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Prinzessin Jungfrau

Benno Rüttenauer: Prinzessin Jungfrau - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorBenno Rüttenauer
titlePrinzessin Jungfrau
publisherGeorg Müller
printrunDritte Auflage
year1911
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20131115
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Fünftes Buch

Saint-Quentin, am Tage Johannes des Täufers.

Nach drei Nachtlagern, zu Senlis, zu Compiegne und auf Schloß Noyon, sind wir am Abend spät hier angekommen. Während des Spiels der Königin hatte ich Gelegenheit, einen Augenblick mit Herrn von Lauzun zu sprechen. Ich fragte ihn, ob ich denn während unseres ganzen friedlichen Feldzugs über die bewußte Sache in Ungewißheit bleiben solle ...

Er antwortete mir schroff, seine Gedanken dürften jetzt auf nichts gerichtet sein, als auf die Wünsche und Anordnungen des Königs.

* * *

Herr von Lauzun hat heute hier die sämtlichen Truppen dem König vorgeführt. Ich saß während der Revue bei dem König im Wagen und Graf Lauzun hielt sich in der Nähe. Mit unsäglicher Freude bemerkte ich, wie er von aller Welt bewundert wurde. Ich wendete keinen Moment den Blick von ihm. Ja als der König mich einmal anredete, zeigte ich eine fast sträfliche Zerstreutheit.

»Meine liebe Base,« sagte Seine Majestät, »Ihr werdet mir ein ganz außerordentliches Vergnügen machen, wenn Ihr Euch auf diesen Fahrten so eng als möglich an die Königin haltet und sie in die Messe, auf ihren Ausfahrten und überall begleitet; das Volk soll sehen, daß man die Königin ehrt und Ihr seid für sie die ehrenvollste Gesellschaft.«

Seine Majestät wußte, daß ich von selber meine Pflicht kannte, Sie wollte mir nur zeigen, wie dankbar man mir sei, daß ich so guten Willens war, mich freiwillig den Strapazen dieser Reise zu unterziehen.

Wenn der König wüßte, was es eigentlich ist, das mich so hinter der Person Seiner Majestät herzieht und mich für alle Ermüdungen und Entbehrungen dieses glanzvollen Zigeunerlebens so reichlich entschädigt ...

* * *

Ich komme von der Königin, wo man spielte. Der ganze Hof war versammelt. Als ich mich Herrn von Lauzun näherte, trat zugleich der König hinzu.

»Ihr seid zu beneiden,« sprach er lächelnd zu Herrn von Lauzun, »bei der Revue heute morgen hat sich meine liebe Base hier derartig in Euch vergafft, daß sie kaum mit halbem Ohr auf das hinhorchte, was ich ihr sagte.«

Ich spürte, wie ich errötete

Mit einer tiefen und äußerst förmlichen Verbeugung half mir Herr von Lauzun über die Verlegenheit hinweg.

* * *

Bei einer Fahrt durch das Lager, zusammen mit dem König, sah ich, wie der hochmütige Soubise sich bei Graf Lauzun meldete, der sich nach höflichem Gruß bedeckte, während der andere mit dem Hut in der Hand verharrte. Es freute mich, daß Herr von Lauzun seine Stellung als General auch einem Prinzen von Geblüt gegenüber so unbefangen zu betonen weiß.

 

Landrecies, 9. Juli.

Das war nun sogar Zigeunertum ohne Glanz und Prunk.

Wir brachen vorgestern bei strömendem Regen von Saint-Quentin auf. Alle Wege waren aufgeweicht, da gab es schon vom ersten Anfang an verzweifelte Mienen.

Mir allein konnte keine Widerwärtigkeit etwas anhaben. Außerdem, daß ich mich von Kindheit an daran gewöhnt habe, mir aus körperlichen Unbequemlichkeiten nichts zu machen, wie hätte ich über der Aussicht, täglich den zu sehen, den ich über alles in der Welt liebe, nicht jedes Ungemach vergessen sollen.

Ich saß zudem mit dem König bequem im Wagen und dachte nur immer an Herrn von Lauzun, der auf seinem Pferd allen Unbilden der Witterung ausgesetzt war. Er ritt übrigens meistens an unserem Wagenschlag, im Gespräch mit dem König, und wiederholt konnte ich nicht an mich halten, dem König zuzuflüstern, daß er ihm doch befehlen möchte, sich zu bedecken.

Sehr beunruhigt wurde ich durch die Unzufriedenheit des Königs über unsere Marschroute.

Ich hatte eine tödliche Angst, er werde Herrn von Lauzun deswegen tadeln. Zum Glück erfuhr ich, daß nicht Lauzun sondern Louvois dafür verantwortlich gemacht wurde.

Eine halbe Meile vor Landrecies ließ sich der Sohn des Gouverneurs vor dem König melden mit der Nachricht, daß der Fluß über alle Ufer getreten, daß die Brücke niedergerissen, daß der Gouverneur, Herr von Roncherolles, der dem König entgegeneilen wollte, um ein Haar ertrunken wäre: woraus wir denn leichtlich folgern konnten, daß wir die Stadt für diesen Abend wohl unmöglich erreichen würden.

Alle Versuche, vielleicht stromabwärts oder stromaufwärts eine Möglichkeit des Übersetzens zu finden, blieben vergeblich also daß wir uns zuletzt entschließen mußten, in einer Art Scheune zu übernachten. Sowohl die Königin als ich sahen uns ohne unsere Frauen, Gott mochte wissen, wo unsere Wagen in diesem Unwetter mit ihnen geblieben waren.

Ich bin sonst ziemlich gleichgültig gegen solche Dinge, aber nun reute es mich doch, meine Diamanten in dem Wagen zurückgelassen zu haben. Sogar in der höchsten Not denkt der Mensch gern ans Eitle, Unnötige.

Zu allem Unglück mußte ich es mit anhören, wie Vetter Orléans und der Herzog von Villeroy über Herrn von Lauzun spotteten. »Er hatte wegen des triefenden Regens«, sagte Orléans, »sein Haar unter den Hut hinaufgebündelt und sah aus wie ein ersäufter Affe.«

Ich dachte: Immer noch besser, als ein solcher Zieraffe zu sein wie du. Der Herzog von Villeroy gab auch seinen Senf dazu. Noch niemals hat man von einem Menschen ein so liebloses und abscheuliches Porträt entworfen.

Aber Lauzun mag zugerichtet sein wie er will, so sieht er doch tausendmal anständiger aus, als diese weibischen Stutzer. Wie verächtlich sie mir vorkamen. Der Orléans haßt Lauzun wegen dem Chevalier von Lothringen, und der gute Villeroy hat auch seine Gründe. Lauzun soll ihm, in einem Aufeinanderplatzen wegen der Fürstin von Monaco, mit der Hundepeitsche gedroht haben.

Von unserer königlichen Tafel an diesem Abend muß ich schon auch ein Wort sagen.

Zunächst gab's einen kleinen Verdruß wegen der Königin. Anfänglich verschmähte sie die Suppe, weil sie nicht so heiß war, wie Ihre Majestät es gewöhnt ist, und als sie dann doch Lust danach bekam, hatten wir andern sie unterdessen aufgegessen.

Keine Spur von Messer und Gabel bei dieser eigenartigen Mahlzeit. Um die gebratenen Hühner zu zerlegen, griffen viere von uns zugleich zu, die einen an den Schlegeln, die andern an den Flügeln, der König kommandierte und man zog los. Wer dann das kleinste Stück in der Hand behielt, mußte sich noch auslachen lassen.

Ich weiß nicht, wem es gelungen war, eine Anzahl Matratzen herbeizuschaffen. Der König meinte, daß wir uns ohne Umstände in unsern Kleidern darauf schlafen legten. Doch die Königin sträubte sich, sie fand es unanständig.

Welches meine Meinung sei, fragte der König. Ich antwortete, was für den König gut genug wäre, müsse es auch für uns sein. Und so rückten wir uns zurecht wie es gehen mochte. Die Hofleute und die hohen Offiziere machten es sich in einem Nebenraum bequem, wenn dieses Wort hier kein Hohn ist.

Unter diesen befand sich Herr von Lauzun, der die ganze Nacht Meldungen entgegennahm und Befehle erteilte. Sämtliche Ordonnanzen passierten durch unsern Schlafraum. Dies machte den König allmählich ungeduldig. Noch mehr beklagte sich die Königin. Zuletzt befahl Seine Majestät, Herr von Lauzun solle nach der andern Seite hin die Wand durchbrechen lassen und seine Befehle durch das Loch erteilen.

Gegen vier Uhr morgens erschien Louvois. Er meldete, daß man übersetzen könne. Der Major der Leibwache flüsterte ihm zu, Seine Majestät schlafe, und Louvois wollte sich bereits wieder zurückziehen. Ich aber hatte genug von der Scheune, ich besann mich nicht lange, ich zupfte den König am Ohr und sagte ihm, Louvois sei da und wünsche ihn zu sprechen. Als Seine Majestät hörte, die Brücke sei fertig, erhob Sie sich. Wir folgten alle dem königlichen Beispiel und man stieg zu Wagen. Im ersten Morgengrauen hielten wir unsern Einzug in die Stadt.

Unsere Damen, die sich stark zu schminken pflegen, sahen fürchterlich aus. Ich war immer noch von allen am wenigsten entstellt.

Man hatte mir ein vortreffliches Quartier besorgt, meine Kammerfrauen waren unterdessen auch angelangt, also legte ich mich behaglich zu Bett und schlief bis zum Abend durch.

Beim Erwachen fand ich auch meine Edelfräulein vor. Sie beklagten sich bitter über Herrn von Lauzun, der zwar den Wagen meiner Kammerfrauen, aber nicht den ihren habe passieren lassen. Eine solche Rücksichtslosigkeit sei ihnen noch nie vorgekommen.

Ich mußte laut lachen über die dummen Gänschen und war Lauzun im Innersten dankbar für sein delikates Benehmen. Daß er so besorgt um mich sein könnte, hatte ich ihm nicht einmal zugetraut. Die guten Fräulein waren mir nämlich im höchsten Grad entbehrlich, nicht aber meine Kammerfrauen.

Bei der Königin traf ich ihn und man kann sich denken, daß ich mit meinem Dank nicht zurückhielt.

Er nahm ihn sehr unfreundlich auf. Ja, er antwortete mit Vorwürfen. Meine ungestümen Zuflüsterungen während der Reise, daß er sich vor Seiner Majestät das Haupt bedecken solle, hätten ihn in die tödlichste Verlegenheit gebracht; er bitte mich ernstlich, ein andermal doch mehr an mich zu halten.

»Auch haben«, so fuhr er fort, »Euere Königliche Hoheit mit Dero Äußerungen über die schlechten Wege den König nur aufgereizt, und das war mindestens sehr unklug.«

Kurz, meine Königliche Hoheit sah sich heruntergekanzelt wie ein Schulmädchen.

Ich konnte ihm dennoch nicht zürnen; alles was er sagte, floß aus seiner Besorgtheit und Liebe für den König. Diese Liebe und Hingebung an einen Dritten ist ein starkes und geheimnisvolles Band zwischen uns beiden.

* * *

Der ganze Hof machte heute, unter Zurücklassung der Bagagewagen, mit dem König einen Ausflug nach Avesnes.

Auf unserer Rückkehr von dort schüttete es wieder als ob die Sündflut nahe. Ich dachte an Herrn von Lauzun, der bei solchem Unwetter in den Feldlagern nächtigen mußte und sagte zu Seiner Majestät, ob Sie denn kein Mitleid mit den Truppen hätte, die doch ebensogut in der Stadt und im Trockenen untergebracht werden könnten.

Der König fand, daß ich recht habe und gab unverzüglich die entsprechenden Befehle.

 

11 Juli.

Tafel bei der Königin. Als sich Ihre Majestät nach dem Essen an den Spieltisch setzte, trat Herr von Lauzun ein. Ich stand nach meiner Gewohnheit in einer Fensternische und wartete mit Ungeduld, daß er zu mir herantrete. Der Graf von Ayen war bei ihm, derselbe, der damals in Fontainebleau mit Lauzuns Verhaftung betraut worden.

Herr von Lauzun war heut ausnahmsweise einmal geputzt. Er trug Hofkleider, die lange seidene Weste amethystgrau, darüber violenfarbenen Schooßrock mit reicher Goldstickung. Die Spitzen seines Jabot und seiner Manschetten waren Brüsseler Kostbarkeiten von höchstem Preis. Er besitzt also schöne Sachen. Nur, daß man sie fast nie an ihm sieht. Sogar gepudert hatte er sich.

Er näherte sich mir endlich zusammen mit dem Grafen. Ich sagte ihm, wie ich mich zu Tode gelangweilt habe und wie dankbar ich ihm sei für sein Kommen.

»Der Graf von Ayen«, antwortete er, »wird sich keine kleine Ehre daraus machen, Eurer Königlichen Hoheit Gesellschaft zu leisten. Ich selber bin nur für einen Augenblick der Königin wegen hergekommen. Der spanische Gesandte erwartet mich in meinem Quartier.«

Dieser Botschafter war ein spanischer Edelmann, den Herr von Lauzun in Venedig kennen gelernt hatte. Um unserm König den Hof zu machen, unterzog er sich den Strapazen dieser Reise. Herr von Lauzun hatte ihn in seinen Wagen genommen und gab ihm Wohnung in seinem Quartier.

Lauzun entschuldigte sich, in Hofkleidern erschienen zu sein, er sei durch und durch naß geworden und habe die Kleider wechseln müssen.

»Wie ich sehe, bin ich bei der Königin unnütz,« fügte er hinzu, »und mein Botschafter wird sich freuen, wenn ich ihn nicht ewig allein lasse.«

»Und ich zähle für nichts,« wandte ich schüchtern ein.

»Der Graf hier«, erwiderte er, »ist ein viel besserer Gesellschafter als ich.«

»Ihr scheint nicht zu bedenken, mit wem Ihr redet,« bemerkte fast bestürzt Graf Ayen.

»Ich weiß sehr wohl, daß ich mit Ihrer Königlichen Hoheit rede, aber Ihre Königliche Hoheit kennt mich seit lang und weiß, daß man mich nehmen muß, wie ich nun einmal bin.«

Man hatte dieser Tage davon gesprochen, daß Lauzun die Herzogin von La Vallière heiraten werde. Ich konnte meiner Bestürzung nicht Herr werden, als man mir das Gerücht hinterbrachte, die Tränen traten mir in die Augen. Herr von Lauzun hatte davon gehört. Er ließ jetzt nur beiläufig ein Wort darüber fallen; ich begriff. Also das war der Grund, warum er mir zürnte.

»Ihre Königliche Hoheit«, sagte er von neuem zu Herrn von Ayen, »verlangt nicht, daß ich ihr den Hof mache.«

Dennoch blieb er, als Graf Ayen sich entschuldigend zurückzog.

Das wäre nun die Gelegenheit gewesen, mir etwas Angenehmes zu sagen. Er machte mir fast nur Vorwürfe.

Ich beteuerte ihm, wie sehr es mich freue, daß der König mit ihm zufrieden sei.

»Noch heute morgen«, setzte ich hinzu, »habe ich den König sagen hören, daß er niemand wisse, der wie Ihr in jedem Fall so unfehlbar das Richtige trifft.«

»Ein schönes Verdienst,« rief Lauzun, »im Frieden eine Armee anzuführen. Ja, im Krieg, das wäre etwas anderes. Aber was meint Ihr, daß ich mir auf dieses Kommando einbilde? Stolz bin ich nur auf die gnädige und liebenswürdige Weise, womit es mir der König übertragen hat. Wahrlich, man kann dieses hohle Treiben satt bekommen. Und bei Gott, ich habe manchmal närrische Gedanken. Ich möchte manchmal auf und davongehen und mir im unzugänglichsten Gebirge eine Einsiedelei bauen. Aber da würden sie mich für einen Komödianten ausschreien.«

Seine Rede bestürzte mich aufs höchste. »Ich habe Euch meine geheimsten Sorgen anvertraut,« sagte ich, »darf ich nicht auch die Eurigen kennen?«

Er antwortete barsch: »Ich habe keine.«

»Man hat Euch eine Heirat vorgeschlagen,« fragte ich zögernd. Ich wollte, daß er seinen Groll gegen mich herausspreche.

Aus seinen Augen traf mich ein finsterer, fast drohender Blick. Eine ganze Weile schwieg er.

»Man hat mir allerdings einen solchen Antrag gestellt,« antwortete er dann, »und Eure Königliche Hoheit hat bei dieser Gelegenheit meiner Wenigkeit die Ehre erwiesen, mir eine Niederträchtigkeit zuzutrauen. Eure Königliche Hoheit kennt mich schlecht.«

Ich bat ihn um Verzeihung, ich gestand ihm, wie mich seine Entrüstung glücklich mache ...

»Zum Teufel auch,« entgegnete er, »da würde ich mich doch in die Seele hinein schämen, ein Mädchen aus anderen Gründen zu heiraten, als um ihrer Eigenschaften willen, und lieber möchte ich tot sein, als mich mit einer Person zu verbinden, die auch nur mit dem geringsten Makel behaftet ist. Ja, tausendmal eher würde ich eine Zofe heiraten, wenn ich sie liebte und ihrer Reinheit sicher wäre. Ich würde mich mit ihr in einen Winkel der Provinz zurückziehen und wenn das zehnmal eine Dummheit wäre, ließe sie mir doch den Trost, nichts gegen meine Ehre getan zu haben.«

»Nun,« sagte ich lächelnd, »in diesem Sinn, hoffe ich, würdet Ihr an mir nichts auszusetzen haben.«

Abermals verfinsterte sich seine Miene. Er bitte mich dringend, ernst zu bleiben und ihn mit Ammenmärchen zu verschonen, wenn ich ihn nicht vertreiben wolle.

Da merkte ich, daß ich wohl allzu deutlich geworden. Ich lenkte ab und erzählte ihm, wie mich in der Frühe (mein Quartier liegt nämlich am Markt) die Trompetensignale der Reveille ausgeweckt hätten. Im ersten Augenblick sei ich unwillig darüber geworden. Dann hätte ich an ihn gedacht. Du liegst bequem und warm in deinem Bett, hätte ich mir gesagt, indes Herr von Lauzun bereits zu Pferde sitzt und dem Unwetter trotzt. Und da willst du dich noch über eine kleine Störung beklagen!

»Ihr tätet besser zu schlafen, als Euch um unsere Signale zu kümmern,« war seine ganze liebenswürdige Antwort.

Graf Ayen näherte sich wieder, und Herr von Lauzun nahm Urlaub von mir. Er war immerhin lang geblieben für die Eile, die er zuerst an den Tag gelegt.

Es juckte mich, den Grafen, der nichts weniger als sein Freund war, ein wenig über ihn auszufragen. Zu meiner großen Freude hörte ich, daß man sich allgemein über nichts so sehr wundere, als über Lauzuns Lebensänderung; er habe sich vor einiger Zeit ganz plötzlich von allen Frauen zurückgezogen, Ayen wollte mit Sicherheit wissen, daß er schon seit Monaten nicht mehr die kleinste Liebschaft unterhalten.

 

12. Juli.

Umsonst erwartete ich Herrn von Lauzun heute abend während des Spiels bei der Königin. Graf Ayen stand mit Herrn von Montausier in einer Fensternische im Gespräche, und als der letztere sich entfernte, näherte ich mich dem Grafen. Mit Vorsicht brachte ich von neuem die Rede auf Herrn von Lauzun.

Ich hätte es besser nicht getan. Des Grafen Rede klang heute anders wie gestern. Er sprach wieder von der brüsken und auffallenden Entfernung des Herrn von Lauzun von den Frauen. Förmlich den Weiberfeind spiele er.

»Aber bei Gott,« fuhr der Graf fort, »wenn Königliche Hoheit verzeihen wollen, ich finde viel Affektation in seinem Betragen. Er verfolgt auch gewiß einen Zweck damit. Er verfolgt mit allem einen Zweck. Er ist ein großer Politiker, der sich nicht leicht in die Karten schauen läßt. Er ist auch ein großer Schauspieler. Und er versteht die große Kunst zu täuschen. Wer ihn für harmlos nähme, sähe sich bald betrogen. Sein Betragen ist immer studiert, jede Miene ist bei ihm berechnet. Er ist noch viel schlauer als man ihn hält. Und er weiß immer was er will, ohne es sich merken zu lassen.«

Wie ich betroffen, ja erschrocken stand bei diesen bösen Worten. Aber ich besann mich zur rechten Zeit, daß der Mann, der so redete, Herrn von Lauzun im Herzen haßte und beneidete.

 

Cateau-Cambrecis, 22. Juli.

Von Landrecies waren wir nach Quesnoy gegangen, von dort nach Catelet, wo wir einen Ruhetag machten und eben jetzt sind wir hier angekommen.

 

23. Juli.

Nach der Tafel, während die Majestäten spielten, hatte ich eine ernste Unterredung mit Herrn von Lauzun. Ich erklärte ihm frei heraus, daß meine Beschlüsse feststünden, daß ich meine Verheiratung je eher je lieber ins Werk zu setzen gedächte, daß ich alle Schwierigkeiten genau geprüft, daß ich sie durchaus nicht für unüberwindlich hielte; daß ich auch, seinem Unglauben zum Trotz, den würdigen Mann gefunden; daß meine Wahl feststünde und daß es nur noch an ihm läge, den ich nun einmal zu meinem wirklichen geheimen Rat erwählt, sie gutzuheißen, woran ich ebenfalls nicht zweifeln könne.

Er schien ganz erschrocken über meine Rede.

»Ihr macht mir Angst,« erwiderte er, »eine solche Hast in einer Sache, wovon das Glück Eures Lebens abhängt? Bedenket: chi va piano, va sano

»Mein lieber Lauzun,« antwortete ich, »Ihr wißt, daß ich bald an die Vierzig rühre, wenn man in diesem Alter noch einmal eine Torheit begehen will, hat man nicht mehr viel Zeit zu überlegen.«

»Torheiten«, unterbrach er mich, »macht man immer noch zu früh, so spät man sie macht.«

»Mag sein,« entgegnete ich; »aber kurz: ich bin entschlossen, die nächsten Tage mit dem Könige zu reden, und wenn mir das Glück nicht ganz und gar gram ist, hoffe ich mich noch in Flandern zu verheiraten.«

»Langsam, langsam,« rief er, »Ihr vergeßt, daß Ihr mich zum Präsidenten Eures geheimen Konseils oder, wie Ihr Euch ausdrückt, zu Eurem wirklichen geheimen Rat ernannt habt. Als solcher fühle ich mich in meinem Gewissen verpflichtet, mit meiner ganzen Autorität Eurem Vorhaben entgegenzustehen. Ich verbiete Euch geradezu, mit dem König zu sprechen. Hier handelt es sich um meine Ehre. Entweder ich muß Euch verhindern, Dummheiten zu machen, oder ich muß Euch alleruntertänigst um meine Demission bitten.

Das alles sagte er nicht scherzhaft, sondern im ernstesten Ton von der Welt.

»Darf ich einen Verdacht aussprechen?« fragte ich. »Gewiß, Ihr mißgönnt mir die Ehe nur, weil Ihr für Euch selber nichts davon wissen wollt.«

»Es ist richtig,« versetzte er, »daß ich mich wahrscheinlich nie verheiraten werde, obwohl man mir vorzeiten das Horoskop gestellt und vorausgesagt hat, durch meine Verheiratung einmal fabelhaft reich zu werden. Eine junge Dame, die mich sehr liebte und die mich einzig dazu veranlaßt hatte, mir das Horoskop stellen zu lassen, wurde, da sie selber arm war, tief unglücklich über diese Prophezeiung.«

Ich wollte den Namen dieser Dame wissen. Er verweigerte mir's rundweg.

»Lassen wir die Astrologie und die alten Fabeln.«

»Gut,« antwortete ich, »aber seid auch ein wenig gerecht; ich habe mich verpflichtet, Eurem Rat unbedingt zu folgen, Ihr solltet einmal auch meinen annehmen.«

»Eure Königliche Hoheit hat mir einen Rat zu geben?«

»Ja,« war meine Antwort, »ich möchte Euch eines ganz ernstlich raten. Ihr solltet vor allem diese Prophezeiung nicht gänzlich in den Wind schlagen. Sie würde mich, wenn ich an Eurer Stelle wäre, zum Kühnsten ermutigen. Ich verstehe nicht viel von Astrologie, aber mein Herz sagt mir, ja ich bin es fast gewiß, daß Euer Horoskop sich erfüllen wird, wenn Ihr nur die Gelegenheit nicht verpaßt. Eure Zeit nicht verliert.«

»Wir übersehen,« sagte er kurz abbrechend, »daß wir die unsere mit Kindereien und Albernheiten verlieren. Indessen erwartet mich die Königin.«

Mit diesen Worten ließ er mich stehen.

Und ein so barsches und ablehnendes Betragen gegen mich sollte (nach Herrn von Ayen) nichts als Verstellung, als berechnender Egoismus sein? Wie lächerlich!

* * *

Herr von Lauzun machte mir ein überraschendes Geständnis. Er fühlt sich von einer schweren Schuld bedrückt. Die Verbannung seines Vetters, des Grafen von Guiche, gestand er mir, laste ihm schwer auf der Seele; denn er sei es gewesen, der dem Grafen den Gedanken mit dem Weihwasserkessel zugeflüstert, infolgedessen der Arme nun zu Warschau in der Verbannung schmachtet.

Ermutigt durch diese Beichte, wagte ich eine Frage.

»Oh,« rief Herr von Lauzun, »Gift wollte ich darauf nehmen auf die Unschuld Ihrer Königlichen Hoheit der Herzogin. Sie hat mit meinem Vetter nur gespielt. Ihre heimliche Liebe galt immer dem König. Mit dem Grafen wollte sie nur den König eifersüchtig machen. Aber allerdings, es war ein gefährliches Spiel, und sie sind beide hart dafür gestraft worden.«

Das war auch immer meine Auffassung. Und wie ritterlich von Herrn von Lauzun, so warm für die verlästerte Freundin einzutreten!

 

Douay, Samstag, 29. Juli.

Als man heut bei dem feierlichen Empfang der Königin hier eine gar nicht enden wollende Ansprache an sie hielt, und ich bemerkte, daß die Herzogin von Orléans sich gesetzt hatte, folgte ich ihrem Beispiel. Aber obwohl wir uns in ziemlicher Entfernung hinter der Königin hielten, scheint sie es dennoch bemerkt und sich beim König darüber beklagt zu haben, wenn anders Vetter Orléans mir die Wahrheit sagte.

Seine Majestät, versicherte er, habe ihm harte Vorwürfe deswegen gemacht und geäußert, ich besonders verdiente strengen Tadel, da ich doch im ganzen gescheiter und besonnener sei als die Herzogin.

 

Tournay, 3. August.

... stand Herr von Lauzun in der Nähe meines Wagens und ich wollte die Gelegenheit benutzen, um seine Meinung zu hören, was ich dem König wegen meines gestrigen Verstoßes gegen die Etikette sagen solle. Ich bat ihn, mir die Hand zu reichen. Aber er wandte sich ab, als ob er mich nicht bemerkt habe, und da ich den Fuß schon vorgesetzt hatte, fehlte nicht viel, daß ich langewegs zu Boden geschlagen wäre.

Die Umstehenden, denen sein Betragen nicht entgangen war, machten seltsame Gesichter.

Ich dachte mir, er werde wohl seine Gründe haben, und zürnte ihm nicht.

* * *

Unsere Herzogin von Orléans war während dieser ganzen Reise sehr unglücklich. Sie genoß kaum je etwas anderes als Milch. Sobald sie irgendwo aus dem Wagen stieg, zog sie sich zurück, um sich zu Bett zu legen. Der König besuchte sie oft und überhäufte sie mit Rücksichten.

Um so schlechter behandelt sie ihr Mann. Er ist manchmal von unglaublicher Roheit gegen sie.

Dieser Tage, während der Fahrt im Wagen, in Gegenwart der Herzogin, kam die Rede auf die Astrologie, und Vetter Orléans erzählte lachend, sein Horoskop habe ihm vorausgesagt, daß er mehrere Frauen haben werde, was der Gesundheitszustand der Herzogin täglich wahrscheinlicher erscheinen lasse.

Man kann sich denken, was die Arme für eine Miene dazu machte.

Ich hatte Vetter Orléans nie hoch eingeschätzt und habe mich immer gewundert, wie zwei so ungleiche Brüder als er und der König möglich wären; aber daß er bei all seiner Beschränktheit zugleich ein solcher Unmensch sei, hätte ich doch nicht geglaubt. Unmenschlichkeit kann man uns Bourbonen am wenigsten nachsagen.

Der König tat, als ob er die Rede seines Bruders überhörte, um einen Auftritt zu vermeiden er hätte ihm wohl am liebsten eine Ohrfeige gegeben.

Ich wollte vergehen vor Scham und noch nie in meinem Leben hat mir ein Mensch so leid getan wie die arme kranke Frau, die mir gegenübersaß und der ihr eigener Mann solche Reden an den Kopf warf.

 

Samstag, 12. August.

Der Gouverneur von Spanisch-Flandern, der Herr Konnetabel von Kastilien, schickte uns heute seinen natürlichen Sohn, Don Pietro de Velasco, um dem König seinen Hof zu machen. Der Spanier erschien in reichster Equipage, mit zahlreichem Gefolge. Darunter befand sich auch ein spanischer Ingenieur von großem Ruf, dem der König die Ehre antat, daß er ihm persönlich die Zitadelle von Tournay zeigte, die im Bau begriffen ist. Morgen geht es von hier nach Courtray.

 

Dünkirchen, 2. September.

Zu Courtray erschien ein Botschafter Karls II. von England, um eine Zusammenkunft unserer Base von Orléans mit ihrem Bruder in Dover zu verabreden. Vetter Orléans protestierte dagegen mit großer Heftigkeit. Ich merkte, er tat es nur, weil er sah, wie sehr sich seine Frau auf die Reise freute. Doch der König war dafür. Er duldete keine Opposition.

Seine Majestät hat wohl Ihre Absichten, man sagt, daß die Herzogin mit wichtigen Aufträgen von seiten des Königs nach England geht.

 

Calais, 8. September.

Gleichzeitig mit uns traf gestern der Marquis von Croissy, der Botschafter unseres Königs bei Seiner englischen Majestät ein. Man bringt mit seiner Hierherkunft die seltsamsten Gerüchte in Verbindung, die mich erschrecken könnten, wenn ich dran glaubte.

Aber das sind doch die reinsten Albernheiten. Der König von England, heißt es, wolle sich von seiner Frau, der Schwester des Königs von Portugal, scheiden lassen, weil sie kinderlos sei. Ich weiß wohl, warum man mir das Gerücht so eifrig überbrachte und was sie damit zusammenreimen. Ein verächtliches Achselzucken war meine ganze Antwort.

 

11. September.

Ich hatte geglaubt, daß ich mich mit dem König von England nicht mehr zu beschäftigen haben würde. Am wenigsten hätte ich gedacht, daß ich seinetwegen noch einmal eine Nacht nicht schlafen könne.

Ich habe nicht nur nicht geschlafen, ich habe auch geweint die ganze Nacht.

Der König selber hat mir's gestern bestätigt: Seine Majestät von England wolle Ihre Ehe lösen und um meine Hand anhalten. Der König ließ nicht undeutlich durchblicken, von welch großer politischer Wichtigkeit eine solche Verbindung im Augenblick für ihn wäre, da man damit wahrscheinlich Seine englische Majestät zu einer Allianz mit Frankreich bewegen könne.

In meinem Leben bin ich nicht so erschrocken wie bei dieser Eröffnung. Mein erster Gedanke war Herr von Lauzun, die Tränen stürzten mir aus den Augen.

Von ihrem Spieltisch her hatte die Königin zugehört.

»Aber das ist ja entsetzlich,« rief Ihre Majestät, »sich zu denken, daß ein Mann zu gleicher Zeit zwei Frauen hat.«

Sie mochte glauben, daß dies der Gedanke war, der mich so erschreckte.

»Sagt mir Eure Meinung, Base,« sprach der König.

Ich antwortete unter Tränen.

»Sire,« sprach ich, »ich weiß nichts zu sagen als das: daß ich keinen eigenen Willen habe, daß ich aber überzeugt bin, Euere Majestät werde mir nichts zumuten, was gegen Dero Gewissen spricht und gegen das meinige.«

»Wie!« rief mir die Königin zu, fast außer sich, »Ihr würdet aus lauter Gefälligkeit das Ungeheuerliche tun, wenn es der König wollte?«

»Nun,« versetzte der König lächelnd, »meine Base weiß schon, daß mir mein Seelenheil nicht gleichgültig ist.«

Vetter Orléans fand die Idee dieser Heirat herrlich. Die Gräfin Montespan meinte: »Der König von England war von Kindheit auf in Ihre Königliche Hoheit verliebt, er wird sie gewiß glücklich machen. Wir können unserer Fürstin nur gratulieren.«

Nach ihren Worten und dem Ton ihrer Rede konnte es scheinen, als ob der König bereits über mich verfügt habe. Ich mußte immer heftiger weinen, wie freundlich mich auch der König zu begütigen suchte.

Berührt wurde die Sache nicht mehr, da sich nun auch der König und mit ihm alle übrigen am Spiel beteiligten. Sobald es die Etikette gestattete, flüchtete ich auf mein Zimmer, von den verzweiflungsvollsten Gedanken wie von Furien gemartert.

Heute bin ich ruhiger. Alles hängt ja nur davon ab, daß ich fest bleibe. Mein Schicksal liegt allein in meiner Hand. Ja, ich sollte Gott danken für diese neue Fügung der Dinge; sie geben mir Gelegenheit, Herrn von Lauzun zu zeigen, daß ich ihn allen Königen und Kaisern der Erde vorziehe.

* * *

Das ist das Verzweiflungsvollste meiner Lage, daß ich gerade von derjenigen Seite, wovon ich nichts als Aufrichtung und Ermutigung sollte erwarten dürfen, immer nur wieder das gerade Gegenteil erfahre.

»Ich habe von den Absichten des Königs von England gehört,« sagte mir Herr von Lauzun heute, »man hat mir erzählt, daß Ihr geweint hättet und daß man Euch kindisch gefunden hat.«

»Und Ihr,« brach ich in meiner Leidenschaft hervor, »auch Ihr findet mich wohl kindisch?«

»Keineswegs,« gab er dawider, »das ist nicht mein Urteil. Für mich liegt etwas Großes in dem Schmerz, der Euch überkommt bei dem Gedanken, den König verlassen zu müssen. Davon abgesehen aber fände ich es sehr glorreich für Euch, einen mächtigen Monarchen zu heiraten, der seine Gemahlin ihrem Vater zurückschickt, um sich mit Euch verbinden zu können, die er immer geliebt hat.«

Ist es Ahnungslosigkeit, ist es heroische Selbstverleugnung – oder ist es gar nur grausame Lust, sich an dem schmerzhaften Zucken meines gequälten Herzens zu werden, was Herrn von Lauzun also reden läßt?

 

Abbeville, 15. Sept.

Nachdem heute bei der Königin der Marquis von Croissy sich lange mit mir unterhalten, trat Lauzun zu mir heran.

»Wie ich sehe, oder vielmehr wie ich sicher annehmen darf,« sagte er ohne alle Vermittlung, »hat unser Botschafter Euch von der englischen Heirat gesprochen. Ihr habt mich zu Eurem vertrauten Ratgeber erwählt, ich will Euch meine Meinung nicht vorenthalten. Nach meiner aufrichtigen Überzeugung solltet Ihr Euch beglückwünschen, eine so große Königin zu werden, noch dazu in einem Lande, wo Ihr unserer französischen Majestät so unschätzbare Dienste leisten könnt. Auch wird Euch der König, wie ich sicher weiß, im Innersten dafür erkenntlich sein. Der König von England ist sein aufrichtiger Freund und, was mehr heißen will, ein Mann, der seine und Eure Achtung in jedem Sinne verdient. Wenn Ihr das Geringste auf meinen Rat gebt, zögert Ihr nicht einen Augenblick länger.«

Das konnte unmöglich seine aufrichtige Meinung sein. Wenigstens konnte ich's kaum glauben. Ich war überzeugt, daß er mich nur auf die Probe stellen wollte.

»Ihr würdet mich auslachen,« lautete meine Entgegnung, »wenn ich Eure Worte im Ernst nähme und in diesem Sinne beantwortete. Ihr wißt, was ich Euch kürzlich eröffnet habe und Ihr könnt mich unmöglich für so flatterhaft und oberflächlich halten, als Ihr Euch jetzt den Anschein gebt.«

Wir standen in einer Fensternische im Gemach der Königin. Draußen auf der Terrasse vor uns kamen nacheinander eine große Anzahl unserer Hofkavaliere vorüber. Ich konnte mich nicht enthalten, über jeden einzelnen meine Bemerkung zu machen, über Eigentümlichkeiten und Sonderbarkeiten in Kleidung und Haltung, in Gestalt und Physiognomie oder sonstigen Äußerungen des Wesens.

»Ich merke,« sagte Lauzun, »daß keiner von allen diesen jener Bevorzugte ist, wovon Ihr mir gesprochen und dem Ihr eine so hohe Bestimmung zugedacht habt.«

»Dennoch ist er vielleicht in nächster Nähe,« antwortete ich. »Wollt Ihr nicht einmal raten, wer es sei? Ich bin sicher, daß es Euch mit ein bißchen gutem Willen gelingen müßte.«

Er lächelte. »Wahrhaftig« versetzte er, »ich muß Euch manchmal bewundern, an was für Kindereien Ihr ein Vergnügen haben könnt.«

Er brach das Gespräch ab und verließ mich nach wenigen Minuten.

 

16. September.

Ich habe noch nicht gesagt, daß ich mich auf dieser Reise mit der Gräfin von Nogent befreundet habe, die seine Schwester ist. Sie ist schon aus unserer Rückreise von Saint-Jean-de-Luz als Edelfräulein bei der Königin eingetreten und man hat sie bald darauf an den Grafen von Nogent verheiratet. Mein letztes Gespräch mit ihr verdient hier notiert zu werden. Obwohl ich das Gerücht von einer Heirat des Herrn von Lauzun mit der Herzogin La Vallière immer lächerlich gefunden, wollte ich doch einmal hören, was seine Schwester dazu sagte.

Sie gestand mir, dieser Handel sei wirklich im Ernst besprochen worden, ihr Bruder aber habe sich so entrüstet über eine derartige Zumutung, daß er nahe daran gestanden den Dienst des Königs zu verlassen.

 

Compiegne, 23. September.

Gestern kam unsere Herzogin von Orléans aus England zurück, der König empfing sie mit seltener Auszeichnung; es scheint, daß die geschäftlichen Ergebnisse ihrer Reise ihn sehr befriedigt haben.

Von anderer Seite erwartete sie hier eine schmerzliche Nachricht. Nur wenige Stunden vor ihrer Ankunft hatte uns die Meldung erreicht, daß ihre Mutter, die verflossene Königin von England, zu Colombes bei Paris plötzlich gestorben ist. Sie war meine leibliche Tante und nächste Verwandte. Tochter eines großen Königs und lange selbst Mitbeherrscherin eines der mächtigsten Reiche der Erde, ist sie fast in Armut gestorben, nachdem sie für die Erhebung ihres flüchtigen Sohnes auf den Thron seiner Väter all ihre Schätze und Reichtümer geopfert hatte.

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