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Prinzessin Fisch

Wilhelm Raabe: Prinzessin Fisch - Kapitel 4
Quellenangabe
typenarrative
authorWilhelm Raabe
titlePrinzessin Fisch
publisherWestermann
seriesBraunschweiger Ausgabe
volumeBand 15
year1883
correctorJosef Muehlgassner
senderbruce.welch@gmx.de
created20130724
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Drittes Kapitel

Es war in der Tat an jenem Tage ein recht schönes Wetter draußen und der Aufenthalt in dem Garten dem im Hause bei weitem vorzuziehen. Die Verwilderung, der Wust und die Verwahrlosung war zwar in beiden von den Töchtern für eine Sünde und Schande erklärt und von beiden Orten aus als in gleicher Weise zum Himmel schreiend; aber ein Unterschied war doch vorhanden. Es ist wahrlich auch in diesem Falle nicht dasselbige, wenn zwei dasselbe tun, und ein Ackerfeld, eine Wiese oder gar ein Garten wird zu einem ganz andern Dinge als ein Haus, um dessen Ordnung und Instandhaltung der Inhaber Jahre hindurch sich nicht kümmern mochte.

Wenn das Pflaster des Hofes, auf den man von den Stufen der Hintertür des Hauses trat, vom Gras ziemlich überwuchert war, so war jenseits des niederen, zerfallenden Gitters, welches den Hof vom Garten abschloß, alles ins Kraut geschossen: Unkraut, Blumen und Gemüse. Die Bäume und Sträucher hatte gleichfalls niemand in der Zucht unter dem Messer und der Schere gehalten. So hatten sie es gut gehabt, ihrer Freiheit wahrgenommen, sich gereckt und gedehnt, sich über die Wege und Beete hin ausgebreitet und es gern mit in den Kauf genommen, daß alles Geziefer an Wurzel, Rinde, Blatt und Gezweig an ihnen ebenfalls unverstört in seiner Lust am Dasein vom sonst in dieser Hinsicht nur sich allein berücksichtigenden Menschen im Frieden gelassen worden war. Ein wenig zu schattig und feucht war es wohl auf dem nicht allzu großen, von Stallwänden, der Gartenplanke und der Hausmauer der Nachbarin Schubach begrenzten Erdflecke geworden; aber ganz wächst der Himmel doch nie zu, und die Sonne findet immer noch einen Schlupfweg auch in die allerdichteste Blätterwildnis hinein. Mit dem Hause des eben verstorbenen Notars Dr. juris Rodburg ließ sich der Garten desselben auch in dieser Beziehung gar nicht in Vergleichung bringen, und für ein sich selber überlassenes Kind gab es kaum einen geeigneteren Raum, um auf die unschädlichste Weise darin ganz mit zu verwildern, als diese grüne »Wüstenei«.

Die Gelegenheit war freilich grade heute günstiger denn je dazu da!

Auf einem umgestülpten Schubkarren, von dem das Rad schon seit Jahren sich unter einen andern Busch verloren hatte, saß denn also an diesem Sommernachmittag und Begräbnistage der Junge, so zwischen fünf und sechs Uhr, in seinem Garten, das große Stück Kuchen, das man ihm zur »bessern Unterhaltung« aus der besten Stube noch mitgegeben hatte, auf dem Knie. Gespielt, wie man ihm gleichfalls angeraten, hatte er bis jetzt noch nicht. Er fühlte sich (wir haben keinen andern Ausdruck) zu voll dazu, körperlich wie geistig; und auch nur die Rosinen waren bis jetzt aus dem heute so sehr im Überfluß vorhandenen Gebäck herausgepflückt. Wir haben es schon gesagt: es war ein treffliches Mittagsessen gewesen. Sowohl Schwester Martha wie Schwester Lotte verstanden es, bei außergewöhnlichen, feierlichen Gelegenheiten auch von der Küche aus die dazugehörigen Stimmungen zu erwecken und zu erhalten. Man hatte lange bei Tisch gesessen, und »unser Theodor« hatte von allem abgekriegt, bis er nicht mehr konnte. Satt bis zum Äußersten saß das Kind auf seinem Schubkarren, und es hatte wirklich Kummer – wirkliche Sorge und wirklichen Kummer zu seinem Gefühl des Übergesättigtseins.

Daß der Mensch auf vieles um sich her in gewissen Momenten achtgibt, wird ihm lange vor den ersten Hosen von der Natur angezogen; daß ihm seine Stellung zum Leben der andern ganz klarwerde, kann man von ihm auch in einer etwas spätem Epoche noch nicht verlangen. Es ist viel leichter, auf alles um sich als auf das Geringste in sich zu achten und sich dabei nicht zu irren. Mehrere Philosophen meinen sogar, das letztere sei noch niemand gelungen.

Durch die Seele des übergessenen Jungen ging an diesem schönen Nachmittag ein Grundgefühl von Zurücksetzung und von Überflüssigsein in der Welt und selbstverständlich dazu allerlei Geschichten von satt oder hungrig aus ähnlichen Stimmungen heraus durchgegangenen Jungen, unter welchen ein gewisser Bruder Alexander nicht die kleinste Rolle spielte. Dazu alle die Abenteuer – Robinson-Crusoe-Geschichten, Eroberung-von-Mexiko-Historien welche die Natur eigens für den Zweck erfunden zu haben scheint, den Menschen so früh als möglich aus dem Neste und ins Weite zu locken!

O, sie ist schlau, die alte Mama, die keinen verläßt! In der Gestalt einer tönernen Ente, in welcher sechs Groschen Taschengeld klapperten, sorgte sie im vorliegenden Falle ausgiebigst für das, was in pekuniärer Hinsicht nun doch einmal zu jedem Flügel- und Segelausbreiten zu Lande und zu Wasser gehört! Aber sie ist auch sittlich, die alte Mama! Auch für das Ethische sorgte sie im gegenwärtigen Falle, wie es sich gehörte. Wehmut, Bangigkeit und vorweggefühltes Heimweh wünscht sie dem verwegensten Abenteurer mit auf den Weg zu geben, und diesmal tat sie es durch den gleich allem übrigen zum Hause Rodburg gehörigen, sehr verfallenen Ziegenstall und eine an Stelle der eigentlichen Bewohnerin drin sich aufhaltende, ungemein fruchtbare Kaninchenherde.

»Es wird sich keiner um sie kümmern, wenn ich weg bin«, schluchzte der arme kleine Held auf dem radlosen Schubkarren. »Im Stall müssen sie verhungern ohne mich, und zu Pferde kann ich sie nicht mitnehmen. Aufs Schiff könnte ich wohl den schwarzen Bock und die weiße Zippe mitbringen, und nachher auf meiner Insel wollte ich schon bald wieder ein paar Dutzend zusammenhaben, wenn wir nicht verschlagen würden und zu große Hungersnot erlitten. Und dann hätte ich doch auch gleich wen zur Gesellschaft auf meiner Insel und brauchte nicht ohne wen solange erst in meiner Höhle auf meine Lamas und meinen Papagei zu warten! ... Den anderen, die ich nicht mit aufs Schiff nehme, brauche ich ja nur die Stalltür offenzulassen. Fürs erste haben sie ja noch den ganzen Garten zum Abfressen, und nachher wühlen sie sich ein und unter den Mauern und Zäunen durch, und das rote Paar habe ich ja so schon Fritzchen Wackenstein für seine Knallbüchse versprochen. Und die Knallbüchse muß ich doch auch erst fest haben, ehe ich am Sonnabend, wo wir den Nachmittag keine Schule haben und den ganzen Sonntag ja auch nicht, zuerst wohl am besten nach Amerika gehe wie mein Bruder Alex und dann erst unterwegs verschlagen werde und Schiffbruch erleide und ans Land geworfen werde! Den Bock und die Zippe kann ich ja vorher, weil ich es jetzt doch schon besser weiß, was kommt, wie Robinson, unter den Arm nehmen, ehe das Schiff in Studie geht und alle übrigen im Meere ertrinken und nur wir drei dann allein übrigbleiben auf der Insel, weil – hier zu Hause doch keiner was nach mir fragt und selbst Schwester Agnes nicht, weil sie jetzt selbst schon ein kleines Mädchen hat, und weil der Papa wirklich tot ist und unser Haus doch am besten so bald als möglich verkauft wird, wenn man nur erst weiß, was mit mir zu meinem Besten angefangen wird und wer mich hinnimmt und für meine Erziehung sorgt und ›wie wir uns in die Kosten davon teilen‹« ...

Es ist ein Trost: es hätte auch ein verzogener Königssohn so sitzen und in das nämliche Schluchzen verfallen können wie dies arme, vernachlässigte, zu spät im Jahre im Kreise seiner Familie angekommene Kind. Und ein zweiter, wenngleich weniger naiv-unschuldiger Trost ist, daß oft nicht jedem in Hülle und Fülle, in Liebe und Zärtlichkeit aufwachsenden glücklicheren Menschenwesen die rettende und beruhigende Hand dann so nahe ist wie hier dem kleinen Narren des Glücks auf dem umgestülpten radlosen Schubkarren vor seinem Kaninchenstall.

Über die Planke der Nachbarin Schubach kam die Stimme von oben, welche diesmal zur rechten Zeit in den Jammer hineinsprach und wieder einmal die Dinge in der Welt wenigstens fürs erste aufs beste zurechtrückte.

»Pst, Thedor! ... Hier mal heran an den Zaun! Jetzo hab ich das Elend zuletzt doch lange genug und bis zum Übelwerden aus der Ferne beobachtet. Hier heran – so nahe als möglich und – nur auf ein paar Worte in der Miserie, mein filius.«

In seiner »Miserie« fuhr der filius des Brusebergers zuerst mit dem Jackenärmel über die heißen verschwollenen Augen; dann richtete er sich wohl mit einem schweren Seufzer empor, aber war noch lange nicht imstande, auf den mitleidigen Anruf aus der Nachbarschaft eine Antwort zu geben.

»Natürlich, die Ohren voll bis zum Rande von Familien-Vergnügungskleister!« brummte es über den Zaun. »Ich bin es immer noch, mein Sohn, und nun betrage auch du dich hübsch als der gute Kerl, als welchen ich dich im ganzen kenne, und vor allem als eine Kreatur mit Leben in den Beinen. Komm hier näher 'ran und laß zwei Worte mit dir reden. Na, sieh mal, wer so mit so 'nem Mauerstein aus Schlaraffenland auf der Faust, so den Hals voll Zuckerkuchen zu seinem Tröster in der Not heranschleicht, mit dem kann es doch noch nicht zum Allerschlimmsten stehen. Guten Abend, Nachbar!«

»Guten A – bend – Herr – Bruseberger.«

Ein langer hagerer Arm in einem grünen Wollkamisolärmel reckte sich über die Planke, langte tief hinunterwärts und griff, wenn auch wohlwollend, so doch ziemlich fest in den ungepflegten Haarbusch des Kindes; und der Bruseberger sprach weiter:

»Bald eine halbe Stunde habe ich dich mir da auf deinem Karren schon von der Werkstatt aus betrachtet und Zschokkes Stunden der Andacht dabei geheftet. Dieses ist nun besorgt, und jetzo komme ich im Zusammenhange der Dinge und der Wissenschaften zu dir. Der Mensch hat wieder einmal Zeit für sich und einen andern zu einem vernünftigen Diskurs über den Gartenzaun. Nun tu mir aber auch den Gefallen und wisch dir die Augen aus. Zwinge dir meinetwegen noch den Rest von euerm heutigen Trauermahl mit Gottes Hülfe ein, daß doch endlich ein Ende davon wird; knöpfe sodann als ein Abspringling und alter Römer von gebildetem, edlem Herkommen die Ohren auf und nimm an, der weise Sokrates und der Prediger Salomo hätten dich speziell ganz allein heute abend im Auge, wenn es dir möglich ist. Und möglich ist einem Menschen mit Bildung alles!«

»Mein Papa –«

»Weiß ich! ... Bin auch mit dabeigewesen. Ganz hinten im Gefolge unter den Nachbarn. Ja leider, so haben wir denn heute morgen im ganz natürlichen Zusammenhang der Dinge den alten – Herrn zu seiner ewigen Ruhestatt hingeleitet, und ich will es dir deshalb auch gar nicht verargen, wenn du dieserhalb noch um ein paar Grade verbiesterter aussiehst, Theodor. Aber jetzt blättre um; tu mir den Gefallen! Wie gesagt, Bildung hilft über alles weg, und auch hier über den Zaun würde ich entweder gar nicht oder aber ganz anders mit dir konvenieren, wenn ich dich nicht von jeher als ein Mensch von Kultur, der zwischen den Druckbogen gelesen hat, betrachtet hätte. Also – nun pro primo – also durchgehen wolltest du uns, und zwar so bald als möglich und möglichst schon am ersten freien Schulnachmittage – he? was?«

Das Kind starrte mit solchem Ausdruck erschreckten Erstaunens in das bartlose, auch sonst merkwürdig glatte und nur augenblicklich ganz kurios verkniffene Buchbinderaltgesellengesicht über ihm, daß trotz aller philosophischen Selbstbeherrschung und allen tiefsten Einblicken in das Verhältnis von Ursache und Wirkung sich ein Grinsen befriedigtsten Selbstbewußtseins über ebendies Gesicht ausbreitete.

»He?! Nicht wahr, hat er dich da, der Bruseberger? Willst mir doch nicht etwa sagen, daß du nichts davon gesagt hast? Nun natürlich! Jaja, und was du in dir gedacht hattest, wußtest du ebenso natürlich augenblicklich nicht mehr und eher wieder, bis ein anderer kam und dir half, deine merkabeln Gedanken verblustert in dir zusammenzusuchen. Hast du sie jetzo wieder beieinander? Na, dann tu mir auch den Gefallen und versuche es nicht, mir noch was vorlügen zu wollen. Siehst du, dieses nennt man eben wirkliche Menschenerfahrung in Verbindung mit nachbarschaftlicher Anteilnahme am Hause nebenan seit einem halben Menschenalter und mehr – ungefähr! Also leugne nicht länger. Dazu hast du, seit du kriechen kannst, zu manche liebe Stunde angenehm, aber unnütz an meinem Ellenbogen in der Werkstatt der Mutter Schubach vertrödelt, als daß ich es nicht ziemlich genau wissen sollte, wie es in so 'nem Dummenjungenkopfe zugeht, wenn's ihm einmal übel zumute ist und ihm niemand den Kopf hält. Hättest dich mit deinen Karnickeln wohl schon ganz gemütlich irgendwo in der Einöde und der Phantasie eingerichtet?«

Immer schreckhafter sperrte der ertappte junge Vagabund und Abenteurer den Mund auf; immer vergnüglicher zog der Bruseberger den seinigen auseinander.

»Siehst du, Kind, jetzt gibst du schon klein bei! He, he, he, das imponiert dir beinahe ebenso arg wie deinem Musjeh Robinson das Feuermachen bei seinem frisch gefangenen schwarzen Menschenfresser und nachherigen Freund Freitag. Na, dich hab ich mir wahrhaftig nicht frisch gefangen! Ja, gib nur die Konkurrenz im Maulaufreißen auf; und jetzo – ein Wort im wirklichen Ernste, nämlich das, was ich dir hier eben über die Planke mitzuteilen habe. Wahrscheinlich nämlich hast du in diesem Momente deine reelle, echte, angeborene wüste Insel, euern liederlichen Garten, Stall- und Hausverfall schon hinter dir und bist, sozusagen, von neuem unter Menschen, ohne daß du's weißt, und diese deine kuriose Zeit in der Phantasie und Einbildung ist jetzt vielleicht für alle Zeit abgetan. Sie haben sie kommen lassen, nämlich, sie haben sie vor einer halben Stunde zu sich gebeten und sind jetzt grade in der Verhandlung mit ihr. Und wenn nicht alles gradewegs konträr gegen alles was ich mir denke, ausschlägt, so richte dich nur auf eine kleine Veränderung in deinem Zustande ein. Ob zum Angenehmem, kommt auf dich an. Kommen sie mit ihr über die Kosten zurechte, so hat sie, die Meisterin Schubach, dich gradeso fest als greulicher Tyrann und absoluter Monarche ohne Widerrede, als wie sie mich hat, und nachher wird's ja wohl denn auch grade wie bei mir so bei dir darauf hinauslaufen, ob du ihr in ihren gemütlichen Intervallungen, wenn sie grade nicht zu steif auf ihrem Kopfe steht, durch deinen Verstand und höhere Bildung imponierst oder sie dir durch das was sie ihre fünf gesunden Sinne nennt, wogegen denn freilich kein Philosoph, Professor, Doktor und sonstiger Gelehrter aufbocken kann.«

»Tjui, hu, uh, huh, huh!« heulte der Beherrscher von Juan Fernandez, Tinian, der Insel Felsenburg und aller möglichen andern Inseln unter der Gartenplanke der Mutter Schubach dergestalt los, daß der Bruseberger, jetzt seinerseits erschrocken, beide Arme in die Luft erhob ob dieses Getöses, welches er selber doch durch seine »exquisite« Redekunst hervorgerufen hatte.

»Herrjeses noch mal!« stammelte er, beschwichtigend nach Möglichkeit. »Ist denn dieses ein Grund, sich aus hellem, blauem Himmel den Hals abzuschreien? In stille Freudentränen höchstens, denke ich, brichst du mir aus, und jetzo brüllt die Kreatur, als ob sie wie Joseph nach Ägypten in die Sklaverei verkauft werden sollte! ... Narr, in Kost und Wohnung sollst du von deinen zärtlichen Angehörigen bei der Witwe Schubach gegeben werden, und wenn du mich dann als deinen König Pharao ästimieren willst, so will ich dir da auch nichts in den Weg legen. Deine Gymnasiumszeit sollst du nämlich unter meiner Obhut und Beaufsichtigung vollenden, und schickt sich alles ineinander, so kriegst du die kleine Stube neben der Werkstatt und behältst somit bei deinen Studien die Aussicht in dein früheres väterliches Reich, wer auch im Aufstreich den Zuschlag bekommen mag. Und Obervormund, vorzüglich im Lateinischen und Griechischen, von welchen ich weniger verstehe, wird Doktor Drüding, den sie, weißt du, eben ebenfalls bei der Verhandlung bei euch haben. Daß euer Haus und Hof verkauft wird, das liegt im Zusammenhang der Dinge. Das ändere ich nicht und halte es außerdem gleichfalls für das vernünftigste. Was sollte euere Familie damit, wo sich so viele betrübte Erben fröhlich um die Nachlassenschaft reißen und keiner dem andern einen größern Fetzen als wie sich selber gönnt? Sei du froh, daß du demnächst hoffentlich ganz von oben auf die verlorene Herrlichkeit heruntergucken kannst! Und nun noch mal in Ermangelung eines Sacktuchs mit dem Ärmel über die Augen als ein zivilisierter Knabe und dann marsch mit dir zurück auf deinen Schubkarren! Setze dich gefälligst und denke still nach über das, was ich dir soeben eröffnet habe. Sobald die Meisterin von euch nach Hause kommt, endet sich auf die eine oder die andere Art das Punktum unter diese Trauerkomödie. Meine persönliche Ansicht ist, daß wir die Last schon ziemlich sicher auf dem Halse haben und daß es am Ende bloß noch auf deine Kundgebung ankommen wird, ob dir die Situation konvenieren kann oder nicht. Mehr Kuchen fräße ich heute aber lieber doch nicht mehr in mich herein, Thedorchen! So'n Leichendelikatessengefühl kenne ich noch zuletzt vom seligen Meister Schubach seinem Begängnis her. 's ist immerhin ein bißchen unheimlich, selbst bei der allerschönsten Verdauung; und einem ordentlichen Menschen passiert bei derlei Gelegenheiten so schon, aufwärts und niederwärts, alles ziemlich schwierig die Kehle. Freilich hier ist einer von den Punkten, wo es die Bildung allein nicht tut, sondern – oft – sogar im Gegenteil.«

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