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Psichopatia Criminalis

Oskar Panizza: Psichopatia Criminalis - Kapitel 5
Quellenangabe
typeessay
authorOskar Panizza
titlePsichopatia Criminalis
publisherOctopus
printrun1. Auflage
isbn3-86157-003-3
yearo. J.
firstpub1898
noteText nach: Verlag der Zürcher Diskussionen, 1898
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060121
projectid38bc8fec
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Mania – die Tobsucht, als zweiter Simptomen-Komplex der psichopatia criminalis.

Die häufigste Form geistiger Erkrankung ist die Manie. Man braucht nun nicht etwa dabei zu denken, dass die Leute, wie der Laie oft meint, dabei die Wand hinauflaufen müssen. Ganz im Gegenteil! Es ist die stille Wut, das geheime, ruhige Konspiriren, das innere freche Denken, was diese Leute auszeichnet; es ist die mania anti-gouvernementalis.

Man versuche nur einmal, den Lebens- oder Bildungsgang solcher Menschen etwas genauer zu verfolgen. Das geht meist schon mit Schiller an, den sie auf den Schulen unter der Bank lesen. Es sind »die Räuber«, die frechen Frasen dieses unreifen Halb-Schenies – der gouvernementale Goethe verabscheute das Stük – die den jungen Leuten die Köpfe verrüken. Und wenn auch der Studienlehrer sich alle Mühe gibt, den Gegenstand sitlich, im Hinblik auf die sitliche Weltordnung – Gott erbarme sich dieser Braven! – zu wenden, so bleibt doch genug von dem Geist der Auflehnung, von dem »in tirannos!«, das der freche Feldscher mit einem Löwen auf das Titelblatt zeichneteDie Ausgabe von 1782 hat einen »rechtsspringenden« Löwen auf dem Titelblatt, die Ausgabe vom folgenden Jahr einen »linksspringenden« Löwen, damit nur Jeder die ihm passende Gangart vorfinde; als ob es nicht schon an einem Löwen genug wäre!!, um den zarten Jünglingen, welche diese geistige Kost neben Thomasius »Erste Religionsstufe«Thomasius, Gottfried., Erste Religionsstufe. Erlangen 1853 ff. Das oftmals aufgelegte vortrefliche Schriftchen des so früh Verblichenen, dessen Brust die höchsten Staatsorden schmükten, bildet eine ausgezeichnete Vorschule für den späteren Beamten. in sich aufnehmen, für immer das Samenkorn der Auflehnung, des frechen Negirens, welches dann später in Raserei ausbricht, in die Seele zu legen. Die »Räuber« müssten immer und unter allen Umständen und allerorts verboten werden, und solten nur auf Biblioteken und nur für Literarhistoriker, wo gegen eine Nachahmung genügende Sicherheit geboten ist, gelesen werden können.

Dann, auf den höheren Schulen, ist es besonders Kant und sein Sistem des Zurüknehmens der Aussenwelt in den Kopf, in das Denken, welches so junge Leute veranlasst, den ganzen Staat in sich hineinzufressen, und dort mit dem Höchsten und Heiligsten, mit dem gouvernement und den höchsten Würdenträgern – ja mit der geheiligten Person Seiner Majestät des jeweiligen Landesvaters – zu manipuliren, als mit Denkformen zu spielen, und inneren Unfug zu treiben. Nein, das kann nicht so weiter geduldet werden! Diese Leute kommen später alle zur Raserei. Dieses kritische Sistem hat seine schweren Gefahren für den Verstand der Untertanen. Diese Leute werden später alle manjakalisch. Kant selbst war nahe daran, den Verstand zu verlieren. Der preussische Minister, Exzellenz von Wöllner, liess ihm sagen, er müsse sich auf das Äusserste gefasst machen, wenn er die Geschichte nicht gehen lasse (gemeint war Gefängnis oder Irrenhaus, je nachdem). Nein! – besser das Irrenhaus frisst diese Leute wahrhaftig und leibhaftig auf, als dass sie psichisch mittelst ihres kritischen Denkens den Staat auffressen und dort inneren Anarchismus und kritischen Landesverrat treiben. –

Hat man also einen solchen Verdächtigen in foro zu untersuchen, und ihn auf Manie, mania simplex, hinauszuspielen – ich meine: ihn von der Seite der Anklage darzubieten –, so komt es vor Allem darauf an, dass man ein bischen in die Art des Angeklagten, zu reagiren, sich gesellschaftlich zu geben, oder Etwas von der Gemüts-Seite aufzunehmen, kurz in seine ganze frühere Krankheits-Geschichte eingeweiht sei. Meist sind es ja temperamentvolle, feurige und idealistisch angelegte Leute, die den schlimmen Pfad der Regierungs-Oposizion beschreiten. Und es komt nun darauf an, sie auszuholen und herauszukizeln. Dabei verfährt man gegenüber verschlossenen, wortkargen Menschen ähnlich wie die Jesuiten bei jungen Mädchen, wenn sie dieselben wegen Onanie examiniren. Geben leztere auf die Frage: »wie oft hast du's getan?« gar keine Antwort, so fragt der Jesuitenpater: »hast du's hundertmal oder zweihundertmal getan?«. Darauf erschreken die armen Kiemen und sagen: »ach nein! höchstens acht- bis zehnmal«. – So hier. Gelingt es, den Vorgeführten, dessen Manie man erweisen soll, so zu reizen und durch inquisitorische Fragen nach rein imaginativen Dingen, Notzucht, Unterschlagung, Päderastie etc. zur äussersten Wut zu entflammen, und so einen manjakalischen Anfall bei dem vielleicht leicht Erregbaren im Gerichtssaal selbst zu provoziren, dann nimt man gleich diese mania, diese zweite, experimentell erzeugte mania, als Beweismittel, und lässt die erste, die wissenschaftliche Manie, die mania simplex, fahren. Denn es ist durchaus nicht nötig, dass ein auf Konspirazjon gegen den Staat Verdächtiger an mania duplex leidet. Man nimt seine Manie, wo man sie findet. Und zur Beruhigung einer derartig flagranten Reizbarkeit, wie sie der Vorgeführte bewiesen, der vielleicht den ganzen Saal vollgespukt hat, sind mehrere Jahre Internirung, mindestens bis über die nächste Legislaturperiode, durchaus nicht zu viel. –

Wir gehen nun zur Kasuistik über, und bringen aus dem reichen Krankenmaterjal, welches die Geschichte aller Länder darbietet, einige besonders markante FälleBei der Kasuistik der psichopatia criminalis mussten wir gelegentlich bis auf das entfernteste Altertum zurükgreifen, da gerade in jenen älteren Zeiten, da eine psichjatrische Erkentnis politischer Gehirnprozesse noch nicht möglich war, einzelne Fälle sich in voller Klarheit, ausserhalb des Irrenhauses, in breitester Öffentlichkeit, abspielten, und in schauerlich-schöner Weise zeigen, wie die kranken Ideen eines Einzelnen das gesamte politische Leben eines Volkes aufs Schlimmste beeinflussen können..

Beobachtung 1. Manjakalische Erregung in Folge ungemessener politischer Agitazjon. Demagogisches Auftreten als Beamter. Emporlodern des Aufstandes. Tot unter den Knüppeln der zur Gegenwehr schreitenden Aristokratenpartei. – Tiberius Sempronius Gracchus, 30 Jahre alt, aus guter Familie, begabt, aber kränklich, sieht sich die seiner aristokratischen Abstammung entsprechende Laufbahn verschlossen, lässt sich zum Volkstribun wählen und bringt, um sich bei den Massen einen Halt zu geben, ein komunistisches, die patognomonischen Merkmale einer verrükten Utopie auf der Stirn tragendes Akergesez ein, welches den Apetit der Massen aufs Äusserste reizt. In Folge der begreiflichen Widerstände, die dieses Vorgehen bei der ordnungsliebenden Aristokratenpartei findet, steigert sich der an und für sich labile und zu Erschöpfung neigende Gehirnzustand des Agitators zur Exaltazjon und manjakalischen Aufregung (Mania Simplex). Ideenflüchtige Reden mit megalomanischem Charakter: das Volk wolle ihn zum König krönen. Eben, da das in seinen Magen-Hoffnungen sich getäuscht sehende Volk eine bedrohliche Haltung einnehmen will, komt die gut organisirte und disziplinirte Senats-Partei zuvor. Es bricht ein Aufstand aus, und Tiberius Gracchus wird im Strassenkampf mit 300 seiner Anhänger mit aristokratischen Stuhlbeinen erschlagen (133 v. Chr.).

»Solch einen Tag hatte Rom noch nicht erlebt!« ruft MommsenMommsen, Th., Römische Geschichte. Berlin 1869. 5. Aufl. Bd. II. S. 92. aus. Begreiflich! Wenn man das Irrenhaus auf die Strasse verlegt, kann man jeden Tag 'was Neues erleben. Es frägt sich nur, wo der Staat auf diese Weise hinkomt und was aus den ewigen Gesezen der Sitlichkeit wird.

Es ist klar, dass heutzutage in einem geordneten Staatswesen solche Vorgänge unmöglich wären. Um sie aber überhaupt und für immer unmöglich zu machen, ist es Pflicht des Sachverständigen, sich die leisesten Anfänge der psichopatia criminalis als Beobachtung zu eigen zu machen, und, insolange ein eigener Lehrstuhl für die politischen Gehirnprozesse noch nicht errichtet ist, und sich unsere Disziplin unter die Fittiche der gemeinen Psichjatrie flüchten muss, keine Gelegenheit zu versäumen, um sich aus der politischen Geschichte der Volkserhebungen psichologisch und psichjatrisch zu bilden. Die ersten Anfänge der kriminellen Psichopatie sind leise und flüchtig. Unter dem Lehrerstand, unter den jungen Assessoren, bei wilden, nicht rechtzeitig untergebrachten und verheirateten Teologie-Kandidaten (bes. in Würtemberg), bei Rechtsanwälten, jungen Doktoren, Privatdozenten findet man oft die wunderlichsten Geisteszustände. Und Leute, die von der Lektüre Nietzsche's, Feuerbach's, Stirner's, Bruno Bauer's, David Strauss', also meist ganz exaltirter, verfahrener Köpfe, kommen, sind während einer gewissen Zeit, in denen Heroentum und idealistische Aufopferungsfähigkeit allen Sugestjonen willkommenen Eingang gewähren, äusserst gefährdet. Hier fasst der Bazillus einer geistigen Lepra, mit ihren Knollen und Auswüchsen eines hässlichen Demagogentums, nur zu leicht Wurzel. Ein halbjähriger Präventiv-Aufenthalt in einem gut-geleiteten psichjatrischen Internat ist um diese Zeit meist von äusserstem Nuzen. – Es ist klar, dass wenn Tiberius Sempronius Gracchus rechtzeitig sistirt und detinirt worden wäre – was natürlich eine rechtzeitige wissenschaftliche Erkentnis der Krankheit und das Vorhandensein tüchtig-geleiteter Provinzjal-Irrenanstalten zur Voraussezung hat, – nicht nur die schwere Erregung und Schädigung der römischen Volksseele vermieden worden wäre, sondern auch sein Bruder Gajus das gleich frivole und niederträchtige Spiel nicht zwölf Jahre später mit noch grösserer Leidenschaft hätte wiederholen können. Denn sobald diese Leute merken, dass man keine Märtirer-Kränze mehr erringen, und von den Stuhlbeinen der Gegner nicht mehr erschlagen werden, sondern im Irrenhaus mit seinem bischen Gehirn verfaulen kann, lassen sie die Hände davon und hüten sich, gegen die von Gott – von wem? – von Gott, oder Jupiter, das ist in diesem Falle ganz gleich! – eingerichtete staatliche Ordnung sich aufzulehnen.

Beobachtung 2. Raptusartige Wutanfälle auf alkoholischer Grundlage. Schwere Majestäts-Beleidigungen durch die Presse. Verurteilung. Nach zehnjähriger Einkerkerung bedeutende Besserung. Rükkehr zur menschlichen Gesellschaft und zu geordneter Pressetätigkeit, Stirbt von seinem Fürsten dekorirt. – Chr. F. D. Schubart, 38 Jahre alt, Kantor und Schulmeister, wie es scheint nicht belastet, ausser durch einen unwiderstehlichen Hang, Verse zu machen, von guter musikalischer Begabung, ergibt sich früh dem Trunke und der Ausschweifung, kann sich auf der Universität nicht halten, wird wegen Schulden verhaftet; nach der Entlassung ruhiger geworden, verlebt er mehrere Jahre an einem stillen Ort als Schulmeister; seine beste Zeit; doch hält es den Ruhelosen, der sich inzwischen verheiratet, nicht, er komt in die Residenz, wo er den Fürsten und die Hofdamen durch sein glänzendes Orgelspiel fesselt; übermütig stürzt er sich in die tollsten Ausschweifungen, infizirt sich sexuell bei Hofe, infizirt die Familje, macht Spottgedichte auf die heiligste Litanei und den allerheiligsten dreieinigen Gott, die er in Musik sezt und mit schnörkelhaften Verzierungen dem Schlussgottesdienst anfügt. Er muss fliehen, treibt sich bald da, bald dort, herum, immer in Bacho et Venere exzedirend, Frau und Kinder vernachlässigend. Endlich komt er in eine süddeutsche Reichstadt und gründet dort eine Zeitung. Auch hier zeigt sich sofort sein stark exzedirendes Benehmen, er stösst revoluzjonäre Rufe aus, wie: »O England, nur diesen Hut voll von deiner Freiheit!....«, wird wegen dieser Äusserung ausgewiesen – flieht in die nächste Reichsstadt, wo er seine Zeitung fortsezt und durch den frechen Ton derselben bedeutenden Absaz findet, er beschimpft alle 48 deutschen Potentaten auf's Maasloseste, indem er ihre Mätressen aufzählt und ihnen verbieten will, zur Unterhaltung ihrer Privat-Bordelle und Balett-Häuser die Landessöhne als Soldaten in's Ausland zu verkaufen. Endlich wird der Gauner, dessen Nervensistem vollständig zerrüttet ist, und der unter der toxischen Einwirkung von Bier und Tabaksqualm die maaslosesten politischen Konjekturen über die Einigkeit Deutschlands und die Selbstbestimmungsfähigkeit des deutschen Bürgerstandes produzirt hatte, verhaftet und in Kerkerhaft abgeführt. Der Zustand bessert sich sofort. Er verlangt zum Abendmahle, betet brünstig zu Gott, lässt alles irdische Versemachen bleiben, nimt dreissig Pfund ab; die »raptus«-artigen Entwürfe und temperamentvollen Einfälle bleiben gänzlich aus; ein tiefer Seelenfriede zieht in sein Inneres ein. Als er nach zehnjähriger Haft durch einen Zufall entlassen wird, ist er ein ganz Anderer geworden. Als Hoforganist gelingt es ihm, in meisterhafter Weise vor der Mätresse des Allerhöchsten die Orgel zu spielen. Er gewinnt voll die Gunst seines Fürsten. Auf dessen Wunsch sezt er die Zeitung zum Vorteil der Hof-Schatulle fort, aber ganz in Geist und Auffassung des Gottesgnadentums der Monarchen und der von Gott für die Völker aufgestellten Führer und Leuchten. Geachtet von allen Ehrlichen des Landes stirbt er bald darauf dekorirt von seinem Fürsten.

Es ist dies einer der wenigen Fälle in der Geschichte menschlichen Geistes und menschlicher Ausartung, in dem der nexus von Ursache und Wirkung so eklatant zu Tage tritt. Derartige Fälle aber ereignen sich jeden Tag. Nicht nur zu jener Zeit, wo der eben berührte Fall sein Ablaufen hat, im 18. Jahrhundert, sondern auch heute üben Bier und Tabaksqualm ihre verderbliche Wirkung auf die Gehirne von Untertanen. Und wenn auch nicht immer ein so auflodernder Geist, eine so dichterische Anlage, eine so exzedirende Fantasie dem Verbrechen zu Hülfe eilt, wie in dem Fall des Rubrikaten, so ist es doch wichtig für den Sachverständigen, den Zeitpunkt zu kennen, wann die Ideen von Untertanen auch ohne die verstärkenden Wirkungen des Temperaments einen Grad von Selbständigkeit, oder Neigung zu manjakalischem Räsonnement, angenommen haben, dass ein längerer Verzug in der Freiheit gefährlich werden könte, und die Grenzen der ausserhalb der Irrenhausmauern möglichen geistigen Freiheit überschritten sind.

Einzig betrübend an dem Fall des quäst. Schubart ist der Umstand, dass in damaliger Zeit die Schranken, innerhalb deren der Untertanen-Verstand sich bewegen konte, viel weiter gezogen waren, wie heute, und dass bei offenkundigem Ausbruch der Geisteskrankheit, sei es in der Presse, sei es durch ausgestossene Majestätsbeleidigungen, die Ergreifung des Erkrankten in Folge mangelhafter Auslieferungs-Verträge mit den Nachbarstaaten so erschwert ward.

In jedem Fall wird der Sachverständige aus diesen beiden Zeugnissen, die der öffentlichen Geschichte angehören, soviel gelernt haben, dass es genau darauf ankomt, den Zeitpunkt zu bemerken, da die Ideen bei gewissen Untertanen zu lebhaft, zu reich, zu üppig, zu sehr auf den Hof gerichtet, sich erschliessen, um Vorkehrungen zu treffen, dass bei erstem Ausbruch von manjakalischer Erregung oder politischer Tobsucht, welches beides Teile der psichopatia criminalis sind, Sistirung des Erkrankten bewirkt werde, beides, um den Hof und die menschliche Gesellschaft vor ihm zu schüzen, und ihn selbst der Heilung entgegenzuführen.

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