Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Oskar Panizza >

Psichopatia Criminalis

Oskar Panizza: Psichopatia Criminalis - Kapitel 7
Quellenangabe
typeessay
authorOskar Panizza
titlePsichopatia Criminalis
publisherOctopus
printrun1. Auflage
isbn3-86157-003-3
yearo. J.
firstpub1898
noteText nach: Verlag der Zürcher Diskussionen, 1898
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060121
projectid38bc8fec
Schließen

Navigation:

Paranoia – Verrüktheit als lezte Äusserungsform der psichopatia criminalis.

Es ist vielfach behauptet worden, die Geschichte der deutschen Seele sei nur ein Abschnitt aus dem grösseren Kapitel Paranoia eines Lehrbuches der Psichjatrie, – und es ist richtig: die deutsche unsterbliche Seele ist eine kranke, verrükte Seele. Aber nicht darum handelt es sich hier. Hier handelt es sich darum, die einzelnen Angehörigen dieses unglüklichen Volkes in foro, vor Gericht, nach den Grundsäzen der von Gott in Deutschland eingerichteten Fürstentümer – at her majesty's pleasure, wie es in England heisst – noch einer besonderen, bitterbösen, unverzeihlichen, tief im Herzen ruhenden und daher unkurirbaren, Verrüktheit zu zeihen, und dieselben entsprechend zu verwahren und unterzubringen.

Diese Verrüktheit, diese Herzenshärtigkeit, diese paranoia der Gesinnung, ist ein Teil der psichopatia criminalis, von der wir in diesem Buche handeln.

»Der innerste Kern dieser grossen Krankheitsgruppe (paranoia) ist eine primäre Störung im Vorstellungsleben in Form einer Hemmung oder Förderung der Ich-Gruppe mit allegorisirender Apperzepzion«, sagt SchüleSchüle, H., Klinische Psichjatrie. 3. Aufl. Leipzig 1886. S. 131.. – Vortrefflich! Was wollen die Leute mit ihrem Ich? Da werden in Landtagen und Volksversamlungen, auf Schüzenfesten und bei Bierbank-Gesprächen immer diese Iche gefördert, geschwelt, in's Unendliche getrieben, sogar noch Diäten für sie verlangt – und schliesslich können diese Leute nicht mehr richtig perzipiren – von der Apperzepzion zu geschweigen – konstruiren total falsche Allegorien vom »suweränen Ich«, vom »suweränen Volk«, von der »Mutter Germania«, »Deutschland über Alles« etc., und die nur bei einer tadellosen Apperzepzion sich bildenden höchsten Ideen-Gruppen »Gott«, »Fürst«, »königliches Begnadigungs-Recht«, »Staatshoheit«, »Gottesgnadentum«, »Salbungsordnung des Adels«, »Post- und Paket-Freiheit für den Hof« etc. etc. gehen verloren. Solche Leute finden sich natürlich in der monarchischen Aussenwelt nicht mehr zurecht, und was bleibt übrig, als die schwer Entgleisten möglichst frühzeitig einem Asil zu übergeben? –

»Der Kranke bleibt bei dieser inneren Erweiterung des persönlichen Ich nicht stehen, sondern macht darüber hinaus den Sprung in's Objektive. Damit begeht er aber einen grossen Trugschluss, insofern er eine innere Ursache in der Aussenwelt sucht.«Schüle a. a, O. S. 131. – Wiederum ganz vorzüglich! Was hat der kranke Deutsche in der Aussenwelt zu suchen? Er bezahle seine Steuern in der Aussenwelt, und gehe dann fröhlich schlenkernd vom Rentamt nach Hause. Er hat Nichts von seiner Innerlichkeit zu objektiviren. Seine Innerlichkeit, der Siz der Seele, das ist jener erbärmliche Zustand, mit dem der Deutsche schon zur Zeit des heiligen römischen Reichs niemals fertig wurde. Er bleibe uns zu Hause mit dieser miserablen Hülflosigkeit. Will er seine kranke Innerlichkeit pflegen, und schluchzend seiner Seele nachgehen, dann mag er früh, wenn der Tau noch auf den Feldern liegt, hinausgehen und sein »Sah ein Knab' ein Röslein stehen« singen, seine Vergissmeinnicht-Blumen pflüken, die Lerchen schmettern, und die Bächlein murmeln hören. Aber sobald die Sonne der Majestät am Himmel steht, hat er in der Aussenwelt nichts zu suchen, hat ruhig zu sein und seinen Geschäften nachzugehen. Er verschliesse seine Innerlichkeit, diese deutsche Seele. Diese deutsche Seele ist verrükt, ein hilfloses, jämmerliches Gebilde, ein trauriges Gespenst, das sich im Sehnen verzehrt, und scheu den Taten aus dem Wege geht. Steigt es aus seinem mistischen Gehäuse empor an die Öffentlichkeit, und will sich sehen lassen, sich manifestiren, sich objektiviren, sich in Aussenwelt umsezen, dann ist dieses Gespenst, diese Seele, sofort als »Trug«, als »Wahn« zu paken und festzunehmen, einzusperren und abzustrafen. Denn das Wesen der deutschen Seele ist – Seele zu bleiben und niemals Tat zu werden.

Es ist nun für den jungen Arzt, für den Juristen, für den Polizeibeamten wichtig, den äusseren Habitus sowohl, wie die ganze psichologische Struktur solcher Individualisten, solcher »erweiterter Ichs«, solcher Seelenmenschen, die von der grössten Gefahr für den monarchischen Staat sind, kennen zu lernen. Man erinnert sich noch an die Beschreibungen der »verbissenen Demokraten« aus den achtundvierziger Jahren, mit ihren energischen Bärten, ihren Höker-Hüten, ihren frechen Wämsen, gelegentlich ihren Loken eines »tewtschen Jünglings« u. drgl., daran hat sich im Grossen und Ganzen nicht viel geändert. Nur sind jezt von zwei Seiten Angliederungen erfolgt, deren jede wieder ihre besondere Fisionomie hat: auf der einen Seite proletarische Gesellen mit dem trozigen Blik des Schmieds, der listigen Visasche des Schreiners, dem superintelligenten Gesicht des Schneiders etc., Leute, die verhältnismässig verdamt viel gelesen und den ganzen Materjalismus der sechziger Jahre inne haben. Dann, von der andern Seite, jene verzweifelten Doktoren, Professoren, Schurnalisten, Redaktöre und Privatgelehrte, die meinen, sie haben ein kompletes, neues, filosofisches Sistem, oder eine wirtschaftliche Welt-Ordnung, in ihrem Tintenfass. – Vor Gericht ist es mit ihnen Allen immer dieselbe Geschichte. Sie erscheinen in möglichst tadellosem Anzug, wie zu einer Beerdigung, geben sich so das air wakerer Männer, berufen sich auf irgend ein idealistisches Sistem – Kant, Luther, Hegel – das in ihrer gewaltigen Brust festverschlossen, wie in der Höhle Xa-Xa, schlummert, – atmen falsch, sprechen falsch – verhunzen die deutsche Sintax – frösteln, wenn der Herr Präsident sie anspricht und merken nicht, dass sie krank sind. Ein einziges Wort von Seite des königlichen Präsidenten – »Dolus!« – und ihr ganzes idealistisches Gebäude, welches sie auf Kateder und Bierbänken Jahrzehnte hindurch gefeilt und memorirt haben, bricht unter dem spöttischen Mitleid der beisizenden königlichen Herrn Räte jämmerlich zusammen. – Man sieht förmlich, wie diese Angeklagten anfangs mit ganzen Wagons Idealismen für ihre Verteidigung angefahren kommen, – immer neue Massen – Geschichte, Literatur, Reformazjon, Nazjonal-Ökonomie – wie sie gar nicht glauben können, dass sie Unrecht haben könten – und vor dem Lippenkräuseln des königlichen Herrn Präsidenten, vor einem einzigen Strahl seines, selbst von der kaiserlichen Gunst beleuchteten, Antlizes, und damit erleuchteten Intellekts, schmelzen alle diese Einwände und konstruirten Eisklöze dahin, wie der Frühlingsschnee vor der Majestät der Sonne.

Es handelt sich nun darum – und damit stehen wir auf der Höhe der Humanität – nicht das Verbrechen, sondern die Krankheit dieser Leute – wir reden von den Angeklagten! – zu erweisen. Wer auf Grund und unter Berufung auf irgend eine Idee – von Plato bis Smith – von List oder Lasalle – von Campanella oder Marx – zu der Schlussfolgerung von einer Einschränkung, Herabminderung, Herabwürdigung, oder gar Entbehrlichkeit, der von Gott von Ewigkeit her beschlossenen, und von IHM SELBST eingesezten deutschen Monarchieen (inclusive Lichtenstein), komt, der ist a priori krank, er hat den dolus criminis laesae majestatis wie einen Pfahl im Fleisch steken, ohne dass er es merkt, er ist durch die Schlussfolgerung an und für sich schon – ohne dass der königliche Herr Präsident ein Wort zu sprechen braucht – zum Verbrecher geworden. Der moderne Staat will aber an des Jahrhunderts Neige, und mit Rüksicht auf die Idee – von der man noch nicht ganz genau weiss, ob sie von Gott stamt (von dem auch das Gottesgnadentum der Fürsten stamt), diese Leute in Asilen, in Krankenhäuser, in Ideen-Anstalten, unterbringen. Und für den jungen Arzt, für den Polizeibeamten, handelt es sich nun natürlich darum, möglichst frühzeitig die ersten Simptome dieser unsichtbaren, deletären, verbrecherischen, – meist durch Bücher sich fortschleichenden – Geistes-Zustände zu erkennen, um nicht lange mit Dispensirungen vom Amt, Remozionen oder Kaltwasserkuren zu operiren, sondern so rasch wie möglich den erkrankten Geist der Ruhe geschlossener Provinzjal-Anstalten zuzuführen.

Es ist nicht immer leicht, diese Leute in foro straks zu überführen. Mit einem Haufen verderblichen Wissens vollgepfropft, überfluten sie oft den Präsidenten mit Zitaten aus Platons »Gastmahl«, oder den Upanishads, so dass diesem ganz schwül zu Mute werden kann. Diese Leute glauben wahrhaftig, weil es einen Muzius Skävola oder Wilhelm Tell gegeben habe, oder weil Schiller die »Räuber« geschrieben hat, sei ihnen Alles zu denken erlaubt.Es ist nebenbei gesagt ein Unfug, den jungen Leuten auf Gimnasien und humanistischen Lehranstalten, zu einer Zeit, wo die jugendliche Psiche sich so aufnahmefähig und sugerirbar zeigt, Erzählungen wie die von Muzius Skävola u. dgl. ohne jeden Komentar – ohne die Erläuterung: dass man sich nur zu Gunsten des von Gott eingesezten Landesfürsten die Finger verbrennen dürfe – nicht für die Republik! – lesen zu lassen. Bei diesen Leuten muss später, wenn sie Beamte geworden sind, eine gewisse Verwirrung eintreten. Es wäre doch wahrhaftig für diese jungen Leute besser, wenn sie irgend ein tüchtiges, mustergültiges Geschichts-Buch, etwa Professor Oncken's »Geschichte des grossen Heldenkaisers« in solchem Falle lesen würden. Von Schiller's Prosa solle grundsäzlich aus der Zeit vor dessen Wendung zum Ewig-Sitlichen – also etwa vor 1790 – Nichts auf die Schule kommen. Eine Nazion, bei der Schiller's »Räuber« von jeder unschuldigen Seele für 20 Pfennig gekauft werden kann, muss dem Untergang entgegengehen. In solchem Fall wird der Vorsizende alles unnötige Dozenten-Geschwäz, welches sich nicht unter einem Strafgesezbuch-Paragrafen subsumiren lässt, einfach ablehnen, und die monarchische Herzens- oder Gesinnungs-Probe mit dem Angeklagten anstellen. Bei bekanter Kriegervereinslosigkeit, bei bekanter Reserveoffizierslosigkeit, bei mangelndem Hurrahrufs-Entusiasmus, der sich aus dem Vorleben des Bezichtigten mit Hülfe der Lokal-Polizei-Behörde leicht feststellen lassen kann, wird man bald dem Stand der Dinge und der Seele auf den Grund sehen. Ist man einmal bei dem Vorgeführten über die mangelnde monarchische Gliederung der Zerebral-Ganglien, als des für ihn gegebenen Denk-Substrats, sich im Klaren, dann geht man direkt auf sein Ziel los. Irgend etwas ist bei diesen Leuten immer schief – mögen sie sich auch sonst im Kreuz-Verhör tapfer halten. Entweder sie sind schlecht gekämt, oder der Scheitel sizt schief, entweder die Röke sind ausgefranzt, oder die Rok-Knöpfe sind abgegriffen – oder gar abgedreht (bei deutschen Professoren sehr beliebt) – die Brillengläser sind ungleich geschliffen und der Blik hat jene infame Konvergenzstellung, die auf gewisse Macchiavellismen wie Scheidewasser wirkt, – ein Ohrläppchen ist angewachsen, oder die Schiller-Nase sizt, wie ihrem Ur-Eigner, schief im Gesicht – Lombroso hat eine Menge solcher Simptome für diese Fälle angegeben – irgend ein antimonarchisches Degenerazjons-Zeichen wird sich bei der Menge von Möglichkeiten immer finden. Und geht es nicht e re ipsa, dann geht es ex adjuvantibus. Bei der originär sowieso gegebenen verrükten Anlage der deutschen unsterblichen Seele, von der wir Oben des Weiteren gesprochen, müsste es sonderbar zugehen, wenn sich nicht bei einem Professor, bei einem Dozenten, bei einem denkenden Proletarier, bei einem verbissenen und verbohrten Demokraten, bei einem fingerkauenden Schurnalisten und Schriftsteller, einem freisinnigen Teologen die nötige Porzjon fände, um die Bedingungen für das Zustandekommen der psichopatia criminalis juristisch als gegeben zu erachten, und damit die Überführung in die rettende Staats-Anstalt zu ermöglichen.

Beobachtung 5. Pessimistische Anwandlungen auf teologischer Basis. Wendung zur Filosofie. Megalomanische Uebersättigung des »Ichs« auf Hegel'scher Grundlage. Schrankenloser Grössenwahn, Frühzeitige Erschöpfung, und endlich Tot (ohne Eingreifen der Regierung) im Zustand gänzlicher Perversität. – Max Stirner, 39 Jahre alt, von leidlicher Vorbildung, Sohn achtbarer, monarchisch gesinter Leute, aus dem Bayreuthischen, wurde, vielleicht in Folge des plözlichen Übergangs des Landes aus der Krone Preussens in die Bayerns, und des dadurch hervorgerufenen rapiden Wechsels in der Richtung seiner monarchischen Gesinnungen, in seinem Innersten schwer erschüttert; wenigstens datiren von diesem Zeitpunkte an die ersten Zweifel des jungen Teologen am »Dogma des Gottesgnadentum« und am »Blut des Lamms«. – Er wendet sich der Filosofie zu, wo der nun haltlos Gewordene in die radikalste Strömung der sog. Hegel'schen Linken gerät. Er veröffentlicht ein filosofisches Opus, das heute gänzlich vergessen ist und dessen Titel selbst uns momentan entfallen ist. Stirner bietet das flagranteste Beispiel jener Vorstellungskrankheiten, die Schüle so präzis als »Förderung der Ich-Gruppe«, »Erweiterung des persönlichen Ichs« bezeichnet. Da finden sich Wendungen wie:

»Ich leite alles Recht und alle Berechtigung aus Mir her; Ich bin zu allem berechtigt, dessen ich mächtig bin. Ich bin berechtigt, Zeus, Jehova, Gott u.s.w. (»und so weiter«!) zu stürzen, wenn ich's kann....

»Ich gebe oder nehme mir das Recht aus eigener Machtvollkommenheit, und gegen jede Übermacht bin Ich der unbussfertigste Verbrecher. Eigner und Schöpfer meines Rechts – erkenne ich keine andere Rechtsquelle als – Mich, weder Gott, noch den Staat, noch die Natur, noch auch den Menschen selbst mit seinen ›ewigen Menschenrechten‹ ....

»Das Göttliche ist Gottes Sache, das Menschliche Sache ›des Menschen‹. Meine Sache ist weder das Göttliche noch das Menschliche, ist nicht das Wahre, Gute, Rechte, Freie etc. (»et cetera«!! –) sondern allein das Meinige, und sie ist keine Allgemeine, sondern ist – einzig, wie ich einzig bin. – Mir geht nichts über Mich.«Siehe das vor einem halben Jahrhundert viel gelesene und angestaunte Buch Stirner's – der Titel fält mir momentan nicht ein –; auch es ist für 20 Pfennig in der Reklam-Bibliotek zu haben!!! –

Dieser Wahnsinnige schrieb SICH gross und meinte sogar, die Gedanken, »die so umherflögen, seien nicht vogelfrei, sondern seien seine Gedanken«. – Es ist klar, dass bei solcher Erweiterung des Untertanen-Ichs der Monarch und seine heiligen Rechte zu kurz kommen müssen. – Irrenhäuser gab es für solche Leute damals noch nicht, und die psichjatrische Forschung war damals noch bei Weitem nicht genügend vorgeschritten, um zu erkennen, dass dieser ganze sogenante linke Flügel der Hegel'schen Schule viel besser gleich von Anfang an als Annex zu einer tüchtig geleiteten Provinzial-Irrenanstalt ausgebaut worden wäre. Man liess diese Leute, wie Bruno und Edgar Bauer, Arnold Rüge, David Friedrich Strauss u.a. aus lauter falschem Respekt vor sog. Filosofie oder »Gedankenfreiheit «, wie das heisst, ihre radikalen Gedichte und majestätsverbrecherischen Gefühle offen dem Volke zeigen. Ja, Stirner war sogar eine Zeit lang Lehrer an einer Töchterschule und durfte diesen später für den Hof zum Teil bestirnten süssen Geschöpfchen den Samen respektwidriger Empfindungen in die Seele pflanzen. Doch zulezt erlosch der Vulkan von selbst. Und ein trauriges Schlakenmeer perverser Ich-Erweiterungen und erkalteter Majestäts-Gedanken-Verbrechen traf der Tot an, als er die von keinem Adler-Orden geschmükte Leiche des frechen Denkers am 26. Juni 1856 in Berlin berührte.

Die Zahl kranker Denker aus den dreissiger und vierziger Jahren, wie wir soeben schon einige nanten, mit denen sich der Staat mangels ordentlicher Irrenhäuser in Festungen und unter dem Galgen herumschlagen musste, ist ausserordentlich gross. Es finden sich die »glänzendsten« Namen darunter. Das heisst: die Namen und ihre Träger wurden in den Augen des Publikums »glänzend«, und erschienen als Leuchten des Gedankens, weil der Staat deren verbrecherisches Denken nicht zur rechten Zeit abschnitt. Denn eine einmal durch Anstekung in das Volk gedrungene und dort nach-gedachte Denkfunkzjon und manifest gewordene Idee ist daselbst nicht mehr auszurotten – ausser durch Massenköpfungen – sondern besteht dort als solche, mit dem ganzen Selbverständlichkeits-Recht der Idee, als autochtone Funkzion des Gehirns. Es ist deshalb nötig, dass zunächst diejenigen, die mit solchen Gedanken-Frevlern zuerst in Berührung kommen, Ärzte, Juristen, Psichjater, Vormünder, Verwaltungsbeamte, Minister, die Anschauung aufgeben, als wäre das Denken 'was Besonderes, vor dem man Respekt haben müsse, vor dem man Halt machen müsse, oder das man etwa auf seine Uneigennüzigkeit oder seinen idealen Charakter zu untersuchen habe. Nichts von Alle dem! Gedanken sind wie Raupenhelme, oder Uniformstüke; man schaft sie ab, oder verbietet sie, oder färbt sie. Man teilt die Gedanken ein in Untertanen-Gedanken und Herrscher-Gedanken; und gibt Jedem die Gedanken, die seinem Stand angemessen sind. Findet sich, dass ein Einzelner, der sich speziell mit Denken abgibt, Herrscher-Gedanken in sich nährt (während er Untertan ist), und solche im Volke bei seinesgleichen verbreiten will, so leidet er offenkundig an »erweitertem Ich« (Schüle). Er ist dann in jedem Fall zunächst zu observiren. Findet sich, dass seine Krankheit bis zum »Sprung in's Objektive«, bis zur »Objektivirung seiner Innerlichkeit in der Aussenwelt« (Schüle) fortgeschritten ist, und hat dieselbe antimonarchischen, auf den Umsturz des bestehenden »Dogmas des Gottesgnadentums der deutschen Fürsten (inclusive Lichtenstein)« gerichteten Charakter, so ist die psichopatia criminalis manifest. Es kann dann unter keinen Umständen ferner gestattet werden, – soll das Volk nicht tiefen sitlichen Schaden leiden – dass der Betreffende ruhig weiter seine Bücher schreibe und publizire. Er ist – heisse er nun Kant, Lassalle oder Bruno Bauer – in einer fürsorglich geleiteten Staats-Irren-Anstalt in temperirte Wannenbäder zu versezen, und dort während der Dauer der bestehenden Regierungsform festzuhaltenSiehe, was wir darüber im ersten Abschnitt gesagt haben..

 << Kapitel 6  Kapitel 8 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.