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Prinzessin Jungfrau

Benno Rüttenauer: Prinzessin Jungfrau - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorBenno Rüttenauer
titlePrinzessin Jungfrau
publisherGeorg Müller
printrunDritte Auflage
year1911
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20131115
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Erstes Buch

Luxemburgpalast, 9. März.

Eben überbrachte man mir die Nachricht von dem Tod des Kardinals. Heute früh um halb neun Uhr ist er in Vincennes gestorben. Fast wäre er kurz vor seinem Tode bei lebendigem Leibe verbrannt. Er lag in den Gemächern der Königin bereits krank darnieder, als vor acht Tagen in jenem Flügel des Louvre, nämlich in der Galerie, die sich nach dem Flusse hinzieht, der große Brand ausbrach, der den ganzen königlichen Palast zu zerstören drohte. In einer Sänfte brachte man den Todkranken nach Vincennes. Seine letzten Augenblicke, erzählt man mir, seien sehr fromm und erbaulich gewesen; sein Leben war's weniger.

Frankreich wird ihm nicht nachweinen – höchstens die Verfasser von Mazarinaden und anderen Schandliedern auf ihn, die nun außer Brot gesetzt sind. Frankreich wird aufatmen. Ob mit gutem Grund? Wenn Fouquet sein Nachfolger wird, dann kommt das Land vom Regen in die Traufe.

Auch der junge König wird aufatmen. Er schuldet dem Kardinal viel, aber der Mensch ist am undankbarsten gegen die, denen er am meisten verdankt.

Und der Kardinal hat ihn gehörig unter dem Daumen gehalten. Es würde mich sehr wundern, wenn er nicht versuchen sollte, nun einmal selber den Herrn zu spielen. Mit dreizehn Jahren hat man ihn für mündig erklärt, er ist unterdessen dreiundzwanzig geworden; vielleicht findet er, daß es an der Zeit ist, mit seiner Mündigkeit Ernst zu machen. Gott bewahre ihn vor dem Herrn Fouquet, nachdem er ihn endlich von Mazarin befreit hat.

Mich hat dieser ewig lächelnde Italiener redlich gehaßt. Unsere Aussöhnung in den letzten Jahren war sehr oberflächlich. Er hat mir jenen zweiten Juli, wo ich die Kanonen der Bastille auf die Truppen seines getreuen Turenne herunterspeien ließ, nie vergessen. Ohne ihn wäre ich heute Königin von Frankreich.

Einen einzigen Mann trägt die Erde, vor dem ich mich freudig beuge und von dem ich's hinnehmen möchte, daß er nicht nur als König, sondern auch als Mann, mein Herr sei. Ihn hat man einer andern vermählt. Das ist das Werk Mazarins, des verruchten Priesters aus den Abruzzen. Er hat es fertig gebracht, mich wegzustoßen und an meiner Statt die alberne Spanierin auf den Thron von Frankreich zu setzen.

Es wird ja nicht an Historiographen fehlen, die den herrschgewaltigen Priester mit Richelieu vergleichen und zum großen Manne stempeln werden. Und es ist wahr, was er gewollt hat, hat er über alle Maßen erreicht! Denn was anders war sein Trachten, als mit seiner erborgten Autorität jede legitime Autorität zu unterdrücken, die Königin-Witwe zu tyrannisieren, den jungen König in Unmündigkeit zu erhalten und vor allem sich zu mästen vom Fett einer Nation, die er verachtete.

 

10. März.

Der König soll fest entschlossen sein, die Zügel der Regierung in eigener Hand zu behalten. Gestern in einem außerordentlichen Ministerrat im Louvre, sozusagen im Angesicht der Leiche des Kardinals, soll er den Herren in unzweideutiger Weise seinen Willen kundgetan haben. Nichts soll mehr ohne seine ausdrückliche Einwilligung verfügt werden. Alle Gnadengesuche seien einzig an seine Person zu richten.

Seine Minister, solle er sich geäußert haben, hätten sich einzig als seine Werkzeuge zu betrachten, als Vollstrecker des einen königlichen Willens.

Bravo! Wie ich beten will, daß Gott ihm Kraft gebe.

* * *

Noch vor wenigen Wochen hörte ich den Kardinal sich rühmen, daß er auch nicht einmal in seinem Leben die Messe gehört in dem Sinn wie die Kirche es vorschreibt.

»Kein närrischer Volk als die Franzosen,« pflegte er oft zu sagen,« sie singen Schimpflieder auf mich auf allen Gassen, aber sie lassen mich ruhig gewähren; ich lasse sie singen und sagen und tue was ich will.« Die Pamphlete gegen ihn, die er bei den Buchhändlern konfiszieren ließ, brachte er unter der Hand selber wieder in den Handel. Er soll mit diesem Geschäft über zehn Millionen Taler verdient haben.

Große Schurken hat auch Frankreich jederzeit hervorgebracht; einen so feinen mußte es sich schon aus Italien kommen lassen.

* * *

Wie doch Brüder so verschieden sein können. »Nein,« sagte mir Vetter Orléans heute, während er vor meinem Spiegel sich ein Schönheitspflästerchen festklebte, »nein, man sage mir was man wolle, ich bleibe dabei, mein Bruder hat seinen Beruf verfehlt. Sich in den Kopf zu setzen, ein großer Mann zu werden. Als ob ein König das nötig hätte. Alles soll von nun an allein durch ihn geschehen. Sechs Stunden Arbeit hat er sich festgesetzt für jeden Tag. Das nennt er absoluter Herr sein. Ich heiße das, sich zum absoluten Diener und Hausknechte des Staates hergeben. Wahrhaftig dieser arme König tut mir leid. Wozu gibt es denn auf der Welt die Sully, die Richelieu, die Mazarin, wenn die Könige die Arbeit selber tun wollen.«

Und er tupfte sich mit dem Zeigefinger gegen die Stirne.

Die Schwäche bringt es also fertig, die Kraft zu bemitleiden.

Wie verächtlich ich ihn fand, diesen kleinen Bruder eines großen Königs.

 

14. April.

Ich habe ganz vergessen, von der Vermählung meines Vetters von Orléans mit seiner Base, der Prinzessin Henriette, der Schwester König Karls II. von England zu sprechen.

Zu Lebzeiten Mazarins hat sich die Königin– Mutter mit Rücksicht auf den Kardinal dieser Heirat widersetzt; nach dessen Tod aber drängte Vetter Orléans so ungestüm darauf, daß der König ihn einmal scherzweise fragte, ob er es denn gar nicht erwarten könne, sich mit den Knochen des heiligen Innozenz zu verheiraten.

Unsere junge Herzogin ist nämlich auffallend mager. Sie ist nichtsdestoweniger ein ganz graziöses Geschöpf. In allem, was sie spricht und tut, drückt sich eine unendliche Grazie aus. Gott mag wissen, wie sie es fertig gebracht hat, daß alle Welt ihren schlanken Wuchs rühmt, obwohl sie bucklig ist. Ihr Mann selber hat es erst nach der Verheiratung gemerkt.

Die Vermählung wurde im Palais Royal bei der Königin-Witwe von England, die noch immer dort wohnt, und die diese Heirat besonders betrieben hat, durch den Bischof von Valence, den Großalmosenier von Frankreich, vollzogen. Die Braut war ungeheuer geschmückt. Es wundert mich, daß das Figürchen nicht zerbrach unter dem schweren Goldbrokat und der Krone von Diamanten.

Bis das Palais Royal frei wird – die Königin von England will in Saint-Germain ihre Residenz nehmen, – bewohnt das neuvermählte Paar die Tuilerien.

 

15. April.

Gestern bei der Rückkehr des Hofes von Versailles ist die kleine La Vallière, die bekanntlich ohnedies schon hinkt, vom Pferde gestürzt und hat sich den Fuß verstaucht. Der Fall würde nicht viel bedeutet haben, leider hat der König das Übel vergrößert. Sein Betragen bei dieser Gelegenheit wird den müßigen Zungen auf lange hinaus zu tun geben.

Ich weiß nicht, wie der Wundarzt auf den Gedanken kam, sie am Fuß zur Ader zu lassen. Der König war dabei gegenwärtig und machte mit seiner geschäftigen Überbesorgtheit den Chirurgen derart befangen und unsicher, daß seine Lanzette zweimal falsch einschlug. Die heftigen Vorwürfe des Königs verschüchterten den Armen noch mehr, und als ihm infolge eines ungeschickten Zuckens mit dem Fuß von seiten der La Vallière gar die Lanzette abbrach, dergestalt, daß die Spitze im Fleisch zurückblieb, geriet der König außer sich. Er soll den unglücklichen Chirurgen, was ich aber kaum glauben kann, mit Fußtritten zur Tür hinausbefördert haben.

* * *

Am Donnerstag ist die Königin mit dem Herrn Dauphin niedergekommen. Der Jubel der ganzen französischen Nation über dieses Ereignis war beispiellos. Ich lag mit Fieber zu Bette, als man mir die freudige Nachricht brachte, und ich hatte eine solche Ungeduld, mich zu erheben, daß das Fieber sich bis zu einem ungewöhnlichen Grad steigerte. Es wurden überall Freudenfeuer entzündet und Jubelfeste gefeiert, zu denen ich so gern auch mein Teil beigetragen hätte. Der Marquis von Puyguilhem war's, ein Kapitän der königlichen Leibgarde, durch den mir der König in ganz persönlichem Auftrag die frohe Botschaft zukommen ließ. Da ich leider nicht imstande war, nach Fontainebleau zu gehen, schickte ich meinen ersten Kammerherrn, um dem König und der Königin meine Glückwünsche zu übermitteln.

 

21. April.

Der König war mit seinem ganzen Hofstaat bei Fouquet auf Schloß Vaux zu Gast, und der kleine Puyguilhem hat gestern abend bei der Gräfin von Soisson wahrhaft mirakulöse Dinge von dieser Gasterei erzählt. Er meinte, daß allein das Gold, das bei der Tafel zur Verwendung kam, auf dreißig bis vierzig Millionen zu schätzen sei, von dem ungeheuren Prunk an Silber gar nicht zu reden. Mindestens einhundertfünfzigtausend Livres soll das »einfache Abendessen« den Finanzverwalter gekostet haben. Ach ja, in den Händen, durch die alles Gold von Frankreich rinnt, sollte nichts hängen bleiben ...

Dieser kleine blondliche Puyguilhem – er ist ein jüngerer Sohn des Hauses Caumont-Lauzun aus der Gaskogne – hat wirklich eine spaßige Art zu erzählen. Er gilt seit kurzem für einen der geistreichsten Kavaliere am Hof, und der König soll förmlich seinen Narren an ihm gefressen haben. Ich meinerseits finde den nachlässig gekleideten Gaskogner, so hübsch er ist, eher unsympathisch. Er hat eine Manier, seine Zuhörer von oben herunter zu behandeln, die manchmal hart an Ungezogenheit grenzt. Sein besonderer Trick ist, die Leute lächerlich zu machen, ohne daß sie es merken. Nun, wenn sie's ihm hingehen lassen, hat er ja recht, sie für Esel zu halten.

Der Besuch des Königs auf Schloß Vaux gibt zu denken. Alle Welt hält bereits für ausgemacht, Fouquet werde der Nachfolger des Kardinals werden. Ich glaube nicht daran. Wie ich meinen königlichen Vetter kenne, ist es seine Meinung, daß der König der reichste Mann von Frankreich sei, nicht aber der Minister. Die Situation ist zu heikel für Seine Majestät. Sie ist fast beschämend. Man darf nur die Schöngeister hören. In ihrem Lexikon heißt der König von Frankreich nicht Ludwig, sondern Fouquet. Natürlich, Fouquet zahlt ihnen größere Pensionen als Ludwig. Er hat's gut machen, er schneidet seine Riemen aus der Haut Frankreichs. Dem sorglosen und auch ein wenig gottlosen Fabulierer La Fontaine mag das passen. Aber dem König?

 

Luxemburgpalast, 25. April.

Das kleine hinkende Mädchen aus Tours, namens La Vallière, seines Zeichens Ehrenfräulein im Palais Royal, bei Base Orléans, macht ein wenig viel von sich reden.

Vorgestern war großer Empfang der Botschafter beim König. Als nach Schluß der Zeremonie der König einige Worte an mich richtete, fuhr er plötzlich herum wie von einer Natter gestochen. In der Nähe stand der Herzog von Montausier, dem der Marquis von Sourdes etwas zugeflüstert. »Was sagen Sie? Im Kloster? Die La Vallière?« stieß Montausier halblaut hervor.

Diese Worte hatte der König, während er mit mir sprach, gehört. Er nahm Herrn von Montausier auf die Seite. Jedermann konnte sehen, wie er erbleichte. Mit zorniger Stimme befahl er einen Wagen. Der Königin-Mutter warf er einen drohenden Blick zu. »Sire,« erlaubte sie sich zu sagen, »mir scheint, Ihr seid nicht ganz Herr über Euch selber.« »Die mich zu bevormunden gedenken«, antwortete der König barsch, »sollen bald erfahren, wie weit ich der Herr über mich bin, über mich und über die andern.« Und mit einer tiefen Verbeugung gegen die beiden Königinnen schritt er hinaus.

Der ganze Vorgang war mir ein Rätsel. Erst heute erfuhr ich, wie die Sachen zusammenhingen. Die Königin-Mutter hatte einige Tage zuvor die La Vallière vor sich rufen lassen und mit heftigen Vorwürfen und Drohungen überhäuft. Am andern Morgen war das Fräulein aus dem Palais Royal verschwunden.

Kein Mensch wußte etwas über ihr Verbleiben. Erst am dritten Tag entdeckte man ihren Aufenthalt in einem Kloster zu St. Denis.

Von all dem erfuhr der König das erste Wort bei jenem feierlichen Empfang der Botschafter. Noch in derselben Stunde hat er die Flüchtige in eigener Person aus dem Kloster geholt, und seit heute früh weiß jedermann, daß sie unter dem Titel einer Herzogin von La Vallière mit einem großen Hofstaat den Palast Biron bezogen hat, der nach den genausten Vorschriften des Königs und unter seinen eigenen Augen für sie eingerichtet worden ist.

Er wird hoffentlich nicht verlangen, daß ich ihr den Hof mache.

* * *

Seit dem Tode des Kardinals hat sich der Marschall von Turenne mir wieder genähert. Er scheint mir also meine Kanonade von der Bastille herunter nicht länger nachtragen zu wollen. Ich treffe ihn oft bei der Königin, und er gesellt sich mir bei jeder nur schicklichen Gelegenheit. Neulich ließ er sich sogar herab, mir ein ironisches Kompliment über meine »Heldentaten« vom Jahr zweiundfünfzig zu machen. Ich antwortete ihm mit einer ebenso ironischen Verbeugung.

 

29. April.

Man spricht jetzt von nichts anderem als von der Verbannung der Gräfin von Soisson. Das Erstaunen über ihre Ungnade ist um so größer, als jedermann wußte, wie hoch sie in der Gunst des Königs stand. Ein boshaftes Wort über die La Vallière, das dem König zu Ohren kam, hat alle ihre Hoffnungen vereitelt. Und sie hatte kühne Hoffnungen, wie ich sicher weiß.

Die erste Begegnung des Königs mit der La Vallière geschah übrigens unter meinen Augen, und der blonde Gaskogner, der Marquis von Puyguilhem hat den ganzen Roman auf dem Gewissen.

Es verging damals kein Tag, daß der König nicht ins Palais Royal kam. Er gefiel sich offenbar nirgends so gut, als bei seiner hübschen kleinen Schwägerin. Die kokette Henriette von England schien ihn wie am Schnürchen zu führen. Stand er etwa im Begriff, sich selber in »die Knochen des heiligen Innozenz« zu verlieben?

Aber nicht immer gelang es der Prinzessin, ihren königlichen Herrn Schwager in guter Laune zu erhalten. Darüber wurde sie selber in ihrem Innern oft ganz trostlos, was dann auf die ganze Gesellschaft recht peinlich wirkte. Und so war's damals, an dem Abend, von dem ich erzählen will. Der Marquis von Puyguilhem gedachte die Situation durch einen Scherz zu retten. »Großer Monarch,« begann er mit dem ihm eigenen scherzhaften Pathos, und er darf sich dem König gegenüber jede Freiheit herausnehmen, »großer Monarch, wenn Du wüßtest, was für eine inbrünstige Verehrerin Du in dem Hause unserer schönen Wirtin hast. Du würdest kein solches Armensündergesicht machen. Sie ist nur eine der kleinen Gesellschafterinnen Ihrer Königlichen Hoheit, aber welch ein goldenes Herz! Was hat sie mir erst gestern gestanden? »Ich darf wahrhaftig«, sagte sie, »den König nicht mehr ansehen, es geht um das Heil meiner Seele, und meine armen Augen werden noch erblinden in seinem Glanz!«

Es mochte etwas Wahres an dem sein, was Puyguilhem erzählte, aber die absichtliche Übertreibung war doch zu erkennen. Dabei ahmte er in Stimme, Haltung und Gebärde, in sehnsüchtigem Augenaufschlag und andern Grimassen, so unübertrefflich die Art eines kleinen verliebten Fräuleins nach, es war wirklich ein Gaudium, ihn zu sehen und zu hören. Vetter Orleans, der sonst nicht leicht einen Witz versteht, hielt sich den Bauch vor Lachen, daß die goldenen Armbänder, von denen er immer ein halbes Dutzend an sich trägt, nur so klirrten.

Der König allein blieb ernst. Man redete bereits wieder von andern Sachen, als auf einmal die beiden Ehrenfräulein in das Gemach traten. Ihre Herrin hatte es heimlich so verfügt, sie wollte die verschämte Anbeterin des Königs für ihre Kühnheit demütigen. »Ist es die?« fragte der König, indem er auf die Tonnay-Charente deutete. »Nein, die Andere ist's, die blauäugig-aschblonde,« rief Puyguilhem lachend. »Selber hinkt sie ein wenig.«

Die Andere aber war die La Vallière. Sie wurde über und über rot vor Verlegenheit, und die hellen Tränen traten ihr in die Augen. Der König aber machte ihr eine ehrfurchtsvolle Verbeugung und richtete so freundliche Worte an sie, daß wir alle erstaunten.

Niemand hätte sich jedoch träumen lassen, was in diesem Augenblick in ihm vorging. Drei Tage darauf wurde die La Vallière von ihrer Herrin darüber ertappt, wie sie inbrünstig eine dreifach gereihte Perlenschnur küßte, ihr erstes Geschenk von der Hand des Königs.

* * *

Heute habe ich dem Herrn Dauphin, der jetzt sechs Wochen alt ist, im Louvre mit unbeschreiblicher Freude zum erstenmal meine Aufwartung gemacht. Er ist seit wenigen Tagen von Fontainebleau hierher gebracht worden. Die Herzogin von Montausier ist zu seiner Gouvernante gesetzt, sie machte die Honneurs seines Hauses; der König und die Königin sind zufolge eines Gelübdes auf einer Wallfahrt zu Unserer Lieben Frau von Chartres begriffen.

* * *

Von unserem Finanzminister Fouquet erzählt man sich kuriose Dinge. Eine Anzahl wichtiger Besitzungen in der Bretagne soll er unterderhand in förmliche Festungen verwandelt haben; will er dem König Angst machen?

* * *

Die Königin von England, die zuletzt in Saint-Cloud residierte, ist dieser Tage nach Dover abgereist, um mit ihrem Sohne (Karl II. von England) gewisse geschäftliche Angelegenheiten zu regeln. Vorher wurde noch ein Ballett bei ihr getanzt, bei dem zum erstenmal auch Damen auftraten. Auch unsere Königin tanzte mit, ich ebenfalls. Mit unübertrefflicher Grazie tanzte wieder der König.

Als sich Ihre Englische Majestät von mir verabschiedete, fiel sie mir um den Hals und küßte mich unter Tränen. »Ich werde es Euch nie verzeihen,« sagte sie fast schluchzend, »daß Ihr meinem Sohn die Schande angetan, ihn nicht heiraten zu wollen; Ihr würdet gewiß die glücklichste Frau der Welt geworden sein.«

Ich fand es geschmacklos, noch einmal von einer Sache anzufangen, die längst abgetan ist.

* * *

Gestern bei der Königin sagte mir Turenne, daß er ein Wort mit mir zu reden habe, daß er mich heut besuchen werde. Ich erwartete ihn bis vier Uhr; als er aber immer noch nicht kam, packte mich die Ungeduld und ich ließ meinen Wagen anspannen. Ich stieg schon die große Treppe im Palast hinunter, als der seinige in den Hof einfuhr. Also kehrte ich mit ihm zurück, und nachdem wir uns in meinem Arbeitskabinett am Kamin niedergelassen, fragte ich, was mir die Ehre verschaffe.

Sein ganzes Gehaben drückte eine seltsame Verlegenheit aus. Man weiß, wie ihm die dichten schwarzen Augenbrauen über der Nasenwurzel fast in eins verwachsen sind, was seiner Physiognomie einen so mißlichen Zug gibt. Wenn er nun gar, wie er jetzt wiederholt tat, die Stirne runzelt, so verleiht ihm das vollends ein düsteres, unheildrohendes Aussehen. Er tat aber so freundlich als es ihm nur möglich ist.

»Ihr wißt,« begann er, »ich habe Euch immer geliebt wie meine eigene Tochter, trotz allem, was es früher zwischen uns gegeben hat. Ich bin ein wenig Euer Vetter (er ist von meiner Mutter her mit mir verwandt), darum darf ich Euch wohl versichern, daß mir Euer Glück am Herzen liegt wie das meinige. Ebensowenig zweifle ich an Eurer Freundschaft für mich.«

Die lange Einleitung machte mich ungeduldig.

»Also kurz, um was handelt es sich,« fragte ich brüsk, ohne ihm erst seine Komplimente zurückzugeben.

»Um Eure Verheiratung,« war seine Antwort.

Ich ließ ihn nicht fortfahren, ich fiel ihm in die Rede. Das sei ein heikles Thema; ich dächte gar nicht daran, mich zu verändern, ja ich sei fest entschlossen, es niemals zu tun.

»Ihr sollt Königin werden,« antwortete er. »Hört mich an, laßt mich ausreden. Ihr könnt mir hernach Eure Meinung sagen. Ich will Euch zur Königin von Portugal machen.«

»Ich will aber nicht, zum Kuckuck,« unterbrach ich ihn von neuem mit großer Heftigkeit.

Er zog, wie er ja gern in der Rede zu tun pflegt, die rechte Schulter gegen das Ohr hinauf und seine buschigen Augenbrauen krochen mehr als je ineinander. Doch suchte er seinen Worten einen devoten Ton zu geben.

»Prinzessinnen von Eurem Rang,« erklärte er mit einer gewissen Autorität, »ich brauche Euch das nicht erst zu sagen, dürfen keinen andern Willen haben als den des Königs.«

Ob er mir das im Auftrag Seiner Majestät sage, fragte ich.

Er verwahrte sich dagegen, er bat mich nochmals ihn wenigstens anzuhören und er hielt mir eine lange Rede: daß die Königin-Mutter von Portugal eine Frau von bedeutenden Eigenschaften sei; daß sie allein die Revolte gegen Spanien ins Werk gesetzt und ihren Sohn zum König gemacht habe; daß sie wohl wisse, wie es nur ein einziges Mittel gebe, diesem Sohn den Thron zu sichern, und so weiter. Und also sei das Schicksal des jungen Königreichs in meine Hand gelegt. Der junge König aber sei ein schwacher Mensch, der nie einen andern Willen gekannt als den seiner Mutter; indem ich seine Hand annähme, würde ich mich zur unumschränkten Herrin von Portugal machen. Er sei außerdem ein hübscher Blondkopf und daß er einseitig paralytisch sei, merke man kaum, außer daß er das rechte Bein etwas nachschleppe und einige Mühe habe, sich des rechten Armes zu bedienen. Bis jetzt habe er weder gute noch schlimme Neigungen, ich könne aus ihm machen, was ich wolle. Jedenfalls sei er nicht der Mann, mir die Herrschaft zu schmälern. Meine jetzigen großen Einkünfte würde ich ungeschmälert weiter beziehen, und von Personen könne ich mit mir nehmen, wen ich nur wolle. Seine Majestät habe die Absicht, ein starkes Heer in Portugal zu unterhalten. Die Ernennung aller höheren Offiziere sei mir überlassen, das Heer stünde durchaus unter meinem Befehl. Seine Majestät werde mir in allem freie Hand lassen.

Hier unterbrach ich den Redner. »Mein Vetter«, entgegnete ich kalt, indem ich mich zur Ruhe zwang, »es ist nicht möglich, daß der König auch nur ein Wort von dem weiß, was Ihr mir da sagt. Ihr müßt Euch in außerordentlichem Kredit bei Seiner Majestät glauben, wenn Ihr Euch einbildet, dergestalt über dero Truppen verfügen zu können. Ihr erzählt mir da ja wunderschöne Dinge, aber verzeiht mir, wenn ich die Politik anders verstehe als Ihr. Ich finde es ungeheuerlich, daß ich Grund und Veranlassung eines ewigen Krieges zwischen Frankreich und Spanien sein soll. Denn für Spanien ist dieser König von Portugal nichts als ein aufständischer Vasall, der seinen Bündel packen müßte, sobald Frankreich in die Lage käme, seine Truppen aus Portugal zurückzuziehen. Und wenn ich alsdann seine Frau wäre, was bliebe mir weiter übrig, als in einer verlorenen Provinzstadt Frankreichs an seiner Seite die Königin zu spielen. Ebenso gern möchte ich eine lumpige Theaterkönigin sein. Nein, da bleibe ich doch lieber Herzogin von Montpensier mit einem Einkommen von einer halben Million Livres und mit einer Stellung am französischen Hof, die, ich kann schon sagen, die erste ist nach der der Königin. Wahrhaftig, ich habe keinen Grund, mich zu verändern. Und wenn Ihr es gut mit mir meint, mein lieber Vetter, müßt Ihr das selber zugeben.«

Die Brauen des Marschalls zogen sich von neuem unheimlich in die Höhe.

»Ihr vergeßt nur eins«, dozierte er in wenig höflichem Ton: »Wohl seid Ihr nach der Königin die erste Dame des Königreichs, aber Ihr bleibt darum um nichts weniger die Untertanin des Königs. Der König kann wollen, was er will, sein Wille ist oberstes Gesetz. Wenn Ihr anders wollt, kann er Euch den Hof sehr verleiden. Er kann noch weiter gehen. Er schickt manchmal die Leute in die Verbannung, wenn es ihm gefällt. Er verjagt sie von einem Ort, wo es ihnen am besten behagt und schickt sie an einen andern. Er macht sie manchmal in ihrem eigenen Hause zu Gefangenen. Da bleibt amende nichts übrig als zu gehorchen. Und wer amente Unangenehmes freiwillig tut, ist immer noch hundertmal besser dran, als wer es zuletzt gezwungen tun muß. Darum bitte ich Euch, Ihr mögt das alles reiflich überlegen und mir dann Eure Antwort sagen.«

Ich erhob mich.

»Wenn mir der König das alles sagen sollte«, antwortete ich mit stolzer Verachtung, »glaubt mir nur, ich wüßte was ich ihm zu antworten hätte; Euch hab' ich nichts weiter zu sagen.«

Als der Marschall meine Entrüstung sah, wechselte er den Ton, gab mir wieder tausend Versicherungen seiner Freundschaft. Ich brach kurz ab:

»Wenn ich Euren Beteuerungen glauben soll«, sprach ich trocken, »so verschont mich in Zukunft mit dieser Angelegenheit. Und wenn man Euch zum zweitenmal einen derartigen Auftrag geben will, wendet alle Eure Diplomatie an, ihn abzulehnen.«

Damit entließ ich ihn.

* * *

Fouquet sitzt seit gestern in der Bastille. Nun wird man den Blutegel, der sich so voll gesoffen hat vom Saft der Nation, wieder ausdrücken und wahrscheinlich nicht auf die sänftiglichste Manier. Man glaubt sogar, daß es ihm um den Kopf gehe.

Es muß doch nicht leicht gewesen sein, sich seiner zu bemächtigen. Wenigstens hat der König große Umsicht angewandt. Wenn man sich der Majestät gegenüber so ausdrücken dürfte, würde ich sagen, er habe in der Sache mindestens soviel Schlauheit bewiesen als der Kardinal selig. Er verfügte sich nämlich höchst persönlich nach Nantes in der offen ausgesprochenen Absicht, die Stände der Bretagne daselbst zu versammeln. Auch den Herrn von Fouquet lud er dazu ein. Und der alte Fuchs ist wirklich in die Falle gegangen. Er hat also seine Festungen in der Bretagne umsonst gebaut.

* * *

Auch der Graf und die Gräfin von Montausier – sie ist erste Ehrendame der Königin – sprachen mir heut von dem portugiesischen Heiratsprojekt. Sie meinen, das müsse doch ganz eine Sache nach meinem Geschmack sein, ich könne ja Herrn von Montausier zum Kommandanten meiner Armee machen, wenn ich wollte. »Und glauben Eure Königliche Hoheit ja nicht,« sagte die Gräfin, »daß Turenne von sich aus gehandelt hat. Ich weiß ganz sicher, daß er vom König bestimmten Auftrag hatte. Seine Majestät wollte nur nicht das erste Wort in der Sache ergreifen.«

Ich kann zuwarten.

 

17. Mai.

Auf dem Platz vor den Tuilerien wurde gestern ein glänzendes Ringelstechen abgehalten. Die Kavaliere waren in mittelalterlicher Rüstung mit Schild und Lanze. Ich hatte so etwas nie gesehen. Wahrlich, man kann sich kein prunkhafteres Spiel denken. Der König zeichnete sich vor allen aus. Man hätte ihn als den ersten Kavalier gelten lassen müssen, auch wenn er nicht König gewesen wäre, wie er denn überhaupt, in welcher Handlung er auch auftrete, an Anmut und Würde alles um ihn her übertrifft. Man hat zu dem Turnierspiel – oder Karussell, wie sie's auch heißen – einen großen Folianten drucken lassen, mit den Abbildungen der Wappen und Embleme aller teilnehmenden Kavaliere. Das Wappen des Marquis von Puyguilhem zeigte zwei zu den Wolken aufsteigende Raketen und trug die Umschrift »So hoch man steigen kann, steige ich«.

Ich finde eine solche Devise allzu prahlerisch.

Übrigens hat der kleine Gaskogner bereits keinen schlechten Anlauf gemacht. Schon hat ihn der König zum Generalobersten der Reiterei, seiner Lieblingstruppe, ernannt, obendrein zu seiner Charge eines Hauptmanns der königlichen Leibgarde, die der kleine Marquis sich vor allen andern auserbeten, weil sie ihn fast beständig in der Nähe des geliebten Königs hält.

 

23. Mai.

Um den König zu zwingen, Farbe zu bekennen, habe ich ihm vorgestern einen langen Brief geschrieben und durch seinen ersten Kammerherrn, den Herzog von Montausier, übergeben lassen. Eine Antwort habe ich bis jetzt nicht erhalten. Der König habe meinen Brief, sagte mir Herr von Montausier heute, mit ziemlich finsterem Gesicht gelesen, ohne ein Wort dazu zu sagen.

 

25. Mai.

Da meine Abreise nach Forges bevorsteht, wo ich zu dieser Zeit alljährlich meine Brunnenkur zu machen pflege, ging ich gestern zum König, um Urlaub von ihm zu nehmen. Er zeigte sich wortkarg, ich wollte ihn zum Sprechen bringen. Darum fragte ich ihn, ob er seine frühere Absicht, mich mit dem Herzog von Savoyen zu verheiraten, aufgegeben habe.

»Ich werde Euch verheiraten,« antwortete er schroff, »wie es meinen Zwecken am dienlichsten ist.«

Demütig entgegnete ich, daß ich nichts so leidenschaftlich wünschte, als Seiner Majestät nützlich sein zu können.

Statt aller Antwort machte mir der König eine frostige Verbeugung und ich war entlassen.

So ungnädig bin ich noch nie behandelt worden. Ich dachte: Nun, wir werden ja sehen, wer von uns beiden den dicksten Schädel hat, du oder ich.

Ich werde mich morgen nach Forges begeben.

 

Auf meinem Schloß Eu, den 19. Juni 1661.

Ich habe meine Brunnenkur in Forges abgekürzt, um einmal hier einen längeren Aufenthalt zu nehmen. Den nötigen Vorrat von Wasser habe ich mitgenommen und kann nun ebensogut hier meine Kur zu Ende führen.

Nach einer anstrengenden Fahrt kam ich gestern abend spät hier an und besuchte zuerst die Kirche. Sie liegt übrigens so nahe am Schloß, daß man sie die Schloßkapelle nennen könnte. In Wahrheit ist sie die Kirche einer kleinen Abtei von Augustinern, die sich als regulierte Chorherren konstituiert haben, nach der Regel von Sainte-Geneviève. Ihr Abt Calvo ist der Bruder des Siegers von Maestricht.

Ich hatte das Schloß bis jetzt nur ein einziges Mal gesehen, als ich vor fünf Jahren mit dem gesamten Hof für einen Tag hierher kam. Es gefällt mir sehr. Zwar ist es nur zur Hälfte ausgebaut; aber nach dem, was fertig ist, kann man die grandiosen Absichten meines Onkels, des Herzogs von Guise, recht wohl erkennen. Außerdem steht noch ein Teil des ursprünglichen Schlosses der ehemaligen Grafen von Eu, die aus dem Hause Artois stammten. Die Lage ist außerordentlich schön, man sieht von allen meinen Gemächern gerade auf das Meer hinunter.

* * *

Außer mehreren andern Künstlern, die mein hiesiges Schloß, welches mir von Tag zu Tag lieber wird, in seiner inneren Ausschmückung zur Vollendung bringen sollen, habe ich mir den jungen Meister Claude Defèvre hierher mitgenommen, um mich selber von ihm malen zu lassen. Seit drei Wochen ist er an der Arbeit und ich sitze ihm manchmal während zwei vollen Stunden im Tag. Auch ist das Bild schon sehr vorgerückt.

Ich bin stehend gebildet, im einfachen Promenadenkostüm mit enganliegendem kurzem Jäckchen und bauschigem Rock von schwerem perlmutterfarbenen Taft, über der Brust eine Spitzenschleife, das Haar glatt gescheitelt, zu beiden Seiten der Schläfen aber in freihängenden Locken aufgesteckt und mit rosafarbenen Bandschleifen befestigt. Federhut und Reitpeitsche halte ich in der herabhängenden linken Hand, in der rechten Hand eine Rose, die mein Auge nachdenklich betrachtet.

* * *

Wer sich malen läßt, wird in höherem Grad als sonst auf seine Körperlichkeit aufmerksam. Daß ich schön sei, wußte ich immer, ich erfuhr das früh durch die Bewunderung, die man mir entgegenbrachte. Meine Körperformen sind zugleich kräftig und von graziöser Geschmeidigkeit. Mein Arm ist voll und rund, meine Büste tadellos. Ich benütze nur selten Puder, Rot lege ich nie auf, die natürliche gesunde Frische meiner Haut macht mir diese Mittel entbehrlich.

Ich habe reichliches aschblondes Haar, längliches Gesicht, eine feinrückige Adlernase und blaue Augen. Meine Zähne sind unschön gebildet, aber nicht unappetitlich. Mein Blick ist stolz und ruhig, aber nicht hochmütig.

Denn ich bin höflich und herzlich zu den Leuten, aber doch in einer Weise, daß niemand den Respekt vergißt, den er mir schuldig ist.

* * *

Ich steige hier zweimal im Tag zu Pferd. Am Rand der Falaise, hoch über dem Meer auf meiner Stute hinzugaloppieren, macht mir eine wahnsinnige Freude. Ich werde so lang als möglich hier bleiben. Diese Normandie ist ein Land nach meinem Geschmack.

* * *

In Forges bekam ich vor vier Wochen einen Brief von Herrn von Montausier. Er enthielt nur diese eine Zeile: »Der König befiehlt mir, Eurer Königlichen Hoheit inneliegendes Schreiben zuzustellen.«

Damit hat es aber folgendes Bewandtnis. Ich hatte dem spanischen General Charny geschrieben und mich in diesem Brief so nebenbei ein wenig über meinen König von Portugal lustig gemacht. Ich hatte dem General sogar einen recht baldigen Sieg über den lächerlichen König gewünscht, der mir einmal nicht imponieren kann, wenn auch Karl von England, wie man sagt, zehnmal seine Schwester heiraten sollte. Der Bote, den ich mit diesem Brief abgeschickt, beging die Ungeschicklichkeit, unterwegs zu sterben, und so kam der Brief in die Hände unsers Königs.

Um so besser, sagte ich bei mir, so wird Seine Majestät endlich wissen, wie sie daran ist.

Weiter machte ich mir keine Gedanken darüber.

* * *

So wenig focht mich dieser ganze Zwischenfall an, daß ich mich sogar in der Laune fühlte, einen kleinen Roman zu verfassen. Es war nicht mein erster Versuch. Schon früher hatte ich die »Unsichtbare Insel« geschrieben. In vierzehn Tagen beendigte ich nun die »Prinzessin von Paphlagonien«, und meine Frauen, denen ich das Werkchen zu lesen gab, waren entzückt davon. Auch meiner alten Freundin, der Marquise von Sévigné, die mich gerade auf der Durchreise hier besuchte, habe ich das Opuskulum vorgelesen, und sie hat mir viel Schmeichelhaftes darüber gesagt.

Die Gräfin von Epernon ließ mir darauf keine Ruhe, bis ich die Erlaubnis gab, das Büchlein im Druck vervielfältigen zu lassen. Ich willigte ein, unter der Bedingung, daß nicht mehr als sieben Exemplare hergestellt würden.

* * *

Claude Defèvre malt mich bereits zum zweitenmal. Diesmal lebensgroß zu Pferd. Das Bild soll über dem Kamin in meinem Speisesaal seinen Platz bekommen, gegenüber eines gleichgroßen Reiterbildnisses des Herzogs Gaston von Orléans, meines Vaters selig.

 

27. Juni.

Da ist denn aus heiterstem Himmel das Gewitter über mich hereingebrochen.

Als ich gestern früh bei meinen Augustinern die Messe hörte, meldete mir ein Page, der schnurstracks von Saint-Germain geritten kam, daß der König einen Hauptmann seiner Leibgarde an mich abgeordnet habe.

Das konnte nun freilich kaum etwas Gutes bedeuten. Ich dachte auch sofort an Turenne und seine Drohungen.

Erst gegen Abend traf der Botschafter des Königs bei mir ein. Es war unser famoser Marquis Puyguilhem. Er fand mich inmitten einer großen Gesellschaft. Ich ließ alle hinausgehen und gab dem Marquis das Zeichen zu sprechen.

»Ich habe das Unglück,« begann er, »Eurer Königlichen Hoheit einen Befehl Seiner Majestät zu überbringen, der Eurer Königlichen Hoheit vielleicht einige Unbequemlichkeiten bereitet. Der König befiehlt Euch, hohes Fräulein, Euch unverweilt nach Eurer Besitzung Saint-Fargeau zu begeben und daselbst zu verweilen, bis es Seiner Majestät gefällt, Euch weitere Befehle zukommen zu lassen. Ich, für meine Wenigkeit,« fügte er hinzu, »hoffe. Eure Königliche Hoheit werden überzeugt sein, daß mir noch nie im Leben die Erfüllung einer unumgänglichen Pflicht so schwer geworden ist wie diesmal.«

Ich antwortete ihm, daß ich dem Befehl Seiner Majestät gehorchen werde und bat ihn, mir zu sagen, welcher Tag für meine Abreise bestimmt sei.

»Das sei meinem Belieben anheimgestellt,« antwortete er.

»Ob er Befehl habe,« fragte ich weiter, »mich nach Saint-Fargeau zu begleiten und ob der Weg, den ich dahin einzuschlagen hätte, vorgeschrieben sei.«

»Auch das wäre ebenfalls ganz meinem Wohlgefallen überlassen.«

»Seine Majestät ist überaus gnädig,« erwiderte ich, »Ihr werdet also dem König von mir sagen, daß ich den nächsten Donnerstag, den siebenundzwanzigsten, von hier aufbrechen und einen Weg wählen werde, der mich Seiner Geheiligten Majestät am wenigsten nahe bringt.«

»Er zweifle nicht,« antwortete Puyguilhem, »daß es Seiner Majestät also gefallen werde.«

Und nachdem ich ihm, um seine Artigkeiten zu erwidern, einige persönliche Höflichkeiten gesagt hatte, fügte ich hinzu, daß ich nicht erraten könne, was das alles zu bedeuten habe, da ich mich unschuldig fühle, obwohl ich mich recht gut der Drohungen erinnere, die der Marschall Turenne gegen mich ausgestoßen.

Und ich ersuchte ihn, dies dem König zu sagen. Er aber bat mich demütigst, ihm keinerlei Auftrag zu geben.

Darauf setzte ich mich zu Tisch, er blieb noch während des Essens und wir sprachen von dem und jenem. Aber mit mir zu speisen und bei mir Quartier zu nehmen, schlug er rundweg ab.

Ein merkwürdiger Mensch, dieser Herr von Puyguilhem. Das sonst so spaßige Kerlchen – es war übrigens die erste längere persönliche Unterredung, die ich mit ihm hatte – markierte jetzt eine so hoheitsvolle Würde, die man nicht hinter ihm gesucht hätte.

Er hat ein erstaunliches Glück gemacht. Blutarm, als jüngerer Sohn, kam er vor vier Jahren nach Paris. Er fand Aufnahme bei dem Herzog von Grammont, der sein Verwandter ist, und bei den lustigen Abenden der Gräfin von Soisson, welcher der junge König damals sichtlich den Hof machte, wußte er zuerst die Aufmerksamkeit des Monarchen auf sich zu ziehen. Heute ist er bereits seine rechte Hand in allen Hofangelegenheiten. Sein richtiger Maître de plaisir könnte man sagen.

Dem Marschall Grammont hat er die Gastfreundschaft in eigentümlicher Weise gedankt. Daß der Hausfreund mit der Zeit der Dame des Hauses mehr als ein Freund ist, gilt ja längst nicht mehr für unstatthaft. Das gehört schon fast zur guten Sitte. Dieselbe Freiheit aber auf die Tochter auszudehnen, war bis jetzt eigentlich unerhört. Wo sollen wir denn noch hinkommen, wenn wir über einen solchen Skandal wegsehen lernen. Der Fürst von Monaco war recht gutmütig, das kompromittierte Fräulein von Grammont noch zur Frau zu nehmen.

Diese Fürstin von Monaco, das ehemalige Fräulein von Grammont, soll übrigens nicht die einzige sein, die von Puyguilhem zu erzählen weiß.

Und nun hat er auch mir Unglück gebracht. Allerdings ohne seine Schuld. Nun, das Los der andern habe ich freilich bei meinem Rang nicht zu befürchten, auch abgesehen von meinem Rang. Ich muß sogar lachen, wenn ich daran denke.

Bin ich denn eine Ausnahme meines Geschlechts? Nicht einmal die Entrüstung der Tugend empfinde ich beim Gedanken an jene Leichtfertigen. Ich fühle mich viel zu hoch über ihnen.

 

Schloß Aumale, 3. Juli.

Ohne den König benachrichtigt zu haben, bin ich den Neunundzwanzigsten von Eu aufgebrochen. Aber der Königin-Mutter habe ich geschrieben, ob sie nicht die Gnade haben wollte, mit dem König zu sprechen und Seine Majestät zu veranlassen, dero Befehl dahin zu ändern, daß ich statt in Saint-Fargeau in Eu bleiben könne.

Ich entfernte mich darum nur langsam und in ganz kleinen Tagereisen von Eu. Hier nun erhielt ich die Nachricht, daß der König aufs Äußerste gegen mich aufgebracht sei und die Königin-Mutter nicht gewagt habe, mit ihm zu sprechen.

Übrigens kommen die Kuriere scharenweise hier an; jedermann beeilt sich, mich seiner Freundschaft und Teilnahme zu versichern.

Auch Turenne schickte mir einen Edelmann seines Hauses. Ich ließ ihm die trockene Antwort zukommen, daß er mir gehalten, was er mir versprochen und daß ich also in Zukunft allen Grund hätte, ihn für einen Mann von Wort zu halten.

Den Majestäten schrieb ich auch, bekam aber kein Wort der Erwiderung.

 

(Im Original – Folio-Handschrift der Pariser Nationalbibliothek Cod. No. 1131 – ist an dieser Stelle auf dem breiten Rand des Bogens und in veränderter Schrift der folgende Zusatz aus späteren Jahren zu lesen.)

Indem ich, jetzt bereits alt und grau, manchmal diese Tagebücher durchblättere, kann ich mich oft eines schauernden Gefühls nicht erwehren bei Betrachtung unserer Ohnmacht in der Ausgestaltung unserer eigenen Geschicke. Die Mächtigen nennt man uns; aber was sind wir und was vermögen wir gegenüber der unerbittlichen Macht des Schicksals? Arme Sterbliche sind wir, die sein eherner Tritt zermalmt, wie des Wanderers Fuß den Wurm zertritt auf seinem Wege.

Ganz seltsam aber berührt es mich, hier zu lesen, wie Herr von Lauzun, damals noch Marquis von Puyguilhem, beim ersten Eintreten in meinen Gesichtskreis auf mich gewirkt hat, und wie dieser rasche Eroberer von Frauenliebe und Königsgunst, wie der wohlgebaute Jüngling mit dem keimenden Flaumbärtchen auf den Lippen – oh ich habe ihn noch sehr gut von jener Zeit her in der Vorstellung – mir so lange teils ganz und gar gleichgültig, teils unsympathisch geblieben ist.

Wer mir damals gesagt hätte, welche grausam schreckliche Bedeutung dieser Mann für mein inneres und äußeres Leben gewinnen werde

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