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Prinzessin Fisch

Wilhelm Raabe: Prinzessin Fisch - Kapitel 5
Quellenangabe
typenarrative
authorWilhelm Raabe
titlePrinzessin Fisch
publisherWestermann
seriesBraunschweiger Ausgabe
volumeBand 15
year1883
correctorJosef Muehlgassner
senderbruce.welch@gmx.de
created20130724
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Viertes Kapitel

Der Mensch mag – nach den Anschauungen und Begriffen der Zunächst-Beteiligten – noch so sehr zu spät im Jahre in die Welt gesetzt worden sein, er ist dann doch einmal vorhanden und hat sein bestimmtes Teil Lasten und Erleichterungen hinzunehmen. Und wenn er einen braven Historiographien findet – was freilich selbst den ganz zur richtigen Zeit und noch dazu zum Besten vieler anderer Geborenen nur sehr selten begegnet –, so weiß dieser immer ziemlich genau, wo er von dem Schatten und wo er von dem Licht in dieser Welt zu berichten hat.

In dieser Minute ist vom Licht zu singen und zu sagen.

»O, Herr Bruseberger!« schluchzte das Kind, an diesem Begräbnistage voll von Seligkeiten. Wie wenn die Tür einer Weihnachtsstube aufgeworfen wird, geschah es ihm; und alles Gute und Behagliche, was ihm das nachbarliche Buchbinderhaus bis jetzt, halb verstohlen und schlichweise, zum Trost und Unterschlupf hatte bieten können, drängte sich ihm in buntesten Bildern durch sein kleines Hirn und trieb ihm das Blut um das geschwollene Herz zusammen.

» Der Bruseberger sagt man!« brummte der Mann mit der grünen Wolljacke und der blauen Kattunkleisterschürze. »Habe noch nie in meinem Dasein von einem Herrn Bruseberger was gehört, außer aus dem Munde von solch einem inkalkulabeln Zaun- und Heckenfinken wie du da unten. Und nun marsch, hin zum Schubkarren. Zu einem Ent- und Beschluß muß am Ende jedes Konklave kommen, und so auch das in euerer Visitenstube. Ein bißchen schwer scheint es ihnen freilich zu werden, bis sie heraushaben, wie hoch du eigentlich an Atzungs- und sonstigen Pensionskosten anzuschlagen bist. Na, na, zieh nur nicht schon wieder ein Gesicht: wird die Meisterin Schubach Papst, so wird sie dich sicherlich nicht nach dem Taxat in der Verköstigung halten.«

Noch einen scheu-hoffnungsvollen Blick warf der arme Junge an der Nachbarplanke empor und dann einen hinter sich.

»Aber meine –«

»Karnickel!« schloß der Bruseberger energisch. »Dieses nennt man freilich auch auf dem Futterfelde und nicht bloß auf dem Felde der Wissenschaften eine I – deen – as – soziat – zion!«

Er rieb sich ein wenig bedenklich hinter den Ohren. »Hm, hm«, brummte er zweifelhaft, bis er auch in dieser Hinsicht sich beruhigend äußern konnte.

»Daß dir meine Ansichten und Sympathien in betreff dieses Geziefers unbekannt seien, kannst du nicht behaupten. Daß es aber für meinen Geschmack und die Wirtschaft einer ältern Witwe und eines alten Junggesellen ein ein bißchen recht produktives Haustier und Insekt ist, brauchst du wohl noch nicht genau in Rechenschaft zu nehmen. Also – na, meinetwegen! Im nächsten Jahre hast du sie ja doch schon um eine Siegel Sammlung oder eine Briefmarkendummheit oder ein wirkliches Käferkabinett verschachert und bist aus ihnen herausgewachsen. Seit wie vielen Menschenaltern klebe ich euch denn die Pappkästen mit Glasdeckeln für euere vergänglichen Liebhabereien zusammen, um dieses nicht zu wissen? Nun, für die nächste halbe Stunde sind alle Kaninchen der Welt für uns noch ungefangene Fische. Erst laß uns genau wissen, was der Schoß der Zeiten für dich selber birgt, mein Sohn. Bis dahin Geduld, Fassung und Vertrauen auf die Vorsehung, Mit Bildung wartet man alles ruhig ab. Das ist meine Meinung, sage diesmal ich und nicht die Mutter Schubach.«

Er duckte unter und verschwand hinter der Planke. Das Kind hatte wirklich noch länger als eine ein Jahrhundert lange halbe Stunde auf seinem Schubkarren zu sitzen, bis drinnen im Vaterhause sich sein Geschick für die nächsten Jahre entschieden hatte. Nach Ablauf dieser halben Stunde stand es dann aber auch in einer vollständig veränderten Welt. Das buntbewimpelte Schiff, welches diesen unmündigen Mr. Crusoe von seiner Insel aus seiner Vereinsamung abholen sollte, war in the offing erschienen und hatte sein Boot mit dem Bruseberger am Steuerruder an den Zauberstrand abgeschickt, um den kindlichen Träumer wieder »unter Menschen« zu bringen.

Sie waren an diesem Begräbnis-Nachmittags-Kaffeetische im Hause Rodburg allesamt herzlich froh über die Aussicht in der Verlegenheit, die sich ihnen vom Nachbarhause auf dem Kuhstiege her eröffnet hatte. Die Witwe Schubach war eine stadtbekannte, hoch respektable und respektierte Persönlichkeit, und noch stadtbekannter war der Bruseberger, ihr Altgesell und Geschäftsführer. Das war ein Mann, dem noch niemand in Ilmenthal ins Gesicht zu sagen gewagt hatte, daß er nicht nur von ihm, dem betreffenden Niemand persönlich, sondern auch von einer ganzen Menge seinesgleichen für einen ganz ausbündigen Narren mit sämtlichen Schrauben im Kopfe los und grade deshalb für eine wahrhaft unersetzliche und ergötzliche Zier der Stadt gehalten werde.

Eine Zier der Stadt war der Bruseberger unzweifelhaft. Von seinen übrigen Eigenschaften wird immer beiläufig die Rede sein dürfen; für seine Unschädlichkeit als unfreiwilliger Humorist und Komikus, vorzüglich in bezug auf den jüngsten Rodburg, lassen wir den Oberlehrer Dr. Drüding sofort eintreten. Das war ein gelehrter Mann und höchstens dann und wann ein freiwilliger Komiker und Humorist. Ilmenthal achtete ihn sehr; in seiner Stellung als Mitvormund war er, wie wir bereits wissen, auch zu der heutigen wichtigen Familienberatung zugezogen worden und äußerte sich folgendermaßen: »Ich würde mein eigen Kind, mein arm, verwaist, klein Florinchen, ohne das geringste Bedenken, ja sogar mit dem Gefühl vollkommener Beruhigung und Sicherheit diesem guten Mann zur Beaufsichtigung und Förderung auf ihrem Lebenswege anvertrauen. Ich kenne ihn persönlich genauer als wohl irgend jemand sonst hier im Kreise, selbstverständlich unsere vortreffliche Mutter Schubach ausgenommen. Er ist der einzige in der Stadt und vielleicht in ganz Deutschland, der ein Buch tadellos zu binden versteht. Ich wüßte nicht, daß er sich je, solange ich ihn kenne, verheftet hätte. Er ist ein äußerst geschickter, genauer, wohlmeinender Mensch. Daß er schief beschnitten hätte, dessen wüßte ich wenigstens mich nicht zu entsinnen. So meine ich, daß man ihm auch in andern Dingen alles ruhig anvertrauen kann und –«

»Und weiter brauchen Sie gar nichts über ihn zu sagen«, meinte die Witwe Schubach ein wenig empfindlich. »Denn am allerpersönlichsten kenne ich ihn freilich wohl unter hiesigen Anwesenden und am längsten auch. Und wenn ich noch etwas hinzusage, so ist es nur, weil es mich schon wurmen muß, wenn ihn mir einer auch nur von weitem anrührt. Gewiß ist er ein guter Buchbinder, und wie ich mich ohne ihn seit meines Mannes Tode durchgeschlagen hätte, das soll mir ein anderer sagen. Aber ist denn dieses wirklich diesmal die Hauptsache? Von seinem gelehrten Wurm haben Sie wohl bloß aus Bescheidenheit und Rücksichtnahme nicht reden wollen, Herr Oberlehrer? Aber dieses hätten sie dreist tun können und hätten mich nicht dadurch beleidiget. Diesen Wurm, den der Bruseberger im Kopfe hat, den könnte sich schon manch einer in Ilmenthal als Inquilinen in seinem Gehirne gefallen lassen. Und Herr Doktor Drüding, der uns gewiß in unserm Geschäfte kennengelernt hat, seit er hier in der Stadt und am Gymnasium ankam, weiß das recht gut, wenn er auch ein bißchen sachte drum herum schleicht. Es ist meine Idee nämlich, daß er ihn sonst gewißlich nicht als Pflegevater fürs Kind da draußen in Vorschlag gebracht hätte. Von uns selber hätten wir, der Bruseberger und ich, dies doch nur höchstens aus purer, reiner Barmherzigkeit getan und weil wir eben von unserm Fenster und Gartenzaun die Aussicht in den ehrlichen Rodburgschen Hofraum und Garten hatten – bitt um Entschuldigung! Wenn ihn eine von den lieben Damen doch jetzt noch lieber mit sich nehmen will, den armen Jungen meine ich, so will ich gewiß nicht hinderlich sein. Und wenn ihn die Herren Brüder besser bei sich in Hamburg oder Frankfurt untergebracht wissen, so sage ich nur dreimal: Schön! – Jede geschwisterliche Liebe muß da einem Dritten von Herzen willkommen sein, und höchstens will ich mir jetzt nur noch die Frage erlauben: Soll denn das junge Menschenkind, unsern verwaisten Thedor meine ich, nicht des Anstandes wegen jetzt endlich auch doch noch 'reingerufen werden, daß er wenigstens dem Ausgange des Handels zuhört, wenn er auch meinswegen keine gültige Stimme dabei abzugeben hat? Was mich anbetrifft, so höre ich von jetzt an auch nur still und mit allem zufrieden zu, und die Herrschaften können ruhig annehmen, sie hätten mich wie das Kind vor die Tür geschickt. Noch besser wär's vielleicht, die Herrschaften schickten bei Gelegenheit zu uns hinüber, wenn sie mit ihrer Beratung fertig sind, oder der Herr Doktor Drüding ist so gut und kommt mit dem Resultate herüber zu uns und läßt mich es wissen, ob Sie den Bruseberger und die Witwe Schubach bei dieser intimen Angelegenheit wirklich nötig haben. Dieses ist meine Meinung nämlich.«

Begütigend umringten sie rasch alle die brave, wenngleich momentan und wohl nicht ohne einige Gründe etwas »lebhafte« Nachbarin. Selbst die Damen in der Familie Rodburg, wie sehr sie auch innerlich die Nasen über die arrogante Person rümpfen mochten, taten ihr möglichstes, sie von der Tür zurückzuhalten. Oberlehrer Doktor Drüding, der sich am wenigsten irgendeiner rhetorischen Schuld gegen die gute Frau bewußt sein durfte und dem in der Tat auch etwas dran lag, daß der heimatlose Knabe nicht zu früh den unter ihm begonnenen Studien entrückt würde, nahm noch einmal das Wort, und das Resultat davon kennen wir schon. Das schon erwähnte, mit ihm, der Mutter Schubach und dem Bruseberger bemannte und vom Schiff »Neues Leben« abgeschickte Boot stieß ans Ufer und holte das für seine nächsten Angehörigen zu spät im Jahr geborene Kind ab von der Phantasie-Insel, die es bis jetzt ganz allein für sich innegehabt und doch närrischerweise immer nur in seinen Bilder- und Geschichtenbüchern gesucht hatte.

»O, laßt mich mit dem Bruseberger gehen! Jaja, – o, bitte, ich will so gern mit der Frau Schubach gehen!« rief der Knabe, verschüchtert zwischen Angst und Hoffnung seine Stimme in der Familienversammlung zuallerletzt abgebend.

»So wird es wohl so das beste sein!« meinte das Konklave der Erwachsenen, und der Vertrag mit dem Nachbarhause war ratifiziert.

Einige Tage später hatte sich die Verwandtschaft, die Brüder- und Schwesternschaft wieder nach allen Richtungen hin zerstreut. Der väterliche Nachlaß war so genau als möglich verteilt worden, und die Behörden hatten dafür mit gesorgt, daß auch der unmündige Erbberechtigte nicht zu kurz dabei kam und für den Verschollenen sein Pflichtteil auf dem Rathause deponiert wurde. Es wurde eine Auktion gehalten, bei welcher dieser jüngste Erbe vom Beginn bis zum Ende zugegen sein und die größesten, verwundetsten, ängstlichsten Augen darob machen durfte, wie die Welt im allgemeinen und die sehr lustigen und spaßhaften Leute und Ilmenthaler im einzelnen mit Sachen umgingen und umsprangen, die für ihn, den kleinen Theodor, eine über alle Vertraulichkeit hinausliegende ernste oder geheimnisvolle Bedeutung mit den dazugehörigen Stimmungen in sich getragen hatten.

Auch das Haus, der Hof und Garten am Kuhstiege kamen unter den Hammer. Einige Zeit schwankte der Hamburger Bruder, ob er nicht doch das höchste Gebot auf das alte Familienanwesen der Rodburgs wagen solle. Als findiger Mann hatte er seit einiger Zeit und vorzüglich während dieses seines jetzigen Aufenthalts in seiner Geburtsstadt herausgefunden, daß dieselbe unzweifelhaft eine »Zukunft« habe. Die ersten leisen Wellen der kommenden lukrativen Flut von Sommerfrischlingen fingen eben an, an den stillen Strand zu spülen. Als ein spekulativer, mit seiner Zeit lebender Kopf sog der Hamburger die so sehr gesunde Luft des lieblichen Tals mit tiefem Nachdenken ein und betrachtete die landschaftlichen Reize der Heimat mit unzweifelhaftem Geschäftssinn. Leider jedoch steckte er an der Elbe zu tief drin und war also nicht imstande, sich auf diese gewiß beachtenswerten Verhältnisse tiefer einzulassen.

Das Vaterhaus kam in fremde Hände und der jüngste Rodburg ebenfalls. Das Schicksal macht da keinen Unterschied zwischen Sachen und Menschen. Es gibt sie hin und her, und ob bei den Verhandlungen über sie gelacht oder geweint wird, scheint ihm grenzenlos gleichgültig zu sein. Wir – wir können auch nur so ruhig als möglich erzählen, wie es beiden, dem Hause und dem Kinde, weiter erging auf dem Markt, – soweit nämlich dieses Buch, das wirklich nur bis zu einer Türschwelle geht, hinreicht.

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