Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Magda Trott >

Pucki - Unser Mütterchen

Magda Trott: Pucki - Unser Mütterchen - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorMagda Trott
titlePucki - Unser Mütterchen
publisherVerlag von A. Anton & Co.
printrun11.-20. Tausend
yearo.J.
firstpub1939
illustratorG. Kirchbach
senderreuters@abc.de
second correctorRegine Kreutz
created20160718
modified20180123
Schließen

Navigation:

Die Mutter der Kompanie

In den letzten Tagen hörte man Emilie, das treue Hausmädchen, öfters fröhlich singen. Sie hatte auch immer ein strahlendes Gesicht. Karl schaute sie mehrfach von der Seite an und meinte zur Mutter: »Die Emilie hat wohl etwas Schönes geschenkt bekommen, weil sie immer ein so vergnügtes Gesicht macht.«

»Emilie freut sich.«

»Warum freut sie sich?«

»Gehe einmal selbst zu ihr und frage sie. Sie wird es dir gewiß sagen.«

Karl, begleitet von seinen beiden Brüdern, hatte nichts Eiligeres zu tun, als zu Emilie zu gehen, die wieder leise vor sich hin sang.

»Es war einmal ein treuer Husar,
der liebte sein Mädel ein ganzes Jahr – – –«

Karl stellte sich vor Emilie hin, stemmte die Arme in die Hüften und fragte: »Warum freust du dich?«

»Ich habe allen Grund dazu, Karlchen«, lachte sie.

»Grund hast du dazu? – Warum freust du dich? – Was ist das für ein Grund?«

»Ich bekomme Besuch.«

»Was für Besuch?«

»Sehr, sehr lieben Besuch, Karlchen.«

»Besuch?« wiederholte Karl gedehnt. »Ich mag Besuch manchmal gar nicht leiden.«

»Das ist aber ein sehr lieber Besuch, den ich bekomme.«

»Sag doch, was das für ein Besuch ist?«

Emilie lachte über das ganze Gesicht und erwiderte: »Das ist der Oberfeldwebel Sebastian Hochgruber aus Pasing bei München.«

Damit wußten die Knaben natürlich gar nichts anzufangen. Besonders Peter und Rudi schauten verständnislos auf die lachende Emilie.

»Ein Feldwebel ist ein Soldat«, sagte Karl schließlich. »Ein Feldwebel hat ein bißchen mehr gelernt als ein Gefreiter und ein Unteroffizier! – Au fein, wir bekommen wieder Einquartierung! – Hurra, wir bekommen Einquartierung!«

»Wieder drei Stück oder noch mehr?« fragte Peter. »Und einen Oberfeldwebel kriegen wir auch! Hurra, die Einquartierung ist da!«

»Da muß die Mutti wieder das Zimmer fertigmachen! – Wo ist die Mutti?«

Die Knaben liefen aus der Küche, um der Mutti zu melden, daß wieder Einquartierung käme und ein Oberfeldwebel dabei wäre.

»Wer hat euch das gesagt?«

»Die Emilie! Sie freut sich sehr darauf. – Mutti, diesmal bekomme ich den Oberfeldwebel – der Peter kann den Gefreiten bekommen! – Mutti, ich muß rasch meinen Helm und mein Gewehr holen.«

»Nicht so stürmisch, Karl! Der Besuch kommt nur für die Emilie.«

»Wir wollen aber auch einen Soldaten haben!« rief Peter mit blitzenden Augen. – »Mutti, nimm doch wieder Soldaten, das ist so schön!«

»Der Oberfeldwebel wird einige Tage hierbleiben. Er kommt aber nicht als Einquartierung. Er ist Besuch für unsere gute Emilie.«

»Wir wollen auch Besuch«, rief Rudi, »wir wollen auch einen Soldaten!«

»Der Besuch will unsere Emilie heiraten, der Feldwebel ist Emilies Verlobter; übers Jahr wird sie seine Frau.«

»Mutti, warum will die Emilie heiraten?« forschte Peter weiter.

»Sie will auch einen Mann haben und ihre eigene Wohnung. Darum geht sie nächstes Jahr von uns fort.«

»Mutti, kann sie nicht hierbleiben und der Feldwebel dazu?« fragte Peter.

»Sie kann doch hierbleiben«, sagte Karl wichtig. »Wir geben ihr das Zimmer neben der Garage. Dort hat sie dann ihr Heim, und der Oberfeldwebel bleibt mit hier. Dann lassen wir uns von ihm Unterricht geben und werden auch Soldaten!«

»Ist die Emilie so vergnügt, weil sie heiraten will?«

»Das glaube ich, Peterli.«

»Dann möchte ich auch bald heiraten und immer vergnügt sein, Mutti. – Jetzt gehen wir zum Vati und sagen ihm, daß die Emilie heiraten will!«

Der Vater saß in seinem Arbeitszimmer und machte Eintragungen in ein Buch. Die drei Knaben stürmten auf ihn zu und lärmten durcheinander.

»Vati – die Emilie kriegt einen Soldaten, den sie heiraten will. – Sie ist deswegen immer froh. – Rudi will auch einen Soldaten haben. – Vati, ein Oberfeldwebel ist doch mehr als ein Unteroffizier, nicht?«

»Ja, Karlchen.«

»Warum ist er Feldwebel?«

»Er hat sich beim Militär besonders ausgezeichnet und ist schon mehrere Jahre Soldat.«

»Hat er auf dem Felde gearbeitet?« fragte Peter. »Vati, was ist Webel?«

»Feldwebel ist ein Titel und ein Rang.«

»Was ist ein Titel und ein Rang?«

»Sieh Mal, Peterli, der Vater ist Doktor, das ist ein Titel, und eure Lehrer sind Studienräte oder Professoren. Beim Militär heißt einer Gefreiter, später wird er Unteroffizier und noch später Feldwebel.«

»Und dann General«, rief Karl, »Vati, ist das auch ein Rang?«

»Feldwebel ist schön! Die Emilie will nur einen Feldwebel. Darum freut sie sich so sehr.«

»Der Feldwebel heißt auch die Mutter der Kompanie. –. So, und nun laßt den Vati allein, er hat zu arbeiten.«

»Vati«, sagte Peter, »warum heißt er Mutter der Kompanie?«

Claus faßte sich an die Stirn. Er sah ein, daß er die Neugierigen so schnell nicht loswerden würde; dabei drängte die Arbeit.

»Er hat für seine Soldaten zu sorgen wie eine Mutter. Und nun geht.«

»Ach, Vati«, lachte Karl schallend, »ein Soldat ist doch keine Mutter! Ein Feldwebel ist ein Mann, der kann nicht für seine Soldaten sorgen, er kann doch nicht kochen und nicht nähen. – Vati, du machst aber Spaß! Der Feldwebel ist keine Mutter. Er hat doch eine Uniform an und keinen Rock!«

»Die Soldaten nennen ihn so, Karl. Und nun Schluß, der Vati hat zu arbeiten!«

»Sagen sie Mutter zu ihm oder Mutti?« forschte Peter voller Ungeduld.

»Das sagen sie natürlich nicht zu ihm, sie nennen ihn Herr Feldwebel.«

»Warum heißt er denn dann die Mutter der Kompanie?«

»Jungens, nun hört mal – der Vater muß arbeiten und Geld verdienen. Der Vater hat euch schon mehrmals gesagt, ihr sollt gehen.«

»Sie könnten ihn doch Vater der Kompanie nennen.«

»Nennen sie ihn Mutti? Sag doch, Vati?« bettelte Peter.

Doktor Gregor erhob sich vom Schreibtisch, ging zur Tür und öffnete sie weit.

»Vati«, rief Peter hastig, »wenn er ein Mann ist, kann er doch keine Mutti sein!«

»Ganzes Regiment – stillgestanden!« rief der Vater da.

»Vati – wenn aber – –«

»Rudi, ihr seid jetzt Soldaten, und ein guter Soldat hält den Mund. – Stramm gestanden, Hände an die Hosennaht. – Bauch hinein! – Augen geradeaus! –- Einer hinter dem anderen! – Ganzes Regiment – kehrt!«

Die Kommandos wurden prompt ausgeführt.

»Ganzes Regiment marsch – hinaus zur Tür!«

Die Knaben warfen die Beine so gut sie konnten, hielten die Hände stramm an der Seite und marschierten hinaus. Der Vater folgte ihnen bis zur Tür und rief laut: »Ganzes Regiment geradeaus, hinaus in den Garten!«

Die drei marschierten tatsächlich in strammer Haltung durch den Flur, hinaus in den Garten. Sie sprachen Waltraut nicht einmal an, die im Flur stand. Mit gereckten Hälsen marschierten sie an ihr vorüber. Das Regiment folgte den Befehlen des Vaters.

Waltraut schaute den Knaben lachend nach, aber auch Doktor Gregor schmunzelte und schloß seine Tür. »So«, dachte er, »nun weiß ich ein gutes Mittel, meine Rangen loszuwerden. – Ja, warum heißt denn der Feldwebel eigentlich Feldwebel?« überlegte er. – »Muß es mir einmal durch den Kopf gehen lassen, wie ich das meinen Jungen klarmache!« – –

Pucki stopfte schon den vierten Strumpf, und noch immer fragten die drei Knaben nach der Mutter der Kompanie. Pucki hatte bestätigt, daß der Feldwebel die Mutter der Kompanie sei. Ahnungslos hatte sie es gesagt; nun wollten die Knaben auch von ihr wissen, was diese Mutter für die Soldaten zu tun hätte.

»Mutti, ich glaube es nicht, daß er eine Mutter ist.«

Da Pucki nicht mehr aus noch ein wußte, sagte sie schließlich: »Wenn er kommt, könnt ihr ihn ja selbst fragen. Er weiß es viel besser als ich.«

»Nein, Mutti«, sagte Karl bestimmt, »du weißt alles am besten. – Hat er die Soldaten denn schon gehabt, als sie noch klein waren? – Hat er sie großgezogen? Sagen sie Mutter zu ihm, weil sie keinen Vater hatten?«

»Ich weiß, Mutti«, rief Peter, »sie waren in einem Waisenhaus, da war keine Leiterin und keine Oberin, da war nur der Oberfeldwebel da. Da haben sie Mutter zu ihm gesagt. – Weißt du, Mutti, genau so, wie sie zu dir Pucki-Mütterchen gesagt haben.«

»Nein, Peterli, wenn die Soldaten den Feldwebel die Mutter der Kompanie nennen, tun sie das aus Scherz, weil die Soldaten in den Jahren ihrer Dienstzeit von den Eltern fern sind, und weil der Feldwebel darauf achten muß, daß alles in Ordnung ist.«

»Mutti, näht er ihnen auch die Knöpfe an? – Bringen die Soldaten dem Feldwebel ihre zerrissenen Jacken? – Stopft er ihnen die Strümpfe, wenn er doch für sie sorgen muß?«

»Nein, Peterli, das tut er nicht!«

»Dann nenne ich ihn auch nicht Mutter«, schrie Peter, »dann nenne ich ihn auch nur Feldwebel!«

»Ich werde euch eine hübsche Geschichte von Vögeln und Tieren erzählen«, sagte Pucki, um die Kinder endlich abzulenken und auf andere Gedanken zu bringen.

»Ach nein, Mutti, erzähle uns doch lieber noch vom Feldwebel. – Was macht er denn sonst als Mutter?«

»Kinder, ich weiß wirklich eine sehr hübsche Geschichte, die euch viel Spaß machen wird.«

»Mutti, das erzählst du uns nachher«, sagte Karl, räumte den Strumpfkorb aus und setzte hinzu: »Du hast noch so viel zu nähen, Mutti. Da kannst du uns erst vom Feldwebel erzählen und dann noch von den Tieren. – Mutti, wer ist denn der Vater der Kompanie?«

»Bitte, Mutti«, bettelte Peter, »erzähle uns von dem Feldwebel. Der Vati wollte uns auch noch viel erzählen, aber da hat er uns antreten lassen, und wir mußten 'rausmarschieren. Und da ein Soldat immer gehorchen muß, sind wir losmarschiert!«

Pucki atmete plötzlich erleichtert auf. – »So, Soldaten habt ihr gespielt? Das ist fein! Könnt ihr gut marschieren? Seid ihr richtig angetreten?«

»Ja, Mutti, sich mal her – so!« Und dabei stellten sich alle drei stramm vor die Mutter hin.

»Dann hat der Vati befohlen und wir sind losmarschiert«, sagte Karl.

»Das möchte die Mutti auch gern einmal sehen. – Wenn ihr von hier aus in den Garten marschiert, kann ich das vom Fenster aus sehen. Das wäre schön!«

»Mutti, mach los!«

»Also – marsch hinaus in den Garten!«

»Nein, Mutti, das ist nicht richtig. Ich werde es mal selber machen«, rief Karl und kommandierte gleich los: »Stillgestanden! – Bauch 'rein! – Kehrt – marsch!«

So standen sie bald an der geschlossenen Tür. »Mutti, mach schnell auf«, rief Karl.

Frau Doktor Gregor beeilte sich, dem Befehl nachzukommen.

»Marsch, hinaus in den Garten, kommandierte Karl. – Nun zog die kleine Schar davon. – Pucki sah ihre drei im Garten hin und her gehen, bis endlich das Marschieren eingestellt wurde. Sie holten ihre Schaufeln und begannen, Sand zu schippen. – –

Acht Tage später. Peter stand wie angewurzelt hinter der Küchentür. Auf dem Küchenstuhl saß ein Soldat mit einem kurzen Dolch an der Seite, neben ihm Emilie. Sonst war sie immer tätig, wenn sie in der Küche war, heute aber hatte der Soldat seinen Arm um sie gelegt, und Emilie schaute ihn strahlend an und tat gar nichts. – Komisch war das! – Die Mutti hatte erzählt, wenn Emiliens Bräutigam käme, sollte Verlobung gefeiert werden.

Peter ging davon und holte seinen Bruder Rudi. »Komm«, sagte er wichtig, »die Emilie feiert mit der Mutter der Kompanie Verlobung. Komm schnell an die Küchentür!«

Rudi stand aber nicht still wie Peter. Er trippelte bald in die Küche hinein, stellte sich vor die beiden, schaute sie mit neugierigen Augen an und sagte: »Ist das dein Bräutigam? – Bist du die Mutter der Kompanie?«

Ehe aber Emilie und ihr Soldat antworten konnten, lief er wieder hinaus und suchte die Mutti auf. »Bei der Emilie ist der Soldat, Mutti, komm schnell!«

»Ach, ist der Herr Feldwebel da? Dann muß er gerade angekommen sein.«

»Mutti, wir haben ihn schon gesehen«, rief Rudi. »Er ist ein großer Mann!«

»Kinder, ihr sollt nicht in die Küche gehen. Emilie wird euch ihren Verlobten schon zeigen.«

K.

»Mutti, komm doch mit, stell dich auch hinter die Tür. Der Peter ist auch da.«

Da kam der Peter gelaufen. »Mutti, komm schnell, er hat der Emile einen Kuß gegeben. Komm doch ganz fix!«

»Ihr bleibt hier, Kinder.«

»Ach, Mutti, komm doch!«

Frau Doktor Gregor verbot ihren Jungen nun energisch, hinter der Küchentür herumzulungern. Wenn Emiliens Verlobter gekommen war, sollten die beiden zunächst ungestört sein. Emilie sollte ihm das Zimmer zeigen, das man für den Gast hergerichtet hatte, und allein mit ihm das erste Wiedersehen auskosten. Obwohl Peter und Rudi weiter bettelten, die Mutti möge sie zum Soldaten gehen lassen, gab Pucki nicht nach.

Es dauerte nicht lange, da kam Emilie mit ihrem Verlobten.

»Hier bringe ich Ihnen meinen Sebastian, Frau Doktor. Sebastian Hochgruber, Oberfeldwebel.«

Pucki begrüßte Herrn Hochgruber herzlich und sagte ihm, er hätte sich eine tüchtige Braut erwählt, denn Emilie sei alle die Jahre ihrem Hause eine treue und stets freundliche Hilfe gewesen.

»Wie heißt der Mann?« fragte Peter laut.

»Sebastian Hochgruber«, wiederholte der Feldwebel freundlich.

»Das ist kein schöner Name!« meinte Peter.

»Warum bist du die Mutter der Kompanie?« fragte Karl.

»Weil ich für meine Soldaten treu zu sorgen habe.«

»Um des Himmels willen«, flüsterte Pucki Emilie zu, »wenn Sie nicht wollen, daß Ihr Verlobter durch hundert Fragen verrückt gemacht wird, nehmen Sie ihn mit hinaus. Aber eine kleine Feier machen wir im Hause, das haben Sie verdient.«

»Bist du auch der Vater der Kompanie oder nur die Mutter?« forschte Peter weiter.

»Auch der Vater!«

»Komm, Sebastian, ich zeige dir jetzt das hübsche Gartenplätzchen.«

»Wir kommen mit«, klang es dreistimmig.

Als Pucki abwehren wollte, meinte Emilie lachend, man solle die Kinder ruhig mitkommen lassen. Ihr Sebastian werde schon die rechten Antworten finden. Außerdem habe er Kinder sehr gern, so daß er sich gut mit ihnen unterhalten würde.

Kaum war das Gartenplätzchen erreicht, als Peter drängelte: »Wenn du die Mutter der Kompanie bist, kriegen deine Soldaten dann auch Medizin von dir, wenn sie krank sind?«

»Nein, dann schicke ich sie ins Lazarett. Das ist das Soldatenkrankenhaus.«

»Meine Mutti schickt uns nicht ins Krankenhaus, wenn wir krank sind.«

»Alle drei waren wir krank«, ergänzte Karl, »da hat sie uns gepflegt wie ein Mütterchen.«

»Mutti nimmt Rudi auf den Arm, wenn er krank ist. – Nimmst du die kleinen Soldaten auch auf den Arm?«

»Die nehme ich schon manchmal auf den Arm, aber wie!«

»Trägst du sie in der Stube herum, wenn sie weinen?«

»Soldaten weinen nicht!«

»Gibst du ihnen auch zu essen? – Kochst du auch für die Soldaten?«

»Nein, kleiner Mann, das macht der Koch.«

»Nähst du ihnen Kleider, Hosen und Röcke?«

»Nein, die bekommen sie von der Kammer.«

»Von der Kammer – – Wer ist die Kammer?« wollte Peter wissen.

»Ich merke schon, du bist keine richtige Mutter«, sagte Karl ein wenig verächtlich. »Eine richtige Mutter braucht keinen Koch und keine Kammer, sie schickt auch ihre Kinder nicht ins Krankenhaus. – Du bist wohl nur ein Rang?«

»Hast recht, mein lieber Junge! Die Mutter der Kompanie ist natürlich nicht solch eine Mutter wie deine Mutter.«

»Meine Mutti ist keine Mutter«, sagte Peter eigenwillig, »meine Mutter ist ein Mütterchen oder eine Mutti!«

»Willst du die Mutter heiraten?« fragte Peter die Emilie. »Auch wenn er nicht kocht und nichts für seine Kinder tut?«

»Bindest du deinen Kindern auch die Knie zu, wenn sie zerschunden sind? – Sieh mal, hier das Loch am Bein hat mir die Mutti mit einem Pflaster geflickt. – Machst du das auch?«

»Nein!«

Peter machte eine verächtliche Handbewegung. Ein mißbilligender Blick traf den Feldwebel. »Mit dir ist nischt los«, sagte er, »du nennst dich nur Mutter, bist aber keine Mutter. Du gefällst mir nicht. Wenn ich mal Soldat bin, behalte ich meine Mutti. Die ist mir tausendmal lieber, denn sie tut alles für mich!«

Da ertönte Puckis Stimme, die nach den Kindern rief.

»Siehst du«, rief Peter strahlend, »eine richtige Mutti schreit immerzu nach ihren Kindern, das hört nie auf. Immerfort ruft sie! – Ach nein, du gefällst mir nicht! – Komm, Rudi, wir gehen zu einer richtigen Mutti!«

Karl blieb noch zurück. Alles, was Herr Hochgruber an sich hatte, erweckte seine Neugier. Er wollte wissen, warum die vier Schwingen am Kragen waren, was die beiden silbernen Sterne auf der Achsel bedeuteten und wozu am Ärmel die beiden silbernen Streifen wären.

»Ich will auch einmal Soldat werden«, sagte er. – »Ein General. Da muß ich das alles wissen. – Sagen Sie mir doch, wozu das da auf dem Kragen ist.«

»Den Aufschlag, auf dem die vier Schwingen zu sehen sind, nennt man den Spiegel. Ein Oberfeldwebel hat als Abzeichen diese Schwingen, die beiden silbernen Streifen am Ärmel und zwei silberne Sterne auf der Achsel. Ein Soldat sieht sofort, was der andere für einen Rang hat. Er muß das genau lernen. Ein silberner Streifen am Ärmel bedeutet –«

»Auf dem Spiegel? – Wo haben Sie einen Spiegel?«

Herr Hochgruber wies auf den Aufschlag. »Das hier nennt man den Spiegel, nicht den Kragen, wie du sagtest.«

»Warum ist das ein Spiegel? Bei uns ist ein Spiegel ein Ding, in das man sieht.«

»Bei den Soldaten heißt der Aufschlag am Kragen der Spiegel.«

»Haben die Soldaten keinen anderen Spiegel?«

»Den haben sie auch, mein Junge«, sagte der Feldwebel lachend. Er mußte dem fragenden Knaben noch manche Erklärung geben. Und als sich Karlchen endlich verabschiedete, wußte er genau, daß ein Gefreiter einen silbernen Winkel am Ärmel trägt, woran ein Oberfeldwebel zu erkennen ist, was der Unteroffizier für Abzeichen trägt und daß man das Messer an der Seite des Soldaten den Dolch nennt. Er war auf sein Wissen sehr stolz, ging in den Garten, übte den Parademarsch weiter, band sich ein kurzes Holzstück mit einem Strick um die Hüften und spazierte als Oberfeldwebel auf den Gartenwegen umher. Dabei murmelte er halblaut vor sich hin:

»Zwei silberne Sterne auf der Achsel – vier Schwingen auf dem Spiegel – zwei silberne Armstreifen und einen Dolch an der Seite: das ist ein Oberfeldwebel der Flugwaffe.«

 << Kapitel 11  Kapitel 13 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.