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Psichopatia Criminalis

Oskar Panizza: Psichopatia Criminalis - Kapitel 3
Quellenangabe
typeessay
authorOskar Panizza
titlePsichopatia Criminalis
publisherOctopus
printrun1. Auflage
isbn3-86157-003-3
yearo. J.
firstpub1898
noteText nach: Verlag der Zürcher Diskussionen, 1898
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060121
projectid38bc8fec
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Der Tipus der psichopatia criminalis.

Leise und unheimlich ist der Beginn dieser wenig erforschten, schleichend verlaufenden Krankheit, die das Äussere des Menschen ebenso wie dessen Inneres, Leib und Seele, Gemüt wie Charakter, gleicherweise zerstört und untergräbt.

Heredität ist, wie dies nach neueren psichologischen Anschauungen leicht begreiflich, in den meisten Fällen deutlich nachweisbar. Entweder ist der Vater schon wegen politischer Reate gesessen; der Großvater; der Onkel; oder die Mutter stamt aus inveterirt-demokratischer Familie; der letztere Fall ist der schlimmere. Auch Abkömlinge jener »Salzburger Emigranten«, »Zillerthaler«, »Hugenotten«, »Böhmischen-« und »Mährischen Brüder«, aller jener Sekten und Wiedertäufer-Gruppen, Schwarmgeister etc., die die Oposizjon gegen den rechtgläubigen Staat bis zur Selbstvernichtung trieben, sind stark gefährdet. Diese Leute sollen nicht mehr heiraten, da der Keim kaum mehr eliminirbar ist. Man hat beobachtet, dass selbst bei fortgesezter Vermischung mit Lakaien der Keim solch alter, religiöser, oder staatsfeindlicher Oposizjon immer wieder hervorbrach und grosses Unglük anrichtete.

Bei Anderen fehlt dagegen jedes hereditäre Moment. Solche Leute können es einfach oft nicht mit ansehen, wie Hunderttausende vor einem einzigen Menschen auf der Strasse sich niederwerfen und von den Hufen seines Rosses sich bearbeiten lassen. Hier liegt dann meist Rinden-ZwangUnter Rindenzwang versteht die moderne Psichjatrie den von der Gehirn-Rinde, als dem Siz der höchsten Gedanken-Reihen, ausgehenden Widerstand gegen Einflüsterungen und Sugestionen, so dass selbst die bestgemeinten Absichten der Regierungen an solch' individualistischen Starrköpfen wirkungslos abprallen. vor. Diese Menschen sind natürlich gemeingefährlich und müssen unter steter Aufsicht bleiben. Auch verlangt es das Gebot der Selbsterhaltung des Staates, solche Menschen nicht zum Fortpflanzungs-Geschäft zuzulassen.

Weitaus das gefährlichste Moment aber, welches solche Kranke bei Ihrem Sichselbst-Überlassensein in voller Freiheit für die Sicherheit des Staates und für die ewigen Grundsäze der Sitlichkeit bieten, ist ihre grosse Anstekungsfähigkeit, ihre Infekziosität für die Massen. Man hat immer in der Geschichte beobachtet, dass es wenige abnorm veranlagte, von Haus aus auf Abwege geratene Menschen waren, mit explosiblen Gedankenreihen – »Erleuchtete« nennen sie ihre Anhänger – die den Zündstoff für die grossen Volksbewegungen abgaben. Während die grosse Masse, der grosse Plebs – den man durchaus nicht immer misera zu nennen braucht, und dem man durchaus nicht immer das Beiwort contribuens zu geben braucht – im Ganzen in glüklicher Ruhe und Apatie vegetirt, ohne die Regierenden in ihrer schweren Arbeit zu stören, oder an die Grundpfeiler der staatlichen Ordnung zu rütteln, sind es stets solche Einzelne, die, den Gedanken des Umsturzes mit unglaublicher Frivolität erwägend, die Zukunft einer neuen Gesellschaftsorganisazjon sozusagen mit spielender Fantasie sich ausmalen, und so die Schwachen und Widerstandslosen, die »Kinder« des Volkes, die Frauen, die Dumben, die Künstler, die Dichter für sich gewinnen. Eine Zukunfts-Gesellschaft, die noch gar nicht existirt, die gar nicht existiren kann, für die es in der realen Welt gar keinen Anhaltspunkt gibt, rein aus der Idee, sozusagen aus dem Nichts, hinzustellen, und damit ganze Volkskreise, denen doch die Sicherheit und Nüzlichkeit der bestehenden Regierungsform täglich und sontäglich vor Augen geführt und gepredigt wird, zu verführen und auf ihre Seite zu bringen. Es hängt das mit jener bedauerlichen Empfänglichkeit der Massen für alles Neue und Ideelle zusammen. Was hat nicht schon in alten Zeiten Caesar darunter leiden müssen! Und Er war doch schon von Gottes Gnaden erwählter und im Voraus bestimter Herrscher seines Volkes – Caesar, Kaisar, das ist ja eben: Kaiser. So hemmend wirkten die Neuerungssucht und die Ideen-Empfänglichkeit der von ihm beherschten Völker auf seine Tatkraft und Entschlussfähigkeit ein, dass es ihm fast unmöglich wurde, die ihm von Gott vorausbestimten Herrschafts-Pläne durchzuführen und sein Volk den von ihm vorausgesehenen herlichen Tagen entgegenzuführen.

Man zieht meist das Beispiel der beiden Gracchen aus der Römischen Geschichte an, um die verderbliche Wirkung exaltirter Köpfe auf gesunde und friedliche Volksmassen zu illustriren. Aber man braucht nicht soweit zurük zu gehen, und Zeitperjoden zum Vergleich heranzuziehen, bezüglich deren es fraglich ist, ob der allmächtige Gott, der jezt so sichtbar das deutsche Volk leitet, schon damals wirlich die Geschike solcher Völker in der Hand hatte. Es ist ja richtig, das Beispiel der Gracchen ist ausserordentlich instruktiv; und es war ein Glük, dass der eine dieser Brüder, die immer »dem Volk Brod geben« wolten, rechtzeitig mit einem Stuhlbein erschlagen wurde, und der Andere in Erkentnis seiner furchtbaren Schuld sich rechtzeitig selbst den Tot gab. Aber wieviel unnüzes Blut wurde trozdem wegen dieser exaltirter Köpfe vergossen, und wie wurde die von Gott eingesezte Regierung in stete Sorgen um ihre eigene Existenz gestürzt! Hätten die Römer einen unserer heutigen Formale-ausfüllenden Gerichts-Ärzte zur Seite gehabt, oder eines der vortreflichen unserer heutigen psichjatrischen Lehrbücher in Latein vor sich gehabt, dann wäre schon gegen den älteren Gracchus ein Haft-Formular ausgefült, und mit Hülfe eines zweiten Formulars, welches die »Gemeingefährlichkeit wegen unheilbarer Geisteskrankheit« konstatirt, seine Überführung in eine staatlich geleitete Irrenanstalt perfekzionirt worden. Während mit dem »Sich-in-sein-Schwert-stürzen« oder mit dem »Von-einem-vornehmen-Senats-Mitglied-mit-dem-Stuhlbein-Erschlagen-werden« diese Leute sich eine gewisse Idealität, die Märtirer-Krone, erringen und dann in die »Römische Geschichte« kommen. Und darum ist's ihnen zu thun. Um nichts Anderes!

»Hunger« –, lächerlich! – »dem Volk Brot geben« – was soll das heissen? – Kein Römer ist damals direkt am Hunger gestorben (es sei denn, dass er direkt an Nahrungsverweigerung erkrankt war), es ist dies mehrfach aktenmässig, von Mommsen z. B., nachgewiesen wordenMommsen, Th., Römische Geschichte. Bd. II. 5. Aufl. Berlin 1869. S. 87-94. Dort ist wol von »agricolem Proletariat« und dem »Untergang des italischen Bauernstandes« die Rede; aber nirgends steht ein Wort, dass ein Römer oder Italer direkt verhungert sei.. Wozu also das Geschrei?! –

Doch, wie gesagt, es ist ein Zurükgehen auf jene alte Zeit durchaus nicht nötig. Die Zeit der Reformazion und des deutschen Bauernkriegs liefern Beispiele in Masse, um zu zeigen, wie durch das verwegene Denken Einzelner und die krankhaften Fantasien gewisser rabjater Köpfe, die ruhigen, friedlichen, gesättigten Volksmassen aufgerührt und zum Umsturz des Bestehenden getrieben werden. Wenn wir von Einem, dem hier eigentlich zunächst in Betracht kommenden Halluzinanten, Martin Luther aus Eisleben, absehen, so geschieht es, weil er als mässiger Liederdichter und guter Übersezer aus dem Lateinischen immer noch gern in der Literaturgeschichte genant wird, er auch als »Mann Gottes«, oder wie derlei epitheta ornantia lauten, von den deutschen Fürsten und ihren hohen Regierungen sozusagen noch immer in Anspruch genommen wird. (In die Irrenanstalt hätte er zweifellos gehört). Aber die Zahl der Aufrührer war in damaliger Zeit ausserordentlich gross. Man braucht sich nur eine Gestalt, wie diesen Nikolaus Storch, vorzustellen und seine Schiksale zu verfolgen, um die Gefährlichkeit eines solchen verwegenen Streuners ausserhalb der Irrenanstalt zu begreifen; wie er, von Ort zu Ort ziehend, überall ausgewiesen, heute in Zwickau, morgen in Böhmen, übermorgen in Thüringen, allerorts Spuren seiner geistesverbrecherischen Tätigkeit hinterliess, überall den Samen eines aufrührerischen, frechen, sich emanzipirenden Denkens ausstreute; Spuren, die nie mehr gutgemacht, nie mehr ausgewischt werden können, die durch die protestantische Ortodoxie hindurch, im Pietismus, in den Erwekungsphasen, im Herrnhutertum wieder zum Vorschein kommen, in's Teosophische, in's Mistische, in's Jakob-Böhmische, in's Zinzendorf'sche, in's Berlenburg'sche, in's Wetterau'sche umgeschlagen, und schliesslich bei Baader, bei Hegel, bei Schelling, bei Bruno Bauer, bei Strauss, bei Stirner wieder herauskommen.

Das ist nämlich das Eigentümliche des Geistigen, dass es – da, wo es sich ausserhalb der Irrenanstalten zeigt – wo es sich selbst manifestirt, wo es sich in der Öffentlichkeit kundgibt, wo es seine Anstekungsfähigkeit im Hinblik auf die Massen erprobt hat, dass es wie ein fressendes Feuer um sich greift, wie eine gegebene Grösse nach dem Beharlichkeitsgesez von selbst weiter wirkt, dass es selbst nicht mehr ungetan werden kann, selbst nicht mehr in sich zurük kann, dass es – und Andere – an den neuen Fäden weiterspinnen müssen, – es und Andere den Gährungsprozess fortsezen müssen, bis zum Überschäumen –

»dass es fortzeugend Böses muss gebären« das Böse, das ist hier das Geistige. –

In uns Allen stekt heute noch Storch, stekt Carlstadt, stekt Luther, steken die Wiedertäufer, stekt Thomas Münzer, stekt Hutten und steken alle die Andern. Diese geistige Ahnen-Reihe vererbt mit fast sicherer Unabänderlichkeit und Schiksalsschwere ihr unheimliches Ferment, als das edle blaue Blut unter dem Adel, das hochfürstliche, gottbegnadete Blut unter den Monarchen, oder das gemeine rote Blut unter den Bürgern und Arbeitern, nach der fisischen Seite hin sich fortsezt. Diese grosse Fänomenologie des Geistes, dieses unabänderliche Karma der Weltgeschichte, welche von geistiger Tat zu geistiger Tat rechnet, ist unauslöschlich, ist ein verzehrendes Feuer und geht von Jesaia bis Nietzsche.

Hier muss also die Polizei eingreifen. – In der Vergangenheit ist Nicht-Mehr-Gutzumachendes geschehen. – Aber in der Gegenwart, heute, wo der kranke Zustand solch' frevelnder Köpfe mit Hilfe der Wissenschaft deutlich nachgewiesen werden kann, muss die Obrigkeit, muss die Staatsanwaltschaft, müssen die Fürsten, muss der Staat, muss die Regierung mit starker Hand eingreifen, diese kranken Keime – in Badewannen oder sonstwie – eliminiren, um die grosse Masse intakter, monarchischer Hirne vor dem Zersezungsprozess zu bewahren. – Die psichopatia criminalis zieht sich wie ein roter Faden durch alle revoluzjonären Bewegungen des Altertums wie der Gegenwart. Sie stekte in Harmodius und Aristogeiton, sie stekte in Kleon dem Gerber, sie wühlte in dem jeder sitlichen Basis entbehrenden Aristophanes, und sie ward in dem von einem fabelhaften Ehrgeiz getriebenen Sokrates manifest. Alle diese falschen Idealisten, die immer nur an sich denken, und dabei das Volk vorschieben, sind kriminelle Psichopatiker. Psichopatia criminalis war es, was die Plebejer auf den mons sacer hinauftrieb, sie beseelte die Gracchen, und sie entzündete den frevlen Mut eines Catilina und Brutus. Psichopatia criminalis war es, was den verwegenen Arnold von Brescia sich gegen die gottgeheiligte Majestät des unbeflekt empfangenen Papstes auflehnen liess, was Wicliff und Hus revoltirte, was Savonarola den Verstand raubte, was in Luther wütete, was die gesamten sektirerischen Geister im sechzehnten Jahrhundert ausser Rand und Band brachte. Das herliche deutsche Volk war dank der grossen Resistenzkraft seiner monarchisch gebauten Nervenfasern lange Zeit von der schreklichen Krankheit verschont, bis wälsche Einflüsse, besonders von Frankreich her, auch hier Bresche legten, und das ahnungsloseste Gemüt, das auf der Welt existirt, endlich ebenfalls über sich nachzudenken begann. Denken ist immer eine schlimme Sache. Die betrübsamen Zerstörungen, welche inzwischen sich im Bereich des deutschen Gemüts geltend gemacht haben, brauchen hier wahrhaftig nicht noch ausführlich dargelegt werden.

Soll das so weiter geduldet werden? Sollen wir erlauben, dass Jeder mit seiner respektiven Grösse, Jeder mit seinem bischen in seinem Kopfe steckenden Geistes-Ferment, mit seinem bischen Hirn auftrete, und die Massen vergifte und zum Staats-Ungehorsam erziehe? Heute, wo wir in den Regierungs-Maasregeln, in dem von Gott geleiteten fürstlichen Intellekt, Hilfsmittel und Ratschläge besizen, alle diese kleinen Rumorer, diese dii minorum gentium, diese kleinen Geister auf ihren Kakstühlchen, die auch Etwas produziren möchten, mit einem Schlag, mit einem Paragraf, vernichten können? Heute, wo wir in den prächtigen, parketbelegten Irrenhäusern, in den woligen Badewannen, Mittel besizen, diese turbulenten, germanischen Köpfchen ihr süsses Gedanken-Räuschchen ausschlafen zu lassen? Heute sollen wir noch Empörung dulden, freche Ideen Schiller's und Stirner's? Wo wir wissen, dass diese Ideen, auch nur ausgesprochen, in der Versamlung verkündet, auf Papier gedrukt, weiterfressen, länger fressen als der Wurm, der dieses Papier zernagt, und die folgenden Jahrhunderte beeinflussen? Beeinflussen, wie wir heute die Storchs, die Carlstadts, die Luthers, die Wiedertäufer, die Sektirer, die Sands, die Demokraten, die Wartburger in unserem Gebein – ach so schmerzlich! – spüren? Was werden die folgenden Jahrhunderte von uns sagen? Dass wir den bürokratischen Aparat nicht bis zur Zitronenpresse, nicht bis zur Vernichtung aller nicht fürstlich-ortodox-Denkenden ausgenüzt haben? Werden sie uns »die Grossen« nennen? Nimmermehr!

Was den Ausgang der psichopatia criminalis anlangt, so ist er, wie bei allen politischen Gehirnkrankheiten, ein sehr trauriger. Hat der Paroxismus eine gewisse Höhe erreicht, so ist es die Glühhize der ausser aller staatlichen Ordnung geratenen Ganglienzellen selbst, die dem von Gott zum monarchischen Gehorsam bestimten Gehirn die schwerste Schädigung bringt, und es rasch einem tötlichen Marasmus oder Erschöpfungszuständen entgegenführt. Ehe, Tugend, Familienbande, Pietät, Militär-Gehorsam, Fahneneid und die höchsen Perzepzions-Begriffe im monarchischen Staat fallen jezt wie Spreu auseinander, und lassen den seinem Gott entfremdeten, aus dem Treuverband mit seinem Fürsten Gelokerten, mit seinem eigenen monarchischen Gewissen uneins gewordenen, wie ein Rohr hin- und herschwankenden, kläglichen Untertanen bald nur noch dem Schnaps oder einer nächtlichen Streif-Patrulje anheimfallen. Bringt also nicht eine frühzeitige Zuchthaustrafe in Folge eines flagranten Delikts dem erschöpften Gehirn die nötige Erholung mit Neuerwekung der monarchischen Begriffs-Formen (die aber selten gelingt), so endet meist ein akuter Anfall auf der Höhe der Krise das Leben des Schwer-Erschütterten (Masaniello im Fischer-Aufstand zu Neapel), oder er geht direkt im Konflikt mit der staatlichen Ordnung zu Grunde (Tit. Sempr. Gracchus, Thomas Müntzer). Aber auch bei langsamerem Verlauf und in Folge von Zuchthaus-Unterbrechung eingetretenen Remissionen ist das nun einmal in seinem monarchischen Bestand wankend gewordene Gehirn kaum mehr zu stüzen, und verfält, wenn auch oft langsam, aber schliesslich doch sicher, zulezt dem von allen psichjatrischen Lehrbüchern für diesen Fall vorgesehenen sog. »terminalen Blödsinn«, oder der »finalen Verblödung«, womit sich der Vorhang über diese traurigen Szenen des Lebens eines »entgleisten Untertanen« definitiv senkt.

 

Mancher der aufmerksamen Leser, besonders solcher, die Psichjater von Fach sind, möchte vielleicht hier den Einwurf wagen, dass das hier Vorgetragene ja Geschichte, politische Geschichte, Literatur-Geschichte, Reformazjons-Geschichte, aber keine eigentliche psichjatrische Kasuistik, keine Darstellung von Psichopatieen seien. Dies wäre eine schwere Verkennung. Uns Psichjatern entzieht sich gar kein Geschehnis in Bezug auf seine Krankheitsmöglichkeit. Eine Tatsache, die wir für krank erkant haben, ist unter allen Umständen krank, mag sie sonst sein, was sie will, mag aus ihr die Reformazjon oder die Erzeugung des Dampfes, die sog. »Menschenrechte«, oder die Schafschur in Amerika, hervorgegangen sein, und mag ihr Träger Luther oder Lafayette, Lincoln oder Luzian geheissen haben. – Hat doch der trefliche Forscher Rudolf Arndt in seinem »Lehrbuch der Psichjatrie für Ärzte und Studirende« die ganze Kultur- und Geistesgeschichte der Menschheit in Oxy- und Par-ästesieen eingeteilt, und auf diese Weise die gesamte Entwiklungsgeschichte des Abendlandes, alle Revoluzjonen und die »Räuber« von Schiller, alle politischen Verträge und Metternich – mit alleiniger Ausnahme der Fürsten – in seinem hervorragenden Lehrbuche untergebracht!Arndt,R., Lehrbuch der Psichjatrie für Ärzte und Studirende. 637 S. Gross-8°. Wien und Leipzig 1883. – Das bewundernswerte Lehrbuch ist bei weitem nicht genügend gewürdigt und noch immer in der ersten Auflage zu haben..

Uns entzieht sich gar nichts! –

Um jedoch den Neuling nicht allzusehr zu erschüttern, und die Aufnahme der gänzlich neuen, hier zum erstenmal vorgetragenen Gesichtspunkte zu erleichtern, auch den Ärzten und Studirenden den Gebrauch der älteren psichjatrischen Lehrbücher, besonders jener von Arndt, Krafft-Ebing, Schüle, Griesinger, Esquirol, Gudden, Kräpelin, Ganser und Bumm, noch immer zu ermöglichen, haben wir uns entschlossen – da man jede Tatsache von mindestens zwei Seiten betrachten kann – die Erscheinungen der psichopatia criminalis in Gegenwart und Geschichte nochmals unter den alten liebgewordenen Termini: Melancholie, Tobsucht, Verrüktheit, Paralise der Irren, Epilepsie und Histerie vorzutragen, wobei wir uns der Hoffnung hingeben, durch diese doppelte Betrachtungsweise neue und interessante Schlaglichter auf die diversen Krankheitsgruppen zu ermöglichen und so – bei sich mehrenden Neubauten von Irrenhäusern – der immer mehr zunehmenden Gesundung und Erstarkung unseres psichopatischen Vaterlandes unter der Ägide gesunder, kraftstrozender Fürsten die Wege zu ebnen.

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