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Professors Zwillinge in der Waldschule

Else Ury: Professors Zwillinge in der Waldschule - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorElse Ury
titleProfessors Zwillinge in der Waldschule
publisherMeidinger's Jugendschriften Verlag G.m.b.H. Berlin
yearo.J.
illustratorR. Sedlacek
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorRegine Kreutz
senderwww.gaga.net
created20140703
modified20150414
projectid6007942b
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14. Kapitel. Muttis Heinzelmännchen

Am nächsten Vormittag, Mutti war bereits in ihrer Fürsorge, die Zwillinge wollten sich eben fertig machen, um mit den Lichtschen Kindern auf dem Platz zu spielen, da brachte der Postbote für die Lene einen Brief. Als die Kinder neugierig in die Küche liefen, um zu sehen, was es gäbe, da saß die Lene bitterlich weinend auf dem Kohlenkasten. Das Gläsertuch, mit dem sie gerade die Gläser polierte, hielt sie vor das Gesicht.

»Lene, was ist denn los?« fragten die erschreckten Kinder wie aus einem Munde.

»Mein Vater – mein armer Vater – – –!« schluchzte die Lene.

»Ist er tot?« fragte Herbert aufgeregt.

»Nee, noch nicht. Aber vom Jerüst is er jestürzt, er is doch Maurer. Und ich soll jleich nach Hause kommen, schreibt Mutter, damit ich ihn noch lebendig zu sehen kriege. Ach Gott, in einer Stunde jeht ja schon der Zug, sonst kann ich erst heute abend fahren. Und nu muß die Frau Professern auch jrade fort sein«, so jammerte die Lene.

Suse streichelte sie teilnehmend. Kein Wort brachte das erblaßte Kind heraus.

Herbert aber fühlte sich ganz als Mann im Hause.

»Natürlich müssen Sie gleich fahren, Lene. Packen Sie nur schnell Ihre Sachen. Ich kann ja ein Auto vom Platz holen, da stehen welche«, ordnete er an.

»Ja, und was mache ich mit euch? Und mit meinem Mittagbrot? Wenn die Frau Professern nach Hause kommt, hat sie doch Hunger. Wenn ich um zwölf fahren will, heißt's dalli – dalli. Denn müßt ihr Muttichen Bescheid sagen, Kinder. Aber wo laß ich euch denn bloß? Allein in der jroßen Wohnung, das jeht doch nich«, überlegte das Mädchen, ihre Tränen trocknend.

»Warum denn nicht, Lene? Wir sind doch schon in Sexta und sogar schon ganz allein mit der Untergrundbahn gefahren«, begehrte Herbert auf.

»Und dann ist doch auch Bubi noch da«, rief Suse. »Wir können ja inzwischen Ihre Arbeit machen, Lene. Dann sind wir wieder Muttis Heinzelmännchen, wie damals beim Umzug.«

»Na, da möcht' was Schönes rauskommen. Das laßt man lieber bleiben. Die Schlafzimmer habe ich ja schon reinejemacht. Und die Kalbsleber kann sich Frau Professern mittags allein braten, wenn sie nach Hause kommen tut. Kartoffeln zu Bratkartoffeln setze ich noch auf. Und Frühstück schneide ich euch auch noch«, überlegte das Mädchen fürsorglich.

»Ist gar nicht nötig, Lene. Beeilen Sie sich nur, daß Sie den Zug nicht versäumen. Wir können uns schon allein Stullen zurecht machen.«

»Ja, und die Finger dabei abschneiden.« Die Lene traute ihnen doch auch gar nichts zu.

Ordentlich froh war der Herbert, als sie glücklich mit ihrem kleinen Handkoffer fort war. Allerdings nicht im Auto, wie er es für richtig hielt. Nun waren Professors Zwillinge beide Alleinherrscher in der Wohnung. Nun konnten sie machen, was sie wollten. Herrlich! Man hätte sich wirklich darüber freuen können, wenn die Veranlassung nicht eine so traurige gewesen wäre.

»Was machen wir zuerst, Suse? Ich denke, wir werden mal mit dem Staubsauger die Möbel absaugen, damit keine Motten reinkommen. Da freut sich die Mutti.« Der Staubsauger war für Herbert ein bisher unerreichbarer Wunsch.

Suse war zwar nicht davon überzeugt, daß Mutti sich darüber freuen würde, denn sie durften nicht an den Staubsauger heran. Aber sie war daran gewöhnt, Herberts Vorschlägen zuzustimmen. Er war doch zwei Stunden älter.

Bald surrte der »Vampir« lustig durch das Wohnzimmer zur großen Begeisterung der Kinder, zur noch größeren von Bubi. Der blaffte wie besessen hinter dem Ding her.

Tadellos sauber war der Teppich gereinigt. Nun kamen die Möbel heran. Für alle Fälle holte sich Herbert noch sein Schmetterlingsnetz dazu, um gleich dabei auf die Mottenjagd zu gehen. Aber die Motten taten ihm nicht den Gefallen. Trotzdem der Vampir seine verlockendste Musik ertönen ließ, sie kamen nicht ans Tageslicht.

Srrrr – srrrr – Sofa, Sessel, Kissen und Decken. Herbert handhabte den elektrischen Sauger als Monteur, Suse war die Lene und ließ die Bürste über die Polster laufen. Es war wundervoll. Srrrr – srrrr – knacks – da stand der Vampir plötzlich still. Keinen Laut gab er mehr von sich.

Entsetzt sahen sich die Zwillinge an.

»Der Motor hat sich nur heiß gelaufen«, sagte der kleine Monteur, all seine Geistesgegenwart zusammenraffend. »Gleich ist er wieder in Ordnung.« Aber trotzdem Herbert an allen nur möglichen Schrauben herumdrehte und bastelte, trotzdem er dem Vampir und seiner Suse, die vor Schreck beinahe weinte, gut zuredete, der Vampir war mausetot. Rührte sich nicht mehr von der Stelle.

»Na, denn nich!« sagte Herbert schließlich, die Nutzlosigkeit seiner Bemühungen einsehend. »Das kommt öfters mal vor. Mutti wird ihn schon wieder in Ordnung bringen.«

»Mutti wird böse sein, daß wir ihn überhaupt angefaßt haben«, überlegte Suse kleinlaut.

»Na, wenn doch die Lene hat abreisen müssen! Wer soll denn die Wohnung reinmachen?« wandte Herbert ein.

Na ja, das sah die Suse ein. Wenn nur – ja wenn nur der Vampir nicht gerade entzwei gegangen wäre!

Die große Standuhr im Eßzimmer schlug eins.

»Himmel, schon so spät. Jetzt müssen wir erst das Mittagbrot kochen, Suse. Wenn Mutti nach Hause kommt, muß alles fertig sein«, kommandierte Herbert.

»Wollen wir nicht lieber erst Ordnung machen?« stellte das Schwesterchen vor. Denn es sah wüst in dem reingemachten Wohnzimmer aus. Alles lag drunter und drüber.

»Nee, das hat auch nachher noch Zeit. Erst muß man immer das Notwendige machen«, sagte Herbert großartig. »Ich bin der Koch und du bist die Köchin. Komm, Suse, mach mir mal eine Kochmütze, so wie Mutti sie so schön faltet.« Er brachte Zeitungspapier herbei.

»Ich kann bloß einen Helm machen.«

»Ach, Helm geht nicht. Ein Soldat kann doch kein Mittagbrot kochen«, widersprach Herbert. »Versuch's nur mal.«

Suse versuchte, aber leider ohne Erfolg. Sie mühte sich redlich damit. Erst nach verschiedenen mißglückten Versuchen brachte sie eine Art Käppi zustande, die man allenfalls für eine Kochmütze ansehen konnte.

»Lange nicht hoch genug«, entschied Herbert. »Aber heute geht's. Wir haben ja nicht viel zu kochen. Zu morgen kann Mutti mir eine machen.«

»Ich muß aber dann auch eine Haube aufhaben«, meldete sich Suse.

»Lene trägt auch keine beim Kochen.«

»Aber wenn wir Besuch haben. Ach, da hängt ja noch eine von ihr.« Suse hatte inzwischen das Mädchenzimmer durchsucht und kam strahlend mit einer Tollhaube und einer Schürze von Lene zurück. »So, nun sind wir fertig.«

Die große Standuhr schlug zwei.

»Mächtig spät, wir müssen uns sehr beeilen. Du kannst die Bratkartoffeln machen, Suse, und ich die Kalbsleber«, bestimmte Herbert.

»Ich esse aber Kalbsleber lieber als Bratkartoffeln.«

»Danach geht's nicht. Ich bin der Koch.« Damit riß Herbert sämtliche Pfannen und Töpfe aus dem Küchenschrank. »So, die Pfanne ist für mich und die kleinere für dich. Wo ist denn die Leber?«

»In der Speisekammer. Aber Lene hat doch gesagt, Mutti wird die Leber selber braten, wenn sie nach Hause kommt«, wagte Suse noch einzuwenden.

»Was – dann wird's ja Mitternacht, bis wir essen können. Ich habe schon Hunger. Und Mutti wird auch hungrig sein und sich freuen, wenn wir alles fertig gemacht haben.« Herbert behielt immer recht. Er holte die Schüssel mit der Leber aus der Speisekammer. »Du, Suse, kocht man das eklige Blut auch mit?« fragte er die inzwischen Kartoffeln abschälende Schwester.

Die zuckte die Achsel. »Erst muß man alles waschen, ehe man es kocht«, überlegte sie als saubere, kleine Hausfrau.

»Womit? Mit Seife? Da schmeckt am Ende die Leber nach.«

»Nee, man bloß mit Wasser, glaube ich.«

»Ich kann ja eine Bürste dazu nehmen, damit sie schön sauber wird.«

»Nicht die olle Bürste, Herbert. Die nimmt Lene bloß, um die Küchenfliesen zu scheuern. Hier, die mußt du nehmen.« In der Küche wußte Suse doch besser Bescheid als ihr Zwilling.

Nachdem Herbert die Leber tüchtig mit der Bürste bearbeitet hatte, daß sie in lauter kleine Stücke zerriß, griff er zur Pfanne.

»Butter mußt du reintun«, mahnte Suse.

Richtig. Die Suse war wirklich klug. Das hätte er bestimmt vergessen. Der kleine Koch tat ein Stück Butter in die Pfanne und griff nach dem Gasanzünder.

»Nicht, Herbert, wir dürfen das Gas nicht anzünden. Mutti hat es streng verboten.«

»Da wußte sie doch noch nicht, daß Lenes Vater vom Gerüst runterfallen würde und daß wir beide Mittagbrot kochen müssen«, beruhigte sie der Bruder. Dann kostete er die unerlaubte Freude, das Gas zu entzünden, erst etwa ein halbes Dutzend Mal aus, bis er sich entschloß, die Pfanne mit Butter auf das Feuer zu stellen. O Gott, zischte und spritzte die Butter, als er die Leber hineinwarf. Trotz seiner sonstigen Beherztheit sprang Herbert ein Ende davon.

Suse lachte ihn aus.

»Na, mach's doch gefälligst selber.« Herbert hatte genug vom Leberbraten. »Ich kann ja die Kartoffeln braten. Ob man die auch vorher wäscht?«

Suse dachte angestrengt nach. »Glaub' ich nicht. Sie sind doch schon gekocht. Aber in Scheiben mußt du sie schneiden, sonst werden es keine richtigen Bratkartoffeln.«

Ein durchdringender brenzliger Geruch erinnerte die kleine Köchin daran, daß bereits die Leber auf dem Feuer stand. Schwarz wie ein Mohr sah sie aus. Flink mit einem Löffel auf die andere Seite gedreht. Suse hatte oft zugeguckt, wenn Lene dies Kunststück vollbrachte. Wieder zischte und brauste es in der schwarzen Butter. Diesmal sprangen zwei – zu jeder Seite einer – Herbert und Suse. Dann lachten sie beide über ihre Bocksprünge und als sie ausgelacht hatten, war auch die andere Seite der Leber kohlpechrabenschwarz.

»Ob sie schon weich ist, Herbert?« Suse versuchte mit der Gabel hineinzupieken. »Du, die Leber ist noch so hart wie Leder. Die muß noch lange kochen.« Das Dummchen ahnte nicht, daß es mit Leber dieselbe Bewandtnis hat wie mit Eiern. Je länger sie kocht oder bratet, um so härter wird sie.

Inzwischen bereitete Herbert im Schweiße seines Angesichts Bratkartoffeln. So schwer hatte er sich das doch nicht vorgestellt. Die Dinger klebten ja immerzu am Boden der Pfanne fest, sie begannen sich ebenfalls düster zu färben. Wenn man auch eine Kochmütze auf dem Kopf hat, deshalb kann man noch lange nicht kochen.

»Weißt du, Suse, es ist leichter, ein Eichhörnchen abzurichten, als Bratkartoffeln zu machen«, sagte er schließlich sorgenvoll. Die Kinder hatten in der Waldschule ein junges Eichhörnchen gefangen und versuchten, es im selbstgebauten Käfig zu zähmen.

»Ich kann ja auch inzwischen den Tisch decken. Wenn du Köchin sein willst, mußt du Leber und Bratkartoffeln zugleich kochen können. Lene kann das auch.« Es wurde Herbert ungemütlich in der dunstigen Küche.

»Ja, aber bei der sieht das alles ganz anders aus. Wir hätten doch lieber auf Mutti damit warten sollen, Herbert«, sagte Suse ängstlich, auf die sich immer schwärzer färbenden Speisen weisend.

»Die Hauptsache ist, daß es schmeckt«, tröstete Herbert, mit seinen Tellern abziehend.

Da – klirr – ein ohrenbetäubendes Krachen und Klirren. Suses Herz blieb vor Schreck beinahe stehen. Sie eilte in das Speisezimmer. Da stand Herbert vor einem Berg Scherben, den Bubi blaffend umkreiste.

»Ach, du meine Güte, wird die Mutti böse sein!« Suse weinte über die zerschlagenen Teller und aus Mitleid mit ihrem Zwilling.

»Ich kann nichts dafür, der dumme Bubi ist mir zwischen die Beine gekommen«, verteidigte sich Herbert.

Sie hörten in ihrer Aufregung alle beide nicht, daß die Uhr drei helle Schläge erklingen ließ, daß die Türglocke anschlug. Erst als Mutti Sturm läutete, stürzten sie beide zur Tür. Ungeheuer erleichtert. Wenn man auch noch solch ein schlechtes Gewissen hatte – Gott sei Dank, Mutti kam! Nun war alles wieder gut.

»Nanu?« sagte Frau Professor Winter, als sie die beiden erhitzten Kinder mit Kochmützen und Schürzen erblickte. »Spielt ihr Maskerade, Kinder?«

»Nee, Muttichen. Aber der Vater von der Lene ist vom Gerüst gefallen und die ganzen Teller auf die Erde. Bubi hat schuld. Und die Leber will gar nicht weich werden, und doll schwarz ist sie obendrein. Noch schwärzer als die Kartoffeln. Ach, wie gut, daß du wieder da bist, Muttichen!« so schrien die Zwillinge durcheinander.

»Ja, wo ist denn die Lene?« Kein Wort verstand die Mutter von allem.

»Nach Hause gefahren, weil ihr Vater runtergefallen ist. Aber tot ist er noch nicht ganz. Nur ein bißchen«, berichtete Herbert.

»Ach, Muttichen, komm doch bloß in die Küche, die Leber riecht so gräßlich.« Suse zog die Mutter zur Küche.

Da konnte man vor Dunst nicht die Augen aufmachen. Aber was man mit der Nase wahrnahm, das genügte.

Frau Professor riß die Fenster auf und machte die immer noch hell brennenden Gasflammen auf dem Kochherd aus. Was in den Pfannen gewesen, ließ sich nicht mehr feststellen. Man sah nur noch verkohlte, abscheulich riechende Überbleibsel.

»Aber Kinder, wie dürft ihr denn an das Essen gehen?« machte die ganz benommene Mutter endlich ihrem Herzen Luft.

»Wir wollten doch so gern alles fertig haben, wenn du hungrig nach Hause kommst, Mutti«, sagte Herbert kleinlaut, wie es sonst gar nicht seine Art war.

»Wir wollten doch deine Heinzelmännchen sein, wie damals beim Umzug, Muttichen«, setzte Suse leise hinzu. »Paulchen hilft seiner Mutter auch immer in den Ferien.«

»Und die Teller hat Bubi runtergeschmissen«, bereitete Herbert die Mutter schonend vor.

»Und der Staubsauger ist ganz von allein kaputt gegangen.« Herbert fand es eigentlich gar nicht nötig, daß Suse das auch noch sagte.

Die Mutter wußte nicht, wo sie zuerst Hand anlegen sollte. Die ganze Wohnung stand Kopf. Als sie dann die größte Unordnung beseitigt und die hungrigen Magen durch eine wohlgelungene Eierspeise erquickt hatte, fand die Mutter auch ihren Humor wieder. Nur eins mußten ihr ihre Zwillinge versprechen: Nie wieder »Heinzelmännchen« spielen zu wollen.

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