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Psichopatia Criminalis

Oskar Panizza: Psichopatia Criminalis - Kapitel 8
Quellenangabe
typeessay
authorOskar Panizza
titlePsichopatia Criminalis
publisherOctopus
printrun1. Auflage
isbn3-86157-003-3
yearo. J.
firstpub1898
noteText nach: Verlag der Zürcher Diskussionen, 1898
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060121
projectid38bc8fec
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Schlusswort.

Ich kann wol kaum erwarten, dass die hier vorgetragenen, gänzlich neuen Gesichtspunkte allzurasch bei den hohen Regierungen und bei den verehrten Fachkollegen Eingang finden werden. Das wirklich Neue muss sich ja immer auf bestimte Widerstände gefasst machen. Und – was haben wir uns in den lezten zehn Jahren nicht für neue Krankheiten, neue Bazillen und neue Serum-Terapieen zumuten lassen müssen! So werde auch ich mit der Möglichkeit rechnen müssen, dass meine grundlegenden Ideen vielfachem Zweifel, vielleicht sogar spöttischem Achselzuken begegnen werden. Besonders nazjonalliberale Psichjater werden mir vielleicht entgegnen, dass für bestimte Ideen und Ideengruppen doch auch die Möglichkeit einer Inizjative im Volk, in den beherrschten Massen, als gegeben zu erachten sei. Ich will auf diesen Einwurf jezt nicht antworten. Ich vermag nicht an seine Berechtigung zu glauben. Jedenfalls könte er mich nicht hindern, auf eine Krankheit, als eine Spezjalform, aufmerksam zu machen, die seit mindestens 100 Jahren bei uns im Abendland besteht und immer grössere Dimensjonen anzunehmen droht.

Dass diese Neuform psichischer Entartung aus dem Sammelsurium politischer Vertraktheiten und revoluzjonärer Allüren als Tipus jezt endlich herausgeschält werden muss, das ist für mich das Postulat einer wissenschaftlichen Überzeugung und das Resultat vieljährigen, emsigen Studiums und genauer Beobachtung der Zeitläufte. Es komt ja so oft vor, dass man die manigfachsten Simtome für lange Zeit, für Jahrhunderte, zusammenwirft, sie vermengt, weil es noch an Schärfe der Sinne, an der nötigen Distinkzjons-Gabe fehlt, vor Allem, weil die Krankheit noch nicht so häufig aufgetreten ist. Ich erinnere an die allgemeine Paralise der Irren, an die tabes dorsalis, die spastische Spinalparalise, die Neurastenie, die multiple Sklerose, gewisse Augenkrankheiten, die alle erst im Laufe dieses Jahrhunderts als solche erkant wurden; bis eine Krankheit sich häufiger zeigt und gewisse Simptome sich immer wieder zusammenfinden, und nun plözlich der Tipus klar heraustritt und sich offenbart.

So mit der psichopatia criminalis. Sie ist eine verbrecherische Vernunft-Form, eine Art Influenza des Denkens, welche früher nur in einzelnen Köpfen hauste, sich in Singular-Erscheinungen, wie Arnold von Brescia, dem Abt Joachim, Savonarola, dem Pfeifer von Nicklashausen u.a. manifesirte, oder in kleineren sektirerischen Epidemien, wie den Waldensern, den Begharden, den Taboriten u.a. ihren Ausdruk fand. Die Leute meinten, ihr Denken sei das Denken, sei das Leben und sei allgemeingültig. – Doch da die Krankheit nicht weiter um sich griff, und die patogenen Keime in den Köpfen der Gehenkten – oder, noch vorsichtiger: der Verbranten – erstarben, so wurden die Simptome immer noch vielfach übersehen. Erst mit dem sechzehnten Jahrhundert zeigte sich in Deutschland ein neuer Nachschub, dann in England im achtzehnten, und schliesslich zu Ende des vorigen Jahrhunderts in Frankreich, ein derartiges Anwachsen der Epidemie, dass nun die Ärzte genötigt waren, sich genauer mit den Erscheinungen zu befassen, ihre Ätiologie zu studiren und den Tipus derselben festzustellen.

Im Mittelalter wäre es z.B. keinem Menschen eingefallen, das freie Verfügungsrecht des von Gott eingesezten Fürsten über Leib, Leben und Gedanken seiner Untertanen anzuzweifeln.Siehe den bekanten Grundsaz im Hinblik auf religiöse Anschauung: »cujus regio, ejus religio.« Einzelne verirte Geister, wo sie vorkamen, wurden rasch hingerichtet und entfernt. Als aber vor 200 Jahren die englischen free-thinkers, die Frei-Denker in England – »Frei-Denker«, welches Wort!! – ihre feindliche Geistestätigkeit begannen, genauer: als man im Abendlande erkante, dass Fürsten im Hinblik auf ihre Gedankengebilde wirklich abgeschaft, nämlich geköpft werden können, also seit der Hinrichtung Karl's I. von England, verdichteten sich diese dissoluten, aufrührerischen Meinungen zu der Tese: als gäbe es »Menschenrechte« – soll heissen: Untertanenrechte – neben den Fürstenrechten. Ein ganz wahnhaftes, luftiges Gedankengebilde; das Resultat jener englischen und französischen Denker und entgleisten Gesellen, die nicht rechtzeitig in ein lunatic asylum, oder in die Bastille, gebracht wurden, oder wenn sie dahin kamen, nicht festgehalten wurden.

Es ist das Verdienst der heutigen Psichjatrie und der wissenschaftlichen Untersuchungen über Sugestjon und psichische Anstekungen, erkant zu haben, auf welchen Bedingungen das Weiterfressen und Umsichgreifen krankhafter, antimonarchischer Gedankengebilde beruht; und dass es nur des rechtzeitigen Eingreifens des Arztes und der amtlichen Behörde bedarf, um die den deutschen Fürstenhäusern drohenden Gefahren und ungünstigen Gedanken-Konklomerate aus der Welt zu schaffen.

Somit steht denn der Tipus der psichopatia criminalis heute klar und unverrükbar fest.

Sie erscheint unter den mannigfachsten Simptomen, die wir hier unter den landläufigen, weil leichter verständlichen, Krankheitsformen: mania, melancholia, Gehirnerweichung, Verrüktheit, zur Darstellung gebracht haben. Und besonders unter dem Bild der paranoia entwikeln sich vielfach die Krankheitssimptome dieser kriminellen Psichose.

Man möge sich nicht durch den luftigen, hauchartigen Charakter, der überhaupt den Äusserungen der Psiche innewohnt, über die grosse Virulität der in Rede stehenden Keime täuschen lassen. Die Gefahr ist da. Sie ist iminent. Und bei dem stets fortschreitenden Prozess der politischen Gehirn-Erkrankungen im Abendlande wird es sich bald deutlicher herausstellen, dass wir hier vor einer der gefährlichsten und folgereichsten Massen-Epidemien stehen, und es Zeit ist, den Monarchen zuzurufen: »Fürsten Europa's, wahret Eure heiligsten Güter!«

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