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Prinzessin Fisch

Wilhelm Raabe: Prinzessin Fisch - Kapitel 6
Quellenangabe
typenarrative
authorWilhelm Raabe
titlePrinzessin Fisch
publisherWestermann
seriesBraunschweiger Ausgabe
volumeBand 15
year1883
correctorJosef Muehlgassner
senderbruce.welch@gmx.de
created20130724
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Fünftes Kapitel

»Was für ein merkwürdig altes Gesicht der Junge hat!«

Es war ein ziemlich rücksichtslos, wenn nicht unvorsichtig in Gegenwart des Kindes, noch bei Lebzeiten des Vaters von jemand gesprochenes Wort. Das Kind hatte es ganz gut aufgeschnappt und auf sich bezogen, wenn es gleich nicht mehr vernommen hatte, was der Papa damals auf die Bemerkung erwiderte. Ohne daß man es damals hinausschickte, hatte es sich weggeschlichen, hatte erst im Nebenzimmer sein Gesicht in einem trüben, verstaubten Spiegel betrachtet und, als dies ihm wirklich sehr unheimlich erschienen war, einen zweiten Versuch vor der Regentonne unter der Dachtraufe im Hofe gemacht.

Nun kommt sich selbst das frischeste, hübscheste junge Mädchen in dem grünschwarzen Spiegel einer alten Regentonne nicht jünger vor, als es ist; der Junge mit dem »alten Gesicht« erschien sich in der Tat alt, sehr alt, uralt darin. Zugleich sah er dabei auch diesmal in solche Tiefen, solche märchenhafte, dunkle Tiefen hinunter, daß wenig dran fehlte, daß er, mit dem Kopfe voran, in diesen geheimnisvollen Abgrund übergekippt und so allen fernern wohlwollenden Bemerkungen der Welt über seine äußerliche Erscheinung entglitten wäre.

Es war das Glück, daß in so einer alten Regentonne allerhand Geschöpfe leben, die einen Kinderkopf zu sehr interessieren, als daß er zu lange sich bei seinem eigenen Aussehen aufhalten kann. Eine rundliche, kopf- und beinlose Sorte, die, mit einem dünnen Schwänzlein rudernd, aus bodenloser Tiefe in grader Linie heraufsteigt und ebenso wieder hinabsinkt, muß jedes Kind von irgend feineren Sinnen in ein Nachgrübeln über ihr Dasein und ihre Zustände hineinziehen und ab von jeglichem allzufrühen Abquälen über die Berechtigung und das Wunder seiner eigenen Existenz. Den Kopf aus der Tonne erhebend, hatte sich der Knabe trotz seines so kurios alten Gesichtes wieder heil und ganz in der Sonne und dem Schatten seiner einsamen, aber doch mit tausend Wundern bevölkerten Hausgartenwildnis gefunden. Und auch damals hatte ihn der Bruseberger über die Planke angerufen.

»Kriech mal durchs Loch, Thedor«, hatte er gesagt. »Komm mal rauf in die Werkstatt, Wir haben einen Naturhistorikus vonnöten für einen Gelehrten für die gebildete Jugend, der mir selber nicht recht zu wissen scheint, wo er eigentlich seine beigegebenen Kupfertafeln hingebunden haben will.«

Nun kam es gewöhnlich bei diesen Anrufen des Geschäftsführers der Witwe Schubach viel weniger auf die gelehrte Hülfe des unmündigen Nachbarn als darauf hinaus, daß der Bruseberger jemand brauchte, der ihm bei dem ersten Auseinandernehmen eines Kupferwerkes naturhistorischer, ethnographischer oder allgemein malerischer Gattung für seine intimsten Ansichten, Gefühle und Bemerkungen eine wirkliche, wahrhaftige Hingebung und ein volles, naives Verständnis an den Ellenbogen und den Arbeitstisch mitbrachte.

»Was für ein merkwürdig junges Gesicht der alte Kerl hat für seine Jahre. Ich taxiere ihn weit über die Fünfzig!« sagten die Leute, und – sie waren wahrlich Vögel aus demselbigen Neste, der Greis mit dem Jungensgesichte und der Junge mit dem alten Gesicht.

»Er hat eine Visage wie von seinem Urvater und die Einfälle dazu«, meinte die Mutter Schubach kopfschüttelnd. »Ja, was er sich für Einfälle in seiner Verwahrlosung zusammengespintisiert hat, das gibt es sonst weiter gar nicht als vielleicht bei Euch, Bruseberger! Es hilft nichts, ich muß euch immer von neuem drauf ansehen, ob ich eigentlich mit ihm oder mit seinem Großvater oder mit Euch, Bruseberger, oder mit Euerm Großsohn rede. Du liebster Himmel und Heiland, hab ich doch mein Lebtage bis jetzt keine Ahnung davon gehabt, wohin man geraten kann, wenn man sein Spiegelbild in vermorschten Regentonnen betrachtet hat! Bis zu den Puppen – na, natürlich!«

Das war damals. Eine halbe Woche oder ein halb Jahr nach dem Einzuge des verwaisten Nachbarkindes in ihr Haus seufzte die gute, alte Frau:

»Ganz wie ich es mir gedacht habe! Und doch nicht, wie ich es mir eingebildet habe, sondern viel schlimmer! Über den Zaun weg ließ sich so was gar nicht genau taxieren. So etwas muß man erst unter seinem eigenen Dache zusammenhaben, um es ordentlich kennenzulernen! Ein Vergnügen ist es, dies mit anzusehen zwischen dem Alten und dem Jungen; aber eine neue Sorge fürs Leben ist es auch. Da wird es denn wieder heißen: die Augen offenhalten, Schubachen! zur richtigen Zeit mit dem gesunden Menschenverstand dazwischenfahren, Witwe Schubach! – Nun, nun, unser Herrgott wird ja auch wohl auf die Länge das Seinige dazu tun, daß da kein größerer Schaden geschieht, wo man eben aus seinem mitleidigen Herzen das Beste im Sinne hatte. Wenn ich nur erst die Falten und Runzeln in dem unglückseligen Krabbengesicht glatt gebügelt hätte! So wie ich nämlich die Sache ansehe, ist das doch fürs erste die Hauptsache.« –

Er liegt auf einer ganz bestimmten Stelle der Landkarte von Deutschland, der Ort Bruseberg; aber es fällt uns nicht ein, den Zeigefinger drauf zu stellen. Wir gönnen jeder Provinz des Vaterlandes die Ehre, endlich einmal einen echten und gerechten, einen tadellosen Buchbinder hervorgebracht zu haben. Wir haben schon gehört, wie der Oberlehrer Dr. Drüding einen solchen Mann würdigte, diesen Menschen nach dem Herzen von hunderttausend seufzenden Bibliophilen, der nie schief beschnitt, der sich nie verheftete, der immer den Titel orthographisch in graden Goldlettern herausbrachte, dem jedes Buch in Folio, Quart oder Oktav tadellos auseinanderschlug. Ja, sie sollen allesamt das Vergnügen haben, sich um den Bruseberger zu reißen, die deutschen Stämme nämlich. Es ist eine Ehre und es ist ein Vergnügen, den Mann zu den Seinigen zählen zu dürfen, der kein Pfuscher in dem durchschnittlich so pfuscherhaft im deutschen Vaterlande betriebenen Kunsthandwerk war, und – dies ist der einzige Grund, weshalb wir nicht genau angeben, wo Bruseberg im früher so trefflich bindenden Deutschen Reiche gelegen ist.

Eigentlich heißt er Baumann – Heinrich August Baumann –, der Ilmenthaler bibliopegische Phönix, Altgesell und Geschäftsführer der Mutter Schubach; aber was liegt uns an diesem höchst gewöhnlichen, hausbackenen Philisternamen hier?! Er, sein Träger selber, hatte ihn allgemach so sehr vergessen, daß er sich erst eine ziemliche Weile darauf besinnen mußte, wenn er sonderbarerweise doch noch einmal in Ilmenthal oder auf den Dorfjahrmärkten rundum damit angeredet wurde. Der Bruseberger war er, ist er und bleibt er, und wem er unter diesem Namen nicht beachtenswert wird, dem hilft kein Kirchenbuch, kein Standesamt dazu; im Gegenteil, das macht den Alten allen gleichgültigen Achselzuckern nur um ein erkleckliches unerheblicher.

Es ist ein wunderlich Ding um das Sicherheben und das Erhobenwerden in dieser Welt! Man kann das eine in recht hohem Maße prästieren, ohne im geringsten das andere von den Leuten zu erreichen. Der Bruseberger hatte das erste geleistet, und auch das zweite war ihm ausnahmsweise zuteil geworden. Er galt etwas in der Stadt mit der überaus gesunden Luft. Er galt unter den Leuten für einen überaus gescheiten und überschwenglich komischen Kauz. Derer, die dumm ihn anlachten, gab es genug in Ilmenthal. Derer, welche überlegen hinter ihm dreinlächelten, wenn er ernsthaft, ehrbar und melancholisch in der Gasse an ihnen vorbei geschritten war und sie mit gravitätischer Höflichkeit gegrüßt hatte, waren wenige. Unter allen Umständen hatte er viel mehr als das, was er und seinesgleichen mit Vorliebe »Bildung« nennen: nämlich allewege und allezeit sein nachdenkliches blaues Wunder über unzählige Dinge und Angelegenheiten, die den meisten seiner näheren oder entfernteren Bekannten gleichgültig, das heißt meistens zu hoch oder zu tief waren. Und wenn er sich als eine freilich etwas duselige, schwerblütige, männliche Pythia auf seinem Arbeitsstuhle mit dem Buchbinderhobel in der Hand prophetisch-philosophisch-lehrhaft zurechtsetzte, so kamen nicht selten Betrachtungen über Angelegenheiten und Dinge zum Vorschein, die natürlich seinen Ruf als ein »ganz schnurrioser Simpliziste« sehr erheblich unter den Bewohnern des friedlichen Tals vermehren mußten.

Wie er von Bruseberg nach Ilmenthal geriet und daselbst beim seligen Meister Schubach für immer hängenblieb, teilt er uns vielleicht selber einmal genauer mit. Tut er's nicht, so werden wir uns auch ohne das weiter in ihm und mit ihm zurechtfinden. An dieser Stelle haben wir vor allem erst noch ein Wort über seine Herrin und Meisterin, die Witwe Schubach, zu reden, und zwar durchaus kein beiläufiges.

Es war wahrlich eine Hauptperson, die Mutter Schubach! Nicht bloß in diesem Berichte, sondern eben überhaupt! Sie war in dem Tal geboren. Sie kam nicht aus einer unbekannten Fremde, um unter den frommen und sonstigen Hirten des Tals hängenzubleiben wie der Bruseberger. Und ihre Gaben – vorzüglich die Früchte ihrer Erfahrung, die sie dann und wann recht reichlich austeilte – brachte sie also auch nicht aus einer unbestimmten Ferne her, sondern sie waren allesamt ihr auf dem heimatlichen Boden, vorzüglich in der nächsten Nachbarschaft, in die Hand gewachsen; und so war's kein Wunder, daß sie recht häufig nur allzu persönlich damit wurde und nur selten augenblicklichen Dank und sofortige Anerkennung für ihre Freigebigkeit einerntete. »Durch die Blume sagt die einem selten was«, meinte Ilmenthal; und was die Früchte anging, so gehörten diese alle zum Nußgeschlecht. Der süße Kern lag gewöhnlich unter einer harten Schale und etwas bitterlichen Hülse verborgen. Was es aber um das Aufknacken von wirklichem guten Rat, echter Lebensweisheit und so weiter auf dieser Erde ist, das hat wohl ein jeglicher selber erfahren, der dergleichen auf dringende Aufforderung oder aus überquellender Wohlmeinenheit unaufgefordert hergab und dann dem dankbaren Empfänger auf die Kinnbacken sah oder zufällig nachher erhorchte, was er aus seinen innersten Gefühlen heraus bemerkt hatte.

»Das ist meine Idee nämlich!«

Solange Ilmenthal unter sich war, das heißt, bis es ein internationaler Luftkurort wurde, kannten alle Ilmenthaler diese ewige Redensart der Frau, und selbst die Honoratioren der Stadt trugen sie an ihren Whist- und Kaffeetischen herum und machten allgemach ein abgetragen apologisch Sprichwort draus, indem sie stets beifügten: »sagt die Mutter Schubach«.

Die Mutter Schubach! Das Merkwürdige war, daß sie niemals Mutter gewesen war, diese Mutter Schubach, und doch den Ehrennamen, den ersten der Welt, mit vollstem Rechte führte und daß alle ihre »Ideen und Ansichten« darauf hinausliefen, diesen Titel ihr mit vollster Berechtigung festzuhalten.

So hatte sie ihren verstorbenen Alten bemuttert, so den von der Mutter Natur ganz und gar zum Peripatetiker, will sagen philosophischen Vagabunden prädestinierten Bruseberger auf bessere Wege gebracht, das heißt, sie hatte ihm das Wanderbuch sofort beim ersten Begrüßen des Handwerks in ihrer Küche und Werkstatt kassiert und es ihm sicher hinter Schloß und Riegel (das war nämlich meine Ansicht so!) aufgehoben. Und so bemutterte sie auch, zuerst von ferne über den Zaun und sodann in ihrem eigenen Hause, den von aller Welt sonst so ziemlich aufgegebenen und für sein Haus zu spät im Jahr in die Welt hineingeratenen Theodor Rodburg, das »Unglückswurm«.

»Unsern Haushalt kennste, Kind«, sprach die Mutter Schubach. »In Butter wird dir die Wurst nicht gebraten werden, und höchstens zum Martinstage kannst du dir mal 'nen Fasanen aus 'ner Gans zurechtphantasieren. Der Zucker ist auch wohl das wenigste beim Kuchen, wenn der ja mal zu den lieben Ostern oder der heiligen Weihnacht auf den Tisch kommen sollte; aber für reine Wäsche werde ich dir sorgen, da verlaß dich drauf, und zwar augenblicklich, du tränenwertes, unanrührbar Schweineferkelchen. Schmierfinke, ich sage dir, es ist momentan dein höchstes Glück, daß du eigentlich nichts davor kannst! Für eine neue Jacke und Hosen habe ich mir natürlich allem andern voran die Unverantwortlichkeit beim Schneider bei der lieben Verwandtschaft ausbedungen. Daß wir einen Brunnen im Hofe haben und am Seifeverbrauch noch niemand Bankrott gemacht bat, ist mir ein Trost und dir eine unbeschreibliche Wohltat. Die Hände kannst du dir gleich auf der Stelle mal waschen, und – somit sei dein Eingang gesegnet, und über deinen Ausgang, später einmal, walte Gott! Sie, Bruseberger, brauche ich nicht weiter darauf aufmerksam zu machen, daß der letztere – den lieben Herrgott meine ich – bei seinem Regimente sich nur selten seiner selbst, sondern möglichst immer anderer bedient. Ans Herz will ich's Ihnen aber doch lieber noch mal legen, Bruseberger; und kommen Ideen in diesem Punkte zusammen, so ist mir eine Überfütterung mit irdischer Vorsorge immer lieber als das Gegenteil davon. Darum also, Bruseberger, bedienen Sie sich Ihrer Autorität, ob es im Zusammenhang der Dinge, wie Sie sagen, liegt oder nicht. Nach meiner Berechnung stecken immerdar mindestens zwei Dutzend abgefeimter Schlingel und Lümmel auch in dem tränenreichsten, verschüchtertsten, blödesten dummen Jungen; und was dieser hier vor uns bei besserer Pflege eigentlich hinter den Ohren hat, das wissen wir heute noch nicht und werden erst allmählich im Kleinverkehr mit ihm das Genauere erfahren. Aber Sie sind gottlob ein gebildeter Mensche, Bruseberger, und so entnehme ich mir hieraus die wenigste Beklemmung. – Hast du dir die Hände gewaschen, Thedor? Gut, schön; da, trockne sie dir an meiner Schürze, und nun komm die Treppe 'rauf und krame deine Bücher und sonstige Ausstattung und Bescherung ein. Die Karnickelschande verbitt ich mir übrigens im Oberstock. In einer halben Stunde will Doktor Drüding vorsprechen und nachsehen, wie du dich eingewöhnst. Er hat es uns versprochen, und was er an Verantwortlichkeit auf sich nehmen will als Obervormund, dazu soll er uns, dem Bruseberger und mir, herzlich willkommen sein.«

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