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Professors Zwillinge in der Waldschule

Else Ury: Professors Zwillinge in der Waldschule - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorElse Ury
titleProfessors Zwillinge in der Waldschule
publisherMeidinger's Jugendschriften Verlag G.m.b.H. Berlin
yearo.J.
illustratorR. Sedlacek
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorRegine Kreutz
senderwww.gaga.net
created20140703
modified20150414
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10. Kapitel. Die Backpfeife

Frühling war es über Nacht geworden, lachender Frühling. Die Sonne lachte von einem Ohr zum anderen, was Wunder, daß auch Professors Zwillinge heute wieder lachten. Arm in Arm zogen sie in den blauen Lenzmorgen hinein zur Waldschule.

Dort hatte der Frühling die ganze Nacht über fleißig geschafft. Den grünbraunen Moosteppich hatte er mit blauen Leberblümchen und zartrosa Tausendschönchen bestickt. An den Fliederbüschen hatte er die braunen, dickgeschwollenen Knospen geöffnet und winzige, grüne Blättchen hervorgezaubert. Die Stachelbeersträucher, noch gestern kahl und unansehnlich, trugen ein lichtgrünes, nagelneues Frühlingskleidchen. Auf den Beeten läuteten porzellanblaue und rosenrote Hyazinthenglocken. Die Starkästen an den Bäumen, die gestern noch leer und verödet gewesen, waren von jungen, frühlingsfrohen Star-Ehepaaren bezogen. Das sang und zwitscherte allenthalben in den lachenden Morgen. Die goldgelben Küken machten ihren ersten Spaziergang in die große Welt hinein. Noch ein wenig unbeholfen und unsicher folgten sie der Frau Mama im Sonnenschein. Der von den Kindern in einem offenen Pavillon selbstgezimmerte Bienenstock war plötzlich bevölkert. Ein Schwarm Bienen hatte sich dort niedergelassen und in der Nacht bereits mit dem kunstvollen Wabenbau begonnen. Auch die offenen Hallen zwischen den Kiefern und Tannen, die sogenannten Luft- und Sommerklassen der Waldschule, hatten sich bevölkert. Zum erstenmal im Jahr wurde heute bei dem warmen Frühlingssonnenschein der Unterricht im Freien erteilt.

Wie die liebe Sonne die Blumen aus dem Erdreich hatte hervorsprießen lassen, so schien sie auch all die jungen Menschenknospen herausgelockt zu haben. Noch einmal so hell blickten heute die Kinderaugen; bleiche Bäckchen überzogen sich mit dem ersten rosigen Hauch der Gesundheit.

Die Sexta hatte Turnstunde. Auf dem etwas abseits gelegenen Turnplatz waren sie in blauen Turnhöschen und Sweatern angetreten, Buben und Mädel. Nach der Größe standen sie aufmarschiert. Professors Zwillinge bildeten als Neue den Schwanz.

Der Lehrer, Herr Lindner, holte Herbert aus der Reihe heraus. Sein an Symmetrie gewöhntes Auge störte es, daß der Junge größer war als seine Vordermänner. Er reihte ihn fünf Plätze weiter nach vorn ein. Die Zwillinge machten ein langes Gesicht. Sie wollten so gern nebeneinander turnen, fühlten sie sich doch nach der langen Feindschaft, die einen halben Tag gedauert, jetzt wieder doppelt innig verbunden. Aber obgleich Herbert versuchte, sich kleiner zu machen, trotzdem Suse auf den Zehenspitzen balancierte und den Hals wie eine Giraffe reckte, es nützte ihnen nichts.

Man machte gymnastische Übungen. Die Kinder sollten ihre Muskeln entspannen lernen. Die leicht erhobenen Arme mußten wie Taschenmesser zusammenklappen. Zuerst die Finger, dann die Hände. Es folgte Unter- und Oberarm. Manche hatten dabei die Grazie eines jungen Bären.

Herbert und Suse waren gewandt und geschickt. Sie machten ihre Sache zur Zufriedenheit des Lehrers. Paul dagegen stellte sich ziemlich täppisch an. Er ließ die Arme sofort heruntersinken. Er hatte noch gar nicht erfaßt, worauf es ankam, daß die Entspannung nacheinander zu folgen habe. Darum mußte er aus der Reihe treten und es allein vormachen.

Unbarmherzig, wie Kinder nun mal sind, lachte man das arme Kerlchen, das hölzern und ängstlich wirkte, weidlich aus. Besonders Alma konnte sich gar nicht dabei genug tun. Das ärgerte die Suse. Sie hatte stets Sympathie und Mitleid mit allen Hilflosen.

»Du – du brauchst gar nicht so zu lachen, Alma«, sagte sie ärgerlich. »Du machst es ja selbst nicht besser.«

»Oho, der neue Grünschnabel will sich hier wohl mausig machen und hat dabei Angst vor Mistkäfern und ähnlichen wilden Tieren«, rief Alma laut. Sie hatte die Lacher auf ihrer Seite. Aber der dankbare Blick, den Paul seiner kleinen Helferin zuwarf, ließ Suse Almas häßliche Worte weniger schmerzlich empfinden.

Das Kommando des Lehrers unterbrach die Privatunterhaltung. Es galt jetzt mit den Beinen die gleiche Übung wie mit den Armen zu machen. Zu diesem Zwecke lag die ganze Gesellschaft im sonnenbeschienenen Gras auf dem Rücken. Das Experiment begann. Manche machten ihre Sache so bewundernswert, daß sie sich wie Türko dabei auf dem Rücken herumwälzten. Natürlich wälzten die anderen sich wieder vor Lachen. Es ging bei aller Disziplin recht vergnüglich in der Turnstunde zu. Herr Lindner verstand es, mit der Jugend jung zu sein.

»Jetzt wollen wir mal die ›Tanne‹ wachsen lassen – aber kerzengrade, ich will keine verkrüppelte Tanne sehen, übt!« kommandierte der Lehrer.

Die Kinderbeine flogen in die Luft, kerzengrade streckten sie sich zum blauen Frühlingshimmel empor. Das war eine Übung, die Suse in der vorigen Schule noch nicht gemacht hatte. Trotz ihrer Bemühungen, eine schlanke, gerade »Tanne« emporwachsen zu lassen, brachte sie mehr einen sich rollenden Igel zustande. Endlich gehorchten ihr die widerspenstigen Gliedmaßen. Mit aller Energie streckte Suse ihre Beine zum Himmel empor.

Da durchgellte ein Schrei die sonnendurchflirrte Luft. Er kam von Suses erschreckten Lippen. Irgend etwas Scharfes, Spitzes hatte sich in ihr Bein gebohrt. Alma lag neben ihr und quiekte vor Vergnügen.

Herr Lindner kam herbei. Wenn er den Kindern auch gern möglichst viel Freiheit ließ, er verlangte dafür auch, daß sie sich artig benahmen. Aber noch vor dem Lehrer war Herbert bei seinem Zwilling.

»Was ist los, Suse, wer hat dir was getan?« fragte er, drohend im Kreise umherschauend. Sein Blick haftete auf Almas vergnügtem Gesicht.

»Ich weiß nicht, einer hat mich gepiekt.« Der empfindlichen Suse schossen noch nachträglich vor Schreck die Tränen in die Augen.

»Sicher ein Mistkäfer«, spottete Alma.

Da aber geschah etwas, was in der Waldschule bisher noch nicht vorgekommen war. Ohne zu überlegen, hatte Herbert ausgeholt und da hatte die Alma eine knallende Backpfeife weg. Sie lachte jetzt nicht mehr, sondern heulte und hielt sich ihre gerötete Wange. Erschreckt, teils empört, teils verlegen, blickten die anderen von dem kriegerischen Kameraden zu dem sich nähernden Lehrer.

Eine unheilvolle Wolke hatte sich auf dem sonst freundlichen Gesicht des Lehrers gelagert. Er runzelte die Stirn.

»Schämt ihr euch denn gar nicht, Kinder, euch derart ungehörig zu benehmen? Und vor allem du, Herbert, weißt du nicht, daß es feige und unritterlich ist, ein Mädel zu schlagen, ganz abgesehen davon, daß Prügel immer roh sind und bei uns in der Waldschule, wo alles nett und kameradschaftlich miteinander verkehrt, schon gar nicht vorkommen sollten. Gleich bittest du die Alma um Entschuldigung.«

»Ich denke ja gar nicht daran«, entfuhr es dem kleinen Heißsporn. »Lieber gehe ich mit meiner Suse nach Hause.« Aber als er das ernste Auge des Lehrers stumm und doch beredt auf sich ruhen fühlte, setzte er trotzig hinzu: »Na ja, wenn doch die Alma meiner Suse mit 'ner Nadel ins Bein gepiekt hat. So 'ne Gemeinheit!« Doppelt fühlte er sich heute nach dem gestrigen Zwist als Ritter der Schwester.

»Alma, hast du die Suse Winter mit einer Nadel gestochen?« eröffnete Herr Lindner das Verhör.

»Doch man bloß mit 'ner Kiefernadel«, heulte Alma, sich die geschlagene Wange reibend.

»Nun, das war ein Scherz, wenn auch kein netter und während des Unterrichts ein ganz unerlaubter. Immerhin wirst du einsehen, Herbert Winter, daß dein Verhalten noch viel ungehöriger gewesen ist. Ich muß dir einen Tadel geben. Du hast heute nachmittag während der Freistunde Arrest. Melde dich bei mir. Außerdem verlange ich von dir, daß du der Alma sagst, daß dir deine Handlung leid tut.«

Herbert nahm wieder seinen Platz ein. »Nie und nimmer bitte ich ab!« Das stand deutlich auf seiner trotzigen Stirn zu lesen. Was – er, der sich nicht mal zu Hause überwinden konnte, den Vater oder die Mutter um Verzeihung zu bitten, wenn er mal etwas ausgefressen hatte, er sollte sich hier bei der dummen Alma, die sich so gemein zu seiner Suse benommen hatte, noch großartig entschuldigen? Nie!

Die Stunde nahm ihren Verlauf. Aber die rechte Freudigkeit fehlte, trotz der hübschen Übungen, die Herr Lindner die Sexta machen ließ. Und doch schien die Frühlingssonne noch ebenso golden; dabei flöteten die unsichtbaren kleinen Musikanten in Baum und Strauch noch ebenso jubelnd.

Das schlechteste Gewissen hatte Suse. Wieder hatte sie ihrem Zwillingsbruder Ungelegenheiten gemacht. Hätte sie nicht gleich so laut losgeschrien, würde sich Herbert niemals zu seiner zornigen Tat haben hinreißen lassen. Oh, wie sie sich schämte, daß der Bruder die Alma geschlagen hatte. Und daß er nun ihrethalben Strafe erleiden mußte. Arrest – einen Tadel – nein, die liebe Sonne schien gar nicht mehr schön, sie blendete den tränenverdunkelnden Blick. Und die jubilierende Vogelgesellschaft tat dem Ohr ordentlich weh – »etsch, nachsitzen – etsch, einen Tadel!« Das hörte Suse immer wieder aus ihrem Pfeifen und Trillern.

Auch die übrigen Kinder waren nicht mehr so vergnügt. Da war vor allem der Herbert, der sich ganz fürchterlich vor der Frühlingssonne schämte, daß sie es mit angesehen hatte, daß er ein Mädel »verkloppt« habe. Pfui! Aus der Strafe machte er sich nicht viel.

Da war die Alma, die sich ebenfalls schämte, von dem »neuen Bengel« verwichst worden zu sein. Und da war Paulchen, der sich feinfühlend als die erste schuldige Veranlassung zu dem häßlichen Streit vorkam. Auch die andern alle, die ganze Sexta, fühlte sich mit dafür verantwortlich, daß einer ihrer Kameraden so etwas Häßliches getan hatte.

Ob Herr Lindner auch mit den Beinen radeln, ob er mit den Armen mähen ließ, ob er Windmühle, Leiter angeln oder Reck turnen vornahm, der frischfröhliche Zug, der sonst beim Turnen durch alle ging, der fehlte heute.

Als die ereignisvolle Stunde zu Ende war, stand plötzlich der kleine Missetäter vor dem Lehrer. Der blickte mit hochgezogenen Brauen auf den blauen Hosenmatz, der augenscheinlich sich mit irgend etwas nicht recht herauswagte.

»Na, was hast du denn noch für Wünsche, Junge?«

»Ich wollte um einen Tadel und um Arrest bitten«, kam es leise von zuckenden Kinderlippen.

»Du hast doch bereits dein Teil. Ist dir das noch nicht genug? Du bist ja ein merkwürdiger Junge.« Unwillkürlich wurde die strenge Miene des Lehrers wieder freundlicher.

»Nee, ich bin doch die andere. Ich bin doch die Suse und nicht der Herbert«, antwortete es kläglich.

Da aber konnte sich Herr Lindner nicht helfen. Er lachte – lachte, daß Suse ganz schüchtern mit einzustimmen wagte. Und alle Vöglein ringsum lachten mit. Am meisten aber lachte die liebe Sonne. Denn die mag keine ernsten oder gar griesgrämigen Menschen leiden.

»Also die Suse bist du«, brachte Herr Lindner schließlich hervor. »Wir werden euch Schilder anhängen müssen, um euch nicht zu verwechseln.«

»Ich habe ja sonst Kleider an, bloß in der Turnstunde tragen wir beide Hosen«, wandte Suse ganz richtig ein.

»Na, das ist auch recht gut. Sonst könnten noch öfters derartige Verwechselungen vorkommen. Und einen Tadel und Arrest willst du? Habe ich recht gehört?«

»Ja, weil ich doch schuld bin an Almas Backpfeife. Bitte, lieber Herr Lindner, geben Sie mir doch den Tadel und den Arrest und nicht dem Herbert«, bettelte Suse.

»Dein Bruder hat seine Strafe redlich verdient. Folglich wird er sie auch absitzen.« Herr Lindner wandte sich zum Gehen.

Suse nahm all ihren Mut zusammen. Wie ein Hündchen lief sie hinter dem Lehrer her. »Ach bitte, bitte, Herr Lindner, dann seien Sie doch so gut und geben Sie mir doch auch bitte einen Tadel und Arrest. Wir sind doch Zwillinge, der Herbert und ich, die müssen alles gleich haben.«

Das war dem Lehrer denn doch noch nicht vorgekommen. Daß ihn ein Schüler gebeten hatte, ihm eine Strafe zu erteilen. Er strich freundlich über den kurzgeschorenen, braunen Kopf des kleinen Mädchens. »Du bist ein gutes Kind. Aber du wirst dich daran gewöhnen müssen, daß jeder von euch Zwillingen im Leben den Lohn für seine Taten für sich allein erntet. Du bist ein Mensch für dich, wenn ihr euch auch noch so lieb habt. Es bleibt dabei, daß nur der Bruder die Strafe verdient hat und erhält.«

So – da stand die Suse abgeblitzt.

»Nimm dir's bloß nicht so zu Herzen«, raunte ihr Herbert, der hinter einem Gebüsch einen Teil der Unterhaltung mit angehört hatte, zu. »Bis heute nachmittag ist noch lange Zeit. Wer weiß, was da noch alles passieren kann.«

Es passierte aber gar nichts Besonderes. Höchstens, daß die Geographiestunde heute im Freien stattfand. Man nahm das Riesengebirge durch. In der vorigen Schule hatten Professors Zwillinge die Formation der Gebirge an die Tafel zeichnen müssen. Damit der Lehrer sich davon überführen konnte, ob sie ein richtiges Bild davon hatten. Hier war das anders. Das Riesengebirge wurde gebaut. Ganz richtig, aus Erde und Steinen wuchs es an der Hauswand empor. »Reliefarbeiten« nannte man das. Da war die runde Kuppe der Schneekoppe, der höchste Berg des Riesengebirges. Sogar eine kleine Kapelle und die Koppenbaude, die sogenannten Koppenhäuser, hatten die Kinder aus Pappe verfertigt und angemalt. Da war die Prinz-Heinrich-Baude und die Schneegrubenbaude mit dem hohen Turm. Die Elbquelle wurde angelegt, und die Elbe ins Böhmische nach Spindelmühle hinuntergeleitet. Da wurde eine Talsperre gebaut, von der das Wasser in Terrassen abfloß. Mit heißen Wangen, voller Begeisterung waren alle Kinder am Werke.

Nach der Stunde zog Herbert seine Murmeln aus der Tasche, gab Suse brüderlich die Hälfte ab und nun konnte das Spiel wieder beginnen. »Die Alma aber lassen wir nicht mitspielen«, verkündete er energisch.

Da trat Paul zu den Zwillingen. »Wir dürfen vormittags in den Pausen nicht Murmeln spielen, weil wir uns die Hände schmutzig machen«, teilte er ihnen mit. »Erst nach Tisch ist es erlaubt.«

»Da habe ich anderes zu tun.« Herbert wurde dabei krebsrot. In diesem Augenblick empfand er die Arreststrafe sehr entehrend. Mußte auch gerade die dumme Alma in diesem Moment vorbeigehen.

»Nach Hause gemeldet wird Nachsitzen und Tadel auch noch. Es muß vom Vater unterschrieben werden«, sagte sie laut, daß die Zwillinge es hören konnten.

Herbert stellte sich taub. Immerhin war es peinlich, seiner Mutter solch einen Zettel mit nach Hause bringen zu müssen. Wenn auch die Zwillinge daran gewöhnt waren, Gutes und Schlechtes aus der Schule zu Hause zu berichten, nie etwas zu verheimlichen.

»Unser Vater ist ja überhaupt gar nicht da. Der ist auf ein ganzes Jahr nach Italien gereist«, sagte Suse frohlockend.

»Dann muß eure Mutter unterschreiben. Meine Mutter muß auch alle Woche meine Hefte unterschreiben. Das muß jedes Kind am Sonnabend zu Hause machen lassen. Und weil mein Vater tot ist – – – «

»Dein Vater ist tot? Du armer Junge!« In Suses braune Augen traten Tränen des Mitleids. Und da war sie schon so traurig gewesen, daß ihr Vater auf ein Jahr von Hause fort mußte. Von einer Seite ärmelte sie ihren Herbert unter, von der anderen Paulchens geflickten Jackenärmel. Und so ging's zu dem neubezogenen Bienenhaus, wo ein Lehrer den Kindern den kunstvollen Bau der Waben und Zellen und den weise eingerichteten Bienenstaat erklärte. Suse blieb vorsichtshalber in angemessener Entfernung stehen. Man konnte doch nicht wissen, ob die neuen Mieter nicht ausschwärmten und stachen.

Beim Mittagessen gab es eine Veränderung. Statt der unbeliebten Alma saß plötzlich Paulchen den Zwillingen gegenüber. Alma hatte es nach den Erfahrungen des Vormittags doch lieber vorgezogen, Herbert nicht allzu nahe zu kommen. Sie hatte den Platz mit Paul getauscht. Darüber waren alle froh. Und es hatte noch mehr Gutes. Herbert war nun mal ein Suppenkasper. Der Frühstückssuppe stand er von Anfang an feindlich gegenüber. Aber als er beobachtete, wie dankbar Paulchen für das gute Essen, das er hier draußen bekam, war, gab er sich Mühe, auch nicht mehr daran herumzumäkeln.

Auch in der Liegestunde nach Tisch passierte nichts, was Herbert von der drohenden Arreststrafe befreit hätte. Der Junge überlegte angestrengt, wie er sich wohl davon drücken könnte. Ob er einfach auskniff? Etwa zum Buddelplatz, da konnte man sich so schön in den Stollen und Schachten verstecken. Oder noch besser, er ging mit den großen Jungen Fußball spielen. Dann war er glücklich heidi. Vielleicht hatte Herr Lindner auch längst seine Arreststrafe vergessen.

Aber als es dann so weit war, als die Kinder sich in der Freistunde allenthalben ihren Neigungen entsprechend verteilten, brachte er doch nicht den Mut dazu auf. Besonders, da Suse ihn himmelhoch bat, doch bloß nicht durchzubrennen und den netten Herrn Lindner noch obendrein zu ärgern. Und damit die Sache noch viel schlimmer zu machen. Plötzlich kam ihr ein Gedanke.

»Weißt du, Herbert, ich habe doch heute meine Turnhosen an. Herr Lindner hat uns vorhin erst verwechselt. Er merkt das sicher nicht, wenn ich für dich nachsitze.« Da wollte sie auch gleich spornstreichs in die Klasse.

Aber der Bruder hielt sie fest. »Ausgeschlossen, Suse, daß du das Opferlamm bist. Habe ich die Strafe verdient, muß ich sie auch ausbaden.« Ehe es ihm wieder leid wurde, rannte er zur Sexta.

Suse, wie stets hinterdrein. Ihr war ein Stein vom Herzen. Nicht etwa, daß sie nicht gern die Strafe auf sich genommen hätte. Aber ihr war erst nachträglich zum Bewußtsein gekommen, daß sie ja damit eine Täuschung an dem netten Herrn Lindner begangen hätte.

Sie stand am Fenster und spähte in die Sexta hinein. Herr Lindner saß bereits auf seinem Platz. Augenscheinlich hatte er die Arreststrafe nicht vergessen, sondern hatte auf den kleinen Sünder gewartet.

Der saß mit gelangweilter Miene vor seiner Strafarbeit. Er sollte die gymnastischen Übungen, die sie heute im Turnunterricht durchgenommen hatten, beschreiben. Das war eigentlich ganz einfach. Aber Herbert fehlte die Lust dazu. Der fand es viel netter, zuzugucken, wie die Frühlingssonne die Klasse mit goldenen Stäubchen erfüllte; wie eine Fliege von Herrn Lindners Zeitung eine Bergtour auf den Gipfel seiner Nase plante. Wie der Ball vor den geöffneten Klassenfenstern hin und her flog; wie die Kreiselpeitsche sausend die Luft durchschnitt. Ja, er glaubte sogar das Aneinanderprallen der Murmeln draußen zu hören. Dazu lachende, lärmende Kinderstimmen, Vogelsang, Käfersurren, Rauschen der Kiefern und Tannen da draußen – ei, da sollte ein anderer dabei seine Strafarbeit machen. Was mochte die Suse jetzt ohne ihn anstellen? Sicher arbeitete sie mit Paul im Garten. Sie hatte sich gestern ja dazu gemeldet.

Herbert ahnte nicht, daß sein Zwilling, nur durch die Tür von ihm getrennt, jenseits derselben hockte und getreulich auf ihn wartete. Nein, die Suse mochte weder spielen, noch im Garten arbeiten. Ohne Herbert machte es ihr keinen Spaß. Wenn der arme Junge seine Freiheit bei dem herrlichen Frühlingswetter nicht genießen konnte, dann wollte sie auch nicht daran teilhaben. Lieber hockte sie hier draußen auf dem Flur und wartete auf ihn.

Nachdem Herbert herzzerbrechend gegähnt hatte, ohne daß Herr Lindner davon Notiz genommen, machte er sich notgedrungen an die Erledigung seiner Strafarbeit. Denn es war ihm der schlaue Gedanke gekommen, je eher er damit fertig war, desto früher wurde er sicher aus seiner Haft entlassen.

Frühlingsluft macht müde. Und wenn man ganz allein in einem dämmerigen Flur hockt, was kann man da eigentlich Besseres tun als die Augen zu schließen und ein bißchen zu schlafen. Suses Köpfchen lehnte sich sanft gegen den harten Türpfosten. Gleichmäßige Atemzüge entströmten den halbgeöffneten Lippen. Sie war fest eingeschlafen.

Schritte näherten sich der Holzbaracke. Voran schnelle, eilige, im Viervierteltakt. Das war Türko, der treue Begleiter und Vorläufer des Herrn Direktors. Er sprang in die offene Flurtür, witterte einen schlafenden Menschen und begann die sanft schlummernde Suse zu beschnuppern. Gerade als der nachfolgende Direktor den Vorflur zur Sexta betrat, fühlte die kleine Schläferin etwas Feuchtkaltes an ihrem Näschen – es war Türkos schwarze Hundenase. Mit gellendem Schrei schreckte sie empor. Schlafbefangen glaubte sie den Wolf aus Rotkäppchen vor sich zu sehen. Der Direktor war ein beherzter Mann – trotzdem fuhr er im ersten Augenblick ebenfalls erschreckt zurück. Türko blaffte – Herr Lindner und sein kleiner Arrestant rissen die Tür auf. Hell wurde es auf dem dämmerigen Flur.

Da saß auf der Erde ein kleines Mädel mit roten Schlafbäckchen, bitterlich weinend aus Angst vor dem Überfall des braven Türko.

»Ja, was bedeutet denn das? Was hast du denn hier noch herumzukrabbeln, Kleine? Warum bist du nicht draußen im Freien?« examinierte der Herr Direktor.

»Ich warte auf meinen Bruder«, kam die schluchzende Antwort.

Ehe der Direktor sich noch erkundigen konnte, was das denn mit dem Bruder für eine Bewandtnis habe, kam Herr Lindner ihm lachend zuvor: »Aha, der getreue Zwilling, der hier auf seinen Illing wartet. Na, dann muß ich wohl ein Einsehen haben und den Herbert laufen lassen. Was, Suse?«

Diese nickte strahlend. Auch Herbert strahlte. Wie gut, daß er seine Arbeit fertig hatte. Der Herr Direktor war nett genug, der Sache nicht weiter auf den Grund zu gehen. Er ahnte schon, daß es sich um eine Arreststrafe handelte. Das Beste aber war, daß Herr Lindner gar nicht mehr daran dachte, den Tadel ins Klassenbuch und die Meldung nach Hause zu schreiben. Die Zwillinge hüteten sich, ihn daran zu erinnern.

Glückselig zogen sie vereint wieder hinaus in den Sonnenschein. Beiden voran Türko, der sich wie toll vor Freude gebärdete. Denn wenn er nicht gewesen wäre, dann säße der Herbert wohl noch jetzt im Arrest und die Suse draußen vor der Tür.

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