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Prinzessin Fisch

Wilhelm Raabe: Prinzessin Fisch - Kapitel 9
Quellenangabe
typenarrative
authorWilhelm Raabe
titlePrinzessin Fisch
publisherWestermann
seriesBraunschweiger Ausgabe
volumeBand 15
year1883
correctorJosef Muehlgassner
senderbruce.welch@gmx.de
created20130724
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Achtes Kapitel

Sie war gewiß schön anzusehen gewesen von ferne für den jungen Menschen und war immerhin auch für den werdenden klimatischen Kurort eine noch ziemlich fremdartige Erscheinung – die neue Nachbarin des Brusebergers und der Witwe Schubach nämlich, die Frau des Kaiserlich Mexikanischen Kriegszahlmeisters Don José Tieffenbacher aus Bödelfingen in Transmönanien, am Kuhstiege zu Ilmenthal an der Ilme. Und sie stand dann so still wie eine Bildsäule in ihren Kleidern, die auch wie aus einer andern Welt waren und von denen der jugendliche Lauscher am Fenster sofort wußte, daß in solchen Gewändern eigentlich von Rechts wegen alle schönen Mädchen und Frauen stehen und gehen sollten! Dann war sie, was allem die Krone aufsetzte, vom Hause her von einer alten, bröckligen, rauhen Stimme gerufen worden, und zwar:

»Romana!«

und sie hatte geantwortet: »Vendré!« Ich werde kommen! ... Der arme Tropf am Fenster hatte seine Ohren am Kopfe immer heißer und länger gefühlt, und die sonderbare Schulterbewegung, mit welcher die Dame ihre Antwort auf den Ruf ihres Gatten begleitet hatte, war von ihm gänzlich übersehen worden.

»Vendré!« wiederholte er, als die Frau Nachbarin die Treppenstufen, die in das Haus führten, wieder hinaufgestiegen und von neuem im Hause verschwunden war. »Je viendrai! ... Veniam! ... O, und – Romana! ... Wer doch jetzt spanisch verstände! Doña Romana – Tieffenbacher. Wie sie nur an den ganz gewöhnlichen deutschen Namen und an den alten guten Herrn, den Herrn Zahlmeister, gekommen ist? Käme er nicht so höhnisch in Wallensteins Lager vor, so wüßte man gar nichts von ihm. Gevatter Schneider und Handschuhmacher! Ja, und er sieht wirklich beinahe so aus, als ob er meines seligen Vaters Grundstück auch der Handwerksverwandtschaft wegen angekauft hätte. Romana – Romana! Ja, ich werde unbedingt heute noch den Doktor Drüding fragen, ob es sich nicht des Don Quijote wegen lohnt, Spanisch zu lernen, und ob er vielleicht eine spanische Grammatik in seiner Bibliothek hat! Nein, ich werde den Alten nicht fragen; er würde doch vielleicht nur ein dummes Gesicht machen und mir raten, fürs erste lieber noch allein bei dem dummen Latein und dümmern Griechisch zu bleiben und mich nicht noch mehr zu – zersplittern ...«

»Und dieses mit vollem Rechte, mein Söhnchen, und nach seiner und meiner Pflicht und Schuldigkeit!« hatte es wie aus dem Brunnen aller Weisheit hinter dem in sein neues Zauberreich sich verlierenden jungen Mann geschnarrt, und der Bruseberger, beide Hände dem Pflegling auf die Schultern legend und ihn vom Fenster ab- und sich zukehrend, hatte merkwürdig überzeugend getan, als ob er nicht ebenfalls von seinem Arbeitstische aus die Frau Nachbarin weltverloren im Zusammenhange der Dinge in Betrachtung gezogen habe.

»Aufs Spanische läßt uns der Herr Professor ganz sicher nicht los nach der Universität, Thedor. Und wenn wir wirklich, wie wir uns vorgenommen haben, nach Väterweise das Jus studieren wollen und mir in der Juristerei freilich manches hie und da recht spanisch vorgekommen sein mag, so glaube ich doch nicht, daß es ohne die schöne Sprache und den Ritter Donkischott beim ersten Examen absolut nicht geht, wenn auch der sonstige Apparat noch so sauber Bogen bei Bogen beisammen ist.«

Wir wissen es, mit welch altem Gesicht des alten Juristen F. Rodburgs jüngster Sprößling in dieser Welt angelangt war: für das war's jetzt ein Wunder, was solch eine schöne, stattliche Nachbarin in den besten Jahren des Lebens auszurichten vermag. So kindlich, so jugendlich wie um diese Zeit seines Lebens hatte der arme Junge noch nie in die Welt hineingeschaut; und das beste dabei war, daß für alle Zeit etwas von dem rosigen, verschämten, glatten Schein an ihm hängenblieb. Es fiel mehreren schon damals auf. Florinchen Drüding merkte es, sagte aber nichts davon; sobald die Mutter Schubach es bemerkte, tat die ihren Gefühlen keinen Zwang an, sondern gab ihnen sofort Worte, freilich nicht ganz nach der richtigen Seite hin.

»Na gottlob«, seufzte sie befriedigt, »endlich scheint doch das Futter und die übrige gute Verpflegung anzuschlagen. Beinahe hatte ich die Hoffnung schon aufgegeben, grade wie bei Ihnen schon seit einem Jahrhundert, Bruseberger, wie es mir vorkommt; – wenn ich nur wüßte, in was für einen Fettopf ich Sie noch setzen soll, um Ihr jetzt so trübselig verhuzzeltes Feldrübengesicht wieder zu schmälzen, ehe unser Herrgott nach seinem Rat uns von jedweder irdischen Verköstigung abberuft?! Sagen könnten Sie mir übrigens eigentlich jetzt bald, was für ein sonderbar Gesicht Sie mir seit Wochen und Monden in den Haushalt hinein schneiden.«

»Kann ich denn dafür, wenn Ihre Ideen diesmal nicht die meinigen sind, Meisterin?« brummte der Bruseberger. »Ich weiß es ja selber, daß es nur eine Dummheit ist, wenn es nicht sonst rundum anfinge zu spuken. Es wird wohl so sein müssen: wenn einer Gespenster sehen soll, so sieht er sie auch am hellen, lichten Mittage, und das ist vielleicht mein Fall, Meisterin; und wenn er zuerst nicht darauf merkt, so kommt das doch entweder plötzlich oder nach und nach, und nachher kann er selber als ein Gespenst umhergehen in einer ganz andern Weh als der ihm bisher bekannten. Nämlich, Meisterin, wir sind in eine andere Welt hingeraten, und diesmal ist das ganz nach und nach gekommen; aber gekommen ist es! Wir sind aufgebraucht, Witwe Schubach – Alt-Ilmenthal ist aufgebraucht; – es ist eine neue Zeit über uns gekommen, und tagtäglich kommen neue Menschen. Sie gehen nicht vom Kuhstiege herunter, Meisterin; aber schiebe ich meinen Karren zu den Jahrmärkten durch den Wald und über die Berge, so merke ich es auf jeglichem Schritte, daß wir nicht mehr allein mit uns hier an der Ilme sind. Neue Wege! Neue Gesichter! Neue Baulichkeiten! ... Es geht nicht mehr von Nachbar zu Nachbar – es geht mächtig, sozusagen, von Erdteil zu Erdteil. Wenn ich schon mit der Wissenschaft ordentlich dran und drein könnte, so hatte es wohl nicht soviel zu sagen für mein Gemüte; aber vorerst arbeite ich noch und strapaziere mich mit der Einbildungskraft allein dran ab, und das ist der Teufel! ... Manchmal vermeine ich, es ist selbst die alte Luft nicht mehr, die ich atme; – sie haben schon zuviel Broschüren und Prospekte darüber ausgehen lassen! Meisterin, das Kind wird nicht fett und glatt und glänzend von dem alten guten Fettopf der Mutter Schubach: die neuen Menschen und Nachbarschaften gefallen ihm nur zu gut, und das ist der richtige Zusammenhang der Dinge, daß das, was den einen jung und jünger macht, den andern um so mehr auf seine Wackelköpfigkeit und Knickebeinigkeit bringt und auf die Veränderung alles Irdischen. Soll mich nur noch wundern Meisterin, wann Sie anfangen werden, mit mir zu überlegen, ob wir nicht auch ein Stockwerk aufs Haus setzen sollen von wegen der Aufnahme von fremden Gästen!«

»In unser Oberstübchen haben wir dergleichen wohl schon aufgenommen!« rief die Mutter Schubach. »Da sollte man ja wirklich sich gleich seinen eigenen Kopf abnehmen und ihn bei sich hinlegen und fragen, ob dieses denn möglich ist?! Auf seinen Schultern traut man dem altgewohnten Ilmenthaler Verstandskasten wahrhaftig nicht mehr in seinen Fähigkeiten, Meinungen und Ideen! Und dieses ganze Präambulum pur, weil die alte gelbe Zigeunerschachtel da nebenan uns ins Rodburgsche Anwesen so nahe auf den Leib gezogen ist! Natürlich strapaziert sich alles, was 'nen Zettel als Phantastikus mit auf den Weg gekriegt hat, mit der Einbildung dran ab und reimt sich, jedes nach seiner Manier, seine Komödie draus zusammen. Was Sie da von dem neuen Leben und von der neuen Mode sagen, die über Ilmenthal gekommen sind, Bruseberger, so meine ich ganz ruhig: meinetwegen. – Weshalb soll denn Ilmenthal nicht auch probieren, was so manchem andern Orte geglückt ist? Daß hier bei uns in vorigen Zeiten nicht jeder auf Flaumenfedern gelegen hat, ist sicher, und Hunger und Not haben wir in unserer idyllischen Einsamkeit zeitweilen sattsam ausgestanden. Vielleicht wird's nun besser, und daß dem hiesigen Handwerksmanne ein besser Geschäft zu gönnen ist, das ist meine vollständige Meinung, Ansicht und Idee. Gespenster sehe ich hieraus gar nicht, und bauen sie uns nach Ihrem Zusammenhange der Dinge, Bruseberger, eine Eisenbahn bis da unten in den Ilmegrund hinein, so soll mir auch das ganz recht und angenehm sein. Wenn ich auch nicht viel vom Kuhstiege heruntersteige, wie Sie richtig bemerkt haben, Bruseberger, so sähe ich so ein Ding doch auch für mein Leben gern. Das aber mit unserm Primanerchen, unserm Thedor, ist nun die reine, klare Dummheit, und es ist eigentlich nur närrisch, daß wir zwei, wie Sie ganz richtig sagen, Wackelköpfe und Knickebeine nur ein Wort darüber in den Mund nehmen. Ich kenne auch eine, Bruseberger, die Sie in Ihren Dummenjungensjahren auf den Knieen hätten anbeten mögen, und – gut 'n paar Jahre war sie damals auch älter als Sie, Alter. Mein Seliger hat mir damals manchmal den Ellbogen lachend in die Seite gestoßen – nun, ich bin jetzt eine alte Frau und kann drüber reden, wenn es Sie nicht scheniert, Bruseberger. Und die Person da drüben nebenan taxiere ich auf gut zwanzig Jahre älter als das Kind, und der Herr Kriegszahlmeister ist wirklich ein recht netter alter Herr, was er auch vordem in fremden Landen gewesen sein mag. Und ein Pflanzengelehrter wie der Herr Doktor Drüding ist er auch, und auch der lobt ihn recht – danach habe ich mich erkundigt. Und der Herr Zahlmeister hat mir über den Zaun auch schon Thedor gelobt und ihn für einen recht netten Jüngling erklärt. Sie sind auch schon alle zusammen, Fräulein Florine und unser Thedor, Herr Tieffenbacher und der Herr Doktor Drüding, in den Wäldern auf der Gewächsejagd gewesen, und während der Zeit haben Sie hier in der Werkstatt und drunten am Zaun das Reich allein gehabt und haben ziemlich angestrengt nach der kuriosen gelben Frau Nachbarin ausgeschaut, Bruseberger; und ein bißchen könnten Sie doch auch auf meine Eifersucht Rücksicht nehmen, Sie alter Sünder; denn nachher wird es Ihnen doch nur blutwenig bei mir helfen, wenn Sie sich auch noch so sehr hinter Ihrer Philosophie und Studien und Wissenschaften verkriechen und alles auf Ihre Fürsorge um das arme Kind und das Wohl von dem unglücklichen, aus dem Geleise kommenden Alt-Ilmenthal schieben.«

Sie schob sich hiermit, wie das arme Kind, Herr Theodor Rodburg, sich ausgedrückt haben würde in seinem Schülerrotwelsch und »Fräulein« Florine Drüding als Tochter ihres schulgerechten Vaters ebenfalls. Den festen Entschluß, ihrem gesamten Hauswesen fernerhin womöglich noch viel schärfer als zuvor auf die Schliche zu passen, nahm sie mit; und der Bruseberger erklärte sie, halb lächelnd und halb weinend in seinem Nackenhaar krauend, für eine »Ilmenthalerin, der die auswärtige Welt wahrscheinlich nichts weiter zuzulehren vermöge«. Für uns geht aus dem allen hervor, daß die Flut, von der schon mehrfach die Rede war, jetzt da ist und daß die Wellen bis zu dem Kuhstiege hinauf und dann und wann darüber wegschlagen. Damit aber wird's die höchste Zeit, daß wir endlich etwas Genaueres darüber mitteilen, was dieser »Kuhstieg« eigentlich bedeutete.

Es ist eine Häuserreihe, die sich auf dem rechten Ufer der Ilme bis zur Berghöhe hinaufzieht. Die Straße bildet zugleich einen Teil der Chaussee, die tiefer in das Gebirge führt, und wird nach dem Talabhang zu von einer niedrigen, ziemlich verwahrlosten, moos- und grasbewachsenen Mauer begleitet und geschützt. Man hat von den Türtreppen und dieser Straßenmauer aus einen wunderhübschen Blick auf die im Tal liegenden Stadtteile und die auf dem linken Ufer des Flüßchens den Berg hinankriechenden Gassen, Gärten, Dächer und Schornsteine. Auch auf das erste große moderne Hotel, das eben frisch erstandene Bellavista! Die Gärten der Häuser am Kuhstiege sind sämtlich auf dem Plateau des Berges, also von der Straße abgekehrt, gelegen und, wie wir wissen, von einem Gewirr anderer Menschenwohnungen umgeben. Es war sicherlich wirklich eine Kuh, die vor Urzeiten sich ihren Stieg von den ersten Ansiedelungen im Tal zu dieser Höhe und kleinen Ebene emporbahnte; die Menschen haben nachher nur den Weg etwas breiter getreten, zuerst ihre Köten, dann ihre Lehmhütten und zuletzt ihre Fachwerkhäuser dran aufgerichtet. Mit den letzteren haben wir es bis jetzt noch zu tun, in der Erwartung, daß auch sie demnächst abgelöst werden, und zwar durch gotische und Renaissance-Steingebäude, und daß man nicht mehr von den bescheidenen Bänken an der Tür, sondern vom hohen und eleganten Balkon auf das Rauschen der Ilme im Tal hinabhorchen werde.

Es ist eben der letzte Augenblick der hübschen Idylle! Wir halten nichts auf, was kommen soll und muß, und möchten höchstens den wohl einmal sehen, der das könnte! Solange sich das Gute und Behagliche gibt, nehmen wir's; und ist es vorbei damit, nun, so sehen wir uns nach einem andern Halt im veränderlichen Dasein um, wie die Mutter Schubach sagt. Keiner kriegt's ja doch anders fertig, und wer's probiert, ist noch nimmer mit seinen Mühen, Sorgen und Ängsten auf die Kosten des Vergnügens und Behagens, das er sich von dem festgehaltenen Zustande fernerhin versprach, gekommen. Auch der Bruseberger, wenn er mit der »Wissenschaft« und nicht mehr bloß mit der »Einbildungskraft« der »Sache nähergetreten ist«, ist dieser Meinung, und der Bruseberger ist ein kluger Mann, ein weiser Mensch!

Da sitzen wir auf der Treppenbank vor der Haustür der Mutter Schubach am Kuhstiege. Der Mond steht hoch über dem Gebirge an dem schönen Abend. Die letzten Heuwagen sind von den Waldwiesen her, die Fahrstraße hinab, knarrend, mit gesperrten Rädern zu Tal passiert, doch der Heuduft bleibt fast betäubend in der Luft hängen. Auf der Brüstung der Chaussee hocken die Kinder des Kuhstiegs und lassen ihre meist nackten Beine und Füße auch zu Tal über die Mauer hängen. Drunten rauscht viel lauter als bei Tage die Ilme zwischen den Menschenwohnungen – von dem Mühlenwehr, wo sie um die Waldecke kommt, ist sie ganz außerordentlich deutlich zu hören. Es ist wirklich, als ob sie ein anderes Geräusch möglichst zu überbieten versuche, den Jacques Offenbach nämlich, die Wiener Walzer und Berliner Märsche von Bellavista her.

Ja, es ist Konzert in Bellavista, und das erste Feuerwerk der »Saison« dazu!

Tzrrrr!

Da zischt es auf aus dem Wirtshausgarten drüben am andern Ufer der Ilme, zieht einen feurigen Strich über den unschuldig klaren Mondnachthimmel und schüttelt hoch oben den gewohnten Regen von blauen, roten und grünen Leuchtkugeln aus!

Die kleinen Zaungäste an der Chausseebrüstung begleiten das neue Gratisschauspiel mit hellem Jubelgeschrei, und die Alten auf den Bänken vor ihren Türen halten auch lächelnd die Hände über die Augen, um das Phänomen so genau als möglich durch das Mondlicht verfolgen zu können, und warten mit ebenso großer Spannung wie die Kinder auf das nächste Wunderstück. Ein Wunder ist es wohl nicht, wenn nun über den kurzen Maserpfeifen und den Strickstrümpfen von Nachbarschaft zu Nachbarschaft die Rede darauf kommt, wann das Kurhaus, zu dem man nächste Woche den Grundstein legt, fertig sein wird und wer »aus unserer Straße« von der Bürgerversammlung letzte Weihnachten in die Kommission für die Verschönerung der Umgegend gewählt worden ist. Ein Wunder ist's gleichfalls nicht, wenn unter solchen Umständen von Zeit zu Zeit einer oder eine aus der Gevatterschaft auf die helle Straße, den Kuhstieg, hinaustritt und unter dem Vorwande, den Topf voll Frösche drüben in Bellavista genauer zu sehen, verstohlen nach dem weiland Rodburgschen Hause hinauflugt und sich vergewissert, ob die mexikanische Dame da noch immer so bewegungslos an dem einen offenen Fenster sitzt und der Herr Kriegszahlmeister Tieffenbacher so gemütlich an dem andern.

Wenn die rechten Wunder kommen, merken gewöhnlich wenige im ersten Augenblicke darauf, sondern die meisten erst fünf Minuten oder fünf Jahre später; im gegebenen Augenblick und auf der Bank vor der Tür der Mutter Schubach war das letztere freilich nicht der Fall. Sie hatten es sofort heraus, als jetzt, an diesem holden Mondscheinabend, eine wirkliche, echte und gerechte Merkwürdigkeit geschah, von der keiner eine Ahnung gehabt hatte als vielleicht der Bruseberger, und auch dieser höchstens seit einigen Tagen.

Nämlich es kam ein Herr langsam den Kuhstieg hinaufgeschlendert, ein Fremder, der gar kein Interesse an dem, was zu seiner Rechten vorging, also den Walzern, Märschen, Ouvertüren, Raketen, Schwärmern und Fröschen, nahm, aber ein desto innigeres an all den Häusern, Gartenmauern, Fenstern, Treppenstufen und Plauderbänken zu seiner Linken.

Er kam aus dem neuen Hotel Bellavista und hatte sich daselbst als Captain Redburgh from Mobile U.S. in das Fremdenbuch eingetragen und seit ungefähr vierzehn Tagen unter diesem Namen und Titel dort gewohnt. In einem weißen Sommerkostüm stieg er langsam herauf durch den silbernen Mondschein und warf einen hübschen, breitschultrigen, bläulichen Schatten auf den weißen Kuhstieg; und da er den breitkrempigen Strohhut in der Hand trug, so leuchtete auch seine hohe Stirn, die mancher dreist eine Glatze hätte nennen können, hell durch den Abend. Es war nicht das geringste von Unheimlichkeit an dem muntern Vierziger mit dem immer noch rein blonden Löckchenkranz um die Schläfen und den Hinterkopf und dem jovialen jugendlichen Angesicht. Als er seine Zigarre abschnippte und einen kleinen Regen von glühen Funken zur Seite hinstreute, hatte auch das nicht das mindeste von Diabolischem an sich. Daß er ein wenig zu schwitzen schien und sich mit einem weißen Taschentuch den Vorderhals trocknete, war einzig und allein auf den warmen Abend zu schieben und wahrlich nicht etwa auf eine andere bedenklichere Glut und Feueranlage aus der Tiefe.

Was von Inkognito an ihm war, gab er sofort unbefangen und wie selbstverständlich auf, sobald er sich der Hausbank der Witwe Schubach gegenüber befand.

»Guten Abend, Nachbarschaft!« sagte er, traulich den einen Fuß auf die zweite Treppenstufe stellend. »Guck einer, wie nett, die beste Freundschaft da noch ruhig und behaglich sitzend zu finden, wo man sie vor zirka zwanzig Jahren sitzen ließ! Ja, es ist richtig, Bruseberger: Sie haben sich neulich und vorgestern nicht geirrt, als Sie mir da drunten in dem alten guten Nest und da drüben vor dem Hotel begegneten und einen Geist zu sehen glaubten. Ihr An- und Nachstarren sprach jedenfalls für ein gutes Auge Ihrerseits und eine erfreuliche gute Konservierung meinerseits. Ja ja, liebster alter Freund und neighbour, ich bin's – bin der Räuber Jaromir, und der liebe, biedere Kuhstieg darf dreist das gemästete Kalb aus dem Stalle vorholen und nach dem Nachbar Brumme, dem Metzger, schicken.«

»Der amerikanische Herr aus dem Bellwasistda!« murmelte ratlos die Mutter Schubach. »Und der alte Brumme! Der ist ja seit zehn Jahren tot am hitzigen Rheumatismus! ... Lieber Herr, wenn Sie mir sagen wollen, mit wem ich die Ehre –«

»Lieber Herr? Ehre haben? Ach, mother Hubbard – wollt ich sagen: Mutter Schubach, verstellen Sie sich doch nicht. Oder – da, nehmen Sie sich ein Beispiel an dem Bruseberger. Der hat mich gleich erkannt, wenn er jetzt auch noch tut, als ob der Atlantische Ozean dreimal genommen noch zwischen uns läge. Der junge Herr hier rückt wohl ein wenig zu; – ein Viertelstündchen möcht ich doch mal wieder mit euch hier auf der alten Bank sitzen und die Ilme drunten plätschern hören. Wer in der Nachbarschaft hat Ihnen denn vor Olims Zeiten mehr täglichen und nächtlichen Verdruß und Ärger aus nachbarschaftlicher Zuneigung und Freundschaft gemacht als der Nichtsnutz, der Tagedieb, der heillose Schlingel, der Satansjunge, des Nachbars Rodburgs Galgenstrick, das Alexchen ... Alexander Magnus vom Kuhstiege, wie sie drunten auf dem Gymnasiumshofe sagten! Alexander der Erzschelm, der böse Rodburg, wie sich der Kollaborator Drüding ausdrückte.«

»Ach du meine Güte!« ächzte die Mutter Schubach. »Thedor!?« schrie sie, zur Seite nach dem Arm ihres Schützlings fassend; aber Theodor Rodburg war nicht nur auf der Bank zugerückt, er war aufgesprungen und stand zitternd und sprachlos neben dem Bruder im stillen Ilmenthaler Mondenschein.

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