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Psichopatia Criminalis

Oskar Panizza: Psichopatia Criminalis - Kapitel 4
Quellenangabe
typeessay
authorOskar Panizza
titlePsichopatia Criminalis
publisherOctopus
printrun1. Auflage
isbn3-86157-003-3
yearo. J.
firstpub1898
noteText nach: Verlag der Zürcher Diskussionen, 1898
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060121
projectid38bc8fec
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Paralisis cerebri, die Gehirnerweichung, als häufigster Simptomenkomplex der psichopatia criminalis.

Das früheste Simptom dieser Krankheit ist eine Änderung des Charakters. Es dürfte nun ein Leichtes sein, dieselbe bei unserer Kategorie von Kranken aufzufinden, da Leute, die dem Staat Oposizion machen, immer einen anderen Charakter annehmen, und meist schlechte Charaktere sind. Denn der menschliche Charakter, die menschliche Seele wird, wie ThomasiusThomasius, G., Darstellung der evang.-luth. Dogmatik vom Mittelpunkt der Christologie aus. Erlangen 1852. S. 175., SpenerSpener, Ph. J., Pia desideria oder Verlangen nach gottgefälliger Besserung. Frankfurt 1673., HeinrothHeinroth, F. C. A., Störungen des Seelenslebens. Leipzig 1818. S. 127., u. v. a. regierungsfreundliche Teologen gelehrt haben, immer ohne Fehler, ohne primäre Sünde, ohne Lust zum Bösen, zur Oposizion, geboren. Erst der Verkehr mit Angestekten, mit Taugenichtsen, mit Frondörs, mit Linksliberalen, mit der Vorfrucht des Irrenhauses, bringt den Keim in die Herzen dieser jungen Leute, von denen vielleicht Mancher ehemals in dem Verein christlicher junger Männer seinen Tee der Unschuld geschlürft hatte. Erst jezt erwacht der Gedanke und nimt, wie Heinroth so schön sagt, »die Form der prikelnden Lust zum Bösen« an. Heinroth, F.C.A., Die Lüge. Beiträge zur Seelenskrankheitskunde. Leipzig 1834. S.38. Jezt noch etwas oratorische Begabung, der flammende Blik einer zweifelhaften Schönen nach einer gelungenen Rede, eine Offenbach'sche Operette, die revoluzjonären Klänge einer wüsten Richard-Wagner'schen Musik, das häufige Studiren politischer Programme, der Besuch der Reichstags-Tribüne, wo man sieht, wie charakterlose, vaterlandslose Gesellen von der Oposizion umringt und beglükwünscht werden, vielleicht noch der von Erfolg begleitet gewesene Besuch eines Bordells – und die unheimliche Zerstörung in den höchsten Lebenszentren der psichischen Genese wächst und wächst – bis der Betroffene entweder als rotglühender Agitator, mit dem Hauch der Majestäts-Beleidigung noch auf den Lippen, auf dem Schafott endet, oder den von der psichopatia criminalis Befallenen noch rechtzeitig eine gütige Landes-Irren-Anstalt aufnimt.

Schüle Schüle, H., Klinische Psychatrie. 3. Aufl. Leipzig 1886. S.376. betont aber, dass, weil es sich hier um die frühesten und feinsten Veränderungen in der Cordical-Substanz handelt, wo die Oposizion ihren Siz hat, nicht früh genug von Seite des Arztes, der Angehörigen – hier also von Seite des Staates – eingegriffen werden könne. Es wird also Sache der Polizei sein, auf möglichst frühe und leise Charakter-Änderungen bei den Untertanen ihr Augenmerk zu richten – und wo kämen nicht leise und frühe Charakter-Änderungen bei jungen Leuten vor, die sich politisch heranbilden oder Söhne aus oposizionellen Familien sind? – damit es nicht zu spät wird und der Staat eingreift, wenn der Holzstoss schon brennt.

Sind junge Leute auf ein verhältnismässig unbedeutendes Simptom hin psichjatrisch internirt, so ist jedenfalls die grösste Gefahr vorüber, und selbst bei späterer Entlassung wird das durchgemachte Internat immerhin einen gewissen kräftigen, staatsfestigenden Eindruk hinterlassen. Natürlich sind während der Internirung die Studien bei gebildeten jungen Leuten auf Grund von vom Kultus-Ministerjum vorgeschriebenen Lehrbüchern fortzusezen. Tritt eine auffallende Besserung ein, sodass in den Gehirnganglien ein entschiedener und starker Zug nach Rechts verspürbar wird, so kann immerhin der Versuch einer bedingten Entlassung bis zur nächsten Wahlperjode gewagt werden. Aber selbst auf die Gefahr hin, dass ein Teil der Gimnasien und Hochschulen in psichjatrische Internate umgewandelt würden, dürfte der Staat nicht auf das Vorrecht verzichten, frühzeitigen Charakter-Änderungen seine Aufmerksamkeit zuzuwenden, und durch Sachverständige die Bedingungen des Eintritts dieses Früh-Simptomes der Gehirn-Erweichung auf's Genaueste präzisiren zu lassen.

Häufige Stimmungs-Änderungen und Neigung zum Weinen, schon bei geringen Ursachen, werden von allen Forschern, bes. von BaillargerBaillarger, J., Recherches sur le système nerveux. Paris 1847., MagnanMagnan, V., Maladies mentales. 2 ème édit. Paris 1893., GriesingerGriesinger, W., Pathologie und Therapie der psychischen Krankheiten. 2. Aufl. Stuttgart 1861., als Früh-Simptom der Cerebral-Paralise anerkant....... .............................

Aber warum weint Ihr auch? – Warum ist Euer Hirn nicht stark? – Wenn Eure Gedanken sich bis zur Höhe der Individualität und der Individualitäts-Berechtigung sich erhoben, und Eure Seele mit den Adlern flog, warum weint Ihr, wenn Ihr dann vor dem Staat steht und bekennen solt? – Haben diese Leute, Eure besoldeten Peiniger, etwa mehr gegessen, weil sie so stark sind? Warum blikt Ihr ihnen nicht in's Angesicht und sagt das Unvermeidliche, das gesagt werden muss, und wenn es Blut wäre? Esst und stärkt Euch, und seid »stark im Geist«. Meint Ihr, Burgunder und Rheinwein sei nur für Staatssekretäre gewachsen? – Trinkt wenigstens Eimbecker Bier, wie Luther, als er vor dem Reichstag erschien, und seine Seele verzagen wolte. – Wer wird weinen? – Glaubt Ihr, Brutus hat geweint? – Oder hat etwa Mirabeau Tränen vergossen? – Hat die Geschichte von Danton Zähren überliefert? ....

Ja, wenn Ihr weint, dann hat der Staat leichtes Spiel, und der Sachverständige wird Euch immer als kondizjonelle Anstaltsreife in Anspruch nehmen können. –

Die neuere Forschung hat festgestellt, dass Sifilis sehr häufig der Vorläufer von Gehirnerweichung ist. Ganz ausser Acht lassen soll man dieses Moment nicht. Aber erwarten, dass nun diese Leute an Sifilis gelitten haben müssen, und ihr Vorleben darauf hin sondiren, halten wir für unnötig. Ganz im Gegenteil führt jene andere Franzosenkrankheit, an der die Franzosen selbst in den Jahren 1789 – 95 litten, und während deren sie den »Kultus der Göttin der Vernunft« errichteten, viel sicherer zur Verwirrung des Geistes und zur Erweichung des Gehirns, als jene erotische Anstekung, die meist den Umarmungen einer recht unvernünftigen Göttin ihre Entstehung verdankt. Nach dieser Franzosenkrankheit, den revoluzjonären Bestrebungen, soll also der Sachverständige besonders forschen, um das ätjologische Moment für den traurigen Gesundheitszustand, in dem der Angeklagte vor den Schranken des Gerichtes erscheint, aufzufinden. Und erst wenn diese Untersuchung im Stiche lässt, mag er nach körperlichen Narben suchen. Jedenfalls wird es mit Hülfe der beiden Franzosenkrankheiten gelingen, die beim Vorgeführten für notwendig erkante Geisteskrankheit nach der ätjologischen Seite hin klarzustellen.

Schüle spricht viel von dem »Durchbruch des sittlichen Bodens«Schüle, H., Handbuch der Geisteskrankheiten. 2. Aufl. Leipzig 1880. S. 513., und will diese komplete moralische Debilität als eines der wertvollsten diagnostischen Anzeichen für das Bestehen oder doch Herannahen von Gehirn-Erweichung gelten lassen. Mit Recht. Viele haben nun gemeint, bei politischen Angeklagten liesse sich dieses Moment, in jenen Fällen, in denen der Nachweis von Gehirnerweichung gerichtlicherseits verlangt wird, schwer zur Geltung bringen, da ja gerade bei Idealisten – was politische Angeklagte meist sind – dieser sitliche Boden intakt sei. – Ganz falsch! Bei diesen Leuten bricht sogar der sitliche Boden sehr leicht durch. Und so etwa muss sich der Sachverständige den Beweis zurechtlegen: Wenn schon bei Staatsbeamten, Bürokraten, Richtern, hohen Verwaltungsbeamten, Ministern etc., die nicht auf dem Boden sitlicher Kraft oder individueller Verantwortlichkeit, sondern auf dem Boden des Staates stehen, überhaupt kein »Durchbruch des sitlichen Bodens« erfolgen kann, weil kein solcher Boden da ist, – weil ihnen der Staat diesen Boden gegen ein bestimtes Gehalt abgekauft hat, weil sie meist aus Familien stammen, in denen seit Jahrhunderten kein solcher sitlicher Boden mehr vorhanden war, weil sie überhaupt keinen sitlichen Boden kennen, und daher einen solchen beim Angeklagten nicht voraussezen – wenn, muss sich der Sachverständige sagen, schon bei solchen Würdenträgern von einem sitlichen Boden nicht mehr die Rede sein kann, ist es dann zu verwundern, wenn bei Angeklagten, von denen hier die Rede ist, die mit allen Hunden gehezt sind, und die oft aus Gesellschaftskreisen stammen, in denen die Widerstandskraft in Folge allgemeiner Misere nicht mehr so gross ist, hie und da einmal »der sitliche Boden durchbricht« – da wenigstens einer vorhanden war? – Nein, sagt sich der Sachverständige, das ist nicht zu verwundern. Also kann der »sitliche Boden« auch bei solchen Leuten einmal »durchbrechen«. Kann er es, dann wird es dem Sachverständigen ein Leichtes sein, auch für den gerade vorliegenden Fall den faktischen »Durchbruch des sitlichen Bodens« wissenschaftlich zu erweisen, und so die unumgänglichen Bedingungen zu schaffen für die Internirung des Angeklagten, wie für das eigene Vorrüken in die nächst höhere Gehaltsklasse.

 

Wir machen auf das hier Gesagte besonders aufmerksam, weil, wenn alle Psichosen fehlschlagen, und der Angeklagte, sei es in Folge nicht rechtzeitiger Vorbereitung von Kronzeugen, oder sonstwie, alle Versuche des beeidigten Sachverständigen, aus ihm eine vom Gericht für notwendig erkante Psichose herauszudiagnostiziren, durch seine Ruhe, Kaltblütigkeit und bärenmässige Gesundheit zu Schanden werden lässt, die Gehirn-Erweichung immer noch jene Form ist, bei der der Nachweis der gerichtlicherseits verlangten Geisteskrankheit am besten gelingt. Denn die Anfänge dieses organischen Gehirnleidens sind bekantlich so fein, unscheinbar und hauchartig, die ersten Simptome noch so wenig von eigentlicher Gesundheit zu unterscheiden, dass es bei einiger Geschiklichkeit gelingt, jeden gesunden Menschen als in den Anfängen der Gehirnerweichung zu stehen zu erklären, somit der Sachverständige – dessen eigener sitlicher Boden hier nicht in Betracht komt – es leicht haben wird, den Angeklagten, gar wenn dieser verdattert ist, oder ein wenig stottert, oder leicht aufbraust, im Gerichtssaal selbst zu überführen und psichjatrisch zur Streke zu bringen.

Auch komt die Natur selbst den Wünschen des Staates in dieser Richtung weitherzig entgeben gegen. »Die Konsistenz des Gehirns ist weich, ist teigartig« – sagt Hyrtl in seiner »Anatomie des Menschen«Hyrtl, Jos., Lehrbuch der Anatomie des Menschen. 20. Aufl. Wien 1889. S. 236.. – Ist es dann ein Wunder, wenn das Gehirn überhaupt weich wird, wenn es sich zu jener Konsistenz verflüssigt, die der Staat braucht, um misliebige Gehirne aus dem Kampfe des Lebens auszuscheiden und sie in Sicherheit zu bringen?

Und auch die Stimmung, die die Natur den Gemüts-Deutschen in's Herz gelegt hat, ist nicht zu weit entfernt von jenem Übertauen des Herzens, welches schon Anfangssimptom der hier behandelten Seelenkrankheit ist. »Die Leute weinen leicht« – sagt Mendel in seiner Studie über die Paralise des Gehirns –Mendel, C., Die progressive Paralyse der Irren. Berlin 1880. S. 97.. Ja, zum Henker! warum weinen die Leute? – Weil sie Steuern zahlen müssen. Weil sie ihren lezten Blutstropfen für Militärforderungen hergeben müssen. Weil ihre Familien der Willkür einer brutalen Soldateska ausgesezt sind. Weil sie einer avancement-hungrigen Justiz ausgeliefert sind. Weil sie ihre Schmerzen ihre Hülferufe nicht mehr aussprechen, nicht mehr druken lassen dürfen. Weil man sie zum Anbeten des »grossen Tier's« zwingen will........

Ja, was wolt Ihr weinerlichen Leute? – Warum wurdet Ihr auch weich? Der Gott, der Eisen wachsen liess, der wolte keine weichen Gehirne! – Warum wartetet Ihr, bis Euer Gehirn weich wurde? – Da es noch hart und elastisch war, und Taten – nicht Gedanken – gebären konte, da musstet Ihr handeln und Euren Mann stellen. Hat Euch der Staat erst angerührt, dann zerschmilzt, Euch Armen, unter seinen Eisenhänden Eure Triebkraft, und nun faselt Ihr, Hirn-Erweichte, in Eurer Fieberfantasie von Königsmord und Bürgertugend! ....

Da Ihr noch rüstig waret, da musstet Ihr das Unvermeidliche, die rettende Tat tun ......

Immer ruft Ihr: Uns kann nur ein Angiolillo helfen! und wiederholt diesen Ruf, bis Euch das Gehirn weich wird; und nun muss Euch der Staat einsperren. Statt die Probe auf diesen Angiolillo einmal zu machen, um Euer Gehirn von dem furchtbaren Druk zu befreien; und den Staat einmal bluten zu lassen, statt immer selbst zu bluten, und mit starkem, rüstigen Gehirn aus dieser entsezlichen Krise hervorzugehen! ..........................

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