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Pucki - Unser Mütterchen

Magda Trott: Pucki - Unser Mütterchen - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorMagda Trott
titlePucki - Unser Mütterchen
publisherVerlag von A. Anton & Co.
printrun11.-20. Tausend
yearo.J.
firstpub1939
illustratorG. Kirchbach
senderreuters@abc.de
second correctorRegine Kreutz
created20160718
modified20180123
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Ein Besuch im Waisenhaus

Karl hatte seine Krankheit endlich überstanden und durfte wieder die Schule besuchen. Still und traurig saß er auf seinem Platz. Er dachte an den toten Freund, der nie wieder neben ihm auf der Bank sitzen würde, der nicht mehr mit ihm spielen konnte. Er empfand zum ersten Male in seinem Leben die große Lücke, die der Tod gerissen hatte.

Pucki mußte ihren Ältesten noch sehr oft trösten. Sie ging auch oft mit Karl hinaus zum Friedhof, denn Karl wollte seinem allerbesten Freund immer wieder Blumen bringen. Pucki überlegte angestrengt, wie es wohl gelänge, in Karl die düsteren Eindrücke etwas zu verwischen. So hatte sie das Kind in letzter Zeit mehrfach zu Bekannten mitgenommen und auch Ausfahrten mit ihm gemacht, um dem Knaben Zerstreuungen zu bieten. Daheim saß er aber dann oft wieder still in der Ecke des Kinderzimmers, die Briefwaage vor sich, und rührte sich nicht. Einmal war Peter hinzugekommen und wollte mit der Briefwaage spielen, aber da fuhr ihn Karl schroff an und verbot ihm mit blitzenden Augen, sein Spielzeug anzurühren. Als Peter trotzdem danach greifen wollte, stürzte sich der sonst sanft veranlagte Junge auf den jüngeren Bruder und versetzte ihm einige kräftige Schläge.

»Das ist mein Eigentum, die Briefwaage gehört mir! Ich zerbreche dir den Pferdestall, wenn du mein Spielzeug anrührst!« Bald tat es ihm wieder leid, daß er so heftig geworden war, und er schenkte dem Bruder eine Rolle Draht, die er kürzlich gefunden hatte.

Pucki und Claus versuchten öfters, in Karlchen erneut die Liebe zum Soldatenspielen zu erwecken, um ihn wieder auf fröhliche Gedanken zu bringen. Claus brachte seinem Sohne sogar einen Helm und ein Kindergewehr mit. Für einen Augenblick strahlten die blauen Kinderaugen auf, dann klang es wieder kläglich:

»Vati, wenn der Manfred noch da wäre, würde ich ihm den Helm und das Gewehr borgen, und wir könnten schön damit spielen.«

Claus, der genau wußte, wie es in dem Kinderherzen aussah, erklärte sich gern bereit, heute nachmittag mit seinem Buben eine Exerzierstunde abzuhalten. Er hatte innigstes Mitgefühl mit seinem Ältesten und wollte alles daransetzen, um den Schatten von der Kinderseele zu nehmen.

So standen am Nachmittag im Garten vier Soldaten. Da Karl einen Helm und ein Gewehr hatte, war er zum Unteroffizier ernannt worden; Peter und Rudi waren Gefreite, der Vater nur ein Oberschütze. Bald schallten wirklich laute Kommandoworte durch den Garten, und als Pucki, angelockt von dem fröhlichen Lachen, hinzukam, wurde auch sie als Rekrut mit eingereiht.

»Ach, Mutti«, lachte Karl, »du machst ja alles falsch!«

»Frauen sind keine guten Soldaten«, sagte der Vater, »wir Männer machen das besser!«

Zwei Kranke aus der Klinik, die im Garten spazierengingen, sahen das Spiel und schüttelten die Köpfe. Von dieser Seite her kannten sie ihren Arzt noch nicht. Er war wohl immer freundlich und liebenswürdig, aber so übermütig wie hier hatte er noch niemals gelacht.

Claus führte öfters die Befehle falsch aus, und das gab stets zu einem lustigen Lachen Veranlassung. Claus freute sich selbst darüber, daß Karlchen wieder sein frohes Gesicht zeigte und an dem Soldatenspielen wieder Gefallen zu finden schien. So kam es, daß langsam die Schatten von Karlchens Seele wichen. Wohl galt sein Erinnern häufig seinem besten Freunde, und wenn auch manche Träne noch aus seinen Augen floß, die Spielsachen wurden wieder vorgenommen, und das Soldatenspielen machte ihn wieder froh.

Einmal überraschte Pucki ihren Ältesten wieder in Tränen.

»Karlchen, mein lieber Junge, du sollst nicht so viel den traurigen Gedanken nachhängen. Es geht im Leben nicht immer glatt ab. Du hast in deinen jungen Jahren schon schweres Leid erfahren müssen, trotzdem mußt du dem lieben Gott dankbar sein, denn du hast ja deine Eltern und deine Brüder. Wieviel trauriger ist es um die Kinder bestellt, die im Waisenhause sind und die weder Vater noch Mutter haben. Ich habe mir gedacht, daß wir einmal zusammen einen Besuch im Waisenhause machen und uns die siebzehn Kinder ansehen, die dort untergebracht sind. Die Vorsteherin hat heute gerade bei mir angefragt, ob wir nicht ein wenig Spielzeug für das Waisenhaus abgeben könnten. – Wollen wir sogleich einmal nachsehen, womit wir die Kinder erfreuen können?«

»Mutti – meine Briefwaage brauche ich doch nicht herzugeben?«

»Nein, mein lieber Junge, die sollst du behalten für alle Zeiten.«

»Ich will gern alles andere hergeben, Mutti, alles, was ich besitze, nur die Briefwaage möchte ich behalten!«

»Wie wäre es, wenn wir heute nachmittag gegen fünf Uhr ins Waisenhaus gingen und einen Korb voll Spielsachen mitnähmen? Ihr habt soviele Sachen, mit denen ihr nicht mehr spielt, und ihr bekommt immer wieder neue; da gebt ihr gewiß gern etwas ab.«

»Ja, Mutti, wir wollen gleich mal nachsehen!«

Auch Peter und Rudi wurden aufgefordert, von ihren Spielsachen etwas abzugeben. Rudi begann sofort zu schreien: »Rudi gibt nichts! Rudi will alles behalten!«

»Das ist nicht schön«, tadelte die Mutter.

»Rudi hat alle seine Spielsachen lieb: das schöne Lämmchen, den Hund, die Muhkuh – der Rudi gibt nichts!«

»Ich gebe alles«, sagte Peter, »dann schreibst du an Tante Mary und Onkel Eberhard, sie sollen wieder mal eine Kiste mit schönen neuen Spielsachen schicken. Mutti, schreibe Tante Mary, ich wünsche mir ein Fahrrad und ein anderes Schaukelpferd mit einem langen Schwanz. Das Pferd ohne Schwanz kann das Waisenhaus haben.«

»Du bist recht unbescheiden, Peter. Zerbrochene Sachen schenken wir überhaupt nicht fort, das merke dir.«

»Mutti, das Pferd ohne Schwanz ist gerade schön, und die große Kuh ist in zwei Teile zerbrochen. So können gleich zwei Kinder damit spielen. – Mutti, die Kuh nehmen wir mit, die Kinder im Waisenhaus freuen sich. Und dann schreibst du an Onkel Eberhard. – Mutti – oh –oh, und weißt du, was ich möchte?«

»Was willst du schon wieder haben, Peterli?«

»So ein Ratterrad, das so viel Krach macht, wenn es fährt, und so schön pufft und stinkt. – Und hinten drauf muß ein schönes Fräulein sitzen. – Mutti, das wünsche ich mir!«

»Ach, dazu bist du ja noch viel zu klein, Peter«, sagte Karl. »Motorräder sind nur für große Leute. – Mutti, wenn ich in zwei Jahren groß bin, bekomme ich dann ein Motorrad?«

»Nein, Karlchen, du hast ja dein Fahrrad.«

»Aber ein Motorrad ist viel schöner, Mutti!«

Pucki klatschte in die Hände. »Jetzt wird das Spielzeug zusammengesucht und dabei gedacht: Einen fröhlichen Geber hat Gott lieb!«

Peter räumte sofort seinen Spielschrank aus und begann, jedes Stück der Mutti vor die Füße zu stellen. »Hier hast du was! Das mag ich nicht – das auch nicht! – Mutti, der Peter gibt alles her.«

»Peter, den Kaufmannsladen hat dir Onkel Eberhard doch während deiner Krankheit geschenkt. Willst du ihn nicht behalten?«

»Nee, Mutti, beim Onkel Puche steht einer, der ist größer, den will ich haben. Das schreibst du der Tante Mary. So ein Kaufmannsladen wie der hier ist mir viel zu klein. Den können die Waisenkinder haben. Die freuen sich, und ich freue mich nicht mehr.«

Karl war schon vorsichtiger beim Auswählen. Wohl brachte er allerhand Spielzeug heran, nahm es aber nach kurzer Zeit wieder fort.

»Karlchen, was hast du in diesem großen Pappkasten?« fragte die Mutter.

Schützend breitete er die Hände darüber aus. »Davon kann ich gar nichts geben, Mutti, das brauche ich alles. Bitte, bitte, laß es mir!«

»Aber einmal hineinsehen darf ich doch, nicht?«

»Ja, Mutti, das sind alles sehr schöne Sachen.«

Pucki nahm den Deckel von dem Pappkasten ab. In der Schachtel lagen Blechdosen, Bieruntersätze aus Pappe, krumme Nägel, Bindfaden, Draht, Murmeln, ein abgebrochener Büchsenöffner, ein Blechlöffel und andere wertlose Dinge, die Karl sorgsam zusammengetragen hatte.

»Mutti, bitte, laß mir das! Meine Freunde bringen mir immer etwas, und ich schenke ihnen dafür eine Birne oder einen Apfel. Wenn ich erst groß bin, Mutti, baue ich mir daraus ein Flugzeug oder ein Auto oder einen Rundfunkkasten. – Das können die Kinder aus dem Waisenhaus nicht.«

Lachend schloß Pucki wieder den Pappkasten. »Das kannst du gern behalten, Karlchen. Aber deine Äpfel und Birnen, die du zum Frühstück mitbekommst, sollst du für solche wertlosen Dinge nicht eintauschen.«

»Ich verkeipel sie doch nur!«

»Was machst du?«

»Ich keipele, Mutti!«

Frau Gregor strich sich mit der Hand über die Stirn. Wie lange hatte sie dieses Wort nicht mehr gehört, das soviel wie eintauschen bedeutete! Damals, als sie mit den Niepelschen Drillingen zur Schule ging, wurde auch gekeipelt. So manches Bildchen hatte sie damals eingetauscht. In der ganzen Schule wurde gekeipelt, und so, wie sie es als kleines Mädchen gemacht hatte, so machten es heute nun ihre Kinder.

Endlich war ein ansehnlicher Berg Spielsachen zusammengetragen. »Nein«, sagte die Mutter, »Peterli, mit dir bin ich gar nicht zufrieden. Ich weiß bestimmt, daß du morgen nach deinem Pferdestall jammerst oder das kleine Auto zurückhaben willst. Auch das Segelschiff bleibt hier. Du willst morgen auch wieder spielen, dann hast du nichts.«

»Ach, Mutti, dann schreiben wir an Onkel Eberhard«, meinte er listig.

Pucki traf unter den Spielsachen eine genaue Auswahl. Es war schließlich doch eine Menge, was für die Kinder des Waisenhauses bereitgestellt war. Erst jetzt sah sie, wieviel überflüssiges Spielzeug ihre drei Kinder hatten. So nahm sie sich vor, die Großeltern, Schwager Eberhard und dessen Frau Mary herzlich zu bitten, das allzu reichliche Schenken in Zukunft einzuschränken. Man leistete damit den Kindern keinen Dienst, man verwöhnte sie nur und machte sie anspruchsvoll. Karl schätzte seinen Pappkasten mit dem alten Kram anscheinend weit höher als sein teures Spielzeug. – –

Beladen mit den Spielsachen, wanderten Mutter und Kinder am Nachmittag zum Waisenhaus.

»Mutti, die Kinder werden uns aber liebhaben«, meinte Peter, »wenn sie das viele Spielzeug sehen.«

»Mutti«, fragte Karl, »wenn jetzt die Frau Oberin kommt, müssen wir dann wieder ›Frau Oberin‹ sagen?«

»Das Waisenhaus hat keine Oberin, nur eine Leiterin, die dem ganzen Hause vorsteht. Sie heißt Frau Birgolf und ist eine liebe und gute Dame, die von allen Kindern geliebt wird.«

K.

»Dann spielt sie sicherlich schöne Sachen mit den Kindern und nicht so langweiliges Zeug wie unsere Oberin damals.«

Pucki lenkte das Gespräch schnell ab. Sobald die Oberin erwähnt wurde, trat in die Gesichter ihrer Kinder ein ängstlicher Zug. Sie konnten die Art des sonst so ehrenwerten Fräulein Radill nicht vergessen. Vor etwa einem halben Jahr war ein Brief von ihr gekommen; ganz verängstigt hatten die Knaben gefragt, ob die Frau Oberin etwa wieder herkäme. Wie froh waren sie, als ihnen der Vater erklärte, sie sei weit fort und käme nicht! –

Als sie im Waisenhaus ankamen, schallte aus dem Garten frohes Lachen. Dort spielten die Kinder. Karl schaute die Mutter fragend an: »Sie haben keinen Vati und keine Mutti und sind doch so froh? – Ich würde nicht froh sein, wenn ich keine Mutti hätte. – Ich würde immerfort weinen.«

»Man versucht eben, den elterlosen Kindern Freuden zu bereiten, damit sie das Schwere vergessen. Siehst du, Karlchen, der liebe Gott hat es so gewollt, damit muß sich der Mensch abfinden. Ständiges Weinen nützt auch nichts. Man muß tapfer sein und dem Leben mutig ins Auge sehen.«

Die Leiterin des Waisenhauses, Frau Birgolf, kam Frau Gregor freundlich entgegen. Sie ähnelte in nichts einer strengen Oberin. Sie hatte eine warme, weiche Stimme und lustige Augen, verstand es sofort, das Vertrauen der Kinder zu gewinnen, und freute sich sichtlich über die schönen Spielsachen.

»Ist das aber schön! Und das wollt ihr nun meinen Kindern schenken?«

»Ja, alles!«

»Habt vielen Dank! – Wieviel Freude wird das Spielzeug bereiten! So schöne Sachen haben wir bisher noch nicht gehabt.«

»Ich kriege noch viel schönere«, sagte Peter. »Ich habe eine Tante, die hat tausend Mark und noch viel mehr. Die schickt mir, was ich haben will. Ich bringe später noch mehr her!«

»Das hübsche Kegelspiel wollen wir sogleich mit in den Garten nehmen und aufstellen. Alles andere wird zu Geburtstagen geschenkt oder für Weihnachten aufgehoben.«

Alle gingen in den Garten. Karl konnte sich über die fröhliche Schar nicht genug wundern. Die Kinder trugen auch keine schwarzen Kleider, sie lachten und lärmten durcheinander, und kein einziges schien daran zu denken, daß es keine Eltern mehr hatte.

Das Kegelspiel wurde mit hellster Freude begrüßt. Karl fühlte sich sehr glücklich, daß er durch dieses Geschenk den Waisenkindern so große Freude gemacht hatte.

Die Leiterin fragte Frau Doktor Gregor, ob sie mit ihr ins Haus kommen wolle, um zu sehen, wie sich alles noch weiter verschönt hätte.

»Mutti, ich komme mit«, sagte Peter. Rudi hatte sich schon in den Kreis der spielenden Kinder eingereiht, und Karl stand an einem Baum und schaute schweigend zu.

»Es ist besser, Peter, du bleibst bei den spielenden Kindern.«

»Nein, Mutti, nimm mich doch mit, ich möchte so gern bei dir bleiben.«

Pucki gab dem Bitten endlich nach. Peter ging an ihrer Seite durch die hellen, luftigen Räume. In einem Zimmer, es war das Zimmer der Leiterin, stand auf dem Tisch eine Schale mit Obst. Begehrlich schaute Peter hinüber. Da die Mutti aber rasch weiterging, bemerkte niemand sein Verlangen. Doch das Obst wollte Peter nicht mehr aus dem Sinne kommen. Als sie draußen im Flur standen, löste er sich von der Hand der Mutter.

»Ich geh' nun fort, Mutti!«

»Geh' in den Garten, Peter, zu den Brüdern.«

Der Knabe nickte nur mit dem Kopf, blieb aber im Flur stehen und schaute den beiden fortgehenden Damen nach. Er hatte es sich genau gemerkt: hinter der Tür, an der ein weißes Schild hing, stand auf dem Tisch eine Schale mit Obst. Er hatte so großes Verlangen nach einer süßen Birne.

Behutsam öffnete er die Tür und schaute sich im Zimmer um. Es war leer. Da ging er schnell zum Tisch, stieg auf einen Stuhl und betrachtete mit begehrlichen Blicken die Obstschale. Gerade als er im Begriff war, eine rotwangige Birne herauszunehmen, ertönte eine Stimme:

»Laß das!«

Peters ausgestreckte Hand zuckte zurück. Jemand, der furchtbar ärgerlich sein mußte, hatte die Worte gerufen. – Schnell stieg er vom Stuhl herunter und blieb im Zimmer stehen. Er sah keinen Menschen. Vorsichtig schaute er hinter einen Vorhang. Aber nur Bücher waren dahinter.

»Laß das – – laß das!« klang es schon wieder.

Peters Herz pochte wie ein Hämmerlein. Nichts war zu hören, als das Geräusch eines in einem großen Bauer herumkletternden grünen Vogels. Peter hatte schon einmal einen Papagei gesehen, aber daß solch ein Vogel sprechen konnte, war ihm noch gänzlich unbekannt. Er ahnte daher nicht, daß der grüne Vogel die eingelernten Worte herausgeplappert hatte. – Peter legte sich auf den Teppich und schaute unter das Sofa. Auch dort war kein Mensch zu sehen.

»Schafskopf! Schafskopf!« schrie es da.

Da wurde es dem kleinen Knaben so bange, daß er blitzschnell das Zimmer verließ und laut nach der Mutti rief.

Freilich, er durfte nichts nehmen, sein Naschen hatte ihm schon manchen Tadel eingetragen. Die Mutti hatte ihm erzählt, der liebe Gott schaue vom Himmel herunter und sähe alles. – Wer hatte nun im Zimmer gesprochen? – Konnte der liebe Gott gerufen haben? – So schlich Peter zu Karl in den Garten.

»Du – sag mal, hast du schon einmal den lieben Gott sprechen hören?«

»Nein, Peter, der liebe Gott spricht überhaupt nicht.«

»Ich glaube, ich habe ihn gehört.«

»Du schwindelst schon wieder!«

»Ich habe ihn aber doch gehört.«

»Das ist nicht wahr!«

»Du –« sagte Peter mit blitzenden Augen, »der liebe Gott hat ganz bestimmt gesprochen. Ich wollte nur eine ganz kleine Birne nehmen, da hat er gerufen, ich soll das lassen.«

»Das war das böse Gewissen«, erwiderte Karl altklug. Von dem Gewissen war ihm einmal erzählt worden. Die Mutti hatte ihm eine Geschichte von einer Blumenuhr erzählt. Aus dem Ticken dieser Uhr glaubte sie deutlich zu hören: »Tu's nicht – tu's nicht!« Das war aber nur das Gewissen gewesen, das den Menschen warnen wollte.

Als Frau Gregor wieder in den Garten kam, fragte Peter leise, ob das Gewissen eine laute Stimme hätte. Er hätte das Gewissen ganz deutlich gehört.

»Manchmal mahnt das Gewissen laut, ein anderes Mal ganz leise, Peterli.«

»Mutter, willst du das Gewissen auch mal hören? – Dann komm rasch mit!«

»Peter, was bedeutet das nun wieder? – Was hat dir dein Gewissen zu sagen gehabt?«

Da wurde der Knabe kleinlaut; er wußte genau, daß er wieder einmal ein Unrecht begehen wollte. Jetzt ließ ihm jedoch die Sache mit dem Gewissen keine Ruhe mehr.

»Komm, Mutti, komm fix!«

Puckis Gesicht wurde ernst und traurig. Wie oft hatte sie Peter schon verboten, in einem fremden Haus etwas anzurühren. Ihre Ermahnungen schienen nichts zu fruchten. Sie wußte im Augenblick nicht, was sie aus der Erzählung Peters machen sollte, aber daß er wieder irgend etwas angestellt hatte, schien ihr sicher. So ließ sie sich fortziehen, hinein in das Zimmer der Leiterin.

»Sieh mal, Mutti, nur eine ganz kleine Birne wollte ich haben, weil ich so großen Hunger hatte. Da hat das Gewissen ganz laut geschrien: Laß das!«

»Laß das – laß das!« schrie da der Papagei wieder.

Peter war zusammengefahren und klammerte sich an die Mutter. »Hörst du? – Ach, Mutti, ich habe solche Angst! – Ist das das Gewissen?«

»Peter, du bist ein schlimmes Kind.– Was du tun wolltest, ist ein großes Unrecht. Du bist ein kleiner Dieb, und ein Dieb ist etwas Häßliches. Kein Kind wird mehr mit dir spielen mögen. – Nun hat der liebe Gott gesehen, daß du wieder ein Unrecht begehen wolltest. Da hat der Papagei dort drüben gerufen und dich gewarnt.«

»Der Papagei? – Mutti, das ist doch ein Vogel, und ein Vogel kann nicht sprechen. Mutti, was hast du da gesagt!«

»Du Schafskopf!« rief der Papagei wieder.

Peter war wie erstarrt. Die Worte kamen wirklich aus dem Bauer.

»Laß das! – Laß das!« rief der Vogel.

Wahrhaftig, es war der Papagei, der da sprach. Ein Vogel konnte sprechen! Der Vogel hatte gesehen, daß er Obst nehmen wollte.

»Mutti – Mutti!« rief Peter ängstlich.

»Peter, deine Mutti ist sehr traurig. – Ein Kind, das in früher Jugend bald einen Bonbon und bald Obst nimmt, glaubt später, es dürfe so etwas immer tun. Bald nimmt es noch mehr fort. Dann wird langsam ein schlechter Mensch aus diesem Kinde, denn das Schlechte wächst mit ihm. Wenn das Kind dann erwachsen ist, wird es zu einem richtigen Dieb. Die Eltern eines Diebes aber weinen Tag und Nacht, sie werden krank und müssen vor Kummer und Herzeleid sterben. – Denke doch an deinen Vati, an deine Mutti. Du machst sie sehr traurig, wenn sie erfahren, daß du wieder etwas fortnehmen wolltest oder gar genommen hast. – Peterli, du weißt doch noch, daß deine Mutti einmal verreisen mußte, weil ihr Herz krank war.«

»Mutti, liebe Mutti!«

»Ihr Herz wird wieder krank werden, wenn die Mutti sich so sehr über dich grämen muß. Denke daran, wenn du wieder einmal etwas Süßes oder eine Schale mit Obst siehst. Sage dir dann: ich darf nichts nehmen, ich will kein schlechter Mensch werden. Peterli, versprichst du mir das?«

»Mutti, du sollst nicht wieder fortgehen und krank werden. – Mutti, ich werde ganz bestimmt nichts mehr nehmen. Aber – kannst du mir nicht eine Birne schenken?«

»Das Obst gehört nicht mir, Peter. Wenn die Mutti etwas nähme, wäre sie auch ein Dieb. – Und nun komm zu deinen Brüdern.«

Obwohl im Garten eine fröhliche Stimmung herrschte, konnte Frau Doktor Gregor nicht froh werden. Sonst hätte sie gewiß mitgespielt. Ihre Blicke gingen immer wieder zu Peter hinüber. Schwere Sorgen erfüllten ihr Herz. Wie anders war Karl geartet! Dem sah man an, daß ihn auch jetzt wieder Mitleid mit den Waisen erfüllte. Er dachte wohl daran, daß er dem Schicksal dankbar dafür sein müsse, daß seine Eltern lebten.

Als Karl die Mutter so ernst dastehen sah, eilte er zu ihr hin. »Bist du auch traurig, Mutti, weil die vielen Kinderchen keine Mutti haben?«

»Es ist gut, Karl, daß es Waisenhäuser gibt, die elternlose Kinder liebevoll aufnehmen.«

»Mutti – du bist die allerbeste Mutti auf der ganzen Welt. Einmal hat mir der Manfred gesagt, er möchte dich auch einmal Mütterchen nennen, das wäre schön. – Ob die Kinder hier sich freuen würden, wenn sie auch einmal Mütterchen zu dir sagen könnten?«

»Die Kinder haben drei liebe Tanten, die für sie sorgen.«

»Sie möchten aber gern mal Mütterchen sagen.«

»Laß nur, Karlchen, ich bin euer Mütterchen und kann nicht das Mütterchen so vieler Kinder sein. Geh wieder zu ihnen und spiele weiter; wir bleiben noch ein Stündchen hier.«

Karl beherrschte der Gedanke, den Kindern eine besondere Freude zu bereiten. Als er neben zwei kleinen Mädchen stand, erzählte er ihnen von seinem Mütterchen und zeigte mit dem Finger hinüber zur Mutter, die neben der Leiterin auf einer Bank saß.

»Wir haben euch heute viel Spielzeug mitgebracht. Oben steht es. Mutti hat gesagt, das sollen wir euch schenken. Meine Mutti ist so gut.«

»Ich habe auch ein Mütterchen gehabt, das so gut war.«

»Nun hast du keins mehr? – Das tut mir leid. Aber unsere Mutti ist zu allen Kindern lieb. Sie ist unser Mütterchen.«

»Du bist wohl sehr froh, daß du ein Mütterchen hast?«

»Ich habe eine Mutti, und wenn ich sie ganz besonders liebhabe, nenne ich sie ›Pucki-Mütterchen‹. ›Pucki‹ nennt sie der Vati, und der hat sie auch furchtbar lieb. – Meine Mutti ist eben noch mehr als nur eine Mutti, und alle schönen Namen, die es gibt, möchte ich ihr sagen.«

Nachdenklich schaute das kleine Mädchen zu Pucki hinüber. »Pucki-Mütterchen«, murmelte sie, »das klingt schön, das gefällt mir gut. – Pucki-Mütterchen!«

Dann wurde das Spiel fortgesetzt, bis Pucki endlich ihre Knaben zum Heimgehen rief.

»So, ihr Jungen und Mädel«, sagte die Leiterin, »nun tretet schön zu zweien an; dann gibt jeder der guten Tante das Händchen und bedankt sich für das Kegelspiel und auch für die anderen schönen Spielsachen, die ihr später bekommen werdet.«

Alle gaben Frau Gregor die Hand. Die beiden kleinen Mädchen, denen Karlchen von seiner Mutter erzählt hatte, hielten Puckis Rechte lange fest und sagten zärtlich: »Danke, liebe Tante, für die schönen Kegel. – Danke, Pucki-Mütterchen!«

Die nachfolgenden Kinder hörten diese Worte. Das Wort »Pucki« gefiel ihnen und: »Danke, Pucki«, sagte der folgende Knabe.

»Pucki – Pucki!« rief es da im Chor.

Wieder gingen Frau Gregors Gedanken zurück in die Vergangenheit. Sie sah sich im Kindergarten sitzen, um dort ihr Probejahr abzumachen. Irgend jemand hatte sie Pucki genannt. Der Name war zu Ohren der Kinder gekommen; seit jener Zeit war sie die »Tante Pucki« geblieben. Längst war sie nun Mutter, hatte drei Knaben, und jetzt schallte es ihr wieder froh entgegen: »Pucki-Mütterchen!«

»Pucki-Mütterchen! – Pucki-Mütterchen!« jauchzte die Schar der Waisenkinder. Dieser Name schien allen gut zu gefallen, denn immer wieder brach heller Jubel los: »Pucki-Mütterchen!«

Die Leiterin wehrte den Kindern nicht. In manchem Kinderherzen mochte das Wort Mütterchen doch süße Erinnerungen wecken. Sie schaute auf Frau Gregor, die mehr und mehr von den Kindern umringt wurde. Dort stand die junge Frau wie verklärt, das Gesicht voll mütterlicher Zärtlichkeit und Liebe. Und immer wieder streckte Frau Gregor die Hände aus, um die elternlosen Kinder zärtlich an die Brust zu ziehen.

»Mütterchen Pucki«, sagte die Leiterin tief ergriffen. Sie hätte noch lange das schöne Bild betrachten können: eine mütterliche Frau, in deren Herz soviel Liebe, soviel Güte gelegt worden war. Diese über sie strömende Zärtlichkeit schienen die Kinder mit ihr zu empfinden; ihre Augen leuchteten hell, und immer heller und immer fröhlicher klang das Rufen: »Mütterchen Pucki!«

Als Frau Doktor Gregor schied, war es ihr, als umrausche sie noch immer die herrliche Musik: Mütterchen Pucki.

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