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Alfred Lichtenstein: Prosa - Kapitel 2
Quellenangabe
typemisc
authorAlfred Lichtenstein
titleProsa
publisherDie Arche
editorKlaus Kanzog
year1966
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160721
projectid6352154a
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Geschichten

Der Selbstmord des Zöglings Müller

Ein Herr Ludwig Lenzlicht war Erzieher und Hauslehrer in einer Anstalt für psychopathische Kinder. Er wurde immer »Herr Kandidat« gerufen. Er war bartlos wie ein Schauspieler, auch sprach er so. Meist trug er eine strenge scharfe Maske auf dem Gesicht.

Dieser Herr Lenzlicht fand zwei Tage nach der Beerdigung des Zöglings Martin Müller (der hatte sich vorher mit den Strümpfen der Erzieherin Nora Neumann an dem Fensterriegel einer Bodenluke erhängt) in einem dunklen Winkel seines Pultes ein Schreibheft. Er nahm es heraus. Und sah es an. Auf dem Etikett war zu lesen: Dieses Werk widmet Martin Müller den neuen Primitiven. Auf der ersten Seite war zu lesen: Lieber Lenzlicht, Sie sind der einzige von den Imbezillen der Anstalt, dem ich etwas Verständnis für die Betrachtungen zutraue, die ich hier niedergeschrieben habe. Doch daß auch Sie an meiner Persönlichkeit, ohne deren Kulturkraft zu fühlen, wie an einem leeren Gesicht vorbeigerannt sind, armer Blinder, wird Ihnen die Lektüre beweisen. Vielleicht werden Sie halbhell. (Dann wären Sie ein Glücklicher zu nennen.) Ich werde mich jetzt in der Dachluke zerstören, ein Einsamer in der Erkenntnis. Mein Werk wird dauern. Martin Müller.

Herr Lenzlicht wunderte sich, als er die Sätze las. Nachher dachte er über Größenvorstellungen bei Knaben. Er war nicht lustig und nicht traurig, aber er sah finster aus. Das Denken war ihm keine Leidenschaft, deshalb las er bald weiter.

Auf den nächsten Seiten waren einige Abhandlungen über den Wert der Kunst geschrieben, über ihre Zukunft, über die Wechselwirkung der einzelnen Künste, über die Architektur des literarischen Stils, über die neuen Primitiven, die, von Müller ausgehend, eine siegessichere Revolution in dem Kunstleben herbeiführen würden. Die Abhandlungen füllten das Heft fast. Herr Lenzlicht las sie ohne regere Anteilnahme, oft überblätterte er Seiten.

Der letzte Aufsatz des Heftes schien ihn mehr zu interessieren. Die Augen waren weit, sie klammerten sich an die Schriftzeichen. Auch hielt er das Papier wie ein Kurzsichtiger; und mit beiden Händen. Manchmal sprach er etwas Undeutliches. Oder er lachte, ohne es zu wissen. Oder er lachte, wie einer Donnerwetter sagt. Oder er ließ die Zunge aus dem Mund hängen. In dem Heft war zu lesen:

Ich sitze an dem Arbeitstisch und träume, was dem guten Lenzlicht bedenklich erscheinen würde: Die Jungen dürfen nicht träumen. Und dem Lenzlicht ist schon aufgefallen, daß die Haut um meine Augen wie Asche geworden ist. Er sagt häufig mit sonderbarer Betonung: ob ich denn schlecht schlafe, ich sähe so komisch aus. Einmal wurde ich ärgerlich, ich sagte: »Sie auch, Herr Kandidat.« Verlegen lächelnd schlug er mich blutig.

Ich mußte das Schreiben unterbrechen, weil Fräulein Neumann hereinkam. Sie hat heute bunte Beine mit Lackschuhen, das reizt mich. Ich hatte mir zwar vorgenommen, sie nicht mehr zu beachten ... Sie hat sich neulich so prüde gezeigt ... Sie war nachmittags in die Stadt gefahren. Sie kam spät zurück. Ich begegnete ihr auf der Treppe. Sie riß sich aber los. Und sagte erregt: »Bett ist Bett.« Und ging in ihre Stube. In den folgenden Tagen sah ich sie nicht. Der Hausdiener Hermann sagte, sie müsse das Zimmer hüten. Ich fragte, warum. – Er sagte, sie habe sich verlobt. Er schmunzelte.

Mir sind die erotischen Unterhaltungen allmählich ein Greuel geworden. Immer versuche ich, frei zu werden. Es gelingt selten. Ich weiß, daß ein begreifendes Weib mich erlösen kann. Hier gibt es das nicht: Fräulein Neumann ist ein albernes junges Ding von achtundzwanzig Jahren. Die Köchin ist ein unreifes Schwein. Das Stubenmädchen Minna ist hochmütig, sie ist ohne Grund unzugänglich. In Betracht käme vielleicht die Leiterin, Doktor Mondmilch; aber wenn ich einmal versuche, ihr meine Leiden und Schönheiten in ernster Unterhaltung verständlich zu machen, sehnsüchtig auf ihre Augen schaue, mich ihr gebe ... ist sie fremd, macht Notizen, hat geheime Unterredungen mit Lenzlicht, verordnet mir Beruhigungsmittel. Sie ist sehr brutal, ich glaube zuweilen: sie liebt mich heimlich. Sie scheint unglücklich zu sein, ich habe sie gern. –

Gestern konnte ich nicht weiterschreiben, weil der fette Idiot Backberg mich zu Tisch rief. Ich sitze neben der Russin Recha. Die kneift mich gern in die Beine; sie sagt, ich sei zu dick. Den langen Lehkind küßt sie, weil er wie ein Skelett aussieht. Überhaupt vertrage ich mich mit den Viechern, die man hier zusammengebracht hat, nicht. Täglich ist Ärger. Besonders der überaus kleine siebenjährige Max Mechenmal – übrigens ein außergewöhnlich unbedeutender Mensch – macht mir viel zu schaffen. Er mag mich nicht, weil er meine Überlegenheit fühlt; er versucht auf jede Weise, mich unmöglich zu machen. Er ist hinterlistig und feig. Niemand findet ihn nett. Er tut nichts lieber, als uns aufeinander zu hetzen, arge Klatschereien zu verbreiten, möglichst viel Schaden anzurichten. Er versteht, sich in dem Hintergrund zu halten, in dem geeigneten Augenblick zu verschwinden. –

Einmal schrieb ich, nichts Böses vermutend, in unserem geräumigen Bade- und Klosettraum (hier bin ich vor Überraschungen sicher) eine längere Arbeit über den »Schwindel von dem Genie«. Ich führte etwa aus: Genie ist ein Titel, keine Eigenschaft. Das wird nicht bedacht, deshalb ist die große Verwirrung. Titel ist Zufallssache, zumeist verdächtig. Wer Genie genannt wird, ist darum nicht ein genialer Mensch. Geniale Menschen werden diesen Titel, der von der Menge verliehen wird, regelmäßig nicht erlangen. Die genialsten Menschen aller Zeiten sind gewiß in Tollhäusern und Gefängnissen geborsten. Wer von tausend Alltagsleuten verstanden wird, geliebt wird ... gilt mir nicht. –

Da wurde ich durch das langsame, seelenvolle Geschrei des blinden kleinen Kohn, mit dem ich trotz meiner antisemitischen Grundsätze innig befreundet bin, erschreckt. Ich sprang auf, eilte hinaus. Ich sah, wie Max Mechenmal hin und her lief, den kleinen Kohn in die Beine zwickte oder ähnliche Bosheiten tat; dabei rief er: »Fange mich.« – Der kleine Kohn war bleicher. In seiner Hilflosigkeit. Er hielt den Rücken gegen eine Wand. Die dünnen leidenden Hände tasteten in der Luft ... Ich habe niemals so viel konzentrierten Schmerz gesehen, wie auf den verstorbenen Augen des kleinen Kohn lag. Ich eilte, ohne mir Zeit zu lassen, die Kleider in Ordnung zu bringen, auf Mechenmal zu, um ihn für die rohe Gesinnung zu züchtigen. Meine Hose wurde durch einen Nagel, der aus der Wand ragte, beschädigt. Mechenmal benutzte die Verzögerung, schlüpfte an mir vorbei, lief in den Klosettraum, den er hinter sich verriegelte. Ich schlug an die Tür. Er sagte: »Besetzt!« Ich war sehr ärgerlich. Mir fiel zudem ein, daß ich die Papiere, auf denen die Arbeit über den »Schwindel von dem Genie« geschrieben war, in der Eile vergessen hatte mitzunehmen. Ich rief, er möge sie herausgeben. Er antwortete nicht. Später hörte ich, wie er gewaltig kicherte. Und ich wußte: Das Manuskript, das ich der neuen Zeitschrift »Das andere A« einreichen wollte, werde ich nicht wiedersehen. Traurig ging ich fort –

Ach, der kleine Kohn ist nun leider tot. Er ist an seinen Gespenstern gestorben, er hat mir das oft vorausgesagt. Seine Gespenster hat er gesehen, der blinde kleine Kohn. Manchmal, wenn heller Tag war. Dann fand man ihn zitternd und weiß in einem Winkel. Die Beine hatte er so weit angezogen, daß die Oberschenkel gegen die eingesunkene Brust gepreßt waren. Zwischen den Knien lag der Kopf. Die winzigen erschrockenen Fingerchen krampften sich um die Schuhspitzen. Wenn man ihn berührte, schrie es aus ihm. Der Schrei war so gellend grauenhaft, daß man unwillkürlich losließ, als hätte man einen Stoß erhalten. Sooft das geschah, war man ratlos wie bei dem ersten Mal. Doktor Mondmilch wurde gerufen. Sie streichelte ihn ganz wenig. Die Starrheit löste sich in Schluchzen auf. Er bekam Tropfen, wurde in sein Bett gelegt, schlief schlimm. Mechenmal rief, daß es bis auf die Straße schallte: »Kohn ist wieder verrückt.«

In der letzten Zeit hatten sich die Anfälle gehäuft, besonders nachts. Die Ohnmächten waren tiefer, die nachfolgende Ermattung trostloser. Als an einem Abend Doktor Mondmilch, einer Einladung des Tier- und Nervenarztes Bruno Bibelbauer folgend, für längere Zeit weggegangen war, trat die Katastrophe ein. Der kleine Kohn lag bald tot in dem Bett. Mechenmal sagte: »Jetzt stört er einen wenigstens nicht mehr, wenn man schlafen will.« Der fette Idiot Backberg freute sich auf die Beerdigung. Die Köchin heulte; und das Stubenmädchen Minna. Nora Neumann hatte sich in ein Zimmer eingeschlossen; ich glaube, sie dichtete. Die Russin Recha war verschwunden; nachher fand Lenzlicht sie in dem Sterbezimmer. Sie saß auf dem Bett, hielt die eine Hand Kohns verzückt an ihr Herz, mit der rechten Hand zog sie das Lid seines rechten Auges hin und her. Ich hörte, wie sie weinte und sagte: das sei so interessant. Lenzlicht schimpfte wehmütig.

Noch jetzt sagt Mechenmal, wenn er von dem kleinen Kohn spricht: »Der war ja verrückt.« Ich bestreite das. Jeder nicht stupide Mensch hat dann und wann Erlebnisse, die mit den althergebrachten, allen zugänglichen Gesichten nicht in Einklang zu bringen sind. Manchmal ist man feinfühliger als sonst und als die anderen. Wenn man allein ist, die bekannten Dinge ruhiger sind ... vielleicht, wenn Abend ist, bei einer halbhellen Lampe ... in der Dämmerstunde in einsamen Räumen ... in Nächten, die keinen Schlaf tragen. Da heben sich aus der Stille Geräusche, die ich niemals gehört habe, die ich nicht erklären kann. Ich schrecke auf – fürchte mich – will in die heiße Helligkeit zu vielen lustigen Menschen – will nicht hören ... höre feiner. Die Stille reißt auseinander. Alles klafft ... und klingt. Bewegung kommt in die Gegenstände. Bösartige Schatten ängstigen. Alle Formen verlieren ihre Gewohnheit. Ich warte ... auf ein entsetzliches Wunder, auf Unkörper.

Ich bin ein entschiedener Feind von Geistern und Gespenstern und ähnlichen Dingen. Ich finde diese Erscheinungen wenig sinnig und ohne Witz, ich will nichts mit ihnen zu tun haben. Und konnte doch nicht hindern, daß mir erst kürzlich gegen die Mittagsstunde eine antike Frauengestalt mit herben Gesichtszügen erschienen ist. Ich war davon unangenehm berührt. Um so mehr, als mir später einfiel, daß das möglicherweise meine selige Mama gewesen ist.

Es ist nicht weniger unvernünftig, die Geister zu leugnen, als unvernünftig ist, Wunder anzuerkennen. Wenn Gespenster alltäglich wären, würden die Philosophen ein Naturgesetz für sie konstruieren, damit man sie daraus herleiten könnte. Und ohne Aufregung übersehen könnte.

Ich werde mich weiteren Grübeleien über diese verwirrten Dinge entziehen, indem ich mir das Leben nehme. Man wird empört sein. Mir die Berechtigung absprechen, über mich zu verfügen. Man wird mich für überspannt erklären. Und das medizinisch begründen. Um sich zu beruhigen; denn wenn jeder so dächte, gäbe es bald ein allgemeines Protestieren gegen das Dasein. Das Leben würde boykottiert. Das darf nicht geschehen. Wenn man fragt: warum nicht? – wird man ein Sophist gescholten. Die Leute sterben nicht gern, das heißt Lebensenergie. Sie helfen sich mit Göttern und heiterer Weltanschauung. Wenn einem der Jammer doch zu grell wird, fährt er in ein besseres Irrenheim.

Zu dem Entschluß, mich von mir zu befreien, bin ich vor langer Zeit gekommen. Der wichtigste Beweggrund war: ich bin mir ernsthaft unsympathisch. Ich kann zufällig nicht aushalten, über ein ganzes Leben bei mir zu bleiben. Ich kenne mich zu genau. Ich habe häufig geweint, daß ich von mir nicht loskommen kann. Ich empfinde mich als eine häßliche Last. Ich möchte in einem mutigen, ehrlichen, reinen Jungen sein. Mein Mensch ist unwahr, unästhetisch, plump. Ich weiß, daß der Tod mich gründlich zugrunde richten wird; der Gedanke ist für mich Ursache zu lebhafter Verzweiflung; ich kann ihn nicht lange denken. Ich verliere die Fähigkeit zu atmen. Habe das Gefühl, als presse ein Ungeheures von innen. Die Gehirntätigkeit scheint ausgeschaltet. Die Hände ballen sich in tierischer Angst. Ich weine trocken. Die Institution des Todes ist wohl für manche Menschen nicht angebracht; man hätte Mittel und Wege finden sollen, den Tod zu umgehen. Aber – das Sterben ist eine Bagatelle. Nur darf nicht an den Tod denken, wer sein Sterben vorbereitet.

Der Sieger

I

Max Mechenmal war selbständiger Geschäftsführer eines Zeitungskioskes. Er aß und trank gern gut; er verkehrte viel – allerdings vorsichtig – mit Weibern. Da sein Salär häufig nicht ausreichte, ließ er sich gelegentlich Geld schenken: von Ilka Leipke. Ilka Leipke war eine über die Maßen kleine, aber gutgewachsene vornehme Dirne, die so sehr durch bizarres Wesen und scheinbar unsinnige Einfälle wie durch eigentümlich geschmackvolle Kleidung die meisten Männer und Mädchen erregte. Fräulein Leipke liebte den kleinen Max Mechenmal. Sie nannte ihn ihren süßen Zwerg. Max Mechenmal ärgerte sich zeitlebens, daß er klein war.

Max Mechenmal entstammte einer leider verarmten Familie. Er hatte in einer Anstalt für schwachsinnige Kinder eine vorzügliche Erziehung genossen, bis man ihn sehr frühzeitig gewaltsam entfernte. Die Gründe sind nicht überliefert; doch scheint die Entlassung mehr auf der Verarmung der Mechenmalschen Angehörigen zu beruhen als auf seiner unzweifelhaften Unausstehlichkeit. Er trieb sich eine Weile wohnungslos herum, da sich die Familie nicht mehr um ihn kümmerte. Den Lebensunterhalt erwarb er in der Hauptsache durch belanglose Diebstähle. Einmal griff ihn die Polizei auf. Er wurde in ein Heim für verwahrloste Kinder gebracht. In dem Heim wurde er zu einem Schlosser ausgebildet. Er verstand, sich bei den Vorgesetzten durch außergewöhnliche Geschicklichkeit und Bereitwilligkeit einzuschmeicheln. Im geheimen quälte er die jüngeren und schwächeren Kameraden; oder er hetzte die Stärkeren gegenseitig auf. Er hatte keinen Freund; als er ausgelernt hatte und entlassen wurde, waren die anderen froh.

Die ungewöhnliche Fertigkeit, die Max Mechenmal infolge seiner technischen Begabung in dem Anfertigen von Schlüsseln und dem Öffnen der schwierigsten Schlösser erlangt hatte, hätte er am liebsten benutzt, großartige Einbruchsdiebstähle zu begehen; er wäre gern ein berüchtigter Verbrecher geworden. Der Erlös der Einbrüche hätte ihn instand gesetzt, sich elegant zu kleiden, mit Weibern zu protzen. Die krankhaft gesteigerte Furcht, ergriffen zu werden, hinderte ihn. Er begnügte sich, Töchter und Mägde der Meister, bei denen er arbeitete, zu verführen, gefahrlose Gelegenheitsdiebstähle zu verüben. Sein Ehrgeiz war unbefriedigt.

Durch einen Zufall veränderte sich die Lebensrichtung Mechenmals. Feierabend war. Müde und mißmutig ging er die Straßen. Lichter waren kaum sichtbar, obwohl es heftig dunkelte. In einem feinen Parterrezimmer ordnete eine ältere Dame die Falten ihres Leibes. Vor einem Keller sangen schmutzige kleine Mädchen das Lied von der Lorelei. Wie schwarze Tafeln mit hellen Kreuzen waren die Fenster in die bleichen, einschlafenden Häuser gegraben. Die Häusermassen glichen großen, abenteuerlichen Schiffen, die vor Anker liegen oder hinausgleiten in ein fernes winkendes Meer. Der kleine Schlosser dachte an die letzten sechs Geliebten. Fielen ihm gräßlich umränderte blaue Augen eines häßlichen verbuckelten Herrn auf, der ihn lächelnd, mit merklichem Behagen, dennoch etwas ängstlich betrachtete. Der Schlosser dachte: Nanu – spaßeshalber blieb er stehen; blickte mit pfiffigen Äuglein, die wie blanke schwarze Knöpfe auf seinem Gesicht glänzten, den noch kleineren Herrn kokett an. Der wurde verlegen; nahm den Hut von dem Kopf; sagte stotternd, sein Name sei Kuno Kohn ... und er bäte um Entschuldigung ... Viel mehr war nicht zu verstehen. Der Bucklige barg einen Teil des Gesichts hinter dürren Fingern. Er hüstelte. War eilig weitergegangen. Der Schlosser dachte: Nanu – Er ging seines Wegs.

Da wurde er an dem Arm gezupft. Er wandte das Gesicht: Der Bucklige stand wieder bei ihm, noch etwas ohne Atem von raschem Gehen. Kuno Kohn war ganz rot, aber er konnte ohne Unterbrechung sagen: »Verzeihen Sie, daß ich Sie noch einmal belästige; ich weiß immer erst nachher, was ich sagen wollte.« Das redete er übermäßig laut, um die Verlegenheit zu überwinden. Dann sagte er: »Vielleicht haben Sie Zeit ... Vielleicht darf ich Sie einladen, mit mir ein Gasthaus aufzusuchen ... Oder ... Sie haben doch noch nicht zu Abend gegessen ...« Der Schlosser wendete nichts gegen den Vorschlag ein.

In einer mächtigen Kneipe ließ Kuno Kohn für Max Mechenmal Essen und Bier bringen. Er selbst aß nicht, er trank wenig. Er sah gern zu, wie es dem Schlosser schmeckte. Streichelte ihn später auch wohl manchmal zaghaft an dem Kinn. Dem Schlosser gefiel das. Sie sprachen zunächst von dem Elend des Daseins, von der Ungerechtigkeit des Schicksals. Als Mechenmal das dritte Glas Bier trank, brüstete er sich mit seinen Geliebten. Das war dem buckligen Menschen sogar unangenehm. Bisher hatte er den Schlosser erzählen lassen. Und seine Teilnahme allein dadurch bekundet, daß er zustimmend die blauen Augen theatralisch schloß, wodurch für Sekunden nur große jämmerliche Schatten sichtbar waren, oder mit dem unförmigen Kopf langsam wackelte oder mitleidsvoll auf die Schenkel Mechenmals die nervösen Finger drückte. Jetzt fing er an, eigene Meinungen zu äußern. Er schimpfte auf die Weiber. Mit einer Stimme, die in jedem Augenblick aus Erregung überzuschnappen schien. Stellte den Grundsatz auf: Wer das Unglück habe, Weib zu sein, möge den Mut haben, Hure zu werden. Die Hure sei das Weib in Reinkultur. Übrigens sei der Verkehr mit Weibern mehr oder minder entwürdigend. Als sie die Kneipe verließen, legte Kuno Kohn den harten elenden Knochen, der sein Unterarm war, auf den saftigen, muskulösen Unterarm Mechenmals. Ein goldenes Armband fiel auf das Handgelenk des Buckligen. Unterwegs forderte Kuno Kohn Mechenmal auf, bei ihm die Nacht zu verbringen. Der Schlosser ging auf das Anerbieten ein.

Kuno Kohn bewohnte in einem Gartenhaus einer westlichen Nebenstraße ein großes Zimmer, in dem nichts auffiel. Nur das Bett war ungewöhnlich breit, fast prunkhaft. Auf den Kissen lagen gelbliche und rote Blumen. Vor einem Fenster stand ein Schreibtisch; auf ihm waren einige Bücher, vielleicht Baudelaire, George, Rilke; daneben und dazwischen lagen Papierbogen, die anscheinend mit vollendeten und unvollendeten Gedichten und Abhandlungen beschrieben waren. Auf einem Brett an einer Wand standen Bände Goethe, Shakespeare, eine Bibel, eine Homerübersetzung. Auf Tischen und Stühlen lagen wohl einige Zeitschriften und Kleidungsstücke. Irgendwo waren vergilbte stille Photographien von alten Leuten und Kindern. Der Schlosser sah alles neugierig an.

Bald saßen sie. Die Unterhaltung, die erst lebhaft war, stockte allmählich. Kuno Kohn drehte die Lampe klein. Später redete er weich und flehend dem Schlosser zu. Nachher bot er ihm das Bett an. Er selbst werde auf dem Sofa schlafen. Der Schlosser war einverstanden.

Kuno Kohn verschaffte seinem Freund Mechenmal eine untergeordnete Stellung bei einem Zeitungsverlag. Überraschend schnell arbeitete sich Mechenmal in den neuen Beruf ein, erlangte sehr bald genügende kaufmännische Kenntnisse. Wechselte Stellungen. Erreichte durch Energie und allerhand Gemeinheiten, daß er schon nach einem Jahr und wenigen Monaten als selbständiger Geschäftsführer eines Zeitungskioskes eine Vertrauensstellung bekleidete.

II

Durch die angenehme Art zu sprechen wie durch sein intelligentes Puppengesicht hatte sich der ehemalige Schlosser bald eine unverhältnismäßig große Stammkundschaft erworben, zu dem größten Teil weiblichen Geschlechts. Morgens umstanden seinen Kiosk ein Dutzend Verkäuferinnen eines nahen Warenhauses, die absichtlich zu früh gekommen waren, um sich über die Zoten und fidelen Glossen des Herrn Mechenmal zu freuen. Der Bankbeamte Leopold Lehmann, der stets pünktlich um acht Uhr kam, um illustrierte Witzblätter und theologische Streitschriften zu kaufen, wurde manchmal ungeduldig, weil die lustigen Verkäuferinnen ihn bei dem Aussuchen störten. Und der Gymnasiast Theo Tontod, der unermüdlich, in der Regel vergeblich, nach der modernen Zeitschrift: »Das andere A« fragte, kam oftmals zu spät in die Schule. – Gegen Mittag erschien fast täglich die Choristin Mabel Meier an dem Arm eines alten Mannes. Sie kaufte bunte, pikante Zeitschriften oder gefühlvolle mit langen lyrischen Gedichten. Der alte Mann, der immer wehleidig blickte, bezahlte seufzend. Sie verhielt sich Mechenmal gegenüber zurückhaltend. – Manchmal kam auch Mieze Maier, ein Backfisch, und fragte, ob Herr Tontod dort gewesen sei. Einmal blieb Mieze Maier länger; von der Zeit an häufiger. – Zu unbestimmten Stunden war ein dickes gemütliches Dienstmädchen des Kaufmanns Konrad Krause an dem Kiosk. Und sagte zu Mechenmal, er sei hübsch; er habe leidenschaftlich schwarze Augen und einen Knutschmund; ob er Sonntags nicht Laune habe, tanzen zu gehen; es liebe ihn sehr. Mechenmal antwortete, er werde die Neigung von Fräulein Frida gelegentlich erwidern. Das Dienstmädchen erinnerte ihn peinlich oft an sein Versprechen. – An jedem Dienstagnachmittag forderte ein sonderbarer Herr Simon, der in einem offenen Sanatorium wohnte und stets von einem Wärter begleitet wurde, Zeitschriften für Bestattungswesen; wenn nicht genügend vorhanden waren, entfernte er sich sehr ungehalten und auf die Krematorien schimpfend. – Auch Kuno Kohn kam mehrmals in jeder Woche; seltener, um zu kaufen, hauptsächlich um seinen Freund zu besuchen und für die Abende Zusammenkünfte zu verabreden. – Studenten, Damen, Offiziere, Arbeiter kauften ihre Zeitungen. Nur Ilka Leipke war trotz wiederholter Aufforderungen Mechenmals nicht zu bewegen, zu dem Kiosk zu kommen.

Das war eine Laune von Ilka Leipke. Sie hatte ja viel Zeit und klagte dem Geliebten manches Mal, die Tage seien noch langweiliger als die Nächte. Auch liebte Ilka Leipke ihren süßen Zwerg nicht etwa weniger als in den ersten Zeiten ihrer Bekanntschaft. Obwohl Mechenmal sie immer herrischer behandelte, immer gemeiner zu ihr wurde. Zuletzt machte ihm Freude, wenn sie weinte; er war niemals zufrieden, ehe er sie dazu gebracht hatte. Dann vergnügte er sich, sie wieder zu trösten. Hinterher war er allerdings sehr gut zu ihr, er liebte sie im Grunde. Er ließ sich von Ilka Leipke sanft streicheln und küssen. Er war ein bißchen größer als sie, aber sie hatte ihn auf ihrem Jungenleib wie ein Kind. Sie erzählten einander. Sie lachten. Sie küßten. Viele Male untersuchten sie die Geschichte ihrer Begegnung. Sie entdeckten tausend neue Einzelheiten oder logen sich solche vor, weil dies schön war. Das Fräulein suchte aus einem Kästchen, in dem kleine Sachen lagen, einen Zeitungsausschnitt hervor, auf dem zu lesen war:

Heiratsgesuch
Ein junger, etwas kleiner, sehr hübscher Mann, des Alleinseins müde, erstrebt gleichartige Dame zwecks ehrenwerter Heirat. Auf größeres Vermögen wird gesehen.
Freundliche Offerten nimmt entgegen Max Mechenmal.

Oder Herr Mechenmal nahm aus der Brieftasche ein blaues Briefchen mit lilaroten Tupfen, das er schmunzelnd dem Fräulein hinhielt. Fräulein Leipke las dann wohl mit leiser, verliebter Stimme:

Sehr geehrter Herr!
Soeben Ihr Heiratsgesuch gelesen. Mit Vermögen kann ich zu meinem Bedauern nicht aufwarten. Ich meinerseits würde dagegen gern auf das Heiraten Verzicht leisten, das ich noch nicht nötig habe. Ich bin von Beruf Weib (Berufsweib). Auch meine Statur ist klein (aber oho!). Ich bin der Kavaliere müde, suche mich deshalb nebenbei mit einem regulären Mann in Verbindung zu setzen. Sollte Ihnen mein Erbieten genehm sein, senden Sie mir bitte Ihre Photographie. Ich verbleibe Ihre ergebene
Ilka Leipke.

Wenn sie sich genug angefaßt und geküßt hatten, erfanden sie Spiele. Ilka Leipke machte sehr talentvoll dem selig kichernden Mechenmal vor, wie sich ihre Freundinnen in entsprechender Lage verhalten würden. Sie krümmte sich in den überraschendsten Stellungen. Verbog das Gesicht zu den komischsten Grimassen ... Mechenmal konnte stundenlang erdachte Namen hersagen, mit denen er bestimmte Teile ihres Körpers in Gegenwart anderer bezeichnen wollte, ohne daß diese merken sollten, was er meinte. – So vergingen die Abende und Nächte, in denen Ilka Leipke sich für ihren Freund freigemacht hatte. Oft fehlte dem Mechenmal die Zeit, nach Hause zu gehen. Dann stand sie auf, wenn er noch schlief. Kochte Kaffee. Holte in Morgenschuhen und nur mit einem alten Theatermantel bedeckt von einem Bäcker Backwerk. Legte eine weiße Decke auf den Tisch. Ordnete alles appetitlich. Machte einige Brote zurecht – zum Mitnehmen. Verschwand wieder in ihrem Bett, wo sie bis in den Nachmittag hinein schlief. Mechenmal aber eilte etwas abgespannt und müde, doch in gehobener Stimmung zu seinem Kiosk.

III

Später Abend kroch wie eine Spinne über die Stadt. In dem Schein der Kohnschen Lampe war der etwas über den Tisch gebeugte Oberkörper Kuno Kohns. Auf dem Sofa lag, den Lampenkreis durchbrechend und aus ihm herausgelehnt, der halbfinstere Max Mechenmal. Fenster blinkten in üppigem, fließendem Schwarz. Aufgeschwollen und verschwommen ragten einige Gegenstände aus der Dunkelheit. Das offene Bett leuchtete weiß. Kohns Hände hielten beschriebenes Papier. Seine Stimme tönte leise, schwärmerisch, in singendem Pathos. Er wurde oft heiser und hustete, wie einer, der viel gelesen hat. Zu hören war: »Die alten, prächtigen Geschichten von Gott sind totgeschlagen. Wir dürfen ihnen nicht mehr glauben. Aber die Erkenntnis des Elends, glauben zu müssen, bedrängt uns – die Sehnsucht nach neuem, stärkerem Glauben. Wir suchen. Wir können nirgends finden. Wir grämen uns, weil wir hilflos verlassen sind. Komme doch einer, lehre uns Ungläubige, Gottsüchtige.« Kohn war erwartungsvoll still. Mechenmal hatte sich während des Vorlesens insgeheim amüsiert. Jetzt platzte er vernehmlich. Er sagte dann: »Nimm mir das nicht übel, Kohnchen. Aber du hast doch komische Einfälle. Das ist doch verrückt.« Kohn sagte: »Du hast kein Gefühl. Du bist ein oberflächliches Wesen. Im übrigen ist sicher, daß auch du psychopathisch bist.« Max Mechenmal sagte: »Was heißt das?« Kuno Kohn sagte: »Das wirst du schon noch merken.« Max Mechenmal sagte nur: »Ach so.« Er ärgerte sich, daß ihn Kuno Kohn oberflächlich genannt hatte. Er dachte an Ilka Leipke.

Da sagte Kuno Kohn: »Der Tod ist ein unerträglicher Gedanke. Für uns Gottlose. Wir sind verdammt, ihn in hundert Nächten vorzuerleben. Und finden keinen Weg über ihn ...« Er schwieg schwer. Mechenmal wollte seinem Freund Kohn beweisen, daß er sogar über abseitige Probleme sich äußern könne. Er überlegte. Und sagte: »Ich habe eine andere Auffassung, Kunlein Kohnchen. Allerdings ist das Gefühlssache. Auch ich zähle mich Gott sei Dank zu den Gottlosen. Gott ist Quatsch. Darüber ein Wort zu verlieren, ist eines denkenden Menschen unwürdig. Aber ich, höre, habe Gott nicht nötig – nicht zu dem Leben, nicht zu dem Sterben. Tod ohne Gott ist wunderschön. Er ist mein Wunsch. Ich denke mir herrlich, einfach tot zu sein. Ohne Himmel. Ohne Wiedergeburt. Radikal tot. Ich freue mich darauf. Das Leben ist für mich zu anstrengend. Ist zu aufregend ...«

Er wollte weiterreden. An die Türe wurde geklopft. Kohn öffnete. Ilka Leipke trat hastig hinein. Sie sagte: »Guten Abend, Herr Kohn. Entschuldigen Sie, daß ich störe.« Sie schrie zu Mechenmal: »Hier also ertappe ich dich. So verlässest du mich. Du benutzest nur meinen Leib. Meine Seele hast du niemals gefaßt.« Sie weinte. Sie schluchzte. Mechenmal versuchte, sie zu beruhigen. Das erregte sie noch mehr. Sie rief: »Mit einem krummen Kohn mich zu betrügen ... Ich werde Sie bei der Polizei anzeigen, Herr Kohn. Schämen Sie sich – ihr Schweine ...« Sie hatte einen Weinkrampf. Kuno Kohn war unfähig, etwas zu erwidern. Mechenmal riß sie von dem Boden, auf den sie sich schreiend geworfen hatte. Er sagte mit veränderter harter Stimme, ihr Benehmen sei ungehörig. Sie habe keinen Grund zu Eifersucht. Er sei sein freier Herr. Da sah Ilka Leipke den buckligen Kohn demütig wie ein geschlagenes Hündchen an. War ganz still. Folgte dem erbosten Mechenmal hinaus.

Als Kohn allein war, wurde er allmählich wütend. Er dachte: Solch freche Person ... Und in Zwischenräumen: Wie sich die Kuh aufgeregt hat. Wie eifersüchtig sie auf mich ist. Eins der seltenen Weiber, die mir behagen ... und wählt das Tierchen Mechenmal. Das ist scheußlich –

In der Frühe des nächsten Tages stand Kuno Kohn, zitternd wie ein Schauspieler, der Lampenfieber hat, in dem Salon des Fräuleins Leipke. Fräulein Leipke las, als die Zofe die Karte Kuno Kohns brachte, gerade die verbotene Broschüre: »Der Selbstmord einer schicken Dame. Oder wie eine schicke Dame Selbstmord begeht«. Sie hatte verweinte Augen. Als sie die ganze Broschüre gelesen hatte, puderte sie sich frisch. Endlich erschien sie, nur durch ein seidenes Morgenkleid verhüllt, in dem Salon. Kuno Kohn war rot bis an die Ohren. Er sagte stöhnend, er sei gekommen, den gestrigen Auftritt zu entschuldigen. Fräulein Leipke tue ihm Unrecht, sie kenne ihn zu flüchtig. Er habe immerhin innere Werte. Dann sprach er lobend von seinem Freund, dem guten Mechenmal; ließ aber durchblicken, daß diesem leider ein ausgebildetes Gefühlsleben mangele. Fräulein Leipke sah ihn mit lockenden Augen an. Er brachte das Gespräch auf die Kunst. Dann brachte sie das Gespräch auf ihre Beine; sie sagte freimütig, sie habe ihre Beine selbst gern. Sie hatte das Morgenkleid etwas zurückgeschlagen. Kuno Kohn hob es mit scheuen Händen vorsichtig höher –

Als Abend geworden war, saß Kuno Kohn verträumt in seinem Zimmer. Er schaute aus dem offenen Fensterloch. Vor ihm fiel die graue Innenwand des Hauses hinunter, in kurzem Abstand. Mit vielen stillen Fenstern. Himmel war nicht, nur schimmernde Abendluft. Und wenig weicher Wind, der fast nicht zu fühlen war. Die Wand mit den Fenstern glich einem schönen, traurigen Bild. War gar nicht langweilig, darüber wunderte sich Kuno Kohn. Er stierte immer tief in die Wand. Lieb sah sie aus. Zutraulich. Voll von Einsamkeit. Er dachte heimlich: Das macht der Wind, der um die Wand ist. Er sang innen: Komm, Geli...iebte – Klingeln erschreckte ihn.

Der Postbote brachte einen Brief von dem Klub Clou. Der Klub Clou forderte Herrn Kohn auf, als Gast des Klubs an einem bestimmten Abend aus seinen Werken vorzulesen.

IV

Acht Tage vor dem Vortragsabend war auf den Anschlagsäulen der Stadt ein Plakat. Auf ihm konnte man lesen:

Voranzeige.
Kuno Kohn wird in dem Klub Clou aus eigenen Werken vorlesen. Junge Mädchen und Rechtsanwälte höflichst verbeten.

Je näher der Abend der Vorlesung herannahte, desto aufgeregter wurde Kuno Kohn. Zwei Stunden vorher ließ er sich rasieren. Als der Mann fragte, ob der Herr Puder beliebe, sagte Kohn kopfschüttelnd: »Ja –« Eine Stunde vorher verlangte Kohn in einem Polizeibureau zehn Fünfpfennigmarken und eine Zehnpfennigkarte.

Als Kohn das Podium betrat, war er ruhiger, als er erwartet hatte. Zuerst versprach er sich manchmal. Aber seine Stimme wurde allmählich fest und deutlich. Der kleine Saal war wenig besucht; doch waren einige Kritiker der großen, maßgebenden Presse erschienen. Einer erklärte an dem nächsten Tage in der verbreiteten »Alten Bürgerzeitung«: Die Dichtungen, die der um seines Gebrestes willen bedauernswerte Dichter Kohn in einem dürftig besuchten Saal zu Gehör gebracht habe, seien zwar noch nicht reif für die Öffentlichkeit; hingegen könne man später einmal, wenn der Kohn sich geklärt habe, einiges von seiner Muse erwarten. – Ein anderer verkündete in der »Zeitung für erhellte Bürger»: Der Gesamteindruck sei ein erfreulicher, doch seien die Dichtungen nicht gleichmäßig gelungen. Auch habe der Dichter nicht gut vorgelesen. Jedoch sei die erste Zeile des ersten Verses des Gedichtes »Der Komiker« von einer erschütternden Prägnanz in Ausdruck und Gefühl.

Nach der Vorlesung dankte der Vorsitzende des Klubs, der begabte Doktor Bryller, dem Dichter, den er ein kommendes Genie nannte. Eins der wenigen, die er persönlich kenne. Ilka Leipke hatte sich trotz des Verbotes der jungen Mädchen den Zutritt auf irgendeine Weise verschafft. Auch Mechenmal, der zuerst gesagt hatte, er werde nicht kommen, war erschienen. In der Pause hatte er aber erklärt, er habe Hunger. Und er gehe jetzt. Ob sie noch nicht genug von dem Unsinn habe. Wenn sie nicht mitkommen wolle, möge sie dableiben. Sie scheine sich plötzlich für Kohns Buckel zu interessieren. Er wünsche viel Glück. Und ob er den Kuppler spielen solle. Er ging wirklich. Ilka Leipke weinte ein bißchen für sich, blieb bis zuletzt. Sie klatschte begeistert. Sie hatte Kohn an diesem Abend lieb. Nahm ihn in sonderbarer Stimmung in ihre Wohnung.

Gegen Morgen hüpfte ein kleiner buckliger Herr wie ein Ballettänzer auf grauen unsicheren Straßen ...

Kuno Kohn vermied von nun an Begegnungen mit Mechenmal. Er lud ihn nicht mehr ein. Zeitungen kaufte er in einem anderen Kiosk. Dem Mechenmal war das ganz recht. Seine Geliebte hatte ihm mit aufreizendem Lächeln erzählt, daß sie eine schöne Nacht mit dem Buckligen in ihrem Schlafzimmer verlebt habe. Der Buckel sei ihr nicht unangenehm gewesen, er sei nicht so groß und häßlich, wie er bei oberflächlicher Betrachtungsweise erscheine. Man könne sich sehr an einen Buckel gewöhnen. –

Mechenmal war wütend auf Kohn. Zu Ilka Leipke wurde er zärtlicher und nachgiebiger. Er zeigte ihr seine Eifersucht nicht, erwähnte nie den Namen des Nebenbuhlers. Ilka Leipke war glücklich. Sie dachte an die betrunkene Nacht mit Kohn nicht mehr. Kohn war ihr jetzt nicht weniger zuwider als früher, sie wies weitere Bemühungen des Dichters gleichgültig zurück. Mechenmal gegenüber tat sie, als sei sie noch immer sehr verliebt in Kohn. Einmal aber konnte sie einen unanständigen Witz über Kohn und seinen Buckel nicht unterdrücken. Mechenmal lachte herzlich.

Kohn war traurig an ein Meer gefahren. Ein Verleger hatte ein unerwartet günstiges Angebot gemacht und Vorschuß gezahlt. Mechenmal fand zufällig ein Gedicht, das Kohn von dem Meer an Ilka Leipke geschickt hatte. Er las:

Lied der Sehnsucht.
Die Falten des Meeres platzen wie Peitschen auf meiner Haut.
Und die Sterne des Meeres reißen mich auf.
Von schreienden Wunden ist der Abend des Meeres Einsamen.
Aber die Liebenden finden den guten verträumten Tod.
Sei bald da, Schmerzäugige. Das Meer tut so weh.
Sei bald da, Liebleidende. Das Meer erschlägt mich so.
Deine Hände sind kühle Heilige. Hüll mich mit ihnen. Das Meer brennt auf mir.
Hilf doch ... Hilf doch ... Deck mich. Rette mich. Heil mich, Freundin.
Mutter – du ...

Er zerriß es. Ilka Leipke war entrüstet. Sie sagte, Mechenmal sei grob. Der Kleine hatte sie bald durch Liebkosungen besänftigt. Später setzte er sich an den Schreibtisch des Fräulein. Er nahm einen Briefbogen und schrieb:

An Kuno Kohn.
Fräulein Leipke, meine Braut, läßt dir hierdurch sagen, daß sie auf weitere Gedichte gern verzichte; sie erfüllen ihren Zweck bei weitem nicht. Meine Braut hat mir alles erzählt. Sei versichert, daß deine Liebesbewerbungen auf uns lächerlich wirken.
Max Mechenmal.

Als Mechenmal den Brief in den Postkasten gesteckt hatte, wurde er unruhig. Er fürchtete, unvorsichtig gehandelt zu haben.

Kohn kam sofort zurück. Er lief zu Ilka Leipke. Zeigte den Brief. Fragte heulend, ob sie die Nacht mit ihm vergessen habe. Sie sagte: »Ja.« Er jammerte. Er weinte unverständlich von Seele und Selbstmord. Ilka Leipke wies ihn hinaus. Seine Schwachheit war ihr lästig; sie hatte schon als Kind nicht mit ansehen können, wenn jemand weinte.

Aber sie ärgerte sich über Mechenmal. Sie fing an, ihn wieder mit Kohn zu necken. Behauptete, Kohn sei häufig ihr Gast; und sie finde ihn immer noch nett. Mechenmal hielt ihre Erzählungen für wahr. Er haßte den Kohn jetzt.

Er überlegte, wie er den Buckligen beseitigen könne, ohne daß er als der Beseitiger hervortrete. Nach nicht viel Zeit hatte er wohl das Rezept gefunden. An einem Sonntag starb Kohn. Plötzlich, aber ohne auffallende Nebenumstände. Sein Leichnam wurde anstandslos für die Beerdigung freigegeben. In der Zeitschrift »Das andere A« widmete Theo Tontod dem Dichter einen kürzeren Nachruf. Und der Klub Clou schickte einen Kranz. Ilka Leipke ließ sich nicht nehmen, die Leiche vor der Bestattung noch einmal zu betrachten. Der Sarg wurde bereitwillig geöffnet. In ihm lag Kohn infolge des Buckels etwas schief. Die Gesichtszüge waren fratzenhaft gezerrt. Die Hände waren geballte Klumpen. An der Nase klebte geronnenes Blut, hing über den geöffneten Mund. Ilka Leipke überwand den Ekel. Sie ließ Benzin kommen, nahm ein seidenes Tüchlein aus der zierlichen Handtasche, tauchte es in die Benzinflasche. Säuberte mit dem Tüchlein die tote Nase. Dann ging sie hinweg. Beruhigt und etwas weinend. Zufrieden mit ihrer Güte.

Als Mechenmal von dem Tod Kohns hörte, wurde er sehr ängstlich. Er konnte sich in der Stube nicht ertragen. Und ging eiligst aus dem Haus, nicht ohne vorher eine Zigarre in Brand gesteckt zu haben. Kirchenglocken klangen von dem sonnigen Himmel. Mechenmal war kalt und bleich. Er dachte immerzu: Wenn es nur nicht herauskommt. Oder er überlegte, wohin er fliehen könne. Er dachte an Gerichtsverhandlung, an Verteidiger, an Zuchthaus, Ketten, Kassiber, Henker. Daß er als letzte Gnade erbitten würde, noch einmal mit Ilka Leipke schlafen zu dürfen. Er lief durch die Straßen, als suche er einen einzuholen. Wenn er daran dachte, daß er nicht auffallen dürfe, ging er plötzlich zu langsam. Ihm schien, als beobachteten ihn alle Leute.

In einem Garten rangen zwei etwa fünfzehnjährige Mädchen. Als sie Mechenmal sahen, setzten sie sich flink auf eine Bank. So ließen sie ihn näher kommen. Als er dicht genug war, lachten sie ihn an; eine zappelte mit den Beinen. Er eilte vorüber. Da schrie eine hinter ihm her: »Sieh doch, wie rasch der Mann geht.« Und die andere schrie, ebenso ratlos: »Na ja. Er raucht.« Sie sahen ihm noch nach. Dann rangen sie wieder.

Mechenmal beruhigte sich allmählich. Er dachte: Man kann mir nichts beweisen. Ich leugne alles. Hoho! Wer kann mir etwas beweisen ... Selbst wenn sie überhaupt etwas merken! – Er warf die Zigarre weg. Er fühlte sich sicherer. Er pfiff vor sich hin bei dem Gedanken, daß Kohn sich nicht mehr rühren könne. Daß er, Max Mechenmal, die Schwierigkeit Kohn so gründlich überwunden habe. Er dachte daran, daß er das Leben richtig anpacke. Daß ihm alles glücke. Er hatte gewaltiges Zutrauen zu sich. Er dachte: Nur keine Sentimentalitäten. Um anständig leben zu können, muß man ein Schuft sein.

Er ging ganz lustig nach Hause.

Café Klößchen

I

Lisel Liblichlein war aus der Provinz in die Stadt gekommen, weil sie Schauspielerin werden wollte. Zu Haus empfand sie alles spießig, eng, verblödend. Die Herren waren dumm. Der Himmel, das Küssen, die Freundinnen, die Sonntagnachmittage wurden unerträglich. Am liebsten weinte sie. Schauspielerin sein bedeutete ihr: klug sein, frei sein, glückselig sein. Wie das ist, wußte sie nicht. Ob sie Talent habe, prüfte sie nicht.

Sie schwärmte für den Vetter Schulz, weil er in der Stadt wohnte und Gedichte machte. Als der Vetter einmal schrieb, er habe die Juristerei satt, er werde als Schriftsteller seinen Neigungen leben, teilte sie den erschrockenen Eltern mit, das verbauerte Leben wachse ihr aus dem Halse heraus; sie werde als Schauspielerin ihren Idealen nachgehen. Man versuchte auf jede Art, sie von diesem Vorhaben abzubringen. Es gelang nicht. Sie wurde bestimmter, drohend. Man gab unwillig nach, fuhr mit ihr in die Stadt, mietete ein kleines Zimmer in einem großen Pensionat, meldete sie in einer billigen Theaterschule an. Der Vetter Schulz wurde gebeten, sich ihrer anzunehmen.

Herr Schulz war häufig mit Cousine Liblichlein zusammen. Er führte sie in Kabaretts; las Gedichte vor; zeigte seine Bohemebude; bestellte sie in das Literatencafé Klößchen; ging mit ihr Hand in Hand stundenlang durch die nächtlichen Straßen; betastete sie; küßte sie. Fräulein Liblichlein war von allem Neuen angenehm betäubt; bald fiel ihr ein, daß sie sich das meiste schöner vorgestellt hatte. Verdrießlich war ihr schon anfangs, daß der Direktor der Theaterschule, die Kollegen, die Literaten des Café Klößchen – alle Männer, mit denen sie häufiger zusammentraf, ein Vergnügen darin fanden, sie anzufassen, ihre Hände zu streicheln, die Knie an ihre Knie zu drücken, sie unverschämt anzusehen. Sogar die Berührungen des Schulz wurden ihr lästig.

Um ihn nicht zu kränken, auch um nicht kleinstädtisch zu wirken, gab sie ihm das selten zu verstehen. Aber einmal schlug sie ihm heftig auf das Gesicht. Sie waren in seinem Zimmer, er hatte ihr gerade die letzten Zeilen seines Gedichtes »Müdigkeit« erklärt. Die waren:

Der Abend steht vor meinem Fenster, grauer Mann!
Am besten ist wohl, wenn wir schlafen gehen –

Danach hatte er versucht, ihr die Bluse abzuziehen. Der Schulz war über den Schlag recht bestürzt. Er sagte, fast weinend, sie müsse gemerkt haben, daß er sie liebe. Außerdem sei er ihr Vetter. Sie sagte, das Öffnen der Bluse behage ihr nicht. Zudem habe er einen Knopf abgerissen. Er sagte, er halte das nicht mehr aus. Wenn man einen liebe, müsse man sich ihm hingeben. Er werde bei Kokotten Vergessen suchen. Sie wußte keine Antwort. Er dachte stöhnend: O, o. Sie saß betrübt neben ihm.

In den nächsten Tagen ließ er sich nicht sehen. Als er wiederkam, war er bleich und grau. Die blutleeren roten Augen lagen tränend in schmierigen Schatten. Die Stimme hatte nur einen Singsangton, der klang maniriert melancholisch. Schulz sprach kläglich schwärmend von Verzweiflung, Hurerei, Zerrissensein. Daß er der Lebensfreude überdrüssig sei. Daß er seinen Tod bald eingeholt haben werde. Er vermied Zärtlichkeiten, aber er seufzte oft schmerzlich. Kokettierte theatralisch mit einer Sehnsucht nach dem Sterben. Führte die Freundin in leichenreiche Trauerspiele, in düstere Kinodramen, in ernste Konzerte in verdunkelten Sälen.

Eine Woche war vielleicht vergangen. Eine Dame hatte gesungen. Die Hände der Zuhörer knallten laut und lange. Gottschalk Schulz faßte leidenschaftlich einige Finger Lisel Liblichleins, legte sie gütig auf einen Schenkel seiner Beine, sagte: »Ist es nicht eigenartig, wie der Gesang einer Dame einem an die Seele greift!« Dann fing er wieder an, bittend und weinerlich von Liebe und Hingebung zu reden. Lisel Liblichlein sagte, dies sei ihr langweilig oder ekelhaft. Aus Mitleid – und weil sie hinaufgehen wollte – erklärte sie schließlich in der Haustür, mit der Liebe sei sie einverstanden, wenn er auf die Hingebung verzichte. Schulz drückte sie glücklich an sich. Er stand noch lange träumend da. Er sang: »O Tränen. O Güte. O Gott. O Schönheit. O Liebe. O Liebe. O Liebe ...« Er stürzte durch die Straßen. In dem Klößchen war er verschwunden.

Lisel Liblichlein aber saß in ihrem kleinen Zimmer unbeholfen lächelnd bei einem rötlichen Talglicht. Sie begriff diese Menschen der Stadt nicht, die schienen ihr seltsame, gefährliche Tiere. Sie fühlte sich verlassen und einsamer als früher. Sie dachte sehnsüchtig an die harmlose Heimat: an den luftigen Himmel, an die lächerlichen jungen Herren, an die Tennisturniere, an die wehmütigen Sonntagnachmittage ... sie knöpfte die Strumpfhalter ab, legte das Leibchen auf einen Stuhl. Sie war trostlos.

II

In einem durchsichtigen Sommerabend war das leuchtende Café Klößchen. Stadthimmel aus dunkelblauer Seide, auf dem weißer Mond und viele kleine Sterne lagen, umhüllte es. In einem Hintergrund saß, lange Zeit, bevor er plötzlich starb, einsam und rauchend bei einem winzigen Tisch, auf dem etwas stand, der bucklige Dichter Kuno Kohn. Um andere Tische hockten Leute. Dazwischen bewegten sich Männer mit gelben und roten Schädeln; Weiber; Literaten; Schauspieler. Überall huschten schattige Kellner.

Kuno Kohn war ohne viel Gedanken. Er summte für sich: »Ein Nebel hat die Welt so weich zerstört.« – Da begrüßte ihn der Dichter Gottschalk Schulz, ein Jurist, der durch alle Examina, denen er sich unterzogen hatte, mühevoll gefallen war. Mit ihm kam ein schönes Fräulein. Die beiden setzten sich zu Kohn. Schulz und Kohn waren Mitarbeiter der von dem kleinen begeisterten Lutz Laus für die Hebung der Unsittlichkeit angefertigten Monatsschrift: »Der Dackel«. Schulz erzählte dem Kohn, daß der Dackel-Laus demnächst eine gottlose Religion auf neojuristischer Grundlage erfinden werde, zwecks Organisation eine konstituierende Versammlung in einem nahen Kintopp einberufen wolle. Kohn hörte kopfschüttelnd zu. Das schöne Fräulein aß Kuchen. Kohn sagte traurig: »Laus ist ein Großer und Rührender. Aber gläubig kann uns kein Jesus mehr machen. Wir sterben mit jedem Tage tiefer in den öden ewigen Tod ein. Wir sind hoffnungslos zerrüttet. Unser Leben wird ein sinnloses Schau-Spiel bleiben.« Das essende Fräulein sah mit fröhlichem, deutlichem Gesicht aus rotbraunen Augen verständnislos hinüber. Schulz war in trübselige Gedanken versunken. Das Fräulein sagte, auch ihr ganzes Leben sei das Schauspiel. So sinnlos könne sie dies nicht finden. In der Theaterschule, in der sie sich auf die Bühnenlaufbahn als sentimentale Liebhaberin vorbereite, werde Tüchtiges geleistet. Herr Kohn möge einmal hinkommen, um sich davon zu überzeugen. Kuno Kohn blickte das Fräulein eine Weile innig an. Er dachte: »Solch kleines dummes Fräulein ...« Er ging aber bald weg.

Draußen hielt ihn plötzlich der Lyriker Roland Rufus Müller erregt an einem Arm fest, er rief: »Haben Sie die Kritik eines gewissen Bruno Bibelbauer in der medizinischen Monatsschrift gelesen, in der behauptet wird, meine Paranoia bestehe darin, daß ich mir einbilde, Paralyse zu haben! Alle Menschen sehen mich merkwürdig an, ich bin berühmt. Mein Verleger gibt mir viel Vorschuß. Aber – ach, ich darf es nicht sagen – ich bin unheilbar.« Er lief schleunigst in ein besseres Weinrestaurant.

Ein Pferd humpelte wie ein alter Mensch vor einem Wagen. Der bucklige Kohn lehnte lässig an einer katholischen Kirche, überlegte das Dasein. Er sagte sich: »Wie drollig ist dennoch das Dasein. Und da lehnt man nun; irgendwo; irgendwie; ohne Beziehung; ganz belanglos; könnte ebenso gut, ebenso schlecht weiterschreiten; irgendwohin. Das macht mich unglücklich.« – Vor ihm war ein kleiner lautloser Hurenhund stehengeblieben, hatte mit glimmenden Augen demütig zugehört.

Eine feurige gläserne Brautkutsche hüpfte vorbei. Innen, in einer Ecke, sah er das bleiche geschlossene Gesicht eines Bräutigams. Eine leere Droschke kam, der Kohn ging hinterher. Er sagte leise: »Ein Sucher ohne Ziel ... Ein Haltloser ... Unbekannt mit allem ... Man hat eine furchtbare Sehnsucht. O wüßte man wonach.«

Die Straßen schimmerten schon weißlich, als er die Tür des Hauses, in dem er wohnte, öffnete. In seinem Zimmer sah er die Bilder von lauter gestorbenen Menschen, die an einer Wand befestigt waren, schweigsam und feierlich traurig an. Dann begann er, die Kleidungsstücke von dem Buckel zu nehmen. Als er nur noch mit Unterhosen, Hemd, Socken bedeckt war, sagte er murmelnd und seufzend: »Allmählich wird man wahnsinnig –«

In dem Bett nahm das Denken ab. Ihm fielen für das Einschlafen die rotbraunen Fräuleinaugen aus dem Café Klößchen ein ...

Diese Augen leuchteten auch in den folgenden Tagen sonderbar oft in seinem Hirn. Das wunderte ihn. Erschreckte ihn. Sein Verhältnis zu Frauen war eigenartig. Im allgemeinen hatte er sogar einen Widerwillen gegen sie, es trieb ihn zu Knaben. Aber in gewissen Sommermonaten, wenn er zu innerst zerbrochen und unselig war, verliebte er sich häufig in ein junges kindhaftes Weib. Da er infolge seines Buckels zumeist abgewiesen, oft sogar verhöhnt wurde, war die Erinnerung an diese Frauen und Mädchen entsetzlich. Er nahm sich daher zu diesen Zeiten in acht. Ging zu Dirnen, wenn er Gefahr fühlte.

Lisel Liblichlein hatte ihn überrumpelt, ohne eine Ahnung davon zu haben. Vergeblich dachte er an die Qualen der Mißerfolge. Vergeblich stellte er sich vor, daß Lisel Liblichlein eins der vielen, zierlichen, in wundervolle Unwissenheit und glücksuchende Sehnsucht verwirrten Geschöpfe sei, die überall auf der Erde, einander sehr ähnlich, zu finden sind ... In einem weichen Abend voller grünlichgelber Laternen, voller Regenschirme und Straßenschmutz stand ein kleiner buckliger Mensch ängstlich wartend neben dem Hausschild einer Theaterschule.

III

Manchmal kam ein Wind, ein giftiger heißer Hund. Wie zähes, glühendes Öl lag die Sonne auf den Häusern und auf den Straßen und auf den Leuten. Kleine geschlechtslose Menschlein mit schrägen Beinen hopsten sinnlos um den vergitterten Vorgarten des Café Klößchen. Innen prügelten sich Kuno Kohn und Gottschalk Schulz. Andere sahen zufällig zu. Lisel Liblichlein saß ernsthaft in einer Ecke.

Die Veranlassung war gewesen: Herr Kohn hatte Fräulein Liblichlein mehrmals von der Theaterschule nach Hause begleitet. Als Schulz davon erfuhr, wurde er grundlos eifersüchtig. Er fing an, über den Kohn Schlechtes zu reden. Lisel Liblichlein, die den Vetter durchschaute, verteidigte den Buckligen. Darüber ärgerte sich der Schulz noch mehr. Er erklärte überzeugend, er werde sich erschießen. Das unterließ er, drohte aber, er werde auch sie erschießen. Da verbat sie sich seine Gesellschaft. – Lisel Liblichlein mußte einen Menschen haben, mit dem sie sich über ihre wichtig empfundenen Alltäglichkeiten aussprechen konnte. Sie wählte nach dem Zank mit Schulz aus irgendeinem ungeklärten Instinkt den Kohn. So kam es, daß sie ihn an dem Mittag des Prügeltages in das Klößchen bestellt hatte, um vielleicht über die Wahl eines Kleides oder über die Auffassung einer Rolle oder über ein kleines Geschehnis mit ihm zu beraten. Kohn war soeben gekommen, wollte sich gerade über die Wünsche des Fräulein informieren, als Gottschalk Schulz hineinfiel, mit rotgeschwollenem Gesicht vor ihm war, ihn einen gewissenlosen Mädchenverführer nannte. Kohn versuchte den Schulz von unten zu ohrfeigen. Dann schlug jeder wütend und schweigend auf den anderen. Das Schild des Abortpächters, auf dem vorher zu lesen war: »Mein Institut ist jetzt hier, Eingang dort« – lag zerschmettert auf dem Boden. Plötzlich stieß die Hand des Schulz wuchtig auf den Buckel Kohns. Die Hand hatte ein blutiges Loch, auch der Buckel war beschädigt. Schulz rief leichenbleich: »Der Buckel ist lebensgefährlich.« Danach ließ er sich von einem Oberkellner nach einer Unfallstation begleiten. Lisel Liblichlein würdigte er keines Blickes.

Kohn achtete nicht sehr auf den geschundenen Buckel. Er setzte sich wieder zu Lisel Liblichlein an den Tisch, bestellte Tee mit Zitrone. Sie sah, wie immer deutlicher Blut durch seinen fadenscheinigen Gehrock sickerte. Sie machte ihn auf den blutenden Gehrock aufmerksam, er erschrak. Sie sagte, ob sie die Wunde verbinden solle – Er sagte bitter, einen Buckel anzufassen, werde ihr nicht angenehm sein. Sie sagte mitleidig errötend, ein Buckel sei menschlich – Sie sagte, er möge zu ihr kommen. Der Buckel müßte gesäubert und gekühlt werden. Dann wolle sie einen Verband machen. Er könne den Nachmittag bei ihr verbringen ...

Kohn ging freudig zögernd auf ihren Vorschlag ein. Sie saßen bis in die Nacht in der kleinen Stube Lisel Liblichleins. Unterhielten sich über Seele, Buckel, Liebe. –

Schriftsteller Schulz war von diesem Tage an verschollen. Zuletzt hatte ihn ein Bekannter an dem Abend vor dem Schaufenster eines Schuhwarengeschäftes gesehen: Er soll jeden Stiefel einzeln trübsinnig betrachtet haben. »Heiße Helden« – eine Zeitschrift für romantische Decadence – erhielt bald danach einen Eilbrief, in dem Schulz mitteilte, daß er im Begriffe sei, sich aus seelischen Gründen das Leben zu nehmen. Einige hielten diese Mitteilung für nicht mehr neue Reklame. Die meisten waren begeistert. Die Zeitungen brachten aufregende Notizen. Ein Schulz-Leichen-Suchefonds wurde gegründet. Ein Fabrikbesitzer stiftete einen gediegenen Sarkophag.

Man durchforschte Wälder und Wiesen. Stocherte mit langen Stangen in allen Seen. Man fand keine Spur von Schulz. Wollte das Suchen schon aufgeben, als man ihn ganz entstellt in einem mittelmäßigen Hotel eines entlegenen Vorortes entdeckte. Er hatte sich an einem windigen Teich eine schwere Influenza zugezogen, die ihn wochenlang an ein Bett fesselte. Man traf ihn auf der knarrenden Hoteltreppe, wie er, in viele Decken und Tücher gehüllt, noch einmal seine Selbstmordabsichten versuchsweise verwirklichen wollte. Unschwer brachte man ihn davon ab, führte ihn triumphierend in die Stadt zurück. Der Sarkophag wurde versetzt. Aus dem Erlös und von dem Rest des Schulz-Leichen-Suchefonds wurde ein Bohemefest veranstaltet – – –

Gottschalk Schulz selbst thronte als Faust weltschmerzlich in einem Winkel. Der begabte Doktor Berthold Bryller erschien als: Einer der Literaten, die fett werden. Lutz Laus verhielt sich in päpstlichem Ornat. Der Gymnasiast Spinoza Spaß – der Klößchenclown – hatte ein Siegfriedkostüm um den Leib gehängt, sich einen Goethekopf frisiert. Der Lyriker Müller lag bald als grüne betrunkene Leiche. Kuno Kohn, der sich mit Schulz formell wieder ausgesöhnt hatte, kam, wie er war. Mit ihm auch Lisel Liblichlein, sie trug ein ländliches Kleid. Die anderen liefen als Chinesen, Schimpansen, Götter, Nachtwächter, Leute von Welt quietschend und quer durcheinander. Das ganze Klößchen war vorhanden.

Lisel Liblichlein tanzte in dieser bunten, kreischenden Nacht nur mit dem buckligen Dichter. Manche sahen dem seltsamen Paar zu, aber es ließ sich nicht lachen. Der Buckel Kohns stieß hart und rücksichtslos wie eine Tischkante gegen die weichen anderen. Es schien, als wäre ihm eine Lust, immer wieder den Buckel in einen Tanzenden zu stechen. Niemals versäumte er, mit Fistelstimme, unverschämt höflich, »pardon« zu sagen, wenn ein verrücktes Weib hochschrie oder einer aus Seligkeit »verflucht ...« knurrte. Lisel Liblichlein hielt den Dichter mit der einen Hand unten an dem Buckel wie an einem Henkel, mit der anderen Hand preßte sie den eckigen Kopf Kohns sanft an ihre Brust. So tanzten sie durch viele besessene Stunden.

Kohns Buckel wurde immer schmerzhafter für die anderen Tänzer. Man wagte Empörung zu äußern. Die Festleitung teilte dem Kohn mit, daß er ersucht werde, das Tanzen einzustellen. Mit einem derartigen Buckel dürfe man nicht tanzen. Kohn widersprach nicht. Lisel Liblichlein sah, daß sein Gesicht grau wurde.

Sie führte ihn in eine versteckte Nische. Da sagte sie: »Von nun an sage ich ›du‹ zu dir.« Kuno Kohn antwortete nicht, aber er empfing ihre mitleidende Seele wie ein Geschenk in seine wasserblauen Troubadouraugen. Sie sagte zitternd, daß sie ihn mit einem Mal so lieb habe, sei ihr unverständlich ... Sie wolle seine arme Hand niemals mehr loslassen ... Sie habe nicht gewußt, daß man so maßlos glücklich sein könne ... Kuno Kohn lud sie ein, ihn an dem nächsten Abend zu besuchen. Sie sagte gern zu.

Kuno Kohn und Lisel Liblichlein waren wohl die ersten, die das taumelnde Fest verließen. Sie gingen flüsternd in den himmelhellen, von Mondlicht leuchtenden Straßen. Der verliebte Dichter warf abenteuerliche Schatten mit riesigen Höckern auf das Pflaster.

Bei dem Abschied senkte Lisel Liblichlein den Kopf zu Kohn nieder. Sie küßte mehrmals seinen Mund. So trennten sich Kuno Kohn und Lisel Liblichlein ... Er sagte, er freue sich, daß sie ihn an dem nächsten Abend besuchen werde. Sie sagte ganz leise: »Ich ... ach ... auch ...«

Die Häuser standen wohlgeordnet wie Bücher in Regalen auf den gepflegten Straßen. Der Mond hatte hellblauen Staub auf sie geschüttet. Wenige Fenster waren wach, die funkelten friedlich wie einsame Menschenaugen, hatten immer denselben goldfarbenen Blick. Kuno Kohn ging nachdenklich heim. Der Körper war gefährlich nach vorn geneigt. Die Hände lagen fest auf dem Ende des Rückens. Der Kopf war weit heruntergefallen. Zu oberst ragte der Buckel, ein abenteuerlicher spitzer Stein. Kuno Kohn war in dieser Stunde kein Mensch mehr, er hatte seine eigene Form.

Er dachte: »Ich will vermeiden, glücklich zu werden. Das bedeutete: Die Sehnsucht über alle Erfüllung hinaus, die mein köstlichster Inhalt ist, aufgeben. Den heiligen Buckel, mit dem ein freundliches Geschick mich geweiht hat, durch den ich das Dasein viel, viel tiefer, unseliger, herrlicher gespürt habe, als die Menschen es spüren, zu einer lästigen Äußerlichkeit degradieren. – Ich will aus Lisel Liblichlein ihr höheres Wesen herausbilden. Ich will sie heillos unglücklich machen ...«

Während der Dichter Kohn dies dachte, erstach sich der Dichter Schulz endgültig mit einem Salatmesser. Er hatte Kuno Kohn und Lisel Liblichlein bei ihrer vertrauten Unterhaltung in der Nische beobachtet. Hatte gesehen, wie sie zusammen weggingen. Er bemühte sich, seinen Jammer zu besaufen und zu befressen, es half nicht. Nachdem er einige Stunden gegessen und getrunken hatte, war er geisteskrank. Er sang: »Der Tod ist eine ernsthafte Angelegenheit ... Der Tod läßt nicht mit sich spaßen ... Der Tod ist ein dringendes Bedürfnis ...« Dann pikte er sich zaghaft und zögernd das erste beste Messer in die linke Brust. Blut und blutige Salatreste spritzten umher. Diesmal war der Selbstmordversuch von Erfolg gekrönt.

IV

Lisel Liblichlein erschien an dem nächsten Abend früher als verabredet war. Kuno Kohn öffnete die Tür, Blumen in der Hand haltend. Er freute sich sichtbar, er sagte, er habe kaum gehofft, daß sie kommen werde. Sie legte die Arme um seinen knochigen Körper, preßte ihn an ihren Leib mit saugendem Druck, sagte: »Du buckelliebes Dummchen ... ich hab dich doch gern –«

Einige einfache Abendgerichte wurden gegessen. Sie streichelte ihn, wenn ihr etwas gut schmeckte. Sie sagte, sie wolle bis nach Mitternacht bei ihm bleiben. Dann könnte sie mit ihm den Beginn ihres achtzehnten Geburtstages feiern ...

Aus einer Kirchenuhr kam der neue Tag. Die ersten lauten Atemzüge drangen wie gestöhnte Gebete in das verhangene Kohnsche Zimmer. Da war Lisel Liblichleins junger Seelenkörper ein Tempel geworden, sie hatte sich dem buckligen Priester mit rührender Selbstverständlichkeit unter Schmerzen geopfert. Hatte gesagt: »Bist du jetzt froh –« Lag aufgelöst in Traum und Ergriffenheit. Die dünne Haut der Lider hüllte sie ein.

Plötzlich rannte ein Entsetzen über den Körper. Hatte sie den Schrecken in dem Gesicht wie Krallen. Waren aufgerissene schreiende Augen über dem Buckligen. Sagte Lisel Liblichlein tonlos: »Dies – war – das Glück – – –« Kuno Kohn weinte.

Sie sagte: »Kuno, Kuno, Kuno, Kuno, Kuno, Kuno ... Was fange ich mit dem übrigen Leben an?« Kuno Kohn seufzte. Er sah ernst und gütig in ihre elenden Augen. Er sagte: »Armes Lisel! Das Gefühl der vollkommenen Hilflosigkeit, das dich überfallen hat, habe ich häufig. Der einzige Trost ist: traurig sein. Wenn die Traurigkeit in Verzweiflung ausartet, soll man grotesk werden. Man soll spaßeshalber weiterleben. Soll versuchen, in der Erkenntnis, daß das Dasein aus lauter brutalen hundsgemeinen Scherzen besteht, Erhebung zu finden.« – Er wischte Schweiß von Buckel und Stirn.

Lisel Liblichlein sagte: »Warum du eine lange Rede hältst, weiß ich nicht. Was du gesagt hast, verstehe ich nicht. Daß du mir das Glück genommen hast, war lieblos, Kohn.« – Die Worte fielen wie Papier.

Sie sagte, sie wolle gehen. Er möge sich ankleiden. Der nackte Buckel sei ihr peinlich ...

Kuno Kohn und Lisel Liblichlein sprachen kein Wort mehr, bis sie sich vor der Tür des Hauses, in dem das Pensionat war, für immer trennten. Er sah in ihr Gesicht, hielt ihre Hand, sagte: »Lebe wohl –« Sie sagte leise: »Lebe wohl –«

Kohn duckte sich in seinen Buckel. Lief niedergebrochen davon. Tränen verschmierten das Gesicht. Er fühlte die nachschauenden betrübten Blicke auf seinem Rücken. Da rannte er um die nächste Häuserecke. Er blieb stehen, trocknete die Augen mit einem Tuch, eilte weinend weiter.

Wie Krankheit kroch schleimiger Nebel in der erblindenden Stadt. Laternen waren düstere Sumpfblumen, die auf schwärzlich glimmenden Stielen flackerten. Dinge und Wesen hatten nur fröstelnden Schatten und verwischte Bewegung. Wie ein Ungetüm torkelte ein Nachtomnibus an Kohn vorüber. Der Dichter rief: »Jetzt ist man wieder ganz einsam.« – Da begegnete ihm eine große Bucklige mit langen Spinnenbeinen in gespenstig durchscheinendem Rock. Der Oberkörper glich einer Kugel, die auf einem hohen Tischchen liegt. Sie sah ihn mitleidig lockend an, mit verliebtem Lächeln, das durch den Nebel zu einer tollen Grimasse gezerrt wurde. Kohn war sogleich in dem Grau verschwunden. Sie ächzte, dann trug sie sich weiter.

Lahmer Tag hinkte heran. Zertrümmerte mit eiserner Krücke die Reste der Nacht. Das halb ausgelöschte Café Klößchen lag in dem lautlosen Morgen, eine glänzende Scherbe. In einem Hintergrund saß der letzte Gast. Kuno Kohn hatte den Kopf in den bebenden Buckel gesenkt. Die dürren Finger einer Hand bedeckten Stirn und Gesicht. Der ganze Körper schrie lautlos.

Die Jungfrau

Maria Mondmilch war das einzige Kind des Kunsthistorikers Doktor Maximilian Mondmilch und der schönen Frau Marga Mondmilch. Frau Mondmilch soll früher Wassermädchen in dem Kaffeehaus gewesen sein, in welchem Herr Mondmilch – der damals Student war – Tee trank und Zeitungen las und rauchte. Nach der Geburt des Kindes hatte sie den Ehegatten heimlich verlassen, um vermutlich mit einem Sektkellner einige Wochen zu verbringen. Danach trieb sie sich – häufig abwechselnd – mit sehr verschiedenen Männern sehr verschiedener Gesellschaftsklassen herum. Sie kam erst zurück, als sie erfuhr, daß der unheilbare Doktor in eine Anstalt für Gehirnkranke gebracht worden sei. Sie pflegte den todkranken Menschen sorgfältig bis zu seinem nahen Ende. Sodann verheiratete sie sich mit einem herrschaftlichen Kutscher, der sie abgöttisch liebte.

Die Krankheit des Doktor Mondmilch war erst erkannt worden, als er ein mit schlimmen Strafen bedrohtes Verbrechen an der achtjährigen Tochter verüben wollte. Glücklicherweise konnte die Untat in dem letzten Augenblick verhindert werden. Das in dem Herzen und in dem Hirn erschreckte Kind wurde – dem Bruder des Verrückten – der Exzellenz Moriz von Mondmilch, einem erstklassigen Verwaltungsbeamten, in Pflege gegeben. Das letzte Wort des sterbenden Kunsthistorikers war: »Maria.«

Zwischen dem Onkel und der Nichte entwickelte sich eine sonderbare Zuneigung. Nichts geschah, was den Gesetzen widersprochen hätte. Die Leidenschaft zwischen dem Kind und dem alten Mann erregte die Eifersucht der alten Frau Minna von Mondmilch. Durch die zu lästig gewordenen ehelichen Zwistigkeiten fühlte sich der verärgerte Beamte einige Jahre darauf genötigt, in eine Trennung von dem Pflegekind einzuwilligen. Er mußte auch auf die ältlich gewordenen Töchter Rücksicht nehmen. Der Abschied war schwer. Exzellenz Moriz von Mondmilch fiel in Weinkrämpfe.

Maria Mondmilch kam in eine große Stadt. Man zahlte den fremden Leuten, bei denen sie eingemietet worden war, monatlich viel Geld. Sonst kümmerte man sich nicht um Maria Mondmilch. Mit dem edlen Onkel wechselte sie geheime Briefe voll ausschweifender Liebessehnsucht und abenteuerlicher Hoffnungen. Das Bewußtsein, ständig Gefährliches verbergen zu müssen, gab ihr etwas Feierliches und eine unerklärliche Überlegenheit. Die Briefe des Onkels bewahrte Maria Mondmilch unter besonders sakralen Formalitäten auf. Ein Teil der Briefe kam abhanden und wurde das Beweismaterial für den berühmten Scheidungsprozeß, der das ganze Land erregte.

Maria Mondmilch war in der großen Stadt Schülerin eines Mädchengymnasiums. Sie gehörte nicht zu den Besten. Zeitweise arbeitete sie fleißig. Man beschuldigte sie, allerhand Schweinereien – die vorkamen – angestiftet zu haben. Als bekannt wurde, daß der Leiter der Anstalt ihr abends in einer argen Straße begegnet war, erwartete man ihre Relegierung. In der Verhandlung gegen einen Literaturprofessor des Gymnasiums, der, trotzdem er dringend verdächtigt war, etliche Sittlichkeitsverbrechen begangen zu haben, freigesprochen werden mußte, war sie die wichtigste Zeugin.

Das junge Mädchen weilte in der Nacht am liebsten in den berüchtigten Vierteln. Maria Mondmilch ließ sich von allem möglichen Gesindel ansprechen, den meisten Männern entlief sie wieder. Sie war noch nicht fünfzehn Jahre alt, als sie sich von einem Händler, dessen Bekanntschaft sie in einem schmutzigen Abend an einer üblen Gasse auf einer Brücke unter einer halb verfallenen altertümlichen Petroleumlaterne gemacht hatte, in unanständigen Stellungen nackt photographieren ließ. Als Sechzehnjährige verlebte sie die Weihnachtsferien mit einem bildschönen, aber wildfremden Elektrotechniker – namens Hans Hampelmann – in einem verrufenen Hotel anscheinend wie Frau und Mann. Daß sie nach Absolvierung des Gymnasiums sich entschloß, Medizin zu studieren, ist unschwer aus erotischen Bedürfnissen zu erklären.

Der hungrige Schauspieler Schwertschwanz – ein intelligent und verludert aussehender Mensch, der nach billiger Schokolade stank – lief planlos sehnsüchtig die abendlich funkelnden und lärmenden Straßen der Stadt entlang, in welcher Maria Mondmilch Medizin studierte. Er begegnete ihr, als sie aus einer Vorlesung über Geschlechts- und Männerleiden traurig zurückkam. Zum Spaß – ziemlich – sprach er sie an. Gemeinsam gingen die beiden in eine Kneipe niederer Sorte.

Der Schauspieler Schwertschwanz hatte, bevor er die Studentin ansprach, überlegt, was seine langjährige Verzweiflung augenblicklich am ehesten begründen könne: die schließliche Unwichtigkeit alles Geschehens oder nur das Malheur, daß bedeutende Männer oftmals aus Mangel an entsprechender Nahrung und Medizin krepieren müssen ... Die Unzulänglichkeit der Frauen ... Die Unheilbarkeit der Rückenmarkschwindsucht, deren Anzeichen er an sich zu bemerken glaubte ... Als Maria Mondmilch ihren Beruf nannte, leuchtete er auf. Man sprach über Syphilis und die Folgen. Fräulein Mondmilch erzählte entsetzliche Fälle. Herr Schwertschwanz hörte erschrocken und begeistert zu. Er war entzückt, als sie kokett betonend, daß sie leider nur wissenschaftliche Beziehungen zu Männern unterhalten könne – wie unabsichtlich bis über das Knie ein gut geformtes, herbes Bein sehen ließ, das in einem aufregend gemeinen, halbseidenen Strumpf befestigt war.

Die Studentin erwiderte merklich die Sympathie des Schauspielers. Sein heruntergekommenes Aussehen flößte ihr Zutrauen ein. Seine – auf sie eingestellten – von Schminke und Hoffnungslosigkeit, von unmäßigen Hurereien oder Onanien ringsum zerrissenen und inwendig fast verfaulten treuherzigen blauen Augen griffen ihr an die Seele. Sein aus Blasiertheit und unverschämter Zudringlichkeit gemischtes Wesen regte sie sehr auf. Mitten durch Gekreisch und Kellner und Bierbänke und Ausdünstungen, in dem gelbsüchtigen Gaslicht, mußte sie schwärmerisch ausrufen: »Einen Menschen wie Sie, Herr Schwertschwanz, habe ich bisher nicht kennengelernt.« – Er faßte sie beglückt an. Während draußen ein Trupp Soldaten im Vorbeimarschieren das bekannte Volkslied pfiff: Mariechen, du süßes Viehchen ... und so weiter.

Ohne laute Verabredung hatten die Verliebten Arm in Arm die Richtung auf die Bude der Studentin gewählt, als sie die gröhlende Kneipe verließen. Oben legte sich Maria Mondmilch mit übereinandergeschlagenen Beinen auf ein Schlafsofa in der Nähe des Bücherschrankes. Der Schauspieler versank in einen weichen Sessel, neben dem ein kleiner Tisch mit einer zierlichen Flasche Kognak stand. Die Unterhaltung war nicht einfach. Sie wollten einander ihre Leiden von klein auf entgegenschluchzen. Sie wollten einander fressen, so gierig wurden sie mit der Zeit. Etwas war dazwischen. Der Schauspieler trank den Kognak. Die Studentin spielte nervös mit den Händen und den Füßen.

Der Schauspieler konnte die Qual nicht mehr aushalten. Er schrie leise – das war, als würde etwas zerschlagen: »Ich will offen sein. Ich bin ein Syphilitiker« – Einige Tränen kullerten herunter. Er erschrak, wie wenig ernst ihm war. Die Studentin hielt die Hände vor das Gesicht. Theatralisch wie er. Aber unbewußt.

Er hatte sich nicht verrechnet. Ihre erotische Aufgeregtheit überstieg die Grenzen. Sie wand sich auf ihrem Schlafsofa. Sie hielt ihm eine Hand hin. Sie flüsterte: »Armer Mann, kommen Sie.« – Er ergriff die Hand nicht. Die Augen in dem unglücklichen entsagenden Gesicht, dessen Wirkungen er schon bei vielen hysterischen Frauen erprobt hatte, niedergeschlagen, sagte er: »Sie wissen am besten, daß die Berührungen mit mir eventuell Sie selbst luetisch machen könnten, obwohl in den letzten Jahren die Wassermannsche Reaktion immer negativ war.« – Da sagte sie heroisch: »Offenheit gegen Offenheit. Ich bin Jungfrau.«

Instinktiv hatte sie sich gerächt. Seiner überreizten Sinne war er nicht mehr mächtig. Wie eine Katze sprang er auf das Mädchen mitten in dem Schlafsofa. Nun wehrte sie sich. Mit ängstlichen Augen bereit, sich ihm zu geben.

Bei dem Ringen sang die Studentin dem Schauspieler ihr Werbelied: »Maria Mondmilch bin ich, das Mädchen, die Jungfrau. Öffne mir deine Tore. Du, ich probierte viel Männerfleisch von außen, Greise und Jünglinge. Alle lockte ich. In allen suchte ich meinen Mann. Niemand drang tiefer als meine Haut in mich ... Ich schlich in den Tagen. Rannte in den Nächten. Ich schlief in einem Bett mit Musikern und Aristokraten. Mit Kaufleuten und Zuhältern und Studenten war ich zusammen. Mit Kunstradfahrern und Rechtsanwälten trieb ich mich herum. Ich ließ keinen Mann vorüber, dem ich nicht in die Augen sah. Ob es regnete. Oder ob Winter war. Oder ob die Sonne schien ... Niemand durfte mich seine Frau nennen. Niemand war mein Mann. Einer hat sich erschossen. Einer ist in einen Sumpf gesprungen. Ich bin unschuldig ... Einer ist blödsinnig geworden. Einer hat mir einen Fußtritt gegeben. Die meisten sind weggegangen, als wäre nichts vorgefallen. Nichts ist vorgefallen ... Du, blauäugiges Leidensgesicht unter mir, ach, wärst du mein Mann, daß ich in dir blühe. Bist du mein Mann, in den ich selig sinke –«

Und der Schauspieler sang der Studentin bei dem Ringen: »Ich bin der Schauspieler Schwertschwanz, der Mann, der Wüstling. In allen Leibern, die ich soff, suchte ich dich. Ich bin Trinker geworden. Aus Sehnsucht. Mein Blut habe ich aus Liebe vergiftet. Wie gleichgültig wäre das, wenn ich – halbtot – dich jetzt fände. Ich habe dich zu viel gesucht, um dich noch zu finden –«

Da rief Maria Mondmilch in dem Untergehen: »Schwertschwänzchen, liebst du mich –« Und schon ertrunken: »Er liebt mich nicht.« –

Der Mann fiel verzweifelt faul zurück. Die Studentin spuckte ihm an den Kragen. Stülpte dem Willenlosen den Hut auf den Kopf. Drückte ein Goldstück in seine Hand. Warf ihn hinaus.

Während der Schauspieler Schwertschwanz sich unterwegs, vor Begierde zitternd, eine geeignete Hure suchte, saß Maria Mondmilch über einem dicken anatomischen Lehrbuch. Sah sich die Konstruktion eines splitternackten Mannes an. Und heulte wie ein Hund am Meer.

Gespräch über Beine

I

Als ich im Coupé saß, sagte der Herr gegenüber:

»Ihnen kann man die Beine nicht abtreten.«

Ich sagte: »Wieso?«

Der Herr sagte: »Sie haben keine Beine.«

Ich sagte: »Merkt man das?«

Der Herr sagte: »Natürlich.«

Ich nahm meine Beine aus dem Rucksack. Ich hatte sie in Seidenpapier eingewickelt. Und als Andenken mitgenommen.

Der Herr sagte: »Was ist das?«

Ich sagte: »Meine Beine.«

Der Herr sagte: »Sie nehmen die Beine in die Hand und kommen dennoch nicht weiter.«

Ich sagte: »Leider.«

Nach einer Pause sagte der Herr: »Was gedenken Sie ohne Beine eigentlich zu tun?«

Ich sagte: »Darüber habe ich mir den Kopf noch nicht zerbrochen.«

Der Herr sagte: »Ohne Beine können Sie nicht einmal ohne Schwierigkeit Selbstmord begehen.«

Ich sagte: »Das ist aber ein fauler Witz.«

Der Herr sagte: »Nicht doch. Wenn Sie sich erhängen wollen, müßte Sie einer erst auf das Fensterbrett heben. Und wer wird Ihnen den Gashahn öffnen, wenn Sie sich vergiften wollen? Den Revolver könnten Sie sich nur heimlich durch einen Dienstmann besorgen lassen. Wie aber, wenn Ihnen der Schuß davonläuft? Um sich zu ertränken, müßten Sie ein Auto nehmen und sich auf einer Tragbahre von zwei Pflegern in den Fluß schleppen lassen, der Sie an das jenseitige Ufer befördern soll.«

Ich sagte: »Das ist doch wohl meine Sorge.«

Der Herr sagte: »Sie irren, ich überlege, seitdem Sie da sind, wie man Sie aus dieser Welt schaffen könnte. Meinen Sie, ein Mensch ohne Beine sei ein sympathischer Anblick? Habe auch Existenzberechtigung? Im Gegenteil, Sie stören das ästhetische Gefühl Ihrer Mitmenschen erheblich.«

Ich sagte: »Ich bin ordentlicher Professor für Ethik und Ästhetik an der Universität. Darf ich mich vorstellen?«

Der Herr sagte: »Wie wollen Sie das machen? Sie können sich selbstverständlich nicht vorstellen, wie unmöglich Sie sind.«

Ich betrachtete melancholisch meine Stummel.

II

Alsbald sagte die Dame gegenüber:

»Keine Beine haben muß ein komisches Gefühl sein.«

Ich sagte: »Ja.«

Die Dame sagte: »Ich möchte einen Mann, der keine Beine hat, nicht anfassen.«

Ich sagte: »Ich bin sehr sauber.«

Die Dame sagte: »Ich muß einen großen erotischen Abscheu überwinden, um mit Ihnen zu reden, geschweige denn Sie anzusehen.«

Ich sagte: »Nanu.«

Die Dame sagte: »Ich glaube nicht, daß Sie ein Verbrecher sind. Sie mögen ein kluger und ursprünglich liebenswerter Mensch sein. Aber ich könnte mit Ihnen wegen der Ihnen fehlenden Beine beim besten Willen nicht verkehren.«

Ich sagte: »Man gewöhnt sich an alles.«

Die Dame sagte: »Daß einer keine Beine hat, verursacht bei dem natürlich empfindenden Weibe ein unerklärliches Gefühl tiefsten Grauens. Als ob Sie eine ekelhafte Sünde begangen hätten.«

Ich sagte: »Ich bin aber unschuldig. Das eine Bein kam mir in der Aufregung abhanden, als ich zum ersten Mal meinen Professorenstuhl einnahm, das zweite habe ich verloren, als ich, in Gedanken versunken, jenes wichtige ästhetische Gesetz fand, das zu grundlegenden Änderungen in unserer Disziplin führte.«

Die Dame sagte: »Wie heißt dieses Gesetz?«

Ich sagte: »Das Gesetz heißt: Es kommt nur auf die Struktur der Seele und des Geistes an. Wenn Seele und Geist edel ist, muß man einen Körper schön finden, mag er äußerlich noch so bucklig und entstellt sein.«

Die Dame hob ostentativ ihr Kleid und zeigte dadurch bis an den oberen Rand der Oberschenkel wunderschöne, in allerhand Seide gehüllte, Beine, die wie blühende Zweige aus dem saftigen Leibe ragten.

Unterdessen sagte die Dame endgültig: »Sie mögen recht haben, obwohl man ebensogut das Gegenteil behaupten könnte. Jedenfalls ist ein Mensch mit Beinen etwas erheblich anderes als einer ohne.«

Damit ließ sie mich sitzen, stolz davonschreitend.

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