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Psychoanalytische Bemerkungen über einen autobiographisch beschriebenen Fall von Paranoia (Dementia paranoides)

Sigmund Freud: Psychoanalytische Bemerkungen über einen autobiographisch beschriebenen Fall von Paranoia (Dementia paranoides) - Kapitel 2
Quellenangabe
typetractate
booktitleStudienausgabe Band VII
authorSigmund Freud
year1973
firstpub1911
publisherS. Fischer Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-10-822727-0
titlePsychoanalytische Bemerkungen über einen autobiographisch beschriebenen Fall von Paranoia (Dementia paranoides)
pages65
created20081029
sendergerd.bouillon@t-online.de
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141 I
Krankengeschichte

Dr. Schreber berichtet: »Ich bin zweimal nervenkrank gewesen, beide Male infolge von geistiger Überanstrengung; das erstemal (als Landgerichtsdirektor in Chemnitz) aus Anlaß einer Reichstagskandidatur, das zweitemal aus Anlaß der ungewöhnlichen Arbeitslast, die ich beim Antritt des mir neu übertragenen Amtes eines Senatspräsidenten beim Oberlandesgericht Dresden vorfand.« (34.)

Die erste Erkrankung trat im Herbste 1884 hervor und war Ende 1885 vollkommen geheilt. Flechsig, auf dessen Klinik der Patient damals 6 Monate verbrachte, bezeichnete in einem später abgegebenen »Formulargutachten« den Zustand als einen Anfall schwerer Hypochondrie. Dr. Schreber versichert, daß diese Krankheit »ohne jede an das Gebiet des Übersinnlichen anstreifenden Zwischenfälle« verlief. (35.)

Über die Vorgeschichte und die näheren Lebensumstände des Patienten geben weder seine Niederschriften noch die ihr angefügten Gutachten der Ärzte genügende Auskunft. Ich wäre nicht einmal in der Lage, sein Alter zur Zeit der Erkrankung anzugeben, wiewohl die vor der zweiten Erkrankung erreichte hohe Stellung im Justizdienst eine gewisse untere Grenze sichert. Wir erfahren, daß Dr. Schreber zur Zeit der »Hypochondrie« bereits lange verheiratet war. Er schreibt: »Fast noch inniger wurde der Dank von meiner Frau empfunden, die in Professor Flechsig geradezu denjenigen verehrte, der ihr ihren Mann wiedergeschenkt habe, und aus diesem Grunde sein Bildnis jahrelang auf ihrem Arbeitstische stehen hatte.« (36.) Und ebenda: »Nach der Genesung von meiner ersten Krankheit habe ich acht, im ganzen recht glückliche, auch an äußeren Ehren reiche und nur durch die mehrmalige Vereitelung der Hoffnung auf Kindersegen zeitweilig getrübte Jahre mit meiner Frau verlebt.«

Im Juni 1893 wurde ihm seine bevorstehende Ernennung zum 142 Senatspräsidenten angezeigt; er trat sein Amt am 1. Oktober desselben Jahres an. In die ZwischenzeitAlso noch vor der Einwirkung der von ihm beschuldigten Überarbeitung in seiner neuen Stellung. fallen einige Träume, denen Bedeutung beizulegen er erst später veranlaßt wurde. Es träumte ihm einige Male, daß seine frühere Nervenkrankheit zurückgekehrt war, worüber er sich im Traume ebenso unglücklich fühlte, wie nach dem Erwachen glücklich, daß es eben nur ein Traum gewesen war. Ferner hatte er einmal gegen Morgen in einem Zustande zwischen Schlafen und Wachen »die Vorstellung, daß es doch eigentlich recht schön sein müsse, ein Weib zu sein, das dem Beischlaf unterliege« (36), eine Vorstellung, die er bei vollem Bewußtsein mit großer Entrüstung zurückgewiesen hätte.

Die zweite Erkrankung setzte Ende Oktober 1893 mit quälender Schlaflosigkeit ein, die ihn die Flechsigsche Klinik von neuem aufsuchen ließ, wo sich aber sein Zustand rasch verschlechterte. Die weitere Entwicklung derselben schildert ein späteres Gutachten, welches von dem Direktor der Anstalt Sonnenstein abgegeben wurde (380): »Im Beginn seines dortigen AufenthaltesAuf der Leipziger Klinik bei Prof. Flechsig. äußerte er mehr hypochondrische Ideen, klagte, daß er an Hirnerweichung leide, bald sterben müsse, p. p., doch mischten sich schon Verfolgungsideen in das Krankheitsbild, und zwar auf Grund von Sinnestäuschungen, die anfangs allerdings mehr vereinzelt aufzutreten schienen, während gleichzeitig hochgradige Hyperästhesie, große Empfindlichkeit gegen Licht und Geräusch sich geltend machte. Später häuften sich die Gesichts- und Gehörstäuschungen und beherrschten in Verbindung mit Gemeingefühlsstörungen sein ganzes Empfinden und Denken, er hielt sich für tot und angefault, für pestkrank, wähnte, daß an seinem Körper allerhand abscheuliche Manipulationen vorgenommen würden, und machte, wie er sich selbst noch jetzt ausspricht, entsetzlichere Dinge durch, als jemand geahnt, und zwar um eines heiligen Zweckes willen. Die krankhaften Eingebungen nahmen den Kranken so sehr in Anspruch, daß er, für jeden andern Eindruck unzugänglich, stundenlang völlig starr und unbeweglich dasaß (halluzinatorischer Stupor), andererseits quälten sie ihn derartig, daß er sich den Tod herbeiwünschte, im Bade wiederholt Ertränkungsversuche machte und das ›für ihn bestimmte Zyankalium‹ verlangte. Allmählich nahmen die Wahnideen den Charakter des Mystischen, Religiösen an, er verkehrte direkt mit Gott, die Teufel trieben ihr Spiel mit 143 ihm, er sah ›Wundererscheinungen‹, hörte ›heilige Musik‹ und glaubte schließlich sogar in einer andern Welt zu weilen.«

Fügen wir hinzu, daß er verschiedene Personen, von denen er sich verfolgt und beeinträchtigt glaubte, vor allen seinen früheren Arzt Flechsig, beschimpfte, ihn »Seelenmörder« nannte und ungezählte Male »kleiner Flechsig«, das erste Wort scharf betonend, ausrief (383). In die Anstalt Sonnenstein bei Pirna war er aus Leipzig nach kurzem Zwischenaufenthalt im Juni 1894 gekommen und verblieb dort bis zur endgültigen Gestaltung seines Zustandes. Im Laufe der nächsten Jahre veränderte sich das Krankheitsbild in einer Weise, die wir am besten mit den Worten des Anstaltsdirektors Dr. Weber beschreiben werden:

»Ohne noch weiter auf alle Einzelheiten des Krankheitsverlaufes einzugehen, sei nur darauf hingewiesen, wie in der Folge aus der anfänglichen akuteren, das gesamte psychische Geschehen unmittelbar in Mitleidenschaft ziehenden Psychose, die als halluzinatorischer Wahnsinn zu bezeichnen war, immer entschiedener das paranoische Krankheitsbild sich hervorhob, sozusagen herauskristallisierte, das man gegenwärtig vor sich hat.« (385.) Er hatte nämlich einerseits ein kunstvolles Wahngebäude entwickelt, welches den größten Anspruch auf unser Interesse hat, anderseits hatte sich seine Persönlichkeit rekonstruiert und sich den Aufgaben des Lebens bis auf einzelne Störungen gewachsen gezeigt.

Dr. Weber berichtet über ihn im Gutachten von 1899:

»So erscheint zurzeit Herr Senatspräsident Dr. Schreber, abgesehen von den selbst für den flüchtigen Beobachter unmittelbar als krankhaft sich aufdrängenden psychomotorischen Symptomen, weder verwirrt noch psychisch gehemmt, noch in seiner Intelligenz merklich beeinträchtigt – er ist besonnen, sein Gedächtnis vorzüglich, er verfügt über ein erhebliches Maß von Wissen, nicht nur in juristischen Dingen, sondern auch auf vielen anderen Gebieten, und vermag es in geordnetem Gedankengange wiederzugeben, er hat Interesse für die Vorgänge in Politik, Wissenschaft und Kunst usw. und beschäftigt sich fortgesetzt mit ihnen . . . und wird in den angedeuteten Richtungen den von seinem Gesamtzustande nicht näher unterrichteten Beobachter kaum viel Auffälliges wahrnehmen lassen. Bei alledem ist der Patient von krankhaft bedingten Vorstellungen erfüllt, die sich zu einem vollständigen System geschlossen haben, mehr oder weniger fixiert sind und einer Korrektur 144 durch objektive Auffassung und Beurteilung der tatsächlichen Verhältnisse nicht zugänglich erscheinen.« (385–6.)

Der so weit veränderte Kranke hielt sich selbst für existenzfähig und unternahm zweckmäßige Schritte, um die Aufhebung seiner Kuratel und die Entlassung aus der Anstalt durchzusetzen. Dr. Weber widerstrebte diesen Wünschen und gab Gutachten im entgegengesetzten Sinne ab; doch kann er nicht umhin, das Wesen und Benehmen des Patienten im Gutachten von 1900 in folgender anerkennenden Weise zu schildern: »Der Unterzeichnete hat seit ¾ Jahren bei Einnahme der täglichen Mahlzeiten am Familientisch ausgiebigste Gelegenheit gehabt, mit Herrn Präsidenten Schreber über alle möglichen Gegenstände sich zu unterhalten. Welche Dinge nun auch – von seinen Wahnideen natürlich abgesehen – zur Sprache gekommen sind, mochten sie Vorgänge im Bereiche der Staatsverwaltung und Justiz, der Politik, der Kunst und Literatur, des gesellschaftlichen Lebens oder was sonst berühren, überall bekundete Doktor Schreber reges Interesse, eingehende Kenntnisse, gutes Gedächtnis und zutreffendes Urteil und auch in ethischer Beziehung eine Auffassung, der nur beigetreten werden konnte. Ebenso zeigte er sich in leichter Plauderei mit den anwesenden Damen nett und liebenswürdig und bei humoristischer Behandlung mancher Dinge immer taktvoll und dezent, niemals hat er in die harmlose Tischunterhaltung die Erörterung von Angelegenheiten hineingezogen, die nicht dort, sondern bei der ärztlichen Visite zu erledigen gewesen wären.« (397–8.) Selbst in eine geschäftliche, die Interessen der ganzen Familie berührende Angelegenheit hatte er damals in sachgemäßer und zweckentsprechender Weise eingegriffen. (401 und 510.)

In den wiederholten Eingaben an das Gericht, mittels deren Dr. Schreber um seine Befreiung kämpfte, verleugnete er durchaus nicht seinen Wahn und machte kein Hehl aus seiner Absicht, die Denkwürdigkeiten der Öffentlichkeit zu übergeben. Er betonte vielmehr den Wert seiner Gedankengänge für das religiöse Leben und deren Unzersetzbarkeit durch die heutige Wissenschaft; gleichzeitig berief er sich aber auch auf die absolute Harmlosigkeit (430) all jener Handlungen, zu denen er sich durch den Inhalt des Wahnes genötigt wußte. Der Scharfsinn und die logische Treffsicherheit des als Paranoiker Erkannten führten denn auch zum Triumph. Im Juli 1902 wurde die über Dr. Schreber verhängte Entmündigung aufgehoben; im nächsten Jahr erschienen die Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken als Buch, allerdings zensuriert und um manches wertvolle Stück ihres Inhaltes geschmälert.

145 In der Entscheidung, welche Dr. Schreber die Freiheit wiedergab, ist der Inhalt seines Wahnsystems in wenigen Sätzen zusammengefaßt: »Er halte sich für berufen, die Welt zu erlösen und ihr die verlorengegangene Seligkeit wiederzubringen. Das könne er aber nur, wenn er sich zuvor aus einem Manne zu einem Weibe verwandelt habe.« (475.)

Eine ausführliche Darstellung des Wahnes in seiner endgültigen Gestaltung können wir dem 1899 vom Anstaltsarzte Dr. Weber erstatteten Gutachten entnehmen: »Das Wahnsystem des Patienten gipfelt darin, daß er berufen sei, die Welt zu erlösen und der Menschheit die verlorengegangene Seligkeit wiederzubringen. Er sei, so behauptet er, zu dieser Aufgabe gekommen durch unmittelbar göttliche Eingebungen, ähnlich wie dies von den Propheten gelehrt wird; gerade aufgeregtere Nerven, wie es die seinigen so lange Zeit hindurch gewesen seien, hätten nämlich die Eigenschaft, anziehend auf Gott zu wirken, es handle sich dabei aber um Dinge, die sich entweder gar nicht oder doch nur sehr schwer in menschlicher Sprache ausdrücken lassen, weil sie außerhalb aller menschlichen Erfahrung lägen und eben nur ihm offenbart seien. Das wesentlichste bei seiner erlösenden Mission sei, daß zunächst seine Verwandlung zum Weibe zu erfolgen habe. Nicht etwa, daß er sich zum Weibe verwandeln wolle, es handle sich vielmehr um ein in der Weltordnung begründetes ›Muß‹, dem er schlechterdings nicht entgehen könne, wenn es ihm persönlich auch viel lieber gewesen wäre, in seiner ehrenvollen männlichen Lebensstellung zu verbleiben, das Jenseits sei aber nun einmal für ihn und die ganze übrige Menschheit nicht anders wieder zu erobern als durch eine ihm vielleicht erst nach Ablauf vieler Jahre oder Jahrzehnte bevorstehende Verwandlung in ein Weib im Wege göttlicher Wunder. Er sei, das stehe für ihn fest, der ausschließliche Gegenstand göttlicher Wunder, somit der merkwürdigste Mensch, der je auf Erden gelebt habe, seit Jahren, in jeder Stunde und jeder Minute erfahre er diese Wunder an seinem Leibe, erhalte sie auch durch die Stimmen, die mit ihm sprächen, bestätigt. Er habe in den ersten Jahren seiner Krankheit Zerstörungen an einzelnen Organen seines Körpers erfahren, die jedem andern Menschen längst den Tod hätten bringen müssen, habe lange Zeit gelebt ohne Magen, ohne Därme, fast ohne Lungen, mit zerrissener Speiseröhre, ohne Blase, mit zerschmetterten Rippenknochen, habe seinen Kehlkopf manchmal zum Teil mit aufgegessen usf., göttliche Wunder (›Strahlen‹) aber hätten das Zerstörte immer wiederhergestellt und er 146 sei daher, solange er ein Mann bleibe, überhaupt nicht sterblich. Jene bedrohlichen Erscheinungen seien nun längst verschwunden, dafür sei in den Vordergrund getreten seine ›Weiblichkeit‹, wobei es sich um einen Entwicklungsprozeß handle, der wahrscheinlich noch Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte zu seiner Vollendung beanspruche und dessen Ende schwerlich einer der jetzt lebenden Menschen erleben werde. Er habe das Gefühl, daß bereits massenhafte ›weibliche Nerven‹ in seinen Körper übergegangen seien, aus denen durch unmittelbare Befruchtung Gottes neue Menschen hervorgehen würden. Erst dann werde er wohl eines natürlichen Todes sterben können und sich wie allen Menschen die Seligkeit wieder erworben haben. Einstweilen sprächen nicht nur die Sonne, sondern auch die Bäume und die Vögel, die so etwas wie ›verwunderte Reste früherer Menschenseelen‹ seien, in menschlichen Lauten zu ihm und überall geschähen Wunderdinge um ihn her.« (386–8.)

Das Interesse des praktischen Psychiaters an solchen Wahnbildungen ist in der Regel erschöpft, wenn er die Leistung des Wahnes festgestellt und seinen Einfluß auf die Lebensführung des Kranken beurteilt hat; seine Verwunderung ist nicht der Anfang seines Verständnisses. Der Psychoanalytiker bringt von seiner Kenntnis der Psychoneurosen her die Vermutung mit, daß auch so absonderliche, so weit von dem gewohnten Denken der Menschen abweichende Gedankenbildungen aus den allgemeinsten und begreiflichsten Regungen des Seelenlebens hervorgegangen sind, und möchte die Motive wie die Wege dieser Umbildung kennenlernen. In dieser Absicht wird er sich gerne in die Entwicklungsgeschichte wie in die Einzelheiten des Wahnes vertiefen.

 

a) Als die beiden Hauptpunkte werden vom ärztlichen Begutachter die Erlöserrolle und die Verwandlung zum Weibe hervorgehoben. Der Erlöserwahn ist eine uns vertraute Phantasie, er bildet so häufig den Kern der religiösen Paranoia. Der Zusatz, daß die Erlösung durch die Verwandlung des Mannes in ein Weib erfolgen müsse, ist ungewöhnlich und an sich befremdend, da er sich weit von dem historischen Mythos entfernt, den die Phantasie des Kranken reproduzieren will. Es liegt nahe, mit dem ärztlichen Gutachten anzunehmen, daß der Ehrgeiz, den Erlöser zu spielen, das Treibende dieses Wahnkomplexes sei, wobei die Entmannung nur die Bedeutung eines Mittels zu diesem Zweck in Anspruch nehmen könne. Mag sich dies auch in der endgültigen Gestaltung des Wahnes so darstellen, so wird uns doch durch das Studium der Denkwürdigkeiten eine ganz andere Auffassung aufgenötigt. Wir 147 erfahren, daß die Verwandlung in ein Weib (Entmannung) der primäre Wahn war, daß sie zunächst als ein Akt schwerer Beeinträchtigung und Verfolgung beurteilt wurde und daß sie erst sekundär in Beziehung zur Erlöserrolle trat. Auch wird es unzweifelhaft, daß sie zuerst zum Zwecke sexuellen Mißbrauches und nicht im Dienste höherer Absichten erfolgen sollte. Formal ausgedrückt, ein sexueller Verfolgungswahn hat sich dem Patienten nachträglich zum religiösen Größenwahn umgebildet. Als Verfolger galt zuerst der behandelnde Arzt Prof. Flechsig, später trat Gott selbst an dessen Stelle.

Ich setze die beweisenden Stellen aus den Denkwürdigkeiten ungekürzt hierher: »Auf diese Weise wurde ein gegen mich gerichtetes Komplott fertig (etwa im März oder April 1894), welches dahin ging, nach einmal erkannter oder angenommener Unheilbarkeit meiner Nervenkrankheit mich einem Menschen in der Weise auszuliefern, daß meine Seele demselben überlassen, mein Körper aber – in mißverständlicher Auffassung der oben bezeichneten, der Weltordnung zugrunde liegenden Tendenz – in einen weiblichen Körper verwandelt, als solcher dem betreffenden MenschenEs geht aus dem Zusammenhange dieser und anderer Stellen hervor, daß der betreffende Mensch, von dem der Mißbrauch geübt werden sollte, kein anderer als Flechsig ist (vgl. unten). zum geschlechtlichen Mißbrauch überlassen und dann einfach ›liegengelassen‹, also wohl der Verwesung anheimgegeben werden sollte.« (56.)

»Dabei war es vom menschlichen Gesichtspunkte aus, der mich damals noch vorzugsweise beherrschte, wohl durchaus natürlich, daß ich meinen eigentlichen Feind immer nur in Professor Flechsig oder dessen Seele erblickte (später kam noch die v. W.sche Seele hinzu, worüber weiter unten das Nähere) und Gottes Allmacht als meine natürliche Bundesgenossin betrachtete, die ich nur dem Professor Flechsig gegenüber in einer Notlage wähnte und deshalb mit allen erdenklichen Mitteln bis zur Selbstaufopferung unterstützen zu müssen glaubte. Daß Gott selbst der Mitwisser, wenn nicht gar der Anstifter des auf den an mir zu verübenden Seelenmord und die Preisgabe meines Körpers als weibliche Dirne gerichteten Planes gewesen sei, ist ein Gedanke, der sich mir erst sehr viel später aufgedrängt hat, ja zum Teil, wie ich sagen darf, mir erst während der Niederschrift des gegenwärtigen Aufsatzes zu klarem Bewußtsein gekommen ist.« (59.)

»Alle auf Verübung eines Seelenmords, auf Entmannung zu 148 weltordnungswidrigen Zwecken34 (d. h. zur Befriedigung der geschlechtlichen Begierde eines Menschen) und später auf Zerstörung meines Verstandes gerichteten Versuche sind gescheitert. Ich gehe aus dem anscheinend so ungleichen Kampfe eines einzelnen schwachen Menschen mit Gott selbst, wenn schon nach manchen bitteren Leiden und Entbehrungen, als Sieger hervor, weil die Weltordnung auf meiner Seite steht.« (61.)

In der Anmerkung 34 wird dann die spätere Umgestaltung des Entmannungswahnes und des Verhältnisses zu Gott angekündigt: »Daß eine Entmannung zu einem anderen – weltordnungsmäßigen Zweck im Bereiche der Möglichkeit liegt, ja sogar vielleicht die wahrscheinliche Lösung des Konfliktes enthält, wird später noch ausgeführt werden.«

Diese Äußerungen sind entscheidend für die Auffassung des Entmannungswahnes und somit für das Verständnis des Falles überhaupt. Fügen wir hinzu, daß die »Stimmen«, die der Patient hörte, die Umwandlung in ein Weib nie anders denn als eine sexuelle Schmach behandelten, wegen welcher sie den Kranken höhnen durften. »GottesstrahlenDie »Gottesstrahlen« sind, wie sich ergeben wird, identisch mit den in der »Grundsprache« redenden Stimmen. glaubten mich nicht selten mit Rücksicht auf die angeblich bevorstehende Entmannung als ›Miss Schreber‹ verhöhnen zu dürfen.« (127.) – »Das will ein Senatspräsident gewesen ein, der sich f . . .Diese Auslassung sowie alle anderen Eigentümlichkeiten der Schreibweise kopiere ich nach den Denkwürdigkeiten. Ich selbst wüßte kein Motiv, in ernster Sache so schamhaft zu sein. läßt?« – »Schämen Sie sich denn nicht vor Ihrer Frau Gemahlin?«

Die primäre Natur der Entmannungsphantasie und ihre anfängliche Unabhängigkeit von der Erlöseridee wird ferner durch die eingangs erwähnte, im Halbschlaf aufgetretene »Vorstellung« bezeugt, daß es schön sein müsse, ein Weib zu sein, das dem Beischlaf unterliege. (36.) Diese Phantasie war in der Inkubationszeit der Erkrankung, noch vor der Einwirkung der Überbürdung in Dresden bewußt worden.

Der Monat November 1895 wird von Schreber selbst als die Zeit hingestellt, in welcher sich der Zusammenhang der Entmannungsphantasie mit der Erlöseridee herstellte und solcherart eine Versöhnung mit der ersteren angebahnt wurde. »Nunmehr aber wurde mir unzweifelhaft bewußt, daß die Weltordnung die Entmannung, möchte sie mir persönlich zusagen oder nicht, gebieterisch verlange und daß mir daher aus Vernunftgründen gar nichts anderes übrigbleibe, als mich mit dem Gedanken der Verwandlung in ein Weib zu befreunden. Als weitere Folge 149 der Entmannung konnte natürlich nur eine Befruchtung durch göttliche Strahlen zum Zwecke der Erschaffung neuer Menschen in Betracht kommen.« (177.)

Die Verwandlung in ein Weib war das punctum saliens, der erste Keim der Wahnbildung gewesen; sie erwies sich auch als das einzige Stück, welches die Herstellung überdauerte, und als das einzige, das im wirklichen Handeln des Genesenen seinen Platz zu behaupten wußte. »Das einzige, was in den Augen anderer Menschen als etwas Unvernünftiges gelten kann, ist der auch von dem Herrn Sachverständigen berührte Umstand, daß ich zuweilen mit etwas weiblichem Zierat (Bändern, unechten Ketten u. dgl.) bei halb entblößtem Oberkörper vor dem Spiegel stehend oder sonst angetroffen werde. Es geschieht dies übrigens nur im Alleinsein, niemals, wenigstens soweit ich es vermeiden kann, zu Angesicht anderer Personen.« (429.) Diese Spielereien gestand der Herr Senatspräsident zu einer Zeit ein (Juli 1901), da er für seine wiedergewonnene praktische Gesundheit den treffenden Ausdruck fand: »Jetzt weiß ich schon längst, daß die Personen, die ich vor mir sehe, nicht ›flüchtig hingemachte Männer‹, sondern wirkliche Menschen sind und daß ich mich daher ihnen gegenüber so zu verhalten habe, wie ein vernünftiger Mensch im Verkehr mit anderen Menschen zu tun pflegt.« (409.) Im Gegensatz zu dieser Betätigung der Entmannungsphantasie hat der Kranke für die Anerkennung seiner Erlösermission nie etwas anderes unternommen als eben die Veröffentlichung seiner Denkwürdigkeiten.

 

b) Das Verhältnis unseres Kranken zu Gott ist so sonderbar und von einander widersprechenden Bestimmungen erfüllt, daß ein gutes Stück Zuversicht dazu gehört, wenn man an der Erwartung festhält, daß in diesem »Wahnsinn« doch »Methode« zu finden sei. Wir müssen uns nun mit Hilfe der Äußerungen in den Denkwürdigkeiten über das theologisch-psychologische System des Dr. Schreber genauere Orientierung schaffen und seine Ansichten über die Nerven, die Seligkeit, die göttliche Hierarchie und die Eigenschaften Gottes in ihrem scheinbaren (wahnhaften) Zusammenhange darlegen. In allen Stücken der Theorie fällt die merkwürdige Mischung von Plattem und Geistreichem, von geborgten und originellen Elementen auf.

Die menschliche Seele ist in den Nerven des Körpers enthalten, die als Gebilde von außerordentlicher Feinheit – den feinsten Zwirnfäden 150 vergleichbar – vorzustellen sind. Einige dieser Nerven sind nur zur Aufnahme sinnlicher Wahrnehmungen geeignet, andere (die Verstandesnerven) leisten alles Psychische, wobei das Verhältnis stattfindet, daß jeder einzelne Verstandesnerv die gesamte geistige Individualität des Menschen repräsentiert und die größere oder geringere Zahl der vorhandenen Verstandesnerven nur von Einfluß ist auf die Zeitdauer, während deren die Eindrücke festgehalten werden könnenIn der Anmerkung zu dieser von Schreber unterstrichenen Lehre wird deren Brauchbarkeit zur Erklärung der Erblichkeit betont. »Der männliche Samen enthält einen Nerv des Vaters und vereinigt sich mit einem aus dem Leib der Mutter entnommenen Nerven zu einer neuentstehenden Einheit.« (7.) Es ist also hier ein Charakter, den wir dem Spermatozoon zuschreiben müssen, auf die Nerven übertragen worden und dadurch die Herkunft der Schreberschen »Nerven« aus dem sexuellen Vorstellungskreis wahrscheinlich gemacht. In den Denkwürdigkeiten trifft es sich nicht so selten, daß eine beiläufige Anmerkung zu einer wahnhaften Lehre den erwünschten Hinweis auf die Genese und somit auf die Bedeutung des Wahnes enthält..

Während die Menschen aus Körper und Nerven bestehen, ist Gott von vornherein nur Nerv. Die Gottesnerven sind jedoch nicht wie im menschlichen Körper in beschränkter Zahl vorhanden, sondern unendlich oder ewig. Sie besitzen alle Eigenschaften der menschlichen Nerven in enorm gesteigertem Maße. In ihrer Fähigkeit zu schaffen, d. h. sich umzusetzen in alle möglichen Dinge der erschaffenen Welt, heißen sie Strahlen. Zwischen Gott und dem gestirnten Himmel oder der Sonne besteht eine innige BeziehungÜber diese siehe weiter unten: Sonne. – Die Gleichstellung (oder vielmehr Verdichtung) von Nerven und Strahlen könnte leicht deren lineare Erscheinung zum Gemeinsamen genommen haben. – Die Strahlen-Nerven sind übrigens ebenso schöpferisch wie die Samenfäden-Nerven..

Nach dem Schöpfungswerk zog sich Gott in ungeheuere Entfernung zurück (10–11 und 252) und überließ die Welt im allgemeinen ihren Gesetzen. Er beschränkte sich darauf, die Seelen Verstorbener zu sich heraufzuziehen. Nur ausnahmsweise mochte er sich mit einzelnen hochbegabten Menschen in Verbindung setzenDas wird in der »Grundsprache« (s. unten) als »Nervenanhang bei ihnen nehmen« bezeichnet. oder mit einem Wunder in die Geschicke der Welt eingreifen. Ein regelmäßiger Verkehr Gottes mit Menschenseelen findet nach der Weltordnung erst nach dem Tode stattWelche Einwürfe gegen Gott sich hieran knüpfen, werden wir später erfahren.. Wenn ein Mensch gestorben ist, so werden seine Seelenteile (Nerven) einem Läuterungsverfahren unterworfen, um endlich als »Vorhöfe des Himmels« Gott selbst wieder angegliedert zu werden. Es entsteht so ein 151 ewiger Kreislauf der Dinge, welcher der Weltordnung zugrunde liegt. Indem Gott etwas schafft, entäußert er sich eines Teiles seiner selbst, gibt einem Teile seiner Nerven eine veränderte Gestalt. Der scheinbar hierdurch entstehende Verlust wird wiederum ersetzt, wenn nach Jahrhunderten und Jahrtausenden die selig gewordenen Nerven verstorbener Menschen als »Vorhöfe des Himmels« ihm wieder zuwachsen. (18 und 19, Anm.)

Die durch den Läuterungsprozeß gereinigten Seelen befinden sich im Genusse der SeligkeitDiese besteht wesentlich in einem Wollustgefühl (s. unten)., Sie haben unterdes ihr Selbstbewußtsein abgeschwächt und sind mit anderen Seelen zu höheren Einheiten zusammengeschmolzen. Bedeutsame Seelen, wie die eines Goethe, Bismarck u. a., haben ihr Identitätsbewußtsein vielleicht noch durch Jahrhunderte zu bewahren, bis sie selbst in höheren Seelenkomplexen (wie »Jehovastrahlen« für das alte Judentum, »Zoroasterstrahlen« für das Persertum) aufgehen können. Während der Läuterung lernen die Seelen »die von Gott selbst gesprochene Sprache, die sogenannte ›Grundsprache‹, ein etwas altertümliches, aber immerhin kraftvolles Deutsch, das sich namentlich durch einen großen Reichtum an Euphemismen auszeichnete« (13)Es war dem Patienten ein einziges Mal während seiner Krankheit vergönnt, Gottes Allmacht in ihrer vollständigen Reinheit vor seinem geistigen Auge zu sehen. Gott äußerte damals das in der Grundsprache ganz geläufige, kraftvolle, aber nicht freundlich klingende Wort: Luder! (136.).

Gott selbst ist kein einfaches Wesen. »Über den ›Vorhöfen des Himmels‹ schwebte Gott selbst, dem im Gegensatze zu diesen ›vorderen Gottesreiche‹ auch die Bezeichnung der ›hinteren Gottesreiche‹ gegeben wurde. Die hinteren Gottesreiche unterlagen (und unterliegen noch jetzt) einer eigentümlichen Zweiteilung, nach der ein niederer Gott (Ariman) und ein oberer Gott (Ormuzd) unterschieden wurde.« (19.) Über die nähere Bedeutung dieser Zweiteilung weiß Schreber nichts anderes zu sagen, als daß der niedere Gott sich vorzugsweise den Völkern brünetter Rasse (den Semiten) und der obere den blonden Völkern (Ariern) zugeneigt hat. Doch wird man von menschlicher Erkenntnis in solchen Höhen auch nicht mehr fordern dürfen. Immerhin erfahren wir noch, daß der niedere und der obere Gott »ungeachtet der in gewisser Beziehung vorhandenen Einheit von Gottes Allmacht doch als 152 verschiedene Wesen aufgefaßt werden müssen, die, ein jedes von ihnen, auch im Verhältnis untereinander, ihren besonderen Egoismus und ihren besonderen Selbsterhaltungstrieb haben und sich daher immer wechselseitig vorzuschieben trachten« (140, Anm.). Die beiden göttlichen Wesen benahmen sich auch während des akuten Krankheitsstadiums in ganz verschiedener Weise gegen den unglücklichen SchreberEine Anmerkung (20) läßt erraten, daß eine Stelle in Byrons Manfred für die Wahl der persischen Gottesnamen den Ausschlag gegeben hat. Wir werden dem Einflusse dieser Dichtung noch ein anderes Mal begegnen..

Der Senatspräsident Schreber war in gesunden Tagen ein Zweifler in religiösen Dingen gewesen (29 und 64); er hatte sich zu einem festen Glauben an die Existenz eines persönlichen Gottes nicht aufzuschwingen vermocht. Ja, er zieht aus dieser Tatsache seiner Vorgeschichte ein Argument, um die volle Realität seines Wahnes zu stützen»Daß bei mir bloße Sinnestäuschungen vorliegen sollen, erscheint mir schon [von] vornherein psychologisch undenkbar. Denn die Sinnestäuschung, mit Gott oder abgeschiedenen Seelen in Verkehr zu stehen, kann doch füglich nur in solchen Menschen entstehen, die in ihren krankhaft erregten Nervenzustand bereits einen sicheren Glauben an Gott und an die Unsterblichkeit der Seele mitgebracht haben. Dies ist aber bei mir nach dem im Eingang dieses Kapitels Erwähnten gar nicht der Fall gewesen.« (79.). Wer aber das Folgende über die Charaktereigenschaften des Schreberschen Gottes erfährt, wird sagen müssen, daß die durch die paranoische Erkrankung erzeugte Umwandlung keine sehr gründliche war und daß in dem nunmehrigen Erlöser noch viel vom vormaligen Zweifler übriggeblieben ist.

Die Weltordnung hat nämlich eine Lücke, infolge deren die Existenz Gottes selbst gefährdet erscheint. Vermöge eines nicht näher aufzuklärenden Zusammenhanges üben die Nerven lebender Menschen, namentlich im Zustand einer hochgradigen Erregung, eine derartige Anziehung auf die Gottesnerven aus, daß Gott nicht wieder von ihnen loskommen kann, also in seiner eigenen Existenz bedroht ist (11). Dieser außerordentlich seltene Fall ereignete sich nun bei Schreber und hatte die größten Leiden für ihn zur Folge. Gottes Selbsterhaltungstrieb wurde dadurch regegemacht (30), und es ergab sich, daß Gott von der Vollkommenheit, die ihm die Religionen beilegen, weit entfernt ist. Durch das ganze Buch Schrebers zieht sich die bittere Anklage, daß Gott, nur an den Verkehr mit Verstorbenen gewöhnt, den lebenden Menschen nicht versteht.

»Dabei waltet nun aber ein fundamentales Mißverständnis ob, welches sich seitdem wie ein roter Faden durch mein ganzes Leben 153 hindurchzieht und welches eben darauf beruht, daß Gott nach der Weltordnung den lebenden Menschen eigentlich nicht kannte und nicht zu kennen brauchte, sondern weltordnungsgemäß nur mit Leichen zu verkehren hatte.« (55.) – »Daß . . ., muß nach meiner Überzeugung wiederum damit in Zusammenhang gebracht werden, daß Gott mit dem lebenden Menschen sozusagen nicht umzugehen wußte, sondern nur den Verkehr mit Leichen oder allenfalls mit dem im Schlaf daliegenden (träumenden) Menschen gewöhnt war.« (141.) – »Incredibile scriptu, möchte ich selbst hinzufügen, und doch ist alles tatsächlich wahr, so wenig andere Menschen den Gedanken einer so totalen Unfähigkeit Gottes, den lebenden Menschen richtig zu beurteilen, werden fassen können, und so langer Zeit es auch für mich bedurft hat, um mich an diesen Gedanken nach den unzähligen hierüber gemachten Beobachtungen zu gewöhnen.« (246.)

Allein infolge dieses Mißverständnisses Gottes für den lebenden Menschen konnte es geschehen, daß Gott selbst der Anstifter des gegen Schreber gerichteten Komplottes wurde, daß Gott ihn für blödsinnig hielt und ihm die beschwerlichsten Prüfungen auferlegte (264). Er unterwarf sich einem höchst lästigen »Denkzwange«, um dieser Verurteilung zu entgehen. »Bei jeder Einstellung meiner Denktätigkeit erachtet Gott augenblicklich meine geistigen Fähigkeiten für erloschen, die von ihm erhoffte Zerstörung des Verstandes (den Blödsinn) für eingetreten und damit die Möglichkeit eines Rückzuges für gegeben.« (206.)

Eine besonders heftige Empörung wird durch das Benehmen Gottes in der Sache des Entleerungs- oder Sch . . . dranges hervorgerufen. Die Stelle ist so charakteristisch, daß ich sie ganz zitieren will. Zu ihrem Verständnis schicke ich voraus, daß sowohl die Wunder als auch die Stimmen von Gott (d. h. von den göttlichen Strahlen) ausgehen.

»Wegen ihrer charakteristischen Bedeutung muß ich der oben erwähnten Frage ›Warum sch . . . Sie denn nicht?‹ noch einige Bemerkungen widmen, so wenig dezent auch das Thema ist, das ich dabei zu berühren genötigt bin. Wie alles andere an meinem Körper, wird nämlich auch das Ausleerungsbedürfnis durch Wunder hervorgerufen; es geschieht dies, indem der Kot in den Därmen vorwärts (manchmal auch wieder rückwärts) gedrängt wird und wenn infolge bereits geschehener Ausleerungen genügendes Material nicht mehr vorhanden ist, wenigstens die noch vorhandenen geringen Reste des Darminhalts auf meine Gesäßöffnung geschmiert werden. Es handelt sich dabei um ein Wunder des oberen Gottes, das an jedem Tage mindestens mehrere Dutzende von Malen wiederholt wird. Damit verbindet sich die für Menschen geradezu 154 unbegreifliche und nur aus der völligen Unbekanntschaft Gottes mit dem lebenden Menschen als Organismus erklärliche Vorstellung, daß das ›Sch . . .‹ gewissermaßen das letzte sei, d. h. mit dem Anwundern des Sch . . . dranges das Ziel der Zerstörung des Verstandes erreicht und die Möglichkeit eines endgültigen Rückzuges der Strahlen gegeben sei. Wie mir scheint, muß man, um der Entstehung dieser Vorstellung auf den Grund zu gehen, an das Vorliegen eines Mißverständnisses in betreff der symbolischen Bedeutung des Ausleerungsaktes denken, daß nämlich derjenige, der zu göttlichen Strahlen in ein dem meinigen entsprechendes Verhältnis gekommen ist, gewissermaßen berechtigt sei, auf alle Welt zu sch . . .«

»Zugleich äußert sich dabei aber auch die ganze PerfidieEine Anmerkung bemüht sich hier, das harte Wort »Perfidie« zu mildern, indem auf eine der noch zu erwähnenden Rechtfertigungen Gottes verwiesen wird. der Politik, die mir gegenüber verfolgt wird. Nahezu jedesmal, wenn man mir das Ausleerungsbedürfnis wundert, schickt man – indem man die Nerven des betreffenden Menschen dazu anregt – irgendeine andere Person meiner Umgebung auf den Abtritt, um mich am Ausleeren zu verhindern; es ist dies eine Erscheinung, die ich seit Jahren in so unzähligen (Tausenden von) Malen und so regelmäßig beobachtet habe, daß jeder Gedanke an einen Zufall ausgeschlossen ist. Mir selbst gegenüber wird dann aber auf die Frage: ›Warum sch . . . Sie denn nicht?‹ mit der famosen Antwort fortgefahren: ›Weil ich dumm bin so etwa.‹ Die Feder sträubt sich fast dagegen, den formidablen Unsinn niederzuschreiben, daß Gott in der Tat in seiner auf Unkenntnis der Menschennatur beruhenden Verblendung so weit geht anzunehmen, es könne einen Menschen geben, der – was doch jedes Tier zu tun vermag – vor Dummheit nicht sch . . . könne. Wenn ich dann im Falle eines Bedürfnisses wirklich ausleere – wozu ich mich, da ich den Abtritt fast stets besetzt finde, in der Regel eines Eimers bediene –, so ist dies jedesmal mit einer überaus kräftigen Entwicklung der Seelenwollust verbunden. Die Befreiung von dem Druck, der durch den in den Därmen vorhandenen Kot verursacht wird, hat nämlich für die Wollustnerven ein intensives Wohlbehagen zur Folge; das gleiche ist auch beim Pissen der Fall. Aus diesem Grunde sind noch stets und ohne jede Ausnahme beim Ausleeren und Pissen alle Strahlen vereinigt gewesen; aus eben diesem Grunde sucht man auch stets, wenn ich mich zu diesen natürlichen Funktionen anschicke, den 155 Ausleerungs- und Pißdrang, wenn auch meist vergeblich, wieder zurückzuwundern.« (225–7.)Dies Eingeständnis der Exkretionslust, die wir als eine der autoerotischen Komponenten der infantilen Sexualität kennengelernt haben, möge man mit den Äußerungen des kleinen Hans in der ›Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben‹ (1909 b, S. 333) zusammenhalten.

Der sonderbare Gott Schrebers ist auch nicht imstande, etwas aus der Erfahrung zu lernen: »Aus der so gewonnenen Erfahrung eine Lehre für die Zukunft zu ziehen, scheint vermöge irgendwelcher in dem Wesen Gottes liegenden Eigenschaften eine Unmöglichkeit zu sein.« (186.) Er kann daher dieselben quälenden Proben, Wunder und Stimmenäußerungen Jahre hindurch ohne Abänderung wiederholen, bis er dem Verfolgten zum Gespötte werden muß.

»Daraus ergibt sich, daß Gott fast in allem, was mir gegenüber geschieht, nachdem die Wunder ihre frühere furchtbare Wirkung zum größten Teil eingebüßt haben, mir überwiegend lächerlich oder kindisch erscheint. Daraus folgt für mein Verhalten, daß ich häufig durch die Notwehr gezwungen bin, nach Befinden auch in lauten Worten den Gottesspötter zu spielen . . .« (333.)Auch in der »Grundsprache« war Gott nicht immer der schimpfende Teil, sondern gelegentlich auch der beschimpfte, z. B.: »Ei verflucht, das sagt sich schwer, daß der liebe Gott sich f . . . läßt.« (194.)

Diese Kritik Gottes und Auflehnung gegen Gott begegnet bei Schreber indes einer energischen Gegenströmung, welcher an zahlreichen Stellen Ausdruck gegeben wird: »Auf das allerentschiedenste habe ich aber auch hier zu betonen, daß es sich dabei nur um eine Episode handelt, die, wie ich hoffe, spätestens mit meinem Ableben ihre Endschaft erreichen wird, daß daher das Recht, Gottes zu spotten, nur mir, nicht aber anderen Menschen zusteht. Für andere Menschen bleibt Gott der allmächtige Schöpfer des Himmels und der Erde, der Urgrund aller Dinge und das Heil ihrer Zukunft, dem – mögen auch einzelne der herkömmlichen religiösen Vorstellungen einer Berichtigung bedürfen – Anbetung und höchste Verehrung gebührt.« (333–4.)

Es wird darum zu wiederholten Malen eine Rechtfertigung Gottes wegen seines Benehmens gegen den Patienten versucht, die, ebenso spitzfindig wie alle Theodizeen, bald in der allgemeinen Natur der Seelen, bald in der Nötigung Gottes, sich selbst zu erhalten, und in dem irreführenden Einflusse der Flechsigschen Seele die Erklärung findet (60–1 und 160). Im ganzen aber wird die Krankheit als ein Kampf des Menschen Schreber gegen Gott aufgefaßt, in welchem der schwache 156 Mensch Sieger bleibt, weil er die Weltordnung auf seiner Seite hat (61).

Aus den ärztlichen Gutachten hätte man leicht schließen können, daß man es bei Schreber mit der landläufigen Form der Erlöserphantasie zu tun habe. Der Betreffende sei Gottes Sohn, dazu bestimmt, die Welt aus ihrem Elend oder vor dem ihr drohenden Untergang zu retten usw. Ich habe es daher nicht unterlassen, die Besonderheiten des Schreberschen Verhältnisses zu Gott ausführlich darzustellen. Die Bedeutung, welche diesem Verhältnisse für die übrige Menschheit zukommt, wird in den Denkwürdigkeiten nur selten und erst zu Ende der Wahnbildung erwähnt. Sie besteht wesentlich darin, daß kein Verstorbener selig werden kann, solange seine (Schrebers) Person die Hauptmasse der Gottesstrahlen durch ihre Anziehungskraft absorbiert (32). Auch die unverhüllte Identifizierung mit Jesus Christus kommt erst sehr spät zum Vorscheine (338 und 431).

Es wird kein Erklärungsversuch des Falles Schreber Aussicht auf Richtigkeit haben, der nicht diesen Besonderheiten seiner Gottesvorstellung, dieser Mischung von Zügen der Verehrung und der Auflehnung, Rechnung trägt. Wir wenden uns nun einem andern, in inniger Beziehung zu Gott stehenden Thema, dem der Seligkeit, zu.

Die Seligkeit ist auch bei Schreber »das jenseitige Leben«, zu dem die Menschenseele durch die Läuterung nach dem Tod erhoben wird. Er beschreibt sie als einen Zustand ununterbrochenen Genießens, verbunden mit der Anschauung Gottes. Das ist nun wenig originell, aber dafür werden wir durch die Unterscheidung überrascht, die Schreber zwischen einer männlichen und einer weiblichen Seligkeit macht. »Die männliche Seligkeit stand höher als die weibliche Seligkeit, welch letztere vorzugsweise in einem ununterbrochenen Wollustgefühle bestanden zu haben scheint.« (18.)Es liegt doch ganz im Sinne der Wunscherfüllung vom Leben im Jenseits, daß man dort endlich des Geschlechtsunterschiedes ledig wird.

»Und jene himmlischen Gestalten,
sie fragen nicht nach Mann und Weib.«

(Mignon.)

Andere Stellen verkünden das Zusammenfallen von Seligkeit und Wollust in deutlicherer Sprache und ohne Bezug auf den Geschlechtsunterschied, so wie auch von dem Bestandteile der Seligkeit, der Anschauung Gottes ist, weiter nicht gehandelt wird. So z. B.: » . . . mit der Natur der Gottesnerven, vermöge deren die Seligkeit . . ., wenn auch nicht ausschließlich, so doch mindestens zugleich eine hochgesteigerte 157 Wollustempfindung ist.« (51.) Und: »Die Wollust darf als ein Stück Seligkeit aufgefaßt werden, das dem Menschen und anderen lebenden Geschöpfen gewissermaßen im voraus verliehen ist« (281), so daß die himmlische Seligkeit wesentlich als Steigerung und Fortsetzung der irdischen Sinneslust zu verstehen wäre!

Diese Auffassung der Seligkeit ist keineswegs ein aus den ersten Stadien der Krankheit stammendes, später als unverträglich eliminiertes Stück des Schreberschen Wahnes. Noch in der ›Berufungsbegründung‹ (Juli 1901) hebt der Kranke als eine seiner großen Einsichten hervor, »daß die Wollust nun einmal in einer – für andere Menschen bisher nicht erkennbar gewordenen – nahen Beziehung zu der Seligkeit der abgeschiedenen Geister steht.«Über den möglichen Tiefsinn dieses Schreberschen Fundes vgl. unten.

Ja, wir werden hören, daß diese »nahe Beziehung« der Fels ist, auf welchem der Kranke die Hoffnung einer endlichen Versöhnung mit Gott und eines Aufhörens seiner Leiden gebaut hat. Die Strahlen Gottes verlieren ihre feindselige Gesinnung, sobald sie versichert sind, mit Seelenwollust in seinem Körper aufzugehen (133); Gott selbst verlangt danach, die Wollust bei ihm zu finden (283), und droht mit dem Rückzuge seiner Strahlen, wenn er in der Pflege der Wollust nachläßt und Gott das Verlangte nicht bieten kann (320).

Diese überraschende Sexualisierung der himmlischen Seligkeit macht uns den Eindruck, als ob Schrebers Seligkeitsbegriff durch die Verdichtung der zwei Hauptbedeutungen des deutschen Wortes: verstorben und sinnlich glücklich entstanden wäre»Mein seliger Vater« und der Text der Arie aus dem Don Juan:

»Ja, dein zu sein auf ewig,
wie selig werd' ich sein«

als extreme Vertreter der beiden Bedeutungen. Es kann aber auch nicht ohne Sinn sein, daß unsere Sprache dasselbe Wort für so verschiedene Situationen verwendet.

. Wir werden in ihr aber auch den Anlaß finden, das Verhältnis unseres Patienten zur Erotik überhaupt, zu den Fragen des sexuellen Genießens, der Prüfung zu unterziehen, denn wir Psychoanalytiker huldigen bis jetzt der Meinung, daß die Wurzeln jeder nervösen und psychischen Erkrankung vorzugsweise im Sexualleben zu finden seien, und zwar die einen von uns nur aus Gründen der Erfahrung, die anderen überdies noch infolge theoretischer Erwägungen.

Nach den bisher gegebenen Proben des Schreberschen Wahnes ist die 158 Befürchtung, gerade diese paranoide Erkrankung könnte sich als der so lange gesuchte »negative Fall« herausstellen, in dem die Sexualität eine allzu geringe Rolle spiele, ohne weiters abzuweisen. Schreber selbst äußert sich ungezählte Male in solcher Art, als ob er ein Anhänger unseres Vorurteils wäre. Er nennt »Nervosität« und erotische Verfehlung stets in einem Atem, als ob die beiden nicht voneinander zu trennen wären»Wenn auf irgendeinem Weltkörper sittliche Fäulnis (›wollüstige Ausschweifungen‹) oder vielleicht auch Nervosität die ganze Menschheit derart ergriffen hatten« – dann, meint Schreber, in Anlehnung an die biblischen Berichte von Sodom und Gomorrha, von der Sündflut usw., könnte es zu einer Weltkatastrophe gekommen sein. (52.) – »[. . . die Kunde] . . . habe Furcht und Schrecken unter den Menschen verbreitet, die Grundlagen der Religion zerstört und das Umsichgreifen einer allgemeinen Nervosität und Unsittlichkeit verursacht, in deren Folge dann verheerende Seuchen über die Menschheit hereingebrochen seien.« (91.) »Als ›Höllenfürst‹ galt daher wahrscheinlich den Seelen die unheimliche Macht, die aus einem sittlichen Verfall der Menschheit oder aus allgemeiner Nervenüberreizung infolge von Überkultur als eine gottfeindliche sich entwickeln konnte.« (163.).

Vor seiner Erkrankung war der Senatspräsident Schreber ein sittenstrenger Mann gewesen: »Es wird wenige Menschen geben« – behauptet er, und ich sehe keine Berechtigung, ihm zu mißtrauen –, »die in so strengen sittlichen Grundsätzen aufgewachsen sind wie ich und die sich ihr ganzes Leben hindurch, namentlich auch in geschlechtlicher Beziehung, eine diesen Grundsätzen entsprechende Zurückhaltung in dem Maße auferlegt haben, wie ich es von mir behaupten darf.« (281.) Nach dem schweren Seelenkampfe, der sich nach außen durch die Erscheinungen der Krankheit kundgab, hatte sich das Verhältnis zur Erotik verändert. Er war zur Einsicht gekommen, daß die Pflege der Wollust eine Pflicht für ihn sei, deren Erfüllung allein den schweren in ihm, wie er meinte, um ihn, ausgebrochenen Konflikt beenden könne. Die Wollust war, wie ihm die Stimmen versicherten, »gottesfürchtig« geworden (285), und er bedauert nur, daß er nicht imstande sei, sich den ganzen Tag über der Pflege der Wollust zu widmenIm Zusammenhange des Wahnes heißt es (179–80): »Die Anziehung verlor jedoch ihre Schrecken für die betreffenden Nerven, wenn und soweit sie beim Eingehen in meinem Körper das Gefühl der Seelenwollust antrafen, an dem sie ihrerseits teilnahmen. Sie fanden dann für die verlorengegangene himmlische Seligkeit, die wohl ebenfalls in einem wollustartigen Genießen bestand . . ., einen ganz oder mindestens annähernd gleichwertigen Ersatz in meinem Körper wieder.« (loc. cit.).

 

Das also war das Fazit der Krankheitsveränderung bei Schreber nach den beiden Hauptrichtungen seines Wahnes. Er war vorher ein zur 159 sexuellen Askese Geneigter und ein Zweifler an Gott gewesen, er war nach Ablauf der Krankheit ein Gottesgläubiger und der Wollust Beflissener. Aber wie sein wiedergewonnener Gottesglaube von absonderlicher Art war, so zeigte auch das Stück Sexualgenießen, das er sich erobert hatte, einen ganz ungewöhnlichen Charakter. Es war nicht mehr männliche Sexualfreiheit, sondern weibliches Sexualgefühl, er stellte sich feminin gegen Gott ein, fühlte sich als Gottes WeibAnmerkung zu der Vorrede (4): »Etwas der Empfängnis Jesu Christi von Seiten einer unbefleckten Jungfrau – d. h. von einer solchen, die niemals Umgang mit einem Manne gepflogen hat – Ähnliches ist in meinem eigenen Leibe vorgegangen. Ich habe (und zwar zu der Zeit, als ich noch in der Flechsigschen Anstalt war) zu zwei verschiedenen Malen bereits einen, wenn auch etwas mangelhaft entwickelten weiblichen Geschlechtsteil gehabt und in meinem Leibe hüpfende Bewegungen, wie sie den ersten Lebensregungen des menschlichen Embryo entsprechen, empfunden: durch göttliches Wunder waren dem männlichen Samen entsprechende Gottesnerven in meinen Leib geworfen worden; es hatte also eine Befruchtung stattgefunden.«.

Kein anderes Stück seines Wahnes wird von dem Kranken so ausführlich, man könnte sagen, so aufdringlich behandelt wie die von ihm behauptete Verwandlung in ein Weib. Die von ihm aufgesogenen Nerven haben in seinem Körper den Charakter weiblicher Wollustnerven angenommen und demselben auch sonst ein mehr oder weniger weibliches Gepräge, insbesondere seiner Haut die dem weiblichen Geschlecht eigentümliche Weichheit verliehen (87). Er fühlt diese Nerven, wenn er einen leisen Druck mit der Hand an einer beliebigen Körperstelle ausübt, als Gebilde von faden- oder strangartiger Beschaffenheit unter der Hautoberfläche, dieselben sind namentlich an der Brust, da wo beim Weibe der Busen ist, vorhanden. »Durch einen auf diese Gebilde auszuübenden Druck vermag ich mir, namentlich wenn ich an etwas Weibliches denke, eine der weiblichen entsprechende Wollustempfindung zu verschaffen.« (277.) Er weiß sicher, daß diese Gebilde nach ihrer Herkunft weiter nichts sind als ehemalige Gottesnerven, die doch durch ihren Übergang in seinen Körper ihre Eigenschaft als Nerven kaum eingebüßt haben können (279). Er ist imstande, sich und den Strahlen durch »Zeichnen« (visuelles Vorstellen) den Eindruck zu verschaffen, daß sein Körper mit weiblichen Brüsten und weiblichem Geschlechtsteil ausgestattet sei: »Das Zeichnen eines weiblichen Hinteren an meinen Körper – honny soit qui mal y pense – ist mir so zur Gewohnheit geworden, daß ich dies beim Bücken jedesmal fast unwillkürlich tue.« (233.) Er will es »kühn 160 behaupten, daß jeder, der mich mit entblößtem oberen Teile des Rumpfes vor dem Spiegel stehen sehen würde – zumal wenn die Illusion durch etwas weiblichen Aufputz unterstützt wird –, den unzweifelhaften Eindruck eines weiblichen Oberkörpers empfangen würde« (280). Er fordert die ärztliche Untersuchung heraus, um feststellen zu lassen, daß sein ganzer Körper vom Scheitel bis zur Sohle mit Wollustnerven durchsetzt ist, was nach seiner Meinung nur beim weiblichen Körper der Fall ist, während beim Manne, soviel ihm bekannt ist, Wollustnerven nur am Geschlechtsteile und in unmittelbarer Nähe desselben sich befinden (274). Die Seelenwollust, die sich durch diese Anhäufung der Nerven in seinem Körper entwickelt hat, ist so stark, daß es namentlich beim Liegen im Bette nur eines geringen Aufwandes von Einbildungskraft bedarf, um sich ein sinnliches Behagen zu schaffen, das eine ziemlich deutliche Vorahnung von dem weiblichen Geschlechtsgenusse beim Beischlafe gewährt (269).

Erinnern wir uns des Traumes, welcher in der Inkubationszeit der Erkrankung, noch vor der Übersiedlung nach Dresden, vorfiel, so wird es über jeden Zweifel evident, daß der Wahn der Verwandlung in ein Weib nichts anderes ist als die Realisierung jenes Trauminhalts. Gegen diesen Traum hatte er sich damals mit männlicher Empörung gesträubt, und ebenso wehrte er sich anfänglich gegen dessen Erfüllung während der Krankheit, sah die Wandlung zum Weib als eine Schmach an, die in feindseliger Absicht über ihn verhängt werden sollte. Aber es kam ein Zeitpunkt (November 1895), in dem er sich mit dieser Wandlung zu versöhnen begann und sie mit höheren Absichten Gottes in Verbindung brachte: »Ich habe seitdem die Pflege der Weiblichkeit mit vollem Bewußtsein auf meine Fahne geschrieben.« (177-8.)

Er kam dann zur sicheren Überzeugung, daß Gott selbst zu seiner eigenen Befriedigung die Weiblichkeit von ihm verlange:

»Sobald ich aber – wenn ich mich so ausdrücken darf – mit Gott allein bin, ist es eine Notwendigkeit für mich, mit allen erdenklichen Mitteln sowie mit dem vollen Aufgebote meiner Verstandeskräfte, insbesondere meiner Einbildungskraft, dahin zu wirken, daß die göttlichen Strahlen von mir möglichst fortwährend oder – da dies der Mensch einfach nicht kann – wenigstens zu gewissen Tageszeiten den Eindruck eines in wollüstigen Empfindungen schwelgenden Weibes empfangen.« (281.)

»Auf der andern Seite verlangt Gott ein den weltordnungsmäßigen Daseinsbedingungen der Seelen entsprechendes beständiges Genießen; es ist meine Aufgabe, ihm dasselbe, . . . in der Form ausgiebigster 161 Entwicklung der Seelenwollust zu verschaffen; soweit dabei für mich etwas von sinnlichem Genüsse abfällt, bin ich berechtigt, denselben als eine kleine Entschädigung für das Übermaß der Leiden und Entbehrungen, das mir seit Jahren auferlegt ist, mitzunehmen; . . .« (283.)

». . . ich glaube sogar nach den gewonnenen Eindrücken die Ansicht aussprechen zu dürfen, daß Gott niemals zu einer Rückzugsaktion vorschreiten würde (wodurch mein körperliches Wohlbefinden jedesmal zunächst erheblich verschlechtert wird), sondern ohne jedes Widerstreben und in dauernder Gleichmäßigkeit der Anziehung folgen würde, wenn es mir möglich wäre, immer das in geschlechtlicher Umarmung mit mir selbst daliegende Weib zu spielen, meinen Blick immer auf weiblichen Wesen ruhen zu lassen, immer weibliche Bilder zu besehen usw.« (284–5.)

Die beiden Hauptstücke des Schreberschen Wahnes, die Wandlung zum Weibe und die bevorzugte Beziehung zu Gott, sind in seinem System durch die feminine Einstellung gegen Gott verknüpft. Es wird eine unabweisbare Aufgabe für uns, eine wesentliche genetische Beziehung zwischen diesen beiden Stücken nachzuweisen, sonst wären wir mit unseren Erläuterungen zu Schrebers Wahn in die lächerliche Rolle geraten, die Kant in dem berühmten Gleichnis der Kritik der reinen Vernunft als die des Mannes beschreibt, der das Sieb unterhält, während ein anderer den Bock melkt.

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