeren schmeckten aber doch gar zu gut!

Die Petersilie wurde zu Emilie gebracht, aber Peter blieb schuldbewußt an der Küchentür stehen. Wenn der große Bruder auch nichts sagte, Rudi würde den Mund ganz gewiß nicht halten können. Es war wohl am richtigsten, wenn er sich sogleich hinüber in die Klinik begab, um sich vom Onkel Doktor etwas erzählen zu lassen.

Peter machte sich also unbemerkt auf den Weg und klopfte an Doktor Ecks Zimmertür. Als keine Antwort erfolgte, versuchte er, die Tür zu öffnen. Es gelang ihm aber nicht. Nicht nur Doktor Eck, auch der Vater schloß stets die Zimmertüren ab, weil es schon mehrfach vorgekommen war, daß die Knaben unbeobachtet in die Zimmer gegangen waren und Unordnung geschaffen hatten.

Auf Zehenspitzen schlich Peter den langen Flur entlang. Vielleicht fand er Tante Waltraut, Muttis Schwester, die als Krankenpflegerin in der Klinik tätig war. Aus einem Zimmer hörte er die Stimme Doktor Ecks. So wartete er geduldig, bis der Arzt heraustrat. Dann nahm er ihn sogleich bei der Hand und bat:

»Onkel Doktor, komm doch gleich in dein Zimmer und erzähle mir was. Ich habe Langeweile, und es ist niemand da.«

»Wo sind denn die Brüder geblieben, Peterli?«

»Ach – die sind auch weg.«

»Nanu, ihr habt euch wohl gezankt?«

»Ich nicht! – Der Karl hat mit mir gezankt.«

»Warte noch ein wenig, mein Junge, ich muß noch nach einem Kranken sehen, dann habe ich ein bißchen Zeit.«

Während Peter brav auf einer Bank, die in dem breiten Gang stand, Platz nahm und wartete, machte der Arzt seinen Besuch. Es dauerte aber gar nicht lange, da kamen Karl und Rudi angelaufen.

»Wir müssen warten«, sagte Peter, »er ist dort drüben, in dem Zimmer.«

Karl setzte sich zu dem Bruder, und als Peter an ihn heranrücken wollte, schüttelte er den Kopf. »Erst der Rudi, dann du – du hast dich heute unartig betragen, du bist der Letzte!«

Peter widersprach nicht, denn noch drückte ihn sein Gewissen.

Dann kam der Arzt, und gemeinsam betraten alle dessen Zimmer. Hier gab es immer etwas Neues zu sehen. Die Kinder waren mit dem Ansehen der seltsamen Dinge bisher noch nicht fertig geworden. – Schade, daß so viele schöne Messer und Scheren hinter den Glasscheiben lagen, die der Onkel Doktor trotz aller Bitten nicht herausgab!

»Onkel Doktor, erzähle uns was«, begann Rudi. »Mutti und Vati sind zum weißen Haus gegangen.«

»Ich weiß es, Rudi. Sie weihen heute das Waisenhaus ein«, erklärte der Arzt.

»Er ist noch zu dumm, Onkel Doktor, er weiß noch nichts vom Waisenhaus. – Ich weiß, was das ist. Ich habe mal einen Sarg gesehen mit einer Frau darin. Da waren noch fünf kleine Kinder, die hatten schon keinen Vater mehr. Da waren die Kinder Waisen, und für die ist jetzt das neue Heim gebaut worden. – Sage mal, Onkel Doktor, haben sie es denn gut, wenn sie doch keinen Vater und keine Mutter haben?«

»Aber freilich, Karl, im Waisenhaus werden die armen elternlosen Kinder mit viel Liebe erzogen, weil man ganz genau weiß, daß diese bedauernswerten Kinder viel Liebe brauchen. Die Oberin jedes Waisenhauses sorgt dafür, daß die Kinder mit Liebe und Zärtlichkeit erzogen werden.«

Karl schüttelte heftig den Kopf. »Sie müssen lernen, artig zu sein. Eine Frau Oberin ist eine strenge Frau, bei der dürfen Kinder nicht machen, was sie wollen. – Haben die Kinder in dem Waisenhaus auch eine Oberin?«

»Das weiß ich nicht, ob die Leiterin eine Frau Oberin ist, oder ob sie nur so angeredet wird, oder ob man nur Frau Vorsteherin zu ihr sagt. Das kann dir die Mutter später sagen.«

»Dann will ich den lieben Gott bitten, daß die Frau keine Oberin ist, damit es die armen Kinder gut haben.«

»Warum sollten sie es denn schlecht haben, Karlchen?«

»Onkel Doktor, du weißt doch! Die Frau mit der Brille, die uns alles verboten hat, war doch auch eine Oberin.«

»Das war doch eine liebe und nette Dame«, meinte der Arzt.

»Nein, Onkel Doktor, das war sie nicht. – ›Bitte‹ mußten wir immer sagen, und dummes Zeug hat sie mit uns gespielt. Schwere Gedichte habe ich lernen müssen – –«

»Ja, Karlchen, das weiß ich noch ganz genau. Wir Erwachsenen fanden das sehr schön und haben über das Gedicht vor Freude sehr gelacht. Rudi – Bengel, was machst du da?«

Rudi war auf den Stuhl vor dem Schreibtisch gestiegen, kniete auf der Schreibtischplatte und stülpte einen eisernen Fingerhut, der dort stand, auf seinen Daumen. »Muttis Fingerhut! – Onkel Doktor, hast du ihn ihr weggenommen?«

»Stell sofort den Fingerhut wieder an seinen Platz«, befahl der Arzt ernst, »das ist für mich ein heiliges Andenken, den dürfen Kinder nicht anrühren.«

Peter lachte schallend auf. »Onkel Doktor, so ein oller Fingerhut! Wir dürfen Muttis Fingerhut immer aufsetzen, und zwei Stück habe ich ihr schon verschmissen!«

»Das hier ist ein ganz besonderer Fingerhut, Peter, ein sehr wertvoller Fingerhut.«

»Nein, Onkel Doktor«, sagte Karl altklug, »das ist ganz bestimmt ein oller Fingerhut, der ist nur aus Eisen. Mutti hat auch mal ihren Fingerhut verloren, auch so einen. Dann hat sie sich einen neuen gekauft, der kostete nur zehn Pfennige. – Du brauchst also keine Angst zu haben, Onkel Doktor.«

»Mein lieber Junge, dieser Fingerhut ist das wertvollste Stück, das der Onkel Doktor in seinem Zimmer hat. An diesem Fingerhut hängt eine lange, schöne Geschichte.«

Sofort war er von den drei Knaben umringt. »Erzähle uns die lange schöne Geschichte, Onkel Doktor! Du kannst so ulkige Geschichten erzählen.«

»Das ist aber keine lustige, sondern eine ernste Geschichte.«

Peter klopfte sich auf die Magengegend. »Fein – ernste Geschichten höre ich furchtbar gern. – So, nun erzähle los!«

Im nächsten Augenblick saßen die drei Knaben nebeneinander auf der geschnitzten Holzbank im Zimmer des Arztes.

Doktor Eck ließ sich am Schreibtisch nieder, stülpte den Fingerhut auf den kleinen Finger der rechten Hand und betrachtete ihn ein Weilchen mit zärtlichen Blicken. Dann begann er:

»Das ist der Fingerhut meiner Mutter, die nun schon viele Jahre tot ist. Mit diesem Fingerhut hat es meine Mutter fertiggebracht, ihren Sohn zu einem Arzt zu machen. Ihr Sohn, das bin nämlich ich, wollte gar zu gern ein Doktor werden, aber mein Vater war gestorben, und da wurde das Geld immer knapper, denn es war kein Verdiener mehr da. Die gute Mutter erkannte, daß ich klug genug für den Beruf eines Arztes war. Da fing sie an, für Geschäfte zu nähen. Tag und Nacht hat sie gearbeitet, die Finger hat sie sich zerstochen, müde und matt ist sie geworden. Wie oft habe ich sie gebeten, die anstrengende Arbeit zu unterlassen, ich wollte dann lieber in einem anderen Beruf glücklich werden. Aber sie sagte, es würde auch für sie ein großes Glück sein, wenn aus mir ein tüchtiger Arzt würde. So hat sie genäht, für mich genäht und hat sich nichts gegönnt. Alles gab sie für ihren Sohn her. Ich habe ihr versprochen, ich würde ihr mein Leben lang ihre große Liebe vergelten. Nun kann ich das nicht mehr tun – sie ist gestorben. Aber ihren Fingerhut, mit dem sie mich dazu gemacht hat, was ich heute bin, halte ich heilig. – Versteht ihr das, Kinder? Wenn ich den Fingerhut sehe, so denke ich daran, daß eine Mutter alles, aber auch alles opferte: Zeit, Gesundheit, nur um ihren Jungen glücklich zu machen. Wenn ich den Fingerhut betrachte, sehe ich die geliebte Mutter vor mir. Darum dulde ich es nicht, daß ihr mit diesem Fingerhut spielt. – Nun wißt ihr, warum er mir das Liebste und Teuerste ist, was ich im Zimmer habe.«

Einen Augenblick lang schwiegen die Knaben. Sie dachten an ihre eigene Mutter, die auch so oft mit einem Fingerhut auf dem Finger nähte. Bald war es ein Anzug, bald stopfte sie Strümpfe. Schließlich sagte Karl leise:

»Wir haben auch so eine gute Mutti, wir haben sogar ein gutes Mütterchen.«

»Ja, Kinder, ihr habt auch solch eine liebe Mutter, die alles opfern würde, die euch Freuden bereitet, wo sie nur kann. Dafür müßt ihr dankbar sein, das dürft ihr niemals vergessen.«

»Ich werde mir auch ihren Fingerhut holen und immer daran denken, was sie für uns tut«, sagte Karl nachdenklich.

»Das ist ja gerade nicht nötig«, meinte der Arzt. »Eure Mutter ist tagaus, tagein um euch, da braucht ihr den Fingerhut nicht. Zeigt ihr nur durch Artigkeit eure Liebe, dann ist sie zufrieden und glücklich.«

Peter bekam einen roten Kopf. Er dachte an die Erdbeeren. Außerdem hatte ihn der Onkel Doktor eben gar so lange angesehen. – Kannte er sein Unrecht?

»Die Geschichte war schön«, sagte Karl. »Hier hast du was.« Er nahm aus seiner Tasche ein Bonbon und reichte es Doktor Eck.

»Danke bestens – lutsche deinen Bonbon nur allein.«

»Gib mir«, bat Rudi, und er bekam ihn auch.

»Erzähle noch mehr von deiner Mutti, die immerfort nähte«, bat Peter. »Sie war wohl sehr lieb und hat dich niemals gehauen?«

»Oh doch, mein Junge, ich habe so manche Tracht Prügel bekommen, auch vom Vater.«

»Erzähle mal, wie das war!«

»Wenn ich Prügel verdient hatte, bekam ich sie eben.«

»Erzähle doch mal, wie du sie verdient hast«, klang es.

»Schön! – Einmal war ich mit meinem Vater zur Post gegangen. Er stand am Schalter, ich blieb an der Tür stehen. Da kam eine Frau herein, die hatte viele Pakete und konnte nicht recht durch die Tür hindurch. Jedesmal, wenn sie die Tür aufstieß und schnell nach einem Paket griff, um durchzukommen, schlug die Tür wieder vor ihr zu. Das machte mir furchtbaren Spaß. Ganz heimlich habe ich der Tür noch einen Puff gegeben, damit sie schneller wieder zufiel. So hat sich die arme Frau gequält und brachte nur mühsam ein Paket nach dem anderen in den Schalterraum, und ich habe darüber gelacht. Daß mein Vater mich beobachtete, wußte ich nicht, denn es standen mehrere Leute am Schalter. Auf einmal, als ich gerade wieder der Tür einen Puff gab, war mein Vater neben mir, packte mich, legte mich über sein Knie, und dann hat er mir im Postamt vor allen Menschen mächtig was draufgegeben. Sogar der Schalterbeamte hat zugesehen. Der kannte mich, denn der Vater hat mich oft zur Post geschickt, um Sachen abzuholen. – Nun wurde ich geprügelt. Für jedes Paket, das die Frau mühsam hereingebracht hatte, bekam ich einen Schlag.«

»Schrecklich!« sagte Karlchen mit weitgeöffneten Augen.

»Freilich war es schrecklich«, lachte Doktor Eck, »aber verdient hatte ich die Schläge. Statt der alten Frau behilflich zu sein und die Tür aufzuhalten, damit sie leichter hereinkommen konnte, stieß ich die Tür zu.«

»Schön war das nicht, Onkel Doktor.«

»Böse war es. Aber die Prügel haben geholfen!«

»Hat dein Vater noch was gesagt?«

»Freilich, bei jedem Schlag hat er etwas gesagt.«

»Was hat er denn gesagt?«

»Du bist dazu da, mein Junge, alten Leuten nach Kräften zu helfen. Du hast nicht daneben zu stehen und zuzugucken, wenn ein anderer sich quält! Immer helfen! – Merke dir das für die Zukunft. – Zuspringen! Mit anfassen! – So, nun wirst du das fürs Leben behalten.«

»Hast du dir das alles wirklich so genau gemerkt? Ganz genau, was dein Vati gesagt hat?« fragte Peter ängstlich.

»Ganz genau so hat er gesagt, denn jedes Wort hat er mir hinten aufgeschrieben.«

»Machst du darum auch jetzt noch den Leuten die Tür auf, Onkel Doktor?« fragte Karl. »Gestern hast du auch einer Frau die Tür aufgemacht. Da hast du sicher an den Vater gedacht, der gesagt hat: Zuspringen! Anfassen! – Nicht wahr, das vergißt du nie mehr?«

»Nein, mein Junge, das vergesse ich nie mehr!«

»Hat dich der Beamte noch ausgelacht?«

»Ich habe mich furchtbar geschämt, am anderen Tag zum Schalter zu gehen. Aber ich mußte es tun. Freilich hat mich der Beamte ausgelacht, und auch das war mir recht.«

»Ach ja, das war schrecklich. Und nun bist du doch so ein lieber Mensch geworden.«

»Vielleicht gerade deswegen, Peterli. Die Eltern wissen schon, wann ihre Kinder Schläge verdienen. Wenn ein Kind ein Unrecht begangen hat, muß es auch einmal Schläge bekommen.«

Peter machte ein ängstliches Gesicht und legte beide Hände auf die Verlängerung seines Rückens. Wenn die Eltern nur nicht hörten, daß er von den verbotenen Erdbeeren gegessen hatte!

Der Arzt streifte den kleinen Sünder mit einem raschen Blick. »Na, Peterli, es will mir scheinen, als sei bei dir nicht alles in Ordnung. Hast wohl was ausgefressen?«

»Aufgefressen hat er die Erdbeeren, und er sollte es nicht!«

»Schlimm, sehr schlimm, Peterli. Was wird die Mutti dazu sagen!«

»Ich habe nur eine gegessen.«

»Die ganze Pflanze hast du ausgerissen und viele Beeren gegessen!«

»Sie weiß es ja nicht! Und wenn Karl nicht petzt, weiß es keiner.«

»Ich glaube, die Mutti wird es doch merken«, entgegnete der Arzt. »Sie braucht dich nur anzusehen, denn es steht dir auf der Stirne geschrieben, daß du wieder einmal etwas Unrechtes getan hast.«

Hastig legte der kleine Knabe beide Hände an die Stirn. »Was steht denn da?«

»Das wird die Mutti schon lesen können.«

»Auf der Stirne?« fragte Rudi und zerrte an den Händen des Bruders. Er wollte sehen, ob dort oben wirklich etwas geschrieben stand.

»Ihr könnt das natürlich nicht sehen«, meinte Doktor Eck, »nur die Mutti kann das.«

Peter wurde immer ängstlicher. »Ich habe nur eine ganz kleine Erdbeere gegessen, die schon auf der Erde lag – keine andere.«

Doktor Eck drohte dem Knaben mit dem Finger. »Du kennst doch die Geschichte von der Lügenbrücke, Peterli?«

»Lügenbrücke? – Erzähle mal!« bat Karl.

»Wenn ein Kind oder ein Erwachsener gelogen hat, darf er nicht über eine Brücke gehen, sonst fällt er ins Wasser. Die Brücke bricht zusammen, und plumps – liegt er unten!«

Peter lachte übermütig. »Ist ja nicht wahr, Onkel Doktor! – Ich habe mal der Emilie so viel vorgeschwindelt, und dann hat sie mich zum Einkaufen mitgenommen. Da sind wir auch über die große Brücke gegangen, und ich bin nicht ins Wasser gefallen. Die Brücke ist auch nicht kaputtgegangen.«

»Es sind auch nicht alle Brücken Lügenbrücken, Peterli, nur einige. Auf jeden Fall muß man sich sehr vorsehen, wenn man über eine Brücke geht. Wenn der Betreffende gerade die Unwahrheit gesagt hat, tut er gut daran, sein Unrecht einzugestehen, ehe er die Brücke betritt, sonst fällt er hinein.«

»Onkel Doktor, bei uns auf der Wiese hat der Vati über den Bach eine Brücke gelegt, ein ganz dickes Brett. Neulich ist die Frau Mahler darüber gerannt, da ist das Brett abgerutscht, und sie fiel ins Wasser. Das ist also eine Lügenbrücke.«

Peter machte schon wieder ängstliche Augen. »Ist das wirklich eine Lügenbrücke?«

»Wird schon so sein«, meinte der Arzt. »Also, Peterli, hüte in Zukunft deine Zunge und betrübe die Mutti nicht.«

»Rudi betrübt seine Mutti nicht«, sagte dieser weinerlich. »Ich habe eine so liebe Mutti.«

»Ja, Rudi, du hast eine sehr liebe Mutti.«

In diesem Augenblick klopfte es an die Zimmertür. Eine Pflegerin trat ein. »Herr Doktor, der Patient von Nummer 4 verlangt nach Ihnen.«

»Ich komme sofort!«

Wie aus der Pistole geschossen, stürzten Karl und Peter zur Tür und schlugen sie mit lautem Krachen zu.

»Jungen, was fällt euch ein, so einen Krach zu machen!«

»Anpacken – zugreifen – immer helfen, Onkel Doktor! Das hast du doch erzählt, und wir haben es uns gemerkt. Die Schwester hatte ein Bündel unter dem Arm. Da haben wir ihr schnell die Tür zugemacht.«

»Aber immer leise die Türen schließen, Kinder, ihr seid hier in einem Haus, in dem Kranke liegen. Habt ihr das schon wieder vergessen? – Und nun lauft hinaus in den Garten, Onkel Eck hat keine Zeit mehr für euch.«

Folgsam gingen die Knaben davon. Karl begab sich nicht in den Garten, er eilte in das Wohnzimmer und suchte in Mutters Nähkorb solange herum, bis er ihren Fingerhut gefunden hatte. Dann trug er ihn hinüber ins Kinderzimmer und verwahrte ihn in seinem Federkasten. »Weil du immer so viel für uns nähst, Mütterchen, ist das nun mein Fingerhut, den darf mir keiner fortnehmen.«

Peter stand indessen im Garten und rieb mit einem Bündel Gras seine Stirne ab. Er hatte Angst; freilich, an die Schrift auf der Stirn glaubte er nicht, aber etwas Wahres mußte doch wohl an den Worten des Onkel Doktor sein. Erst gestern, als er von der Marmelade genascht hatte, schaute ihn die Mutter lange und durchdringend an und sagte dann: »Peter, du hast Marmelade genascht.« Ob das auf seiner Stirn gestanden hatte? – –

Die kleine Einweihungsfeier des Waisenhauses war bald vorüber, und die Eltern kehrten heim. Emilie hatte unterdessen das Mittagessen fertiggestellt und wartete darauf, es auftragen zu dürfen.

»Wer war heute unartig?« fragte die Mutter, als sie sich alle am Tisch niedergesetzt hatten.

Karl wandte schweigend den Kopf zu Peter, sagte jedoch nichts.

»Peter, wie siehst du denn aus? – Was hast du an der Stirn?«

Die Spuren des Grases waren deutlich sichtbar. Der Knabe wurde dunkelrot.

»Aha«, sagte der Vater, »der hat ein schlechtes Gewissen.«

Karl hielt es für seine Pflicht, dem bedrängten Bruder zu Hilfe zu kommen. Zwar sah er keine Schrift auf der Stirn des Bruders, aber die Mutti würde sicherlich bald herausbekommen, was Peter getan hatte. »Mutti, habt ihr das neue Haus eingefeiert?« fragte er schnell. »Sag mal, Mutti, kriegen die Kinder, die darin sind, eine Frau Oberin?«

»Ja, Karl, die bekommen eine Oberin und mehrere junge Pflegerinnen.«

»Ach, die armen Kinder!«

»Aber Karlchen – die Kinder sind wirklich nicht zu bedauern. Sie kommen wieder in eine gute Obhut und werden gut versorgt. Jeder versucht, ihnen Liebes und Gutes zu erweisen.«

»Wenn sie eine Oberin haben – –«

Da fing Doktor Gregor an zu lachen. Flüsternd wandte er sich an seine Frau: »Unsere gute Frau Oberin hat für die Kinder ihre Schrecken noch immer nicht verloren.«

»Aber Claus!« Pucki stieß den Gatten heimlich an. »Du weißt doch, daß es die Oberin sehr gut mit unseren Kindern meinte und uns manchen Dienst leistete.«

»Ja, ja, Pucki, aber du siehst auch die Folgen bis auf den heutigen Tag. Zwei Jahre sind nun schon darüber vergangen, und noch immer ist die Zeit ihres Hierseins nicht vergessen.«

»Die Oberin im neuen Waisenhause«, wandte sich Pucki an ihre Kinder, »ist eine sehr gute und liebe Frau. Ihr könnt einmal hingehen – – –«

»Nein, liebe Mutti, ich gehe nicht hin«, unterbrach sie Karl.

»Sie kann sehr fröhlich lachen und scherzen. Die Kinder haben sie schon am ersten Tage liebgewonnen.«

In diesem Augenblick betrat Emilie das Zimmer und trug ein Tablett in Händen, auf dem die Schüsseln mit Fleisch, Gemüse und Kartoffeln standen. Karl und Peter schoben die Stühle zurück, sprangen auf, liefen Emilie entgegen und rissen die Tür weit auf.

»Jungens, was fällt euch ein, beinahe wäre mir das Tablett aus den Händen gefallen!« schalt Emilie böse.

»Was ist das wieder für ein Betragen?« tadelte der Vater. »Warum springt ihr wie die Wilden vom Tisch auf? – Sitzen geblieben!«

»Vati – der Vater vom Onkel Doktor Eck hat gesagt: ›Immer helfen, zuspringen!‹ – Und jetzt willst du nicht, daß wir zuspringen?«

Einige Minuten später war die Erklärung gegeben. Emilie meinte jedoch, in Zukunft sollten die Knaben so etwas lieber bleiben lassen, für sie sei es leichter, wenn sie allein durch die Tür ginge.

»Sage mal, Peterli«, fragte die besorgte Mutter, »fehlt dir etwas?«

»Nein – mir fehlt gar nichts – –«

»Oder bist du gefallen? – Was hast du denn für grüne Striche an der Stirn, Peterli?«

Der Knabe schluckte an den aufsteigenden Tränen, denn jetzt war er fest davon überzeugt, daß die Mutti bereits alles wußte. Am liebsten wäre er ihr um den Hals gefallen, aber er traute sich nicht. Das Essen wollte ihm heute nicht schmecken. Er war deshalb froh, als man sich endlich vom Tisch erhob. Eilig wollte er das Zimmer verlassen, da rief ihn die Mutter zurück. – Nun blieben auch Karl und Rudi stehen. Gar zu gern wollten sie wissen, was die Mutter von des Bruders Stirn lesen würde.

»Euch habe ich nicht gerufen«, sagte Pucki, »ihr geht hinaus.« Sie wußte, daß Peter ihr wieder einmal etwas zu beichten hatte. Das brauchten seine Brüder nicht zu hören.

»So, Peter«, sagte Pucki und hob den Knaben auf den Schoß, »nun sage mir, was dich bedrückt.«

Der tippte mit dem Fingerchen auf die Stirn. »Steht es da oben?«

»Ja, Peter, da steht, daß du ein Unrecht begangen hast.«

»Mutti – was denn für eins?«

»Du wirst jetzt so viel Mut haben, mir alles selbst zu sagen.«

»Ich habe – – ich habe eine ganz kleine Erdbeere abgerissen, ich dachte – – es ist die Erdbeere von der Ecke – – und dann habe ich gesehen, daß es eine andere Beere war.«

»Peter, nur eine Erdbeere hast du gegessen?«

K.

Peter wandte den Kopf zur Seite. »Ja nur eine kleine – die hat nicht mal geschmeckt – die war schon ganz schlecht.«

»Peter, wirklich nur eine einzige Erdbeere?«

»Ja – Mutti«, stotterte er.

»Auf deiner Stirn steht aber geschrieben, Peter – –«

Da begann er laut zu weinen, schlang beide Arme um den Hals der Mutter und schluchzte: »Wenn du es doch lesen kannst, da weißt du ja, daß ich noch eine und noch eine und noch tausend gegessen habe – und nicht von der Ecke, immer von dort, wo sie schön rot waren.«

»Durftest du das?«

Er weinte noch jämmerlicher.

»Peter, du machst die Mutti sehr traurig! Einmal weil du unartig gewesen bist, und zum anderen, weil du immer wieder die Unwahrheit sagst. Aus einem Kind, das lügt, wird niemals ein brauchbarer Mensch. Wenn du dir das Lügen nicht abgewöhnst, wird dich kein anderer Mensch leiden mögen, Peter. – Warum machst du mir immer wieder neuen Kummer? Hast du deine Mutti denn gar nicht lieb?«

»Mutti – Mutti«, schluchzte der Knabe, »ich habe dich furchtbar lieb! Ich habe dich so lieb, du bist ja mein Mütterchen. Liebe, liebe Mutti, sei doch wieder gut!«

»Peter, ich bin sehr traurig. Du hast mir den heutigen Tag verdorben, denn immerfort muß ich daran denken, daß mein Junge ein kleiner Lügner ist. Das tut der Mutti sehr weh!«

»Mutti – Mutti, mein liebes, liebes Mütterchen – –« Schmeichelnd wollte er sich erneut an sie schmiegen, da hielt sie ihn zurück. »Du bekommst jetzt keinen Kuß von mir, Peter. Du wirst heute nachmittag bei Emilie zu Hause bleiben, wenn wir andern einen Spaziergang machen.«

»Ja, ich werde allein zu Hause bleiben – weil ich gelogen habe. Aber dann werde ich immer artig sein. – Mutti, ich werde nie mehr lügen, dann gibst du mir tausend Küsse und bist wieder gut.«

Peter setzte sich still in die Ecke, und Pucki hörte noch ein ganzes Weilchen sein bekümmertes Schluchzen.

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